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BATSCHKAER
AHNENSPIEGEL
(erschienen als Buch Jan. 2004 mit Unterstützung des Amtes für
Nationale und Ethnische Minderheiten Ungarns)
T E I L III
L E B E N S A R T
1 GOTT UND WELTANSCHAUUNG
Zur Zeit der Ansiedelung im Südosten gehörten Glauben und Kirche
zu den Eckpfeilern des Lebens unserer Menschen. Alles Tun und Lassen wurde
von einem Schutzschirm überspannt, der Gottesfurcht hieß. Der
Schirm schützte allerdings nur dann, wenn er immer wieder, von jeder
Generation aufs Neue und von jeder Familie bei ihrer Gründung neu
anerkannt und gefestigt wurde. Er schützte aber auch nur so lange,
wie sich jemand wissend unter ihm befand, und sein Schutz wurde umso schwächer,
je weiter sich jemand – wiederum nur wissentlich – von ihm
entfernte. Gut waren die Beschützten, böse die Unbeschützten.
Und die überwiegende Mehrheit fühlte sich beschützt! Auf
dieser Mehrheit fußen die folgenden Erkenntnisse des ersten Abschnitts,
die zum größten Teil aus einer lebenslangen Selbsterfahrung
stammen und daher subjektiv aufzufassen sind.
1.1 Schöpfung
Erschaffung des Menschen: Wir Christen sind, gemäß unserer
Religion, vom Herrgott persönlich erschaffen, durch Jesus von der
Erbsünde befreit worden und durch den Glauben, leichter als andere
Menschen, nach dem Tode für das ewige Leben bestimmt. Die meisten
unserer Vorfahren haben das buchstabengetreu so verstanden, wie es in
der Heiligen Schrift steht. Schon beim Kleinkind gab man daheim Acht,
daß alles so eingerichtet ist, wie es dem Herrgott und dem Pfarrer
- seinem örtlichen Stellvertreter - recht war: Das Kleine ist nach
der Geburt gleich von der Hebamme mit Weihwasser bekreuzigt und so schnell
wie möglich getauft worden, weil ihm nur so, als Christen, das Himmelreich
von Anfang an sicher war. Noch vor jeder körperlichen Untersuchung
auf allerlei Kindbett-Krankheiten ist etwas für sein Seelenheil gemacht
worden. Man kann also sagen, daß unser Leben und Herkommen mehr
als himmlische denn als eine weltliche Sache galt. Und wenn man noch die
Redeweise nimt, dernach die Kleinkinder vom Storch aus dem himmlischen
Milchbrunnen gebracht werden, dann hat unser Lebenslicht von Anfang an
nur aus einem Himmelsstrahl bestehen können.
1.2 Erde und Himmel
Das wussten wir von Anfang an, daß die Menschen, Tiere, Vögel
und alli kleinsten und unsichtbarsten Lebewesen auf einer Erdkugel leben,
von welcher sie wegen der Anziehungskraft niemals weg können. Ferner
wusste man auch, daß unsere Erdkugel von allen Seiten durch den
Himmel eingekreist ist, in welchem irgendwo weit oben, in einem noch höheren
Kreis der Herrgott und seine Heiligen und Engel leben. Bis in kleinste
Einzelheiten hat man den Himmelsbau fast in jeder Bilderbibel aber auch
in vielen Kirchen über dem Hauptaltar in Natura sehen können.
Daß diese Bilder und Aufbauten auch nur von einer Künstler-Fantasie
stammen könnten, haben wir nicht bedacht. Himmel und Erde gehörten
für uns zu Hauptteilen der Schöpfung und waren so angelegt,
daß uns alle himmlischen Heerschaaren von allen Seiten jederzeit
sehen konnten.
Einfluss auf unser Leben hatten aber nur die persönlichen Schutzengel.
Sie waren von unserer Geburt an, bis zu unserem letzten Ende für
uns dem Herrgott verantwortlich. Andere Heilige konnten wir als Schutzpatrone
zusätzlich anrufen. Sie sind nur pauschal und nicht so verbindlich
für uns verantwortlich gewesen; und wenn sie mal nicht helfen konnten,
dann war man ihnen nicht böse. Der deutliche Unterschied zwischen
Schutzengeln und Schutzpatronen war, daß die einen immer bei uns
in der Nähe waren, die anderen ständig umhergeschwebt sind,
weil sie noch zu vielen anderen Menschen gerufen wurden. Zudem waren die
ersteren reine Himmelsgeister, die anderen hatten einen irdischen Ursprung,
der im Legendarium genau und beispielhaft aufgeschrieben war.
Die Engel spürte man manchmal neben sich, die Heiligen nicht, aber
nachahmen konnte man nur die Letzteren, wenn man auch einmal zu ihnen
in den Himmel kommen wollte. In etwa so sahen und spürten wir die
Wichtigkeit unserer himmlischen Beschützer: Das Kruzifix, ein Jesusbild
und eines der Hl. Maria waren von ihren auffälligen Plätzen
an der Wand für das Heil der ganzen Familie zuständig; der Schutzengel
hat als großes, schönes aber eher geschlechtsloses Wesen mit
Flügeln über dem Kinderbett gehangen und führte zwei Kleinkinder
über die Lebensbrücke; danach kam die Hl. Familie mit Maria,
Josef und Jesulein über dem elterlichen Doppelbett; das Weihwasserkesselchen
neben der Eingangstüre, der Hl. Antoni in der Hinterküche, und
dann die verschiedenen Schutzpatrone, wie Florian gegen Feuer, Christophorus
gegen Hochwasser, die Vierzehn Nothelfer gegen alle Plagen - sie hingen
in großen Gängen bei den Reichen oder standen auf der Gasse
und vor der Kirche als Kalkfiguren für alle Gläubigen.
1.3 Glauben und Astronomie
Unter dem vorbeschriebenen Gesichtspunkt war unser Leben und die ganze
Schöpfungsgeschichte deshalb so angelegt, weil wir nur so einen wichtigen
Platz im Weltall einnehmen konnten. Ohne die gläubigen Besonderheiten
wära unsere Erde vielleicht schneller von der Unterwelt in den finsteren
Abgrund hinunter gezogen worden. Alles was aus dem Weltall hell auf uns
schien, gehörte zum Himmel, das andere, düstere dahinter und
darunter war ein Teil von der Hölle. Am wohlsten und sichersten fühlten
wir uns unter einem sonnenhellen und sternklaren Himmel. Schon bei rötlichen,
westlichen Wolken nach Sonnenuntergang rätselten wir, was sie wohl
an schlimmen Überraschungen anderntags bringen könnten. Den
Morgen- und Abendstern liebten wir regelrecht, ebenso den Bethlehemstern
oder Komet, der immer was Gutes verhieß.
Von den Strenzeichen kannten wir, neben den sichtbaren Planeten, nur jene,
die volkstümliche Namen hatten: den großen und kleinen Wagen,
den Himmelsjäger-Orion, die Schlange, den Wahlfisch, Fuhrmann, Drachen,
die zwölf Monatszeichen und ein-zwei auffällige große
Fixsterne. An den armen Mann im Mond mussten wir bei jedem Vollmond denken,
wie er in alle Ewigkeit sein Holzbündel tragen muss, wer weiß
für welche Strafverbüßung. Die Milchstraße war eine
himmlische Nachlässigkeit, die davon kam, daß beim Ausfahren
und Verteilen der Sterne über den ganzen Himmel etliche Tausend vom
Wagen fielen und auf der Straße verstreut wurden. Je nachdem, welche
Jahreszeit es war, suchte man nach dem eigenen Geburtszeichen: nach dem
Widder, Löwen, Steinbock, Schützen oder Fisch, usw; und man
liebte natürlich seinen eigenen am meisten und kannte ihn auch am
besten, während einem die Sternzeichen anderer Menschen egal waren
und nicht zu mühseligem Suchen lockten. Sonne- und Mondfinsternis
waren Zeichen schlimmer Schicksale für alle die, welche sie sahen.
Wollte man einem solchen Schicksal zuvorkommen, dann durfte man sie nur
durch ein engmaschiges Sieb schauen und sah über ihnen viele christliche
Kreuze, die einem beschützten.
1.4 Das Wetter - Lohn oder Strafe
Sonnenschein, Regen, Sturm und alle anderen Wetterarten waren Geschenke
oder Strafen des Himmels für ein gesegnetes oder sündiges Leben
vieler - bei großflächigem - und weniger Menschen - bei kleinflächigem
Unwetter. Weil nie ein Wetter so war, wie es gerade alle gebraucht hätten,
hat es immer was zu murren gegeben. Der Bauer hätte zu gewissen Zeiten
mehr vom Regen gebraucht, der Kleinhäusler hätte ganz darauf
verzichten können. Wenn es einmal selbst dem Bauern zu viel wurde,
hat man auf alle Fälle zum Petrus um Einsicht beten müssen.
Bei zu wenig für ein gutes Wachstum der Brotfrucht, musste schon
mal eine ganze Prozession bemüht werden. Es schadete aber auch nicht,
wenn sich regelmäßig an Fronleichnam die ganze Gemeinde für
richtiges Wetter bei den Heiligen einsetzte.
Wie das Wetter wirklich von der Natur geschaffen wurde, wussten wir
nicht genau. Es war im großen-ganzen ein über- oder unterirdisches
Geheimnis, woher und warum es mal so oder anders daherkam. Weil vom Regenwasser
die Blumen und das ganze Feldgewächs gediehen und ohne Feuchtigkeit
verdorrten, hat man den Zusammenhang von dem Naturelement und dem irdischen
Leben gleich erraten. Ebenso war es auch mit den anderen Elementen, die
alle für etwas gut waren und zusammengehörten: Der Blitz zum
Feuer, das Licht zum Morgen, der Hagel zum Eis, der Schnee zur Decke für
die Wintersaat.
In Donaunähe hat es öfter und mehr geregnet, als im Ödland
und der Puszta, deswegen beschäftigte man sich dort mehr mit diesem
Element. Obwohl es genügend Wasserdämme gab, stand das Hochwasser
jedes Frühjahr meterhoch in allen tieferen Lagen. Da hat dann keiner
mit einem Gebet, sondern alle mit Grabschaufeln um Abhilfe suchen müssen.
Die Arbeit war dann oft stärker als der Glaube - oder Aberglaube
-, weil auf sie immer verlass war. Mit ihrer Hilfe hilten wir fast alle
Naturkräfte im Zaum: Mit Gräben und Kanälen das Hochwasser,
mit dicken Hauswänden die Sommerhitze und Winterkälte und mit
Baumschonungen die Sturmwinde. Nur beim Entstehen der Naturkräfte
hat das Beten vielleicht mehr geholfen. So kann man sagen, daß Arbeit
und Gebet fast zu gleich wichtigen Teilen unser Verhältnis zur unverständlichen
Natur beeinflussten.
1.5 Kathechismus und Heilige Schrift
Die wichtigste Frage im wichtigsten Elementarbuch der 1. Schulklasse hat
man, ebenso wie vieles andere, auswendig lernen müssen; und sie hieß
mit der Antwort: Wozu sind wir auf der Welt? Wir sind auf der Welt, um
Gott zu erkennen, ihn lieben, ihm dienen und dadurch seelig werden, amen...
Wer ist Gott? Gott ist der Herr der Welt und unser himmlischer Vater.
Der Dorfpfarrer nahm seine Religionsstunde sehr genau. Aus seinem Lehrbuch
brachte er uns die wichtigsten Gebete, die Zehn Gebote, sieben Sakramenten,
vierzehn Kreuzigungsstationen und das Glaubensbekenntnis bei, so streng
und genau, daß wir es uns ein Leben lang merkten. Aus der Alten
und Neuen Schrift mussten wir das wissen, was Zucht und Ordnung im Dorf
und in der Familie stärkten; z. B. hat man nur das von Noah gelernt,
was er vor der Sintflut zur Rettung der Menschheit unternahm und jenes
nicht, was seine Töchter mit ihm zur neuerlichen Vermehrung der Menschen
taten, als sie nach der Flut trockenen Boden unter den Füßen
hatten. Das wunderliche Leben der Propheten war nur dann wichtig, wenn
es fromm war und nicht, wenn sie anderen Menschen Weh taten.
Mit den Juden war es genau umgekehrt. Sie hatten sich schon lange vor
dem Neuen Testament unbeliebt gemacht, und als sie dann Jesus kreuzigten,
war das leicht zu verstehen und in alle Ewigkeit zu verdammen. Seltenwo
gab es daher einen Umgang mit Judennachbarn und -spielkameraden, die man
so behandelte wie seinesgleichen. Der Kathechismus war die Schulbibel
und das wichtigste Kinderbuch im Alter, als man nicht nur lesen lernte.
Was in ihm stand war ebenso wichtig und heilig, wie jenes was uns die
Zehn Gebote lehrten. Nicht vergeblich lernte man zu allen Fragen auch
die Antworten auswendig.
Eine Heilige Schrift für die Erwachsenen gab es in jedem Haus.
