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Herausgeber: Konrad Gerescher, Szeged/Kömpöc, Tel.: +36 20 5695517, E-mail: konrad@jgytf.u-szeged.hu
Redaktor: Szabó Jenõ      E-mail: szjeno9@freemail.hu
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BATSCHKAER AHNENSPIEGEL
(erschienen als Buch Jan. 2004 mit Unterstützung des Amtes für Nationale und Ethnische Minderheiten Ungarns)

T E I L III
L E B E N S A R T

1 GOTT UND WELTANSCHAUUNG
Zur Zeit der Ansiedelung im Südosten gehörten Glauben und Kirche zu den Eckpfeilern des Lebens unserer Menschen. Alles Tun und Lassen wurde von einem Schutzschirm überspannt, der Gottesfurcht hieß. Der Schirm schützte allerdings nur dann, wenn er immer wieder, von jeder Generation aufs Neue und von jeder Familie bei ihrer Gründung neu anerkannt und gefestigt wurde. Er schützte aber auch nur so lange, wie sich jemand wissend unter ihm befand, und sein Schutz wurde umso schwächer, je weiter sich jemand – wiederum nur wissentlich – von ihm entfernte. Gut waren die Beschützten, böse die Unbeschützten. Und die überwiegende Mehrheit fühlte sich beschützt! Auf dieser Mehrheit fußen die folgenden Erkenntnisse des ersten Abschnitts, die zum größten Teil aus einer lebenslangen Selbsterfahrung stammen und daher subjektiv aufzufassen sind.

1.1 Schöpfung
Erschaffung des Menschen: Wir Christen sind, gemäß unserer Religion, vom Herrgott persönlich erschaffen, durch Jesus von der Erbsünde befreit worden und durch den Glauben, leichter als andere Menschen, nach dem Tode für das ewige Leben bestimmt. Die meisten unserer Vorfahren haben das buchstabengetreu so verstanden, wie es in der Heiligen Schrift steht. Schon beim Kleinkind gab man daheim Acht, daß alles so eingerichtet ist, wie es dem Herrgott und dem Pfarrer - seinem örtlichen Stellvertreter - recht war: Das Kleine ist nach der Geburt gleich von der Hebamme mit Weihwasser bekreuzigt und so schnell wie möglich getauft worden, weil ihm nur so, als Christen, das Himmelreich von Anfang an sicher war. Noch vor jeder körperlichen Untersuchung auf allerlei Kindbett-Krankheiten ist etwas für sein Seelenheil gemacht worden. Man kann also sagen, daß unser Leben und Herkommen mehr als himmlische denn als eine weltliche Sache galt. Und wenn man noch die Redeweise nimt, dernach die Kleinkinder vom Storch aus dem himmlischen Milchbrunnen gebracht werden, dann hat unser Lebenslicht von Anfang an nur aus einem Himmelsstrahl bestehen können.

1.2 Erde und Himmel
Das wussten wir von Anfang an, daß die Menschen, Tiere, Vögel und alli kleinsten und unsichtbarsten Lebewesen auf einer Erdkugel leben, von welcher sie wegen der Anziehungskraft niemals weg können. Ferner wusste man auch, daß unsere Erdkugel von allen Seiten durch den Himmel eingekreist ist, in welchem irgendwo weit oben, in einem noch höheren Kreis der Herrgott und seine Heiligen und Engel leben. Bis in kleinste Einzelheiten hat man den Himmelsbau fast in jeder Bilderbibel aber auch in vielen Kirchen über dem Hauptaltar in Natura sehen können. Daß diese Bilder und Aufbauten auch nur von einer Künstler-Fantasie stammen könnten, haben wir nicht bedacht. Himmel und Erde gehörten für uns zu Hauptteilen der Schöpfung und waren so angelegt, daß uns alle himmlischen Heerschaaren von allen Seiten jederzeit sehen konnten.

Einfluss auf unser Leben hatten aber nur die persönlichen Schutzengel. Sie waren von unserer Geburt an, bis zu unserem letzten Ende für uns dem Herrgott verantwortlich. Andere Heilige konnten wir als Schutzpatrone zusätzlich anrufen. Sie sind nur pauschal und nicht so verbindlich für uns verantwortlich gewesen; und wenn sie mal nicht helfen konnten, dann war man ihnen nicht böse. Der deutliche Unterschied zwischen Schutzengeln und Schutzpatronen war, daß die einen immer bei uns in der Nähe waren, die anderen ständig umhergeschwebt sind, weil sie noch zu vielen anderen Menschen gerufen wurden. Zudem waren die ersteren reine Himmelsgeister, die anderen hatten einen irdischen Ursprung, der im Legendarium genau und beispielhaft aufgeschrieben war.

Die Engel spürte man manchmal neben sich, die Heiligen nicht, aber nachahmen konnte man nur die Letzteren, wenn man auch einmal zu ihnen in den Himmel kommen wollte. In etwa so sahen und spürten wir die Wichtigkeit unserer himmlischen Beschützer: Das Kruzifix, ein Jesusbild und eines der Hl. Maria waren von ihren auffälligen Plätzen an der Wand für das Heil der ganzen Familie zuständig; der Schutzengel hat als großes, schönes aber eher geschlechtsloses Wesen mit Flügeln über dem Kinderbett gehangen und führte zwei Kleinkinder über die Lebensbrücke; danach kam die Hl. Familie mit Maria, Josef und Jesulein über dem elterlichen Doppelbett; das Weihwasserkesselchen neben der Eingangstüre, der Hl. Antoni in der Hinterküche, und dann die verschiedenen Schutzpatrone, wie Florian gegen Feuer, Christophorus gegen Hochwasser, die Vierzehn Nothelfer gegen alle Plagen - sie hingen in großen Gängen bei den Reichen oder standen auf der Gasse und vor der Kirche als Kalkfiguren für alle Gläubigen.

1.3 Glauben und Astronomie
Unter dem vorbeschriebenen Gesichtspunkt war unser Leben und die ganze Schöpfungsgeschichte deshalb so angelegt, weil wir nur so einen wichtigen Platz im Weltall einnehmen konnten. Ohne die gläubigen Besonderheiten wära unsere Erde vielleicht schneller von der Unterwelt in den finsteren Abgrund hinunter gezogen worden. Alles was aus dem Weltall hell auf uns schien, gehörte zum Himmel, das andere, düstere dahinter und darunter war ein Teil von der Hölle. Am wohlsten und sichersten fühlten wir uns unter einem sonnenhellen und sternklaren Himmel. Schon bei rötlichen, westlichen Wolken nach Sonnenuntergang rätselten wir, was sie wohl an schlimmen Überraschungen anderntags bringen könnten. Den Morgen- und Abendstern liebten wir regelrecht, ebenso den Bethlehemstern oder Komet, der immer was Gutes verhieß.

Von den Strenzeichen kannten wir, neben den sichtbaren Planeten, nur jene, die volkstümliche Namen hatten: den großen und kleinen Wagen, den Himmelsjäger-Orion, die Schlange, den Wahlfisch, Fuhrmann, Drachen, die zwölf Monatszeichen und ein-zwei auffällige große Fixsterne. An den armen Mann im Mond mussten wir bei jedem Vollmond denken, wie er in alle Ewigkeit sein Holzbündel tragen muss, wer weiß für welche Strafverbüßung. Die Milchstraße war eine himmlische Nachlässigkeit, die davon kam, daß beim Ausfahren und Verteilen der Sterne über den ganzen Himmel etliche Tausend vom Wagen fielen und auf der Straße verstreut wurden. Je nachdem, welche Jahreszeit es war, suchte man nach dem eigenen Geburtszeichen: nach dem Widder, Löwen, Steinbock, Schützen oder Fisch, usw; und man liebte natürlich seinen eigenen am meisten und kannte ihn auch am besten, während einem die Sternzeichen anderer Menschen egal waren und nicht zu mühseligem Suchen lockten. Sonne- und Mondfinsternis waren Zeichen schlimmer Schicksale für alle die, welche sie sahen. Wollte man einem solchen Schicksal zuvorkommen, dann durfte man sie nur durch ein engmaschiges Sieb schauen und sah über ihnen viele christliche Kreuze, die einem beschützten.

1.4 Das Wetter - Lohn oder Strafe
Sonnenschein, Regen, Sturm und alle anderen Wetterarten waren Geschenke oder Strafen des Himmels für ein gesegnetes oder sündiges Leben vieler - bei großflächigem - und weniger Menschen - bei kleinflächigem Unwetter. Weil nie ein Wetter so war, wie es gerade alle gebraucht hätten, hat es immer was zu murren gegeben. Der Bauer hätte zu gewissen Zeiten mehr vom Regen gebraucht, der Kleinhäusler hätte ganz darauf verzichten können. Wenn es einmal selbst dem Bauern zu viel wurde, hat man auf alle Fälle zum Petrus um Einsicht beten müssen. Bei zu wenig für ein gutes Wachstum der Brotfrucht, musste schon mal eine ganze Prozession bemüht werden. Es schadete aber auch nicht, wenn sich regelmäßig an Fronleichnam die ganze Gemeinde für richtiges Wetter bei den Heiligen einsetzte.

Wie das Wetter wirklich von der Natur geschaffen wurde, wussten wir nicht genau. Es war im großen-ganzen ein über- oder unterirdisches Geheimnis, woher und warum es mal so oder anders daherkam. Weil vom Regenwasser die Blumen und das ganze Feldgewächs gediehen und ohne Feuchtigkeit verdorrten, hat man den Zusammenhang von dem Naturelement und dem irdischen Leben gleich erraten. Ebenso war es auch mit den anderen Elementen, die alle für etwas gut waren und zusammengehörten: Der Blitz zum Feuer, das Licht zum Morgen, der Hagel zum Eis, der Schnee zur Decke für die Wintersaat.

In Donaunähe hat es öfter und mehr geregnet, als im Ödland und der Puszta, deswegen beschäftigte man sich dort mehr mit diesem Element. Obwohl es genügend Wasserdämme gab, stand das Hochwasser jedes Frühjahr meterhoch in allen tieferen Lagen. Da hat dann keiner mit einem Gebet, sondern alle mit Grabschaufeln um Abhilfe suchen müssen. Die Arbeit war dann oft stärker als der Glaube - oder Aberglaube -, weil auf sie immer verlass war. Mit ihrer Hilfe hilten wir fast alle Naturkräfte im Zaum: Mit Gräben und Kanälen das Hochwasser, mit dicken Hauswänden die Sommerhitze und Winterkälte und mit Baumschonungen die Sturmwinde. Nur beim Entstehen der Naturkräfte hat das Beten vielleicht mehr geholfen. So kann man sagen, daß Arbeit und Gebet fast zu gleich wichtigen Teilen unser Verhältnis zur unverständlichen Natur beeinflussten.

1.5 Kathechismus und Heilige Schrift
Die wichtigste Frage im wichtigsten Elementarbuch der 1. Schulklasse hat man, ebenso wie vieles andere, auswendig lernen müssen; und sie hieß mit der Antwort: Wozu sind wir auf der Welt? Wir sind auf der Welt, um Gott zu erkennen, ihn lieben, ihm dienen und dadurch seelig werden, amen... Wer ist Gott? Gott ist der Herr der Welt und unser himmlischer Vater. Der Dorfpfarrer nahm seine Religionsstunde sehr genau. Aus seinem Lehrbuch brachte er uns die wichtigsten Gebete, die Zehn Gebote, sieben Sakramenten, vierzehn Kreuzigungsstationen und das Glaubensbekenntnis bei, so streng und genau, daß wir es uns ein Leben lang merkten. Aus der Alten und Neuen Schrift mussten wir das wissen, was Zucht und Ordnung im Dorf und in der Familie stärkten; z. B. hat man nur das von Noah gelernt, was er vor der Sintflut zur Rettung der Menschheit unternahm und jenes nicht, was seine Töchter mit ihm zur neuerlichen Vermehrung der Menschen taten, als sie nach der Flut trockenen Boden unter den Füßen hatten. Das wunderliche Leben der Propheten war nur dann wichtig, wenn es fromm war und nicht, wenn sie anderen Menschen Weh taten.

Mit den Juden war es genau umgekehrt. Sie hatten sich schon lange vor dem Neuen Testament unbeliebt gemacht, und als sie dann Jesus kreuzigten, war das leicht zu verstehen und in alle Ewigkeit zu verdammen. Seltenwo gab es daher einen Umgang mit Judennachbarn und -spielkameraden, die man so behandelte wie seinesgleichen. Der Kathechismus war die Schulbibel und das wichtigste Kinderbuch im Alter, als man nicht nur lesen lernte. Was in ihm stand war ebenso wichtig und heilig, wie jenes was uns die Zehn Gebote lehrten. Nicht vergeblich lernte man zu allen Fragen auch die Antworten auswendig.

Eine Heilige Schrift für die Erwachsenen gab es in jedem Haus. Sie war ein Familienbuch in Gotik oder schon Latein, hatte festen Karton- oder Ledereinband und war voll mit Bildern. Was in ihr stand war mindestens so wichtig, wie die dörflichen oder staatlichen Gesetze. Dennoch ist sie nur von den Belesenen mindestens einmal ganz durchgelesen worden. Die Mehrheit unserer Menschen hat sich nur mal mit den Kindern die Bilder angeschaut. Deshalb empfand man auch alle Sprüche der Bergpredigt und Jesuwunder, wenn man sie in der Kirche hörte, selten als große und neue Dinge, sondern so, als ob sie gestern passiert wären. Der Liegeplatz für die Bibel war in der Vorder- oder Paradestube, dort auf der Kommode, wo das Kruzifix, Herzjesu- und Herzmaria-Bild standen. Ganz alte und mehrmals vererbte Bibeln hat man, damit ihre goldene Aufschrift nicht kaput geht, in der Familientruhe aufgehoben. Wenn ein Mädchen heiratete und was aus der Truhe mitnehmen durfte, z.B. einen Familienschmuck oder seltenen Spitzenrock, dann gab man ihm auch die Bibel mit. Das Heilige Buch allein ist nicht verschenkt oder vererbt worden, weil das nicht feierlich genug war.

Sonstige Hausbücher: Gleich nach der Bibel galten als wichtigste Hausbücher das kirchliche Gebet- und Gesangbuch und der Hauskalender. Aus dem einen hat man regelmäßig die heiligen Lieder einstudiert, aus dem anderen wurde das ganze Jahr über, leise für sich oder laut für andere gelesen. Die meisten hl. Lieder kannten unsere Frauen auswendig, ebenso die Kalenderregeln und Namenstage, welche auf die an einem Sonntag gesungenen Lieder Bezug hatten.

1.6 Hauch und Seele
Weil der Hauch aus Luft war und als Atem bei uns rein und raus ging, meinten wir, er wäre soetwas wie ein kleiner gesunder Wind, der auch die gesamte Luft um uns in Bewegung hält. Daß es auch ungesunde Winde gab, spürte man beim eigenen Hosenwind und beim größeren Mistgestank. Etwas anderes als Luft konnte man sich nicht vorstellen, wenn man an das christliche Aushauchen der Seele dachte. Bei der Geburt ist die Seele mit dem ersten Hauch in uns gefahren und beim Sterben machte sie es umgekert. Dazwischen sorgte sie dafür, daß in uns ein möglichst reiner Lufthauch zirkulierte, wlcher für unser irdisches Leben nur gut war. Aber darüber wurde nie geredet, wie über Alltagssachen. Nur in der Religionsstunde durfte man mit dem Pfarrer über die Seele reden. Weil er sie auch nicht anders als mit einem Hauch erklären konnte, wurden wir mit unserer kindlichen Vorstellung für alle Zeit bestätigt.


1.7 Betgewohnheiten
Der erste Gedanke beim Aufwachen hätte dem Gebet gelten müssen, der letzte vor dem Einschlafen auch, wenn man vor dem Fegefeuer sicher sein wollte. Die lässlichen Sünden tagsüber konnte man nur mit häufigem Beten gutmachen. In einem wirklich christlichen Hause wurde 5 - 6mal an Werktagen gebetet; sonntags kamen da noch die Kirchengebete dazu. Das erste und letzte Tagesgebet hat man allein im Bett verrichtet, die drei Tischgebete - zum Frühstück, Mittag- und Abendessen - betete man den Eltern nach, so wie man es in der Kirche dem Pfarrer nachmachte: halblaut und auswendig, ohne jedes mal an den Gebetsinn zu denken. Etwas frommer ist das Beten in der Früh und am Abend im Bett gewesen, wo man sich in vollem Bewusstsein katholisch – mit kleinen Kreuzen auf Stirn, Mund und Brust - bekreuzigte und das gelernte Sprüchlein flüsterte: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes; komm lieber Herr Jesuchrist mit Deiner Hand und führ mich an dem Himmelsband, und führ mich an das Himmelstor, amen; im Namen des Vaters... Das Tischgebet sagte man stehend am gedeckten Tisch auf, und Vater oder Mutter beteten vor: Im Namen des Vaters... Gott, von dem wir alles haben, wir preisen Dich für Deine Gaben; speist uns weil uns liebst, segne was uns gibst, amen; im Namen des Vaters... Bei allen anderen Gebeten tagsüber, z.B. wenn man das Sterbens- oder Sturmglöckchen hörte, wurde das Vaterunser nach dem Kreuzzeichen so schnell wie möglich hergesagt (darum, weil man es am besten auswendig wusste und weil es ja keine so strenge Pflicht war, wie die Hausgebete), und nach dem Vaterunser wurde noch ein Sprüchlein für den Anlass gesagt: Herr, gib ihm die ewige Ruhe oder Herr nimm den Hagel (Schloosa), den Sturm und das Hochwasser von uns und unserem Feld... Der Gebetssatz beim Sterbensglöckchen war immer gleich und ist auf hochdeutsch gesagt worden, während der beim schlimmen Hagelwind oder Sommerregen, der die Fechsung hätte vernichten können, verschieden und im Dialekt gesagt werden konnte. Überhaupt konnten sich fromm erzogene Kinder schon viele eigene Gebete ausdenken: Wenn sie schlechte Zeugnisse hatten, zu spät am Abend noch unterwegs waren oder was verloren hatten - ein eigenes, ruhig und fromm hergesagtes Gebet zum Schutzengel oder Hl. Antonius hat in dem Spezialfall sicher schneller geholfen, als ein heruntergehaspeltes Vaterunser oder gar gebetloses, nervöses Herumhuddeln.

1.8 Schimpfen und Fluchen
Glauben und Aberglauben hielten unsere Menschen so fest im Griff, daß sie weder in Gedanken noch in Wirklichkeit zu bösen Ausdrücken in der Lage waren. Stellt man die frommen Ausdrücke neben die bösen, so zeigt sich ein Verhältnis, als ob die Alpen neben den Buchenwaldhügeln stünden. War man auf sich oder andere böse, machte man sich schneller mit einem Schimpfwort, als mit einem Fluch Luft.

1.8.1 Schimpfwörter
An oft gebrauchten Schimpfwörtern kann man (mundartlich) aufzählen: Aff, Affaarsch, Affamichl, aldr oder wiedichr (tollwütiger) Hund, Arschleckr, Brillaschlanga, Dackl, Dusl, Dummrjan, Duppl (Begriffstutziger), Eelgetz (Ölgötze), Elendichr, Ewrzoh (vorstehender Zahn), Farz, Faulpelz, Fledrwisch (Oberflächlicher), Feegr, Feegnescht, Farz (Furz), Fiedl (Fürzchen), Fiedlhans, Fratz, Fratschlweib (Hausiererin), Fuchtl (Unausstehliche), Gacksr (Stotterer), Gaffr, Gockl, Grasaff, Grifflspitzr, Growian, Großkotz, Hallodri (Leichtlebiger), Halbarsch (Unmännlicher), Hamball (Naiver), Himmlkuckr (Träumer), Hemdlungr (Langschläfer), Hosalottra (alter Angeber), Hosafarzr, Hurabock, Ichmensch, Iwrkandidltr (Spinner), Jammrlappa, Knallkopp, Knallarsch, Knausra, Krippl, Kwacksalwr (anmaßender Heilkundler), Kwecksilwr (ohne Sitzleder), Lackaff, Loomarsch, Laale (beides Lahmarsch), Laschtr, Laatschamichl (beide Leichtlebige), Liedrichr, Ludrian (männliches Luder), Lugabeitl, Lugahamml, Lulatsch (Grobschlächtiger), Limml, Lump, Lumpahund, Luudr, Luudrjan, Maulesl, Maulaff (Gaffer), Mensch, Mollakopp (Kaulquappe), Muli, Muschtr (Muster = diszmadár), Nackarsch, Neschthockr (Muttersöhnchen), Nicksnutz, Pangrt (beide schlecht erzogen), Paplarsch (Schwätzer), Pauralimml (dummer Bauer), Pettprunsr, Pettsajchr (beide Unreife), Putzamann (Hampelmann), Pechhamml (Unglücksrabe), Pillatrehr (kleinlicher Intelligenzler), Plapprtasch, Ploggeischt (auf die Nerven Gehender), Rappl (Überlauter), Rindviech, Rinozaroß, Rippl, Ruppl (beide Ungehobelte), Rotznaas, Rotzbeitl, Rotzleffl, Saufprudr, Sauhund, Saumaaga, Sauhaafa (alle Unflätige), Schandfleck, Scheeraschleifr, Scheißr, Scheiß, Schlampr, Schmarotzr, Schnapsnaas, Schnapsdrossl, Schussl, Schlawienr (Unzuverlässiger), Schludra (Oberflächlicher), Schnalla (Leichtlebige), Schindr (Tierquähler), Schuhputzr (Unwürdiger), Sajchr (Bettnässer), Simpl, Speckprudr (Hausierer), Spitz (Hundenatur), Stoffl, Stritzi, Stroßafegr, Stuwahockr, Tapptrei (Ungeschickter), Treckspatz, Tattarich (Dattergreis), Tataar (Rohling), Teiflsbroota, Teiflsbruut, Tollpatsch, Trampl, Traanfusl (Langsamer), Trutschl (kleine Drudenhexe), Tirk, Urschl oder Wurschtl (Huddeler), Vierlefanz (Oberflächlicher), Wusl, Wutzl (Dreckschweinchen), Wutz, Zarniegl, Zottl (unschön Gekleideter), Zunsl und Zuttl (Schlampige).

1.8.2 Fluchwörter
Beim Fluchen unterschieden wir uns von unseren Nachbarnationen, ließen uns aber auch anstecken. Sie hatten im Zorn auch vor dem größten Hochheiligen keinen Respekt und zogen auch mal die Eltern, vor allem die Mutter in den tiefsten Schmutz, während wir uns meistens am Himmel - als dem Wettermacher - versündigten. Mein Vater fluchte nur in größtem Zorn ungarisch oder raitzisch. Sonst waren auf schwäbisch seine bekanntesten Flüche: Himml nochmol, Himmel und Hell, Herrgott nochmol, vrdammt nochmol, Krutzitirk, Sakratirk, dr Teifel soll s hola, Teifl nochmol, leck mich am A., tu kansch mich mol, tes kann mich mol, jetz hep ich tie Naas voll.

1.9 Nacktheit und Religion
Einen nackten erwachsenen Menschen anzuschauen war eine Sünde, die man, wenn es mal doch zufällig vorkam, bald beichten musste. Sich selbst schaute man nie im großen Spiegel an, weil man selten in die Vorderstube zum dreiflügeligen Spiegel kam und weil man meinte, dass das Anschauen der kleinen, kindlichen Geschlechtsteile auch schon kleine Sünden wären, die zu großen zusammengezählt werden könnten. An diesen strengen Vorstellungen war das Sechste Gebot schuld, demnach man keine Unkeuschheit treiben durfte. Mit der ersten Beichte und Kommunion versprach man dem Herrgott und Pfarrer für alle Zeit, dass man die Zehn Gebote einhalten wird. Nur das vollständige Einhalten konnte einen von der Hölle befreien, in welcher schon viele Sünder und Heiden schmorten. Je nachdem, wie viel man als Kind von den Heiligen Geboten nicht eingehalten hatte oder vergessen hat die Verfehlungen zu beichten, musste man mit einem kürzeren oder längeren Aufenthalt im Fegefeuer rechnen.

Nacktheit war die größte und schlimmste Versuchung zu einer ganzen Reihe von Sünden: denken an etwas Verbotenes, spielen mit was Verbotenem und verführen zu was Verbotenem. Die Verbindung von Nacktheit mit der Religion wurde im Kindesalter von den Eltern, Lehrern und Pfarrern so fest zusammengeknüpft, das sie ein ganzes Leben lang hielt. Selten zogen sich fremde Erwachsene voreinander nackt aus, und Verwandte oder Verheiratete machten es auch nur in Dunkelheit und Eile; Soldaten nur, wenn es sein musste, wenn es der Doktor oder Hauptmann befahl. Noch strenger verboten als das Ausziehen, war das Berühren von einander.

1.10 Organe - Körperteile
Wie wenig man sich mit den menschlichen Organen und Körperteilen beschäftigte, zeigt die Tatsache, dass sie kaum mundartliche Benennungen haben. Dass man Organe, innere und äußere hatte, begriff man erst, wenn sie weh taten: Es schmerzte hier oder da. Der Kopf hieß – wenn er groß war – Mollakopp (Kaulquapenk.), doch dass verschieden große Köpfe auch verschiedene Gehirne und Auffassungsgaben hatten, war einem egal. Eine hohe Stirn war eine Weißheitsstirn, Krähenfüße hießen Weißheitsecken. Die Nase konnte eine Himmelfahrts- oder Krumbierennase sein, die Ohren Schlapp- oder Eselsohren, der Hals hatte ein Weihwasserkesselchen, wenn er eingefallen war, usw. Mit den Organen verband man mehr volkstümliche, überkommene Begriffe und weniger medizinische oder anatomische Funktionen.


1.10.1 Geschlechtsteile
Beim Unterleib und den Geschlechtsteilen kamen mundartliche Ausdrücke ins Spiel. Das Brunzen erledigte das Brunzloch – Brunzlächl - und der Pimmel oder Spatz, beim Kind das Pischl oder Spätzl. Ansonsten wurden die biologischen Funktionen mit den gleichen Organnamen verbunden, wie im Hochdeutschen.

Grundsätzlich war es eine Sünde, eigene oder fremde Geschlechtsteilen zu berühren, außer man half einem Kleinkind beim Wasserlassen. Küsse auf die Backe und streicheln eines ungeschlechtlichen Körperteils durften nur Versprochene (Verlobte) tun und nahe Verwandte, wenn sie es zum Trösten oder Aufmuntern machen mussten. Einen Zungenkuss durften sich nicht einmal Erwachsene und Verheiratete geben. Mancher scheinbare Mangel an Zärtlichkeit war dennoch nicht so schlimm, weil Verheiratete ein ganzes Leben lang nebeneinander im gleichen Bett schliefen, dort wo der Strohsack bald nach dem Schlafengehen in der Mitte einen kleinen Graben kriegte und das Paar, ob es wollte oder nicht, ganz nahe zusammenrutschte.

2 WERDEN UND VERGEHEN
Im Rückblick scheint das Lebensbild der Ahnen-Generationen eine immerwährend gleichbleibende Linie zu bilden. Oberflächlich betrachtet ziehen sich die familiären Ereignisse, Feste und Bräuche wie ein gerader Schienenstrang vom Jetzt in die Vergangenheit, wo sie als Punkt in der Ferne verschwinden. Die Wirklichkeit, wie sie z.B. in den Matrikelbüchern leicht einzusehen ist, lehrt uns aber, dass sich selten die Familiengeschichte ,harmonisch’ entwickelte. Denken wir nur an die hohe Sterblichkeit, die Halb- oder Vollwaisen, Wiederverheiratungen, die Gründungen neuer Familien und Wohnungswechsel in der Folge hatten, dann gab es wirtschaftliche Notfälle, Kriege, Seuchen u.a., die oft zu Ruin und Entwurzelung führten, oder gab es einfach uneheliche Beziehungen, die eine Kontinuität in der amtlichen Registrierung unmöglich machten. Kurzum alles Faktoren, die der nachfolgenden Aufzählung keine selbstverständliche Folge erlaubten. Lediglich die Tatsache, dass die Ereignisse so stattfanden, kann mit einem hohen Grad an Gewissheit festgehalten werden.

2.1 Geburt
In einer aufklärungslosen Zeit, wie der damaligen, war die Geburt für Mutter und Kind eine Sache auf Leben und Tod. So wenig eine Schwangere in hohen Umständen auf sich Acht gab und bis zuletzt arbeitete, so ernst nahm sie das Liegenbleiben nach der Niederkunft. Nur wenn eine Frau schon mehrere Kinder auf die Welt gebracht hatte, war kein Mensch um sie herum aufgeregt, wenn es noch einmal losging. Bei ihr rief man ebenso nach der Hebamme, wie bei jüngsten Schwangeren. Nur wenn es Komplikationen gab, wurde ein Arzt gerufen. Bis vor dem Zweiten Weltkrieg hatte keine gesunde Frau im Krankenhaus ihre Niederkunft. Männer und Kinder wurden weg- oder fortgeschickt oder -gebracht; die ersteren, weil sie sowieso nicht hätten helfen konnten, die letzteren, weil sie ja an den Storch glaubten, der nur dann in Ruhe nach dem richtigen Schornstein suchen konnte, wenn es im Hause ruhig war und er nicht gestört wurde.

Zur Niederkunft war kochendes Wasser aufgesetzt, für die Hebamme sind weiße Leintücher und saubere Handtücher aus feinstem Leinen bei der Hand gewesen. Die Schwangere lag in ihrem gewöhnlichen Bett in der Vorderküche oder Mittelstube und betete, dass alles gut geht. Die Hebamme und ein älteres Weib halfen bei der Niederkunft, so dass alles schnell nach der Geburtsregel und auf’s Wort ging. Gleich als das Kleine auf der Welt war, wurde es warm durch einen Klaps oder Schubs zum ersten Luftholen angeregt, abgewaschen, und es wurde ihm der Nabel von der Hebamme mit einer abgekochten Schere abgeschnitten und verbunden. War die Nachgeburt vorbei, bekam die Wöchnerin das Kleine zu sich ins Bett und versuchte ihm die Brust (s Tuttl zum Tuttla) zu geben. Danach legte man es in die Familienwiege, seltener in einen geflochtenen Kinderwagen oder Wäschekorb.

Buben schätzte man mehr. Bei ihrer Geburt zahlte der Vater Aldumasch (gab einen aus) an alle, die gerade im Haus waren. Danach wurden die Paten verständigt, der Kumma/Pate bzw. Geet und die Goodl. Sie redete man mit Ihr an, und sie waren in den ersten vier Wochen die wichtigsten Besucher der Wöchnerin, weil sie ihr in dieser Zeit das Beste zu essen und trinken brachten. Die Kindsmutter blieb mindestens eine Woche im Bett, doch so lange sie mit dem Kind im Kindbett war - zwischen einer und vier Wochen - sah man nicht gerne fremden Besuch bei ihr. Für den Fall, dass man ihn nicht vermeiden konnte, wurde ein Drudenfuß neben die Eingangstüre gemalt. Abends, bei künstlichem Licht, durfte man die Wöchnerin auf keinen Fall mehr besuchen. Brot sollte die Bettlegerige nicht essen, sonst hätte sie ihren dicken Bauch behalten. War die Brust der Wöchnerin geschwollen und gab keine Milch, so meinte man, dass sie von der Drude besucht und ausgesaugt worden ist.

2.2 Kindstaufe
Sie wurde so bald als möglich in der Kirche gemacht; nur wenn das Kind nicht gesund auf die Welt kam, machte man gleich nach der Geburt eine Nottaufe zuhause. Wenn die Paten zur Taufe das Kind aus dem Hause trugen, sagten sie: Jetzt nehmen wir Euch einen Heiden und bringen Euch einen Christen. Bei der Taufe waren meistens der Kindsvater und die Geschwister dabei. Das Taufpolster war so von allen Seiten zugemacht, daß das Kleine keinen Zug bekam, und es hatte über dem Gesicht eine leichte Schleier- oder Windeldecke. Nur in den letzten vier Jahren wurde mit der Taufe Politik gemacht, so, daß vom Kulturbund (in der besetzten Batschka nannten wir so auch den Volksbund) zwei Frauen mit einem arischen Taufband voll hochdeutscher Namen dabei standen; bekam das Taufkind auch so einen arischen Namen, war dieser bereits auf dem Taufband eingestickt. (z.B. legte man nachweislich bei Adam, Josef und Jakob im Jahre 1942 in unserem Oberbatschkaer Dorf keinen Wert aufs Einsticken).

Kindlmahl: Das gab es nach der Taufe bei den Eltern des Täuflings. Das war ein Festessen mit drei-vier Gängen und Kuchen hinterher, wie an größeren Feiertagen, an Kirchweih oder seltenen Verwandtenbesuchen. Viel durfte die Wöchnerin da nicht mitessen. Als Taufgeschenk bekam das Taufkind von den Eltern meistens Wertsachen oder Familienstücke: Gold- und Silberstücke, Schmuck, Porzellan oder auch mal, wenn der Vater ein stolzer Pferdenarr war, ein schönes Fohlen. Von den Paten gab es meistens Geld, Anteilsscheine oder eine Aussteuerversicherung. Die Großeltern und Geschwister gaben nur in 'besseren Häusern' ein eigenes Geschenk mit einem langen Wert, aber ganz sicher immer ein selbstgemachtes Spielzeug oder eine Handarbeit.

Kinderwagen: Zum Herumfahren des Kleinen im Hause oder auf der Gasse gab es geflochtene Rutenwagen, die, je nach Preis, einfache ovale Henkelkörbe auf ca. halbmeter großen Rädern waren oder modische aus feinen Naturruten, mit einem Harmonikahimmel. Ein Elternpaar fuhr früher alle seine Kleinkinder im gleichen Wagen aus; erst ab den Dreißigern gab es mal was Neumodisches zum vorzeigen.

Hygiene der Wöchnerin: Auf Sauberkeit wurde ebenso bei der Wöchnerin wie beim Kind geachtet: Die Mutter wechselte jeden Tag die Unterwäsche und rieb sich an den Schweißstellen mit Seifenwasser ab, das Kleine wurde in einer größeren Waschschüssel (Lawur) mit Warmwasser und Seife überall gewaschen. Puder und Hautkreme sorgten dafür, dass es zwischen den Schenkeln nicht so schnell wund wurde. An Windeln gab es zweierlei: feine aus Baumwolle, als Innenwindel und gröbere aus weißer, dünner Leinwand, als Außenwindel, die so groß war, dass man sie um das Kind wickeln und vorne zubinden konnte. Je nachdem wie kalt es war, band man um alles noch ein Wolltuch. Für die Wiege gab es eine Kindertuchend und für sonntags ein Spitzentüchel über den ganzen Kinderwagen.

Die Hebamme: Die Arbeit der gelernten und staatlich geprüften Geburtshelferin war erledigt, sobald die Wöchnerin aufstehen und das Kleine allein versorgen konnte. Für die Geburtshilfe hat das Wöchnerhaus den Lohn in Geld oder Lebensmittel, wie Weizen oder Kartoffel an die Hebamme gezahlt. Ausnahme dabei war die Geburt einer armen Halbwaise, wo sie umsonst half; ebenso wie dies das evtl. notewendige Krankenhaus tat, wo das Waisen- oder Stiefkind, aber auch das Findelkind ärztlich versorgt wurde und die Menschen aus dem Gemeindehaus die Sorge hatten, bis Zieheltern oder ein Platz im Findelhaus eingerichtet war. Wie hoch das Einkommen der Hebamme gewöhnlich war, kann man an der Einwohnerzahl ungefähr abschätzen, welche sie im Dorf oder in der Stadt versorgte. Wenn man z.B. Bereg und Baja betrachtet, so waren es hier 2 auf 2500 Menschen und dort 10 auf ca. 30 tausend Einwohner (im Jahr 1930). Trotz aller Mühe der Hebammen, die in größeren Dörfern oder Städten von Ärzten unterstützt wurden, war die Kindersterblichkeit noch bis in die Dreißiger recht groß. Sobald man das Sterbeglöckchen hörte, sagte man sich: Das geht zurück in Abrahams Schoß, woher es hergekommen ist; Herr gib ihm die ewige Glückseeligkeit; das Kleine ist nur unter dem Schurz versteckt, es kommt bald wieder zurück... An einer Aufstellung, z. B. von Baja kann man sehen, dass die Kleinstkinder bis zwei Jahre 5,2% von den Gesamteinwohnern ausmachten, Alte über dem sechzigsten Lebensjahr aber 11,3%; bis zum zehnten Jahr gab es jeweils ca. 1,5% Kinder, danach stieg die Zahl bis zum Vierzehnten etwa auf jährlich 1,8%, um bis neunzehn auf 2% zu kommen. Nur alle Kinder bis zwanzig Jahre konnten die Alten über vierzig überrunden. Weil diese Übersicht (von Rabcsányi Jakab in Bajai Kronikája, 1934) im Vergleich mit den Dörfern noch recht günstig ist, soll sie noch mal im Detail aufgereiht werden: 0-2 J. 1454/5,2% - 3-5 J. 1530/5,5% - 6-9 J. 1790/6,4% - 10-11 J. 992/3,6% - 12-14 J. 780/2,8% - 15-19 J. 2700/9,7% - 20-29 J. 5281/18,9% - 30-39 J. 4060/14,5% - 40-49 J. 3435/12,3% - 50-59 J. 2745/9,8% - über 60 J. 3159/11,3%.

2.3 Kindheit
Das war die Zeit des Laufen- und Plappernlernens, wo das Kleine die Familie und Eltern und auch die ganze Kinderwelt kennen lernte. Wenn es saß und krabbelte, musste es zum eigenen Schutz in den Sitzstall, und wenn es da drinnen aufstehen und laufen wollte, tat man es in ein Laufgestell. Das eine war einen halben Meter hoch, ca. einen Quadrat groß und viereckig, oben und unten aus fein gehobelten Leistenrahmen mit senkrechtem Leistengitter, unter welchem eine Lumpendecke (gewebt aus Lumpenstreifen, genannt Fetzatacka) ausgelegt war; das andere war ein ca. halbmeter großer, doppelter Leistenrahmen, der bis zur Kinderschulter reichte und unten vier Holzräder hatte. Hauptsächlich auf glatten Böden oder im Gang wurde das Kleine in den Rahmen gesetzt, wo es sich hinaufzog und nach allen Seiten schob.

In den meisten Fällen war jemand da zum Achtgeben, damit dem Kind nichts passiert. Nur bei ganz armen Menschen, Tagelöhnern oder alleinstehenden Müttern wurden Kleinkinder mit zur Arbeit genommen. Wenn die draußen auf dem Felde war, kam es schon mal vor, dass man einen lebhaften Nachwuchs auch mal an einen Baum band. Von den ungarischen Tagelöhner-Kindern ist bekannt, dass sie von ihren Eltern, beim Arbeiten auf einem großen Feld, zum eigenen Schutz, bis unter die Schultern in Sand eingegraben wurden.

Als erstes Spielzeug bekamen die Kinder dieses Alters meistens selbstgemachte Puppen, Bälle und Tiere aus Lumpen, Kürbisrappel, glänzendes und spiegelndes Kleingeschirr, auf das sie mit Holzstückchen schlagen konnten; es kam aber auch mal ein lebendes Haustier, ein Kätzchen oder Hündchen zum Spielen in ihre Nähe, so dass sie auch mal gebissen oder gekratzt wurden.

2.4 Kindergarten
Das wichtigste an dem ersten Lebensabschnitt war der Kindergarten, der ab dem dritten oder vierten Jahr den Kinderalltag bestimmte. Sie war keine Pflicht, aber wichtig für die spätere Schule, da man in ihr den Umgang mit vielen anderen Kindern und eine Ordnung lernte, welche jener in der Schule ähnlich war. So verschieden alle Kinder auch waren, so ähnlich schienen sich die Kindergärtnerinnen (Owodanenis), von denen es für jede Spielstube oder Kindergruppe (Kinnrhalt) je eine gab. In den Kindergarten wurde man am Anfang von jemandem geführt, später fand man alleine hin. Er dauerte drei Stunden vormittags und drei nachmittags, und zuerst wurde jeden Tag etwas eingeübt und gelernt und danach wurde gespielt. Die Lern- und Spielsachen wurden so ausgesucht, dass man mit ihnen den Kinderverstand an nützliche Übungen und Beschäftigungen gewöhnen konnte. Die Hausgröße ähnelte jener der Schule, nur war die Einrichtung ärmer: Rundum ein paar Regale (Stellasch) für die Spielsachen, genügend Hocker oder Schemel und ein-zwei Pritschen, als Liegemöglichkeiten. Die damalige Erziehung wurde noch nicht wegen Überlastung der Eltern in den Kindergarten verlegt, denn unsere Großfamilien kannten daheim keinen Mangel an Aufsicht. Als echte und notwendige Vorschule war der Kindergarten demnach kein reines Vergnügen für die Kleinen. Die Schautafeln, Bauklötze, das Malzeug und die Bilder- und Gesangbücher waren ernste Dinge, die ein allgemeines Mitmachen und Aufräumen zur Pflicht machten. Zum Waschen vor und nach dem Spiel gab es genug Waschzeug und für die Not kleine Klosetts und Nachttöpfe.

2.5 Schule
Fast jedes Kindergartenkind hatte vor ihr Angst, weil sie sich meistens dort abspielte, wo strengste Zucht und Ordnung von der Lehrerrute ausgingen. Aus einem Spanischrohr gemacht und etwas kleiner als der Stiel der Pferdepeitsche, lehnte sie krumm in der Klassenecke und wartete auf ihren Einsatz. Der kam meist schon bald nach Aufstehen und Grüßen, sobald der Lehrer oder die Lehrerin hereinkamen und, nach dem Schulgebet, die Kinder ihre Hände herzeigen mussten. Sie waren natürlich nicht immer sauber, und deswegen gab es gleich die erste Tagesration Brezel mit der spanischen Rute. Fester sauste sie auf den angespannten Hosenboden, wenn eine größere Strafe fällig war, z.B. wenn der Schuler in der Stunde nicht Acht gab, spielte, zuviel redete oder von einer Hausaufgabe überhaupt nichts vorzeigen konnte. Bei den Mädchen war es ähnlich, nur dass die Rutenschläge nicht so weh taten.

2.5.1 Schularten
Als typisch für unsere Dörfer kann die Volksschule als Pflichtschule (ab dem 6. im ungarischen und ab dem 7. im jugoslawischen Teil der Batschka) gelten, wo der Kantorlehrer - Schulleiter - in der Schule seine Wohnung hatte. Je nachdem, wie groß ein Dorf war, gab es reine oder gemischte Klassen, solche, wo ein Jahrgang die ganze Klasse füllte und andere, wo mehrere Jahrgänge zusammengelegt waren. Pflicht waren mindestens vier Elementarklassen auf dem Dorf und sechs in den Städten und Großdörfern. Dort konnte man auch, anstatt der fünften und sechsten Klasse, mindestens zwei Jahre in die Bürgerschule gehen, oder für acht Jahre in das Gymnasium. Das schloss man dann mit dem Abitur (Matura) ab. Bei der vierjährigen Bürgerschule gab es ein Mittelschulzeugnis und eine kleine Matura.

Außer diesen Schularten gab es noch in den Städten eine dreijährige Fach- oder Gewerbeschule für Jungen und Mädchen, eine vierjährige getrennte Lehrer- oder Kindergärtnerinnen-Schule, dann eine dreijährige Handelsschule gemischt und eine ebenso lange Klosterschule für Mädchen, in welcher Haushalts- und Erziehungsfächer wichtig waren. In allen diesen Mittelschulen konnten Schüler aus umliegenden Dörfern im Schulinternat schlafen, die Ortsansässigen übernachteten daheim.

Für Lehrlinge gab es noch eine Wochen- und Samstagsschule, wo je nach Beruf zwischen 7 und 22 Stunden pro Woche Ergänzungsfächer zur Praxis dazukamen. Wie wenig Wert noch auf die Gewerbeschule gelegt worden ist, zeigt ein Vergleich aus Baja, vom Jahre 1930, als von 2700 Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren (das waren 9,7% der Einwohner) nur 51 männliche, 22 weibliche Fachschüler und 45 Handelsschüler (0,42% der Erwachsenen oder 4,3% der Jugend) einen solchen Abschluss bekamen. Nach der Übersicht aus Apatin, in der Ortsbiographie von Hans Jurg aus 1940, gingen im Apatiner ländlichen Bezirk, mit 45.752 Einwohnern, 147 Lehrbuben (0,36%) und 5 Lehrmädchen in die Berufsschule.