Sie war ein Familienbuch in Gotik oder schon Latein, hatte festen Karton-
oder Ledereinband und war voll mit Bildern. Was in ihr stand war mindestens
so wichtig, wie die dörflichen oder staatlichen Gesetze. Dennoch
ist sie nur von den Belesenen mindestens einmal ganz durchgelesen worden.
Die Mehrheit unserer Menschen hat sich nur mal mit den Kindern die Bilder
angeschaut. Deshalb empfand man auch alle Sprüche der Bergpredigt
und Jesuwunder, wenn man sie in der Kirche hörte, selten als große
und neue Dinge, sondern so, als ob sie gestern passiert wären. Der
Liegeplatz für die Bibel war in der Vorder- oder Paradestube, dort
auf der Kommode, wo das Kruzifix, Herzjesu- und Herzmaria-Bild standen.
Ganz alte und mehrmals vererbte Bibeln hat man, damit ihre goldene Aufschrift
nicht kaput geht, in der Familientruhe aufgehoben. Wenn ein Mädchen
heiratete und was aus der Truhe mitnehmen durfte, z.B. einen Familienschmuck
oder seltenen Spitzenrock, dann gab man ihm auch die Bibel mit. Das Heilige
Buch allein ist nicht verschenkt oder vererbt worden, weil das nicht feierlich
genug war.
Sonstige Hausbücher: Gleich nach der Bibel galten als wichtigste
Hausbücher das kirchliche Gebet- und Gesangbuch und der Hauskalender.
Aus dem einen hat man regelmäßig die heiligen Lieder einstudiert,
aus dem anderen wurde das ganze Jahr über, leise für sich oder
laut für andere gelesen. Die meisten hl. Lieder kannten unsere Frauen
auswendig, ebenso die Kalenderregeln und Namenstage, welche auf die an
einem Sonntag gesungenen Lieder Bezug hatten.
1.6 Hauch und Seele
Weil der Hauch aus Luft war und als Atem bei uns rein und raus ging, meinten
wir, er wäre soetwas wie ein kleiner gesunder Wind, der auch die
gesamte Luft um uns in Bewegung hält. Daß es auch ungesunde
Winde gab, spürte man beim eigenen Hosenwind und beim größeren
Mistgestank. Etwas anderes als Luft konnte man sich nicht vorstellen,
wenn man an das christliche Aushauchen der Seele dachte. Bei der Geburt
ist die Seele mit dem ersten Hauch in uns gefahren und beim Sterben machte
sie es umgekert. Dazwischen sorgte sie dafür, daß in uns ein
möglichst reiner Lufthauch zirkulierte, wlcher für unser irdisches
Leben nur gut war. Aber darüber wurde nie geredet, wie über
Alltagssachen. Nur in der Religionsstunde durfte man mit dem Pfarrer über
die Seele reden. Weil er sie auch nicht anders als mit einem Hauch erklären
konnte, wurden wir mit unserer kindlichen Vorstellung für alle Zeit
bestätigt.
1.7 Betgewohnheiten
Der erste Gedanke beim Aufwachen hätte dem Gebet gelten
müssen, der letzte vor dem Einschlafen auch, wenn man vor dem Fegefeuer
sicher sein wollte. Die lässlichen Sünden tagsüber konnte
man nur mit häufigem Beten gutmachen. In einem wirklich christlichen
Hause wurde 5 - 6mal an Werktagen gebetet; sonntags kamen da noch die
Kirchengebete dazu. Das erste und letzte Tagesgebet hat man allein im
Bett verrichtet, die drei Tischgebete - zum Frühstück, Mittag-
und Abendessen - betete man den Eltern nach, so wie man es in der Kirche
dem Pfarrer nachmachte: halblaut und auswendig, ohne jedes mal an den
Gebetsinn zu denken. Etwas frommer ist das Beten in der Früh und
am Abend im Bett gewesen, wo man sich in vollem Bewusstsein katholisch
– mit kleinen Kreuzen auf Stirn, Mund und Brust - bekreuzigte und
das gelernte Sprüchlein flüsterte: Im Namen des Vaters und des
Sohnes und des Hl. Geistes; komm lieber Herr Jesuchrist mit Deiner Hand
und führ mich an dem Himmelsband, und führ mich an das Himmelstor,
amen; im Namen des Vaters... Das Tischgebet sagte man stehend am gedeckten
Tisch auf, und Vater oder Mutter beteten vor: Im Namen des Vaters... Gott,
von dem wir alles haben, wir preisen Dich für Deine Gaben; speist
uns weil uns liebst, segne was uns gibst, amen; im Namen des Vaters...
Bei allen anderen Gebeten tagsüber, z.B. wenn man das Sterbens- oder
Sturmglöckchen hörte, wurde das Vaterunser nach dem Kreuzzeichen
so schnell wie möglich hergesagt (darum, weil man es am besten auswendig
wusste und weil es ja keine so strenge Pflicht war, wie die Hausgebete),
und nach dem Vaterunser wurde noch ein Sprüchlein für den Anlass
gesagt: Herr, gib ihm die ewige Ruhe oder Herr nimm den Hagel (Schloosa),
den Sturm und das Hochwasser von uns und unserem Feld... Der Gebetssatz
beim Sterbensglöckchen war immer gleich und ist auf hochdeutsch gesagt
worden, während der beim schlimmen Hagelwind oder Sommerregen, der
die Fechsung hätte vernichten können, verschieden und im Dialekt
gesagt werden konnte. Überhaupt konnten sich fromm erzogene Kinder
schon viele eigene Gebete ausdenken: Wenn sie schlechte Zeugnisse hatten,
zu spät am Abend noch unterwegs waren oder was verloren hatten -
ein eigenes, ruhig und fromm hergesagtes Gebet zum Schutzengel oder Hl.
Antonius hat in dem Spezialfall sicher schneller geholfen, als ein heruntergehaspeltes
Vaterunser oder gar gebetloses, nervöses Herumhuddeln.
1.8 Schimpfen und Fluchen
Glauben und Aberglauben hielten unsere Menschen so fest im Griff, daß
sie weder in Gedanken noch in Wirklichkeit zu bösen Ausdrücken
in der Lage waren. Stellt man die frommen Ausdrücke neben die bösen,
so zeigt sich ein Verhältnis, als ob die Alpen neben den Buchenwaldhügeln
stünden. War man auf sich oder andere böse, machte man sich
schneller mit einem Schimpfwort, als mit einem Fluch Luft.
1.8.1 Schimpfwörter
An oft gebrauchten Schimpfwörtern kann man (mundartlich) aufzählen:
Aff, Affaarsch, Affamichl, aldr oder wiedichr (tollwütiger) Hund,
Arschleckr, Brillaschlanga, Dackl, Dusl, Dummrjan, Duppl (Begriffstutziger),
Eelgetz (Ölgötze), Elendichr, Ewrzoh (vorstehender Zahn), Farz,
Faulpelz, Fledrwisch (Oberflächlicher), Feegr, Feegnescht, Farz (Furz),
Fiedl (Fürzchen), Fiedlhans, Fratz, Fratschlweib (Hausiererin), Fuchtl
(Unausstehliche), Gacksr (Stotterer), Gaffr, Gockl, Grasaff, Grifflspitzr,
Growian, Großkotz, Hallodri (Leichtlebiger), Halbarsch (Unmännlicher),
Hamball (Naiver), Himmlkuckr (Träumer), Hemdlungr (Langschläfer),
Hosalottra (alter Angeber), Hosafarzr, Hurabock, Ichmensch, Iwrkandidltr
(Spinner), Jammrlappa, Knallkopp, Knallarsch, Knausra, Krippl, Kwacksalwr
(anmaßender Heilkundler), Kwecksilwr (ohne Sitzleder), Lackaff,
Loomarsch, Laale (beides Lahmarsch), Laschtr, Laatschamichl (beide Leichtlebige),
Liedrichr, Ludrian (männliches Luder), Lugabeitl, Lugahamml, Lulatsch
(Grobschlächtiger), Limml, Lump, Lumpahund, Luudr, Luudrjan, Maulesl,
Maulaff (Gaffer), Mensch, Mollakopp (Kaulquappe), Muli, Muschtr (Muster
= diszmadár), Nackarsch, Neschthockr (Muttersöhnchen), Nicksnutz,
Pangrt (beide schlecht erzogen), Paplarsch (Schwätzer), Pauralimml
(dummer Bauer), Pettprunsr, Pettsajchr (beide Unreife), Putzamann (Hampelmann),
Pechhamml (Unglücksrabe), Pillatrehr (kleinlicher Intelligenzler),
Plapprtasch, Ploggeischt (auf die Nerven Gehender), Rappl (Überlauter),
Rindviech, Rinozaroß, Rippl, Ruppl (beide Ungehobelte), Rotznaas,
Rotzbeitl, Rotzleffl, Saufprudr, Sauhund, Saumaaga, Sauhaafa (alle Unflätige),
Schandfleck, Scheeraschleifr, Scheißr, Scheiß, Schlampr, Schmarotzr,
Schnapsnaas, Schnapsdrossl, Schussl, Schlawienr (Unzuverlässiger),
Schludra (Oberflächlicher), Schnalla (Leichtlebige), Schindr (Tierquähler),
Schuhputzr (Unwürdiger), Sajchr (Bettnässer), Simpl, Speckprudr
(Hausierer), Spitz (Hundenatur), Stoffl, Stritzi, Stroßafegr, Stuwahockr,
Tapptrei (Ungeschickter), Treckspatz, Tattarich (Dattergreis), Tataar
(Rohling), Teiflsbroota, Teiflsbruut, Tollpatsch, Trampl, Traanfusl (Langsamer),
Trutschl (kleine Drudenhexe), Tirk, Urschl oder Wurschtl (Huddeler), Vierlefanz
(Oberflächlicher), Wusl, Wutzl (Dreckschweinchen), Wutz, Zarniegl,
Zottl (unschön Gekleideter), Zunsl und Zuttl (Schlampige).
1.8.2 Fluchwörter
Beim Fluchen unterschieden wir uns von unseren Nachbarnationen,
ließen uns aber auch anstecken. Sie hatten im Zorn auch vor dem
größten Hochheiligen keinen Respekt und zogen auch mal die
Eltern, vor allem die Mutter in den tiefsten Schmutz, während wir
uns meistens am Himmel - als dem Wettermacher - versündigten. Mein
Vater fluchte nur in größtem Zorn ungarisch oder raitzisch.
Sonst waren auf schwäbisch seine bekanntesten Flüche: Himml
nochmol, Himmel und Hell, Herrgott nochmol, vrdammt nochmol, Krutzitirk,
Sakratirk, dr Teifel soll s hola, Teifl nochmol, leck mich am A., tu kansch
mich mol, tes kann mich mol, jetz hep ich tie Naas voll.
1.9 Nacktheit und Religion
Einen nackten erwachsenen Menschen anzuschauen war eine Sünde, die
man, wenn es mal doch zufällig vorkam, bald beichten musste. Sich
selbst schaute man nie im großen Spiegel an, weil man selten in
die Vorderstube zum dreiflügeligen Spiegel kam und weil man meinte,
dass das Anschauen der kleinen, kindlichen Geschlechtsteile auch schon
kleine Sünden wären, die zu großen zusammengezählt
werden könnten. An diesen strengen Vorstellungen war das Sechste
Gebot schuld, demnach man keine Unkeuschheit treiben durfte. Mit der ersten
Beichte und Kommunion versprach man dem Herrgott und Pfarrer für
alle Zeit, dass man die Zehn Gebote einhalten wird. Nur das vollständige
Einhalten konnte einen von der Hölle befreien, in welcher schon viele
Sünder und Heiden schmorten. Je nachdem, wie viel man als Kind von
den Heiligen Geboten nicht eingehalten hatte oder vergessen hat die Verfehlungen
zu beichten, musste man mit einem kürzeren oder längeren Aufenthalt
im Fegefeuer rechnen.
Nacktheit war die größte und schlimmste Versuchung zu einer
ganzen Reihe von Sünden: denken an etwas Verbotenes, spielen mit
was Verbotenem und verführen zu was Verbotenem. Die Verbindung von
Nacktheit mit der Religion wurde im Kindesalter von den Eltern, Lehrern
und Pfarrern so fest zusammengeknüpft, das sie ein ganzes Leben lang
hielt. Selten zogen sich fremde Erwachsene voreinander nackt aus, und
Verwandte oder Verheiratete machten es auch nur in Dunkelheit und Eile;
Soldaten nur, wenn es sein musste, wenn es der Doktor oder Hauptmann befahl.
Noch strenger verboten als das Ausziehen, war das Berühren von einander.
1.10 Organe - Körperteile
Wie wenig man sich mit den menschlichen Organen und Körperteilen
beschäftigte, zeigt die Tatsache, dass sie kaum mundartliche Benennungen
haben. Dass man Organe, innere und äußere hatte, begriff man
erst, wenn sie weh taten: Es schmerzte hier oder da. Der Kopf hieß
– wenn er groß war – Mollakopp (Kaulquapenk.), doch
dass verschieden große Köpfe auch verschiedene Gehirne und
Auffassungsgaben hatten, war einem egal. Eine hohe Stirn war eine Weißheitsstirn,
Krähenfüße hießen Weißheitsecken. Die Nase
konnte eine Himmelfahrts- oder Krumbierennase sein, die Ohren Schlapp-
oder Eselsohren, der Hals hatte ein Weihwasserkesselchen, wenn er eingefallen
war, usw. Mit den Organen verband man mehr volkstümliche, überkommene
Begriffe und weniger medizinische oder anatomische Funktionen.
1.10.1 Geschlechtsteile
Beim Unterleib und den Geschlechtsteilen kamen mundartliche Ausdrücke
ins Spiel. Das Brunzen erledigte das Brunzloch – Brunzlächl
- und der Pimmel oder Spatz, beim Kind das Pischl oder Spätzl. Ansonsten
wurden die biologischen Funktionen mit den gleichen Organnamen verbunden,
wie im Hochdeutschen.
Grundsätzlich war es eine Sünde, eigene oder fremde Geschlechtsteilen
zu berühren, außer man half einem Kleinkind beim Wasserlassen.
Küsse auf die Backe und streicheln eines ungeschlechtlichen Körperteils
durften nur Versprochene (Verlobte) tun und nahe Verwandte, wenn sie es
zum Trösten oder Aufmuntern machen mussten. Einen Zungenkuss durften
sich nicht einmal Erwachsene und Verheiratete geben. Mancher scheinbare
Mangel an Zärtlichkeit war dennoch nicht so schlimm, weil Verheiratete
ein ganzes Leben lang nebeneinander im gleichen Bett schliefen, dort wo
der Strohsack bald nach dem Schlafengehen in der Mitte einen kleinen Graben
kriegte und das Paar, ob es wollte oder nicht, ganz nahe zusammenrutschte.
2 WERDEN UND VERGEHEN
Im Rückblick scheint das Lebensbild der Ahnen-Generationen eine immerwährend
gleichbleibende Linie zu bilden. Oberflächlich betrachtet ziehen
sich die familiären Ereignisse, Feste und Bräuche wie ein gerader
Schienenstrang vom Jetzt in die Vergangenheit, wo sie als Punkt in der
Ferne verschwinden. Die Wirklichkeit, wie sie z.B. in den Matrikelbüchern
leicht einzusehen ist, lehrt uns aber, dass sich selten die Familiengeschichte
,harmonisch’ entwickelte. Denken wir nur an die hohe Sterblichkeit,
die Halb- oder Vollwaisen, Wiederverheiratungen, die Gründungen neuer
Familien und Wohnungswechsel in der Folge hatten, dann gab es wirtschaftliche
Notfälle, Kriege, Seuchen u.a., die oft zu Ruin und Entwurzelung
führten, oder gab es einfach uneheliche Beziehungen, die eine Kontinuität
in der amtlichen Registrierung unmöglich machten. Kurzum alles Faktoren,
die der nachfolgenden Aufzählung keine selbstverständliche Folge
erlaubten. Lediglich die Tatsache, dass die Ereignisse so stattfanden,
kann mit einem hohen Grad an Gewissheit festgehalten werden.
2.1 Geburt
In einer aufklärungslosen Zeit, wie der damaligen, war die Geburt
für Mutter und Kind eine Sache auf Leben und Tod. So wenig eine Schwangere
in hohen Umständen auf sich Acht gab und bis zuletzt arbeitete, so
ernst nahm sie das Liegenbleiben nach der Niederkunft. Nur wenn eine Frau
schon mehrere Kinder auf die Welt gebracht hatte, war kein Mensch um sie
herum aufgeregt, wenn es noch einmal losging. Bei ihr rief man ebenso
nach der Hebamme, wie bei jüngsten Schwangeren. Nur wenn es Komplikationen
gab, wurde ein Arzt gerufen. Bis vor dem Zweiten Weltkrieg hatte keine
gesunde Frau im Krankenhaus ihre Niederkunft. Männer und Kinder wurden
weg- oder fortgeschickt oder -gebracht; die ersteren, weil sie sowieso
nicht hätten helfen konnten, die letzteren, weil sie ja an den Storch
glaubten, der nur dann in Ruhe nach dem richtigen Schornstein suchen konnte,
wenn es im Hause ruhig war und er nicht gestört wurde.
Zur Niederkunft war kochendes Wasser aufgesetzt, für die Hebamme
sind weiße Leintücher und saubere Handtücher aus feinstem
Leinen bei der Hand gewesen. Die Schwangere lag in ihrem gewöhnlichen
Bett in der Vorderküche oder Mittelstube und betete, dass alles gut
geht. Die Hebamme und ein älteres Weib halfen bei der Niederkunft,
so dass alles schnell nach der Geburtsregel und auf’s Wort ging.
Gleich als das Kleine auf der Welt war, wurde es warm durch einen Klaps
oder Schubs zum ersten Luftholen angeregt, abgewaschen, und es wurde ihm
der Nabel von der Hebamme mit einer abgekochten Schere abgeschnitten und
verbunden. War die Nachgeburt vorbei, bekam die Wöchnerin das Kleine
zu sich ins Bett und versuchte ihm die Brust (s Tuttl zum Tuttla) zu geben.
Danach legte man es in die Familienwiege, seltener in einen geflochtenen
Kinderwagen oder Wäschekorb.
Buben schätzte man mehr. Bei ihrer Geburt zahlte der Vater Aldumasch
(gab einen aus) an alle, die gerade im Haus waren. Danach wurden die Paten
verständigt, der Kumma/Pate bzw. Geet und die Goodl. Sie redete man
mit Ihr an, und sie waren in den ersten vier Wochen die wichtigsten Besucher
der Wöchnerin, weil sie ihr in dieser Zeit das Beste zu essen und
trinken brachten. Die Kindsmutter blieb mindestens eine Woche im Bett,
doch so lange sie mit dem Kind im Kindbett war - zwischen einer und vier
Wochen - sah man nicht gerne fremden Besuch bei ihr. Für den Fall,
dass man ihn nicht vermeiden konnte, wurde ein Drudenfuß neben die
Eingangstüre gemalt. Abends, bei künstlichem Licht, durfte man
die Wöchnerin auf keinen Fall mehr besuchen. Brot sollte die Bettlegerige
nicht essen, sonst hätte sie ihren dicken Bauch behalten. War die
Brust der Wöchnerin geschwollen und gab keine Milch, so meinte man,
dass sie von der Drude besucht und ausgesaugt worden ist.
2.2 Kindstaufe
Sie wurde so bald als möglich in der Kirche gemacht; nur
wenn das Kind nicht gesund auf die Welt kam, machte man gleich nach der
Geburt eine Nottaufe zuhause. Wenn die Paten zur Taufe das Kind aus dem
Hause trugen, sagten sie: Jetzt nehmen wir Euch einen Heiden und bringen
Euch einen Christen. Bei der Taufe waren meistens der Kindsvater und die
Geschwister dabei. Das Taufpolster war so von allen Seiten zugemacht,
daß das Kleine keinen Zug bekam, und es hatte über dem Gesicht
eine leichte Schleier- oder Windeldecke. Nur in den letzten vier Jahren
wurde mit der Taufe Politik gemacht, so, daß vom Kulturbund (in
der besetzten Batschka nannten wir so auch den Volksbund) zwei Frauen
mit einem arischen Taufband voll hochdeutscher Namen dabei standen; bekam
das Taufkind auch so einen arischen Namen, war dieser bereits auf dem
Taufband eingestickt. (z.B. legte man nachweislich bei Adam, Josef und
Jakob im Jahre 1942 in unserem Oberbatschkaer Dorf keinen Wert aufs Einsticken).
Kindlmahl: Das gab es nach der Taufe bei den Eltern des Täuflings.
Das war ein Festessen mit drei-vier Gängen und Kuchen hinterher,
wie an größeren Feiertagen, an Kirchweih oder seltenen Verwandtenbesuchen.
Viel durfte die Wöchnerin da nicht mitessen. Als Taufgeschenk bekam
das Taufkind von den Eltern meistens Wertsachen oder Familienstücke:
Gold- und Silberstücke, Schmuck, Porzellan oder auch mal, wenn der
Vater ein stolzer Pferdenarr war, ein schönes Fohlen. Von den Paten
gab es meistens Geld, Anteilsscheine oder eine Aussteuerversicherung.
Die Großeltern und Geschwister gaben nur in 'besseren Häusern'
ein eigenes Geschenk mit einem langen Wert, aber ganz sicher immer ein
selbstgemachtes Spielzeug oder eine Handarbeit.
Kinderwagen: Zum Herumfahren des Kleinen im Hause oder auf der Gasse
gab es geflochtene Rutenwagen, die, je nach Preis, einfache ovale Henkelkörbe
auf ca. halbmeter großen Rädern waren oder modische aus feinen
Naturruten, mit einem Harmonikahimmel. Ein Elternpaar fuhr früher
alle seine Kleinkinder im gleichen Wagen aus; erst ab den Dreißigern
gab es mal was Neumodisches zum vorzeigen.
Hygiene der Wöchnerin: Auf Sauberkeit wurde ebenso bei der Wöchnerin
wie beim Kind geachtet: Die Mutter wechselte jeden Tag die Unterwäsche
und rieb sich an den Schweißstellen mit Seifenwasser ab, das Kleine
wurde in einer größeren Waschschüssel (Lawur) mit Warmwasser
und Seife überall gewaschen. Puder und Hautkreme sorgten dafür,
dass es zwischen den Schenkeln nicht so schnell wund wurde. An Windeln
gab es zweierlei: feine aus Baumwolle, als Innenwindel und gröbere
aus weißer, dünner Leinwand, als Außenwindel, die so
groß war, dass man sie um das Kind wickeln und vorne zubinden konnte.
Je nachdem wie kalt es war, band man um alles noch ein Wolltuch. Für
die Wiege gab es eine Kindertuchend und für sonntags ein Spitzentüchel
über den ganzen Kinderwagen.
Die Hebamme: Die Arbeit der gelernten und staatlich geprüften Geburtshelferin
war erledigt, sobald die Wöchnerin aufstehen und das Kleine allein
versorgen konnte. Für die Geburtshilfe hat das Wöchnerhaus den
Lohn in Geld oder Lebensmittel, wie Weizen oder Kartoffel an die Hebamme
gezahlt. Ausnahme dabei war die Geburt einer armen Halbwaise, wo sie umsonst
half; ebenso wie dies das evtl. notewendige Krankenhaus tat, wo das Waisen-
oder Stiefkind, aber auch das Findelkind ärztlich versorgt wurde
und die Menschen aus dem Gemeindehaus die Sorge hatten, bis Zieheltern
oder ein Platz im Findelhaus eingerichtet war. Wie hoch das Einkommen
der Hebamme gewöhnlich war, kann man an der Einwohnerzahl ungefähr
abschätzen, welche sie im Dorf oder in der Stadt versorgte. Wenn
man z.B. Bereg und Baja betrachtet, so waren es hier 2 auf 2500 Menschen
und dort 10 auf ca. 30 tausend Einwohner (im Jahr 1930). Trotz aller Mühe
der Hebammen, die in größeren Dörfern oder Städten
von Ärzten unterstützt wurden, war die Kindersterblichkeit noch
bis in die Dreißiger recht groß. Sobald man das Sterbeglöckchen
hörte, sagte man sich: Das geht zurück in Abrahams Schoß,
woher es hergekommen ist; Herr gib ihm die ewige Glückseeligkeit;
das Kleine ist nur unter dem Schurz versteckt, es kommt bald wieder zurück...
An einer Aufstellung, z. B. von Baja kann man sehen, dass die Kleinstkinder
bis zwei Jahre 5,2% von den Gesamteinwohnern ausmachten, Alte über
dem sechzigsten Lebensjahr aber 11,3%; bis zum zehnten Jahr gab es jeweils
ca. 1,5% Kinder, danach stieg die Zahl bis zum Vierzehnten etwa auf jährlich
1,8%, um bis neunzehn auf 2% zu kommen. Nur alle Kinder bis zwanzig Jahre
konnten die Alten über vierzig überrunden. Weil diese Übersicht
(von Rabcsányi Jakab in Bajai Kronikája, 1934) im Vergleich
mit den Dörfern noch recht günstig ist, soll sie noch mal im
Detail aufgereiht werden: 0-2 J. 1454/5,2% - 3-5 J. 1530/5,5% - 6-9 J.
1790/6,4% - 10-11 J. 992/3,6% - 12-14 J. 780/2,8% - 15-19 J. 2700/9,7%
- 20-29 J. 5281/18,9% - 30-39 J. 4060/14,5% - 40-49 J. 3435/12,3% - 50-59
J. 2745/9,8% - über 60 J. 3159/11,3%.
2.3 Kindheit
Das war die Zeit des Laufen- und Plappernlernens, wo das Kleine die Familie
und Eltern und auch die ganze Kinderwelt kennen lernte. Wenn es saß
und krabbelte, musste es zum eigenen Schutz in den Sitzstall, und wenn
es da drinnen aufstehen und laufen wollte, tat man es in ein Laufgestell.