Zwischen den Weltkriegen war es Brauch, dass alle Dörfler, die es sich leisten konnten, ihre Kinder nach der vierten Elementarklasse mindestens für zwei Jahre in eine Bürgerschule schickten und in der Stadt wohnen ließen. Je nachdem, ob es eine deutsche Bürgerschule - wie in Apatin - war, eine slawische - wie in Sombor oder Subotica - oder ungarische - wie in Baja und Subotica (um bei der Oberbatschka zu bleiben), schliefen unsere auswärtigen Schüler in solchen Privathäusern, wo sie die Schulsprache zusätzlich von den Familienmitgliedern erlernen konnten.
2.5.2 Lehrfächer
In den Elementarschulen - der jugoslawischen wie ungarischen Batschka gleichermaßen – gab es: Muttersprache und/oder Landessprache, Religion, Rechnen, Lesen, Schönschreiben, Geschichte, Erdkunde, Singen, Malen, Handarbeit und Turnen. In der Mittelschule und im Gymnasium dazu noch Geometrie, Arithmetik, Physik, Chemie und Biologie. Welche Rolle die Religion z. B. nicht nur in den Klosterschulen im ungarischen Teil (Baja) spielte, kann man daran sehen, dass auf elf Lehrer für Weltfächer im Schnitt vier solche für Religion kamen. Die verschiedenen Religionen - Römischkatholisch, Unitarisch/Lutherisch, Griechischorthodox, Griechischkatholisch, Reformiert und Jüdisch - wurden für alle Kinder von eigenen Pfarrern unterrichtet, auch wenn sie für eigene Schulen zu wenige Kinder hatten. Der Religionsgröße nach (Baja 1930: R.Kath. 24.812/88,5%; Ref. 812/2,9%; Gr. Kath. 43/0,2%; Ev. 420/1,5%; Gr. Orth. 70/0,2%; Unit. 17/o,1%; Juden 113/0,4%; Sonstige. und Ungläubige 113/0,4%) hätten nur die Katholiken eigene Schulen haben können, in Wirklichkeit hatten die Reformierten/Evangelischen und die Juden lange Zeit für ihre Kinder ebenfalls eigene Elementar- und Mittel- oder Bürgerschulen.

2.5.3 Deutsche Schulen
Wenn sie auch religiös meistens in getrennte Schulen gingen, so hatten die Oberbatschkaer, genau wie alle Schwaben Ungarns, im Jahre 1941 (Wiener Schiedsspruch) eigene Schulen bekommen. Die Trennung zwischen den Nationen kann man am besten in Katschmar sehen, wo es 228 schwäbische, 118 ungarische und 136 bunjewazische/slawische Schüler in drei eigenen Schulen gab. Auffällig in der Namensliste der Lehrer aus dieser Zeit, ist, dass nur ein-zwei keine ungarischen Namen hatten. So war es staatlicherseits sichergestellt, dass man in den deutschen und slawischen Klassen mehr die ungarische als andere Sprachen im Unterricht benutzte.

2.5.4 Schulausrüstung
Ausgerüstet war man als Erstklässler in der Elementarschule nur mit Griffel, Schiefertafel und Schwamm. Gegen Ende des ersten Jahres kamen noch ein Linien- und Viereck-/Kozka/-heft, Bleistift und Speckgummi und eine 'Rechenmaschine' dazu. Letzteres bestand aus 10 mal 10 Kugeln, verschiebbar auf einem holzumrahmten Drahtgitter. Die Zweitklässler hatten keine Tafel mehr, dazu ist bei ihnen zum Bleistift ein Tintenglas und eine Redisfeder mit Stiel dazugekommen, die man zum Schönschreiben brauchte. Für das Diktat, Rechnen und Malen nahm man den Bleistift und noch ein paar farbige Malstifte. Die Patzer beim Schreiben und Malen kamen vom Speckgummi, der seinen Namen vom fetten Schmieren hatte. Das erste Lesebuch bekamen wir in der zweiten Hälfte der ersten Klasse und brauchten es bis zur dritten; für die vierte bis sechste gab es ein neues. Ein Rechenbuch reichte für die gesamte Elementarzeit. Weiter gab es noch in den höheren Klassen ein Geschichts- und Erdkundebuch. In der Mittelschule und im Gymnasium noch je ein Buch für Biologie, Körper- und Pflanzenlehre, Physik und Chemie.

2.5.5 Schulgebühren
Für die Pflichtschulen und alle öffentlichen musste man nichts zahlen. Die Bücher kaufte man oder, wenn man zu arm dazu war, man bekam sie geliehen. Kloster- und Heimschulen kosteten die reichen Kinder etwas, arme mussten nichts bezahlen und die besten Schüler auch nicht viel. Wie gut die Schüler im Schnitt waren, kann man aus einer Übersicht aus dem Jahre 1933 sehen, wo von 144 Lehreranwärterinnen in Baja 140 ein sehr gutes und 4 ein gutes Benehmen hatten; und in den Lehrfächern hatten 55 ausgezeichnete, 18 sehr gute, 23 gute und 48 ausreichende Prüfungsnoten; durchgefallen ist keine.

2.5.6 Bestrafung
Das Durchfallen war eine Strafart der Elementarschule, die oft eingesetzt wurde. Meistens haben die Schüler, welche daheim in schlechten Verhältnissen lebten, auch in der Schule die Schattenseite gespürt und wurden mit Brezeln, Strafarbeit und Zeugnis strenger vorgenommen. Selten fragte der Lehrer, weshalb man die Hausaufgaben nicht gemacht hatte, wieso die Hände schmutzig wären und warum man zu spät kam - er ließ das Spanischrohr sausen und kritzelte das Klassenbuch voll, als ob er damit die Verhältnisse des gestraften Kindes hätte verändern können.

2.5.7 Schulferien
Die schönste Schulzeit war jene, die men außerhalb der Schule verbrachte. Bei unseren heißen Sommern, sehr regnerischen Frühlingen und Herbsten und bitterkalten Wintern, gab es für Freizeit und Schulferien genügend Gelegenheit: Zweieinhalb Monate im Sommer - 15. Juni bis 1. September -, fast einen Monat an Weihnachten - von Martini bis Hl. Dreikönig - und anderthalb Wochen an Ostern; dann noch mindestens einen freien Tag an größeren kirchlichen Feiertagen - Christihimmelfahrt, Pfingstmontag, Fronleichnam und Allerheiligen -, und noch die Staatsfeiertage, jeweils des Landes, zu dem man als Batschkaer gerade dazugehörte und noch wenn es wegen zu großer Kälte oder zu viel Regen keinen Unterricht gab. Daheim blieb man außerdem bei wichtiger Feldarbeit und wenn man krank war. Eine andere als wörtliche Entschuldigung brauchte man nicht. Sonst gab es bei Schuleschwänzen nichts anderes als Brezeln, was nach einem Tag vergessen war. Arme und kinderreiche Familien ließen darüber hinaus die Schüler mit vielen anderen Ausreden daheim. Mehr als Sitzen bleiben konnte ihnen auch nicht passieren. So kam auch schon mal vor, dass Kinder innerhalb der 4 Pflichtklassen nur eine oder zwei - oder auch mal gar keine - abschlossen und bald danach wieder alles Gelernte verlernten, Analphabeten wurden oder blieben.

2.5.8 Bildungsstand
Der durchschnittliche Bildungsstand Anfang der Dreißiger kann anhand einer Statistik aus der Nord-Batschka für unseren gesamten Zwischenstrombereich abgeschätzt werden. Von untersuchten 27 935 Einwohnern, 13 196 männlichen und 14 739 weiblichen, hatten 392 m. und 36 w. eine abgeschlossene Hochschule; 624 m. und 266 w. hatten eine abgeschlossene, 8-klassige Mittelschule; 229 m. und 156 w. hatten eine 6-klassige Mittelschulbildung; 2 332 m. und 2 768 w. konnten 6 Elementarklassen vorweisen; und vier Elementarklassen hatten 1 233 m. und 1 693 w. abgeschlossen; nur lesen und schreiben konnten 103 m und 159 w.; Analphabeten blieben 2 480 m. und 3333 w. - was einem Prozentsatz von 18,8 m. und 22,6 w. entspricht. (Aus: Az oktatás története in Bács-Kiskun Megye multjábol/ Geschichte des Unterrichts in der Batschkaer Vergangenheit/ Band V, Kecskemet, 1983).

2.6 Jugendzeit
Ihren Beginn kann man gleich ab dem Schulabschluss ansetzen, der je nach der Schulart, bei Elementar- oder Mittelschule, mal mit 12 J. und mal mit 16 J. war. Noch ein Zeitmaßstab kann genauso gelten: Der vom Arbeitsalter, das immer gleich nach der Schule begann. Es gab ärmere Familien, die schon einen zwölfjährigen Lungen zu einem Bauern als Knecht oder zu einem Meister als Lehrling geben musste, und bei Mädchen war ein frühes Verdingen in einem guten Hause als Magd der Brauch. So oder so, die Jugendzeit begann in unserem Leben mit Arbeit. Von einem lustigen Schulbesuch oder fidelen Studium konnte bei unseren jungen Menschen nie gesprochen werden. Am besten und ausgeglichensten war es, wenn die Schul- und Arbeitspflicht bei den über 12 bis 16-jährigen in einem guten Verhältnis zu einander standen. Dabei spielte die Kameradschaft eine wichtige Rolle. Die brach bei denselben Jahrgängen über die Schule hinaus nie ab; in besonderen Fällen hielt sie auch darüber hinaus und bis zum Tode. Wer sich mit wem gut verstand, sah man schon ab der ersten Klasse, und man konnte es über Jahre hinaus verfolgen.

2.6.1 Kameradschaft
Meistens bildeten 3 bis 5 junge Menschen eine Kameradschaft. Bei nur zwei Kameraden redete man von einem Kameradenpaar oder Pärchen, auch wenn es zwei Burschen oder Mädchen waren. Was über 5 - 6 hinausging, war eine Kameradenhalt ('Halt' ist nur vage als ,Gruppe’ ins Hochdeutsch zu übersetzen), und die Jungen aus einer ganzen Straße hatten eine Kameradenreihe. Bei größeren Jungen und Mädchen, ab 16 J., war die Reihe schon männlich und weiblich gemischt. Da machte man sich schon gegenseitig den Hof, auch wenn noch keiner an Werbung oder Versprechen dachte. Die Kameradschaft und Halt spielte sich in zwei sozialen Kreisen ab, weil die Herkunft und das Vermögen es so bestimmten.

Bei der Reihe war es anders, weil diese von der Schulklasse ausging und nicht so oft zusammenkam. Machs wie tie Leit, tann kehts tr a wie tie Leit hieß eine bekannte Anstandsregel, mit der man die Jugend zu anständigem Benehmen in der Öffentlichkeit lehrte. Eine Reihe, Halt oder ein Paar passten nur dann zusammen, wenn die Öffentlichkeit, tie anri Leit nicht dagegen waren. Was die Leute - als Nachbarsleute, Gassenleute oder Dorfleute - guthießen, das war in Ordnung. Und in einer solchen Ordnung durfte sich die Kameradschaft abspielen und austoben. Die großen, d. h. erwachsenen Leute sorgten auch rechtzeitig für eine sinnvolle Freizeit der Jugend. Weil sie selbst, wie schon ihre Eltern, die Lebensart in jeder Richtung nach dem eigenen Stand ausrichteten, war es nur klar, dass sich der Nachwuchs an die gleichen überkommenen Grenzen halten musste.

2.6.2 Soziale und nationale Trennung
In den letzten zwanzig Jahren versuchte aber unsere Jugend eine Ausnahme in der sozialen und nationale Trennung, und bis zum Zweiten Weltkrieg wurde viel Überkommenes übergangen und überholt. Das hatte man neuartigen Zusammenschlüssen zu verdanken, die von unzufriedenen Eltern und Politikern ausgingen und die als Ersatz für viele vorherige Vereine und Zusammenschlüsse ins Leben gerufen wurden: Dem Kulturbund in der jugoslawischen und dem Volksbund in der ungarischen Batschka. Alle beide waren gemischte Verbindungen von wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Interessen und führten unsere Menschen, vor allem die Jugend, in nationaler - also deutscher – Hinsicht und ohne Sozialschranken stärker zusammen. Was vordem ohne nationale Unterschiede von der Dorfjugend gleich und miteinander gemacht wurde, konnte man im Kulturbund und Volksbund nur als Deutscher tun. Hauptsächlich in gemischtnationalen Dörfern wirkte sich das selten günstig für uns aus. Völkische Lieder mit Marschieren, zum Teil in uniformierter Montur, Zusammenkünfte mit Verherrlichung von allem, was aus Deutschland kam, und manchmal auch um über andersartige Menschen als minderwertige Nichtarier herzuziehen. Das konnte nicht lange gut gehen. Als schließlich die nationale Trennung dann im Zweiten Weltkrieg (im jugoslawischen Teil!) so weit führte, dass ehemalige Kameraden gegeneinander kämpfen mussten, dann war das gute Schicksal überfordert und ließ uns im Stich.

2.6.3 Kulturelle Zusammenkünfte
Wenn man das traurige Kapitel aber nicht zu Ende denkt, kann man den Kultur- und Volksbund gleichermaßen, ebenso wie alle anderen Vereine sehen, welche die jungen und älteren Menschen in einem Saal einer Wirtschaft zusammenbrachten. Mindestens einmal pro Woche kam man so oder so in den Lokalen zusammen und vergnügte sich. So lange sich die Politiker und Lokalpatrioten nicht zu sehr einmischten, hat die Jugend nur getanzt, die Älteren spielten nur Karten und alle zusammen tranken ein gutes Gläschen: Hier Krachel/Sprudel oder ein Selters, dort ein Bier oder Spritzer (Wein mit Soda) und einen Weißen oder Roten. In größeren deutschen Dörfern gab es auch schon Kulturhäuser, wo man nützliche Vorträge und schöne Veranstaltungen besuchte oder sich ein gutes Buch auslieh. In den Dreißigern waren Gesellen- und Bauernvereine auch noch am Leben, wo die Vereinsfahne und traditionelle Satzungen noch üblich waren. An größeren Feiertagen kam es vor, dass die Vereine besser besucht waren als der Kultur- und Volksbund. Erst mitten im Krieg, als schon viel Jugend an der Front war und es auch im Dorf keinen Frieden mehr gab, ließen die Bünde keine andere Vereinsarbeit mehr zu. Dort wo sich diese mit Gewalt - wie z.B. bei den christlichen Jugendvereinen - behaupten wollten, kam es schon mal zu Hetzen und Schlägereien.

2.6.4 Jugend am Feiertag
Wenn man unsere Jugend im Frieden sieht, sieht man sie am Sonntag ganz vorne in der Kirche und danach bei einem Plausch auf dem Kirchplatz, wo sie sich für den Nachmittag was vornahm: Ein Fußballspiel, eine Ruderpartie, Kegeln, Angeln (pecázni), oder, bei ganz schönem Wetter, eine Wanderung mit Speck- und Kartoffelbraten in der Csárda. Osterwandern, Majalus, Pfingstreiten, Schnittertanz am Erntefest und Ausfahrt mit dem Paradewagen oder -schlitten , das waren alles unvergessliche Jugendvergnügungen an Tagen, als man christlich und weltlich feierte und um nichts in der Welt gearbeitet hätte.

2.7 Die Liebe
Kha Khola, kha Feiar kann prenna so haaß, wie tie hoomlichi Lieb, vun ter niemand niks waaß. Meist fing heimlich an, was später unheimlich wurde. Nur das was die Leute von Anfang an sahen und für gut und schön bei einer Liebschaft befanden, hatte Bestand. Zusammenpassen mussten die Jungen, dann waren auch die Eltern zufrieden und zeigten es allen Menschen: Mit gegenseitigen Einladungen der Paareltern, öffentlichem Reden über die Aussteuer und manchem Benehmen in Richtung der Verliebten, welches sie noch näher zusammenbrachte. Nur was die Eltern guthießen, war vor Gott und der Welt gut. Am besten war, wenn Sach zu Sach und Joch zu Joch kamen. Scheeheit war vrgänglich; s Keld traus - dr Narr im Haus; Keld macht net klicklich, awr s beruicht...

2.7.1 Liebesausdrücke
In der Liebschaft und Familie gab es eine lange Reihe davon, die häufigsten waren: Mei Engl, mei Engili, mei Seel, mei Schatz, Schatzl, mei Herz, mei Augappl / Augalicht (so meine Oma, als ihre Sehkraft nachließ), mei Liewr, mei Spatz, mei Matzl, mei Poppl, mei Rotznäsl, mei Krosr, mei Muschtr, mei Laschtr, mei O-un-Allas ...

2.7.2 Ideales Pärchen
Er achtzehn, sie fünfzehn Jahre alt, aus gleichem oder ähnlich großem Hausstand, mit ähnlich großer und einträglicher Wirtschaft. Der Geselle oder Angestellte aus dem elterlichen Betrieb konnte nur dann um die Meister- oder Kaufmannstochter werben (ohalda/anhalten), wenn seine Eltern auch reich waren und er auch ein eigenes Geschäft aufmachen konnte. Nur bei einzigen Kindern hatte die Liebe das letzte Wort und gab auch mal einem armen, fleißigen Burschen aus dem väterlichen Betrieb den Vortritt vor einem faulen, reichen Nachbarssohn. Zuerst gingen Verliebte nur am Feiertag-Nachmittag zusammen, abends nicht, und nachts war es eine - lässliche (bereubare) - Sünde. Der Bursche besuchte sein Mädchen nur, wenn es den Mädcheneltern recht war und aus der Familie jemand Zeit hatte oder vorbereitet war, in der Nähe zu sein, um zu sehen und zu hören, was die Jungen machten. Für alle war es das Beste, wenn sich der Bursche im Hause des Mädchens nützlich machte, und noch besser war es, wenn ihm das Mädchen dabei half. Beim Fortgehen irgendwohin zu Besuch, konnten sich die beiden schon mal bei der Hand halten. Aber zum Tanzen ging die Mutter zwischen ihnen und ließ die Tochter den ganzen Abend nicht aus den Augen. Ebenso war es beim Heimgehen um Mitternacht. Da gab es kein Streicheln oder Küssen. Das kam alles nach einem Jahr, als die für alle Welt sichtbare Werbung begann.

2.8 Werbung
Wer tie Jung will, muß dr Alda schee tuu; s muß kheirat sei, weil wann onr o Schuh ohot pleibt r oschichtich; bei auswertigen Werbern hieß es: tie preichta net kumma, wu Nussa sinn, sinn a Priegl, usw. Gar viele Sprüche machte man auf die Werbung. Alle zusammen kann man auf den gleichen Nenner bringen, wie er schon bei der schönen Liebschaft galt: Was tie Eldra un tie Leit kfalla hot, war kud un schee. Daß nicht alle Liebschaften zur Werbung führten, ist klar, weil oft etwas dazwischen kam: Andere Burschen oder Mädchen, bessere Gelegenheiten, Krankheiten, Soldatenzeit, Wegziehen, die Walz oder gar der Tod. Das alles war aber nicht so schlimm, wie wenn eine vollzogene Werbung nicht zum Versprechen/Verloben führte.

2.8.1 Angenommene Werbung
Obwohl noch nicht verlobt (versprochen) legte sich das Mädchen bei einer angenommenen Werbung auf den Werber fest, trug von ihm ein sichtbares Schmuckstück und stand auch mal allein mit ihm vor dem Tor, bis es stockdunkel wurde. Die Mutter horchte hinter dem Tor, bis es Zeit wurde zum Reingehen - ungefähr nach dem unverständlichen Wispern und dem ersten längeren Kuss. Das war auf den kleineren Heidedörfern so, in den größeren an der Donau oder Theiß, wo die Jugend schon mal an einem sonnigen Feiertag hinaus auf das Wasser und zu einem heimlichen Plätzchen ruderte, konnte die Mutter die Küsse nicht mehr zählen. Da kam auch schon mal mehr vor. Überhaupt in einem heißen Sommer, wenn das lange Baden müde machte und man sich in einer Sandbucht gemeinsam ausruhte.

2.8.2 Misslungene Werbung
Gab es bei der Werbung keine feste Einigung, in Bezug auf eine baldige Verlobung, oder ging man gar wieder auseinander, so konnten sich die Eltern des Paares öffentlich trösten: Mir schmeißa unsr Kint niemand noch; was net is, wert schun noch wera; anri Eltra henn a scheeni Puuwa (odr Madl). Die Eltern des Mädchens machten sich heimlich dennoch Sorgen, dass ihre Tochter zur ,alten Jungfrau’ würde, und die des Burschen hatten mehr oder minder Angst, dass ihr Sohn ein leichtes Leben beginnen würde. Für beide Elternpaare war es das Beste, wenn bald wieder die Kupplerin (Kopplmottr) in Aktion trat. und für das verlassene Mädchen – oder den abgelehnten Burschen – eine neue Partie suchen. Weil sich bald ein neue einfinden konnte, war die misslungene Werbung nichts endgültig Schlimmes. Und wenn es mit dem neuen Werbe-Versuch auch nichts wurde, kam eben ein weiterer... pis tes Hefili sei Teckili kfunda hot. Ledig blieb selten eine oder einer nur deshalb, weil es beim erstenmal nicht klappte. Ledige gab es mehr unter den Burschen, als unter den Mädchen, und der Grund war oft derselbe, wie heutzutage: zu wenige Mädchen, zu viel Arbeit, mehr Auskommens- als Heiratssorgen, immer zu spät und zu lahm ans Suchen gegangen oder einfach kein Interesse am anderen Geschlecht.

2.8.3 Die Kupplerin
War der Wille da aber die Gelegenheit nicht, so gab es ein fast sicheres Mittel zum Heiraten, die Kupplerin. Sie gab es in einem Dorf mindestens einmal hauptberuflich für alle und noch mal in der Verwandtschaft für die Nächsten, als Freundschaftskupplerin. Wenn die Kupplerin eine Kuppelei vorhatte, hängte sie ihren roten Tschurak (ärmelloser Umhang) um und ließ sich mit ihm in der Kirche oder/und auf der Gasse sehen. Dann wussten alle Leute, dass sie einen Auftrag hatte, einen Burschen oder ein Mädchen zum Heiraten zu finden. Schon beim Auftrag bekam sie ungefähr gesagt, wer in Frage kommen könnte, und sie hat es auch gleich bei Dem- oder Derjenigen versucht. Wenn man sie in ihrem roten Umhängetuch kommen sah, wusste man, was sie will. Nach einer kurzen Bewirtung mit einem Schluck Wein, kam sie auf die Kuppelwerbung: Sie hätte da jemand... wüsste jemand ... reich oder im besten Alter, usw. Zuerst staunten alle und leugneten, dass im Hause jemand heiraten möchte, aber nach einer gemütlichen Stunde und gutem Zureden wurde die Werbung ernst genommen, abgelehnt oder angenommen. Bei Annahme hängte die Kupplerin ihren Tschurak verkehrt um, so dass alle Leute an der schwarzen oder blauen Außenfarbe sahen, dass die Werbung erfolgreich war. Bei keinem guten Ausgang, blieb der Tschurak außen rot und die Kupplerin hat weiter, vielleicht in einem Nachbardorf, a kudi Partie suchen müssen. War diese gefunden und beiden Seiten recht, so kamen die Verkuppelten im Brauthaus zusammen und hielten bald die Verlobung.

2.9 Verlobung
Wann tu heirata wilsch, schau tier tie Mottr oo. Das Versprechen war eine ernste, verlässliche Angelegenheit, weil es von den Brauteltern so gesehen und festgelegt wurde für alle Zeit. Zuerst bekam die Zukünftige von ihrem Zukünftigen vor ihren und seinen Angehörigen einen Verlobungsring und einen Kuss, dann wurde angestoßen mit dem besten Wein, und man begann über die Aussteuer zu sprechen. Unsr Puu kriegt tes un tes Feld, tie un tie Roß odr Eirichtung far a Werkschtatt - un unsram Madl kewa mr so-unso-viel Keld, tie pescht Milichkuh un varleifich tie paar Joch tart... Beim Verlobungsfest (Vrsprechahalda) wurden am Abend vor dem Brauthaus Spreu und Maisstängel ausgestreut, womit man darauf hinwies, dass es hier mit dem Nestbau losgeht. Verlobte ließen sich überall bereits wie Verheiratete sehen, was das öffentliche Schmusen, Umarmen und Küssen angeht. Umgekehrt sah man sie als verlobt an, wenn sie sich auf der Straße eng beieinander zeigten. Wegen dieses Zustandes war die Verlobung für Verliebte die schönste Zeit. Nur mussten sie vor dem nächsten Schritt aufpassen.

2.9.1 Verlobungsvertrag.
War der Bräutigam z.B. ein auswärtiger Staatsdiener, Polizist oder Grenzsoldat - egal in welchem Rang -, dann musste er einen Vertrag unterschreiben, in dem er auf das Bargeld der Braut verzichtete, und wenn nicht, gab er dem zukünftigen Schwiegervater einen blanko Schuldschein, in dem die Fälligkeit nachgetragen werden konnte. Oder es kam auch schon mal vor, dass der Schwiegervater bei einer guten Offizierspartie einen größeren Geldbetrag auf ein Sperrkonto einzahlte, für die Zeit nach der Hochzeit, wenn dann der Schwiegersohn frei darüber verfügen konnte. Die Heirat mit einem Staatsdiener galt fast für jedes Dorfmädchen als großes Glück und kam noch vor der mit dem reichen Bauern.

2.9.2 Der erste Liebesakt
Dieser nicht immer selbstverständliche Schritt nach der Verlobung erfolgte (oder passierte!), in einigen befragten Familien, ungefähr vier Wochen vor der Hochzeit, als man schon so gut wie verheiratet war und die Brauteltern erlaubten, dass der Zukünftige - oder jetzt schon Bräutigam - bei der Braut übernachtete. War das der Fall, so wussten es alle Nachbarn. Sie waren auch die Zeugen, dass die Ehe schon sicher war. Wenn es dann, was auch vorkam, doch nichts damit wurde, holte man sie als Zeugen für das fällige Kranzgeld oder für mehr, wenn die Braut in andere Umstände gekommen war. Führte der erste Akt gleich zur Schwangerschaft, so steigerte sich die Aufregung in den Familien des jungen Paares zur kopflosen Hektik. Meist wurde sofort geheiratet und das unmoralische Verhältnis so legalisiert.

2.9.3 Verbotene Liebe
Zu strenge Sexualerziehung und eine religiöse Moral verhinderte meist eine normale, ungezwungene Beziehung zwischen den Geschlechtern. Weil jegliche körperlichen Berührungen verboten waren, wurden sie auch von den jungen Menschen während des ,Kennenlernens’ lange gemieden, und wenn sie geschahen, erzeugten sie eine riesige Nervosität bei beiden Teilen. Ruhig zu bleiben oder gar eine ,unkeusche’ Berührung zuzulassen war eine Schande, weil der Partner damit unerlaubte Erfahrung in Zusammenhang brachte – und möglicherweise die Lust an der Verbindung verlor, ja abbrach. Unter diesen Gesichtspunkten musste ein Mädchen unschuldig in die Ehe – oder zumindest in die Verlobung – gehen.

2.9.4 Jungfräulich in die Ehe
Noch bis in die Zeit zwischen den Weltkriegen ließ sich die überwiegende Mehrheit der Verlobten das engste Umarmen, streng nach der christlichen Lehre und dem Sechsten Gebot, für die Hochzeitsnacht übrig. Dann kam es auch schon mal vor, dass die Braut nicht aufgeklärt war und nicht so recht wusste, was in der Hochzeitsnacht das Wichtigste ist und wie die Kinder entstehen. Wenn dann, bei ganz jungen Pärchen, der Bursche auch nichts wusste, ist bei der Aufregung in der Hochzeitsnacht auch nichts passiert. Um das zu vermeiden, gab es oftmals im vorehelichen Stadium, von einer nahen Verwandten, für die Brautleute eine freie Aufklärung. Bei streng christlichen Familien klärte der Pfarrer umständlich auf, deshalb, weil er ja nach der Schrift – ,liebet und mehret euch’ - wusste, was im Ehesakrament Pflicht und erlaubt ist. Wenn die Verlobten im Pfarrhaus ihren Hochzeitstag anmeldeten, wurde gebeichtet. Wusste der Pfarrer von der Beichte her, dass die Braut und der Bräutigam noch unschuldig seien - was oft der Fall war -, so musste in der Christenlehre etwas mehr übers Heiraten geredet und aufgeklärt werden. Da wurde dann neben dem christlichen Leben, christlicher Treue, Familie und Erziehung, katholischer Namen und Pflichten – wie Kirchgang und Geldspenden - auch über Kinderzeugen und –kriegen gesprochen.

2.10 Heirat
Tie Reichi sella tie Reichi heira un tie Armi tie Armi; ter odr tie setzt sich in a kmachtas Nescht; wer sich niks vrheiart un niks erbt, pleibt arm pis r sterbt; Keld alloo macht net klicklich... Solche und ähnliche Sprüche gab es viele, und sie alle galten nur bei den anderen, nicht bei sich selbst. Die Heirat war so oder so immer ein Schritt in ein ungewisses Leben. Und wenn auf das Sach und nicht auf die Liebe geachtet worden ist, gab es mehr Unglück als Glück in der Ehe. Manche Verheiratete kamen spät, andere nie im Liebesglück zusammen. Im Großen kann man schätzen, dass Liebesheiraten selten waren. Die meisten waren Vernunftehen, bei denen nach und nach die gute Gewohnheit im Auskommen miteinander überwog. Und die Zeit belohnte die ausdauernde Gemeinsamkeit oft mit Erfolg im Wirtschaften, Kinderkriegen und gutem, traditionellem Familienleben – schließlich mit Zufriedenheit. Das alles wog mehr als ein anfängliches Liebesglück, was aber nicht heißen soll, das auch diesem eine lange – vielleicht lebenslange – Dauer beschieden sein konnte.

2.10.1 Blitzheirat
Die meisten Ehen wurden sozusagen nach altem Brauch geschlossen. Selten, aber doch musste manchmal ,blitzschnell’ geheiratet werden: Weil das Mädchen schwanger war und die Eltern zur schnellen Heirat drängten; weil der Bräutigam einrücken musste; weil man unbegreifliche, jugendliche Angst hatte, 'oschichtich' zu bleiben; weil man eine neue Arbeitskraft im Hause brauchte; weil die Freundin heiratete und man nicht allein herumlaufen konnte; weil man eine gute Gelegenheit nicht ausließ; und vielleicht auch, weil ein junges Pärchen zusammen ausriss und die Beziehung schnellstens legalisiert werden musste. In allen solchen Fällen hieß es, augenblicklicher Ringtausch vor den entsetzten Eltern, mit kleiner Verlobungsfeier und Aufgebot beim Pfarrer und auf dem Rathaus. Das Hochzeitsfest musste deshalb nicht weniger festlich ablaufen.

2.10.2 Einladung zur Hochzeit
Sie wurde durch zwei nahe, männliche Freunde des jungen Paares mündlich den Gästen überbracht. Die Hochzeitslader waren aufgeputzt mit einem Rosmarinsträuschen am Hut und auf der Brust. Sie hatten einen vollen Weinbehälter aus Leder/Weinbeutel (Weitschuttra) dabei, der langsam bei den Geladenen geleert wurde. Beim Eintreten in den Hof der Geladenen riefen die Lader ein paar Mal laut hujujuuu. Danach sagten sie gleich das Ladesprüchlein auf: Mir wera kschickt vun tie Prauteltra Sounso - Name der Brautfamilie und der vom Bräutigam - un ihr selt tann un tann, um sounsoviel Uhr ins Hochzeitshaus kumma. Dr Tisch werd kateckt sei, Messr un Kawl messt ihr mitpringa... Die Geladenen nahmen die Ladung an und bekamen einen Schluck Wein aus dem 'Tschtuttra'. Dann gingen die Lader mit einem frischen Hujujuu weiter zu den nächsten Gästen, die auf ihrem Zettel standen.

2.10.3 Tag vor der Hochzeit
Ein wichtiger, hektischer Tag. An ihm wurde die Braut onduliert und manikürt. Wenn es im Dorf eine Frisöse gab, machte die ihr das Haar schön, wenn nicht, irgend ein anderes ortsbekanntes Weib oder geschicktes Mädchen. Reiche ließen die Frisöse zu sich in das Brauthaus kommen, und wenn es sein musste aus dem nächsten Dorf.

2.10.4 Abend vor der Hochzeit
Er hieß Polter- oder Kränzchenabend und man feierte ihn im gleichen Wirtshaus, wie das Hauptfest. Geladen wurden dazu alle Hochzeitshelfer, aber gekommen sind nur die jungen Menschen, die Brautführer und Kränzelmädchen. Von den übrigen Gästen ein paar Neugierige und von der Hochzeitsmusik auch nicht alle. An diesem Abend saßen die Brautleute noch getrennt voneinander: die Braut bei den Mädchen, der Bräutigam bei seinen Freunden. Beim Tanzen durfte aber nur der Bräutigam die Braut holen und brachte sie nachher auch gleich wieder auf ihren Platz.

Am Kränzelabend aß man wenig und trank viel, weil es ja der letzte Abend in der Kameradenfreiheit war. Ungefähr nach Mitternacht führten alle zusammen die Braut nach hause. Dort wartete man schon auf sie und schmiss hinter dem Tor altes Porzellangeschirr auf den Pflasterweg, damit es einen je größeren Krach machte. Scherben brachten dem jungen Paar Glück. Die männlichen Freunde brachten dann noch den Bräutigam heim und tranken mit ihm noch ein letztes und allerletztes Glas leer. Pis zum Hochzeitstag am andren Morgen schliefen die jungen Leute nicht mehr viel.

2.10.5 Der Hochzeitstag
In der Frühe ging der Bräutigam, noch vor allen anderen Gästen, zur Braut und holte sie in die Kirche zur Beichte ab. Die Braut war da noch wie an Sonntagen gekleidet. und hatte nur ein Rosmarinsträußel im Haar; der Bräutigam trug seines am Rockaufschlag (Brustkragen). Das Brautpaar musste immer am Hochzeitstag in der Frühe beichten und kommunizieren, auch wenn es reich war und ein eigenes Hochamt am Nachmittag hatte. Arme gingen mit den Gästen in die Frühmesse oder in das allgemeine Hochamt. Geheiratet wurde meist im Winter, in der Faschingszeit, im Frühling, nach dem Fasten und im Spätsommer, nach der Erntearbeit. Wenn es am Hochzeitstag regnete, sagte man: Sovieli Treppla ins Kränzl regna, soviel Gottassega henn tie Prautleit. Gleich nach der Hochzeitsbeichte hat eine geschickte, fremde Frau aus dem Dorf die Braut angezogen. Aus der Brautfamilie durfte nur die Brautmutter beim Brautanziehen dabei sein.

Ankunft der Gäste: Versammelt haben sich die geladenen Gäste im Hof und Gang des Bräutigams. Sie hatten ihre beste Kleidung an, wo auf der linken Brustseite ein Rosmarinsträuschen mit Stecknadel angeheftet war. Die mitgebrachten Geschenke legten sie auf einen großen Tisch und wurden vom Vater des Bräutigams und den Hochzeitshelfern mit Wein und Schnaps traktiert. Das größte Geschenk bekamen die Brautleute von ihren Paten, da deren Pflicht und Schuldigkeit mit der Hochzeit vorbei war. Sobald alle Gäste beisammen waren, fuhren der Bräutigam, seine Familie, die Brautführer und nächsten Freunde auf geputzten Wagen in das Brauthaus und holten die Braut, unter lustigen Hujujuu-Rufen, zur Kirche ab. Zeigte sich die Braut fertig angezogen, in einem geblümten Samtkleid (dem Plüschgeblühmten), mit Schleier und weißem Kränzchen, gaben ihr alle nacheinender die Hand und wünschten ihr Glück im Ehestand. Sie antworte jedes Mal darauf, mehr oder weniger aufgeregt, danke schön.

In der Kirche saßen die Brautleute bis zur Trauung getrennt in der ersten Sitzreihe. Zur Trauung führten die Brautführer, die zugleich auch die Trauzeugen waren, Braut und Bräutigam zum Altar. Unter ihnen befanden sich zwei jungverheiratete Freunde, die man als junges Patenpaar ausgewählt hatte. Hatte die Braut einen langen Schleier, so wurde dieser von zwei oder vier Kränzelmädchen getragen; sonst, ohne Schleier, gingen zwei größere,. bald heiratsfähige Kränzelmädchen hinter der Braut her. Sobald der Pfarrer mit der Trauung begann, stellten sich das Brautpaar nebeneinander. Zuerst sagte der Priester lateinisch, dann hochdeutsch die Trauungssprüche her und steckte zum Schluss die Eheringe auf seinen und ihren Ringfinger. Zum Abschied drückte er beiden die Hand und wünschte ihnen Glück.

2.10.6 Der Hochzeitszug
Er bildete sich nach der Trauung in der Kirche. Auf dem Weg aus der Kirche gingen die Brautführer vorne rechts und links her, so als machten sie dem Brautpaar den Weg hinaus ins Leben frei. Die Braut hatte sich beim Bräutigam eingehenkt. Hinter dem jungen Paar gingen die Kränzelmädchen, die Eltern von ihm und ihr, die neuen Paten, Familienmitglieder und nähere und entferntere Freunde. Vor der Kirche wurde bei uns weder gesungen noch musiziert. Nur unter den herumstehenden Kiebitzen gab es einige laute Hujujuu-Rufer und Necker der Brautleute. Vor der Kirche formierte sich der Zug entgültig, und es ging nun zum Hause des Bräutigams zurück oder in ein Wirtshaus, wo die Hochzeitsmusik und die gedeckten Tische warteten. Unterwegs hüpften ein-zwei lustige Burschen mit vollen Weinbeuteln (Tschuttrahupsr) vor und um den Hochzeitszug herum; das bedeutete - nach Márnai-Mann - das für das Brautpaar ein neues Leben begann, bei dem Lust und gute Laune notwendig sein würden. Daheim oder im Wirtshaus angekommen, spielte die Musik zuerst einen Tusch und dann einige verschiedene Tänze zur Tanzprobe auf, bis ungefähr alle Gäste ihre vorbestimmten Plätze eingenommen hatten. Man legte schon Wert auf eigene Platzzuweisung, doch namentlich oder numerisch gezeichnet waren die Plätze nie.
2.10.7 Das Hochzeitsessen
Mit dem Hochzeitsessen begannen Braut und Bräutigam, sobald alle Gäste Platz genommen hatten. Meist gab es: Rindsuppe, Rindfleisch, Schweinsrücken (Ruckmasel) mit Tomaten- oder Meerrettichsoße, danach Schweins- oder Rindspaprikasch mit Brot, seltener Kartoffeln, und sauren Gurken oder, ihm Frühjahr, grünem Salat, dann noch Reisbrei mit Zimt, Zucker und Rosinen (Ziwewa). Zum Trinken hatten die Großen Wein mit und ohne Sprudel (Soda), die Kleinen Sprudel oder Sprudelsaft (Krachl). Mit Einsetzen der Tanzmusik wurde verschiedener Kuchen und eingedünstetes Obst (Tunscht), in Schüsseln aufgetragen und auf den Tischen stehen gelassen. Um Mitternacht gab es noch einmal Braten mit Soße und Weißbrot. Ein gewöhnliches Hochzeitsessen dauerte drei Stunden, und während des Essens spielte langsame Musik. Während des Kuchenessens begann beim Brauttisch die Tafelmusik oder Stimmungsmusik und bald danach die Tanzmusik. Den ersten Tanz tanzte die Braut mit dem Brautvater, der zweite Tanz gehörte dem Kumma-Paten, der dritte und die nächsten dann dem Bräutigam. Mit Abklopfen bekam man vom Bräutigam die Braut für einige Takte. Manchmal zahlten die Männer dafür Geld in ein Körbchen. Gespielt wurde viel, getanzt und getrunken auch.

2.10.8 Entkleidung der Braut
Am späten Abend wurde der Braut der Schuh gestohlen und bei - amerikanischem - Versteigern wieder der Braut zurückgekauft. Um Mitternacht nahm der Bräutigam der Braut den Schleier und das Kränzchen vom Kopf und setzte ihr eine Haube (Schopf) auf. Danach tanzte die alte Patin mit der Braut den ersten Schopftanz und gab sie bald weiter, so dass nacheinander alle Gäste, Männer und Frauen mit ihr tanzen konnten. Für diese Ehre taten wieder alle ein-zwei Geldscheine in das Bastkörbchen (Packsimbl), das die Patin herumtrug und danach bei sich für das junge Paar aufbewahrte. Wenn es den Freunden (Kumrada) beim Schopftanz gelang, die Braut zu stehlen, so musste der Bräutigam sie suchen und mit Freigetränk (Aldumasch) loskaufen. Gegen Morgen verschwand das junge Paar in seinem Schlafzimmer.

2.10.9 Hochzeitsdauer
Eine bäuerliche Hochzeit dauerte drei Tage, von Freitag bis Sonntag oder von Samstag bis Montag. Wenn zuerst, was früher der Fall war, kirchlich geheiratet wurde, war diese Trauung am Samstag und die standesamtliche am Montag darauf. In neuerer Zeit, zwischen den Weltkriegen, heiratete man im Gemeindehaus am Samstagvormittag, und die kirchliche Trauung war entweder am Samstagnachmittag, mit einer eigenen Messe, oder Sonntagvormittag im öffentlichen Hochamt. Aber auch dann galt der Montag noch als dritter Hochzeitstag.

2.10.10 Gründung des Hausstandes
Gleich nach der Hochzeit wurde das gesamte Aussteuersach aus dem Hause des Bräutigams in das zukünftige Wohnhaus der jungen Eheleute gebracht. Ebenso die Schlafzimmermöbel, die Milchkuh, ein Kälbchen, die Familientruhe - wenn die Braut eine geerbt hatte oder vom Vater eine neue bekam - und alles andere, das aufzuführen eine lange Litanei ergäbe. Man muss aber auch sagen, dass ein genaues Aufzählen einen bei den Jungverheirateten ein wenig in Verlegenheit bringen würde, weil man ja - wie schon erwähnt - in manchen Fällen vor der Hochzeit, auf Probe zusammengezogen ist und dann schon Sachen zum Zukünftigen brachte; das Bett oder die andere Einrichtung waren auch schon dort 'auf Probe'.

2.10.11 Mischehe
Mehr als Probe war der Umzug nur bei den – wenigen! – Mischehen mit Ungarn: Das Wegbringen von Brautsachen gehörte schon zur Hochzeitsfeier und wurde von der Kameradschaft einige Tage vor der Trauung erledigt; schön gekleidet und mit viel Wein und Ujujuuu ging man zu den Brauteltern und fragte sie nach dem Brautbett aus - ob es neu oder alt ist, schmutzige oder saubre Wäsche hat - und ob man es mal sehen könnte; die Eltern mussten es zeigen, und die Junge Halt hat mit viel Jubilieren und Gelächter mal ein Polster und mal die Tuchent aufgehoben; bei dieser Gelegenheit tat der Nächstbeste ein Nest voll junger Mäuse in den Strohsack oder unter das Federbett, und gleich als ihm das gelang, fing er an zu schimpfen über den Schmutz und Gestank, der aus dem Bett kam.: 'So ein Bett könnte man keinem rechten Mann ins Haus bringen - und wenn doch, dann würde das einige Aldumasch mehr kosten!' Die Brauteltern erwarteten natürlich so etwas schon und rückten gleich das Geld heraus. Darauf lud die junge Männergruppe (Puwahalt) gerne das Bett auf einen Wagen und fuhr es in das Haus des Zukünftigen.

2.11 Gesundheit - Krankheit
Auf dem Dorf war man so lange gesund, wie man arbeiten konnte und in seinem Trott war. Wenn es mal da und dort zwickte und weh tat, ging man nicht gleich zum Arzt und unternahm auch nicht gleich etwas dagegen. Der Zustand vom halben Kranksein, der eine Schonung verlangt hätte, kannte man nicht. So lange man als gesund galt, hätte man sich geschämt, öffentlich eine Schwäche oder Vorbeugung zu zeigen. Nur zuhause, im Stillen, tat man auf verschiedene Art etwas für das Gesundbleiben. Man brühte sich lieber Gesundheitstee auf, als schwarzen oder solchen, der nur gut schmeckte. Geschwollene Hände oder Füße kamen gleich abends in heißes Salzwasser. Bei Kopfweh massierte man den Nacken. Schnittwunden verband man mit eingeweichten Schwarzwurzeln. Eine blutige Nase heilte man mit kaltem Wasser und einem feuchten Lappen (Tiechl). Auf eitrige Wunden tat man am besten abgekochte Wurzeln der Birke (Weißpappl). Gegen Erkältung rieb man den Hals mit Schweineschmalz ein. Bei bösem Husten wurde eine Pelzkappe auf die Brust gelegt. Kurz und gut, bei allen möglichen Krankheiten und Unpässlichkeiten gab es Bauern- und Hausmittel.