Das eine war einen halben Meter hoch, ca. einen Quadrat groß und
viereckig, oben und unten aus fein gehobelten Leistenrahmen mit senkrechtem
Leistengitter, unter welchem eine Lumpendecke (gewebt aus Lumpenstreifen,
genannt Fetzatacka) ausgelegt war; das andere war ein ca. halbmeter großer,
doppelter Leistenrahmen, der bis zur Kinderschulter reichte und unten
vier Holzräder hatte. Hauptsächlich auf glatten Böden oder
im Gang wurde das Kleine in den Rahmen gesetzt, wo es sich hinaufzog und
nach allen Seiten schob.
In den meisten Fällen war jemand da zum Achtgeben, damit dem Kind
nichts passiert. Nur bei ganz armen Menschen, Tagelöhnern oder alleinstehenden
Müttern wurden Kleinkinder mit zur Arbeit genommen. Wenn die draußen
auf dem Felde war, kam es schon mal vor, dass man einen lebhaften Nachwuchs
auch mal an einen Baum band. Von den ungarischen Tagelöhner-Kindern
ist bekannt, dass sie von ihren Eltern, beim Arbeiten auf einem großen
Feld, zum eigenen Schutz, bis unter die Schultern in Sand eingegraben
wurden.
Als erstes Spielzeug bekamen die Kinder dieses Alters meistens selbstgemachte
Puppen, Bälle und Tiere aus Lumpen, Kürbisrappel, glänzendes
und spiegelndes Kleingeschirr, auf das sie mit Holzstückchen schlagen
konnten; es kam aber auch mal ein lebendes Haustier, ein Kätzchen
oder Hündchen zum Spielen in ihre Nähe, so dass sie auch mal
gebissen oder gekratzt wurden.
2.4 Kindergarten
Das wichtigste an dem ersten Lebensabschnitt war der Kindergarten,
der ab dem dritten oder vierten Jahr den Kinderalltag bestimmte. Sie war
keine Pflicht, aber wichtig für die spätere Schule, da man in
ihr den Umgang mit vielen anderen Kindern und eine Ordnung lernte, welche
jener in der Schule ähnlich war. So verschieden alle Kinder auch
waren, so ähnlich schienen sich die Kindergärtnerinnen (Owodanenis),
von denen es für jede Spielstube oder Kindergruppe (Kinnrhalt) je
eine gab. In den Kindergarten wurde man am Anfang von jemandem geführt,
später fand man alleine hin. Er dauerte drei Stunden vormittags und
drei nachmittags, und zuerst wurde jeden Tag etwas eingeübt und gelernt
und danach wurde gespielt. Die Lern- und Spielsachen wurden so ausgesucht,
dass man mit ihnen den Kinderverstand an nützliche Übungen und
Beschäftigungen gewöhnen konnte. Die Hausgröße ähnelte
jener der Schule, nur war die Einrichtung ärmer: Rundum ein paar
Regale (Stellasch) für die Spielsachen, genügend Hocker oder
Schemel und ein-zwei Pritschen, als Liegemöglichkeiten. Die damalige
Erziehung wurde noch nicht wegen Überlastung der Eltern in den Kindergarten
verlegt, denn unsere Großfamilien kannten daheim keinen Mangel an
Aufsicht. Als echte und notwendige Vorschule war der Kindergarten demnach
kein reines Vergnügen für die Kleinen. Die Schautafeln, Bauklötze,
das Malzeug und die Bilder- und Gesangbücher waren ernste Dinge,
die ein allgemeines Mitmachen und Aufräumen zur Pflicht machten.
Zum Waschen vor und nach dem Spiel gab es genug Waschzeug und für
die Not kleine Klosetts und Nachttöpfe.
2.5 Schule
Fast jedes Kindergartenkind hatte vor ihr Angst, weil sie sich
meistens dort abspielte, wo strengste Zucht und Ordnung von der Lehrerrute
ausgingen. Aus einem Spanischrohr gemacht und etwas kleiner als der Stiel
der Pferdepeitsche, lehnte sie krumm in der Klassenecke und wartete auf
ihren Einsatz. Der kam meist schon bald nach Aufstehen und Grüßen,
sobald der Lehrer oder die Lehrerin hereinkamen und, nach dem Schulgebet,
die Kinder ihre Hände herzeigen mussten. Sie waren natürlich
nicht immer sauber, und deswegen gab es gleich die erste Tagesration Brezel
mit der spanischen Rute. Fester sauste sie auf den angespannten Hosenboden,
wenn eine größere Strafe fällig war, z.B. wenn der Schuler
in der Stunde nicht Acht gab, spielte, zuviel redete oder von einer Hausaufgabe
überhaupt nichts vorzeigen konnte. Bei den Mädchen war es ähnlich,
nur dass die Rutenschläge nicht so weh taten.
2.5.1 Schularten
Als typisch für unsere Dörfer kann die Volksschule als Pflichtschule
(ab dem 6. im ungarischen und ab dem 7. im jugoslawischen Teil der Batschka)
gelten, wo der Kantorlehrer - Schulleiter - in der Schule seine Wohnung
hatte. Je nachdem, wie groß ein Dorf war, gab es reine oder gemischte
Klassen, solche, wo ein Jahrgang die ganze Klasse füllte und andere,
wo mehrere Jahrgänge zusammengelegt waren. Pflicht waren mindestens
vier Elementarklassen auf dem Dorf und sechs in den Städten und Großdörfern.
Dort konnte man auch, anstatt der fünften und sechsten Klasse, mindestens
zwei Jahre in die Bürgerschule gehen, oder für acht Jahre in
das Gymnasium. Das schloss man dann mit dem Abitur (Matura) ab. Bei der
vierjährigen Bürgerschule gab es ein Mittelschulzeugnis und
eine kleine Matura.
Außer diesen Schularten gab es noch in den Städten eine dreijährige
Fach- oder Gewerbeschule für Jungen und Mädchen, eine vierjährige
getrennte Lehrer- oder Kindergärtnerinnen-Schule, dann eine dreijährige
Handelsschule gemischt und eine ebenso lange Klosterschule für Mädchen,
in welcher Haushalts- und Erziehungsfächer wichtig waren. In allen
diesen Mittelschulen konnten Schüler aus umliegenden Dörfern
im Schulinternat schlafen, die Ortsansässigen übernachteten
daheim.
Für Lehrlinge gab es noch eine Wochen- und Samstagsschule, wo je
nach Beruf zwischen 7 und 22 Stunden pro Woche Ergänzungsfächer
zur Praxis dazukamen. Wie wenig Wert noch auf die Gewerbeschule gelegt
worden ist, zeigt ein Vergleich aus Baja, vom Jahre 1930, als von 2700
Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren (das waren 9,7% der Einwohner)
nur 51 männliche, 22 weibliche Fachschüler und 45 Handelsschüler
(0,42% der Erwachsenen oder 4,3% der Jugend) einen solchen Abschluss bekamen.
Nach der Übersicht aus Apatin, in der Ortsbiographie von Hans Jurg
aus 1940, gingen im Apatiner ländlichen Bezirk, mit 45.752 Einwohnern,
147 Lehrbuben (0,36%) und 5 Lehrmädchen in die Berufsschule.
Zwischen den Weltkriegen war es Brauch, dass alle Dörfler, die
es sich leisten konnten, ihre Kinder nach der vierten Elementarklasse
mindestens für zwei Jahre in eine Bürgerschule schickten und
in der Stadt wohnen ließen. Je nachdem, ob es eine deutsche Bürgerschule
- wie in Apatin - war, eine slawische - wie in Sombor oder Subotica -
oder ungarische - wie in Baja und Subotica (um bei der Oberbatschka zu
bleiben), schliefen unsere auswärtigen Schüler in solchen Privathäusern,
wo sie die Schulsprache zusätzlich von den Familienmitgliedern erlernen
konnten.
2.5.2 Lehrfächer
In den Elementarschulen - der jugoslawischen wie ungarischen Batschka
gleichermaßen – gab es: Muttersprache und/oder Landessprache,
Religion, Rechnen, Lesen, Schönschreiben, Geschichte, Erdkunde, Singen,
Malen, Handarbeit und Turnen. In der Mittelschule und im Gymnasium dazu
noch Geometrie, Arithmetik, Physik, Chemie und Biologie. Welche Rolle
die Religion z. B. nicht nur in den Klosterschulen im ungarischen Teil
(Baja) spielte, kann man daran sehen, dass auf elf Lehrer für Weltfächer
im Schnitt vier solche für Religion kamen. Die verschiedenen Religionen
- Römischkatholisch, Unitarisch/Lutherisch, Griechischorthodox, Griechischkatholisch,
Reformiert und Jüdisch - wurden für alle Kinder von eigenen
Pfarrern unterrichtet, auch wenn sie für eigene Schulen zu wenige
Kinder hatten. Der Religionsgröße nach (Baja 1930: R.Kath.
24.812/88,5%; Ref. 812/2,9%; Gr. Kath. 43/0,2%; Ev. 420/1,5%; Gr. Orth.
70/0,2%; Unit. 17/o,1%; Juden 113/0,4%; Sonstige. und Ungläubige
113/0,4%) hätten nur die Katholiken eigene Schulen haben können,
in Wirklichkeit hatten die Reformierten/Evangelischen und die Juden lange
Zeit für ihre Kinder ebenfalls eigene Elementar- und Mittel- oder
Bürgerschulen.
2.5.3 Deutsche Schulen
Wenn sie auch religiös meistens in getrennte Schulen gingen, so hatten
die Oberbatschkaer, genau wie alle Schwaben Ungarns, im Jahre 1941 (Wiener
Schiedsspruch) eigene Schulen bekommen. Die Trennung zwischen den Nationen
kann man am besten in Katschmar sehen, wo es 228 schwäbische, 118
ungarische und 136 bunjewazische/slawische Schüler in drei eigenen
Schulen gab. Auffällig in der Namensliste der Lehrer aus dieser Zeit,
ist, dass nur ein-zwei keine ungarischen Namen hatten. So war es staatlicherseits
sichergestellt, dass man in den deutschen und slawischen Klassen mehr
die ungarische als andere Sprachen im Unterricht benutzte.
2.5.4 Schulausrüstung
Ausgerüstet war man als Erstklässler in der Elementarschule
nur mit Griffel, Schiefertafel und Schwamm. Gegen Ende des ersten Jahres
kamen noch ein Linien- und Viereck-/Kozka/-heft, Bleistift und Speckgummi
und eine 'Rechenmaschine' dazu. Letzteres bestand aus 10 mal 10 Kugeln,
verschiebbar auf einem holzumrahmten Drahtgitter. Die Zweitklässler
hatten keine Tafel mehr, dazu ist bei ihnen zum Bleistift ein Tintenglas
und eine Redisfeder mit Stiel dazugekommen, die man zum Schönschreiben
brauchte. Für das Diktat, Rechnen und Malen nahm man den Bleistift
und noch ein paar farbige Malstifte. Die Patzer beim Schreiben und Malen
kamen vom Speckgummi, der seinen Namen vom fetten Schmieren hatte. Das
erste Lesebuch bekamen wir in der zweiten Hälfte der ersten Klasse
und brauchten es bis zur dritten; für die vierte bis sechste gab
es ein neues. Ein Rechenbuch reichte für die gesamte Elementarzeit.
Weiter gab es noch in den höheren Klassen ein Geschichts- und Erdkundebuch.
In der Mittelschule und im Gymnasium noch je ein Buch für Biologie,
Körper- und Pflanzenlehre, Physik und Chemie.
2.5.5 Schulgebühren
Für die Pflichtschulen und alle öffentlichen musste man nichts
zahlen. Die Bücher kaufte man oder, wenn man zu arm dazu war, man
bekam sie geliehen. Kloster- und Heimschulen kosteten die reichen Kinder
etwas, arme mussten nichts bezahlen und die besten Schüler auch nicht
viel. Wie gut die Schüler im Schnitt waren, kann man aus einer Übersicht
aus dem Jahre 1933 sehen, wo von 144 Lehreranwärterinnen in Baja
140 ein sehr gutes und 4 ein gutes Benehmen hatten; und in den Lehrfächern
hatten 55 ausgezeichnete, 18 sehr gute, 23 gute und 48 ausreichende Prüfungsnoten;
durchgefallen ist keine.
2.5.6 Bestrafung
Das Durchfallen war eine Strafart der Elementarschule, die oft eingesetzt
wurde. Meistens haben die Schüler, welche daheim in schlechten Verhältnissen
lebten, auch in der Schule die Schattenseite gespürt und wurden mit
Brezeln, Strafarbeit und Zeugnis strenger vorgenommen. Selten fragte der
Lehrer, weshalb man die Hausaufgaben nicht gemacht hatte, wieso die Hände
schmutzig wären und warum man zu spät kam - er ließ das
Spanischrohr sausen und kritzelte das Klassenbuch voll, als ob er damit
die Verhältnisse des gestraften Kindes hätte verändern
können.
2.5.7 Schulferien
Die schönste Schulzeit war jene, die men außerhalb der Schule
verbrachte. Bei unseren heißen Sommern, sehr regnerischen Frühlingen
und Herbsten und bitterkalten Wintern, gab es für Freizeit und Schulferien
genügend Gelegenheit: Zweieinhalb Monate im Sommer - 15. Juni bis
1. September -, fast einen Monat an Weihnachten - von Martini bis Hl.
Dreikönig - und anderthalb Wochen an Ostern; dann noch mindestens
einen freien Tag an größeren kirchlichen Feiertagen - Christihimmelfahrt,
Pfingstmontag, Fronleichnam und Allerheiligen -, und noch die Staatsfeiertage,
jeweils des Landes, zu dem man als Batschkaer gerade dazugehörte
und noch wenn es wegen zu großer Kälte oder zu viel Regen keinen
Unterricht gab. Daheim blieb man außerdem bei wichtiger Feldarbeit
und wenn man krank war. Eine andere als wörtliche Entschuldigung
brauchte man nicht. Sonst gab es bei Schuleschwänzen nichts anderes
als Brezeln, was nach einem Tag vergessen war. Arme und kinderreiche Familien
ließen darüber hinaus die Schüler mit vielen anderen Ausreden
daheim. Mehr als Sitzen bleiben konnte ihnen auch nicht passieren. So
kam auch schon mal vor, dass Kinder innerhalb der 4 Pflichtklassen nur
eine oder zwei - oder auch mal gar keine - abschlossen und bald danach
wieder alles Gelernte verlernten, Analphabeten wurden oder blieben.
2.5.8 Bildungsstand
Der durchschnittliche Bildungsstand Anfang der Dreißiger kann anhand
einer Statistik aus der Nord-Batschka für unseren gesamten Zwischenstrombereich
abgeschätzt werden. Von untersuchten 27 935 Einwohnern, 13 196 männlichen
und 14 739 weiblichen, hatten 392 m. und 36 w. eine abgeschlossene Hochschule;
624 m. und 266 w. hatten eine abgeschlossene, 8-klassige Mittelschule;
229 m. und 156 w. hatten eine 6-klassige Mittelschulbildung; 2 332 m.
und 2 768 w. konnten 6 Elementarklassen vorweisen; und vier Elementarklassen
hatten 1 233 m. und 1 693 w. abgeschlossen; nur lesen und schreiben konnten
103 m und 159 w.; Analphabeten blieben 2 480 m. und 3333 w. - was einem
Prozentsatz von 18,8 m. und 22,6 w. entspricht. (Aus: Az oktatás
története in Bács-Kiskun Megye multjábol/ Geschichte
des Unterrichts in der Batschkaer Vergangenheit/ Band V, Kecskemet, 1983).
2.6 Jugendzeit
Ihren Beginn kann man gleich ab dem Schulabschluss ansetzen, der je nach
der Schulart, bei Elementar- oder Mittelschule, mal mit 12 J. und mal
mit 16 J. war. Noch ein Zeitmaßstab kann genauso gelten: Der vom
Arbeitsalter, das immer gleich nach der Schule begann. Es gab ärmere
Familien, die schon einen zwölfjährigen Lungen zu einem Bauern
als Knecht oder zu einem Meister als Lehrling geben musste, und bei Mädchen
war ein frühes Verdingen in einem guten Hause als Magd der Brauch.
So oder so, die Jugendzeit begann in unserem Leben mit Arbeit. Von einem
lustigen Schulbesuch oder fidelen Studium konnte bei unseren jungen Menschen
nie gesprochen werden. Am besten und ausgeglichensten war es, wenn die
Schul- und Arbeitspflicht bei den über 12 bis 16-jährigen in
einem guten Verhältnis zu einander standen. Dabei spielte die Kameradschaft
eine wichtige Rolle. Die brach bei denselben Jahrgängen über
die Schule hinaus nie ab; in besonderen Fällen hielt sie auch darüber
hinaus und bis zum Tode. Wer sich mit wem gut verstand, sah man schon
ab der ersten Klasse, und man konnte es über Jahre hinaus verfolgen.
2.6.1 Kameradschaft
Meistens bildeten 3 bis 5 junge Menschen eine Kameradschaft. Bei nur zwei
Kameraden redete man von einem Kameradenpaar oder Pärchen, auch wenn
es zwei Burschen oder Mädchen waren. Was über 5 - 6 hinausging,
war eine Kameradenhalt ('Halt' ist nur vage als ,Gruppe’ ins Hochdeutsch
zu übersetzen), und die Jungen aus einer ganzen Straße hatten
eine Kameradenreihe. Bei größeren Jungen und Mädchen,
ab 16 J., war die Reihe schon männlich und weiblich gemischt. Da
machte man sich schon gegenseitig den Hof, auch wenn noch keiner an Werbung
oder Versprechen dachte. Die Kameradschaft und Halt spielte sich in zwei
sozialen Kreisen ab, weil die Herkunft und das Vermögen es so bestimmten.
Bei der Reihe war es anders, weil diese von der Schulklasse ausging
und nicht so oft zusammenkam. Machs wie tie Leit, tann kehts tr a wie
tie Leit hieß eine bekannte Anstandsregel, mit der man die Jugend
zu anständigem Benehmen in der Öffentlichkeit lehrte. Eine Reihe,
Halt oder ein Paar passten nur dann zusammen, wenn die Öffentlichkeit,
tie anri Leit nicht dagegen waren. Was die Leute - als Nachbarsleute,
Gassenleute oder Dorfleute - guthießen, das war in Ordnung. Und
in einer solchen Ordnung durfte sich die Kameradschaft abspielen und austoben.
Die großen, d. h. erwachsenen Leute sorgten auch rechtzeitig für
eine sinnvolle Freizeit der Jugend. Weil sie selbst, wie schon ihre Eltern,
die Lebensart in jeder Richtung nach dem eigenen Stand ausrichteten, war
es nur klar, dass sich der Nachwuchs an die gleichen überkommenen
Grenzen halten musste.
2.6.2 Soziale und nationale Trennung
In den letzten zwanzig Jahren versuchte aber unsere Jugend eine Ausnahme
in der sozialen und nationale Trennung, und bis zum Zweiten Weltkrieg
wurde viel Überkommenes übergangen und überholt. Das hatte
man neuartigen Zusammenschlüssen zu verdanken, die von unzufriedenen
Eltern und Politikern ausgingen und die als Ersatz für viele vorherige
Vereine und Zusammenschlüsse ins Leben gerufen wurden: Dem Kulturbund
in der jugoslawischen und dem Volksbund in der ungarischen Batschka. Alle
beide waren gemischte Verbindungen von wirtschaftlichen, kulturellen und
politischen Interessen und führten unsere Menschen, vor allem die
Jugend, in nationaler - also deutscher – Hinsicht und ohne Sozialschranken
stärker zusammen. Was vordem ohne nationale Unterschiede von der
Dorfjugend gleich und miteinander gemacht wurde, konnte man im Kulturbund
und Volksbund nur als Deutscher tun. Hauptsächlich in gemischtnationalen
Dörfern wirkte sich das selten günstig für uns aus. Völkische
Lieder mit Marschieren, zum Teil in uniformierter Montur, Zusammenkünfte
mit Verherrlichung von allem, was aus Deutschland kam, und manchmal auch
um über andersartige Menschen als minderwertige Nichtarier herzuziehen.
Das konnte nicht lange gut gehen. Als schließlich die nationale
Trennung dann im Zweiten Weltkrieg (im jugoslawischen Teil!) so weit führte,
dass ehemalige Kameraden gegeneinander kämpfen mussten, dann war
das gute Schicksal überfordert und ließ uns im Stich.
2.6.3 Kulturelle Zusammenkünfte
Wenn man das traurige Kapitel aber nicht zu Ende denkt, kann
man den Kultur- und Volksbund gleichermaßen, ebenso wie alle anderen
Vereine sehen, welche die jungen und älteren Menschen in einem Saal
einer Wirtschaft zusammenbrachten. Mindestens einmal pro Woche kam man
so oder so in den Lokalen zusammen und vergnügte sich. So lange sich
die Politiker und Lokalpatrioten nicht zu sehr einmischten, hat die Jugend
nur getanzt, die Älteren spielten nur Karten und alle zusammen tranken
ein gutes Gläschen: Hier Krachel/Sprudel oder ein Selters, dort ein
Bier oder Spritzer (Wein mit Soda) und einen Weißen oder Roten.
In größeren deutschen Dörfern gab es auch schon Kulturhäuser,
wo man nützliche Vorträge und schöne Veranstaltungen besuchte
oder sich ein gutes Buch auslieh. In den Dreißigern waren Gesellen-
und Bauernvereine auch noch am Leben, wo die Vereinsfahne und traditionelle
Satzungen noch üblich waren. An größeren Feiertagen kam
es vor, dass die Vereine besser besucht waren als der Kultur- und Volksbund.
Erst mitten im Krieg, als schon viel Jugend an der Front war und es auch
im Dorf keinen Frieden mehr gab, ließen die Bünde keine andere
Vereinsarbeit mehr zu. Dort wo sich diese mit Gewalt - wie z.B. bei den
christlichen Jugendvereinen - behaupten wollten, kam es schon mal zu Hetzen
und Schlägereien.
2.6.4 Jugend am Feiertag
Wenn man unsere Jugend im Frieden sieht, sieht man sie am Sonntag ganz
vorne in der Kirche und danach bei einem Plausch auf dem Kirchplatz, wo
sie sich für den Nachmittag was vornahm: Ein Fußballspiel,
eine Ruderpartie, Kegeln, Angeln (pecázni), oder, bei ganz schönem
Wetter, eine Wanderung mit Speck- und Kartoffelbraten in der Csárda.
Osterwandern, Majalus, Pfingstreiten, Schnittertanz am Erntefest und Ausfahrt
mit dem Paradewagen oder -schlitten , das waren alles unvergessliche Jugendvergnügungen
an Tagen, als man christlich und weltlich feierte und um nichts in der
Welt gearbeitet hätte.
2.7 Die Liebe
Kha Khola, kha Feiar kann prenna so haaß, wie tie hoomlichi Lieb,
vun ter niemand niks waaß. Meist fing heimlich an, was später
unheimlich wurde. Nur das was die Leute von Anfang an sahen und für
gut und schön bei einer Liebschaft befanden, hatte Bestand. Zusammenpassen
mussten die Jungen, dann waren auch die Eltern zufrieden und zeigten es
allen Menschen: Mit gegenseitigen Einladungen der Paareltern, öffentlichem
Reden über die Aussteuer und manchem Benehmen in Richtung der Verliebten,
welches sie noch näher zusammenbrachte. Nur was die Eltern guthießen,
war vor Gott und der Welt gut. Am besten war, wenn Sach zu Sach und Joch
zu Joch kamen. Scheeheit war vrgänglich; s Keld traus - dr Narr im
Haus; Keld macht net klicklich, awr s beruicht...
2.7.1 Liebesausdrücke
In der Liebschaft und Familie gab es eine lange Reihe davon, die häufigsten
waren: Mei Engl, mei Engili, mei Seel, mei Schatz, Schatzl, mei Herz,
mei Augappl / Augalicht (so meine Oma, als ihre Sehkraft nachließ),
mei Liewr, mei Spatz, mei Matzl, mei Poppl, mei Rotznäsl, mei Krosr,
mei Muschtr, mei Laschtr, mei O-un-Allas ...
2.7.2 Ideales Pärchen
Er achtzehn, sie fünfzehn Jahre alt, aus gleichem oder ähnlich
großem Hausstand, mit ähnlich großer und einträglicher
Wirtschaft. Der Geselle oder Angestellte aus dem elterlichen Betrieb konnte
nur dann um die Meister- oder Kaufmannstochter werben (ohalda/anhalten),
wenn seine Eltern auch reich waren und er auch ein eigenes Geschäft
aufmachen konnte. Nur bei einzigen Kindern hatte die Liebe das letzte
Wort und gab auch mal einem armen, fleißigen Burschen aus dem väterlichen
Betrieb den Vortritt vor einem faulen, reichen Nachbarssohn. Zuerst gingen
Verliebte nur am Feiertag-Nachmittag zusammen, abends nicht, und nachts
war es eine - lässliche (bereubare) - Sünde. Der Bursche besuchte
sein Mädchen nur, wenn es den Mädcheneltern recht war und aus
der Familie jemand Zeit hatte oder vorbereitet war, in der Nähe zu
sein, um zu sehen und zu hören, was die Jungen machten. Für
alle war es das Beste, wenn sich der Bursche im Hause des Mädchens
nützlich machte, und noch besser war es, wenn ihm das Mädchen
dabei half. Beim Fortgehen irgendwohin zu Besuch, konnten sich die beiden
schon mal bei der Hand halten. Aber zum Tanzen ging die Mutter zwischen
ihnen und ließ die Tochter den ganzen Abend nicht aus den Augen.
Ebenso war es beim Heimgehen um Mitternacht. Da gab es kein Streicheln
oder Küssen. Das kam alles nach einem Jahr, als die für alle
Welt sichtbare Werbung begann.