2.11.1 Gefährliche Krankheiten
Solche Krankheiten, bei denen nur ein Arzt oder ein Krankenhaus helfen konnte, gab es am häufigsten als: Tuberkulose, chronisches Gallenleiden, Diphtherie, Typhus, Windpocken, Geschlechtskrankheiten, Tollwut (Wiedichkeit), Nervenleiden, Gewächse und Krebs. Bei allen diesen war das Heilen schwierig und langwierig und die Sterbenszahlen groß, weil es noch keine oder nur schwache Medizin gab.

2.12 Hausmittel
Übersicht über die Hausmittel, die damals halfen: Appetitlosigkeit - bitterer Schwarztee mit einem Schuss Schnaps. Asthma - regelmäßig morgens und abends Lorbeertee. Augenentzündung - Honigumschläge und solche mit eingeweichten Krautblättern. Bienen- und andere Stiche - Umschläge mit geriebenem oder kleingehacktem Knoblauch. Blähungen - auf nüchternen Magen eine Tasse gekochte Milch mit Kümmel trinken. Brandwunden - 10 Minuten lang mit kaltem Wasser übergießen. Brennesel- oder Ameisenstiche - Umschläge mit Zwiebelscheiben. Entzündungen der Haut - feuchte Lehmwickel oder Umschläge mit brühwarmem Quark. Fieber - gurgeln mit Kamillentee, nur heiße Milch trinken (bei schwerem Fieber von Mumps, im Kindbett, Ruhr, usw. hat man gleich den Arzt aufgesucht). Furunkel - viel Knoblauch und wenig Fleisch essen. Gallenleiden - auf nüchternen Magen Rettich, tagsüber wenig Fleisch essen. Gerstenkorn - waschen mit warmem Wasser und Kartoffelbrüh-Umschläge. Gicht - Umschläge mit Pellkartoffeln und Weinessig, kein Fleisch essen. Haarausfall - waschen mit starkem Kamillentee, Haarmassage mit kaltem Wasser, Obst vor dem Schlafengehen essen. Halsweh - heißen Zitronensaft mit viel Honig vermischt, mehrmals am Tage trinken und Umschläge mit gerösteten Zwiebeln. Hexenschuss - waschen mit Essigwasser und einreiben mit Franzbranntwein. Herzweh - weniger essen, gar kein Nikotin oder Alkohol, täglich einmal den ganzen Körper mit kaltem Wasser einreiben. Epilepsie (Hiefallat) - Aufregung vermeiden, viel schlafen, Gemüse und wenig Fleisch essen. Hühneraugen - Umschläge mit rohen Zwiebeln, bis sich das H. abschälen ließ, dann heißes Fußbad. Husten - Holunder- oder Lindenblättertee und ein Teelöffel Honig darin verrührt trinken. Übelkeit und Erbrechen - eine Zeitlang nichts als Kamillentee, Zwieback und geriebene Äpfel zu sich nehmen. Kopfschmerzen - warmes Fußbad, Tee aus Baldrianwurzel, Pfefferminzblättern und Lavendelblüten. Kropf - viele Äpfel und Knoblauch roh, Spinat leicht gekocht essen. Krätze - viel Obst und Gemüse essen, öfters baden, mit Krätzensalbe einreiben (Apotheke). Leberleiden - viel Rettich essen, Disteltee trinken. Lungenleiden - Luftbäder, viel in der Luft - im Schatten - ausruhen, fettes Essen mit viel Ost und Gemüse zu sich nehmen. Magenschmerzen - fasten, einen Tag lang nur Zwieback und Kamillentee. Nierenschmerzen - nichts scharfes essen, viel Milchbrei, Zwiebelsalat; heißes Sitzbad scheidet evtl. Steine aus. Blutstillen bei Schnittwunden - abbinden, mit Eiweiß einreiben. Reißen und Jucken - Lehmwickel und mit Obstessig einreiben. Rheuma - heißes Salzwasserbad, Lehmumschläge. Schlafstörungen - Baldriantropfen auf Würfelzucker, warme Fußbäder vor dem Schlafengehen. Schwindelanfälle - Pfefferminztee trinken, Puls unter kaltes Wasser halten. Sodbrennen - trockene Brombeerblätter zehn Minuten lang kauen. Durchfall - nur Pellkartoffeln essen und etwas ungezuckerten Kamillentee trinken. Unterleibsschmerzen - warmes Baldrianbad. Verstopfung - abends nur Gemüse und Obst essen, viel an der frischen Luft aufhalten. Würmer im Stuhl - mehrmals täglich geriebene Äpfel und Gelberüben essen, viel Knoblauchtee trinken. Zahnfleischblutung - Mundspülung mit Salbeitee. Zahnweh - geriebene Kreide auf der Seite durch das Nasenloch einziehen, wo es weh tut.

Erst wenn die Hausmittel nicht halfen, ist man zum Arzt gegangen.

2.13 Öffentliche Gesundheitsversorgung
Zum Beispiel gab es in den Dreißigern, in Baja: 5 freischaffende Ärzte auf ca. 30 tausend Einwohner, in der gesamten ungarischen Batschka waren es 19 für 27 Dörfer. Für Stadt und Umgebung gab es genügend Krankenbetten in Krankenhäusern. Die städtische Ambulanz war ausgerüstet für leichte Operationen, Augenkrankheiten, Unterleibs- und Hautkrankheiten, Zahnbehandlungen, Hals-Nasen und Ohren, Röntgen- und Quarzbestrahlung und innere Krankheiten. Weil die meisten Kranken auch von den Dorfärzten in die Stadt zur Behandlung überwiesen wurden, ist eine Jahresaufstellung aller Krankenhaus-Behandlungen interessant: 909 Operationen, 526 Augenbehandlungen, 1006 Behandlungen vom Unterleib, 1345 Zahnbehandlungen, 579 HNO-Behandlungen, 741 innere Behandlungen. Die 5 städtischen Ärzte behandelten im Jahre 1933 in ihren Hauspraxen 5061 Kranke; die 19 Kreisärzte 3586 Personen.

2.14 Brauchen und Aberglauben
In einem arztlosen Dorf versuchte man alles, um eine Krankheit loszuwerden, bevor man ins Nachbardorf zum Arzt ging. Wenn die Hausmittel nicht halfen, musste eine Braucherin her. Schon bei ihrem Abholen sagte man ihr, um was für Beschwerden es sich handelt. Danach hat sie aus ihrer Brauchersammlung ein paar Dinge mitgenommen. Vor dem Krankenbett angekommen wusste sie gleich, was zu tun ist: Bei einer Krankheit mit Halsschmerzen waren einreiben mit Schmalz und anzünden geweihter Kerzen gut, die man in brennendem Zustand rechts und links an den Hals hielt und wispernd betete; gegen eine andere Geschwulst gab es besonderes Gras und Handauflegen; hohes Fieber ging - manchmal - mit Teeumschlägen und Beten weg... Bei fast allen Krankheiten meinte man, dass die Braucherin helfen könnte, zumindest hat sie es immer versucht mit Handauflegen, Heilumschlägen, Heilgras, Heilzeichnung an der Stubentüre oder am Krankenbett. Und was sie vom Brauchen wusste, durfte sie nicht verraten, bis sie im Sterben lag. Dann offenbarte sie sich, wenn sie keine eigene Tochter hatte, einem verwandten oder fremden, jungen Mädchen und gab ihm die alten Schriften, in denen das wichtigste, überkommene Brauchen stand.

Der dörfliche Aberglauben war fast so stark, wie der christliche Glauben. Wenn sich etwas vom Schattenglauben im Volk festgesetzt hatte, blieb es über ganze Generationen unter ihm - bis es vielleicht durch neuere Erkenntnisse überholt wurde. Man kann unseren damaligen Aberglauben (Awrklaawa, auch Schatta- oder Stekareita genannt) aus mehreren Blickrichtungen sehen: 1. Aus der christlich-gläubigen, dann vermischte man ihn gerne mit dem rechten Glauben; 2. aus der ungläubigen, wo nur alte Bestandteile vorkamen, die auch ohne Beten ihre Wirkung hatten; 3. noch aus uneinheitlichen, bei denen manche Menschen glaubten, was ihnen gerade passte.

Zu der ersten Art gehörte das ganze Brauchen, wo viel gebetet wurde aber auch übernatürliche Einbildungen vorkamen. Die zweite hielt sich mehr an praktische, alltägliche Erfahrungen, die nur nützlich waren, wenn man an sie glaubte: z.B. dass man einem Kind unter einem Jahr die Fingernägel nicht schneiden, sondern nur beißen darf, sonst wird es ein Dieb; seine kleine Füße darf man nicht küssen, sonst würde es nur schwer laufen lernen; wenn es ein Jahr alt wird, soll man ein Geldstück, ein Glas Wein und ein Buch vor es legen; nach welchem es langt, das wird sein Schicksal... Beim dritten - das setzte man ihm Lager nach dem Krieg bei unseren Menschen viel ein - hat man auf die Erfahrungen noch das Beten gesetzt, damit die Wirkung größer wird: In ein Gebetbuch band man den größten Hausschlüssel so, dass sein runder Griff oben herausschaute. Daran wurde eine halbmeter lange Schnur gebunden. Auf die Tischplatte malte man ein Kreuz oder streute es mit Mehl oder Sand und ließ das Gebetbuch darüber pendeln. Wenn es auf eine Frage stark pendelte, so war das als Ja-Antwort zu verstehen, bei schwachem Pendeln als Nein. Die liebste Frage hieß: Heilichas Piechl, sak uns, in wieviel Monat, Wocha un Täg kumma mr hoom? Und das Gebetbuch wackelte öfter - zu oft! - hien und her, so dass einem leicht die Tränen der Verzweiflung kamen. Ein andermal stellte man vor jeden, der um den Tisch herumsaß, eine brennende Kerze; wessen Kerze am schwächsten brannte, der musste sich vor Krankheit hüten, weil er als nächster, der Kerze nach, hätte sterben sollen.

2.15 Geister, Hexen und Druden
Je abgelegener ein Dorf lag, umso mehr war es umspannt von einem Netz übernatürlicher Wesen, Geistern, die zwar unsichtbar blieben, von denen aber jeder, der durch den Wald, über einen Morast oder tiefen Sand ging, wusste, dass sie da sind. Im Wald griffen sie mit langen Ästearmen nach ihm, in den Morast konnten sie ihn hinunterziehen und im Sand kam er nur schwer vorwärts. Geister oder Geistergeschichten gab es so viele, dass man in jedem Jahr zu bestimmten Zeiten - Rorateabende, Faschingsnächte, im April um die Georginacht, in heißen Augustnächten und um die Jahreswende - immer neue erzählt bekam. Die Geistererzähler waren meist ältere Menschen aber auch solche jüngere, die den 'bösen' oder 'anderen' Blick hatten. Geister (Gaaschtr) waren dann im Spiel, wenn was Unerklärliches vorkam. Je ungebildeter die Dorfmenschen waren, umso öfter passierte so etwas.

2.15.1 Hexen
Mit Hexen war es anders: Sie hat man in den verschiedensten Arten sehen können - als schönes Mädchen, unschöne Alte, als Pferd, Hengst, Kuh, Kalb, Hund, Gänserich... Und in all den Erscheinungen richteten sie nur Schaden an. Verhexte Kühe verloren an Gewicht und verendeten schnell; Fohlen kamen tot auf die Welt; Kleinkinder starben plötzlich; ganze Schafherden verschwanden, usw. Und das Schlimme war, dass es dagegen kein Mittel gab, nur ebensolche Gewalttätigkeit: Böse Hexen hat man bestenfalls gleich vom Hofe gejagt, schlimmstenfalls brachte man sie um. Von einer guten Hexe, bei uns gute Fee genannt, hörte man sehr selten etwas - in meinen neunzehn Jahren daheim vielleicht ein-zweimal. Das war, als sie unserer Familie half, in größter Not zu Geld zu kommen: Die Partisanen waren schon ein halbes Jahr im Dorf und die Hetze auf uns Deutsche war fast nicht mehr zu ertragen; im Hause gab es nichts mehr zu essen, und kaufen konnte man, ohne Geld, nichts. Im Garten hatten wir einen frühen Birnbaum, der trug, zum Glück, im 45er Jahr viele Heubirnen (kleine, wilde, aber süße Art). Die selige Großmutter rappelte sich zusammen und setzte sich mit dem größten Futterkorb voll Birnen auf die Gasse. Sie saß noch nicht lange, da kam eine ortsfremde Frau vorbei und kaufte ihr für das ganze Geld, das sie in der Handtasche (Ridikül) hatte, Birnen ab. Kaum war die Fremde weg, kamen aus der Richtung, wo sie hinging, junge Menschen - vielleicht vom Sportplatz her? - und wollten auch Birnen für ein paar Geldstücke haben. Es war noch keine Stunde vergangen, da hatte die Großmutter soviel Geld in der Rocktasche (eingenähte Tasche mit Schlitz unter der Schürze), dass wir davon fast bis zur Lagerzeit (die für uns an Micheli, 29. Sept., begann) das Nötigste kaufen konnten.

2.15.2 Druden
Die Drude war der Hexe ähnlich, nur dass sie ihr Unwesen mehr auf die Gesundheit von Mensch und Tier verlegt hatte. Hexen waren, kann man sagen, für große Schäden im Haus und in der Wirtschaft verantwortlich, Druden brachten kleine Krankheiten oder Unpässlichkeiten. Gegen die ersteren konnte man sich auch nicht so leicht wehren, weil sie vom Teufel persönlich - in der Valpurgisnacht auf dem Hexenberg (Bergkuppe bei Harkány, jenseits der Donau) - ihre Kraft bekamen. Die Druden galten als Frauen aus dem Dorf, die nur einen bösen Blick und ungute Absichten in Richtung ihres Opfers wirken ließen: Wenn sie unverhofft auf dem Hof auftauchten, konnte die Kuh blutige Milch bekommen; eine Wöchnerin konnte plötzlich nicht mehr stillen; Hühner legten keine Eier; der Bauer bekam Bauchschmerzen; das Dach wurde undicht, u.s,w. Gegen das alles konnte man sich meistens zur Wehr setzen: Mit einem Drudenfuß, Drudenstern, Drudenvogel (tote Taube oder Elster, an den Stallpfosten genagelt), Drudenkraut (gemischtes Wiesengras bei Vollmond geerntet und an den Türpfosten geheftet) oder einem Besuch der Braucherin, die immer wusste, was gegen die Drude am wirkungsvollsten ist.

2.16 Der Tod
Eine Witwe sagte beim Leichenschmaus für ihren eben erst begrabenen Mann: To kann ich toch net tanza, wann mei Mann ewa ersch kschtarwa is; wanns awr sei muß, tanz ich toch mit, zuerscht kanz staat... Ein bekanntes Männerlied: Wann tie Ald geschtorben ist, so legt mr sie aufs Stroh; tann geht ihr a kha Fedr in Arsch un stecht sie a kha Floh... Wenn ein Kind starb, hieß es: Tes is nar unnr am Scharz begraawa,.. Solche Sprüche konnte man oft im Dorf hören Sie treffen genau die Einstellung unserer Menschen zum Sterben - das genauso zum Leben dazugehörte, wie die Geburt und Gesundheit und das Lustigsein; das wurde mit dem Spruch bekräftigt: Alles zu seiner Zeit. Man lebte gerne und nahm alle Lebenspflichten an, wie sie kamen. War die vom Herrgott vorgeschriebene Lebenszeit aber um, haderte man nicht, weil das Leben nur für die eine Person beendet war, für die übrigen weiter ging. Der Tod war nur eine natürliche Verwandlung des Menschen, der aus Erde geschaffen war und wieder zu Erde wurde; und die ausgehauchte Seele lebte im Himmel oder in der Hölle ohne Körper weiter, in alle Ewigkeit.

Starb ein Erwachsener, so meldete man auf demselben Gang seinen Tod auf dem Gemeindehaus, beim Pfarrer, Schreiner, Totengräber und bei der Leichenwäscherin. Damit war für die letzte amtliche, christliche und irdische Pflicht des Menschen gesorgt. So ordentlich wie man lebte, ist man auch gestorben. Nach dem Sauberwaschen kam das Anziehen der Leiche in das schönste Sonntagssach und danach das Aufbahren in einen bald gelieferten Sarg vom Schreiner. Er hatte immer einen teueren aus Eiche und einen billigen aus Fichte in einer Einheitsgröße von 1,80 m fertig, nur musste man noch die Ausschmückung des Sarges innen und außen bestellen. Aufgebahrt wurde meist in der Vorder- oder Paradestube auf der Totenbahre, die der Totengräber in das Sterbehaus brachte. Am Fußende der Bahre stand eine Schale mit Weihwasser und einem Buxsträuschen zum Einspritzen des Toten durch die Totengäste. War keine Buxhecke zu finden, so tat es auch ein Mispel- oder Rosmarinsträuschen. Beim aufgebahrten Toten saß stets jemand aus der Familie und betete. Schwarz war die Trauerfarbe für Angehörige und Gäste. Bei Ausnahmen wurde ein Trauerband am Kragen oder Gewand angeheftet. Manche Menschen legten beim aufgebahrte Toten, noch bevor der Sarg zugenagelt wurde, eine feierliche Trauerzeremonie ein, bei welcher der Kantor vor allen versammelten Trauergästen über die Beziehung des Verstorbenen zu allen Anwesenden einen Singsang vortrug und bei dem viel geweint wurde. Weil so ein einstudierter Trauervortrag nicht billig war, konnten ihn sich Arme nicht leiste. Ihres nannte man dann ein stilles Begräbnis.

2.16.1 Begräbnis
Beerdigt wurden die Toten im Sommer am zweiten, im Winter am dritten Tag, meist mit Pfarrer und mindestens einem Ministranten in schwarzem Messgewand. Wer näher zum Friedhof wohnte, ließ seinen Toten bis zum Grabe tragen, sonst nahm man ein Totengespann, und die Begräbnisgesellschaft (Leicht) ging zu Fuß dem Leichenwagen hinterher. Am Grab spielte eine Vereins- oder Totenmusik in sog. kleiner Besetzung: erste und zweite Trompete, kleine Trommel, Posaune und Bass; erste und zweite Geige, Klarinette und Bassgeige. Der Priester sprach und betete für den Toten in dessen Sprache, sang aber sonst nur lateinisch. Nach dem Hinablassen des Sarges, wurde Weihwasser vom Priester, mit seiner Spritzrose, in das offene Grab gespritzt, und die Angehörigen machten noch einmal dasselbe mit einem Buxssträuschen, aus dem Weihwasserschälchen. Während dessen traten Pfarrer und Ministranten einige Schritte zurück und warteten auf einen Angehörigen, der ihnen noch etwas Geld gab, über die amtliche Begräbnisgebühr hinaus, welche man bereits im Pfarrhaus erledigt hatte. Nachdem alle Anwesende den Angehörigen herzliches Beileid gewünscht hatten, ging man auseinander. Während des Beileidwünschens wisperte die nächste Verwandte des Toten manchem Totengast zu - oft unter starkem Weinen -, dass er zum Leichenschmaus nach hause zu ihr oder in eine Gaststätte kommen solle.

2.16.2 Totenmesse
Eine Totenmesse wurde am nächsten Tag - und am ersten Todestag noch mal - in der Kirche verkündet und abgehalten. Bezüglich der Begräbniskosten, welche oft über die Verhältnisse der armen Angehörigen hinausgingen, soll nur soviel erwähnt werden, dass sie oft ein Rind ausmachten oder geliehen waren; nur in den letzten zwanzig Jahren wurden sie auch schon von einer Sterbensversicherung oder Sterbekasse getragen.

2.16.3 Todesursachen
Eine Übersicht über die Sterbensursachen z.B. im Apatiner Bezirk, in der Zeit zwischen 1929 und 38 zeigt, dass an erster Stelle die Herz- und Kreislaufkrankheiten mit 25%, die Lungen- und andere Atmungskrankheiten mit 17,4% standen; dahinter kamen Krebskrankheiten mit 9%, Altersschwäche mit 6,1%, Nerven- und Nierenleiden mit 4,6% und Unglücksfälle mit 1,6%; ungewisse Ursachen werden mit 30% angegeben, da kann man davon ausgehen, dass kein Arzt die Totenscheine ausfüllte, z.B. bei Armen, Zigeunern, Landstreichern und aufgefundenen Toten.

3 MENSCHLICHER ALLTAG
Wenn man behauptet, dass unser Alltag nur aus Arbeit und Geld zählen bestand, so tut man uns Unrecht. Man trifft sicherer ins Schwarze mit der Behauptung, dass er Pflicht, Ordnung und Nutzen war. Das meiste, was einen beschäftigte, war nur den ersten zwei Lebensregeln zu verdanken. Der Nutzen war nicht immer dabei. Stolz und Eitelkeit, bis zur Hoffart, schon. Möglichst nicht auffallen, wenn es aber doch sein musste, dann nur angenehm. Das Heim hat man niemals im Arbeitssach verlassen. Und zuhause arbeitete man nie im Ausgehsach. War die Arbeit vorbei, zog man immer Feierabend- und Abendsach an und setzte sich auf das Gassenbänkchen, wo die Neuigkeiten vom Tage durch die Rätschmühle gedreht wurden. Zuerst, einmal Gehörtes war noch keine Neuigkeit. Erst wenn es auch der Nachbar gehört oder wenigstens seine Meinung dazu gegeben hatte, wurde es eine ausgewachsene Nachricht und man sagte sie weiter. Nur die Städter hielten es anders. Bei ihnen war oftmals 'drei ein Paar' - in jeder Hinsicht. Deswegen wurden sie von den Dörflern in keiner Sicht als etwas Besseres angesehen oder respektiert. Alles Überkommene war dem Bauern heilig. Der Städter brachte schon nach moderneren Maßstäben seine Tage herum.

3.1 Arbeitspflichten
Man könnte die Arbeit aus dörflicher und städtischer Sicht in Ganztags- und Halbtagspflicht aufteilen. Auf dem Dorf gab es nichts, was nicht mit Arbeit zu tun hatte, oder zumindest mit Arbeitspflicht und -sorge. Man war in der Einteilung der Zeit freier, hatte aber auch keinen regelmäßigen Arbeitsschluss. In der Stadt war es anders. Dort hat schon die Uhr die Zeit für alles bemessen. Aufstehen, Arbeitsanfang, Essenspausen (Jause), Feierabend, Schlafengehen. Da wie dort ordnete sich jeder auf seine Art der Wichtigkeit der Arbeitsaufgabe unter. Und man konnte oder wollte nicht diese grundsätzliche Einstellung leugnen. Man war stolz auf das Arbeitsjoch, könnte man im Nachhinein behaupten. Früh nieder und früh auf - verlängert den Lebenslauf. In diesem, noch von den Siedlerahnen aus Deutschland mitgebrachten Spruch, redete man sich ein, dass die Arbeit sogar gesünder ist, als wenn man weniger rackerte.

Arbeitspflicht war Lebenspflicht - und umgekehrt. Man wäre ja nicht so leicht mit dieser Einstellung fertig geworden, hätte man nicht immer, dazwischen sozusagen, eine positive Bilanz ziehen können. Das war es, was einen täglich ein bisschen und in größeren Zeitabständen mehr und mehr aufrichtete. Kurz und gut könnte man das Stolz auf das fertige Sach nennen. Wo am Anfang schwere, ernste Pflicht stand, befand sich am Ende meistens Erfolg auf den man umso stolzer war, je mehr man ihn den anderen Menschen zeigen konnte.

3.2 Lust zum Vorzeigen
Der kürzeste Weg, der Welt zu zeigen, was man mit viel Mühe geschafft hatte, war das Sehenlassen auf der Straße, dann auf den Wochen- und Jahrmärkten und bei den unregelmäßigen Ausstellungen in der Kreisstadt. Wo noch überall im Lande vor der Jahrhundertwende Ausstellungen für alles in Mode kamen, ließen sich unsere Kreisstädte auch nicht lumpen. Eine vollständige Aufstellung der Industriemesse in Baja, aus dem Jahre 1900, ist in einer ungarischen Monografie zu finden. Weil da sicher auch die gesamte Batschka - die ja damals ungeteilt zu Ungarn gehörte - vertreten war, wollen wir davon die wichtigsten Aussteller aufzählen - auch deshalb, weil sie eine fast vollständige Liste derjenigen Dinge bilden, welche im Leben der Ahnen eine Rolle spielten:

Holz, Möbel und Dekor - unter vierzig Ausstellern befanden sich 23 Schwaben; ausgestellt hatten sie Schlafzimmer, Esszimmer, vornehme Wohnzimmer (Saloon), Schreibtische, Spiegelschränke, Kinderbetten, Arbeitsstuben für Frauen/Städterinnen, Bauernstuben, Kunstschreinerei, Bienenkästen, eine Kirchentüre, Bücherschränke, Drechselarbeit, Handtuchhalter mit Spucknapf, vornehmer Kleiderrechen, Polstermöbel, Korbflechtarbeit, Dekoration aus Holz und Gips, Kunstblumen/Seidenblumen, Malerarbeiten, Kinderspielzeug aus Holz, Sensenstiele, Holzfässer, Dekoruhr/Kunstuhr, Turmuhr, Musikuhr, Neuheit einer pendellosen Uhr, Spazierstöcke.

Steinzeug - Betonstufen, Kunststeinarbeit aus Zement (dessen Erfindung damals noch jung war), Gipsmodellarbeit, Häfnerarbeit, Schamottkachel-Ofen, Sparherde, Brandziegel, Dachziegel.

Papier- und Druckerzeugnisse - Kunstdrucke und Bilder, Buchbinderarbeit, Druckereimuster.

Haushaltswaren - Arbeiten des Bürstenbinders, Gold- und Silberbesteck, verschiedene Kämme und Spiegel.

Bekleidung - unter fünfundachtzig Ausstellern die Hälfte Deutsche - mit 21 Schuster, 19 Stiefel-(Tschisma-)macher, 2 Kunstfriseure mit Haartoupets, 7 Damenschneider mit zeitgemäßer Mode, 14 Herrenschneider, 4 Patschker- (Sommerschuh) macher, 1 Militärschneider, 1 Schneider für Pfrarrkleidung, 6 Kürschner mit Gerbbeispielen und fertiger Lederware, Pelzmode, Teppiche, Pelzmützen, 1 Riemer mit Pferdegeschirr.

Weißschneiderinnen und Bauernausstattung - vierundsiebzig Aussteller aus Dorf und Stadt - mit Handarbeit, Stickerei, Hekel- und Strickzeug, Tisch- und Bettdecken, Bettüberzüge, Vorhänge, Wandteppiche, Laubsägenarbeit, Vogelhäuschen, Flechtarbeit, Schmiedearbeit, Eggen, Bauernwagen und Feiertagskutschen (Paradewagen).
Strick- und Webarbeiten - achtzehn Aussteller - mit Zwirnknöpfen, Strickerei-Strümpfen, Rüschenarbeit, Kelimarbeit, serbische Leinwand (besonders grob), Damastarbeit (feines Bettzeug), 6 Weber mit Muster-Kollektionen.

Gemischtwaren und Lebensmittel - zweiundzwanzig Aussteller - mit Mehl- und Schrotarten, Kerzen und Lebkuchen, Seifen, Essigarten, Kuchen- und Brotsorten, Sodawasser und Sprudel (Krachel), Liköre, Streichhölzer aus heimischer Fertigung, reiner Alkohol, Bonbons, Schleckeis, Eiskaffee, Paprika, Schinken, Speck, Schmalz, Salami und eine Neuheit als Viehfutter in Konserven.

Maschinen - fünf Aussteller - für Bauern- und Feldarbeit: Dreschmaschine mit allem Drum und Dran, Sämaschine, Feuerwehrpumpe, verschiedene Handwerksmaschinen.

Eisen- und Metallzeug - dreiundzwanzig Aussteller - mit Flaschnerarbeit, Eisschrank, Schlosserarbeit, Gießereiarbeiten, 5 Messerschmiede, Eisengitter, Gussöfen, Blechmuster, Sparherd, Eisenketten, verschiedene Waagen als Dezimal-, Hand- oder Marktwaage und Gleichgewichtswaage.

Wagen- und Verkehrsmittel - elf Aussteller - mit verschiedenen Wagnerrädern, Wagenleitern, Bauernwagen, Holzachsen, Kutschen (Fiaker), Schmiedearbeiten.
Bauwirtschaft - zehn Aussteller - mit mehreren Bauplänen, Musterwänden, einer Wassermühle, Holzmodell eines Hauses, Turmmodell, Verschiedenes Baugerüst, Mustertor.

Gemischte Industrie - sechsundsechzig Aussteller aus ganz Ungarn - mit Benzinlampe, Petroleumofen, Spirituskocher, amerikanische Metallsäge, Stanzmaschine, Drahtschneidemaschine, Ständer-Bohrmaschine, Biegemaschine, Hand-Gewindeschneider, Berliner Pressteile, bronzene und vernickelte Türbänder, Tür- und Fensterbeschläge, kombinierte Hobelmaschine, Motor-Blasebalg, Ventil-Schleifmaschine, maschinelle Hämmer, Franzosenschlüssel, amerikanisches Feinwerkzeug, Presswerkzeug, Rohrwerkzeug, Kürschnerwerkzeug, Biegewerkzeug, Riemerwerkzeug, Schraubenzieher und -schlüssel, amerikanische Hämmer (?), verschiedene Zangen und Schrauben, Bohrfutter, Türschlösser, technische Zeichnungen (26 Musterbücher), Zierhölzer, Parkettmuster, Spezialschrauben, Intarsienarbeit mit Brandverzierung, Patentverzierung, Edelholzmuster, ungarisches Rindsleder - gute und schlechte Muster, verzinkte Beschläge, Bohrfutter und Spannzeug, elektrische Hausklingel, Schusterwerkzeug, amerikanische Türschlösser, Messerschmiede-Arbeit, Karborundum- und Lagermetall, Telefonstation, Azetylenkessel, Industriebilder, elektrische Schalttafeln, Rahmen für Lederspannung, Spezialschlösser, Metallsägen, Radbohrer. - Dort, wo die Nationalitäten der Aussteller nicht unterteilt sind, kann der Prozentsatz der Deutschen bei 50 angenommen werden.

Diese Aufzählung soll uns zeigen, was bereits vor hundert Jahren von unseren, den ungarischen und andersnationalen Handwerksmeistern und Industriearbeitern hergestellt und der Welt mit Stolz, in einer Provinzstadt wie Baja, vorgeführt wurde. Es könnte vielleicht noch interessieren, wie die Beschäftigungsverhältnisse bei den Erwachsenen, Männer und Frauen, daselbst – noch kurz vor dem Zweiten Weltkrieg - aussahen: Ausschließlich in der Landwirtschaft Beschäftigte - 27,9%; städtische Industriearbeiter - 32,2%; Angestellte im Handel - 9,6%; Arbeiter und Angestellte im öffentlichen Verkehr - 5,5%; Beschäftigte in auswärtiger Industrie und in Bergwerken der Schwäbischen Türkei - 47,4%; staatliche, städtische und private Angestellte - 5,8%; im Polizeidienst - 10 Personen; Dienstboten und Knechte - 2,7%; Rentner und Rentiers (die ausschließlich von Immobilien- und Kapital lebten) - 4,5%; Sonstige und Arbeitslose - 4%. Zu den ausschließlichen Bauern wäre noch zu sagen, dass nur solche Familien, die seit jeher Bauerei betrieben, das Privileg hatten, auf den Märkten ihre Erzeugnisse zu verkaufen; alle andere mussten Aufkäufer/Zinsare dazwischen schalten.

3.3 Esskultur
Essen hielt Leib und Seele zusammen. Über unsere Esskultur im Südosten, damit auch der Batschka - welche in der Ernährung eine vollständige (und einzige!) Mischkultur mit anderen Nationen gewesen ist - haben unsere Menschen schon viel geschrieben; und manches schöne Buch kam darüber in der neuen Heimat heraus. Das bekannteste stammt von Magda Weigand und bringt als „Donauschwäbisches Kochbuch“ fast alles, was man über die Batschkaer Essgewohnheiten wissen müsste.

3.3.1 Werktagskost
An den Arbeitstagen hat man schon in aller Frühe, einige Stunden vor dem eigentlichen Frühstück, eine Schale Milch - dick oder frisch - getrunken, Brot hinein gebrockt oder Butterbrot dazu gegessen. Wenn man auf das Feld fuhr, hat man einen Brotbeutel aus dickem Leinen oder einen ledernen Tornister mit Brot, Schinken, Speck, Wurst, Saurem und einer Flasche Wein vollgepackt; dazu kam immer noch ein Steinkrug mit sauberem Brunnenwasser. Davon konnte man sich dann zum Frühstück, Mittagessen und zur Jause nehmen, wozu man Appetit hatte. An Besteck wurde nur ein Schnappmesser/Taschenmesser mitgenommen. Spät abends wurde dann daheim etwas Warmes als Nachtmahl gegessen. Hatte man nur in der Hauswirtschaft zu tun, aß man schon zu Mittag was Warmes. Das war immer mehr Mehl- und Kartoffel- als Fleischspeise; und zu allem nahm man Brot, sonst wäre man nicht satt geworden. Höchstens wurde einmal unter der Woche ein Fleischgericht extra gekocht; und montags war sowieso noch etwas vom Sonntag übrig. Freitags war Fastentag mit Freitagsessen, und es kam - ärmlicher - ein Bohnen- und - reichlicher - ein Fischgericht auf den Tisch.

3.3.2 Feiertagskost
Das Sonntags- und Feiertagsessen war gewöhnlich oder meistens gleich: Zum Frühstück eine Milchspeise mit Zopfstrudel; als Mittagessen Rindsuppe mit dünnen Nudeln, gekochtem Rindfleisch mit Tomatensoße, danach Kuchen mit eingelegtem Obst; zum Nachtessen kalter Schweinebraten mit Meerrettichsoße und Eingemachtem. Nur in der Zeit vor dem Schnitt, wenn das Hausgeld knapp war, schlachtete man eigenes Geflügel und machte daraus Suppe, Paprikasch und Braten. Geflügelfleisch war Werktagsfleisch, ebenso wie Fisch oder Wildfleisch. Fein genug für einen christlichen Feiertag war nur, was frisch vom Fleischer geholt wurde - auch wenn man es aufschreiben ließ. Ausnahmen machte man, wenn Besuch kam, angemeldet oder nicht, dann kam sowohl Gekauftes wie Eigenes, als Braten und Paprikasch, immer gleich und viel auf den Tisch.

3.3.3 Arbeitskost
Auf eine längere Fahrt nahm man Jausenbrot mit. Das war das gleiche wie bei der Arbeit auf dem Feld, nur dass man es im Flechtkorb trug. Und wenn etwas davon bei der Heimkehr übrig war, schätzten wir es als 'Hasenbrot' und aßen es gerne. Die Kinder nahmen für die Schule das Schulessen entweder von daheim mit oder, wenn sie arm waren, bekamen sie es von der Gemeinde und aßen es in der Jausenzeit. Weiter gab es noch als besondere Essarten das Essen für die Schnitter, Drescher, Zinsare, Beresch, Taglöhner, Hüter/Halter und andere ähnliche, bei denen die Arbeitsherren nicht allein bestimmen konnten, was und wie zu kochen sei; z.B. hatte das Schnitteressen immer aus gleichem gemischten Paprikasch mit Kartoffeln und Fleisch bestehen müssen; für den Zinsar-Tierhändler gab es Braten und Wein; die Tagelöhner bekamen meistens Kaltes/Geräuchertes auf das Feld mit; der Hüter aß fast jeden Tag Speck und Brot mit Zwiebeln, daneben was gerade in seiner Nähe auf dem Felde reif war.


3.3.4 Armenkost
Aus der Bajaer Chronik wissen wir, wie die Essverhältnisse bei den Ärmsten waren, die sich selbst nicht mehr erhalten konnten und im Armenhaus lebten. Im Städtischen Haus gab es Platz für 80 Menschen; voll war es nie. Im untersuchten Jahr, zwischen den beiden Weltkriegen, bekamen die Armenhaus-Bewohner im Sommer und Winter Kleidung und Unterwäsche, Schuhe, sowie 3 mal täglich Essen: Zum Frühstück 3 dl Milch; mittags ebensoviel Einbrennsuppe, Mehlspeis und Gemüse; abends dieselbe Menge; für den ganzen Tag stand den Männern 0,5 kg und den Frauen 0,3 kg Brot zu, Kranken noch Tee, soviel sie wollten. In einer Wochenübersicht setzte sich das Essen zusammen: Montags Kartoffelsuppe und Krautgemüse; dienstags Bohnensuppe, 'Krumbiera un Nudl'; mittwochs Gerstensuppe und Linsengemüse; donnerstags Knochensuppe mit Grünkerngemüse/Hirsenbrei mit gerösteten Zwiebeln; freitags Tomatensuppe mit gerösteten Brotwürfeln, dazu 'Krumbierapaprikasch' mit Salat; samstags Kartoffelsuppe und Bohnengemüse; sonntags Fleischsuppe, Paprikasch mit gedünstetem Kraut, und zum Nachtisch Pogatschen. An größeren Feiertagen gab es für die Männer 2 dl Wein und etwas Tabak, für die Frauen einige Bonbons. Leichte Haus- und Gartenarbeit verrichteten die Gesunden für den 'halben' Taglohn der gesunden, freien Arbeiter. Das Haus hatte soviel Bodenwirtschaft, dass es sich selbst mit Gemüse und Fleisch versorgen konnte.

3.4 Mode
Pei dr Arweit prauch mr net schee sei - to schaut khonr uff tie Mood. Dickes und dünnes Leinenzeug hatten unsere Menschen immer als Oberwäsche an, und je nachdem wie kalt es war, als Unterwäsche Trikot- oder Wollsachen. Darüber einen Woll- oder Flanellmantel, einen Pelzmantel/Bunda oder Filzmantel/Kepernetz. Um den Hals einen Wollschal, an den Händen Faust- oder Fingerhandschuhe aus Wolle und Spaltleder. Das Leinenzeug gab es auch in vielerlei Art: teuer und billig, meistens vom Blaufärber, aber auch in Naturweis oder gemustert, schwarz, braun oder rot in der Fabrik gefärbt. Werktags hatten sie dicke oder dünne Wollstrümpfe oder -socken an, und hatten - wenn sie arm waren - die Füße bis zum Knöchel mit verschiedenen Fußlumpen/"Fetzawickl" umwickelt. Als warmes Schuhzeug galten die Stiefel, Bakanschen oder die mit Stroh ausgelegte Klumpen. Im Frühjahr und Herbst, mit tiefem, feuchtem Boden im Hof, hatte man Gummistiefel und -galoschen an, und im Sommer trug man "Patschker" oder Pantoffel; die ersteren mit Socken, die letzteren auf dem nackten Fuß. Auf dem Kopf trugen die Männer Pelzkappen, Stoffmützen und Hüte, die Frauen dunkle "Kopptiechl", Buben Pelz- oder Matrosenkappen aus Stoff; Mädchen helle Kopftücher, Strickkappen und breite Schaals; Kinder Strickkappen/"Zipplmitz" mit und ohne Wollpoppel, und unten Schnüren zum festbinden unter dem Kien.

3.4.1 Werktagsmode
Für außerbäuerliche Berufe galt bei Männern die Latzhose und der einreihige Stoffanzug, mit einem Leibchen (Leiwl) oder einem Jankel (Joppe) darunter. Der Mantel war etwas teuerer, als bei den Bauern. Als Übergangsmantel hatte man einen Trenschkoat. In der Freizeit, statt dem Leibchen und Mantel, einen dicken, selbstgestrickten Pullover (Swetr) aus selbstgesponnener Schafwolle. Die Handwerks- und Kaufmannsfrauen - auch Damen genannt - hatten an: dünne oder dicke Kostüme, Träger- oder Ärmelkleider, Röcke und Blusen, Dirndel und Pullover. Darüber einen Mantel oder Trenschkoat.

3.4.2 Feiertagsmode
Sie war verschiedener, auch reicher und ärmer, aber selten dem modischen Zeitgeist angepasst. Bei den Bauern war es ein Feiertagsanzug im Winter und Sommer, immer gleich, aus englischem Kammgarn, Flanell- oder Samtstoff aus einer ausländischen oder einheimischen Weberei; darunter hatten sie Kunstseiden-, Brokat- oder Kordleibchen und Baumwolle- oder dünnes Leinenhemd; an den Füßen dünne oder dicke Socken und schwarze Lackschuhe; auf dem Kopf trugen sie einen Sonntagshut. War es sehr kalt, zog man sich noch einen Sonntagsmantel aus dickem Flanell mit Pelzkragen und -futter an. Die Frauen trugen meist Lange geblümte/plüschgeblümte Plüsch- und Samtkleider, mit Hüfthalter/Turnier unter den hochgestützten Röcken, und Oberteile mit eingenähten Brüstchen, meistens in grün-, braun- und blauglänzend; überhaupt viel Plüschgeblümtes; darunter Unterröcke aus Taft, und ganz darunter Baumwoll-Unterwäsche. Auf dem Kopf helle oder dunkle Kopftücher aus gemusterter Kunstseide und echtem oder nachgemachtem Kaschmirstoff; an den Füßen weiße Kniestrümpfe und Schnallenschuhe. Ältere Bäuerinnen hatten sonntags ihre Faltenröcke aus Taft oder Kaschmirseide an, mit einem gestärkten Barchentschurz; als Oberteil passte dazu eine fein gemusterte Taftbluse, mit einem Leibchen oder Ärmeljäckchen/Fersching darunter; unter allem tat es dünne leinene Leibwäsche.

3.5 Sauberkeit und Körperpflege
'Schwaba kuleraba, pun lonac wasi' spotteten uns die Schokatzen: Schwabe, Kulerabe, ein Topf voller Läuse. Der Spruch muß noch aus der Zeit kommen, als unsere Leute, ebenso wie die Schokatzen-Nachbarn, verlaust waren, aber ihre Läuse beim Waschen im Kübel begannen auszukochen. Noch in meiner frühen Kindheit gab es in der Nachbarschaft viele Läuse, und mehr als einmal auch in meinem Haar und Hemd und in der Unterhose. Gegen die Kopfläuse hat man mich - wie fast alle Schulkinder - im Sommer kahl geschoren, gegen die Filzläuse gab es stets nur noch das Auskochen. Flöhe hatten wir sowieso gleichviel, wie alle Bauern. Dort wo es Schweine gab, war der Floh nicht wegzudenken. Nur mit ständiger Sauberkeit konnten wir die lästigen Blutsauger bekämpfen, weil das Floh- und Lauspulver (DDT) noch zu teuer war (oder man es sich einsparen wollte!).


3.5.1 Waschgewohnheiten
Um das Wichtigste von unserer Sauberkeit zusammenzufassen, müssen wir unsere Waschgewohnheit untersuchen: Sie spielte sich alle Tage so ab - morgens beim Aufstehen, waschen von Gesicht und Händen in der Waschschüssel (Lawur), mit kaltem Wasser und Seife. In unserem Haus gab es aus dem Kübel für jede Person frisches Wasser. Tagsüber hat man sich am Pumpbrunnen, nach jeder schmutzigen Arbeit, die Hände in einem Eimer gewaschen. Vor jedem Essen ebenso. Dann am Abend, vor dem Schlafengehen, wusch man sich den Oberkörper mit warmem Wasser und Seife. Der Unterleib wurde ein- bis zweimal wochentags, aber am Samstagabend sicher mit warmem Regenwasser und Hausseife gewaschen. Ganz wenige Haushalte hatten auf dem Dorf eine Badewanne. In der Ambulanz und beim Arzt gab es eine Duschmöglichkeit oder ein Dampfbad. Den Kopf schrubbte man auch nur samstags mit Warmwasser und Seife ab; weswegen die Haare sonntags - je nachdem wie weich das Waschwasser war - hart und verklebt waren, und man schmierte sie nicht zu knapp mit Brilantine ein.