2.8 Werbung
Wer tie Jung will, muß dr Alda schee tuu; s muß kheirat sei,
weil wann onr o Schuh ohot pleibt r oschichtich; bei auswertigen Werbern
hieß es: tie preichta net kumma, wu Nussa sinn, sinn a Priegl, usw.
Gar viele Sprüche machte man auf die Werbung. Alle zusammen kann
man auf den gleichen Nenner bringen, wie er schon bei der schönen
Liebschaft galt: Was tie Eldra un tie Leit kfalla hot, war kud un schee.
Daß nicht alle Liebschaften zur Werbung führten, ist klar,
weil oft etwas dazwischen kam: Andere Burschen oder Mädchen, bessere
Gelegenheiten, Krankheiten, Soldatenzeit, Wegziehen, die Walz oder gar
der Tod. Das alles war aber nicht so schlimm, wie wenn eine vollzogene
Werbung nicht zum Versprechen/Verloben führte.
2.8.1 Angenommene Werbung
Obwohl noch nicht verlobt (versprochen) legte sich das Mädchen bei
einer angenommenen Werbung auf den Werber fest, trug von ihm ein sichtbares
Schmuckstück und stand auch mal allein mit ihm vor dem Tor, bis es
stockdunkel wurde. Die Mutter horchte hinter dem Tor, bis es Zeit wurde
zum Reingehen - ungefähr nach dem unverständlichen Wispern und
dem ersten längeren Kuss. Das war auf den kleineren Heidedörfern
so, in den größeren an der Donau oder Theiß, wo die Jugend
schon mal an einem sonnigen Feiertag hinaus auf das Wasser und zu einem
heimlichen Plätzchen ruderte, konnte die Mutter die Küsse nicht
mehr zählen. Da kam auch schon mal mehr vor. Überhaupt in einem
heißen Sommer, wenn das lange Baden müde machte und man sich
in einer Sandbucht gemeinsam ausruhte.
2.8.2 Misslungene Werbung
Gab es bei der Werbung keine feste Einigung, in Bezug auf eine baldige
Verlobung, oder ging man gar wieder auseinander, so konnten sich die Eltern
des Paares öffentlich trösten: Mir schmeißa unsr Kint
niemand noch; was net is, wert schun noch wera; anri Eltra henn a scheeni
Puuwa (odr Madl). Die Eltern des Mädchens machten sich heimlich dennoch
Sorgen, dass ihre Tochter zur ,alten Jungfrau’ würde, und die
des Burschen hatten mehr oder minder Angst, dass ihr Sohn ein leichtes
Leben beginnen würde. Für beide Elternpaare war es das Beste,
wenn bald wieder die Kupplerin (Kopplmottr) in Aktion trat. und für
das verlassene Mädchen – oder den abgelehnten Burschen –
eine neue Partie suchen. Weil sich bald ein neue einfinden konnte, war
die misslungene Werbung nichts endgültig Schlimmes. Und wenn es mit
dem neuen Werbe-Versuch auch nichts wurde, kam eben ein weiterer... pis
tes Hefili sei Teckili kfunda hot. Ledig blieb selten eine oder einer
nur deshalb, weil es beim erstenmal nicht klappte. Ledige gab es mehr
unter den Burschen, als unter den Mädchen, und der Grund war oft
derselbe, wie heutzutage: zu wenige Mädchen, zu viel Arbeit, mehr
Auskommens- als Heiratssorgen, immer zu spät und zu lahm ans Suchen
gegangen oder einfach kein Interesse am anderen Geschlecht.
2.8.3 Die Kupplerin
War der Wille da aber die Gelegenheit nicht, so gab es ein fast sicheres
Mittel zum Heiraten, die Kupplerin. Sie gab es in einem Dorf mindestens
einmal hauptberuflich für alle und noch mal in der Verwandtschaft
für die Nächsten, als Freundschaftskupplerin. Wenn die Kupplerin
eine Kuppelei vorhatte, hängte sie ihren roten Tschurak (ärmelloser
Umhang) um und ließ sich mit ihm in der Kirche oder/und auf der
Gasse sehen. Dann wussten alle Leute, dass sie einen Auftrag hatte, einen
Burschen oder ein Mädchen zum Heiraten zu finden. Schon beim Auftrag
bekam sie ungefähr gesagt, wer in Frage kommen könnte, und sie
hat es auch gleich bei Dem- oder Derjenigen versucht. Wenn man sie in
ihrem roten Umhängetuch kommen sah, wusste man, was sie will. Nach
einer kurzen Bewirtung mit einem Schluck Wein, kam sie auf die Kuppelwerbung:
Sie hätte da jemand... wüsste jemand ... reich oder im besten
Alter, usw. Zuerst staunten alle und leugneten, dass im Hause jemand heiraten
möchte, aber nach einer gemütlichen Stunde und gutem Zureden
wurde die Werbung ernst genommen, abgelehnt oder angenommen. Bei Annahme
hängte die Kupplerin ihren Tschurak verkehrt um, so dass alle Leute
an der schwarzen oder blauen Außenfarbe sahen, dass die Werbung
erfolgreich war. Bei keinem guten Ausgang, blieb der Tschurak außen
rot und die Kupplerin hat weiter, vielleicht in einem Nachbardorf, a kudi
Partie suchen müssen. War diese gefunden und beiden Seiten recht,
so kamen die Verkuppelten im Brauthaus zusammen und hielten bald die Verlobung.
2.9 Verlobung
Wann tu heirata wilsch, schau tier tie Mottr oo. Das Versprechen war eine
ernste, verlässliche Angelegenheit, weil es von den Brauteltern so
gesehen und festgelegt wurde für alle Zeit. Zuerst bekam die Zukünftige
von ihrem Zukünftigen vor ihren und seinen Angehörigen einen
Verlobungsring und einen Kuss, dann wurde angestoßen mit dem besten
Wein, und man begann über die Aussteuer zu sprechen. Unsr Puu kriegt
tes un tes Feld, tie un tie Roß odr Eirichtung far a Werkschtatt
- un unsram Madl kewa mr so-unso-viel Keld, tie pescht Milichkuh un varleifich
tie paar Joch tart... Beim Verlobungsfest (Vrsprechahalda) wurden am Abend
vor dem Brauthaus Spreu und Maisstängel ausgestreut, womit man darauf
hinwies, dass es hier mit dem Nestbau losgeht. Verlobte ließen sich
überall bereits wie Verheiratete sehen, was das öffentliche
Schmusen, Umarmen und Küssen angeht. Umgekehrt sah man sie als verlobt
an, wenn sie sich auf der Straße eng beieinander zeigten. Wegen
dieses Zustandes war die Verlobung für Verliebte die schönste
Zeit. Nur mussten sie vor dem nächsten Schritt aufpassen.
2.9.1 Verlobungsvertrag.
War der Bräutigam z.B. ein auswärtiger Staatsdiener, Polizist
oder Grenzsoldat - egal in welchem Rang -, dann musste er einen Vertrag
unterschreiben, in dem er auf das Bargeld der Braut verzichtete, und wenn
nicht, gab er dem zukünftigen Schwiegervater einen blanko Schuldschein,
in dem die Fälligkeit nachgetragen werden konnte. Oder es kam auch
schon mal vor, dass der Schwiegervater bei einer guten Offizierspartie
einen größeren Geldbetrag auf ein Sperrkonto einzahlte, für
die Zeit nach der Hochzeit, wenn dann der Schwiegersohn frei darüber
verfügen konnte. Die Heirat mit einem Staatsdiener galt fast für
jedes Dorfmädchen als großes Glück und kam noch vor der
mit dem reichen Bauern.
2.9.2 Der erste Liebesakt
Dieser nicht immer selbstverständliche Schritt nach der Verlobung
erfolgte (oder passierte!), in einigen befragten Familien, ungefähr
vier Wochen vor der Hochzeit, als man schon so gut wie verheiratet war
und die Brauteltern erlaubten, dass der Zukünftige - oder jetzt schon
Bräutigam - bei der Braut übernachtete. War das der Fall, so
wussten es alle Nachbarn. Sie waren auch die Zeugen, dass die Ehe schon
sicher war. Wenn es dann, was auch vorkam, doch nichts damit wurde, holte
man sie als Zeugen für das fällige Kranzgeld oder für mehr,
wenn die Braut in andere Umstände gekommen war. Führte der erste
Akt gleich zur Schwangerschaft, so steigerte sich die Aufregung in den
Familien des jungen Paares zur kopflosen Hektik. Meist wurde sofort geheiratet
und das unmoralische Verhältnis so legalisiert.
2.9.3 Verbotene Liebe
Zu strenge Sexualerziehung und eine religiöse Moral verhinderte
meist eine normale, ungezwungene Beziehung zwischen den Geschlechtern.
Weil jegliche körperlichen Berührungen verboten waren, wurden
sie auch von den jungen Menschen während des ,Kennenlernens’
lange gemieden, und wenn sie geschahen, erzeugten sie eine riesige Nervosität
bei beiden Teilen. Ruhig zu bleiben oder gar eine ,unkeusche’ Berührung
zuzulassen war eine Schande, weil der Partner damit unerlaubte Erfahrung
in Zusammenhang brachte – und möglicherweise die Lust an der
Verbindung verlor, ja abbrach. Unter diesen Gesichtspunkten musste ein
Mädchen unschuldig in die Ehe – oder zumindest in die Verlobung
– gehen.
2.9.4 Jungfräulich in die Ehe
Noch bis in die Zeit zwischen den Weltkriegen ließ sich die überwiegende
Mehrheit der Verlobten das engste Umarmen, streng nach der christlichen
Lehre und dem Sechsten Gebot, für die Hochzeitsnacht übrig.
Dann kam es auch schon mal vor, dass die Braut nicht aufgeklärt war
und nicht so recht wusste, was in der Hochzeitsnacht das Wichtigste ist
und wie die Kinder entstehen. Wenn dann, bei ganz jungen Pärchen,
der Bursche auch nichts wusste, ist bei der Aufregung in der Hochzeitsnacht
auch nichts passiert. Um das zu vermeiden, gab es oftmals im vorehelichen
Stadium, von einer nahen Verwandten, für die Brautleute eine freie
Aufklärung. Bei streng christlichen Familien klärte der Pfarrer
umständlich auf, deshalb, weil er ja nach der Schrift – ,liebet
und mehret euch’ - wusste, was im Ehesakrament Pflicht und erlaubt
ist. Wenn die Verlobten im Pfarrhaus ihren Hochzeitstag anmeldeten, wurde
gebeichtet. Wusste der Pfarrer von der Beichte her, dass die Braut und
der Bräutigam noch unschuldig seien - was oft der Fall war -, so
musste in der Christenlehre etwas mehr übers Heiraten geredet und
aufgeklärt werden. Da wurde dann neben dem christlichen Leben, christlicher
Treue, Familie und Erziehung, katholischer Namen und Pflichten –
wie Kirchgang und Geldspenden - auch über Kinderzeugen und –kriegen
gesprochen.
2.10 Heirat
Tie Reichi sella tie Reichi heira un tie Armi tie Armi; ter odr tie setzt
sich in a kmachtas Nescht; wer sich niks vrheiart un niks erbt, pleibt
arm pis r sterbt; Keld alloo macht net klicklich... Solche und ähnliche
Sprüche gab es viele, und sie alle galten nur bei den anderen, nicht
bei sich selbst. Die Heirat war so oder so immer ein Schritt in ein ungewisses
Leben. Und wenn auf das Sach und nicht auf die Liebe geachtet worden ist,
gab es mehr Unglück als Glück in der Ehe. Manche Verheiratete
kamen spät, andere nie im Liebesglück zusammen. Im Großen
kann man schätzen, dass Liebesheiraten selten waren. Die meisten
waren Vernunftehen, bei denen nach und nach die gute Gewohnheit im Auskommen
miteinander überwog. Und die Zeit belohnte die ausdauernde Gemeinsamkeit
oft mit Erfolg im Wirtschaften, Kinderkriegen und gutem, traditionellem
Familienleben – schließlich mit Zufriedenheit. Das alles wog
mehr als ein anfängliches Liebesglück, was aber nicht heißen
soll, das auch diesem eine lange – vielleicht lebenslange –
Dauer beschieden sein konnte.
2.10.1 Blitzheirat
Die meisten Ehen wurden sozusagen nach altem Brauch geschlossen. Selten,
aber doch musste manchmal ,blitzschnell’ geheiratet werden: Weil
das Mädchen schwanger war und die Eltern zur schnellen Heirat drängten;
weil der Bräutigam einrücken musste; weil man unbegreifliche,
jugendliche Angst hatte, 'oschichtich' zu bleiben; weil man eine neue
Arbeitskraft im Hause brauchte; weil die Freundin heiratete und man nicht
allein herumlaufen konnte; weil man eine gute Gelegenheit nicht ausließ;
und vielleicht auch, weil ein junges Pärchen zusammen ausriss und
die Beziehung schnellstens legalisiert werden musste. In allen solchen
Fällen hieß es, augenblicklicher Ringtausch vor den entsetzten
Eltern, mit kleiner Verlobungsfeier und Aufgebot beim Pfarrer und auf
dem Rathaus. Das Hochzeitsfest musste deshalb nicht weniger festlich ablaufen.