3.5.2 Körperwäsche
Mädchen und Frauen wuschen sich, genau wie die männlichen Familienmitglieder und Kinder, morgens und abends Hände und Gesicht in der Waschschüssel der Wohnküche. Als Waschhilfe wurde die hausgemachte Kernseife verwendet. Beim Waschen des Oberkörpers ließ das schöne Geschlecht - auch bei der warmen Wäsche - das baumwollene oder leinene Unterhemd, das die Schulter freiließ, am Körper. Wenn sich die Erwachsenen einmal die Woche, meistens samstagabends, ganz aus einem großen Kübel wuschen, waren sie allein und nackt in der Hinterküche. Die Kinder durften sich in der Wohnküche, im handwarmen Zuberwasser stehend, nackt der samstäglichen Ganzwäsche unterziehen.

3.5.3 Hautsalben und –öle
Für das Schönsein am Sonntag hatten die Mädchen und Frauen zwei-drei eigene Salben und Kölnischwasser, mit denen sie sich einrieben und einspritzten, und die sie in der Handtasche (Ridikül) immer bei sich hatten. Für die ruppige Haut nahm man eine Salbe oder ein Nussöl, ganz so wie bei Kleinkindern. Für sie hatte man nur im Wickelalter noch ein besonderes Puder. Die Salbe und Ölart war bei allen Benutzern gleich. Als erste gekaufte Salbe kannten wir die Nivea aus dem Gemischtwarengeschäft/Gwelb.

3.5.4 Wäschewaschen
Das 'kleine' Wäschewaschen hat man jede Woche einmal, am Montag, erledigt. Da wurde alles gewaschen, was man die Vorwoche über anhatte und wechselte: im Sommer weniger, im Winter mehr. Mit hausgemachter Seife und frischem, im Kessel heißgemachtem Regenwasser aus der Zisterne bekam man auch den stärksten Schmutz weg. Zum Einweichen benutzte man ein gekauftes Waschpulver (Seifensoda), das man mit warmem Wasser in dem gleichen großen Blech- oder Holzkübel auflöste, der dem Waschen diente. Eingeseift hat man mit einem großflächigen Stück Hausseife und gerubbelt hat man auf einem blechernen, verzinktem (früher hölzernen) Wellrubbeler.

Bei der 'großen' Wäsche, einmal im Monat, wenn man das Bettzeug überzog, kam der Wäschepatscher und die Waschbank dran. Die Großwäsche wurde Sommers wie Winters im Hof erledigt. Das große Wäschestück wurde warm befeuchtet, mit Hausseife eingeseift und eine Weile in Waschmittelwasser eingeweicht, dann hat man es mit etwas draufspritzen von Warmwasser, mit dem Holzpatscher ausgeklopft. Das wurde so gemacht, dass einmal auf die dicke Wäschewurst daraufgepatscht wurde, das andermal auf den gefalteten Haufen; und nach jedem Klopfen (Patschen) drehte die Hand die Wäsche um. War die Wäschebrühe, die von der Bank in den Hof rann, sauber, hörte man mit dem Klopfen auf und wusch noch zwei-dreimal alles mit sauberem, kaltem Regenwasser aus. Hatte man nicht genug Regenwasser, musste man das letzte Mal mit Brunnenwasser spülen. Dann wurde aber auf das Stärken genauer geachtet.

Alle leinene Sachen und alle Bettwäsche hat man mit gekaufter Stärke und in besonderem Stärkewasser, vor dem Aufhängen zum Trocknen, ausgewaschen. Beim Aufhängen gab man Acht, dass nicht zu viele Falten gedrückt würden. Das Bügeln und Mangeln wurde genauso wie heute gemacht, nur dass man ein Kohlenbügeleisen und ein selbstgemachtes Mangelholz in jedem Hause hatte.

Ganz feine Wäsche wurde mit gekaufter Seife gewaschen, und beim Einräumen in den Schrank mit Kölnisch oder Lawendelöl eingespritzt. Es kam nichts in den Schrank, bevor man es nicht ausbesserte und die Knöpfe genau untersuchte. Für sonntägliche Männerhemden gab es noch eigene Wechselkrägen und Manschetten, dass man sie öfter und das Hemd seltener wechseln und waschen konnte. Nur die Strümpfe und Fußlappen wusch und trocknete man gesondert.

3.6 Haartracht
Bärtige Bauern ließen, je nachdem wie schnell der Bart wuchs (und der Geldbeutel es erlaubte), jeden Tag, oder zumindest einmal die Woche, den Barbier (Palwiera) ins Haus kommen. Wenn das Haar lang war, machte er sich auch - vor dem Rasieren - daran und schnitt soviel weg, dass die Frisur einen Monat lang hielt. Im Sommer wurden bei solchen Gelegenheiten auch die männlichen Kinder unter die Maschine genommen und kahl geschoren. In unserem Dorf hat der Barbier aber auch in seinem Hause rasiert und geschoren, da musste man eben in der Reihe sitzen und warten.

3.6.1 Männliche Haarmode
Sie blieb nicht immer vor dem Dorf stehen: Die Länge des Kopfhaares, die Größe des Fassonschnittes und der Backenbart, das Aussehen des Oberlippen- und Kinnbartes schauten die jungen Bauern gerne bei den Städtern ab; Gelegenheit sie zu sehen, hatten sie paar Mal jährlich auf dem Jahrmarkt. Die Barbiere waren auch gleich dabei, wenn es was Neues beim Haarschneiden gab. Beim Rasieren in den Bauernhäusern wurde immer genau auf das jeweilige eigene Aussehen vom Hausherren-Schnauzer (Kaiserbart), -Schnurbart, -Spitzbart und -Stutzer geachtet. Mit dem Schnauzer gaben sich die stolzen Männer die meiste Mühe: Abends vor dem Schlafengehen machten sie ihn mit Eiweiß feucht und banden ihn mit einem Barthalter fest; so stand er morgens schön steif; und wenn er nicht genügend glänzte, schmierten sie ihn noch mit Schuhwichse ein. Echte oder künstliche Haarlocken waren bei Männern auch in Mode, und mancher von ihnen, aus feineren Häusern, machte an Feiertagen das Onduliereisen von der Mutter oder Frau heiß. Die jungen ließen sich manchmal auch den Stoppelbart wachsen; dieser passte im Sommer gut zu dem Stoppelkopf, mit dem man gut baden konnte und der leicht sauber zu halten war. 'Liewr a Glatz, wie gar kha Haar' hieß es auch bei uns. Der Scheitel wurde rechts, links oder in der Mitte getragen, je nachdem, wo der Haaransatz (Zwirbel) war.

3.6.2 Weibliche Haarmode
Nur bei den Bäuerinnen und Handwerksfrauen blieb sie über viele Jahre gleich. Wenn sie sich mal veränderte, kam die Veränderung immer aus der Stadt und setzte sich bei der Jugend am schnellsten durch. Am verbreitetsten war der Zopf, doppelt bei Kindern und jungen Mädchen, einzeln bei älteren Mädchen und Frauen. Schütteres Haar wurde auch nur mal zu einem Haarwust (Pollen) zusammengewickelt und hinten zusammengeheftet. Die auffälligste Übergangszeit vom Doppel- zum Einzelzopf war die Verlobung und Hochzeit; danach hat keine Frau mehr - mit Ausnahmen beim Dirndlkleid - einen Doppelzopf getragen, davor war aber ein Einzelzopf schon auch bei Mädchen zu sehen. Braun machten sie ihr Haar mit gekochten Nussschalen, glänzend mit Nussöl und blond mit einem Kraut, zu dem sie 'Henna' sagten. Augenbrauen wurde mit abgebrannten Streichhölzern oder Schuhkreme nachgezogen und die Lippen mit rotem, feuchtem Krepppapier.

3.6.3 Modisches Frisieren
Als ,neumodisch’ galt das ondulierte Haar, das von einer Friseuse gemacht wurde, und das man daheim selbst mit einem Brenneisen machen konnte. Haarwickel und -nadeln waren auch schon in verschiedenen Arten im Einsatz; als einfachste für Dauerwellen galten die Papierwickel, welche daumendick und ca. 5 cm lang waren und nur daheim zum Wickeln genommen wurden. Bei der Friseuse gab es Blech- und Holzwickel mit Gummihalterung. Die Brennschere war doppelt für zwei Wellen, das Brenneisen für eine Welle und zum Wickeln. Zum festmachen der Dauerwellen gab es Stärkemittel als Waschmittel und eine Kreme zum einreiben. Die Farben waren noch nicht so wasserfest, dass sie nicht nach mehrmaligem Waschen herausgegangen wären. Auch das Bleichmittel bei blondem Haar hielt oft nur bis zum Auswachsen. In einem kleinen und ärmlichen Dorf, wie dem meinen, konnte man außer Zopffrisuren und Naturlocken, Bubiköpfe und Zopfschnecken sehen. Und alle Arten wurden schon mit Bändern, Maschen, Spangen, Schnallen und Nadeln verschönt und zusammengehalten.

3.7 Schmuck
'Scheeni Leit henn scheenas Sach' hieß ein Spruch, als Antwort auf das Kompliment wegen besonderer Aufmachung oder getragener Schmucksachen. Nur das schöne Kleid genügte nicht: Jedes Alter hat, je nach Geldbeutel und Eitelkeit, kleinen oder großen, viel oder wenig Schmuck wechselweise angeheftet oder dauernd getragen. Wie überall legten auch bei uns die jungen Mädchen den größten Wert auf Schmuck. Sie hatten ihn als Brosche, Spange, Ring, Nadel, Kette und Reif angesteckt.: An Haar, Kragen, Brust, Gürtel, um den Hals, an den Ohren und Fingern. Junge Männer und Burschen hatten goldene und silberne Nadeln oder Spangen an den Krawatten angesteckt, und die langen Ärmel mit Manschettenknöpfen zusammengehalten. Ältere waren stolz auf die Taschenuhr, die an einer auffälligen Silberkette hing. Ein Sträußchen aus Maiglöckchen oder Feilchen oder besondere Federn - von Vögeln oder Wildenten - am Hut waren auch recht. Wenn es feierlich war, hatten alle gleich ein seidenes Sträußchen im Knopfloch oder mit Stecknadel ans Hemd gesteckt.

Anhänger um den Hals, an silbernen oder goldenen Kettchen hatten meistens eine Kreuz-, Herz- oder Rundform; Glasperlen in verschiedenen Farben, ovale Blechbroschen mit Brustbild eines lieben Menschen trug man auch an der Halskette; manches Mal auch Edelsteine, einen farbigen Glasstein, ein silbernes Geldstück oder Monogramm. Wenn’s ein Stein war, dann meistens in Tropfen- oder Triangelschliff, in einer Fassung als Edelstein: gelbbrauner Bernstein, glitzernder Kristall (Bergkristall), violetter Amethyst, blauer Saphir, schwarzes Quarzauge, rosa Rosenquarz... Ziselierter Silberschmuck und Naturschmuck aus Stroh trug man als Spange; Seidenblumen als Sträußchen und Kränzchen am Kleid und im Haar.

4 FEIERTAGE
Nicht nur weil es unter Strafe verboten war zu arbeiten, haben sich unsere Menschen streng an die Feiertagsruhe gehalten und nur das Nötigste in Haus und Hof erledigt. Das Ausruhen war für die Dörfler selbstverständlich und lebenswichtig. Es gab auch viel mehr Feiertage, als heutzutage. Daheim hielt man sich an alle, doch man kann sagen, dass die Feiertagsstimmung von der Feiertagsgröße abhing. Nur beim Kirchengehen und öffentlichen Feiern gab es auffällige Unterschiede: Man hatte nicht immer die gleich schöne Kleidung an, aß nicht gleich gut und war nicht gleich freigebig zu sich und anderen.

4.1 Weltliche Feiertage
Sie lassen sich schnell aufzählen, weil es ohnehin nur ein-zwei arbeitsfreie unter der Woche gab: Im jugoslawischen Teil der Batschka wurde am 1. Dezember die Gründung des Königreiches, von 1918, arbeitsfrei gefeiert und als politischer Gedenktag, da nur manche Ämter geschlossen hatten, der Vidovdan, 28. Juni - als die Serben durch die verlorene Schlacht gegen die Türken auf dem Amselfeld, 1389, für die nächsten vierhundert Jahre ihre Freiheit verloren - was seither traurig begangen wurde. Im ungarischen Teil war der 15. 3. als Freiheitstag von 1848 und die Staatsgründung, am 20. 8. - Krönung des Hl. Stefan im Jahre 1000 - staatlicherseits arbeitsfrei vorgeschrieben. Das Feiern vom 1. Mai leisteten sich die Dörfler nur dann, wenn der Tag auf einen Sonntag fiel, dann gab es ein richtiges Majaalus, mit Ausflug, Tanz und Lagerfeuern im Wald und an der Donau. Die Städter und Großdörfler, wie z.B. die Bajaer und Apatiner, feierten ihn auch unter der Woche groß und arbeitsfrei, auch wenn er noch kein bezahlter Feiertag war.

4.2 Kirchliche Feiertage - Martini bis Neujahr
In der Rückschau begannen, vom Gefühl und der Stimmung her, die wichtigsten Feiertage mit Martini, 11.11. Das Arbeitsjahr war beendet, und Zeit und Lust zum Feiern stellte sich ein. An dem Tag des St. Martin ließen sich reiche Bauern gerne mit ihren schönsten, mit farbigen Bändern behenkten Pferden auf der Gasse sehen. Wenn der Tag auf einen Sonntag fiel, ritten sie auch so in die Kirche. Manche Meister machten mit ihren Gesellen abends ein kleines Fest. Da verteilten sie ein paar kleine Geschenke und zündeten zum erstenmal eine Kerze an. Ab Martini war das künstliche Licht - Kerze oder Petroleum, später Elektrisch - bei der Arbeit morgens und gegen Abend notwendig. Die Bauern aßen an dem Tag gut und viel, damit das neue Erntejahr reich wird. Die Bäuerinnen schlachteten die erste gestopfte Gans. An Katharina oder Kathrei, 25.11., sahen sich die erwachsenen Mädchen nach einem Burschen um. Wenn es vorkam, dass ein Obstbaum an diesem Tag blühte, hefteten sie sich von ihm ein Ästchen ins Haar. Der Andreas oder Andrees, 30.11., machte alle Mädchen, die noch keinen Burschen hatten, nervös. Wo man im Freien eine Schafhalt hütete, machte man die Koppel winterfest und gegen Diebe mit einem Weidenzaun dicht. Wo es viele Stromerhunde und Wölfe gab, mussten die Weidenruten besprochen werden.

4.3 Advent bis St. Nikolaus
Anfang Dezember hatten wir auch den Beginn des Advent. In vier Adventswochen wurden nacheinander in der Kirche die Adventskerzen angezündet und man ging abends in die Rorate. In den Häusern sah man häufiger Kerzen als Petroleumlampen – bzw. Glühbirnen - leuchten. Die Hl. Barbara, 4.12., war die Schutzpatronin der jungen Frauen, sie durften an diesem Tage nichts arbeiten. Barbara - diesmal nicht Perwl oder Peevi, wie unsere vielen B. geheißen wurden - half ihnen in einer schlechten Ehe auszuhalten und so wenig wie möglich über ihr Schicksal zu hadern. Sie war die bekannteste Heilige unter den 14 Nothelfern, deren Bild mit einem Kirchemodell oder einem Buch in der Hand in keiner Kirche fehlte. In manchen Häusern brach man ein Barbaraästchen vom Weichselbaum und stellte es zum Aufblühen ins Wasser. St. Nikolaus oder Niklos, 6.12., war bei unseren Kindern ebenso gerne gesehener Gast, wie bei Christen in aller Welt. Wenn er, wie ein Bischof gekleidet, persönlich von Haus zu Haus unterwegs war, hat er beim Verteilen der Geschenke aus einem großen Sack, auch mal mit einer dicken Rute den Kindern Angst gemacht. Zuerst war er mit einem finsteren Krampus unterwegs, später in den Dreißigern, hieß sein Begleiter Knecht Ruprecht. Wo er nicht selbst kam, legte er nachts die Geschenke in die geputzten Schuhe. Man wusste aus vielen Predigten und aus dem Katechismus, dass er zu Lebzeiten Bischof in der östlichen Stadt Mira gewesen ist und den Armen viel half. Man verehrte ihn deswegen in der Not, wie wenige Heilige.

4.4 St. Ambrosius bis ungläubiger Thomas
Gleich nach dem Nikolaustag war Ambrosi, 7.12. Da fing man an, den Honigkuchen für Weihnachten zu backen. Deshalb war auch dieser Heilige der Schutzpatron der Bienenzüchter, Lebzelter und Kerzenmacher. In mancher Kirche wurde der Heilige mit einem Bienenkorb auf einem Bild gezeigt. Die Hl. Lucia oder Lucei, 13.12., verehrten die Frauen. An dem Tag buken sie ein Luceibrot und fingen an, ein Luceistühlchen zu bauen, das erstere als Fladenbrot mit etwas Maismehl und Fett (weil man da schon das erstemal geschlachtet hatte), das andere aus einem Brett mit vier kleinen Füßen, wie bei einem Schemelchen. Das Brot sollte einen das ganze zukünftige Jahr satt machen, das Stühlchen der Frau, die sich draufsetzte, die Monatsregel erleichtern. Es reichte auch, wenn eine Frau nur ein Füßchen symbolisch in ein Schemelloch steckte; wichtig war das lange sitzen darauf. Zwischen Barbara und Lucia wurde Barbara- oder Luceifrucht gesät in irdene Töpfe oder Schalen, damit sie bis Weihnachten groß genug wächst, zur Gabe für das Christkind unter dem Weihnachtsbaum. Am ,ungläubigen Thomas’, 21.12., wurde das Fleisch für Weihnachten besorgt. Man musste möglichst mehrere Haustiere schlachten, weil es sonst Thomas machte, indem er viele im Stall leblos liegen ließ. Manche unter den ungarischen Nachbarn hoben ein Stück Haut von der Thomasschlachtung auf und machten daraus eine Medizin gegen Keuchhusten für Mensch und Tier.

4.5 Adam und Eva - Heiligabend
Im Schatten von Heiligabend wurden die beiden Stammeltern der Menschheit zusammen mit diesem, 24.12., gefeiert. An dem Tag aß man kein Fleisch. Nachmittags wurde der Christbaum gemacht aus einem Tannen- oder Fichtenbäumchen, und wenn es das nicht gab, aus einem frischen Zwetschgenast. An Heiligabend gab es Fisch zu essen, und man gab sich in der Familie einige praktische Geschenkchen. Von Verwandten bekam man nichts. Beim Anzünden der Christbaumkerzen wurde das Stille Nacht gesungen. Wenn ein Radio im Hause war, sang man die heiligen Lieder daraus mit. Um Mitternacht ging man in die Mette, die als Singmesse mit einer langen Predigt und Kommunion mindestens eine Stunde dauerte. War es auf einer stromlosen Gasse sehr dunkel, hatte man beim nächtlichen Kirchgang eine Sturmlaterne mit Kerze oder Petroleum dabei, welche die Kinder tragen durften. Bei viel frischem Schnee, war es auch ohne Laterne hell genug.

4.6 Weihnachten
Dieser Feiertag, 25.12., war, nach Ostern, das größte Kirchenfest. In jedem Hause wurde streng gefeiert und nur die allerwichtigste Arbeit erledigt: Füttern, Melken und Kochen. Feierlich und steif war bereits das Aufstehen, weil die meisten Hausleute schon in der Mette gewesen waren und nur 3-4 Stunden Schlaf gehabt hatten. Wie an jedem Sonntag gingen die Alten in die Frühmesse, während die Jungen die nötigste Hausarbeit erledigten und das Essen aufstellten. Fertig kochten es die Alten, und die Jungen konnten ins Hochamt gehen. Abends besuchten jene aus der Frühmesse nochmals das späte Hochamt, wo sie auch nochmals vor der Bethlehem-Krippe beteten.

4.6.1 Die Weihnachtssänger
Irgendwann zwischen dem frühen Nachmittag und dem späten Abend kamen die Weihnachtssänger oder Christkindmädchen und sangen einige schöne Weihnachtslieder. Sie waren zu dritt oder viert und schneeweiß gekleidet. Beim Betreten der Vorderküche wünschten sie gesegnete Weihnachten und begannen gleich mit dem Singen. Eins der Mädchen hatte eine Sparbüchse in der Hand, in welche die Mutter oder Großmutter nach dem Singen einige Geldstücke hineinwarf. In manchen größeren Ortschaften wurden Christkindlspiele von verkleideten Burschen und Mädchen aufgeführt. Nebst der Hl. Familie, gab es auch Hirten, ein oder zwei Engel, den Herodes mit zwei Soldaten und/oder die Hl. Drei Könige. Maria und Josef, ein Hirte und ein König sagten einige weihnachtliche Sprüche auf, welche der Pfarrer mit ihnen einstudiert hatte. Nach dem Spiel gab man ihnen auch einige Geldstücke in die Spardose. War es eine längere Veranstaltung, und die Spieler kamen an Weihnachten nicht in alle Häuser, dann spielten sie an den kommenden Tagen weiter, bis sie überall hingekommen waren. Dass es dabei nicht allein um das Geld ging, sah man daran, dass sie bei Armen, die nichts für das Spardöschen hatten, ebenso lange und schön sangen.

4.7 St. Johanni bis Unschuldige Kindel
Am Feiertag des Apostel Johannes, 27. 12., wurde der letzte Wein zum zweitenmal abgelassen und man brachte eine Probe davon in die Kirche zum Segnen, oder man segnete sie daheim mit einigen Tropfen aus dem eigenen 'Weichwassrkessili'. Von dem gesegneten Wein mussten alle trinken, einschließlich der Kinder. In manchen Häusern wurde an diesem Tag viel Brot gebacken, auch mit etwas Weihwasser, damit die Esser gesund ins neue Jahr kämen. Der Unschuldig-Kindlstag, 29. 12., war der einzige traurige Tag in der Weihnachtswoche. Die Mütter klärten ihre Kinder ausgiebig auf über die armen Kleinkinder aus Bethlehem, welche an diesem Tage durch die wütenden Soldaten des Herodes umgebracht wurden. Selbst kann man sich auch noch an das Katechismusbild erinnern, wo das Gemetzel in allen Einzelheiten abgebildet war. Ganz ernst holten wir uns dann frische, starke Weidenruten aus dem Ried und schlugen damit jede erwachsene Person im Hause oder auf der Straße. Dabei sagten wir: "Frisch un ksunt, s Neijahr kummt!" Dasselbe Sprüchlein wurde auch am Neujahrsmorgen - mit und ohne Rute gesagt. Das Schlagen hatte etwas mit Strafe für die unschuldigen Kinder zu tun, und das Sprüchlein mit dem neuen Jahr; so verband man das Schlechte mit dem Guten. Von den Erwachsenen daheim und von Verwandten bekam man Kleingeld, damit man aufhörte mit dem Draufhauen. In der Kirche wurde an diesem Tage auch an König David, den irdischen Urvater Jesu, aus der Jesseart, erinnert. Bekannter war aber der andere irdische König, Herodes, der mit aller Gewalt unseren Heiland umbringen wollte; das wurde fast so schlimm empfunden, wie die Kreuzigung.

4.8 Silvester
Am 31.12. war Silvester - bei unseren katholischen Schokatzen stari Badnjak. Gefeiert wurde dieser letzte Jahrestag in unserem Dorf nicht, in größeren Orten und in den Städten schon. Abends ging man in die Danksagung; jemand von den Alten blieb daheim und passte auf, dass genügend Kleinholz in der Küche war und das Feuer sicher bis nach Mitternacht nicht ausgeht, was ein armes neues Jahr gebracht hätte. Hat man daheim mit den Nachbarn das Aldi rum - Neiji kumm gewartet, so gab es meistens auch Blei- oder Kaffeegießen: Zuerst wurde in ein Schälchen mit Wasser ein wenig in einem Löffel heiß gemacht Blei geschüttet; je nachdem, welche Figur es beim Hartwerden ergab, wurde die Zukunft schön oder düster gedeutet. Beim Kaffeesatz war es ebenso, nur dass hier für jeden Tag wiederholt gedeutet wurde. Daheim nahm man Zikorekaffee und in der Lagerzeit gerösteten Kukrutzschrot. Das Wahrsagen mit Kaffeesatz, das die Großmutter oder Mutter am Silvesterabend versuchten, gelang nicht immer. Der Satz vom Frank und Kathreiner wollte manchmal nicht zeigen, was das Neue bringt und blieb, wie ein Sandhügel, am Tassenboden liegen. Das Jahr über hat man in der Kriegs- und Lagerzeit, nicht nur an Neujahr, mehr wahrgesagt mit Wachsgießen, Schlüsseldrehen, Gebetbuch und Pendel. Waschen und die Wäsche aufhängen durfte man an Silvester nicht, sonst hätte sich jemand aus der Familie aufgehenkt.

4.9 Neujahr
Der Neujahrstag, 1.1., brachte schon in aller Frühe ziemliche Aufregung: Wir Kinder suchten nach einem lauten Krachmacher, unsere Eltern hatten gerade davor Angst. Schon die Kleinsten kannten den Umgang mit Karbid und Streichholzpulver, und so waren alle Geschwister oder Nachbarskinder mit diesen - nur in den Augen unserer Eltern gefährlichen - Dingen beschäftigt. Am stärksten knallte die Karbidkanone, am gefährlichsten war der Pulverböller. Die Kanone machte man aus einer Blechdose, in welche man im Boden ein Loch bohrte und die obere Öffnung mit einem Deckel dicht verschloss. Wurde in der Dose ein Stück Karbid mit etwas Wasser zusammengebracht, ergab es sehr schnell ein Knallgas, das man nur noch am Loch anzünden musste. Mit dieser Kanone konnte man so oft schießen, bis das Karbid aufgebraucht war. Der Umgang mit Streichholzpulver war mühselig, und hat immer einen kleinen Schaden hinter sich gelassen: Hohle Schlüssel, in denen man es mit einem Nagel zur Explosion brachte, wurden oft auseinandergerissen, was manchmal auch blutige Finger ergab. Für letztere war es noch am sichersten, wenn Schlüssel und Nagel je am Ende einer Schnur angebunden waren und man den zusammengesteckten Böller mit Schwung an einen Baum oder eine Harte Mauer schlug; das gab nur Krach und kein Blut. Beim Neujahrswünschen sagten wir: Ich winsch, ich winsch, ich waas net was/ langt in Sack un kept mr was/ kept mr net zu wenich, ich pin a klonr Kenich/ kept mr net zu viel, taß ich niks vrlier/ - ich winsch a klicklichas Neijas Jahr! Darauf langten die Erwachsenen in die Tasche oder in den Rocksack und steckten ein paar Para/Filer in unseren dicken Geldbeutel/Budjelar.

4.10 Dreikönig bis St. Blasius
Man hatte kaum die Aufregung von Neujahr hinter sich, war auch schon Heilig-Dreikönig, 6.1., vor der Türe. Fast alle Kinder, zwischen 10 und 14 Jahren, machten beim Dreikönig-Singen mit, entweder als Weise aus dem Morgenland oder als Sternträger. Man ging in einer Verkleidung/Maschkerad zu viert oder sechst - je nachdem ob für die Geschenke Träger gebraucht wurden - in der eigenen Gasse von Haus zu Haus und sang: Heilich-Treikenich mit ihrem Stern, sie kommen von weit und preisen den Herrn...Die weiteren - leider vergessenen - Worte gaben bekannt, dass in Bethlehem das Jesuskind geboren wurde... Wegen des Singens wurde die Messepflicht nicht von allen Erwachsenen der Familie erfüllt. Eine erwachsene Person musste aber an Dreikönig sicher zur Kirche gehen und ein Glas Weihwasser, Kreide, Brot und Salz weihen lassen. Mit dem heiligen Wasser wurden Haus und Hof eingespritzt, und man füllte das Weihwasserkesselchen neben der Stubentüre damit. Die Kreide war für die Türaufschrift CMB, vom heiligen Brot und Salz probierten alle Angehörigen.

An Fabian-Sebastian, 20.1., fanga tie Peem zu lewa an und sollten nicht mehr ausgehackt werden. In Apatin buk man an diesem Tage viele Schmalzküchel, damit Wind und Sturm das Haus nicht abdeckten. Obwohl der Hl. Fabian im Legendarium nur als Schutzpatron gegen die Pest gilt, hat man ihn, genau wie den Hl. Sebastian, als Beschützer der Jäger und Müller angerufen und verehrt. In der Alltagssprache gab es viel weniger Fawijan als Paschtl.

Mariälichtmeß, 2.2., der Tag, an dem die Kerzen in der Kirche geweiht wurden und man mit ihnen das Feuer im Sparherd oder Batzofen entzündete. Groß war der Feiertag nur, wenn er auf einen Sonntag fiel. Dann zündete man im Hause mehrere geweihte Kerzen an, weil sie im Wachs die Menschwerdung Christi und im Licht seinen heiligen Geist versinnbildlichten. Die Schokatzennachbarn hatten so eine Kerze mit schönen Mustern und Darstellungen darauf das ganze Jahr über auf einem Mauerabsatz im Hause stehen.

An Blasius, 3.2., bekam man mit geweihten Kerzen in der Kirche vom Priester den Blasiussegen, damit man gesund blieb. Mit zwei als V vor dem Gesicht des knienden Gläubigen gehaltenen Kerzen murmelte der Pfarrer ein lateinisches Gebet. Anschließend bekam man noch ein Kreuzeszeichen auf die Stirn gemalt. Fiel der Tag nicht auf einen Sonntag, so holte der Pfarrer am nächsten Sonntag bei den noch nicht Geweihten den Blasiussegen nach.

4.11 Fasching
Die Faschingszeit war meistens schon Anfang Februar zu spüren - bis zum 40. Tag vor Ostern. Das war jedes Jahr in einer anderen Woche. Im südungarischen Gebiet begann die Faschingszeit schon bald nach Hl. Dreikönig und endete, wie überall, zu Aschermittwoch. Im jugoslawischen Teil der Batschka feierte man nur in der letzten Woche, zwischen dem 'fetten' oder 'schmutzigen' Donnerstag und Faschingsdienstag. Bei uns im gemischt-nationalen Dorf wurden am Samstagabend einige Maskenbälle abgehalten, bei denen sich die Jugend und Jungverheirateten im Gesicht einpuderten und mit Schuhwichse bemalten, oder auch nur schwarze Augenbrauen machten und ein besonderes Kopftuch aufsetzten. So nahmen sie in sparsamer Maskerade an einem lustigen Faschingsfest mit ausgelassenem Tanz teil. Setzte man eine Hochzeit in diese Zeit, so ging es noch etwas verrückter zu. In diese Zeit fiel auch das letzte Schweineschlachten, mit Schwartenmagen-, Wurst- und Schinkenräuchern; später Geschlachtetes konnte man nicht mehr frisch halten.

Den Tag des Hl. Josef, oder Josefi, 19. 3., hielten die Zimmerleute und Tischler als arbeitsfreien Feiertag. Sie zogen sich schöner an und machten die Werkstatt sauber. Ganz Fromme schickten heimlich ein besonderes Gebet an ihren Schutzpatron, den Ziehvater Jesu, zum Schutz ihrer Werkstatt. In jeder Familie bekam man an diesem Tag etwas über den braven Josef zu hören, als Beispiel für einen guten Vater.

4.12 Aschermittwoch bis Palmsonntag
Am Aschermittwoch, 40. Tag vor Ostern, gingen wir übereifrige Buben zur Kirche, in die Frühmesse, obwohl es kein Feiertag war, und ließen uns ein Aschenzeichen vom Pfarrer auf die Stirn malen. Dann waren wir sicher, dass uns nicht nur die Faschingssünden durch den Herrgott erlassen würden. Je schlimmer der Bub, umso länger ließ er den Aschentupfer auf der Stirn stehen.

Mariaempfängnis, 25.3., war ein großer Feiertag mit längeren Gebeten beim Aufstehen und Kirchgang, doch es war zuletzt kein arbeitsfreier kirchlicher Feiertag mehr. Bei den Schokatzen-Nachbarn trank man an diesem Tage gesegneten Rotwein, und die Ungarn schüttelten die Bäume; bei ihnen heißt der Tag ja Gyümölcsolto Boldogasszony / (Obst) Veredelungs-Glückseelige (Jungfrau). Allen Nationen brachte dieser Tag die Veredelung als Menschen, und es war für alle Lebewesen und Gewächse der Natur die beste Zeit des Ausputzens, der Auswahl und Veränderung zum Besseren. Es hieß, dass ein Gewächs, an diesem Tag gesteckt oder veredelt, sicher weiterwuchs und mehr Nutzen brachte.

Im Ostermonat April kamen andere Heilige - wie Georg, 24. 4., und Markus, 25. 4., nicht so zur Geltung. Den Hl. Georg - ung. Szent György, slaw. Sveti Juraj - verehrten die Hirten als Schutzpatron und gingen an seinem Tag, das letzte Mal bis zum Herbst, zur heiligen Messe. Georg, der Drachentöter, sowie auch der Evangelist Markus, beschützten die großen Schafherden und halfen das ganze Jahr über gutes Weideland zu finden. Am 25. 4. hat man auch gerne die grünende Frucht (Weizen) auf dem Felde vom Pfarrer weihen lassen. Früher machte er mit einer Prozession den Rundgang, später fuhr er mit dem Bauernwagen und hatte einen Weihwasserkessel mit Spritzrose dabei. Begonnen hat der - nicht nur wettermäßig verdrehte - Monat mit dem April-April oder Aprilschicken, am 1. 4. Je geschickter man das machte, umso besser erging es einem selbst. An Hugo, demselben ersten Apriltag, begann man mit der Arbeit im Weingarten, wo die Rebstöcke von den frostschützenden Erdhäufeln befreit und die Triebe zurückgeschnitten wurden.

Am Palmsonntag, dem Sonntag vor Ostern, brachte man frische Weidenruten in die Frühmesse und ließ sie so weihen. Danach kamen sie in ein Dunstglas mit Wasser, wo sie nach einigen Tagen Palmkätzchen bekamen. Der Gründonnerstag war zweiteilig, zuerst feierte man ihn zur Hilfe für einen besseren Feldertrag und schüttelte so fest wie möglich alle Gartenbäume, dann, am Nachmittag ließ man das Feuer im Sparherd ausgehen, wegen des traurigen Ereignisses, das er der Christenheit brachte. Gegen Abend hieß es, dass die Glocken nach Rom abgeflogen sind, und man begann an ihrer Stelle, zum Vesper- und Abendläuten, mit einer Holzklapper zu klappern. Inzwischen war das Feuer in allen Öfen ausgegangen.

4.13 Karfreitag und Karsamstag
Karfreitag war der erste große Osterfeiertag, an dem man in das stille Hochamt ging. Der Priester las in Schwarz die Hl. Messe, und alle Kruzifixe waren mit schwarzen Tüchern verhangen. Außer der Hostie und ein wenig Trockenbrot, Einbrennsuppe und Trinkwasser nahm man an diesem Tag nichts zu sich. Es herrschte strenges Arbeitsverbot, wovon nur das lebenswichtige Tränken des Viehs ausgenommen war.

Am Karsamstag, so gegen Mittag, zündete man das Feuer im Sparherd wieder an und begann das erste geräucherte Schinkenfleisch des Jahres mit Eiern in Schale zu kochen. Die Eier bekamen von der mitgekochten Zwiebelhaut eine braune Farbe. Nachmittags kamen die Glocken aus Rom zurück; wer das sehen wollte, ging zum Warten in die Kirche; plötzlich waren sie da und begannen zu läuten. Nach der Vespermesse ging man heim und aß von dem gekochten Schinken.

4.14 Ostern
Ostersonntag war daheim der größte Feiertag des Kirchenjahres. Schon in der Frühe kam viel Frühstück auf den Tisch: gefärbte Eier, Schinken und Würste, soviel wie man nur wollte. Man betete aber vor dem Essen mehr als sonst, womit man es segnete. Jeder Gottesdienst war gestopft voll Gläubiger, und es gab mindestens zwei Messen und eine Vesper. Unser Pfarrer hatte einmal - bekanterweise - zum Mittagessen ein ganzes Lamm gebraten und bewirtete damit zwei Pfarrkollegen. Am Nachmittag gingen alle drei hinaus auf das Feld, zu einem ausgedehnten Spaziergang, der, wie es hieß, an den Emausgang des auferstandenen Jesus erinnern sollte. Die jungen Bauern ritten gerne den gleichen Weg mit aufgeputzten Pferden. Wir Kinder wünschten den Erwachsenen in der Familie und den besten Verwandten Frohe Ostern und bekamen dafür Geld und gefärbte Eier.

Am Ostermontag besuchten sich die Verwandten gegenseitig, und man aß und trank viel zusammen. Kinder flochten sich eine dicke Peitsche (Korbatsch) aus Hanfschnur (Spagat) und Raffifäden (importiertes Schilfgewächs) und taten so, als wollten sie die Erwachsenen und Besucher damit hauen. Die Ungarn-Burschen und -Männer bespritzten alle erreichbaren Mädchen und Frauen mit Brunnenwasser oder Kölnisch - was sie heut noch begeistert tun - und bekamen dafür Eier oder einen Spritzer Wein; eingeladen zum Hinsetzen und Essen von Kuchen oder mehr wurden - und werden - nur die Verehrer. Gleich nach Ostern war Weißer Sonntag. Manche feierten ihn als kleine Ostern, und alle gingen schön angezogen zur Kirche. Für die Raitzen - Schokatzen und Bunjewatzen - war es ein großer Feiertag.

4.15 Majaalus und Maiandacht
Der Pfingstmonat begann überall mit der Majaalusfeier. Der 1. Mai wurde als Anfang des schönsten Monats in der Natur vom Menschen gespürt und gefeiert. Ein arbeitsfreier Staatsfeiertag war es, wie schon erwähnt, nicht, und nur die Städter machten mit einem lustigen Musikumzug in ein Wäldchen oder an ein Flußufer einen größeren Aufwand um ihn. Heimliche Zusammenkünfte und politische Ansprachen durch sozialistische Arbeiterführer gab es erst ab Anfang der Dreißiger, wegen der großen Hungersnot und wirtschaftlichen Schwierigkeit in der westlichen - "kapitalistischen" - Welt, welche mit etwas Verspätung aber umso stärker auch zu uns kam. Vor dem Zweiten Weltkrieg ging dann die Jugend schon in nationaler Trennung zum Majaalus. Für die Frauen und ältere Menschen gab es den ganzen Monat über in der Kirche die Maiandacht, wo zur Muttergottes der Rosenkranz gebetet wurde.

4.16 Hl. Florian bis Hl. Urban
Floriani - 4.5. - feierten die Handwerker, deren Schutzpatron er war, als kleinen Feiertag mit weniger Arbeit: die Bäcker, Schmiede, Schornsteinfeger und Feuerwehrleute, die alle an diesem Tag nur das Allernotwendigste machten. Die Eisheiligen - 12. bis 14. Mai - fürchtete man und betetete an diesen Tagen mehr als sonst zu den Hl. Pongraz, Bonifaz und Sofia. An Johannes von Nepomuk oder Johanni - 16.5. - brachten und legten die eifrigsten Kirchgänger geweihte Kränze und Blumen zur Statue des Heiligen, welche in jedem Dorf mindestens einmal an einer größeren Kreuzung oder Brücke ihren Stammplatz hatte. In Baja gab es an diesem Tag an und auf der Donau ein Fest, und der Priester segnete den Fluss mit Weihwasser, indem er ihn betend mit der Silberrose bespritzte. Der Urbanstag - 25.5. - wird heute noch, genau wie früher, in den Weindörfern groß gefeiert. Die Hajoscher und Tschtaljaer machen das am auffäligsten, mit einer Prozession zu oder mit einem Hl. Urbansbild und Segnen der Weingärten. Verhieß das Wetter einen reichen Traubenbestand, dann wurde der Heilige zum Dank mit Wein bespritzt. In Hajosch gibt es zu seinen Ehren immer noch einen Jahrmarkt in den Kellergassen, größer als jede Kirchweih - an dem Sonntag, der am nächsten dem Urbanstag liegt, vor- oder nachher.


4.17 Pfingsten
Sieben Wochen nach Ostern wurde, wie überall bei den Katholiken, Pfingsten gefeiert. Am Pfingstsonntag gingen fast alle unsere Menschen in ein Hochamt mit kleiner Prozession - um die Kirche herum -, damit der Hl. Geist sie erhellt und sie gesund und fromm bleiben mögen. Meistens gab es an diesem Tag auch - unregelmäßig in den Dörfern und Familien - eine Wallfahrt zu einem Prindl (hochdeutsches Wort ist mir unbekannt!). Fußmärsche bis zu 20 km, nach Doroslowo oder Marjud (ungar. Mariagyüd), waren keine Seltenheit. Für Kranke und Kinder spannte man einen Fest- oder Paradewagen an.. Die Ungarn machten es ebenso. Die Raitzen - Schokatzen und Bunjewatzen - trugen den ganzen Tag über, mit schön, weiß gekleideten Mädchen, Kirchenfahnen von Haus zu Haus und sangen ihre dalmatinischen Lieder, für die sie nachher Geld bekamen. Der Pfingstmontag war für die Wallfahrer ein Ruhetag, die übrigen Gläubigen verrichteten leichte Arbeiten, z. B. im Weingarten Reben binden und ausgeizen, im Garten Rüben vereinzeln oder aber sie machten nur einen Kontrollgang durch die angebauten Felder - eben solche Arbeiten, die man ohne Werkzeuge erledigen konnte, weil es ja noch ein besinnlicher aber kein strenger Feiertag war.

4.18 Kirchweih
Die Kirchwei/Kerwei wurde für jede Kirche gesondert gefeiert - zwischen Mai und Oktober - und zwar an den Tagen des jeweiligen Kirchenpatronats der Ortschaften, z.B. Hl. Dreifaltigkeit, Antoni, Herzjesu, Mariaheimsuchung, -himmelfahrt, -geburt, Micheli, Wendelini, usw. Außer jenem vergnüglichen Teil, der auf einem Dorf-, Markt- oder Stadtplatz gefeiert wurde, gehörte am Vormittag das Hochamt und eine kleine Prozession um die Kirche zum üblichen Brauch. Fielen die Hl. Gedenktage jeweils auf einen Wochentag, feierte man die Kirchweih am nächsten Sonntag, vor- oder nachher. Die Kirchweih nahm unter den Feiertagen einen besonderen Platz ein, weil sie für christliche wie weltliche, gläubige und ungläubige Menschen einen gleich großen Anlass zum Feiern bot. Sie hat, wie kein anderes Fest, alle Nationen und Religionen in der Feierlichkeit und Lustigkeit vereinigt und hat so, in zeitloser Manier, seit dem Bau der Kirche und bis zu ihrem Ende, gerne ihr Bestehen gefeiert. Die Vandalen, welche nach unserer Vertreibung Hand an die Kirchen legten, begriffen nicht, wie sehr sie sich selbst und einem harmonischen Zusammensein mit den Nachbarn schadeten. Dort wo unsere Heimatkirchen noch stehen und ihre Existenz jedes Jahr von Neuem gefeiert wird, gibt es in weitem Umkreis - nicht nur am Kirchweihtag - eine wesentlich bessere Verständigung zwischen den Menschen. Hl. Dreifaltigkeit - erster Sonntag im Juni - war ein altes Fest und wurde noch aus der Pestzeit geheiligt. Blumen durften an diesem Tag an der Pestsäule nicht fehlen; und wenn man etwas für die Gesundheit tun wollte, musste man unbedingt in die "kleine Messe" der Kirche gehen und zu Gottvater, Gottsohn und dem Hl. Geist beten.

4.19 Hl. Dreifaltigkeit und Fronleichnam
Der erste Sonntag im Juni wurde als ein altchristliches Fest schon aus der Pestzeit geheiligt. An dem Tag durften keine Blumen an den Pestsäulen fehlen. In der Kirche beteten Fromme die Fürbitten gegen Seuchen. Mitten in der Woche auf Dreifaltigkeit war Fronleichnam, mit einer großen Prozession durch das ganze Dorf und zu drei Gassenkapellen. Mit den Kirchenfahnen an der Spitze und dem Tabernakel unter einem tragbaren Himmel gingen die Gläubigen des ganzen Dorfes langsam, auf einem mit vielen Blumenblüten bestreuten Weg, und sangen und beteten laut. Die zu Herzjesu, Herzmaria und der Hl. Muttergottes geweihten Kapellen waren an diesem Tag übervoll mit Blumen- und Lichtkränzen behangen. Vor jeder sagte der Pfarrer seine Fürbitten und Litaneien laut her und segnete mit dem Tabernakel die knienden Gläubigen. Zuletzt wurde an einem Freialtar vor der Kirche dasselbe gemacht und um die Kirche herumgegangen, bevor drinnen fast alle kommunizierten und den Segen für den Heimgang bekamen.

4.20 Hl. Antonius – Peter und Paul
An Hl. Antonius (von Padua) oder Antoni - 13. 6. - betete und dankte man an seiner Statue in der Kirche oder am Platz im Dorf. Auch sonst, das ganze Jahr über, hat es geholfen, wenn man ihm einige Geldstücke in den Opferstock tat und flüsterte, für was er sie bekam. Er war ein wichtiger Heiliger, der einem den sicheren Weg durch das Leben und bei allem anderen Suchen zeigte. Die Kuhhüter (Kuhhaldr) verehrten ihn als Schutzpatron. Junge Pferde wurden an seinem Tag zum erstenmal neben einem alten angespannt und zu einer Antonius-Statue gebracht und so gesegnet. Gleich nach den wichtigsten Großwallfahrten, nach Rom und Lourdes, kam diejenige nach Padua, zum Grab des Heiligen und seiner unverwesten Zunge. Ein dortiges Glasmedaillon, mit einem kleinen Stoffrestchen von seinem Gewand, bewahrte man ein ganzes Leben lang an einem sicheren Ort auf, oder aber man nähte es ein in ein Kleidungsstück, um es so zu verehren und sich von ihm schützen zu lassen. An Johanni - 24. 6. - begann der Schnitt, und deshalb betete man zum Hl. Täufer und bat ihn um schönes Wetter. Er war der Schutzpatron der Kleinkinder, die ohne Taufe sterben mussten, weswegen ihn ihre Mütter um Fürbitte anriefen. In den Dreißigern hielten die Erneuerer des Kulturbundes ihre Sonnwendfeier an diesem Tag, und die Jugend marschierte auf einen Feldhügel, machte ein Lagerfeuer und sang deutschländer Lieder. Ungarn und Zigeuner hatten schon immer so ein Johannes-Feuer, über das sie sprangen, um sich zu reinigen und gesund zu bleiben.

Peter un Paul - 29.6. - mach tie Äppl faul, aber auch gut und reif, überhaupt die Sorte, welche ihre Namen hatte. Sie waren die ersten und besten, weich und süß, hielten sich aber nicht lange. In vielen unserer Kirchen waren die Denkmale/Standbilder der Heiligen rechts und links des Altars aufgestellt und zeigten so mit, Schlüssel und Buch, die starke römischkatholische Kirche, als feste Burg und weise Einrichtung.

4.21 Mariaheimsuchung bis Hl. Rochus
Am 2.7. war das Fest des Erntebeginns - ungarisch Sarlos Boldogasszony (Sichelmuttergottes) - da früher nur mit einer geweihten Sichel die Brotfrucht geschnitten werden durfte. Dem großen Szegediner Volkskundler, Bálint Sándor, nach, schnitten noch im 18. Jahrhundert die ungarischen Frauen so die Frucht und die Männer banden die Garben und setzten die Kreuze. Bei uns weihte aber niemand mehr seine Sichel, obwohl noch die Frauen damit die Garben (Klecken) rafften. Man hat an diesem Tag, etwas frommer als sonst, in der Frühmesse zu der schwangeren - und deshalb doppelt heiligen - Muttergottes gebetet. Am Annatag - 26.7. - beteten und sangen die Schwangeren und Kranken viel zu Mutter-Anna: Mutter Anna mit Maria, Deiner Tochter, bitt für uns... Ganz fromm und lange wurde die Anna-Litanei in der Kirche gebetet. An Mariaschnee - 5.8. - arbeiteten die Frauen etwas weniger, und man buk in einem frommen Hause kein Brot.

Mariahimmelfahrt - 15.8. - war der größte Kirchenfeiertag des Sommers, und er wurde - mitten in der Großarbeit - arbeitsfrei gefeiert. Davor wurde das Haus gründlich geputzt, die Bettwäsche und Zudecken (Tuchata) sind ins Freie gehenkt worden, und man bespritzte die Blumen mit Weihwasser. Bei Wallfahrten an diesem Tag, übernachtete man beim Bründel draußen im Freien, betete nochmals in aller Frühe und ging erst danach heim. Einem alten Siebenbürger Kodex nach, soll an diesem Tag der Hl. Gerhard sein Bistum und ganz Ungarn dem Schutz der Hl. Muttergottes unterstellt haben. Wie bekannt tat dasselbe auch der erste ungarische König, Stefan der Heilige. Seither wird der Tag Mariahimmelfahrt in Ungarn, nach dem Stefanstag - 20.8. - als größter kirchlich-weltlicher Feiertag gefeiert.

Der Hl. Rochus - 16.8. - schützte jedes Dorf mit einem Denkmal im Freien vor Pestilenz und sonstigen großen Heimsuchungen. Wir Kinder schauten ihn gerne an, weil es hieß, dass er auf die Frage, Rochas was machsch? - niks (!) antwortete. Das Nichts konnten wir natürlich nicht hören, fragten aber immer wieder von Neuem.

4.22 König Stefan der Heilige
Mitten im Hochsommer, am 20. 8., wenn die pannonische Hitze alle Kreatur zur Buße, vielleicht wegen sündhafter Völlerei, zu Boden drückt, erscheint im Firmament des Karpatenbeckens ein ersehnter Retter - der Hl. Stefan. Wie im Jahre 1000, das für Ungarn das Jahr Null bedeutet, befreit er sein Volk jedes Jahr aufs Neue von allem, was es vom rechten Christenweg abbringen könnte. Kein Regime und keine Ideologie konnten bisher den tiefen Glauben der Ungarn an Ihren ersten König und seine christliche Heilslehre erschüttern. Allein die öffentliche Teilnahme an einem der landesweiten Volksfeste scheint so zu wirken, wie eine katholische Beichte und Buße: Die Teilnehmer sind beim Heimgang von einem Stefansfest nicht dieselben, die sie am Morgen waren. Sie sind sogar als Atheisten für eine Weile keine Ungläubigen mehr. Die gläubigen Ungarn feiern und verehren dieses große Fest mit der Darbringung des Wertvollsten was sie haben, dem ersten Brot aus der neuen Frucht, indem sie ein Stück davon zur Hl. Messe mitnehmen und weihen lassen. Wir Donauschwaben verehren den großen, heiligen Staatsgründer Ungarns auch als unseren, hauptsächlich weil er mit Hilfe seiner unverwesten Rechten, im Verein mit unserem Schutzpatron, dem Hl. Gerhard, im Kampf gegen die Heiden das Christentum in unserer alten Heimat festigte. Nach dem Tode König Stefans ist sein Königreich in vielen Gegenden wieder vorübergehend heidnisch geworden, nur das Bistum unseres Schutzpatrons, Csanád, blieb für immer gläubig.

4.23 Erntedankfest
Auf Ende August und Anfang September hatte man in den meisten Dörfern das Erntedankfest gelegt. Übernational trugen früher die Gläubigen etwas von den wichtigsten Ernteerträgen zur Weihe in die Kirche. Das geschah meist zusammen mit der Verehrung von Mariageburt, am 8.9. Als der kleinste unter den Marientagen wurde er nur dort als Marientag gefeiert, wo man an ihm Kirchweih hatte (ein Ereignis, das eines der schönsten Motive für das Altarbild abgibt - Mutter Anna im Kindbett, die Seligste als Kleinkind von frommen Besucherinnen verehrt und beschenkt - in einer Umgebung, die noch nichts von der großen Berufung des Kindes ahnt). Da dieser Feiertag nicht arbeitsfrei war, wurde und wird heute noch die Kirchwei am vorhergehenden oder darauffolgenden Sonntag begangen. Die gläubigen Bauern ließen zu unserer Zeit gerne aus diesem Anlass, nebst dem Brotgetreide, auch ihr neues Viehfutter für die kommende Mastsaison segnen.

4.24 Hl. Gerhard/Gellért - bis Hl. Wendel
Der donauschwäbische Schutzpatron, der Hl. Gerhard, hat nach dem ungarischen Kalender am 25. 9., dem Tag seines Martyriums, sein kirchliches Jahresfest, nach unserem am 29.11. Man sollte sich, glaube ich, da schon an das erste Datum halten, weil der erste Csanader Bischof, als Märtyrer und Wundertäter, an diesem Tag in unserer Heimat schon verehrt wurde, als von einem Schutzpatronat für unser vertriebenes Volk noch niemand etwas wusste.

An Erzengel Michael oder Micheli, 29.9., dem Fest des bekanntesten Himmelsboten, hatten auch einige Batschkaer Ortschaften Kirchweih. In Bereg legten tückische Atheisten-Partisanen und Neukommunisten auf diesen und den darauffolgenden Tag des Jahres 1945 die Vertreibung und Internierung der restdeutschen Familien; womit die "Säuberung" ihres Landes vom "kukolj" / Unkraut einen vorläufigen Abschluss fand. Für die Schafhirten war und ist die Micheliwoche die Zeit, ihre 'Halt' aus der Feldkoppel in die Hauskoppel zu bringen.

Wendelini, 20.10., als Schutz- und Kirchenpatron des großen Oberbatschkaer Internierungslagers Gakowa, wird seit der Lagerzeit von den Überlebenden sehr verehrt, wurde doch in seiner Kirche das Gelübde Pater Grubers in traurigster Feier vollzogen: ,Wenn wir aus diesem Jammertal errettet werden, geloben wir, der Hl. Muttergottes eine Kirche zu bauen und jedes Jahr dahin zu wallfahren’. Die Überlebenden bauten das Gotteshaus in Bad Niedernau, in Württemberg, und pilgern alljährlich – in noch immer gleichbleibender Zahl – dorthin. Wendelini hatte aber in fast jedem überwiegend katholischen Dorf ein zentrales Standbild und manche Gassen trugen seinen Namen. Bis zu seinem Tage hatte man alle Feldarbeit abgeschlossen - Kukuruzbrechen, Herbstsaat, Stoppelstürzen, usw. Da konnten auch die letzten Kirchweihen des Jahres einen ausgelassenen Abschluß finden.

4.25 Allerheiligen
Am 1.11. war und ist in der alten Heimat der Festtag der ungenannten himmlischen Heerschar. Nach der Verheißung der Hl. Schrift werden einmal alle Christen ohne Sünde und jene, die sie im Fegefeuer verbüßten, für ewige Zeiten an der rechten Seite Gottes, unter allen Heiligen sitzen dürfen. Es kann zumindest niemandem schaden, sich darüber einmal an einem trüben Novembertag Gedanken zu machen. Weil der Kalender zu klein ist, um für jeden Heiligen einen eigenen Tag zu Weihen, gedenken die Gläubigen einmal, in einer großen Litanei, zusammen mit dem Priester an alle verstorbenen Propheten, Apostel, Patriarchen, Diener Gottes, vorbildlichen Glaubenskinder, Märtyrer, Beseelten, treuen Hirten des Herrn, geweihte Nachfolger Christi - und noch weitere hundert Arten, die der Szegediner Volkstumsforscher, Sandor Balint, in seinem Buch "Ünnepi Kalendarium / Feiertagskalender aufzählt und aus dem viele Fakten dieser Jahresübersicht stammen.

Allerseelen, 2.11., war das traurigste, arbeitsfreie Fest des Jahres, an dem man sich ausgiebig mit allen Verstorbenen beschäftigte: mit Gebeten, geweihten Kerzen und Erinnerungen an jene Zeit, als sie noch unter uns oder unseren Vorfahren lebten. Bei der früheren großen Sterblichkeit, hatte jede Familie von Früh bis Spät genug zu tun, bis sie für alle Verstorbenen wenigstens dreier Generationen kurz betete und für sie auf den Gräbern Kerzen anzündete. Der Chronist betete, z. B. mit der Großmutter an diesem Tag: für ihre Eltern, Geschwister, ihren im Ersten Weltkrieg gebliebenen Mann, seine Eltern und Geschwister, dann für fünf bald nach der Geburt verstorbene Kindlein der Großmutter - zu denen wir immer nur "unsri Kinnr" sagten -, anschließend noch für alle Verwandten ersten und zweiten Grades, die mit unserer Familie in guter Beziehung standen. Weil es durch den langen Rundgang in den Gräberreihen dunkel geworden ist, leuchteten unsere zwei Dutzend Kerzen, sowie der gewundene Wachsstock, heimelig warm unter den vielen ähnlichen Flammen und festigten zu allen Verstorbenen das Lichterband unseres Gedenkens.

4.26 Wallfahrt
Zu den christlichen Geboten und Pflichten, denen die Batschkaaer Gläubigen – aller Nationen - in der warmen Jahreszeit gerne folgten, gehörten die Wallfahrten zu den "Prindl" /heilige Wasser/ der Wallfahrtsorte, von denen die wichtigsten, "großen", in einem Tagesmarsch mit einer Prozession erreichbaren waren: Máriagyüd - Marjud - in der Baranya, mit einer wunderträchtigen Muttergottes-Statue aus dem 18. J.H; Mariaradna im Banat, mit einem Gnadenbild der Mariaverkündigung in der Franziskaner-Kirche, aus dem 17. J.H.; Hajoscher Prindl, mit einer aus Württemberg durch die Siedlerahnen mitgebrachten Wunderstatue der Muttergottes, in der Kirche zum Hl. Emmerich; Bajaer Vodice (Prindl auf Slawisch), mit der Tränenreichen Muttergottes in der Wunderkapelle; Dorosloer Prindl, mit dem Bild der Königin Muttergottes, aus dem 18. J.H., in der Kirche z. Hl. Emmerich: Zu den sogen. kleinen Prindl zählten wir jene in Tschanopl, Batsch, Batschkrstur, Peterwardein und Ilok; das Letztere mit dem Grab des Hl. Joh. Kapistran, dem Wundertäter aus der Türkenzeit.

Die Wallfahrten waren, je nachdem woher die Gläubigen kamen, ein- oder zweitägige, und man ging mit ihnen immer dorfweise, bis nahe vor den Gnadenort ohne bestimmte Ordnung, nur dass die Männer das Kreuz und mindestens zwei Kirchenfahnen voraustrugen, wobei die Mädchen, Kinder und Frauen wahllos hinterher folgten. Beim Prindelort angelangt, ordnete sich die Prozession in Viererreihen: Männer mit Kreuz und Fahnen voraus, zwischen ihnen und der männlichen und weiblichen Jugend ein männlicher Vorsänger (heutzutage mit Mikrofon und Lautsprecher), danach die Vereine mit ihren Fahnen, Vorsängerinnen, evtl. Chöre, Ministranten in Messgewändern, Muttergottesmädchen in Weiß, dann der 'Himmel' (Baldachin) mit vier starken Trägern an den Eckstangen und dem Pfarrer mit feierlichstem Mantel und Monstranz darunter, und mindestens ein Kaplan an seiner Seite, das Rauchfass schwingend; hinter dem Baldachin gemischte Paare, alleingehende Frauen, und zum Schluss alte Leute, die es sich aber nicht nehmen ließen, die vieljährige Übung der Fahnenträgerinnen, so lange sie es körperlich schafften, fortzusetzen. Diese Fahnen waren und sind heute noch, mit das Schönste der Prozession, da sie alte individuelle Stickarbeiten frommer Frauen darbieten, deren Segen über Generationen hinausreicht. Während die Prozession langsam durch den Wallfahrtsort zum Prindl zieht, läuten alle Kirchenglocken und überdecken die lauten Litaneien und Kirchenlieder, so dass sich jeder Teilnehmer dem Himmel nahe vorkommt. Meist waren – und sind - Wallfahrten Bitt- und Danksagungen derjenigen, die tief im Inneren an Wunder des Himmels glauben, daran, dass sie vor materieller Not, Krankheit und körperlichem Gebrechen, Kinderlosigkeit und schlechter Ehe befreit wurden oder werden. Ob jemand allerdings vor der Heimsuchung des Zweiten Weltkrieges daran dachte, den Himmel zu bitten, er möge uns um alles in der Welt vor der Erhebung der Waffe gegen unsere Mitmenschen, vor Lager und Vertreibung bewahren - von solchen Wallfahrtsgebeten ist nichts bekannt.

4.27 Sonstige Christenpflichten
Bei allen feiertäglichen Gewohnheiten und Vergnügungen hielt man sich im Allgemeinen an das christliche Gebot (Du sollst den Tag des Herrn heiligen), im Besonderen, tat man dennoch hie und da etwas ungebotenes, in der festen Hoffnung auf himmlische Einsicht. Dadurch kam auch der Mensch an den Feiertagen zu seinem vollen – irdischen – Lebensrecht. Das bestand zuerst mal in gutem Essen und Trinken. Bei den Feiertagsvergnügungen richtete man sich nach der Jahreszeit und nach dem Alter. Die Jugend fand außer Haus zusammen, die Alten daheim. Zu den auswärtigen Vergnügungen gehörten, bei den großen Burschen, das Sportschauen oder sportliche Mitmachen, das Kegeln, Kartenspielen, Wirtshausbesuchen, Tanzen, Spazieren, Flanieren, Rudern und Wandern; bei den kleineren Buben auch das Sportschauen – meistens Fußball – dann Angeln, Vogeleier suchen, Vögel jagen mit Schleudern und Fallen, die älteren Jahrgänge belauschen und beäugen, u.ä. Bei den großen Mädchen, ab 14 Jahren, war an Feiertagen das Wichtigste das schöne Einkleiden und auf der Gasse sitzen, Herumflanieren, Tanzen gehen und das Singen in der Gruppe; die kleineren mussten daheim bleiben, wo sie ,Reihe halten’, d.h. sich gegenseitig besuchen durften und mit Puppen spielten. Zu den meisten Hausvergnügungen der Männer gehörte ebenfalls das gegenseitige Besuchen, das Kartenspielen, Radiohören, Weintrinken und Politisieren, sowie (was von der Erlaubnis der Frauen abhing – oder auch nicht) der Wirtshausbesuch. Die Frauen besuchten sich gegenseitig, hörten – getrennt von den Männern – Radio und machten, wenn der Feiertag nicht zu bedeutend war, eine leichte Handarbeit, häkelten oder stickten (das Stricken gehörte nicht zum reinen Vergnügen).

5 GESANG, MUSIK UND TANZ
Alle drei Unterhaltungsarten waren etwa gleich beliebt. Das erst in den letzten 15 Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg nach und nach eingeführte Radio hatte noch keinen großen Unterhaltungsaffekt; zu groß waren die Mängel in der Tonwiedergabe – vor allem beim Gesang. Auch bei Musik und Tanzmelodien kamen die von den Schellackplatten gekratzten Wiedergaben bei weitem nicht an die wirklichen Melodien der Musikkapellen heran. Aus diesen und einer Fülle weiterer Gründe schaltete man das Radio nur aus Neugier an. Jedenfalls ist es interessant und sehr aufschlussreich, kurz zu analysieren, wie sich die drei erstrangigen Vergnügungsfaktoren im Leben der Vorfahren und zuletzt in unserer eigenen Erfahrung darboten.

5.1 Gesang
Die Batschkaer sangen im Gesangverein, im Kirchenchor, in der Burschen- oder Mädchengruppe und Familie, oder auch allein, solche Lieder, die noch mit den Ahnen bei der Ansiedelung in den Südosten kamen, aber auch modernere, die mit Wanderchören und Kapellen aus Deutschland und Österreich eingeführt wurden: (Reihenfolge nach dem Häufigkeitsgrad ihres Singens) Kirchenlieder, Volkslieder, Trauerlieder / Moritaten, Tanzlieder, Soldatenlieder, und alle, welche von den andersnationalen Nachbarn gesungen wurden. Z.B. sangen meine Bereger zweisprachig, schwäbisch / hochdeutsch und raizisch, gleich schön und ohne sich um dialektische Feinheiten zu kümmern. In anderen Dörfern sangen sie dazu noch ungarisch, weil auch deren Klangfülle oft unwiderstehlich war und leicht zum Mitsingen verführte. Außer den von Konrad Scheierling in seinem ‚Donauschwäbischn Liederbuch’ gesammelten Batschkaer Liedern, sangen unsere Menschen gerne Wehmütiges von Rhein und Neckar, von Straßburg und Soldatenzeit: Jetzt fahr ich am Neckar, jetzt fahr ich am Rhein; O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt, darinnen liegt begraben so mancher Soldat...; Vom Himmel hoch da kom ich her..., Ehre sei Gott in der Höhe..., Großer Gott wir loben Dich... u.v.a.
Am meisten gab es in den Dörfern gemischte, männlich-weibliche Chöre, welche weltliche Lieder im Verein und kirchliche während der Messe sangen. Diese Chöre entstanden vor rund hundert Jahren, davor waren sie reine Kirchenchöre, hatten ihren Platz oben auf dem Chor, neben der Kirchenorgel und wurden vom Organistenlehrer (Kantorlehrer) dirigiert. (Noch bevor ich beim Umzug in die Bundesrepublik Deutschland – nach Internierung und Zwangsarbeit – mit neunzehn Jahren hörte, woher unsere Vorfahren kamen, glaubte ich instinktiv, es müsste die Gegend am Oberrhein sein, da dorthin der Inhalt der alten Lieder wies. Meine Großmutter war eine gute Sängerin, und hatte bereits als Kind und dann als Junge Frau mit ihrem Mann viel gesungen. Sie hat mir manche Lieder aus ihrem reichhaltigen Repertoire beigebracht. Darunter waren manche Moritaten und Soldatenlieder, aber auch lustige, wie z.B. Wann tie Pelzkapp wiedich wert..., Wann ich mei Schimml vrkauf, geh ich in s Werthaus un sauf... Ich un mei Aldi, mir kenna schee tanza...u.s.w. In den Lagern Gakowa und Rudolfsgnad / Knicanin sangen wir Kinder, 1945-48, ebenso wie die Erwachsenen, traurig-sehnsüchtige Heimatlieder, die alle unsere Vertreibung von daheim zum Inhalt hatten. Wie tief in uns das Trennungsweh saß, kann man daran erfühlen, dass wir Knaben beim Tanzen, in einem breiten Hausgang, im Dreivierteltakt sangen: Die Wolken sie ziehen schön – und ich muss jetzt weiter gehn – und ich muss für immer fort – an einen anderen Heimatort... Gottfried Habenicht vom Johannes Künzig Institut, Freiburg, hat in seinem Buch ‚Leid im Lied’ viele Lagerlieder veröffentlicht, welche von unserer großen seelischen Not aus der Nachkriegszeit Zeugnis ablegen.

Später, zwischen 1948 und 51, als ich in Apatin als Werftlehrling arbeitete, sangen wir viel im Sommer, an der Donau, beim Baden und Bootsfahren, aber auch abends am Strand. Dann waren es keine Heimwehlieder mehr, sondern Volks-, Wander- und Soldatenlieder aus Deutschland, denn diese hatten die Apatiner Donauschiffer aus dem Mutterland mitgebracht: Lustig ist das Zigeunerleben..., In einem Polenstädtchen..., Muss i denn, muss i denn zum Städdäle naus..., Kein Schöner Land in dieser Zeit..., Nun ade du mein Lieb Heimatland..., Wir lagen vor Madagaskar... usw.

Vorher, in der Kriegszeit, sangen wir mit den Rekrutenjahrgängen: Heute wollen wir marschieren..., Wenn die bunten Fahnen wehen..., Schwarzbraun ist die Haselnuss..., Ich hatt einen Kameraden..., usw. Man sang diese Lieder, weil sie schön klangen und weil man durch sie näher zu Deutschland kam. Aber im nachhinein muss man manches solche Empfinden als Massenverführung ansehen, so z. B. in einem Lied, das wir gedankenlos bei Kriegsbeginn als Pimpfen lauthals von uns gaben: In London brennt es, in London brennt es, sieh dorthin, sieh dorthin; Feuer, Feuer, Feuer, und wir haben kein Wasser! Dabei streckten wir begeistert gegen Westen die rechte Hand aus, zum unbesiegbaren Deutschen Gruß.

5.2 Musik
Unsere Musik kann in Blechmusik und Streichmusik grob unterteilt werden; dann noch in verschiedene Musikbesetzungen, welche charakteristische Namen hatten wie: Kleine und große Blechmusik / Blaskapelle, Jugendkapelle, Marschmusik / Soldatenkapelle, Tanzmusik, Trauermusik, Zirkusmusik, Platzmusik, Standmusik, Ständchenmusik und Salonmusik. Die Streichmusik unterteilte sich ebenfalls nach ihrer Auftrittart in Wirtshausmusik und Konzertmusik. Die im Wirtshaus dann wiederum in: Schrammel- oder Stimmungsmusik, Hochzeitsmusik und kleine Musik. Jene im Konzertsaal in Konzert- und Unterhaltungsmusik. Eine genauere Unterteilung hat unser bekannter Musikforscher, Robert Rohr, in seiner Buchveröffentlichung Unser klingendes Erbe vorgenommen, wo auch vieles aus der Oberbatschka aufgezeichnet ist. Z.B. kann für Waschkut, für das Jahr 1910, eine Dorfmusik-Besetzung so aufgeteilt werden: Je eine S- (erste) und B- (zweite) Klarinette, A1- und A2-Flügelhorn, Bassflügelhorn, S-Trompete I und S-Trompete II, F- und B-Bass. Etwa zur selben Zeit gab es in Kernei/Kerény (bei Sombor) eine 8 Mann starke Blaskapelle, mit einer Besetzung von S- und B-Klarinette, Flügelhorn (Trompete), S-Trompete, Bassflügelhorn, Trombon-Bass I und II. Für die Besetzung in den Dreißigern, etwa 20 Jahre später, bestand eine Schrammelmusik aus 1. und 2. Violine, Gitarre, Akkordeon, Streichbass, Schlagzeug. Zugleich hatte, im selben Dorf, das Streichorchester eine 1. und 2. Violine, Bratsche, Ziehharmonika, Saxofon, Kontrabass und Schlagzeug. Als ‚vergrößertes’ Orchester hatte dieselbe Gruppe noch dazu eine 3. Violine, Cello, Klavier und Harmonium. Zuletzt, kurz vor dem Krieg, hatte eine ,große Kapelle’ aus Waschkut die folgende Besetzung: S- und B-Klarinette, 1. und 2. Flügelhorn, Bassflügelhorn, 1. und 2. S-Trompete, F- und B-Bass. Bei der ‘kleinen’ Besetzung gab es daselbst: Violine, Ziehharmonika, Zimbal / Hackbrett, Bassgeige und manchmal Klarinette. So ähnlich waren viele Kapellen und Orchester in der damaligen Batschka besetzt. In Städtischen Besetzungen fanden sich noch Waldhörner, verschiedene Posaunen und eine Triangel, kleine und große Trommeln und Tschinteller.

5.2.1 Jugendmusik
Es waren entweder Nachwuchsgruppen der Dorf- und Stadtkapellen oder hatten eigene Gründungen, wie z.B. die Werftkapelle aus Apatin, welche aus 27 Lehrlingen bestand und für Auftritte Marsch- wie Tanzmusik einstudierte. Der Kapellmeister, Engelhard Gyula, beherrschte die meisten Instrumente, und so ersetzte sein Vorspielen den jungen Musikern das Erlernen der Noten. Die Besetzung entsprach einer großen Erwachsenenkapelle. Bei Auftritten im Freien, war man vollzählig, im Saal wurde nur die halbe Besetzung gebraucht, und keine großen Pauken und Tschinteller, während der sitzende Trommler mit einer Fußeinrichtung auf seinem Instrument alle Takte vorgeben konnte, die bei den modischen Tänzen nötig waren,

5.2.2 Trauermusik
Bei Begräbnissen, spielten die erste und zweite Trompete, eine Klarinette, das Bassflügelhorn oder eine Posaune, ein Bass und die kleine Trommel. Gespielt wurde auf Bestellung ein Wunschlied und ein langsamer Trauermarsch. Nur wenn der Tote zuhause von der Kapelle mit abgeholt wurde, gab es eine größere Besetzung – und teurere Bezahlung.

Zirkusmusik ließ sich in den Dörfern dann sehen, wenn ein Zirkus nahte und man für ihn Stimmung und Reklame machen wollte. Meist saß die notdürftige Besetzung auf einem Bauern- oder Zirkuswagen (der bekannteste Wanderzirkus in Südungarn vor dem Krieg hieß ,Klutzki’) und spielte so laut sie konnte, bestehend ungefähr aus: Trompete, Posaune, Geige, Bassgeige, Tschinelle, Großer und kleiner Trommel. Das scheckige Zirkusgespann zog den Wagen durch das Dorf, und blieb an jeder größeren Kreuzung stehen, um eine musikalische Einladung in Ton, Wort und Schrift kund zu tun. Der als Clown maskierte Musiker war zugleich derjenige, der laut eine Einladung rufend Programmzettelchen verteilte, bzw. auf die Straße warf. Dieselbe Besetzung spielte dann auch bei den Vorstellungen im kleinen Zelt oder im Hof eines Gasthauses.

5.2.3 Platzmusik
Sie machte meist eine Militärkapelle, wo nur große, volle Besetzungen in Frage kamen: an Staatsfeiertagen, bei Einberufungen, Verabschiedungen der Gemusterten am Kreisbahnhof und, natürlich, während des Krieges, wenn größere Truppenteile irgendwo Station machten. Die Militärkapelle in Bewegung machte Marschmusik mit diversen österreichisch-ungarischen Märschen. Standmusik hieß die Platzmusik der Zivilisten., welche bei denselben Anlässen, wie von den Militärkapellen gespielt wurde. In allen drei Fällen war die Besetzung so groß wie nur möglich. Manchmal wurde die Blechmusik von einer Streichmusik vergrößert oder abgelöst. Das war beim Übergang von einem feierlichen zum gemütlichen Teil der Fall, z.B. wo man aus einem Wirtshaushof in das gemütliche Innere wechselte.

5.2.4 Ständchenmusik
An größeren Ehrentagen oder Jubiläen, aber auch nachts vor dem Hause eines Mädchens, brachten einige Musiker mit kleiner, bzw. kleinster (Einmann-) Besetzung einige schöne Melodien zu Gehör. Der oder die Geehrte hatte sich allein im Fenster zu zeigen, was die Annahme des Ständchens bedeutete. Umgekehrte Fälle kamen ebenfalls vor. Es war Brauch, dass man den Musikern ein Gläschen zu Trinken anbot. Bei geehrten Mädchen überbrachte der Vater das Getränk oder es kam nur ein schüchternes Dankeschön ans Ohr des Spielers. Geehrte Vereinsmitglieder luden zum Trunk ins Haus. Die romantischsten waren die Solobesetzungen, und sie bestanden aus Geige oder Gitarre, Zieh- oder Mundharmonika oder aus einer C-Trompete. Bei einem Kameradschaftsständchen kamen zu den Solisten noch beliebig viele Mitspieler dazu.

5.2.5 Wirtshausmusik
Wirtshaus- oder Stimmungsmusik war meist Streichmusik in kleinen Besetzungen: Geige, Klarinette, Gitarre und Bassgeige; Alternative: Ziehharmonika, Zither, Klavier, Klarinette und kleine Trommel. Wesentlich war dabei, dass sowohl die Unterhaltungs- wie Tanzlieder – ohne und mit starkem Rhythmus – gespielt werden konnten. Reine Stimmungsmusik wurde zur Unterhaltung in Gasträumen mit Essensangebot gemacht. Von einem einzigen Solo-Musiker oder Duo, bis zu Trios, Quartetts und Quintetts gab es alle Besetzungen, die der Wirt zu zahlen in der Lage war. Dabei kann als Richtlohn für den einzelnen Musiker der Betrag angesetzt werden, den ein Tagelöhner für den ganzen Arbeitstag gezahlt bekam. Gespielt wurden deutsche, ungarische und slawische Stücke, mit gutem Unterhaltungseffekt, aber auch bekannte aus Deutschland und Österreich. Doch die Bemerkung muss angefügt werden, dass alle miteinander nicht an eine stimmungsvolle Zigeunermusik – welche sich nur reiche Wirte leisten konnten - heranreichten.

5.2.6 Konzertmusik
Diesen Musikzweig gab es in den meisten Dörfern nur von Wandergruppen, in größeren Siedlungen und Städten von sesshaften Orchestern. Aus einheimischen erwachsenen und jugendlichen Musikern wurden wahlweise Gelegenheitsbesetzungen Zusammengestellt. Z.B. bestand ein mittelgroßes Symphonieorchester – aus eigener Erinnerung aufgelistet - aus erster und zweiter Geige, erstem und zweitem Flügelhorn, je zwei Posaunen und Waldhörnern, einer Triangel und Tischharfe, drei Klarinetten, zwei Blockflöten und Fagotten, einer Oboe, einem Cello und einer Bassgeige, und dazu noch einer Tschinelle, großen und kleinen Trommel. An einem volkstümlichen Konzertabend kam zwischen Volksmusik und Beethoven alles an die Reihe.

5.2.7 Hochzeitsmusik
Es konnte eine Blech- oder Streichmusik sein, groß oder klein, je nachdem, ob sie im Hochzeitshaus oder in einer Gaststätte aufspielte. Weil der Verdienst überdurchschnittlich war, wegen des zusätzlichen Trinkgeldes, hatten nur dann kleine Besetzungen den Auftrag angenommen, wenn Kleinhäusler oder Tagelöhner heirateten. Gespielt wurden Stimmungs- wie Tanzlieder, und es wurde dabei von Einzelnen oder allen Gästen fleißig mitgesungen (was bei den Ungarn mulatság hieß, doch auch unseren Menschen gefiel).

5.2.8 Hausmusik
Man nannte sie auch Familienmusik, und sie wurde von einzelnen oder mehreren Familien, in wechselnder Reihe, gespielt. Noch in der radiolosen Zeit – bis in die Dreißigerjahre – hat man viel in den musikalischen Familien gesungen und gespielt. Zwei oder mehrere Spieler machten auf einem Hauptinstrument – Geige, Ziehharmonika oder Klavier – und einigen Rhythmuskörpern Musik für die eigene Entspannung sowie mehr oder minder gewünschte Unterhaltung der Nachbarn. Eigentlich gab es in der Stückewahl keine Einschränkungen.

5.3 Tanz
Er konnte auf dem Lande in zwei Kategorien aufgeteilt werden: In Volks- und Modetanz. Unsere Ahnen brachten bei ihrer Ansiedelung im Südosten einige beliebte mit, die bis zum Weggang unverändert – wenn keine Musik vorhanden war, im Singrhythmus - getanzt wurden: Der Kindertanz, mit den Kreistänzen Ringelreihen und Hopsa Schwabenliesel, dann die Tänze für Erwachsene, wie Maien-, Ernte-, Braut- und Wechseltanz, die alle auch von mehreren Tänzern im Kreis getanzt wurden. Welche Tänze die Batschkaer Kapellen von Anbeginn bis zuletzt spielten, wird im Beispiel der Kapelle aus Tschawal/Csávoly in ihrem Gesamtrepertoire aufgezählt: 75 Märsche, 19 Ländler, 121 Walzer, 97 Polka, 15 Schnellpolka, 68 ,volkstümliche’ Tänze, 22 Lieder und Potpourris, 20 ungarische Tänze, 2 serbische Kollo, 12 ,moderne’ Tänze, 11 Konzertstücke, 42 Kirchenstücke und ,zahlreiche andere deutsche und ungarische Kompositionen’.

5.3.1 Tanzmusik
Für die Besetzung galt dasselbe, wie bei der Jugendkapelle. Ob im Wirtshaus des Dorfes bzw. dem Kulturhaus der Stadt, mit halber, oder im Freien, mit ganzer Besetzung, immer wurde das gesamte Repertoire gespielt: Walzer, Englischwalzer, langsame Polka, Hopfpolka, Ländler – als Schuster-, Besen- und Polstertanz, schneller Schieber und langsamer Foxtrott (Schieber) und zuletzt auch die ,amerikanischen’ Charleston oder Shimmi. Dass in gemischtnationalen Dörfern – und in den Städten sowieso – auch mal ein Csárdás oder ein Kollo gespielt und getanzt wurden, ist selbstverständlich. Der kleine Tanzsaal hatte keine Tische, nur an den Wänden entlang eine Stuhlreihe. Getrunken hat man, in diesem Falle, etwas im Nebenraum, an einem Schanktisch, im Stehen, oder an einem Ziehbrunnen im Hof. Bei der Tanzveranstaltung in einem großen Tanzsaal, hat man die Tanzfläche von Tischen freigemacht, und die Tänzer saßen zum Teil im Tanzsaal z.T. im Nebenraum und hatten alle die Getränke vor sich auf dem Tisch. Die Aufforderung zum Tanz geschah auf so vielerlei Art und Weise, wie es Charaktere unter den männlichen Tänzern gab. Grundsätzlich konnten und durften nur solche Mädchen von Jedermann aufgefordert werden, die mit einer Freundin, der Mutter oder Tante zur Veranstaltung kamen. Alle jene, von denen man wusste, dass sie einen festen Freund hatten, waren auch dann nicht frei, wenn sie den ganzen Abend, aus irgendeinem Grunde, allein dasaßen und auf einen Tänzer warteten. Die Nichtbeachtung eines Aufforderungstabus – z.B. durch auswärtige, ahnungslose Burschen – führte bald zu einer lebhaften Auseinandersetzung, mit Hinauswurf oder Schlägerei.

6 VEREINSLEBEN
Beim Zusammengehen hieß es: Paura zu Paura und Tagloonr zu Tagloonr; aber auch genauso Lehrpuwa und Ksella zu kleichi Lehrpuwa un Ksella. Das ist dann bei Meister zu Meister und Fach zu Fach das ganze Leben lang so weiter gegangen. Die christlichen und kirchlichen Vereine, wurden vom Dorfkaplan oder fleißigen Pfarrer ins Leben gerufen. Nur in den Arbeitsweisen, in kleinen oder gemischten Dörfern und sozialen Schichten, wo es wenige Menschen gab, war eine gewisse Vereinsmischung erlaubt und recht - weil auch hier die Untergrenze zur Kameradenhalt eingehalten worden ist. Alle Zusammenkünfte von Jungen oder Älteren brauchten zu ihrer Ordnung einen gemütlichen Platz, der meistens in einem Wirtshaus war, wo sie von den anderen Leuten nicht gesehen und abgeschaut werden konnten.

6.1 Vereinsarten
Zwischen dem kleinsten und größten Dorf hat es nur zahlenmäßige Unterschiede im Vereinsleben gegeben. Auch im kleinsten gab es einen Feuerwehr-, Bauern- und Gesellenverein, der sich an geschriebene und überkommene Satzungen hielt. Geschrieben stand, wer Mitglied sein konnte, welchen Beitrag wer zu zahlen hatte und wo und wie Vorstandswahlen abzuhalten seien, usw. Zu den ungeschriebenen Gesetzen gehörte die Verwendung der Beitragsgelder, das wechselnde öffentliche Programm, mit Sport, Kegeln, Wandern, Radfahren, etc. Ein Großdorf an der Donau (Apatin) hatte nicht weniger als zwanzig eingetragene Vereine und Verbände / Zusammenschlüsse. In zufälliger Reihenfolge waren dies: Männergesangverein, Kasinoverein, gemischter Gesangverein, Musikverein, Schachklub, Gesellenverein, Bauernverein, Bauernjugendverein, kaufmännischer Jugendverein, Fischerburschenverein, Gewerbeburschenverein, Genossenschaftsverein, Arbeiterkulturverein, Christusjugend, Marienbund und einige Verbindungen als Fortsetzungen der Zünfte. Ob klein oder groß, jeder Verein hatte an unabkömmlicher Ausstattung seine Vereinsfahne, welche auf der einen Seite den Namen und das Gründungsjahr aufgedruckt oder gestickt hatte, und auf der anderen den Schutzpatron und das Vereinswappen. Das Fahnenmaterial war Taft und Seidenstickerei, mit Wolle- oder Seidenpospeln, mit und ohne Quasten. Gehütet wurden die weltlichen Fahnen im Vereinslokal, die religiösen in der Kirche. Benutzt und vorgezeigt wurden sie alle gleichsam bei kirchlichen Prozessionen und einem feierlichen, weltliche Aufmarsch oder bei einem Vereinsjubiläum auf dem Festplatz, etc. In zweisprachigen Dörfern gab es ältere, zweisprachige Fahnen, welche noch aus der Zeit stammten, da die Nationen noch gut miteinander auskamen. Dann waren auch noch die Vereinslokale gemischt und die Zusammenkünfte weniger nationalistisch geprägt – aber das war lange, lange her.

7 SPORT
Von frühester Kindheit, der Kindergartenzeit, hat man regelmäßige Übungen für das richtige Gehen und Laufen, das Atmen, Geradestehen usw. praktiziert. Ab der Schulzeit wurden die Übungen immer zahlreicher, so dass man sie fest in Blut und Muskeln hatte, und als junger, freier Mensch nicht mehr von ihnen loskam, d.h. sie freiwillig weitermachte. Es gab schon ab Beginn des 20. Jahrhunderts, als man noch nichts vom Turnvater Jahn in Deutschland wusste, in der Batschka die ersten Sportvereine, welche bereits aktive und passive Mitglieder hatten. Unter den passiven gab es schon so großzügige, die sich bereits als Mäzene betrachten konnten. Die Regel kam immer mehr auf, dass sich die Jugend schon ab dem Volksschulabgang als Mitglied in einen Sportverein eintrug. Zuerst wurde Jugendsport betrieben, dann Erwachsenensport; hier wie dort streng in männliche und weibliche Gruppen geteilt.

7.1 Sportarten - Sportplätze
Burschen- und Männersport: Alle Ballsportarten, Boxen, Ringen, Gewichtheben, Kugel-, Gewicht- und sonstiges Werfen, Turnen, Wettlaufen, Rudern, Kegeln, Reiten, Fechten, Hockey, Rennen mit Fahrrad und Motorrad, seltener Autorennen, Schwimmen, Tauchen, Fliegen mit Segelflieger, Fallschirmspringen und Schießen. Mädchen- und Frauensport: Turnen, alle Ballsportarten, außer Fußball, Wettlaufen, Rudern, Schwimmen und Schlittschuhlaufen. Auf dem Dorf gab es meist einen Sportplatz unter den Normmaßen, ca. 45 x 90 m groß, markiert oder dauerhaft ausgesteckt, nur manchmal mit Grünstreifen, auf dem der gesamte Ball- und Bewegungssport betrieben wurde. In den Städten hatten die Sportplätze von Anfang an genormte, europäische Abmessungen, von 50 x 100 m, mit Grünstreifen und ,Umkleidekabinen’, die aus mindestens zwei überdachten Räumen bestanden, für örtliche und fremde Mannschaften. An Sanitäranlagen gab es einen Pissoir im Freien und ein überdecktes Plumpsklosett. An die genauen Sportregeln hielt man sich nur in der Stadt, auf dem Lande hielt man sich an örtliche und oft vom Publikum diktierte Regeln. (Das typische Beispiel: Drei Eckbälle beim Fußball waren gleichbedeutend mit einem Tor). Für den Innensport gab es im Dorf keinen eigenen Raum, lediglich den Wirtshaussaal oder einen Schulraum, wo trainiert und auch vor Publikum kleinere Wettkämpfe ausgetragen wurden.

7.2 Fußball
Diese beliebteste Ballsportart wurde nach den damaligen, leicht abgeänderten englischen Regeln gespielt. Der englische Ursprung konnte aus den Regelbenennungen abgeleitet werden. Zwei verschieden gekleidete Mannschaften, mit je 11 Spielern, spielten – bei Halbzeitwechsel der Seiten - jeweils 30 Minuten lang. Nur bei ‚wichtigen’ Klassenspielen wurden genaue Kalkmarkierungen gezogen, sonst waren die Plätze nur ungefähr markiert. .Die Bälle waren, je nach Gelegenheit, aus Leder aufblasbar, aus Gummi luftgefüllt, oder aus Lumpen gewickelt. Mit den Bällen wurde gedribbelt, und sie wurden mit einem guten Schutt zum Gool ins Tor geschossen. Ein Centerfor konnte im Obseid stehen, und die Verteidiger schoben oft die Bälle ins Aut. Und drei Corner – wie bereits erwähnt – galten als ein Gool. Die Schiedsrichter hießen in gemischten Siedlungen Sudija (slawisch) oder Biró (ungarisch). Linienrichter mit Autfahnen gab es nur bei Klassenspielen – Kreis- und Landesklassen. Hatte man, was oft vorkam, nicht genügend Spieler pro Mannschaft, so spielte man nur auf ein Tor, mit und ohne Tormann / Kapusch. Gleich welche Klasse gespielt wurde, die Zuschauer waren immer zahlreich, zahlten auch gerne Eintrittsgelder, und es gab unter ihnen regelrechte Fußballnarren jeden – männlichen - Alters.