2.10.2 Einladung zur Hochzeit
Sie wurde durch zwei nahe, männliche Freunde des jungen Paares mündlich
den Gästen überbracht. Die Hochzeitslader waren aufgeputzt mit
einem Rosmarinsträuschen am Hut und auf der Brust. Sie hatten einen
vollen Weinbehälter aus Leder/Weinbeutel (Weitschuttra) dabei, der
langsam bei den Geladenen geleert wurde. Beim Eintreten in den Hof der
Geladenen riefen die Lader ein paar Mal laut hujujuuu. Danach sagten sie
gleich das Ladesprüchlein auf: Mir wera kschickt vun tie Prauteltra
Sounso - Name der Brautfamilie und der vom Bräutigam - un ihr selt
tann un tann, um sounsoviel Uhr ins Hochzeitshaus kumma. Dr Tisch werd
kateckt sei, Messr un Kawl messt ihr mitpringa... Die Geladenen nahmen
die Ladung an und bekamen einen Schluck Wein aus dem 'Tschtuttra'. Dann
gingen die Lader mit einem frischen Hujujuu weiter zu den nächsten
Gästen, die auf ihrem Zettel standen.
2.10.3 Tag vor der Hochzeit
Ein wichtiger, hektischer Tag. An ihm wurde die Braut onduliert und manikürt.
Wenn es im Dorf eine Frisöse gab, machte die ihr das Haar schön,
wenn nicht, irgend ein anderes ortsbekanntes Weib oder geschicktes Mädchen.
Reiche ließen die Frisöse zu sich in das Brauthaus kommen,
und wenn es sein musste aus dem nächsten Dorf.
2.10.4 Abend vor der Hochzeit
Er hieß Polter- oder Kränzchenabend und man feierte ihn im
gleichen Wirtshaus, wie das Hauptfest. Geladen wurden dazu alle Hochzeitshelfer,
aber gekommen sind nur die jungen Menschen, die Brautführer und Kränzelmädchen.
Von den übrigen Gästen ein paar Neugierige und von der Hochzeitsmusik
auch nicht alle. An diesem Abend saßen die Brautleute noch getrennt
voneinander: die Braut bei den Mädchen, der Bräutigam bei seinen
Freunden. Beim Tanzen durfte aber nur der Bräutigam die Braut holen
und brachte sie nachher auch gleich wieder auf ihren Platz.
Am Kränzelabend aß man wenig und trank viel, weil es ja der
letzte Abend in der Kameradenfreiheit war. Ungefähr nach Mitternacht
führten alle zusammen die Braut nach hause. Dort wartete man schon
auf sie und schmiss hinter dem Tor altes Porzellangeschirr auf den Pflasterweg,
damit es einen je größeren Krach machte. Scherben brachten
dem jungen Paar Glück. Die männlichen Freunde brachten dann
noch den Bräutigam heim und tranken mit ihm noch ein letztes und
allerletztes Glas leer. Pis zum Hochzeitstag am andren Morgen schliefen
die jungen Leute nicht mehr viel.
2.10.5 Der Hochzeitstag
In der Frühe ging der Bräutigam, noch vor allen anderen
Gästen, zur Braut und holte sie in die Kirche zur Beichte ab. Die
Braut war da noch wie an Sonntagen gekleidet. und hatte nur ein Rosmarinsträußel
im Haar; der Bräutigam trug seines am Rockaufschlag (Brustkragen).
Das Brautpaar musste immer am Hochzeitstag in der Frühe beichten
und kommunizieren, auch wenn es reich war und ein eigenes Hochamt am Nachmittag
hatte. Arme gingen mit den Gästen in die Frühmesse oder in das
allgemeine Hochamt. Geheiratet wurde meist im Winter, in der Faschingszeit,
im Frühling, nach dem Fasten und im Spätsommer, nach der Erntearbeit.
Wenn es am Hochzeitstag regnete, sagte man: Sovieli Treppla ins Kränzl
regna, soviel Gottassega henn tie Prautleit. Gleich nach der Hochzeitsbeichte
hat eine geschickte, fremde Frau aus dem Dorf die Braut angezogen. Aus
der Brautfamilie durfte nur die Brautmutter beim Brautanziehen dabei sein.
Ankunft der Gäste: Versammelt haben sich die geladenen Gäste
im Hof und Gang des Bräutigams. Sie hatten ihre beste Kleidung an,
wo auf der linken Brustseite ein Rosmarinsträuschen mit Stecknadel
angeheftet war. Die mitgebrachten Geschenke legten sie auf einen großen
Tisch und wurden vom Vater des Bräutigams und den Hochzeitshelfern
mit Wein und Schnaps traktiert. Das größte Geschenk bekamen
die Brautleute von ihren Paten, da deren Pflicht und Schuldigkeit mit
der Hochzeit vorbei war. Sobald alle Gäste beisammen waren, fuhren
der Bräutigam, seine Familie, die Brautführer und nächsten
Freunde auf geputzten Wagen in das Brauthaus und holten die Braut, unter
lustigen Hujujuu-Rufen, zur Kirche ab. Zeigte sich die Braut fertig angezogen,
in einem geblümten Samtkleid (dem Plüschgeblühmten), mit
Schleier und weißem Kränzchen, gaben ihr alle nacheinender
die Hand und wünschten ihr Glück im Ehestand. Sie antworte jedes
Mal darauf, mehr oder weniger aufgeregt, danke schön.
In der Kirche saßen die Brautleute bis zur Trauung getrennt in
der ersten Sitzreihe. Zur Trauung führten die Brautführer, die
zugleich auch die Trauzeugen waren, Braut und Bräutigam zum Altar.
Unter ihnen befanden sich zwei jungverheiratete Freunde, die man als junges
Patenpaar ausgewählt hatte. Hatte die Braut einen langen Schleier,
so wurde dieser von zwei oder vier Kränzelmädchen getragen;
sonst, ohne Schleier, gingen zwei größere,. bald heiratsfähige
Kränzelmädchen hinter der Braut her. Sobald der Pfarrer mit
der Trauung begann, stellten sich das Brautpaar nebeneinander. Zuerst
sagte der Priester lateinisch, dann hochdeutsch die Trauungssprüche
her und steckte zum Schluss die Eheringe auf seinen und ihren Ringfinger.
Zum Abschied drückte er beiden die Hand und wünschte ihnen Glück.
2.10.6 Der Hochzeitszug
Er bildete sich nach der Trauung in der Kirche. Auf dem Weg aus der Kirche
gingen die Brautführer vorne rechts und links her, so als machten
sie dem Brautpaar den Weg hinaus ins Leben frei. Die Braut hatte sich
beim Bräutigam eingehenkt. Hinter dem jungen Paar gingen die Kränzelmädchen,
die Eltern von ihm und ihr, die neuen Paten, Familienmitglieder und nähere
und entferntere Freunde. Vor der Kirche wurde bei uns weder gesungen noch
musiziert. Nur unter den herumstehenden Kiebitzen gab es einige laute
Hujujuu-Rufer und Necker der Brautleute. Vor der Kirche formierte sich
der Zug entgültig, und es ging nun zum Hause des Bräutigams
zurück oder in ein Wirtshaus, wo die Hochzeitsmusik und die gedeckten
Tische warteten. Unterwegs hüpften ein-zwei lustige Burschen mit
vollen Weinbeuteln (Tschuttrahupsr) vor und um den Hochzeitszug herum;
das bedeutete - nach Márnai-Mann - das für das Brautpaar ein
neues Leben begann, bei dem Lust und gute Laune notwendig sein würden.
Daheim oder im Wirtshaus angekommen, spielte die Musik zuerst einen Tusch
und dann einige verschiedene Tänze zur Tanzprobe auf, bis ungefähr
alle Gäste ihre vorbestimmten Plätze eingenommen hatten. Man
legte schon Wert auf eigene Platzzuweisung, doch namentlich oder numerisch
gezeichnet waren die Plätze nie.
2.10.7 Das Hochzeitsessen
Mit dem Hochzeitsessen begannen Braut und Bräutigam, sobald alle
Gäste Platz genommen hatten. Meist gab es: Rindsuppe, Rindfleisch,
Schweinsrücken (Ruckmasel) mit Tomaten- oder Meerrettichsoße,
danach Schweins- oder Rindspaprikasch mit Brot, seltener Kartoffeln, und
sauren Gurken oder, ihm Frühjahr, grünem Salat, dann noch Reisbrei
mit Zimt, Zucker und Rosinen (Ziwewa). Zum Trinken hatten die Großen
Wein mit und ohne Sprudel (Soda), die Kleinen Sprudel oder Sprudelsaft
(Krachl). Mit Einsetzen der Tanzmusik wurde verschiedener Kuchen und eingedünstetes
Obst (Tunscht), in Schüsseln aufgetragen und auf den Tischen stehen
gelassen. Um Mitternacht gab es noch einmal Braten mit Soße und
Weißbrot. Ein gewöhnliches Hochzeitsessen dauerte drei Stunden,
und während des Essens spielte langsame Musik. Während des Kuchenessens
begann beim Brauttisch die Tafelmusik oder Stimmungsmusik und bald danach
die Tanzmusik. Den ersten Tanz tanzte die Braut mit dem Brautvater, der
zweite Tanz gehörte dem Kumma-Paten, der dritte und die nächsten
dann dem Bräutigam. Mit Abklopfen bekam man vom Bräutigam die
Braut für einige Takte. Manchmal zahlten die Männer dafür
Geld in ein Körbchen. Gespielt wurde viel, getanzt und getrunken
auch.
2.10.8 Entkleidung der Braut
Am späten Abend wurde der Braut der Schuh gestohlen und bei - amerikanischem
- Versteigern wieder der Braut zurückgekauft. Um Mitternacht nahm
der Bräutigam der Braut den Schleier und das Kränzchen vom Kopf
und setzte ihr eine Haube (Schopf) auf. Danach tanzte die alte Patin mit
der Braut den ersten Schopftanz und gab sie bald weiter, so dass nacheinander
alle Gäste, Männer und Frauen mit ihr tanzen konnten. Für
diese Ehre taten wieder alle ein-zwei Geldscheine in das Bastkörbchen
(Packsimbl), das die Patin herumtrug und danach bei sich für das
junge Paar aufbewahrte. Wenn es den Freunden (Kumrada) beim Schopftanz
gelang, die Braut zu stehlen, so musste der Bräutigam sie suchen
und mit Freigetränk (Aldumasch) loskaufen. Gegen Morgen verschwand
das junge Paar in seinem Schlafzimmer.
2.10.9 Hochzeitsdauer
Eine bäuerliche Hochzeit dauerte drei Tage, von Freitag
bis Sonntag oder von Samstag bis Montag. Wenn zuerst, was früher
der Fall war, kirchlich geheiratet wurde, war diese Trauung am Samstag
und die standesamtliche am Montag darauf. In neuerer Zeit, zwischen den
Weltkriegen, heiratete man im Gemeindehaus am Samstagvormittag, und die
kirchliche Trauung war entweder am Samstagnachmittag, mit einer eigenen
Messe, oder Sonntagvormittag im öffentlichen Hochamt. Aber auch dann
galt der Montag noch als dritter Hochzeitstag.
2.10.10 Gründung des Hausstandes
Gleich nach der Hochzeit wurde das gesamte Aussteuersach aus dem Hause
des Bräutigams in das zukünftige Wohnhaus der jungen Eheleute
gebracht. Ebenso die Schlafzimmermöbel, die Milchkuh, ein Kälbchen,
die Familientruhe - wenn die Braut eine geerbt hatte oder vom Vater eine
neue bekam - und alles andere, das aufzuführen eine lange Litanei
ergäbe. Man muss aber auch sagen, dass ein genaues Aufzählen
einen bei den Jungverheirateten ein wenig in Verlegenheit bringen würde,
weil man ja - wie schon erwähnt - in manchen Fällen vor der
Hochzeit, auf Probe zusammengezogen ist und dann schon Sachen zum Zukünftigen
brachte; das Bett oder die andere Einrichtung waren auch schon dort 'auf
Probe'.
2.10.11 Mischehe
Mehr als Probe war der Umzug nur bei den – wenigen! –
Mischehen mit Ungarn: Das Wegbringen von Brautsachen gehörte schon
zur Hochzeitsfeier und wurde von der Kameradschaft einige Tage vor der
Trauung erledigt; schön gekleidet und mit viel Wein und Ujujuuu ging
man zu den Brauteltern und fragte sie nach dem Brautbett aus - ob es neu
oder alt ist, schmutzige oder saubre Wäsche hat - und ob man es mal
sehen könnte; die Eltern mussten es zeigen, und die Junge Halt hat
mit viel Jubilieren und Gelächter mal ein Polster und mal die Tuchent
aufgehoben; bei dieser Gelegenheit tat der Nächstbeste ein Nest voll
junger Mäuse in den Strohsack oder unter das Federbett, und gleich
als ihm das gelang, fing er an zu schimpfen über den Schmutz und
Gestank, der aus dem Bett kam.: 'So ein Bett könnte man keinem rechten
Mann ins Haus bringen - und wenn doch, dann würde das einige Aldumasch
mehr kosten!' Die Brauteltern erwarteten natürlich so etwas schon
und rückten gleich das Geld heraus. Darauf lud die junge Männergruppe
(Puwahalt) gerne das Bett auf einen Wagen und fuhr es in das Haus des
Zukünftigen.