7.3 Handball
Man spielte mit einem Gummi- oder Lumpenball auf dem gesamten Fußballplatz und dessen Tore, mit zweimal 5 bis 8 Spielern, oder drinnen, auf deutschländer Art, mit zweimal 5 Spielern, auf kleinere Tore. Außer dem Tormann – der auch bei den Frauen so hieß -, durfte niemand den Ball mit beiden Händen festhalten. Seine Berührung mit dem Fuß, war ein Faul, und alle 5 Sekunden oder 3 Schritte lang musste der Ball den Boden berühren. Man spielte zweimal eine halbe Stunde, mit Seitenwechsel.

7.4 Korbball - Basketball
Man spielte auf einen Korb, nach deutschländer Regeln, mit 3 bis 5 Spielern. Die Platte, an der der Netzkorb befestigt war, ragte flach aus dem Boden in die Höhe, und es gab nicht immer ein Netz um den Ring. Spielten Schulkinder gegeneinander, so spielte jeder gegen jeden und suchte sich den Ball anzueignen, weil ihm nur seine Körbe zugeschrieben wurden. Sieger war, wer nach einer halben Stunde die meisten Körbe geworfen hatte. Da ohne genaue Regeln und ohne Richter gespielt wurde, konnte Chaos und Streit kaum mal vermieden werden.

7.5 Schlagball
Er wurde so ähnlich wie das heutige Kricketspiel mit Lumpenball und Holzschläger gespielt. Zwei Mannschaften, mit je 3 bis 5 Spielern, stellten sich jeweils an die Enden der längsten Sportplätze oder Wiesen und schlugen den Ball aus dem Stand in Richtung der Gegner. Während der Ball in der Luft war, musste ein gegnerischer Spieler auf ihn zuspringen und ihn noch bevor er den Boden berührte zurückschlagen. Konnte er ihn in der Luft mit der Hand fangen, so gab es einen Pluspunkt. Geschlagen wurde abwechselnd, je weiter, umso besser, und Sieger war diejenige Mannschaft, welche den Gegner zuerst hinter seine Ausgangslinie schlagen konnte.

7.6 Wurfball
Meist jüngere Burschen-Jahrgänge spielten es, jeder gegen jeden, und es konnten beliebig viele mitspielen. Der Gummi- oder Lumpenball (fest verschnürter und vernähter Lumpenknäuel) wurde von einem Spieler bis ca. 3 m hoch in die Luft geworfen, und ein anderer Spieler musste ihn auffangen. Während der Ball in der Luft war, musste ein dritter Spieler schnell wegrennen, und er schied aus, wenn er vom fangenden Spieler mit dem Ball getroffen wurde. So lange dies nicht der Fall war, durfte er auch den Ball in die Luft werfen oder auffangen und nach einem wegspringenden Spieler schmeißen. Sieger war, wer die meisten Abschüsse hatte, d.h. am Ende allein übrig blieb, weil alle anderen ,abgeschossen’ waren.

7.7 Netzball - Volleyball
Man spielte vereinfacht folgendermaßen: Zwei Mannschaften mit je 4 bis 6 Spielern – männlich, weiblich, gemischt – nahmen auf beiden Seiten des ca.2m hoch gespannten Netzes oder eines Strickes Aufstellung und schlugen, mit gespreizten Handflächen, wie heute, den Leder- oder Gummiball hoch herüber und hinüber. Der Ball durfte den Boden nicht berühren, konnte aber von einer Mannschaft hintereinander mehrmals geschlagen werden, bis er über dem Netz bei den anderen landete. Erdberührungen und Fehlschläge waren Minuspunkte. Sieger war, wer nach der vorher ausgemachten Spieldauer die wenigsten Minuspunkte hatte.

7.8 Grashockey
Es wurde auf dem Sportplatz oder auf einer großen Wiese gespielt, wobei Ball und Schlaghölzer selbstgefertigt waren. Zwei Mannschaften, mit je 5 bis10 Spielern, spielten so gegeneinander, dass der Lumpenball nur mit dem Schläger berührt werden und nicht das Spielfeld verlassen durfte; war das der Fall, so gab es Strafschläge. Und gespielt wurde zweimal 20 Minuten.

7.9 Tennis
Auf dem Lande ein seltener Sport, der, wenn man ihn spielte, mit dem städtischen Spiel nur den Namen teilte. Spielte man dort nach englischen Regeln und mit richtigen Schlägern, so wurden hier auf einer abgesteckten Wiese oder in einer wenig befahrenen Gasse die Bälle, mit kleinen Brettschlägern oder auch mal mit der flachen Hand, möglichst weit über eine quergespannte Schnur hin und her geschlagen. Von dort, wo der Ball aufschlug, wurde er zurückgeschlagen. Als Minuspunkt wurde gezählt, wenn der Ball nicht oder falsch, nach einem Hopser, zurückgeschlagen wurde. Das Spiel war dann zu Ende, wenn eine bestimmte Minuspunktzahl oder der Verlierer ans Wiesen- oder Gassenende zurückgedrängt war. Eine Revanche war die Regel.

7.10 Boxen
Diesen ernstgenommenen Kampfsport gab es zwischen Schülern und erwachsener Jugend, hier auch mal ohne Handschuhe und mit lumpenumwickelten Fäusten, dort mit regelrechten, ledernen Boxhandschuhen, wie überall auf der Welt. Die Kinder boxten ohne Zeitbegrenzung, bis einer aufgab und der andere automatisch zum gefeierten Sieger ausgerufen wurde. Schau- oder Wettkämpfe bei den Großen gingen über drei Runden. Dabei gab es Faul, Breck, Aut und Nokaut, welche ein Richter – seltener auch ein Punktekomitee – streng und endgültig ausrief. Vereinsboxen gab es nur in den Städten, wo es um Kreis- und danach um Landessiegerehren ging.

7.11 Ringen
Meist war es Freilichtringen in markierten Kreisen oder Vierecken, die schätzungsweise auf dem Erd- oder Grasboden eingekratzt wurden. Man hat so lange gerungen, bis einer mit dem Rücken flach auf dem Boden lag. Sieger war aber erst derjenige, der über dem Verlierer im Scherensitz sitzen und dessen Ärmel, eine Zeitlang auf den Boden drücken konnte. Es gab Wettringen auf Kreisebene, für Kreissieger und diese haben den Landessieger untereinander ermittelt.

7.12 Gewichtheben
Auf dem Dorf wurde das Kräftemessen zwischen den Bauern- und Handwerksburschen ausgetragen, und nur selten gab es dabei echte, maßgenaue Gewichte. Gehoben wurde um die Wette sozusagen alles, was man mit beiden Händen festhalten konnte: Holzstämme, Steine, Eisenstücke und Wasserkübel. Sieger war, wer das schwerste Gewicht mit ausgestreckten Armen, über dem Kopf einige Sekunden lang halten konnte. So ein Kräftemessen wurde nur öffentlich und im Rahmen größerer Veranstaltungen gemacht.

7.13 Kugelstoßen
Kugel-, Gewicht- und sonstiges Stoßen wurde, ähnlich wie das Gewichtheben, selten mit regelrechten Kugeln ausgeübt. Es gab aber verschiedene Gewichtsgrößen für verschiedene Altersstufen, ca. zwischen 1 und 3 kg. Die Kugeln waren aus Grauguss, in einer nächstgelegenen Gießerei gegossen und ungefähr rund geschliffen. Das Gewichtwerfen geschah mit echten Dezimalgewichten, aber auch mit anderen Laststücken. Für das Steinewerfen nahm man Backsteine, schon deshalb, weil es in der Batschka keine Natursteine gab.

7.14 Turnen
Man praktizierte es im Turnsaal, einem Schulraum und im Freien, auf dem Sportplatz. Hauptsächlich die Jungen und Jüngsten gaben sich damit ab. Nur in letzter Zeit, vor dem Zweiten Weltkrieg, hatte man aus Deutschland die Erkenntnis, das Turnen auch etwas für Erwachsene ist, mit dem man die körperliche Verspannung vom Arbeiten leicht wegkriegt (dass manche Übereifrige erst durch die neumodischen Übungen verspannt und verkrampft wurden, nahm man nicht ernst). An Turnfiguren und –arten kannte und probierte man alle aus, welche von eifrigen Sportlehrer auf der ganzen Welt erdacht und vorgeführt werden konnten – es sind ungefähr fünfzig an der Zahl; die wichtigsten: Boden-, Geräte-, Einzel- und Gemeinschaftsturnen, etc.

7.15 Wettrennen
Das lediglich als Rennen bezeichnete Schnelligkeitsmessen wurde ohne Regeln und Stoppuhr ausgeübt. Es begann bei den Kindern mit dem abendlichen Rennen, an langen Sommerabenden, um das ganze Dorf, Tag für Tag, bis ein eindeutiger Wochen- und Saison-Sieger feststand. Mit Regeln lief man auf dem Sportplatz, wobei die Zeit bereits mit Stoppuhren gemessen wurde. Insgesamt kann man festhalten, dass dieses eine der beliebtesten Sportarten bei Jungen und Mädchen bis 15 Jahren war.

7.16 Rudern
Mehr zum Vergnügen, als um die Wette im Sport wurde auf dreierlei Gewässern gerudert: Dem relativ schnell fließenden Fluss, dem langsamen Kanal und dem stehenden Gewässer. Auf dem Fluss konnte man nur mit dem Kajak Ausflüge oder Wettbewerbe veranstalten. Dabei war wesentlich der Unterschied zum heutigen Kajakrudern, dass damals noch kein Schutz gegen das Eindringen des Wassers beim übermäßigen Neigen oder Kentern bestand, so dass eine Unachtsamkeit auch schon das Aus bescherte. Mit Kanu und Kanadier, die beide als kleine Ruderboote gebaut wurden, konnte man gut auf den langsamer fließenden Kanäle (z.B. Franzenskanal) und zahlreichen Nebenarmen der Donau zum Vergnügen oder Rennen rudern. Für die stehenden Gewässer waren die Ruderzillen, mit und ohne Steuermann, am besten geeignet. Zum reinen Vergnügen war das Flussabwärtsrudern im Stehen und nur mit einem Heckruder am beliebtesten, wobei dann flussaufwärts beidhändig in die Riemen gegriffen und in Ufernähe zurückgerudert wurde. In den Anrainerstädten der Donau und Theiß gab es auch schon Tret- und Fahrradboote zum sonntäglichen Mieten.

7.17 Kegeln
Auch hier kam das Vergnügen lange vor dem Sport. Am besten trifft die Bezeichnung Wettvergnügen mit Zeitvertreib zu. Jedes Dorf hatte mindestens eine Kegelbahn, die, wegen des Lärms der hölzernen Kugeln und Kegel, möglichst hinten im Wirtshaushof aufgebaut war. Die Kegelbahnen waren ca. 20 m lang, 1,5 m breit, hatten einen Boden aus gestampftem Lehm und in der Mitte, über die gesamte Länge, ein 20 cm breites, gehobeltes Brett. Das Satteldach war mit Rohr oder Dachziegeln eingedeckt, und an einer Seite schützte eine Rohrwand die Spieler vor zu vielen Kiebitzen. Meist war auf derselben Seite auch die von den Kegeln zu den Spielern abfallende Bretterrinne, über welche der Kegelbursche die Kugeln nach jedem Schieben zurückrollen ließ. Sein Lohn war gering, doch wurde er trotzdem auf alle Spieler aufgeteilt. Die Eichenholz-Kugeln waren ca. 1kg schwer, ungefähr rund und ohne Löcher. Die neun Kegel waren aus einem leichteren Holz, so groß wie heute, mit einem mittig auf dem ecklastiegen Quadrat stehenden König. Gespielt wurde meist ,Abräumen’, dann ,Fuchsjagd’ und Mannschaftskegeln um den Einsatzgewinn. Zum Aufschreiben der Schübe gab es ein Holzbrettchen mit Kreide oder Zimmermannsstift. Und für das Ausruhen und Durstlöschen einen länglichen Tisch mit beiderseitigen Bänken. Beim Vereinskegeln wurden auch Meisterschaften auf Dorf- und Kreisebene ausgetragen.

7.18 Reiten
Eher eine teuere Vergnügungs- als Sportart. Zuerst kam das Erziehen der Pferde – Halbblut, Nonius und Steirische - zusätzlich zur landwirtschaftlichen Tätigkeit des schweren Lastenziehens. Das konnten sich nur Großbauern leisten, denn zum Reiten gehörte eine noble Ausrüstung. Der Einsatz lohnte sich aber, wenn man sich, an besonderen Feierlichkeiten, hoch zu Ross – meist auf dem hochgewachsenen Nonius - in der Öffentlichkeit zeigen konnte. Um die Wette konnten nur die Halbblut geritten werden. Das Wettziehen konnten dagegen die Steirischen am besten. Gezogen wurden voll beladene Bauernwagen, so dass solche Wetten – z.B. am Erntedankfest - zugleich auch stolze Ertragsvorführungen bedeuteten.

7.19 Fechten
Zuerst haben es Kinder mit Holzsäbeln geübt, dann erwachsene Burschen mit Offiziersäbeln, zum Spaß, und schließlich floss das Blut bei ernsten Auseinandersetzungen, ja regelrechten Duells der städtischen Jugend. Schaufechten gab es unter Soldaten und Offizieren, bei einer Gasthofzecherei, bei welchem auch mal ein dörflicher Zivilist mitmachte. Nach welchen Regeln gefochten wurde, konnte keine der Auskunftspersonen sagen, man wusste nur noch, dass weder Gesichts- noch Leibschutz getragen wurde, und der vordere Fuß den Kreidestrich, auf dem Wirtshausboden, oder das Gräbchen, im Freien, nicht überschreiten durfte. Aufgehört wurde nach dem ersten, blutigen Kratzer im Gesicht des Verlierers oder nach signalisierter Aufgabe.

7.20 Rennfahren
Rennen wurden mit Fahrrädern, Motorrädern und Autos gefahren. Was heißt, dass sich jede Alterstufe beteiligen konnte. Mit Fahrrad ging es in der Gruppe durch das ganze Dorf, entlang der vorvereinbarten Route; mit Motorrädern und Autos über die Landstraßen und zwischen zwei Fixpunkten, die meist in Dorf- oder Stadtmitte zu finden waren. Das Wesentliche bei allen Fahrzeugrennen war, dass die teilnehmenden Fahrzeuge selbst gemacht, bzw. aus besonderen Teilen zusammengebaut oder aber nur aufgebessert, ,frisiert’ worden waren. Dadurch waren oft Ausfälle auf der Strecke so gut wie vorprogrammiert, und es war zusätzlich spannend, ob ein liegen gebliebener Renner weiter kommen würde, oder ob er schließlich beschämt aufgeben musste.

7.21 Tauchen
Diese Sportart ist als Wettauchen bei den Kindern und als Sporttauchen bei Erwachsenen in Erinnerung. Jedes Mal kam es mehr auf die Tauchzeit und –weite als auf die Tiefe an. Wenn jemand z.B. den Donaukanal unterhalb Baja – ca. 50 m breit – ohne Ausrüstung und in einem Tauchgang überqueren konnte, dann war und blieb er Sieger ein Leben lang. In großen Anrainersiedlungen des Flusses gab es Berufstaucher, die eine richtige Ausrüstung hatten und auch mal um die Wette tauchten. Im Beruf hatten sie unter Wasser an Schiffsrümpfen zu tun und verstanden es, die eigene Ausrüstung den Flussbedingungen anzupassen, zu reparieren; gemeint ist die vom Tiefseetauchen abweichende Arbeit im Flusswasser, die eine besondere Sauerstoffzufuhr aus der Flasche und Unterwasserleuchte mit Stromzufuhr vom Schiffsdeck benötigte.. Im Krieg wurden unsere Taucher dann auch unter den Ersten rekrutiert.

7.22 Fliegen
Die Segelfliegerei und das Fallschirmspringen wollte man unserer Jugend im Krieg – als Sportart ! – beibringen. Auf ebenen Wiesen wurden reichsdeutsche Segelflugzeuge von Seilwinden bis ca. 100 m hoch in die Luft geschleppt worden. Nach dem Abseilen kam es darauf an, je weiter frei zu schweben. Diese Segler hießen ,Storch’ oder ,Falke’. Klappte der Seglerlehrgang und hatte der Schüler Lust weiterzumachen, dann bot man ihm den Fallschirmspringer-Lehrgang an. Dabei ging es mit dem Fieselerstorch auf größere Höhen. Wie viele Schüler aus unserer Gegend auch diese Prüfung bestanden und im Fronteinsatz ihr Können erproben durften, ist nicht bekannt.

7.23 Schießen
Das war eine uralte Sportart in Dorf und Stadt. Hier wie dort hat man mit Kleinkalibergewehren, Luftgewehren und –pistolen auf gemalte Zielscheiben geschossen. Dabei wurden, wie heute, die getroffenen Ringe gezählt; und es gab in den Schützenvereinen Schützenkönige, die auf Schützenfesten – meist an der Dorfkirchweih – ihre Künste vorführten.

7.24 Schlittschuhlaufen
Schleifschuhe hatte jeder Jugendliche in gekaufter und selbstgebastelter Ausführung. So konnte das Wintervergnügen, ab Mitte Dezember, auf den zugefrorenen Wiesen- und Lehmlöchern losgehen. Gekaufte Schlittschuhe, die sogar maßgenau auf den Schuh aufgeschraubt werden konnten, galten als seltener und zu teuerer Luxus. Selbstgemachte gehörten zur selbstverständlichen Winterausstattung. Sie waren zwei- und einspurig, mit zwei oder einem Eisendraht unter den Fußbrettchen, welche mit Lederschnallen oder Schnüren an jede Art von Winterschuh befestigt werden konnten. Wettlaufen und Figurendrehen konnte man mit den Schleifbrettern so gut, dass man restlos mit ihnen zufrieden war.

7.25 Schulsport
Sportarten für Schulkinder gab es so wenige oder so viele, wie die Schulhöfe groß waren. Die Schulhäuser standen auf dem Dorf in einer Reihe zwischen zwei Siedlerhäusern, hatten also einen normalen Hof von ca. 15 m Breite und 30 m Länge; Ausnahmen bildeten die bei dem Wachsen eines Dorfes notwendig gewordenen Aus- oder Neubauten mit Zukauf des Nachbargrundstückes oder eines neuen, größeren Platzes. Für normales Außenturnen reichten die alten Höfe, genauso für Sportstunden mit Fußball oder Handball auf ein Tor. Doch bei Wettläufen, Wurfball, u.ä. musste auf den Sportplatz ausgewichen werden. Schulsport gehörte zu den allgemeinen Pflichtstunden für Burschen und Mädchen, das in normaler Alltagskleidung ausgeübt und streng benotet wurde. Bei schlechtem oder kaltem Wetter wurde im größten Schulraum geturnt. Einige Turnfiguren: Streck-, Bück-, Spreiz-, Hock-, Knie- und Liegestellung, Rumpfbeugen, Hüpfen in gerader und Grätschstellung, Bodenrollen, Liegestützen, usw., wie sie eben die Phantasie der Lehrkraft ausdachten.

7.26 Bewegungssport für Erwachsene
Er gehörte zu der modernen Lebenskultur, welche den Südosten Anfang der Dreißiger eroberte. Gymnastik am Morgen und Abend, zum Teil mit Anleitung aus dem Radio, Waldlaufen, Wandern mit Rucksack und Wanderstab, all das gehörte zu der gesunden Lebensgestaltung, die auf dem Dorf in den ersten Jahren nur wenige Anhänger hatte. Dennoch konnten kleine Wandergruppen in den Vereinen zusammenfinden und sich den wesentlich aktiveren Städtern anschließen. Jedenfalls war sozusagen der Grundstein gelegt und stabil genug, damit im Laufe der Jahre der Erwachsenensport allgemein als Ausgleich für die Alltagsarbeit anerkannt und zuletzt von einem hohen Prozentsatz der Jahrgänge bis etwa 35 ausgeübt werden konnte. In der Stadt ging man noch einen Schritt weiter und ergänzte das Vergnügen mit dem Nutzen, indem man bei Veranstaltungen Wetten auf die jüngeren und älteren Sieger abschloss. So wurde die Sportlotterie mit Reit- und Ballsport noch vor dem Krieg geboren. Die Einsätze waren nicht hoch, doch bei übertriebenem Wetteifer konnte einer schon mal seine gesamte Barschaft verwetten.

8 SPIELE
Spiele für Kinder und Erwachsene kann man nur einigermaßen übersichtlich beschreiben, wenn man sie möglichst oft unterteilt und in der Hauptsache nicht nur genau aufzählt in welchem Alter, sondern wie und mit was man früher spielte.

8.1 Bewegungsspiele
Das waren reine Kinderspiele derjenigen Jahrgänge, die noch nichts arbeiten mussten, ca. bis zu den unteren Schulklassen. Wie bereits erwähnt, gab es auf dem Dorf eine allgemein verbreitete Ansicht, dass auch Kinder ab ca. 10 Jahren gewisse nützliche Arbeit verrichten sollten, damit sie keine Faulenzer würden. Ganz vom Spielvergnügen konnte man sie jedoch nicht ausschließen, dafür waren sie noch zu sehr im Schülerelement, das grundsätzlich den Pflichten – ob in der Schule oder zuhause – ein Schnippchen zu schlagen wusste. Die folgende Reihenfolge der Spiele entspricht in etwa dem vom Chronisten empfundenen, subjektiven Rang ihrer Beliebtheit.

8.1.1 Fangen
Fangeliesel spielte man in der Batschka ebenso häufig wie überall, wo es übermütige Kinder gibt, die sich austoben wollen. Beim Spielanfang hat sich als Fänger das größte Kind selbst zur Verfügung gestellt. Seine Mitspieler sind bei einem Stichwort auseinandergerannt. Wenn der Fänger ein Kind mit der Hand berührte, musste dieses den Fänger ablösen. Wollte man es dem Fänger in einem kleinen Hof schwerer machen, hatte man Rettungsinseln, wo sich die Verfolgten in Sicherheit bringen konnten und gegebenenfalls schneller mit der Hand eine Wandstelle, einen Pfosten oder Baumstamm berühren und so eine Zeit lang oder für die laufende Fangrunde frei sein konnten.

8.1.2 Verstecken
Steckliesel wurde auf dem Dorf genau so häufig wie Fangliesel gespielt. Schon zwei Kinder konnten sich lange damit die Zeit vertreiben. Wichtig war dabei der Versteckvorsprung mit Zählen bis 10, seltener bis 15 oder gar 20; wie lange man zählte, hing von der Zahl der Spieler ab. Alternativ presste der Sucher die geschlossenen Augen so lange an die Handflächen, bis ein Spieler aus dem Versteck signalisierte, dass die Suche beginnen kann. Fand der Sucher ein Versteck, so rannte er und der Gefundene um die Wette zum Zählplatz und berührten sie. Erst wenn der Sucher als erster anschlug und dabei den Namen des Gefundenen ausrief, galt das Finden als gelungen und der – bei mehreren Kindern – zuerst Gefundene, wurde in der nächsten Runde der Sucher. Ausnahmen wurden nur bei den Kleinsten gemacht, die nur freiwillig Sucher spielten.

8.1.3 Räuber und Gendarm
Ein Liebligsspiel für größere Schulkinder, das hauptsächlich in verwilderten und etwas hügeligen Gärten gespielt wurde. Vor dem Spiel meldete sich ein Kind freiwillig als Gendarm, wenn nicht, wurde einer ausgezählt oder ausgelost. Alle übrigen Kinder waren die Räuber und mussten sich eine deutlich lesbare Nummer auf einem Papier vorn an die Mütze oder an den Kopf binden. Zuerst musste der Gendarm, wie beim Versteckspiel, mit verdeckten Augen solange zählen, bis sich alle Räuber versteckt hatten. Das Finden und Ausrufen eines Räubers wurde dadurch erschwert, dass dieser sein Versteck beliebig wechseln und seine Nummer durch Wegrennen vor dem Gendarm verdecken konnte. Sobald er erkannt und mit Nummer und Namen vom Gendarm gerufen wurde, war er ,gefangen’ und musste aufgeben. Die nächste Spielrunde ermittelte wiederum von Neuem einen Gendarm, usw. Eine gute Spielrunde konnte bis zu einer halben Stunde, das Spiel selbst stundenlang, dauern.

8.1.4 Himmel und Hölle
Das heute noch in ganz Europa bei Mädchen im Schulalter beliebte Hopfspiel wurde fast mit den selben Regeln auch schon damals in der Batschka gespielt. Ein Unterschied bestand nur in der Zahl der Leiterstufen, die aus der Hölle in den Himmel führten. In Deutschland z.B. genügt eine einzige Stufe zwischen dem Ausgangspunkt Hölle und dem Spreizschritt Erde, und danach ebenfalls nur eine bis zum Himmelsrund mit dem Wendeschritt zum Abwärtshüpfen. Bei uns in der Oberbatschka waren es jeweils zwei Hopfschritte, und dazu wurde ein flaches Scherbenstück mit dem hopfenden Fuß in alle sieben Fächer geschoben. Die Größe der Fächer war nicht immer einheitlich, je kleiner, umso schwieriger war das Hüpfen und dabei Schieben der Scherbe in die auf den Boden gemalten Vierecke, ohne dass ein Strich berührt wurde. War das der Fall, schied die Spielerin aus und die nächste kam dran. Siegerin war diejenige, welche den meisten den Weg zwischen Himmel und Hölle, auf einem Bein hüpfend, zurücklegen konnte.

8.1.5 Murmelspiel
Es wurde wahlweise in ein Loch oder auf Anstoßen so gespielt, dass zwischen zwei und ca. fünf Burschen im mittleren Schulalter – von 8 bis 12 Jahren - je drei Murmeln von einem Strich in ein 5 bis 7 cm großes Loch geworfen oder gerollt werden mussten. Die Treffer blieben Eigentum des geschickten Werfers. Alle übrigen neben dem Loch gelandeten Murmeln wurden der Reihe nach mit dem abgewinkelten Zeigefinger und mit einem kurzen Stoß in das Loch geschnippt. Alle im Loch gelandeten Murmeln wurden Eigentum des Schnipsers. Nach einem Fehlschnipsen kam der nächste Spieler dran – bis alle Murmeln ihren neuen Besitzer hatten. Dann kam eine neue Runde dran oder man spielte ohne Loch, mit Treffen der gegnerischen Murmeln aus dem Wurf oder einem Schnipser am Boden. Bei beiden Spielarten konnten die Verlierer ihre Murmeln von den Gewinnern zurückkaufen. Dabei waren oft diejenigen schlecht dran, welche schöne Glasmurmeln eingesetzt hatten, die beim Rückkauf wesentlich teuerer waren, als die gefärbten Tonmurmeln.

8.1.6 Fangtanz – goldene Brücke
Ein Spiel für kleinere Schulkinder beiderlei Geschlechts. Zwei Kinder fassen sich an den Händen und bilden eine größtmögliche Brücke, durch die alle übrigen hintereinander durchkriechen müssen; sie singen dabei irgendein Liedchen, meist ziehe durch, ziehe durch, durch die goldne Brücke...der letzte muss gefangen sein. Überraschend stürzt die Brücke ein und erfasst das gerade unter ihr hindurchkriechende Kind. Das Gefasste scheidet aus, der Reigen geht weiter bis zum Einstürzen und erneuten Ausscheiden – bis das letzte Kind, als Sieger übrigbleibt.

8.1.7 Glückstanz - Stuhlpolonaise
Man spielte ihn genauso wie er heute noch in Deutschland – möglicherweise in ganz Westeuropa – von Jugendlichen jeden Alters gespielt wird: Eine zahlenmäßig unbeschränkte Gruppe umkreist in einer Polonaise eine Sitzgruppe, welche einen Sitzplatz weniger hat, als es Spieler gibt. Beim plötzlichen Abbruch des Tanzes sucht jeder Spieltänzer einen Platz zum Sitzen. Derjenige, der keinen Platz erhaschen kann, scheidet aus. Mit einem Stuhl weniger beginnt der Reigen von neuem. Der- oder Diejenige, welche(r) als letzter ohne Stuhl bleibt, ist der verspottete Verlierer.

8.1.8 Abzählen
Man kannte früher nicht so viele Abzählreime wie heute. Die wenigen deutschen wurden jedoch von allen möglichen andersnationalen ergänzt. Von ,eins, zwei, drei vier, fünf, sechs sieben, wer wird dann den Schubkarren schieben; wo denn hin, nach Semlin, wo die schönen Madel (Burschen) sin(d)’... über das ungarische ,an tan tenusz, szoraka venus, szoraka tiketaka, a la, bala, bambuszka’... zum Zigeunerischen: ,Marinko – vinko - drinko, tjiri – paka – laka, schukman – djukmann – djever – djiks’. Und wieder deutsch ,eins, zwei, drei vier, wer steht vor der Tür?, wer steht außen und du bist draußen!’. Kein Wunder, dass die anderssprachigen Verschen interessanter klangen. Dafür, dass sie tief im Bewusstsein der Menschen im Zwischenstromland verwurzelt waren und noch immer sind, gibt es einen beredten Beweis in dem Namen des Kecskeméter Spielzeugmuseums, das ,szorakatenusz’ heißt.

8.2 Stubenspiele
In der noch medienarmen Zeit vertrieb man sich die kalten und verregneten Tage am großen Tisch der Vorderküche. Was aus dem Kindergarten und der Schule von den Kindern, aber auch was Eltern und Großeltern an Anregungen bereit hielten, wurde bei Stubenspielen ausprobiert; je nachdem, wie der Unterhaltungswert angenommen wurde, spielte man etwas häufiger oder seltener. Die Kleinkinder beschäftigten sich am liebsten in der Gruppe mit Singspielen wie ,im Keller ist es duster...’, wisst ihr was Schneewittchen...’, Hänschen klein ging allein...’; und bei jedem Singspiel wurde eine gewisse Maskerade eingebracht: Der Schuster hatte einen alten Hut auf, die Prinzessin einen Schleier, das Hänschen große Schuhe und einen Stock, usw. Jedenfalls konnten so viele Märchen mit den Kleinsten dann gespielt werden, wenn das reine Erzählen nicht mehr die gewünschte Wirkung hatte.

8.2.1 Ratespiel – Pfandspiel
Am liebsten fragten sich zwei Spieler – Kinder, bzw. ein Kind und ein Erwachsener – ,ich seh etwas, was du nicht siehst, und das ist grün/braun, usw. (natürlich in Mundart). Dieses Spiel war unterhaltsam und lehrreich zugleich, lernte doch das Kind die Namen und den Zweck der Gegenstände seiner Umgebung besser kennen. Noch detaillierter beschäftigte es sich damit beim vielfältigen Pfänderspiel. Das wurde nur mit mehr als 5 Kindern und Erwachsenen so gespielt, dass in der ersten Runde ein Ratespiel, ein schnelles Zählen mit Aussparungen von Zahlen, z. B. eins-zwei-hopp, oder einen Geschicklichkeitswettbewerb gespielt wurde, bei dem genügend Fehler-Pfänder eingesammelt werden konnten. Die Pfänder wurden abgedeckt, und von dem Vorspieler einzeln ausgerufen: ,wem gehört das Pfand in meiner Hand, was soll derjenige tun?’. Nachdem sich die Runde, bei gegenseitiger Beäugung, für eine Antwort entschieden hatte, wurde das Pfand vorgezeigt und der Besitzer zur Vorführung des Verlangten aufgefordert: Purzelbaum, Kopfstand, Tanzen auf einem Bein, Küssen, Singen, Verschensagen u.ä.

8.2.2 Brettspiele
Es sind keine bekannt, die bei uns erfunden worden wären. Dagegen hat man sich beim Nachmachen der Spielmittel und Verändern der Regeln oft als recht einfallsreich erwiesen: Nachgemalte Bretter und papierene Figuren waren da an der Tagesordnung. Als bekanntestes Brettspiel galt das ,Mensch ärgere dich nicht’ auf Vierer- und Sechserbrett. ,Mühle’ und ,Dame’ kamen vereinzelt gleich auf der Rückseite vor und wurden oft gleich an zweiter Stelle gespielt – zuerst die Mühle! ,Wolf und Schafe’ spielte man auf dem Schachbrett, ähnlich wie das Damenspiel, nur dass die Schafe einzeln vom Wolf verschlungen werden konnten; das gab ihnen oft die Chance zum Sieg, wenn sie beim geschickten Vorrücken den Wolf in die Bewegungslosigkeit drängten. Hopfspiele nach der gewürfelten Zahl gab es viele: Märchengarten, Schatzsuche, Wettrennen, Hasenjagd, usw. Immer kam es darauf an, als erster im Ziel zu sein, die übrigen zu überholen oder hinaus zu werfen. Erschwerungen und Hindernisse, die das Hüpfen spannend machten, gab es fast so viele wie bei den heutigen Spielen. Schach wurde auf denselben Brettern gespielt wie heutzutage, und auch nach denselben Regeln; nur bei der Zugzeit war man von keiner Uhr eingeschränkt, und man durfte auch einen gemachten Zug wieder rückgängig machen. In Schachklubs gab es Blitzturniere, und Meister kannten sich gut bei Damengambits und den besten Eröffnungsarten aus.

8.2.3 Bauklötze und Kartenhäuschen
Häuschenbauen der Buben war das Gegenstück zum Puppenspiel der Mädchen, und es wurde genauso ernst und ausdauernd gespielt. Die Bauklötze kamen aus der Fabrik oder waren vom Schreiner-Nachbar hergestellt. Aber auch geschickte größere Brüder, Väter und vor allem Großväter konnten sie aus Maulbeer- und Pappelholz leicht selber herstellen und bemalen. Kartenhäuschen waren Ersatzspiele für diejenigen Kinder, welche die ernsthafte Kartenspiele der Erwachsenen noch nicht beherrschten. Gebaut wurden Turm- und Hüttenformen so hoch und breit, wie es das einzelne Spielgeschick ermöglichte.
8.2.4 Puppen
Am beliebtesten war die selbstgemachte Grete mit anschmiegsam-biegsamem Körper und unstabilem Köpfchen, die ab dem frühesten Kindesalter und bis ins Erwachsensein von der Besitzerin geliebkost, gewaschen und umgekleidet werden konnte. Hatte mal ein Kind eine gekaute Puppe, so durfte sie nur selten mit ihr Spielen, dadurch kam nie ein inniges Verhältnis zu ihr zustande. Solche Puppen wurden dennoch gerne ein ganzes Leben lang behalten – aber nur als Feiertagspuppe auf einem Stammplatz im Paradezimmer.

8.2.5 Knöpffußball
Dieses Tischspiel haben männliche Jahrgänge zwischen 10 und 20 Jahren gespielt mit allen Arten und Größen von Knöpfen aus Holz, Aluminium und Bakelit (damals einziger Kunststoff). Sammlung, Handel, Auswahl und Zuschliff waren die Stationen zu einer guten ,Mannschaft’. Das Spielfeld war die Tischplatte, den Ball bildete ein kleiner Perlmuttknopf, und die beiden gegnerischen Knopfformationen wurden nach ihrer Spielerrolle – vorne leichter, schneller, hinten größer, stabiler – eingesetzt und von den Fingernägeln des rechten oder linken Daumens zum Schuss gebracht; der Fingernagel presste den Spielerknopf an der dem Ballknopf gegenüberliegenden Seite so fest auf die Tischplatte, dass der ,Spieler’ wegschnellen und den ,Ball’ mehr oder weniger erwünscht treffen musste. Wie genau der Treffer und damit der Schuss auf das gegnerische Tor war, bestimmten ähnliche Faktoren, wie sie beim richtigen Fußballspiel zu Gewinn oder Verlust des Spieles führen.

8.2.6 Groschenspiele
Spiele um Geld waren bei den Kindern umso beliebter, je weniger Taschengeld sie bekamen, reiche mehr, arme weniger oder gar keins. Diejenigen, welche mehr hatten, konnten oft nicht einen Schritt auf der Gasse tun, ohne von ärmeren Kindern zu einem Groschenspiel eingeladen zu werden. Da es ein faires Geschicklichkeitsspiel war, wurde man sich schnell einig auf die Spielweise: Auf Loch oder Strich, an die Wand, auf Kopf und Zahl und mit Würfeln. Beim Loch wurde so ähnlich wie mit Murmeln gespielt: Wer ins Loch traf, durfte versuchen den neben dem Loch gelandeten Groschen des Gegners – mit gebogenem Finger oder Fingernagel - hinein zu schnippen. Das Werfen auf den Strich war mit viel Übung verbunden, und Gewinner war, wer dem Strich am nächsten lag. Ebenso war der Wurf an die Wand zu werten, lediglich wenn beide direkt an der Wand landeten, wurde der Wurf wiederholt. Bei Kopf oder Zahl wurde abwechselnd geworfen und aufgefangen, wobei der gefallene Groschen so lange abgedeckt blieb, bis sich der Mitspieler auf eine Voraussage festlegte – und gewann oder verlor.

8.2.7 Würfelspiele
Mit dem Würfel spielten um Geld auch ältere Jahrgänge, Burschen wie Männer, ungefähr so wie heutzutage: bei einem Würfel ohne Becher, war die höchste Zahl die Gewinnzahl, mit drei Würfeln in einem Mischbecher konnten sowohl Summen als auch Kombinationen gewinnen. Überhaupt spielte der Würfel mit den üblichen Zahlen von 1 bis 6 überall dort, wo er eingesetzt wurde, als eine unumstößliche Macht, die nicht angezweifelt werden durfte. Lediglich bei unebenen Flächen, die eine genaue Lage mit einer eindeutigen Zahl nach oben nicht möglich machten, waren Wurfwiederholungen erlaubt. Es gab angeblich eine Zeit zwischen den Weltkriegen, da Lotterien und Glücksspiele – mit und ohne Würfel – als regelrechte Seuchen galten, und manche Bauern ihr Hab und Gut verspielten

8.3 Selbstgemachtes Spielzeug
Es nahm im Leben der Kinder einen so wichtigen Platz ein, als ob es selber auch lebendig gewesen wäre. Mit gekauftem Spielzeug konnte man nicht so gut spielen, es war so glatt und fremd, und man getraute sich kaum es anzulangen, geschweige hinzuschmeißen. Auch das kleinste Kind war fähig selber ein Spielzeug herzustellen. Zwei aneinandergefügte Hölzchen, ein gebogener Draht oder eine fadenumwickelte Weiderute konnten es stundenlang beschäftigen. Einer gewissen Ordnung wegen sollen die damaligen selbstgefertigten Spiele, gemäß ihrem Spielwert aufgezählt werden - aber auch dem Grad der Begeisterung nach, mit dem seine Herstellung dem vollkommenen Zeitvertreib diente.

8.3.1 Gummischleuder
Mit einer eigenen Gummischleuder ging jedem Kind, ab dem Kindergartenalter, der schönste Traum in Erfüllung. Die vollkommendste Gummischleuder, in der Art wie sie auch heute noch überall vorkommt und Glasscheiben einschießt, hatte ein gleichschenkliges Ästchen, 1,5 cm dick und 20 cm lang, zwei gleich elastische Gummistreifen als Schleuderkraft und ein ledernes Schleuderkörbchen. Die Gummistreifen waren nicht leicht zu besorgen, doch konnte man sie aus einem ausgedienten Fahrradreifen zuschneiden. Und das Leder aus einem alten Schuh oder Lederpantoffel. Doch beides durfte noch nicht alt und ausgeleiert sein. Mit festem Schusterzwirn oder dünnem Draht wurden die Gummistreifen an der Astgabel festgebunden, und man konnte auch schon die echte Waffe mit einem Steinchen ausprobieren. Es war aber nicht immer die Schleuder schuld, wenn man ein Ziel verfehlte oder eines ungewollt traf.

8.3.2 Schnurschleuder
Ein Spielwerkzeug zum ,Kriegführen’ zwischen rivalisierenden Burschengruppen des Schulalters. Die Schnur- oder gar Seilschleuder war geeignet, Steine bis Kinderfaustgröße zu befördern – und damit ernsthaft zu verletzen. Die Schleuder war aus einer dicken Hanfschnur von einem halben bis ganzen Meter Länge geschaffen, hatte im unteren Sitz ein Lederstück etwas größer als die zu schleudernden Steine, und an beiden Enden eine Halteschlaufe für die Finger. Wie beim heutigen Hammerwerfen der Sportler wurden mit der Schleuder zuerst ein-zwei Schwungkreise gedreht, bevor das eine Ende losgelassen wurde. Der Stein konnte weit fliegen, und war auf dem Flug ungenau und unberechenbar – was ihn noch gefürchteter aber das Spiel selbst auch verbotener machte.
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8.3.3 Doppelspitz
Pincike nannten ihn die Ungarn und Klisa die Slawen, womit seine allgemeine Beliebtheit zwar angedeutet, aber noch nicht genug umrissen ist. Das etwa 10 cm lange und 2 cm dicke, runde und harte Holzstückchen konnte eine Schar Kinder den ganzen Nachmittag beschäftigen. Vor jedem Spiel wurde ein neuer Doppelspitz angefertigt, indem er an beiden Enden in einer Schräge zu 45° zugespitzt oder ein alter, bewährter auch nur sauber abgekratzt wurde. Gespielt wurde so, dass der D.S. auf den harten Boden gelegt wurde und mit einem halbmeter langen Stab oder lattenbreiten Brett quer auf die Spitze einen Schlag bekam, der ihn in die Luft schleuderte. Noch solange er in der Luft war, bekam er einen weiteren horizontalen Schlag und flog dadurch recht weit vom Spieler weg. Von der Stelle, wo der D.S. hinfiel, schlug ihn ein Kind von der gegnerischen Mannschaft wieder zurück. Die Gruppe, welche geschickter im Aufschlag und kräftiger-zielgenauer beim Zweitschlag war, konnte langsamer oder schneller seine Gegner in die Weite schlagen und sich am Spielende (am Gassenende) als Sieger feiern lassen.

8.3.4 Pfeil und Bogen
Alle Arten von Gewehren mit Gummizug und Feder, aus Wurzeln oder Regenschirmdraht können dazu gezählt werden, weil sie alle gleichsam einen Pfeil oder sonst ein ‚Geschoss’ abschießen konnten. Je weiter sie trugen und je treffsicher sie waren, umso lieber wurden sie von kleinen und großen Kindern benutzt und in Ehren gehalten. Das machte sie aber nur bedingt zu armbrustähnlichen, ernsthaften Waffen, denn zu schwach waren die Schleuderkräfte und zu laienhaft die Pfeile bzw. sonstigen Schleuderteile.


8.3.5 Hollergewehr
Diese Kinderwaffe mit Gewehr- und Pistolengriff musste in jedem Falle einen möglichst langen, geraden Holunderast als Abschussrohr haben. Der Ast wird zuerst gründlich ausgehöhlt und innen geglättet, so dass ein eingepasster Kork-Pfropfen beim Verschieben einen Luftdruck erzeugt. Sobald das der Fall ist, kann mit einem ins Rohr genau passenden Stößel der Pfropfen mit einem Knall hinausgeschossen werden; ein Prinzip, das von den damaligen käuflichen Kirchweihgewehren abgeguckt worden war.

8.3.6 Hollerspritze
Dasselbe Prinzip, wie beim Hollergewehr, wurde mit umgekehrter Wirkung zum Verspritzen eines dünnen Wasserstrahls verwendet. Man musste lediglich den Luftdichten Pfropfen gegen eine Düse austauschen, und schon konnte mit dem hinteren Stößel Wasser in das Spritzenrohr gesaugt und beim Pressen wieder als mehr oder weniger weiter Strahl ausgedrückt werden.

8.3.7 Schlüssel- und Karbidböller
Böller zum Neujahrs- und Namenstagsschießen machte man am schnellsten aus einem größere Schlüssel mit hohlem Ende und einem Nagel, der genau hineinpasste. Um mit ihm schießen zu können, musste man die Höhlung des Schlüssels mit Streichholz-Schwefel füllen und mit dem Nagel als Schlagbolzen zur Explosion bringen. Damit man sich die Finger nicht verletzte, wurden Schlüssel und Nagel an beiden Enden einer Schnur befestigt; nachdem nun der Nagel in dem schwefelgefüllten Loch fixiert worden war, konnte mit einem Handschwung der Nagelkopf gegen die Wand oder einen Baum geschlagen werden und damit der Schlagbolzen das ‚Pulver’ zum Knallen bringen. Der Knall war umso lauter, je größer die Schlüsselhöhlung war und demnach mehr Schwefel aufnehmen konnte.

Beim Karbidböller wurde als erstes in den Boden einer größeren Blechdose – die es in Küche und Hauswirtschaft zu allen möglichen Zwecken gab – ein Nagelloch geschlagen. Dann ein Stückchen Karbid, wie man es für die transportable Karbidlampe oder für die Vertreibung der Wühlmäuse im Hause hatte, reingelegt und mit etwas Wasser zum Vergasen gebracht. Nachdem die Dose mit dem Deckel verschlossen wurde, konnte sich das Azetylengas darin zu einer explosiven Mischung verdichten. Es genügte nun eine Streichholzflamme, und der Dosendeckel flog mit einem starken Knall in die Luft. Das Schießen konnte so lange wiederholt werden, wie Karbid und Wasser in der Dose waren. Die beiden Böllerarten deckten in etwa den Schießbedarf der Buben jeden Schulalters ab.

8.3.8 Strunkpferde und -puppen
Mit ihnen spielten kleinste Kinder am liebsten. Dazu wurden abgerubbelte Maisstrunke oder -butzen an Schnüre gebunden oder in Stofffetzen gewickelt und zu Pferdchen oder Puppen deklariert. Je nach Phantasie des Kindes oder der erwachsenen Spielleiter konnten aus der Grundausführung zahlreiche Varianten abgeleitet werden, z.B. für Jungen, vielerlei Gespanne, verschieden große Tiere in allerlei Funktionen und ebenfalls etliche Puppenarten und Haustiere für Mädchen, usw. Jedenfalls wurde die Kreativität der Kinder auf angenehme spielerische Art positiv angeregt.

8.3.9 Schleifschuhe und Nagelstäbe
Wie schon beim Schlittschuhsport beschrieben, wurde bei einbrechender Winterkälte auf jeder Eisfläche Eissport betrieben. Da gekaufte Schlittschuhe selten waren, musste sich jeder Eisliebhaber seine selbst basteln – oder basteln lassen. Dazu wurden zwei etwa 1,5 cm-dicke und 6-7 cm breite Brettchen an die Schuhlänge angepasst und an der Schleiffläche mit dem Schnitzmesser längs oval geformt. Ein oder zwei 3 mm dicke Längsdrähte wurden auf der Unterseite längsgezogen und auf der Oberseite angenagelt. Mit Riemchen oder Schnüren an den Schuhen befestigt - fertig waren prima Schleifschuhe. Um daraus eine Art Eisskier zu machen, fehlten nur noch die Antriebsstöcke, die natürlich auch aus der eigenen Fertigung stammten: Etwa 2-3 cm dicke und 1 m lange Akazien- oder Maulbeerstäbe – ideal waren die vom fast unzerbrechlichen Vogelbeerbaum ( Hagedorn) – bekamen an einem Ende einen kopflosen Nagel in der Mitte eingeschlagen. Durch Nachschliff konnte die Nagelspitze immer den Zweck des Skistabes erfüllen.

8.3.10 Weidenpfeifchen, Hollerflöte
Von Frühling bis Sommer, so lange die Weiden und der Holunder im neuen Wuchssaft waren, konnte man aus ihren Ästen gute Trillerpfeifen und Flöten herstellen. Der Unterschied bei beiden war der, dass vom grünen Weidenästchen die saftige Rinde, nach ein paar Querschlägen mit dem flachen Messerstiel, leicht abgelöst werden konnte, während beim Holunderästchen das frische, dicke Herzstück leicht herauszulösen war. Um eine weidene Trillerpfeife zu bekommen musste man mit dem Messer in das nackte Holz eine Tonhöhlung schnitzen und die herabgezogene Rinde wieder darauf schieben; eine Öffnung zum Entweichen der Blasluft am richtigen Platz der Rinde, garantierte einen schönen Pfeifton. Die Hollerflöte hatte, nach der Fertigstellung, ganz das Aussehen einer richtigen, gekauften Flöte – nur dass sie, genau wie jene, erst nach längerer Übung perfekte Töne von sich geben konnte, ist selbstverständlich.

8.3.11 Rohr- und Kürbistrompete
Das Rohrtrompetchen konnte aus einer frischen, starken Schilfrohrspitze so hergestellt werden, dass vom ca. 20 cm langen und mit einem scharfen Messer abgeschnittenen Rohrende die inneren Blattspitzen herausgezogen wurden; nach einem Auflockern des verbliebenen Außenteils konnte durch Blasen in das dickere Ende ein mehr oder weniger lauter Trompetenton erzeugt werde. Fast denselben Ton erreichte man, wenn man von einem langen Kürbisblatt den dicken, hohlen Stiel an der flachen Blattseite abschnitt und in den dünnen, hohlen Teil eine etwa 2 cm lange Zunge einschnitt. Zum Rohr-Trompeten-Orchester kam es aber selten, denn mehrere Kinder auf einem Haufen hatten viele andere Spielideen parat.

8.3.12 Holzklapper und –rätsche
Man machte und nahm sie genauso zum Spielen wie zum Verscheuchen der Vögel im Weingarten und natürlich auch zum Messleuten in der Kirche, wenn am Karfreitag die Glocken nach Rom geflogen waren. Wichtig war dabei ihre krachmachende Eigenschaft. Das erreichte man mit einem Hammer aus Hartholz, der beim Klappern um die Fixierung an einem Ende auf und ab geschwungen und auf die Holzplatte geschlagen wurde. Die Rätsche hatte dieselbe Aufgabe, nur dass sie anstatt eines Hammers eine Holzwalze als Krachmacher hatte, die mit der Verzahnung einige Metallzungen dadurch zum Schnalzen brachte, dass die Rätsche um den in der Hand gehaltenen Hebel – je schneller umso lauter - gedreht wurde.

8.3.13 Holzwagen und -maschinen
Ein Arbeitslernspiel für größte Kinder, das der Fantasie keine Grenzen setzte. Aus Brettchen, Scheibchen, Nägeln, Draht und Stäbchen konnte man so gut wie alles, was man auf dem landwirtschaftlichen Hof sah, nachmachen. Ein echter Bauernwagen oder eine komplette Dreschgarnitur brauchten aber viel Zeit und Geduld. Und so manche große Arbeit benötigte viele kleine Helfer, so dass bei eifrigen Bastelspielen die Strassen wie ausgestorben schienen, die Eltern Angst bekamen und nach den Kindern suchen mussten.

8.3.14 Besondere Gelegenheitsspiele
Hauptsächlich vor Weihnachten und Ostern, aber auch zu anderen größeren Familienfesten wurde viel Spielzeug selber gemacht: Obst- und Butzenmännchen aus Äpfeln und trockenen Zwetschgen, welche mit Streichhölzern zusammengesteckt waren; Bojatzen aus Karton, die an einem Zwirngerüst turnten; Knopfsummer aus einem großen Knopf und einer starken Schnur, welche mit einem kreisenden Schwung zum Summen gebracht werden konnte; ausgeschnittene Papiernikoläuse, Christkinder, Sterne und Osterhasen; Schiffchen aus leeren Nussschalen, schön bemalt; Köpfe für das Kaspertheater aus Holz geschnitzt, aber auch aus Äpfeln und Zwiebeln und kleinen Kürbissen, in bemaltes Leinwand gewickelt; kleine Strick-, Stick-, Näh- und Heckelsachen und vieles andere, wie es ähnlich kleine und große Kinder auf der ganzen Welt bei besonderen Gelegenheiten machen.

8.4 Kartenspiele
Gespielt hat man auf dem Dorf mit zweierlei Spielkarten: mit den bayerischen/französischen Tarock-Karten - mit dem Bachus-Ass -, und den ungarischen Tell-Karten, mit ländlichen Ass-Bildern. In den Städten waren noch englische Bridge-Karten, als die bekanntesten, im Spiel. Darüber hinaus kannte man überall verschiedene Kinderkarten, lustige Witzkarten und natürlich Zigeuner-Wahrsagekarten aus ganz Europa, vorwiegend aber aus den Kartenfabriken von Pest, Kecskemét und Debrecen. Unsere Ahnen spielten bei der Ansiedelung am liebsten das Binokel mit 32 und 52 französischen Karten. Dann Tarock, Ramsch, Schnapseln, Mariasch und Schusters, aber auch die Glücksspiele wie Siebzehn-und-vier oder zuletzt Poker und – ,feine Leute’ - Bridge. Die meisten davon wurden noch bis in die letzte Soldatenzeit und auch in den Vertreibungslagern gespielt.

8.4.1 Binokel
Von drei Spielern spielten zwei gegen den dritten, der durch Reizen-Ansagen – achtzehn, zwanzig, zweiundzwanzig und passe usw. – nach seinem Blatt die Trumpffarbe bestimmte. Der Trumpfbube war die stärkste Karte, danach das Trumpfass, die Trumpfzehn, König, Dame, der Rest waren Luschen. Gezählt wurden die Werte der Bilderkarten. Gespielt wurde um Geld, auf Abrechnung zu Spielschluss.

8.4.2 Tarock
Dieses Spiel wurde auch als Bauerntarock benannt und gespielt, weil man sich auf dem Dorf nicht an internationale Regeln hielt, sondern an die einfachen Stichregeln. Dadurch war das Ass die beste Karte, danach die Zehn, König, Dame, Bube, Neuner, Achter und Siebener. Gespielt wurde um 120 Punkte, welche im ganzen Spiel vorkommen. Mit Lizitieren/Bieten begann das Spiel, mit Passen und Stechen ging es weiter. Der Meistbieter hat den Adut/Trumpf angesagt, auf Stock (Haufen) gespielt, und musste am Ende abrechnen. Daheim wurde um Mais- oder Bohnenkörner gespielt, im Wirtshaus um Geld.

8.4.3 Ramsch
Beliebt war das Ramschen mit 32 Tellkarten, mit Lizitieren auf Teilbeträge oder die ganze Kasse. Von den 4 oder 5 Spielern wurde durch Abheben einer Karte der Mischer ermittelt, der zugleich den Kartenwert in Geld einzahlen musste. Die Picksieben hat noch über den Trumpf gestochen, mitspielen konnten nur diejenigen, welche Hoffnung auf mindestens zwei Stiche hatten.

8.4.4 Schnapseln
Eines der einfachsten Stech-Spiele, welches auch mit Kindern gespielt werden konnte. Die Siebener gingen vor der Trumpffarbe, sonstige Werte richteten sich nach denjenigen auf den Karten. Gezählt wurden die Bilderwerte und die Zehner. Wer die meisten Punkte hatte, war Sieger und kassierte von den Verlierern so viele Streichhölzer, Körner usw. wie sie weniger Punkte als er hatten.

8.4.5 Mariage
Das Spiel wurde so ähnlich wie Schnapseln gespielt, und es war wie dort wichtig, möglichst viele der 66 Punkte zu kriegen. Die ausgerufenen Trümpfe stachen vor den übrigen Assen und Bilderwerten. Durch Kontra und Rekontra konnten die gestochenen Punktwerte vergrößert werden.

8.4.6 Schusters
Bei dem mit ungarischen Karten gespielten Spiel hatte die Farbe Kreuz (Eichel) den höchsten Wert, Herz (Rot) den zweithöchsten, Pick (Grün) den dritthöchsten und Karo (Schelle) den vierthöchsten. Bei vier Spielern hat derjenige gewonnen, der möglichst eine ganze Farbenreihe besitzen und dadurch die meisten Stiche machen konnte. Nach dem Ansagen der meisten in einem Besitz befindlichen Kartenfarben zu Trümpfen, spielte man mit vier Karten auf der Hand, um nach jedem Ausspielen – jeder gegen jeden - ein neues Blatt vom Stapel zu holen. Der Siebener stach über alle anderen Werte. Gezählt wurden alle Bilderwerte: Ass und Zehner zehn Punkte, König vier, Dame drei, Bube zwei.

8.4.7 Bridge
Das Spiel der feinen Leute und der Spielklubs, das ca. ab der Wende zum 20. J.H. aus Frankreich kam, zusammen mit der Kartenart – Kreuz für Eichel, Herz für Rot, Pick für Grün und Karo für Schelle. Man spielte dieses regelrechte Gesellschaftsspiel von Anfang an etwas vereinfacht, doch in allen städtischen Klubs gleich (wie, kann aus dem ungarischen ‚Kártyalexikon’ ersehen werden).

8.4.8 Glücksspiele
Die beiden bekanntesten und in den städtischen Spielklubs erlaubten Glücksspiele waren Siebzehn-und-vier und Poker. Gespielt wurde um Geld, mit ungarischen Karten, nach den heute noch gültigen Regeln: alle gegen eine Bank. Da die Einsätze nicht begrenzt waren, hat mancher unserer Vorväter im Spielwahn Haus und Hof verspielt. Dass die Hasardspiele nur in den Klubs erlaubt waren, sei erwähnt, und dass sie trotzdem heimlich überall um mehr oder weniger ins Gewicht fallende Geldbeträge gespielt wurden, ebenfalls.

8.4.9 Kartenspiele für Kinder
Am häufigsten wurde Schwarzer Peter, Gleich und Gleich (Memori), Fragespiele, Farbensuche sowie Witzspiele von und mit Kindern bis zum Schulalter gespielt. Von den beiden ersten gab es vielerlei Fabrikkarten und selbstgemachte. Meist war der Schwarze Peter ein Rauchfangkehrer, Fragekarten waren mit interessanten Fragen beschriftet, wobei die Antworten meist einen lehrreichen oder witzigen Sinn ergaben, und die Vergleichskarten wiederum waren mit Tier- und Blumenmotiven bemalt. Zur Farbensuche waren alle Kartenspiele geeignet, sofern sie verschiedene Farben hatten. Bei allen Spielen konnte man mit beliebig vielen Teilnehmern spielen. Mischen und Spielleitung lag bei dem erwachsensten Teilnehmer. Auf genaue Einhaltung der Regeln wurde nicht hundertprozentig geachtet. Und sobald ein Verlierer feststand, feuchteten die übrigen Spieler den Zeigefinger mit etwas Spucke an und strichen leicht über die Backe des Verlierers. Die Witzkarten waren mit allen möglichen witzigen Figuren aus dem Zirkus bemalt. Jedenfalls gab es mit ihnen einen Grund zum Lachen.

8.4.10 Wahrsagekarten
Mit ihnen haben Zigeuner auf Märkten und Kirchweihfesten die Menschen angelogen – oder auch nicht, wenn zufällig eintraf, was sie voraussagten. Je rätselhafter die 32 Kartenbilder mit schönem Mädchen, jungem Reiter, Sensenmann, Briefträger oder Schwarzer Frau bemalt waren, umso krasser wurden sie durch die Wahrsager ausgelegt und erklärt. Auch daheim ließen sich jüngere Familienmitglieder gerne von der fachkundigen Oma wahrsagen. Wenn einem Mädchen über den Geliebten in der Ferne oder einem Kranken über die Aussichten zum Gesundwerden gewahrsagt wurde, da konnte leicht aus dem Spiel Ernst werden.

9 MENSCH UND ÖFFENTLICHKEIT
Das Leben unserer Menschen spielte sich hauptsächlich zuhause ab, wie unter einer Dunstglocke, welche die Natur über sie, ihre Familie und Wirtschaft gestülpt hatte. Gingen sie aus, so nahmen sie ihre Dunstglocke mit. Wenn andere Menschen sagen können, dass ihr Haus ein Kastell ist, so können wir sagen, dass unseres ein Inselchen war mit sehr verwinkelter Abgrenzung und einem dichten Dunstschleier, von dem wir uns nur bei wenigen Gelegenheiten befreiten: Beim Einrücken, entferntem Wegheiraten, Auswandern... - und bei der Vertreibung. Weil fast jede Familie als voller Selbstversorger von den Mitmenschen / anri Leit / weitgehendst unabhängig war, richtete sie sich auch nur bei wenigen Gelegenheiten nach jemandem außerhalb der Dunstglocke. Das Zusammenkommen mit den Mitmenschen in der Öffentlichkeit, beim Einkaufen, auf dem Markt, in der Eisenbahn oder bei einem Fest, war, als wenn viele kleine Dunstglocken, wie Luftblasen an- und umeinander gepresst sind. Vom heimeligen Dunst konnte sich keiner jemals befreien, es sei denn, man riss ihn amtlich mit Gewalt da heraus, beim Einrücken, usw.

9.1 Die Mitmenschen
Man vertrug sie, hatte sie gerne oder hasste sie, so wie man manche Haustiere nur füttert, andere streichelt oder stumpft - ganz einer Meinung mit ihnen war man selten. 'Ein Kopf und ein Arsch' wurde man mit jemandem nur durch die Heirat. Bei einer anderen Gelegenheit dies zu werden, wäre ja eine Sünde gewesen. Und auch dort, wo man die Gelegenheit suchte und fand - bei einem ‚Techtelmechtel’ außerhalb der Ehe, z.B. - verschmolz man nie mit jemandem ganz zu einer Person. Das Wir und Ihr war ein ständiges Nebeneinander der zwei vorerwähnten Inseln. Anders war es bei den Raitzen und Ungarn untereinander: Die Ersteren schlossen schon am ersten Abend Bruderschaft, die Zweiten fielen bald miteinander in eine tiefe, lustig-traurige Singerei / mulatság. Mit Unsereins brachten sie dies nicht fertig. Nur bei der Arbeit und beim Geschäftemachen kamen wir gut mit ihnen aus. Sie trennte nicht nur eine Dunstglocke von uns, es war wie eine andere Welt, wo sie lebten, feierten, tanzten und jubilierten - auch wenn es gleich in der nächsten Nachbarschaft war. Keiner suchte den Weg zum anderen; und wenn er ihn mal zufällig fand, 'fiel er vor Angst aus dem Häuschen'. Das war so bei uns in dem raitzisch-deutsch gemischten Dorf immer leicht zu spüren, in reindeutschen Dörfern immer sehr auffallend. Dort war es manchmal, als wenn Menschen anderer Sprache und Kultur auch einer anderen Menschenart angehören würden.

9.2 Unterwegs in Dorf und Stadt
Außerhalb des Wohnhauses zu sein, unterwegs zu Besorgungen in Dorf und Stadt, war meist eine etwas feierliche Angelegenheit, das heißt, man musste sich schön anziehen. Auch wenn es nur ein Gang zum Fleischer war, zog man sich um. Der Stadtbesuch gar war eine so große Sache, dass man schon drei Tage vorher vor Aufregung nicht recht wusste, was man zu Essen mitnehmen sollte, wie viel Geld man brauchte - über die Kaufsumme hinaus -, wen man wohl treffen würde und welche Überraschung wo auf einen wartete? Man hätte im eigenen Dorf einen ganzen Tag wegbleiben können und wäre lieber verhungert, als etwas Essbares mitzunehmen. In der Stadt war es was anderes. Dorthin nahm man immer zuviel mit, und brachte es auch wieder zurück. Einem Stadtstreicher gab man lieber ein Geldstück, damit er sich was zu essen kaufen konnte, als das überflüssige Essen und Trinken, das man heimschleppen musste. Dazu ein typisches Beispiel: Eine Oberbatschkaer Base besuchte einmal, mit der Bahn, ihren auf der Walz, im fernen Bremen weilenden Sohn, und das wichtigste Mitbringsel für ihn, war ein Korb voll guten Essens. Beim Zurückkommen erzählte sie, dass die Bremer Kinder Steine nach ihr warfen, als sie auf einer Bank 'Ruhstund' hielt und 'versperrte'. Jedenfalls fielen unsere Menschen beim Ausgang im eigenen Dorf schon genügend auf und jeder grüßte sie und behielt sie tagelang in Erinnerung; bei der Stadtfahrt wusste man nicht so recht, ob sie nun sich oder die Stadtmenschen, die sie sahen, mehr in Aufregung brachten.


9.3 Fort auf Besuch
Nahm man die Angst, Haus und Hof allein zu lassen, nicht so ernst, ist man schon mal gerne zu entfernten Verwandten auf Besuch gefahren. Anlässe gab es genug - Hochzeit, Kindstaufe, Kirchweih, Todesfall. Genauso bei Geschäftspartnern, von denen man gehört hatte, dass sie einen guten Handel bereithielten - einen schönen Eber, eine seltene Tierrasse, besonders guten Wein, gar eine einmalige Heiratsgelegenheit für die Kinder, die bald fünfzehn würden. Meistens nahm man den Paradewagen und das 'Paradikscherr', spannte an und fuhr zu den Leuten, meistens ohne Ankündigung. Man fuhr einfach vor ihr Tor und war da. Auch wenn jemand einen Verwandten wegen eines Familienfestes eingeladen hatte, war er nicht sicher, dass und wann der Eingeladene kommt. Die Ungewissheit über das genaue Kommen, mit der Gewissheit, dass es in jedem Falle eine Überraschung sein wird, trieb die Aufregung bei jedem Beteiligten eines Besuches in die Höhe. " O, wie schaut r tann aus? Ihr seid ja so maagr... oder so tick wora. Seid r krank? Es werd jo niks Schlimmas sei? Mir sinn a net kud peinand--- Un unsr Lentschi, tie Kuh, is varkeschtr in dr Kanal kfalla, um a Haar wär sie vrtrunka... Sunscht keht's uns kud. Un wie keht s Eich, sinn Eiri Kinnr noch so schlimm?.. Tie Hauptsach sie sin ksund..." Etwa so ähnlich klang eine Begrüßung bei einem auswärtigen Besuch und hielt die Aufregung des Hereinplatzens in einen ganzen oder halben Arbeitstag - Werk- oder Sonntag - so lange hoch, bis man sich zusammen an den Tisch setzte und was aß und trank. Der neue Wein, der Kuchen, von dem immer was fertig vorhanden war - weil man ja nie wusste, wann jemand kommt - war gut, und man konnte sich bald beruhigen und beim Reden auf den Besuchsanlass kommen.

9.4 In der Sommerfrische
Seit den Zwanzigerjahren unternahmen manche unserer reicheren und lebensbewussteren Bauern und Handwerker einmal im Jahr eine Sommerfrische. Dabei spielte das Vorzeigen, was man sich alles leisten kann, weniger eine Rolle, als ein verborgenes Leiden beim Mann oder der Frau, wegen dem etwas, laut Arzt, getan werden musste, und wenn es nur eine Luftveränderung war. So gewöhnte man sich denn an, zu zweit eine Badefahrt zu machen und mit der Bahn zu einem Heilbrunnen ins Inn- oder Ausland zu reisen. Wenn es einem gut tat, war die Entfernung Nebensache, und man fragte nicht was es kostete, das Hinfahren und Unterkommen - beim Essen war es etwas Anderes. An dem sparte man schon deswegen, weil man es ja sowieso hatte, das viele Essen daheim, die guten Würste und 'Plunsen' (gefüllte Schweinsblasen), wo man wusste, was drinnen ist... Zu Essen nahm man sich also mit, damit man jeden Tag - die zehn oder vierzehn Tage lang - was Eigenes zu sich nehmen konnte. Da konnten die Baderegeln sagen, was sie wollten. Man ist ja nicht wegen der Schonkost hingekommen, denn die hätte man sowieso nicht runtergekriegt, sondern wegen der Anwendungen, Schlammbäder, Massagen und Spaziergänge an der frischen Luft. Näher bekannt wurde man mit Fremden weniger, als mit Eigenen - Schwabenleut aus der Batschka -, die man gleich am zweiten Tag inn- und auswendig kannte. Mit ihnen war man immer zusammen, die anderen gingen einen nichts an. Das Badepersonal auch nur, weil man es vertragen musste. Mit dem Arzt wurde man nur dann warm, wenn er Schwäbeln konnte. Dann glaubte man ihm auch eher, was gut oder schlecht für einen ist, von den mitgebrachten Würsten und so. Mit Zuhause hat man nur in besorgten Gedanken Verbindung gehalten. Wenn es mal ganz wichtig war, schrieb man einen sehr langen Brief und gab ihn so spät auf, dass er erst nach einem selbst zuhause ankam. Und dann beim Erzählen über die Sommerfrische hat man gerne auf den Brief hingewiesen, dass man ja über alles ausführlich geschrieben hätte und nicht noch mal mündlich erzählen müsste. Und kam dann das Schreiben, wegen schlechter Adressangabe, nach acht- oder vierzehn Tagen endlich an, las man es vor versammeltem Hausstand laut vor. 'Na, jetz wisst r, wie s war - schee, pis uff s Essa, vun tem hot s viel zu viel khat; nächschtsmol wera mr wennichr mitnemma.'

9.5 In der Fremde
Über das Verreisen in die 'Fremde' (weite Entfernung) gibt es zu sagen, dass alles, was mit ihr zu tun hatte, nicht schwäbisch war, sondern anders. Und alles, was anders war hat man 'abgeschaut'/verachtet. In die Fremde zu gehen war, wenn es unbedingt sein musste, ein notwendiges Übel, das fast so schlimm war, wie das Betteln. Nicht umsonst sagte man zu einem Fremden Dahergelaufener, Fechtbruder, Walzbruder, Fratschelweib, Klingelputzer, auch wenn sie nichts anderes als Handelsreisende waren, die von weither kamen, z.B. aus weitrer Entfernung als die Zinsare/Aufkäufer. Schon der Verdacht 'fremd zu gehen' war eine Schande. Aus der Fremde kam mehr Schlechtes als Rechtes. Man entschloss sich deshalb nur dann für eine weite Geschäftsreise, wenn sie sich besonders lohnte: Sie musste mindestens das Drei-Vierfache an Gewinn bringen. So etwas war leicht der Fall im Frühling, wenn in eierreichen Gehöften viel Geflügel schlüpfte - Kücken, Entchen, Gänschen und Truthähnchen. Was da in der Batschka der Züchterhof zuviel hatte, wurde in die Baranya und Schwäbische Türkei gebracht. Berufsmäßiger Viehhandel wurde von den Aufkäufern besorgt, die in der Fremde zuhause waren. Bei Kleinvieh war es typisch, dass paar Bäuerinnen - auch verschiedener Nationalität - eine Fuhre mit Kleinvieh zusammenstellten und sich von jemandem über die Donau und so weit, wie es das Geschäft erforderte, fahren ließen. Hatte man Glück, waren nur zwei-drei Tage notwendig, wenn nicht, blieb man mal auch eine Woche lang weg, bis die Kükenkörbe und Kartons leer waren. Das Übernachten zwischen den Verkaufstagen war eine Sache für sich, weil man sich ja keinen Gasthof leistete. Verwandte hatte man in den entfernten Dörfern selten, so ging man einfach ins erst-beste Haus und fragte, ob man nicht im Schuppen oder einer Kammer bleiben könne. Man konnte meist, durfte aber auch mal in einem richtigen Bett schlafen. So oder so war es ein 'Fratschelleben' das man in der Fremde führen musste. ‚Fechtbrüder’ wurden nicht nur Wandergesellen, sondern alle Fremden genannt, die auf Arbeitssuche waren und, wegen Geldmangels schlecht gekleidet daherkamen oder auch zwischendurch mal betteln mussten. Bei ‚Walzbrüdern’ war der Anteil wirklicher wandernder Gesellen sehr groß, und gaben sich junge Fremde als solche aus, fragte der interessierte Handwerker zuerst nach dem Arbeits- und Wanderbüchlein. Stimmte das, konnte der fremde Geselle oder Gastwirtsgehilfe bleiben, für ein garantiertes halbes bis ganzes Jahr und um Kost, Logis und ein Taschengeld sechs Tage, bis zu 10 Stunden lang arbeiten. Kurzum, die Fremde war selten eine schöne, aber immer eine nützliche Lehre, die einem beim Heimkommen weiterhelfen konnte.

9.6 Das Auswandern
Es ist ebenfalls eine erwähnenswerte Sache. Schon als die erste Dampfmaschine übers Meer nach Amerika fuhr, etwa vor hundertfünfzig Jahren, begann das Auswandern aus ganz Europa. Nicht so viele wie aus Westeuropa, zogen aus unserer Gegend für immer fort. Bei uns gab es wenige vollkommen Mittellose, die ihre Rettung im Weggehen für immer suchten. Doch unser Erbrecht verhieß nur den Erstgeborenen einer Bauernfamilie das, was man eine gute Existenz nannte. Die Geschwister gingen zwar nicht leer aus, mussten aber, um mit dem Erstgeborenen mithalten zu können, etwas lernen oder gut heiraten - oder aber auswandern. Berücksichtigt man nicht den Zwang, vor einer Hungersnot oder als Kriegsflüchtling und Vertriebener die Heimat verlassen zu müssen, so war das Auswandern keine traurige Angelegenheit. Die amerikanischen Werber und die großen Schiffsagenturen gaben sich die größte Mühe, dass niemand vor der Fahrt ins Ungewisse Angst haben musste. Alle machten sie den Auswanderern die Überfahrt so schmackhaft wie möglich: Die Amerikaner liehen einem jungen Auswandererpaar jede Summe auf zehn Jahre, und den Preis der Schiffskarte stundeten sie auch zeitweise. So gab es in den Zwanzigern und erst recht in der Wirtschaftskrise der Dreißiger in allen Batschkadörfern Auswandererwellen, die meist in Richtung Amerika, aber auch nach Kanada oder Argentinien führten. Viel Zeit zum Überlegen gab es meistens nicht: Wer gehen wollte, musste es schnell tun. Ein paar geflochtene oder genagelte Koffer voller Kleidung, einige dicke Brote, ein-zwei Töpfe mit Schmalzfleisch - und die Eisenbahn brachte einen schon nach Hamburg oder Bremen, Triest oder Genua, in einen großen Wartesaal der Agenturen. Die Agenten warteten auf den Bahnhöfen mit den Listen, führten die Ankommenden in die Kanzleien und ließen sie dies und jenes unterschreiben. Hatte man Glück, durfte man gleich auf ein Schiff, wenn nicht, musste man - auf eigene oder fremde Kosten - auch mal einen Monat lang warten, bis man wegkam. So schwer unsere Menschen in die 'nahe' Fremde gingen, so erstaunlich leicht nahmen sie die Auswanderung in eine reiche, weite Verheißung auf sich. Vielleicht war daran noch der alte Siedlergeist schuld, der vormals unsere Ahnen aus einem armen Süddeutschland weg und in die gelobte Weite des Südostens brachte.

10 Politik
Seit der Ansiedlung und bis in die Schicksalsjahre des Ersten Weltkrieges hatten unsere Vorfahren wenig Gelegenheit, sich mit einer anderen Politik als der herrschaftlichen zu beschäftigen. Der strenge hierarchische Aufbau der Gesellschaft ließ nur die obere Herrschaft am sogenannten politischen Leben mit vollem Stimm- und Wahlrecht teilnehmen; und als 'Obere' galten alle Adeligen und Großgrundbesitzer, weil nur sie im großungarischen Staat (einschließlich Karpaten, Siebenbürgen und Adriaküste) an den Komitats- und Parlamentswahlen ein Stimmrecht hatten. Kanzleimenschen, ab dem Notar aufwärts, Militär- und Polizeiobere waren dem König als dem obersten Herrscher direkt unterstellt und hatten nicht zu fragen, ob das was seine Regierung bestimmte, richtig oder falsch sei. Weil sie die Vollstrecker von Gesetz und Ordnung waren, zählten sie auch zu den Oberen. Das Volk hatte nur eine Möglichkeit, etwas an der Obrigkeit vorbei der Königskanzlei vorzutragen: die Eingabe. Wenn die im Namen mehrerer Bürger durch einen Geschulten – Fischkal/Rechtsanwalt, Pfarrer oder Lehrer - gut aufgesetzt wurde, führte sie fast immer zum Erfolg.

10.1 Leben im Obrigkeitsstaat
So ein Leben im Obrigkeitsstaat hatte für den 'kleinen' Mann mehr Nach- als Vorteile. Er hatte auf der einen Seite Steuern und Abgaben, musste einrücken und war auch sonst in Notfällen - Überschwemmungen - zu kostenloser Arbeit verpflichtet; dagegen wurde er andererseits verpflichtet zu öffentlichen Feiern, Defilees und Versammlungen zu gehen und die Oberen hochleben zu lassen. Das veränderte sich nur langsam in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Dann hatte Ungarn von seinem Habsburger König - im sogen. Ausgleich - das Recht erhalten, das eigene Land selbst zu regieren und eigene Politik zu machen; das machten die magyarischen Politiker so eifrig, dass auch ihre untersten Volksschichten gegen alles Andersnationale aufgehetzt und hochmütig wurden und sich bald zu den Privilegierten zählten. Zu was das führte, als die Nationalisten aller Sparten auf die Straße gingen und auch die bis dahin friedliebenden Menschen verführten, aus guten Nachbarn Ungarn-, Raitzen- oder Deutschhasser wurden, mussten wir am Ende bitter erfahren.

10.2 Pflicht, Recht und Ordnung
Ein guter Staatsbürger fühlte sich am wohlsten in seiner Haut, wenn er seine Pflicht gegenüber König, Staat und Obrigkeit pünktlich und ordentlich erfüllte. Einige (zum Teil hochdeutsch hergesagte) Sprüche meinten: Tue Recht und scheue niemand; was Recht is, muß Recht pleiwa; ieb immr Trei un Redlichkeit, bis an dein kühles Grab...; ich pin im Recht, to kann mr koonr was nachsaga. Aber ein andermal hieß es auch: Wu nix is, hot dr Keenich sei Recht vrlohra; tu hosch recht, tier khert recht - dr Puckl vrhaua! Doch überall wo Regeln sind, gibt es auch Ausnahmen, was immer schon galt in Bezug auf Recht und Gesetz und ihre Übertretungen. Damit diese nicht überhand nehmen konnten, dafür sorgte in unseren Dörfern der Dorfrichter/Bürgermeister, in den Städten der Bezirks- und Stuhlrichter. Die Letzteren waren in ihrer Arbeit von aller übrigen Obrigkeit unabhängig und nur dem König verantwortlich; nur er konnte ihre Rechtsprechung annullieren und eine neue Verhandlung fordern.

Außer Recht und Ordnung einzuhalten hatte ein Staatsbürger noch weitere Pflichten, die ihm seinen Alltag nicht gerade leichter machten, die er aber - wenn auch mit Murren - einhielt. Die erste und ständige war die Ausweispflicht bei Polizei und Gendarmerie; er hat sie durch Vorzeigen einer Legitimation erfüllen müssen. Konnte er es nicht und war er dem Ordnungshüter unbekannt, dann lernte er für Stunden oder Tage den kargen Gefängnisraum kennen, über den jedes Gemeindehaus verfügte. Die Taxierung jeder an ein Amt gerichtete Schrift war auch genau und pünktlich vorzunehmen, durch eine Taxiermarke, die man auf der Post kaufen musste. Auf dem Markt konnte der Erzeuger nur etwas verkaufen, wenn er die Standgebühr bezahlt hatte. Und nicht zuletzt war er es, der mit einer Reihe von Abgaben sorgte, dass der große Staatsapparat nicht eintrocknete und er und seine Diener ständig - mit Trinkgeld/Bakschisch/csúszópénz - geschmiert werden konnten. Überhaupt Letzteres war bei wichtigen Gesuchen die entscheidende Zugabe und oft alleinige Garantie für eine zügige Bearbeitung und positive Entscheidung. Von Anbeginn und bis in unsere Tage nach dem Zweiten Weltkrieg bestand die überzeugendste Bittschrift in einem möglichst großen Schein, den der Antragsteller zwischen die Papiere oder, wenn es nur ein Blatt war, unter es legte und einen Zipfel davon beim Einreichen sichtbar machte. Ungarn mag sich noch so sehr von dem Balkan distanzieren, in dieser Hinsicht unterscheidet es sich auch heutzutage nicht von den Serben und Mazedoniern. Weil aber die Bestechung nur als Motivation für die Pflichterfüllung galt/gilt, hat der Staat selbst von ihr nichts und muss sich schon immer eigene Methoden zur Schröpfung des Bürgers ausdenken. Die naheliegendsten waren zu unserer Zeit die verschiedenen Steuern, die, zusammen mit den Zöllen, die Haupteinnahmequellen des Fiskus darstellten.

10.3 Steuern
Unter den Steuerarten war die einnahmestärkste vor der Vertreibung die Grund- und Haussteuer, da sie von fast allen Einwohnern mehr oder weniger brav gezahlt wurde, weil alle ein Grundstück, Haus oder Häuschen, Garten oder Gärtchen hatten. (Welche gesellschaftliche Rolle diese Steuerart im alten bourgeoisen System spielte, lässt sich daran erahnen, dass im heutigen Ungarn - dreizehn Jahren nach der Wende - kein Politiker den Mut hat, sie zu befürworten und dass jede der drei seitherigen Regierungen von ihrer Einführung die Hände ließ, weil sie Angst vor dem Unmut der größten Wählergruppe hat, welche die Hausbesitzer darstellen). Eine weitere 'kleine' allgemeine Steuer war die Rentensteuer, welche alle Bürger, die nicht arbeiteten aber Einkommen hatten, bezahlen mussten - die Reichen mehr, die Armen weniger oder gar nichts. Die Einkommensteuer war eine Unternehmer- und Arbeitersteuer, die prozentual vom Einkommen der Fabrikanten, Handwerker, Angestellten und Arbeiter bezahlt wurde. Eine Umsatzsteuer wurde vom Handel und eine Industriesteuer von den Fabrikanten erhoben. Sowohl der Handel wie die Industrie zahlten entweder pauschal in entsprechenden Steuersätzen oder nach der Festlegung einer jährlich durchgeführten Finanzprüfung der Umsatzbücher. Die Industrie- und Umsatzsteuer waren eng miteinander verbunden, weil sie dieselben Zahler betrafen. Damit man sieht, wie eng das Steuernetz war, soll eine Auflistung aus dem Apatiner Heimatbuch von Hans Jurg, aus dem Jahre 1940, zitiert werden: Apatin mit seinen 9 Dörfern im Verwaltungsbezirk hatte, bei ca. 60 tausend Einwohnern, ungefähr 16 tausend Steuerzahler. Etwa 60% vom gesamten Steueraufkommen bildeten die Haus- und Grundsteuer; danach kommt die Einkommensteuer mit ca. 14%, Industriesteuer 12%, Umsatzsteuer 6% und Rentensteuer 0,6%. Ein Vergleich mit den heutigen Werten der 'modernen' Steuergesetzgebung kann nicht angestellt werden, da jetzt die Abgaben der Arbeitnehmer an erster Stelle stehen, doch auch ihr Sozialgefüge die meisten Staatsausgaben bedingen. Wenn man dennoch berücksichtigt, dass heute die Zahl der Bettler und Obdachlosen kaum geringer ist, als in der damals noch nicht vollversicherten Gesellschaft, dann kommt man zum Schluss, dass der Stall des Vater-Staates noch nicht optimal ausgemistet ist und dass da einige Schimmel zu viel herumstehen und sich auf Kosten des Steuerzahlers mästen.

11 Krieg
Im Südosten Europas, auch als Tor zum Orient apostrophiert, gab es in der rund zehntausendjährigen Menschheitsgeschichte immer Krieg; nicht weil die jeweiligen Ortsansässigen so händelsüchtig gewesen wären, nein, weil sie sich, wie Spinnen im Durchzug, einen falschen Platz zum ruhigen Leben ausgesucht hatten. Es gibt wenige Gegenden in Europa, die so zum Kriegführen geschaffen sind, wie der enge Durchgang bei uns von Mitteleuropa zum Balkan und weiter zum Bosporus. Niemals begannen die Volksstämme, die hier jeweils ein-zwei Jahrhunderte lebten, von sich aus mit den Nachbarn Krieg, und immer wurden sie von fremden Völkern, die den Durchzug beherrschen wollten, in Händel verwickelt. Daraus kann man direkt auch den Untergang von durchweg aller friedlichen Völker und Stämme verfolgen - und ebenso das Überleben der kämpferischen.
Als größtes und sicher schlimmstes Übel kann der Krieg angesehen werden. Unsere älteren Menschen haben ihn zweimal wie eine teuflische Heimsuchung erlebt; plötzlich war er da und machte das Leben zur Hölle. Über Schuld und Ursache kann man lange streiten, doch eines ist sicher: ganz am Anfang steht ein allgemeiner Irrtum, den man fast überall auf der Welt als notwendiges Übel sieht - die Soldatenzeit im Frieden. Wenn man sie abschaffen könnte, wäre es unmöglich Krieg zu machen. Die Pazifisten haben dafür eine einfache Weisheit: Stelle dir vor, es wäre Krieg und keiner würde hiengehen! Bei uns im Südosten hat man hiengehen müssen, und das nicht selten. Jeder Bursche über achtzehn Jahre musste im Frieden zweimal einrücken, auf jeweils anderthalb bis zwei Jahre. Im jugoslawischen Teil rückte man in eine südserbische oder bosnische Kaserne, in der ungarischen Batschka brachten sie einen an die rumänische Grenze oder in die Karpaten - in jedem Falle weit weg von zuhause. Das war immer schlimm, weil unsere Rekruten oft schon mit Achtzehn versprochen/verlobt oder verheiratet waren und an einem eigenen Wirtschaftsaufbau arbeiteten. Weil aber das Einrücken nicht zu vermeiden war, versuchte man aus ihm das Beste zu machen. Wer gerade das Schießen oder Marschieren nicht zu seiner Lieblingsbeschäftigung auserkor, hat sich gleich nach der Musterung als Putzer/Bursche für einen der Offiziere gemeldet (wobei dieser Begriff am besten mit der Rolle des 'Braven Soldaten Schwejk' zu erklären ist). Wenn die meist andersnationalen Offiziere hörten, dass ein Putzer-Anwärter aus der Batschka kommt, nahmen sie ihn gleich. Und nach einer kurzen Zeit mit Proformaschießen und -marschieren begann für den Leibdiener eine schöne, ruhige Zeit, die alle zwei bis drei Monate von einem Heimaturlaub unterbrochen wurde. Das ist verständlich, weshalb: Die Putzer aus der Batschka kamen jedes Mal mit einem großen Packet Wurst und Kuchen zu ihrer meist privat wohnenden, verheirateten Herrschaft zurück. Und wenn das Essen weg war, wurde der nächste Urlaub geplant. - Jedenfalls machte von unseren Burschen nur ein kleiner Prozentsatz im Frieden beim Militär Kariere. In einer stolzen ungarischen Aufzählung von Bajaer Offizieren, kommt kaum ein deutscher Name vor; möglicherweise, weil sich alle Karrieristen magyarisieren lassen mussten, z.T. aber auch, weil die Batschkaer Donauschwaben grundsätzlich mit wenigen Soldaten-Helden aufwarten können.

11.1 Militärpflicht
Die Einstellung unserer Vorfahren zum Krieg, der immer als Heimsuchung über uns kam, kann zwischen ängstlich und pflichtbewusst eingestuft werden. Ab dem Tag, als wir wussten, jetzt knallt es auch bei uns, haben wir unsere Familie und unser Sach fest umschlungen und hätten es am liebsten nicht mehr losgelassen. Die ständige Sorge und das lebenslängliche Schuften taten sich im Krieg felsenfest zusammen und lagen wie ein großer Brocken Granit auf unserem Leben. Alles was wir taten, wurde durch diesen Brocken behindert - das Daheimbleiben ebenso, wie das Einrücken und Flüchten. Unsere Rekruten waren weit davon entfernt, gerne und lustig einzurücken; und auf den Jubelfotos, die im Ersten und recht im Zweiten Weltkrieg am Anfang in den Zeitungen als Kriegswerbung gezeigt wurden, waren unsere Burschen sicher nicht zu sehen. Über die Soldatenpflicht der Batschkaer Jugend kann daher nochmals betont werden, dass sie an jedem Krieg mehrheitlich teilnahmen, doch dass Ihre Verweigerungsrate auch ansehnlich war. Jene, die sich nicht drücken konnten, weil der Gehorsam stärker anerzogen war, als der wissentliche Protest in der Sinnlosigkeit, taten unter den Habsburgern brav ihre Pflicht zuerst im Erbfolgekrieg gegen die Preußen (Königgrätz), dann im Beistandskrieg gegen die Italiener (Solferino), im Besatzungskrieg in Bosnien (Berliner Kongress), im Ersten Weltkrieg (Sarajewo) und im Zeiten Weltkrieg (Russlandfeldzug). Obwohl keiner dieser Kriege wegen oder um uns geführt wurde, hieß es immer, wir müssten Heim und Herd und Vaterland verteidigen, wenn’s sein musste, bis zum letzten Blutstropfen. Lang und vollständig waren die Listen, die unsere Jugend im schönsten Alter zur Musterung riefen, zur Einteilung mehr zu Kanonenfutter, als zu Drückebergern in den Unterständen. Und lange und gründlich sind auch die Todeslisten, die wir für alle Heimatorte anlegten, weniger aus Stolz und mehr als letztes Monument unseres redlichen Unterganges.

11.2 Heldentum und Verweigerung
Ein kleines Kapitel muss da noch angefügt werden: das über unsere Helden und Verweigerer. Von den Ersteren, den sog. Helden in Uniform können wir nur - genau wie andere Stämme, wenn auch etwas verschämter, einige aufzählen. Es sind jene einzigen Söhne von Eltern, die in gewisser Verblendung stolz ihre Sprösslinge für eine 'Deutsche Sache' in den Krieg schickten. Ihnen gegenüber steht aber eine wesentlich größere Zahl jener Batschkaer junger Donauschwaben, die sich von Familie und Sach nicht um alles in der Welt trennen konnten. Denn Spruch, dass man auch in Russland oder Finnland seine Heimat verteidigen müsste, verstanden sie weniger, als z.B. die jungen Serben ihren Kriegsruf, als sie vom Reich überfallen wurden. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Verweigerung unserer Jugend zu sehen, wenn sie unter keinen Umständen einer Einberufung - von denen es 1941- 45 drei große und viele kleine gab - folgten. Sie ließen lieber Spottnamen wie Ateitsch, Schlawak, Feigling, Truckabergr, Haasafuß, Angschthaas, Mottrsehnl, Weichling, Schwowafeind oder Judasau über sich ergehen, als gegen ihre innerste Überzeugung in einem irrsinnigen Krieg ihr Leben zu lassen. Dass sie dennoch vom Krieg und seinen Folgen eingeholt wurden und man sie als Zivilisten daheim umbrachte, in Partisanengefängnisse und sowjetische Kohlengruben verschleppte, ist so absurd und fast tragikomisch - wie auch die ganze Kriegsursache, für Deutsche im Osten neuen Lebensraum schaffen zu wollen.

12 MENSCH UND SPRACHE
Die erste und beste Möglichkeit mit jemandem in Kontakt zu kommen und zu bleiben, ist bei jedem Menschen seine Sprache. Bei unseren Vorfahren war es ebenso, wie überall auf der Welt, nur dass die meisten von ihnen, außer der Muttersprache, noch mindestens eine fremde Sprache beherrschten oder verstanden. An erster Stelle kam das Ungarisch. Noch von daher, da die ersten Siedler aus Deutschland, meist Fachleute der Bauberufe, bei den ungarischen Städtegründungen wesentlich beteiligt waren; und erst recht bei der großen Ansiedelung nach der Türkenzeit, haben sie die Ungarn als Mehrheitsvolk in diesem Gebiet anerkannt und respektiert. Außer manchmal mit der Obrigkeit, gab es nie Streit über die Ausdrucks- und Verständigungsweise, aber deswegen kam es nie zu größeren Missverständnissen. Unsere Menschen lernten schneller Ungarisch, als umgekehrt. Wenn in einem überwiegend deutschen Dorf nur ein paar Ungarn wohnten, hat man ihre Sprache schlecht und recht erlernt und verstanden. Etwas anderes war es mit den Raizen/Slawen. Sie waren erst ab der Türkenzeit in der Batschka, und spielten in dieser Gegend niemals eine mehrheitliche Rolle, auch in den wenigen Dörfern und Städten nicht, wo sie in der Bevölkerungsmehrheit waren. Die Schwaben hielten ihre Sprache nicht für so wichtig, dass sie auch in mehrheitlich schwäbischen Dörfern von ein paar Kroaten, Serben, Bunjewatzen, Schokatzen lernten, und wenn doch, dann nur von den nächsten Nachbarn und beim Spielen auf der Strasse; weder die erwachsenen Slawen, noch ihre Kinder erlernten die deutsche Sprache. Wenn man etwas mit ihnen zu tun haben wollte, musste man sich mit ihnen in ihrer Sprache verständigen. Das war nur für Kinder leicht. In die Siedlung zugezogene Erwachsene hatten ein Leben lang mit Andersnationalen Verständigungsprobleme – Kinder nie. So wuchsen die Donauschwaben/Ungarndeutschen mindestens zwei- oder drei- aber auch viersprachig auf – noch mit Rumänisch oder Russinisch im Banat und der Unterbatschka.

12.1 Muttersprache und Dialekte
Die ersten Worte, die wir als Kinder von der Mutter lernten, vergaßen wir nie, auch dann nicht, wenn wir zwischendurch lange in einer anderen Sprache redeten. Durch den letzten Krieg und seine Folgen haben viele von uns nur einige Jahre lang ihre Muttersprache daheim gesprochen, wenn wir aber, nach vielen Jahren, abermals das Mutterschwäbisch versuchten, war es bald wieder da, schön und rein wie ehemals. In der Muttersprache erneut zu sprechen, ist, wie nach einer langen, schweren Krankheit fieberfrei aufzuwachen., die gesunde Welt neu zu entdecken und ins Herz zu schließen, in Freude, dass man wieder auflebt. Wir redete in der angeborenen Sprache so lange, wie wir in der angeborenen Umgebung blieben – manchmal ein Leben lang. Jeder der in eine andere sprachliche Umgebung kam, musste nach und nach seine Muttersprache einem anderen Dialekt anpassen. Das war sogar dort der Fall, wo die ganze Familie in ein anderes Dorf umzog. Im ganzen Südosten ist ein einziger Fall bekannt, bei dem viele Batschkaer Schwaben aus einem Dorf in ein anderes zogen und dort die Mehrheit bildeten – Indija in Syrmien. Die zugezogene Gemeinschaft hielt so an ihrer Sprache fest, dass sie nach mehreren Generationen der gesamte Ort erlernte und bis in die Vertreibungszeit sprach. Leider Gottes kam es aber auch vor, dass unsere Menschen nicht nur fremde schwäbische Mundarten in ihre Sprache mischen mussten, sondern auch Sprachbrocken von anderen Nationen. Solches Gemisch ist meistens in der Esskultur, im Sport, beim Singen und Tanzen und im Brauchtum vorgekommen. Was die Arbeit im Handwerk angeht, so richteten sich alle anderen Nationen nach uns und übernahmen viele unserer Fachausdrücke. Unsere Muttersprache war keine einzige, sondern eine erste Möglichkeit mit anderen Landsleuten – Schwaben, Pfälzern, Baiern – zu reden; weitere Redensarten lernten wir genauso schnell, egal ob sie aus dem Hochdeutschen oder sonst woher kamen.

12.2 Batschkaer Sprachgemisch
Au Schwätze will g’lennt sei – unter diesem Motto haben die schwäbisch-württembergischen Mundartforscher, Herrmann Fischer und Hermann Taigel, im Jahre 1986 ein Schwäbisches Handwörterbuch herausgegeben; auf einer schönen Landkarte zeigen sie alle schwäbischen und alemannischen Gegenden, aus welchen die meisten unserer Siedlerahnen im 18. und 19. Jahrhundert auswanderten – es sind nicht weniger als vierzig! Doch wenn man davon ausgeht, dass in der Regierungszeit Maria Theresias die meisten Batschkaer Siedler nur aus katholischen Gegenden kamen, so lassen sich die vierzig auf ganze zehn verringern. Es sind dies die alemannischen Landesteile um Rottweil, von Alb und Donau, aus Schwaben um Biberacher, Läutkirchen und Kempten, vom Oberrhein, aus der Baargegend und aus dem Süd-Bodensee-Alemannischen. In dem Nordbatschkaer Siedlungsraum gibt es in großer Mehrheit römischkatholische Ahnensiedlungen, und nur ein mehrheitlich evangelisch-reformiertes Dorf, das in der Zeit Josefs II. angesiedelt wurde – Harta bei Kalocsa. Weil sich die Landsleute aus diesem Dorf, außer in Baja, kaum mit den Nachbarsdörfern mischten – religiöse Mischehen waren genauso verpönt, wie nationale – kann man hochprozentig davon ausgehen, dass unsere Nordbatschkaer Mundart ein Gemisch aus mindestens den aufgeführten süddeutschen, dann südfränkischen, pfälzischen und saarländischen Mundarten ist. Vergleiche in dem erwähnten Wörterbuch von Fischer/Taigel und einem weiteren Alemannischen Taschenwörterbuch für Baden, von Hubert Baum, 1978 in Freiburg/Breisgau herausgegeben, ergeben dasselbe Endergebnis; in den Mundartwörterbüchern aus anderen ‚genealogisch wichtigen Gegenden’, wie dem Moselgebiet, Rheinland, Bayern, usw. gibt es wesentlich weniger Ähnlichkeiten, was uns einigermaßen plausibel beweist, dass die Erstsiedler der Oberbatschka mehrheitlich aus dem Schwäbisch-alemannischen Raum Süddeutschlands kamen.


13 Sprachproben
Viele theoretischen Überlegungen können kaum ein wenig Praxis ersetzen, deshalb mögen hier einige Sprachproben – leider ohne Transkription – mundartliche Ausdrucksweisen Nordbatschkaer Dörfer aufzeigen. Wesentlich genauer könnte man es natürlich machen, wenn man aus allen fraglichen 50 Ortschaften, die unserem Ahnenspiegel zugrunde liegen, Sprachproben – möglicherweise zusammen mit Fachkommentaren anerkannter Mundartforscher – abdrucken könnte. Weil das aber hier nicht möglich ist, sollen unsere bereits anderswo veröffentlichten Proben zeigen, wie die Ahnen im großen Ganzen nicht sehr, im Einzelnen dennoch unterschiedlich sprachen. Wenn das richtige süddeutsche ‚Schwätzen’ – nach Fischer/Taigel - gelernt sein will, um wie vieles mehr hätte man das Batschkaer ‚Redda’ üben müssen, wenn man es über die vielen Jahre seit dem Krieg nicht verlernen wollte. Da das Üben oft zwangsweise sehr vernachlässigt wurde, sind die folgenden Proben zum Teil weniger, zum Teil mehr mangelhaft ausgefallen.

13.1 Arbada em Waajgata
(János Beck, Doktor der Medizin, geboren in Hajos; Originalbeitrag aus Briefsendung v. 1.7.96)

S Spritza: Em Aabed hat maajn Fattr miar ksajt: "Maarga kaama en Waajgata, i muß spritza an Tu deafscht au mitkhamma, wenn da witt." (En Waajgata bin i ellawoil gean kanga, itt so wia en Kukrutzaackr). Ear hat s zirka Zwihektofaß en Waaga nauf taau, tr Blaastuaj em warma Wassr aufkleest, tr Khalch au, tees Ganz ens Faß naajkleert, and s Faß mit am Wassr aufkfillt. Em maarges hattr mi friea aufkweckt, nach hama ojsa Ross (en alta Schemml, Nama: Deeresch) aajkspanna and seand en t Haajd kfaara (dott ischt uajn Waajgata ksaaj, tr andr en Borotta).
Wen ma aakhama seand, hat tr Fattr kloi aakfanga zum spritza, and tes hatt r da ganza Taag kmacht. Zescht hatt r t Leseng aufkriart (tr Riarr: a andrthalb Mettr langa Stang mit halbmettr Khettam em End) and nacht hatt r t Leeseng tur a Sieble mittr Messengpipa en t Spritzed naajklaau. Wenn sie voll ksaaj ischt, hatt r sie auf ta Rucka knamma and tes hatt r taglang kmacht. T Waajsteck seand ellawoil schia blaa ksaaj. And was han i taau? I bin an Kriasabuum nauf kreapsled and han Kriasa procked, odr Woiksala, and speetr Äpfl, Biara, Trauba, Pflamma, Zwetschka, Aprikosa, Marilla, Pfiarscheng.
Vaar am Zmittageassa hat tr Fattr saine Hend mit halbroife Woichsala kwescha.
Eftrs hat tr Fattr miar Eathaasa kfanga. Wia? En Ampr voll Wassr hatt r ens Loch naajkleert, and tr Eathaas isch pald rauskschlupft and tr Fattr hat ihn gloi kschnappt, dear hatt ittamaal saga khenna: niks.
S Leasa: Em Hiarbscht, wenn t Kadarka-Trauba schaau roif seand, nacht ischt en Hajosch s Leasa. Kuat fria gaat ti ganz Famile en Waajgata. S Roß hat ma aajkspanna, and auf ta Waaga 2-3 Fäßr aufkschtellt. T Nochpr and t Fruajd (=rokon) haud au kholfa. S jedr hat uajn Raaja kriagt. Mit am Waajgatameassr hat ma t Trauba aakschnitta and en Ampr ( = vödör) naaj taau, en uajn Maa ischt mit tr Putta em Rucka ramkloffa, and wenn tr Amprvoll ksaaj ischt, hat ma 'n en t Putta naaj kleert. T Männr haud t Fäßr kfillt mit ti Trauba, and kuat aajkschtampfed mit am Stampfl. Wenn t Fäßr voll ksaaj seand, ischt ma zum Kheellr kfara, and hat mit am Massile s Viatl kfillt and ens Presshaus traajt, tur a Traubamiele trieba en a großa Boodeng naaj.
Wenn ma en healla Waaj hat wella, hat ma tr Moscht kloi aa klau en t Waajfäßr naaj. (T Fäßr hat ma paar Tag friarr mit am warma Waßr auskwescha) And wenn ma en dunkla, rota Waaj hat wella, nacht hat ma tr Moscht auf am Trebr klaau, 2 -3 Tag lang. And wenn tr Moscht aakarbed hat, ischt tr nuaja Waaj feteg ksaaj.

13.2 Erinnerunge an Apetii
(Eva Mayer-Bahl, Schriftstellerin, geboren in Apatin - Originalbeitrag aus Briefsendung v. 1.7.96)

Ich hab in Apetii a schtark a liiwi Omami ghat. Si war kloo, rundlich mit oome dinna, graue Zeppili am Hinnrkopp. Bees odr ungeduldich haw ich si nie gsehge. Naa, im Gegeteil, si hot gsagt, ich wär a braves, kloones Madili un derf drum mit ihre allweil zum Wache, am Owed, zu dr Gschtarwene geh. Aa zu allne Leichte. Des war a großi Auszeichnung.
S Wache war far mich s Schenschti. In dr Mitte vum Paradizimmr is die Trugl mit dr Tote gschtanne. Die war bei alti Leit schwarz, mit goldene Näme, bei jungi Madl weiß un bei Kinnr hot mr net gwacht. Um tie Trugl rum ware Kerze uffgschtellt un am Koppend griini Krawler.. Des hot so schee ausgschaut wie im Wald. Umedumrum ware Schtihl in dr Raih un uff dene die Wacher. Lautr Weiwr. Alli schwarz oogezoge mit schwarzi Kopptiichl am Kopp. Mit tiefi Stimme henn si dr schmerzhafti Rosekranz gebett. Ich bin ganz brav newr dr Omami gsotze un hab befolgt, was sie gsagt hot: "Kind allweil uff m Tote sei Auge schau. Wann r blimslt, no schtupp mich sofort". Ich hab wie gebannt uff di Auge gschaut. Sowas langweiliches. Koons hot jemols geblimslt! A klooni Abwechslung hots als gewe, wann noch m lange Bette, Krapfe un Kuche oogetrage is warre. A was zum Trinke. Die Krapfe ware s Beschti.
Zu dr Leichte bin ich nit so gern gange. Des langsami Trottle haw ich nit leide kenne. Die Musich war aa farne un di Feirwehr, di Schitze un Zunftfohne, dr Pfarre, di Ministrante... S Vatrunsr is aa durchenand gebett warre, wenn di Vodre a Varsprung henn ghatt. Vunn hinne hot mr gar nix gsehge. Alles farne. Meischtns haw ich umgschaut, ob noch vieli hinne gehn.
Am Grab hot mich mei Omami varne higstellt, daß ich aa was sigh. Ich hab a derfe Weichwassr spritze un bin mr waaß Gott wie wichtich drbei varkumme. Froh war ich aa, daß ich nit schun do nunnr hab misse.
Oomol, s war Fruhjahr, do haw ich widr mitgeh derfe zu oonre gscharwene Verwandschaft bei Nr. 2 in Apetii. S hot sich gheert, daß mr Toti mit oome Lied geehrt hot, was sich uff Freindschaft un Vrwandschaft bezoge hot. Mr hot drfaar m Kantor was gezahlt. A jedr hot des gern gmacht, weil di Leit jo gharcht henn, was r iwr oom singt. Ungefähr so hot des geklunge: "Die liebe Patin steht an deinem Grabe, tiefgebeugt, voll Schmerz im Herz un Tränen in den Augen. (Dem folgt oft a herzzerreißendes Schluchzen). Die Patin Katharina wünscht dir gute Nacht."
Sobald oonr oogsunga is warre, hot r glei aa laut greine misse. Mr hot sei Träne mit m Traurtiichl geputzt. Des war schneeweiß mit tief schwarzem Rand eigfaßt. Mei Omami hot aa gezahlt ghat. Wie si mr s Sacktiichl hot gewe, hot sie gsagt: "Wenn ich oogsunge wer, noo putz dr ti Nas un die Auge rippl a bißl, wann d aa nit greinsch." Dr Kantor hot dr Raih noch alli oogsunge. So wie si ihre Näme gheert henn, henn die Oogsungene aa glei gegreint.
Ich war uff dr anre Seid gschtanne un hab gsehge wie vieli ihre Sacktiichl an die Auge drucke. Do haw ich meins aa glei gnumme un habs an die Auge drucke welle. Ich hab gmonnt, daß des sich jetz so gheert. Mei Omami hot mr a kloonr Schubs gewe un hot gsagt: "Mir sin nanit droo. Ich wer dr a Zaiche gewe."
Mei Omami hab ich in meim Herz begrawe.

13.3 Tie Hufeisahex
(Anna Gerescher, Hausfrau, geboren in Bereg (Auszug aus Beitrag für Alfred Cammann: Ungarndeutsche Volkserzählung, Teil 1, 1980, gekürzt; von A.C., der nicht aus dem Südosten stammt, ins Reine geschrieben und z.T. eigenmächtig phonetisch verändert).

Es war amal a Schmied, der hot zwa Gselle ghat, zwa ganz vrlässlichi Buwe. Wenn tie zwa Gselle uf a Eise gekloppt hen, so hot dr Amboß, dr Klotz un's ganzi Haus gzittrt, grad so wie a Wassemihl bebt, wenn Kukruz gmahle werd. Die Schmiedgselle hen beinand in om Bett gschlofe, dr oni an dr Wandseite un dr anri am Bettrand.
Tes hot awr net lang gdaurt, to hot ter am Bettrand ogfange zu kränkle. Er is ganz blaich ware un ganz ausgezährt un er hot Fiewrschittle grigt; varher war er so rotbackich. Wenn mr em uf o Backe gschloage hot, war tie anr ufgeplatzt. No hot sei Kummrad gfrot: "Was hoscht dann? Du werscht alli Tag winicher wie kam a anre Mensch uf Erde?" - "Ich kann's dr garnet sage, du werscht mr ja toch net klawe!" - "Awr sag's mr toch! S mag sei, was's will, ich werd's niemand vrrote, selbscht wenn tei Ärm bis zum Elleboge im Blut stecke hetscht; to truf giw ich ich dir mei feschtes Wart!" - "Ich will' s ter sage, was un wie's mir is. Waascht was? Unsr Frau Maschterin is a Hex! In jedr Nacht kummt sie mit ihrem Teiflszom, sattelt mich, besteigt mich un reit mit mir iwr alli Berge pis uf dr Harschan. Wenn sie tart okumme is, bindt sie mich an a Aiche, begibt sich ten unr ihre Feen un Hexe zum Tanz un Schmaus, un var Tagsobruch besteigt sie mich, un ich muß so jage, daß mr blutichr Schwaaß ausbrecht. Drhom oklangt, straaft sie mich ab, nemmt ehr Zom vum Kop, un ich wer wiedr a Mensch, leg mich ganz müd un erschept un gebroche schlofe. Tes is die Ursach, wal ich so eitrickl un krank pin!"
"Gut", sagt der anri, "jez wer ich mich an's End lege." Als alles im Haus schloft, is die Meisterin-Hex eigetrete un is schnurstracks ans Bett kange, zu tem, der am End liegt, holt mit'm Zom aus, um ehm a Schlag zu vrsetze; ter war awr wach, springt uf wie die Katz uf a Maus, packt die an ihrem Arm, reißt ihr die Peitsch un dr Zom aus dr Hand, un sie war sofort a Stute! Dr Gsell hot sie ufgezomt, fiert sie aus dr Stuwe uf die Stroß, un im Galopp reit' er die Landstroß entlang bis zum Wald. Homzus kehrt er uf a längere Weg, so daß sie ganz naßgeschwitzt war wie a Bindl Rezhanef. So is er mit ihr iwra Feld un ums Tarf gritte, bis's Tag war. To hot'r sie an a Maurring obabunde un an alli vier Fieß beschlage. Die Gselle öffnete die Schmiede, den henn sie die Stute in dr Hof gfiehrt, straafte ihr dr Zom ab, un die Stute war wiedr a Frau.
Ten legt sich die Meisterin ins Bett un war mit ganz hohem Fiewr todkrank. Als dr Schmit homkumme is, to konnt er was seghe: "Um Gottes Wille, was is tenn gschehe?" - "Sikst ja selwr: Dr Teifl hot mich bschlage!" -" Bei Gott, Frau", sagte der Schmit (in der Batschka sagte kein Mann zu seinem Weib Frau - Anm. K.G.), "wir misse schweige un unsr Unglick gheim halte..." Die Frau war awr lang krank. Als sie erholt war, hot sie den Hexezom un die Peitsch in d' Ofe gschmisse un nie mehr hot sie Hex gspielt. Dr Schmitgsell war wiedr gsund...

13.4 Tr letschti Kerweihtanz
(Nikolaus Marnai-Mann, Mundartschriftsteller, schreibt in Almascher Dialekt; Auszug aus Homatskschichten, Sendung vom 9.8.1996)

Wie immer, so ware an tiesem Kerweihowet a alli Madle un Puwe, jung un alt, im Wertshaus. Wie kewenlich, so henn a jetzt tie krosi Ploosr kspielt. Tie scheenschti Tänze sein nach tr Raihe noch kumme, tr Zeppetl, tr Polka, tr Walzr, tr Marschhupsr, unw. Es war fascht ka Unerprechung, tie Musikande sein net miet ware vun tem vieli Ploose un tie Madle un Puwe hen a fleißich ketanzt, es hot auskschaut, taß koner tes Tanze appreche hot welle, als häde sie es vorkeahnt, taß tes wert to far alli tr letschti Kerweihtanz in ihrem Schwowe-Tarf un a in ihrem Lewe were... Tie Musik hot okfanga zu Ploose un tr Sepp hot net kwunge tr Liesl, wie ti andri, er is hinkange zu tr Liesl un hot sie zum Tanz vrlangt. Tie Liesl is, als wäre sie aus Feder, in seini Arme kfloge... Ihri koldploni Haare ware schee kekämmt, hen schee keklitzert... Tr Sepp war in onem onfachen, awer sauwrem schwarzi Kwand. Sein Hut war a schwarz. Tie Tschischme hen keklänzt, mer hot an sie ksege, ti ware noch net alt...
Es war schun 10 Uhr varpei, alli hen fleißich krad a Zeppetl ketanzt in luschticher Stimmunk, als mechte sie ten Tanz nie peende, toch to is jetz was passiert. Tr Klonrichter, tr aldi Jerg-Veder kummt rei im Amtskleid in ten Saal, schaut sich net um un hert a net, keht in tie Mitte zwische ti Tanzendi un fangt on zu trummle.
Alli Leit hen kmohnt, taß tr Jerg-Veder, tr Klonrichter is verrickt ware. Tann hen halt ti Musiker ufkhert zu spiele un tr Jerg-Veder hot onkfange mit arich ernschti Miene laut zu rede: "Es wert kundketan: Marje Fruh um 6 Uhr messe sich alli Puwe un Männer, ti noch net eikruckt sein vun 8 pis 40 Jahr alt, im Kmohnhaus sich melde. A jeder soll sich far on Tag Verpflegunk mitpringe. Ti Teilmobilmachunk is verordnet ware, a jeder muß kumme, war er Soldat pis jetzt, oder net. Ter net erscheint, ten hole ti Schandare, ter wert einkspert un a noch mit Kelt pestraft Mit tem 7 Uhr Zug were tann alli weiderfahre. Trum, trum, trum...!" To war jetzt alles so, als hät tr Plitz eikschlage. Ti Plooser nimmi weiderkspielt, ti Freit zum Tanze war zu Ent, ti meischti Puwe ware sowieso schun 20, oder noch mehr Jahre alt. Un wal halt uner ti Plooser a mehreri ware, ti einricke hen messe, so war halt tr letschti Kerweihtanz ari traurich zu Ent kange...

13.5 Tr Toni Vettr on tr Schubkhara
(Paul Schwalm, Doktor der Germanistik, geboren in Waschkut, als Erwachsener in Baja lebend; Auszug aus Dorfgeschichten, 2. Band, Baja 1995, Mundartproben)

Tr Toni Vettr hat sich saim Soh' iwrkewa, on wall r pei seini Khenr net em Newahaisl hat wohna wela, hat r sai Sach alas vrkhaft on hat sich a klaani Wohnong khaft. Er war mit sainra Khadi scho iwr siebzich, on hat nemeh arwata wela.
S Ailewa en tr Stadt is awr stark schwer kanga, an ta Lärm, an ta krossa Vrkehr hen sie sich schwer kwehna khena. Nach hen a tie Khumrada kfehlt, mit teni er toch ali Sonntäk khartla on sich onrhalta hat khena, tr Khadi Päs hat s a net kfala, sie hat sich halt net ailewa khena, mit am Wart, sie hen sich net zrecht kfona. S Tarf is toch was anrscht. Nach is tr Tag khoma, wu tr Toni Vettr ksat hat: - Khadi, mir vrkhafa tie Wohnong un kehn haam.
Tr Toni Vettr hat nämlich wela sainra Khadi an neia Ksparherd khafa. Jetz is r mit saim langa, alta Schubhara en tie Stadt "kfahra". Uf tem Hauptplatz, wu tie vieli Auto' wara, is r stehkapliewa, on hat mit am Schubkhara "kaparkt". Jetz is tr Kunstawlr khoma, on hat n bstraft, er soll mit tem Khara zom Wochamark nonrkeh, ta praucha tie Wäga tr Platz.
Tes hat tr Toni Vettr so kärgrt, taß r ta Khara ohni Ksparherd haamkschowa hat, on hat sainra Khadi ksat: - Uf so ama Platz, wu ich mit maim Schubkhara net nafahra terf, wuhie ich will, pleiw ich net. On sie sen halt wietr haamkazoga. (Eigener Beitrag)

13.6 Tr Schnitzr in tr Trugl
(Paul Schwalm, nach Anna Hofer Kumbaj)

Mir hun im Tarf, in Kumbaj a Varstellong khat, un ta hen mr a Trugl kapraucht, so a kapluumti Trugl. Mir hun sie uff tie Biehne katraga un hun Kspaß kmacht trmit. Un ter ani Puh is in tie Trugl ner so neikhupst, mir sin uff tie Trugl los, hun ta Teckl zukmacht, un s alti Schloß, tes hat sich zukaklamt, un tie Trugl war zu. Ter hat trin schun kflucht un resoniert, ter hat ja rauskwellt, un mir hun sie net khennt ufmacha. Jetz he me messa zom Schlossr, zum Rudolf Vettr keh, un hen halt keklopt, er hot schun kschlofa.
- Khummt Vettr, un macht s nachanand uff! - Ja, was soll ich tann ufmacha? - Khummt, ter vrstickt jo in tera Trugl! - Ja, wuhie? - Ja, en tie Schul!
Nach i r Khuma, un hat ta Schnitzr rausklosst aus tera Trugl. Wa' mr ta Schnitzr uff tr Gass ketroffe hun, he mr alwal kfragt: - Na, wie war s en tr Trugl? (Nach Anna Hoffer)

13.7 Pier in tr Tschissma
(Paul Schwalm, nach August Rukatukl, Tschawal)

Selmal san miar krossi Puhamr kwesst, ta san mr a Hochzeit schaun konga, un homm aa Paor Flaschn Pier krieagt. Es is stark finstr kwesst. Miar san aff tr Gass kwesst, un hom pa tie Fenstr naikschaut. Ta is mai Fraind, tr Mischka peikhumma. Newr uns is tr Jakob kstonda, ear is allwail so a zruckzoganr Khel kwesst, un hat wenich Spass va'traga. Wie a mr so kstonda san, ta hat tr Mischka miar ins Arwaschl kflistrt, i soll in Jakob aplenkn. No ta hap i zan Jakob ksagt: - Jakob, ta schau hin, tuart tonzt a Paor so schia!
Wall r klaa kwesst is, hat r si' streckn messn. Ta hat tr Mischka ihm in seine praata Tschisma schia kstaat a Flaschn Pier naikschitt, ta is r a klai va'schwundn. Aff amol sakt tr Jakob: - I waß net, in mainam link' Tschisma is a Haufn Wassr trinn. I waß net, wie tes ta naikhumma is. Ta is r haamkonga, un hat s festkstellt, taß iam anr Pier naikschitt hat khat. Miar homm s iam net va'ratn, un hom long unsr Fraid khat an ten Spass.

13.8 En dr Schul
(Paul Schwalm, nach Anton Reppmann, Waschkut)

Pam Aischreiwa en tie erscht klass war s varkschriewa, taß tie Khenr mit tie Eltra khoma messa. Tr klaa Franz steht awr var am Kantorlehra kanz alla. Er hat a Zettl ent tr Hant, on ta war alas ufkschriewa, was tr Lehra von tie Eltra on vom Franz wissa will. Wall tr Franz en tie Raiha khoma is, fragt n tr Lehra: - Na, wu is n tai Vatr on tai Mottr? - Tie hen kha Zeit, mai Vatr muß Mischt fihra, on mai Mottr tut Katscha stopa. - Hat, kut Franzl, ta is alas ufkschriewa, ner tes fehlt no, was tai an Peruf hat.
Wal tr Franzl s Wart 'Peruf' noch nie khert hat, hat r ta Lehra halt mit krossi Auga akschaut. - Ja, is tai Vatr a Schustr, a Schneitr, atr a Tischlr? - A Musikant - war tie stolz Antwart. Tr Kantorlehra schaut ta Franzl kroß a, er khennt toch ali Musikanta em Tarf, wann a krossr Feirtag is, ta sen sie toch ali en Kherch on spiela. Awr ta Nama vom Franzl saim Vatr her r net khennt. Jetz fragt tr ten Klaana nomal: - Was fara Inschtrument spielt tei Vatr? Kha Antwart. - A Klarinett? - Na - war tie ängschtlichi Antwart. - Atr vleicht Keiga? - A net. - So, jetz sag awr, was tei Vatr spielt! - A Ufanzu. On ta hat r saim Vatr sei Knopfziehharmonika kmahnt. (Nach Anton Reppmann)

13.9 Tie Pokshendlfresserin
(Mihály Köhegyi, Archeologe, geboren in Katschmar, lebend in Baja nach Mundart-Aufnahme vom 18.12.96)

A kanz klanas Kind war ich noch vrleicht. In unsram Torf wara Raaza und viel Schwoowa. Ungara wara wennich, tie hen tort k'tint, k'arweit. Tie meischti wara Bunjewaza, katholischi Raatza. An einem Tag hot tie Resi - sie is mit ihri Leit 46/47 fartkumma -, drzeit hew ich mit ihra net kschprocha; tie Resi hot Pokshendl mitkaprocht in die Schuul. Jedr hot was mitkaprocht, tie Armi wennichr, tie Reichi mehr; tes war im Krieg, tie Russa wara noch net too, un unsr Leit wara noch ali tart drham. Tie Resi hot sowas kaprocht, was mr im Leewa noch net kseega henn. S war so 20 cm lang un 2 praat. Un sie hot ksakt, tes sinn Pokshendl. Freind odr Bekannti tie henns kschickt. "Ha is tes kuut?" Sagt sie: "tes is kuut." Ich un tie anri henn truff kmaant: "Komm, loss uns a peisa, odr wenichschtns oschlecka." Mir henn tie Resi a ogapackt un ira s strengr ksakt. Sie hot uns niks kewa. Hat, solchas was im Torf war, Nussa, Kwetscha, Plauma, hemr gakennt, a kesa, awr Pokshendl net. To pin ich pees wora, weil sie uns net schlecka klosst hot, un hep ra ksakt: "Resi tu pischt vun hait oo tie Pokshendlfresserin!" Un tie anra Kummrada, tie a uff sie pees wara, henn a kschriea: "Pokshendlfresserin, Pokshendlfresserin!..." Un so hot tie Resi ihra Spottnoma khat.
Na, Joora lang, wie ich nauskumma pin, noch Bulgarien un Serbien, hew ich meinra Frau Pokshendl mitpringa wella. Ich pin in a Kschäft in Belgrad kanga un hep Pokshendl, ungarisch Szent János kenyér, hochteitsch Johannisbroot vrlangt. Niks. Erscht peim letschti Vrsuch in ama Gschäft hots ghaasa: "A, Rogatsch wolla sie?!! Awr tes wara gaprochani un kmahlani Pokshendl, wie sie unsr Leit a voram Krieg gakennt henn. Un ich hep lang kha richtichi Pokshendl sega kenna.


13.10 Wie tr Onkl tie krossa Nudl kemocht hot
(Anna Weiss, geboren in Tanaschitz, aus 'Dorfgeschichten' von Paul Schwalm)

Pei uns in Tan'schitz newram Tarf, ta war a Mäschtarei. On ta war tr Onkl mit seinra Fraa traus en tr Mäschtarei, un hot alas pesorgt tart. Amol im Wintr hot sei Fraa ksat, sie muß nai ins Tarf, un hot ehm Pohna hiekstellt uff ta Ksparhert, er soll schiera, pis sie zuruckkhommt. Sie pleipt vlleicht lang, awr wann sie zuruckkhommt, nach macht sie tie Nudl. Nach sakt er: - Tu pleipscht vlleicht lang, on tie Nudl wera net fertich, ich wer schon Nudl macha. - Naa, tu prauchscht net, ich wer sie schon macha, wann ich khomm. - Awr wann ich halt toch mach', wievl soll ich nehma? - A Ei un a Schala Wassr.
Sie hat awr kmahnt mit tr Eirschala Wassr. Nach is sie fart, un er hat katenkt, er macht tie Nudl, sie macht ehm awl so wenich in tie Supa. Er hat auch trei Eir knuma, un hot tie krescht Schala ksucht, s war a kutas halp Litrschala. Ja, s Simprli is leer wara, ta war kha Varrat, s is kha Mehl meh trinn, un er hot schun an Patza Teig var sich liega. Was soll er tann a jetz macha? Na hot r halt afanga welgrja, un nach war tr Teig schun so kroß wie s Nudlbrett. Nach hat s Terli krapplt, was sol er jetz macha? Nach hat r kschwend alas uff ta Ofa kwarfa, ta war s kut aikheizt. Na, was soll r jetz mit tie Händ macha? Nach hat r sie halt so hinri, nach sein sie ehm akaterrt am Ofa. Ta is r halt khockt, pis tie Paas nei is khoma.
Hat, tie hot a kuts Maul khat, tie hot lang vrzählt. Jetz uff amol reisst tr Teig owa ab, un runr ehm ins Knack nai. Jessas! Was sol r tann jetz socha? Tie Paas hot awr kfrocht, was er arweid? Er hot halt s Mehl a pissl rumkaklaupt. Er ziegt ta Teig, tie Paas steigt uff un helft ehm a, jetz ziega sie halt schun ali zwa vun ehm runr. Unr tes khummt sei Weip: - Ja, was machscht tann tu? - Ja, Nudl hew i kmacht! Nach hat sie vom Teig Nudl messa macha, un ta hen sie trei Wocha essa khena.

13.11 Omeeze mit Brot
(Regina Böss, Hausfrau, geboren in Kernei; besprochenes Band nach Kerneier Heimatblätter; Sendung vom 5.8.1996, Verfasser Peter Gärtner, Kernei)

Wie tie Traudl noch a klones Kind war un ihre Leit sie's erschtimol mit in dr Schnitt gnumme hen, hot ihre Mottr sie schee unr dr Boom in die Schatte zwischr dr Brottanischter un dr Plutzr gsetzt un gsagt: "Traudl, im Tanischtr sin Petrunpaul-Äpl, wann 'd brav bischt, derfscht drvu esse." - Die Traudl hot sich aa gleich droogmacht, hot awr vrgess dr Tanischter wiedr zuzuziehge, un des war o großr Fehler. Karz drnoch is dr Vattr kumme Wassr trinke. Wie er sich nunrgebuckt hot um dr Plutzr, hot 'r zu dr Traudl gsagt: "Kind, schau doch in dr Tanischtr, was die Mottr alles neigetuu hot zum Essa." - Die Traudl hot ganz gnau neigschaut un zu ihrem Vattr gsagt: "Ihr kennt heint han, was dr wellt, Omeeze mit Brot, odr abgekochtes Schungefleisch un Omeeze." - Dr Traudl ihre Mottr is dr Appetit vrgange, awr ihre Vattr hot bloß glacht un gsagt: "Oh Weib, wann du wisse tätscht, was ich als Saldat in Mazedonien far Ungeziffr in dr Krautsupp vrtilgt hab, no täte dir die paar Omeeze sichr nix ausmache. Seeleruhich hot'r no ogfange zu esse.

13.12 Was mr so gut schmeckt
(Gedicht von Peter Gärtner, Kernei)

Bohnesupp un Maakkulatsch, die Schenkl im Paprikasch. / Wamr im Kessl Lekwar riert un fingrdick uffs Brot druffschmiert. / Frisches Brot mit Salz un Griewe, drzu neier Wei' tut prowiere. / Was gut war un leicht is groode: Gänsschenkl krischtlich gebroode. / Noch bessr, mr hot zwaa Ajer ogriert un die Schenkl s erscht drinnrum hot gschmiert. / Blut- un Brotwerscht, kalt odr warm, die hot gern gesse Reich wie Arm. / Freitags Maak- odr Käsnudle odr zur Not aa därri Strudle. / Zum Fruhstuck Gänslewr gebroote, awr net freitags, des war vrboote. / Raachfleisch, so noch am Schlachte, des war aa net grad zu vrachte. / Iwrhaupt, wamr mol gschlacht hot ghat, Tepsigrumbiere mit oome Schunkeblatt. / Was noch geschmeckt hot un appetitlich war, im Hochsummr un aa im Frühjahr: / Vun jungi Hinkle un Gockäuschle eigmachti Supp mit Fleckrle. / Was noch geschmeckt hot sogar ohni Hungr: Griertitart, des is jo ko Wunr, / weil Kulatsche un gudr Wei' schmeckt aa zwischedurch un zwischenei.

13.13 Kamille roppe
(Matthias Lämmli, geboren in Miletitsch; aus Miletitscher Erinnerungen, Schönaich 1994 )

Im Mai / Juni, wenn die klone Kamille uf'm Salitr gebliht hen, no ware dunnerschtags Namittag viel Leit uf unsrem Salitr, weil mir doch am Dunnerschtag namittags nie Schul ghat hen. Taal Schulbuwe sin als mit'm Stoo-Karre odr Schubkarre kumme, mit ihrem Sack un ihrem Kamilleroppr. Des war so 30-35 cm braati Kischt. Do drinn war o Raihj ausgebrauchti Hechlzäh ganz nohch newrnand. Mitte in dere Kischt war o starkr Stiel feschtgmacht, fer tie Kischt ziehge. Die Kischt war ringsum zu, ner die Seit wu die Hechlzäh' ei'gebaut ware, do war die Kischt in dr ganz Bräting uf. Wenn die Kindr an dem Stiel die Kischt gezoge hen, no sin die klone Kamillekeph zwische dene Hechlzäh henke gebliewe un abgrisse. Die Kamillekeph sin in dr Kischt liege gebliewe. Wenn mol ganz viel Kamille in dere Kischt ware, no hen die Kindr sie in ihre Kamillesack am Stookarre augleert. Taal hen als an om Namittag bal ihre Sack voll gkriegt. Des hot noch'm Feierowed Geld gewe.
O pensioniertr Lehrer, der noch an dr neije Moschtunge-Bruck gwohnt hot, der hot die Kamille noch'm Gwicht iwrnumme. Es hot awr ko Gras drbei sei' derfe. Der Lehrer hot die Kamille alli uf seim Bode im Schatte getricklt, un no an die Apetheek vrkaaft. Es war als schee, zuzuschaue, wenn 6-7 Kindr ihre Kischt newrnand g'zoge hen, do war als bal' o großes Stick Kamille sauwr. No hen sie sich als o andres großes Stick mit blihiche Kamille gsucht. Unsr Salitr war so groß, un wu viel Kamille beinand ware, des hen die Kindr schun gwißt. Die andre Kindr, wu ko solchr Kamilleroppr ghat hen, un ner fer ihre Hausgebrauch Kamille g'roppt hen, die hen des mit ome Kammpl gmacht. Sie hen als aa fer ihre Mottr odr Großmottr o ganzes Säckl voll homgebrocht. Die klokophiche Kamille ware o begehrtes Hausmittl.

13.14 Dr Franzvettr zu dr Kathibas
(Theresia Schäfer, geboren in Batsch-Sentiwan; aus Heimat Glocken, Heft 10, Schifferstadt 1995 )

Her, Kathi, sag kannscht net omol Sulz koche, du wascht schun, so a Sulz wie drhom gmacht hen. - Ha jo, des kann mr schun mache, awr do brauch mr halt vrschiedeni Sache so vun dr Sau. Do druf dr Franzvettr: - Des grigt mr doch bestimmt alles beim Fleischhachr, schreib mrs halt alles uf un ich geh's dan hole. Die Kathibas nemmt a stickl Papir un Bleistift un schreibt uf, was dr Franzvettr bringe soll: a Schwänzl, a Füsl, a stickl Kiebacke, a Arwaschl un a Schnuß. Dr Franzvettr kummt zum Fleischhackr, der is awr grad in dr Warschtkuchl, do sagtr halt zu dr Metzgereiverkäuferin was er haben will, die macht ein fragendes Gesicht und fragt den Franzvetter noch einmal: - Was möchten Sie? Dr Franzvettr sagt: - A Schnuß, a Schnuß vun dr Sau. Er wird dabei sehr unsicher und sagt dann noch omol: - Na halt a Schnuß, a Schnuß vun dr Sau far Sulz koche.
Die Verkäuferin verschwindet und holt ihren Chef herbei. Der begrüßt den Franzvetter wie einen alten Freund und sagt, also einen Schwinsrüssel wollen Sie haben. Do druf dr Franzvettr: - No, ka Rüssl, a Schnuß, bei uns drhom hen nar die Elefante a Rüssl. Na ja, so a Sulzschnuß hab ich halt gmont. Der Fleischhacker ging hinaus und bringt ihm a Rüssl vun dr Sau un fragt: - So etwas haben Sie gmeint? - Ja - sagt dr Franzvettr - des werd schun so gut sei. Er sagt noch was er alles drzu hawe will, bezahlt und macht sich auf den Heimweg. Un wie er homkumme is, hotr zu dr Kathibas gsagt: - So a Theater muscht do mache, bis die mol wisse was a Schnuß is, awr ich hab alles grigt, was ich gwelt hab un jetz kannsch Sulz koche geh, wie drhom. (Buchstabengetreu abgeschrieben.)

Nachbemerkung zu den Mundartproben.
Auf die schriftliche Rückfrage bei Márnai-Mann. Hedervár, antwortete er am 21.8.96 folgendes: Wer sein Kindheit und Jugend in onem Tarf verprocht hot in tr oweri Batschka, ter weiß kanz pinktlich, taß mer im selwi Tarf net immer ti kleichi Mundart kret hot. Undzwar: in Almasch zum Beispiel hot mer in tr Kroßkass, in tr Adler Kass, wo nar Paure henn kwohnt, meischtens ti "a" Entung gebraucht. Wie Karta, Waga, usw. In teni Kass, wo viel Handwerker ware, wie in tr Klonkass, Schulklass, Kerichkass, hot mer iwerall ti "e" Entunk kepraucht. tes war net nar in Almasch so, awer in teni andri Batschkaer terfer a so, wie in Kunbaj, Bajmok, Katschmar usw. In teni Terfr hew ich mein Kindheit verprocht, un schun tamols is es mir ufkfalle, ter Unerschied in tem Rede. Es hot a paurischi Sprach un a Handwerkischi Sprach kewe...

Demnach können unsere mundartlichen Endungen in den oben angeführten Sprachproben, ähnlich denen von Dr. Schwalm, Waschkut-Baja, vorwiegend als Anzeichen von Bauernsprachen gelten. Bei den unterschiedlichen Schreibweisen anderer Zwischenlaute gilt dasselbe...