2.11 Gesundheit - Krankheit
Auf dem Dorf war man so lange gesund, wie man arbeiten konnte und in seinem
Trott war. Wenn es mal da und dort zwickte und weh tat, ging man nicht
gleich zum Arzt und unternahm auch nicht gleich etwas dagegen. Der Zustand
vom halben Kranksein, der eine Schonung verlangt hätte, kannte man
nicht. So lange man als gesund galt, hätte man sich geschämt,
öffentlich eine Schwäche oder Vorbeugung zu zeigen. Nur zuhause,
im Stillen, tat man auf verschiedene Art etwas für das Gesundbleiben.
Man brühte sich lieber Gesundheitstee auf, als schwarzen oder solchen,
der nur gut schmeckte. Geschwollene Hände oder Füße kamen
gleich abends in heißes Salzwasser. Bei Kopfweh massierte man den
Nacken. Schnittwunden verband man mit eingeweichten Schwarzwurzeln. Eine
blutige Nase heilte man mit kaltem Wasser und einem feuchten Lappen (Tiechl).
Auf eitrige Wunden tat man am besten abgekochte Wurzeln der Birke (Weißpappl).
Gegen Erkältung rieb man den Hals mit Schweineschmalz ein. Bei bösem
Husten wurde eine Pelzkappe auf die Brust gelegt. Kurz und gut, bei allen
möglichen Krankheiten und Unpässlichkeiten gab es Bauern- und
Hausmittel.
2.11.1 Gefährliche Krankheiten
Solche Krankheiten, bei denen nur ein Arzt oder ein Krankenhaus helfen
konnte, gab es am häufigsten als: Tuberkulose, chronisches Gallenleiden,
Diphtherie, Typhus, Windpocken, Geschlechtskrankheiten, Tollwut (Wiedichkeit),
Nervenleiden, Gewächse und Krebs. Bei allen diesen war das Heilen
schwierig und langwierig und die Sterbenszahlen groß, weil es noch
keine oder nur schwache Medizin gab.
2.12 Hausmittel
Übersicht über die Hausmittel, die damals halfen: Appetitlosigkeit
- bitterer Schwarztee mit einem Schuss Schnaps. Asthma - regelmäßig
morgens und abends Lorbeertee. Augenentzündung - Honigumschläge
und solche mit eingeweichten Krautblättern. Bienen- und andere Stiche
- Umschläge mit geriebenem oder kleingehacktem Knoblauch. Blähungen
- auf nüchternen Magen eine Tasse gekochte Milch mit Kümmel
trinken. Brandwunden - 10 Minuten lang mit kaltem Wasser übergießen.
Brennesel- oder Ameisenstiche - Umschläge mit Zwiebelscheiben. Entzündungen
der Haut - feuchte Lehmwickel oder Umschläge mit brühwarmem
Quark. Fieber - gurgeln mit Kamillentee, nur heiße Milch trinken
(bei schwerem Fieber von Mumps, im Kindbett, Ruhr, usw. hat man gleich
den Arzt aufgesucht). Furunkel - viel Knoblauch und wenig Fleisch essen.
Gallenleiden - auf nüchternen Magen Rettich, tagsüber wenig
Fleisch essen. Gerstenkorn - waschen mit warmem Wasser und Kartoffelbrüh-Umschläge.
Gicht - Umschläge mit Pellkartoffeln und Weinessig, kein Fleisch
essen. Haarausfall - waschen mit starkem Kamillentee, Haarmassage mit
kaltem Wasser, Obst vor dem Schlafengehen essen. Halsweh - heißen
Zitronensaft mit viel Honig vermischt, mehrmals am Tage trinken und Umschläge
mit gerösteten Zwiebeln. Hexenschuss - waschen mit Essigwasser und
einreiben mit Franzbranntwein. Herzweh - weniger essen, gar kein Nikotin
oder Alkohol, täglich einmal den ganzen Körper mit kaltem Wasser
einreiben. Epilepsie (Hiefallat) - Aufregung vermeiden, viel schlafen,
Gemüse und wenig Fleisch essen. Hühneraugen - Umschläge
mit rohen Zwiebeln, bis sich das H. abschälen ließ, dann heißes
Fußbad. Husten - Holunder- oder Lindenblättertee und ein Teelöffel
Honig darin verrührt trinken. Übelkeit und Erbrechen - eine
Zeitlang nichts als Kamillentee, Zwieback und geriebene Äpfel zu
sich nehmen. Kopfschmerzen - warmes Fußbad, Tee aus Baldrianwurzel,
Pfefferminzblättern und Lavendelblüten. Kropf - viele Äpfel
und Knoblauch roh, Spinat leicht gekocht essen. Krätze - viel Obst
und Gemüse essen, öfters baden, mit Krätzensalbe einreiben
(Apotheke). Leberleiden - viel Rettich essen, Disteltee trinken. Lungenleiden
- Luftbäder, viel in der Luft - im Schatten - ausruhen, fettes Essen
mit viel Ost und Gemüse zu sich nehmen. Magenschmerzen - fasten,
einen Tag lang nur Zwieback und Kamillentee. Nierenschmerzen - nichts
scharfes essen, viel Milchbrei, Zwiebelsalat; heißes Sitzbad scheidet
evtl. Steine aus. Blutstillen bei Schnittwunden - abbinden, mit Eiweiß
einreiben. Reißen und Jucken - Lehmwickel und mit Obstessig einreiben.
Rheuma - heißes Salzwasserbad, Lehmumschläge. Schlafstörungen
- Baldriantropfen auf Würfelzucker, warme Fußbäder vor
dem Schlafengehen. Schwindelanfälle - Pfefferminztee trinken, Puls
unter kaltes Wasser halten. Sodbrennen - trockene Brombeerblätter
zehn Minuten lang kauen. Durchfall - nur Pellkartoffeln essen und etwas
ungezuckerten Kamillentee trinken. Unterleibsschmerzen - warmes Baldrianbad.
Verstopfung - abends nur Gemüse und Obst essen, viel an der frischen
Luft aufhalten. Würmer im Stuhl - mehrmals täglich geriebene
Äpfel und Gelberüben essen, viel Knoblauchtee trinken. Zahnfleischblutung
- Mundspülung mit Salbeitee. Zahnweh - geriebene Kreide auf der Seite
durch das Nasenloch einziehen, wo es weh tut.
Erst wenn die Hausmittel nicht halfen, ist man zum Arzt gegangen.
2.13 Öffentliche Gesundheitsversorgung
Zum Beispiel gab es in den Dreißigern, in Baja: 5 freischaffende
Ärzte auf ca. 30 tausend Einwohner, in der gesamten ungarischen Batschka
waren es 19 für 27 Dörfer. Für Stadt und Umgebung gab es
genügend Krankenbetten in Krankenhäusern. Die städtische
Ambulanz war ausgerüstet für leichte Operationen, Augenkrankheiten,
Unterleibs- und Hautkrankheiten, Zahnbehandlungen, Hals-Nasen und Ohren,
Röntgen- und Quarzbestrahlung und innere Krankheiten. Weil die meisten
Kranken auch von den Dorfärzten in die Stadt zur Behandlung überwiesen
wurden, ist eine Jahresaufstellung aller Krankenhaus-Behandlungen interessant:
909 Operationen, 526 Augenbehandlungen, 1006 Behandlungen vom Unterleib,
1345 Zahnbehandlungen, 579 HNO-Behandlungen, 741 innere Behandlungen.
Die 5 städtischen Ärzte behandelten im Jahre 1933 in ihren Hauspraxen
5061 Kranke; die 19 Kreisärzte 3586 Personen.
2.14 Brauchen und Aberglauben
In einem arztlosen Dorf versuchte man alles, um eine Krankheit
loszuwerden, bevor man ins Nachbardorf zum Arzt ging. Wenn die Hausmittel
nicht halfen, musste eine Braucherin her. Schon bei ihrem Abholen sagte
man ihr, um was für Beschwerden es sich handelt. Danach hat sie aus
ihrer Brauchersammlung ein paar Dinge mitgenommen. Vor dem Krankenbett
angekommen wusste sie gleich, was zu tun ist: Bei einer Krankheit mit
Halsschmerzen waren einreiben mit Schmalz und anzünden geweihter
Kerzen gut, die man in brennendem Zustand rechts und links an den Hals
hielt und wispernd betete; gegen eine andere Geschwulst gab es besonderes
Gras und Handauflegen; hohes Fieber ging - manchmal - mit Teeumschlägen
und Beten weg... Bei fast allen Krankheiten meinte man, dass die Braucherin
helfen könnte, zumindest hat sie es immer versucht mit Handauflegen,
Heilumschlägen, Heilgras, Heilzeichnung an der Stubentüre oder
am Krankenbett. Und was sie vom Brauchen wusste, durfte sie nicht verraten,
bis sie im Sterben lag. Dann offenbarte sie sich, wenn sie keine eigene
Tochter hatte, einem verwandten oder fremden, jungen Mädchen und
gab ihm die alten Schriften, in denen das wichtigste, überkommene
Brauchen stand.
Der dörfliche Aberglauben war fast so stark, wie der christliche
Glauben. Wenn sich etwas vom Schattenglauben im Volk festgesetzt hatte,
blieb es über ganze Generationen unter ihm - bis es vielleicht durch
neuere Erkenntnisse überholt wurde. Man kann unseren damaligen Aberglauben
(Awrklaawa, auch Schatta- oder Stekareita genannt) aus mehreren Blickrichtungen
sehen: 1. Aus der christlich-gläubigen, dann vermischte man ihn gerne
mit dem rechten Glauben; 2. aus der ungläubigen, wo nur alte Bestandteile
vorkamen, die auch ohne Beten ihre Wirkung hatten; 3. noch aus uneinheitlichen,
bei denen manche Menschen glaubten, was ihnen gerade passte.
Zu der ersten Art gehörte das ganze Brauchen, wo viel gebetet wurde
aber auch übernatürliche Einbildungen vorkamen. Die zweite hielt
sich mehr an praktische, alltägliche Erfahrungen, die nur nützlich
waren, wenn man an sie glaubte: z.B. dass man einem Kind unter einem Jahr
die Fingernägel nicht schneiden, sondern nur beißen darf, sonst
wird es ein Dieb; seine kleine Füße darf man nicht küssen,
sonst würde es nur schwer laufen lernen; wenn es ein Jahr alt wird,
soll man ein Geldstück, ein Glas Wein und ein Buch vor es legen;
nach welchem es langt, das wird sein Schicksal... Beim dritten - das setzte
man ihm Lager nach dem Krieg bei unseren Menschen viel ein - hat man auf
die Erfahrungen noch das Beten gesetzt, damit die Wirkung größer
wird: In ein Gebetbuch band man den größten Hausschlüssel
so, dass sein runder Griff oben herausschaute. Daran wurde eine halbmeter
lange Schnur gebunden. Auf die Tischplatte malte man ein Kreuz oder streute
es mit Mehl oder Sand und ließ das Gebetbuch darüber pendeln.
Wenn es auf eine Frage stark pendelte, so war das als Ja-Antwort zu verstehen,
bei schwachem Pendeln als Nein. Die liebste Frage hieß: Heilichas
Piechl, sak uns, in wieviel Monat, Wocha un Täg kumma mr hoom? Und
das Gebetbuch wackelte öfter - zu oft! - hien und her, so dass einem
leicht die Tränen der Verzweiflung kamen. Ein andermal stellte man
vor jeden, der um den Tisch herumsaß, eine brennende Kerze; wessen
Kerze am schwächsten brannte, der musste sich vor Krankheit hüten,
weil er als nächster, der Kerze nach, hätte sterben sollen.
2.15 Geister, Hexen und Druden
Je abgelegener ein Dorf lag, umso mehr war es umspannt von einem
Netz übernatürlicher Wesen, Geistern, die zwar unsichtbar blieben,
von denen aber jeder, der durch den Wald, über einen Morast oder
tiefen Sand ging, wusste, dass sie da sind. Im Wald griffen sie mit langen
Ästearmen nach ihm, in den Morast konnten sie ihn hinunterziehen
und im Sand kam er nur schwer vorwärts. Geister oder Geistergeschichten
gab es so viele, dass man in jedem Jahr zu bestimmten Zeiten - Rorateabende,
Faschingsnächte, im April um die Georginacht, in heißen Augustnächten
und um die Jahreswende - immer neue erzählt bekam. Die Geistererzähler
waren meist ältere Menschen aber auch solche jüngere, die den
'bösen' oder 'anderen' Blick hatten. Geister (Gaaschtr) waren dann
im Spiel, wenn was Unerklärliches vorkam. Je ungebildeter die Dorfmenschen
waren, umso öfter passierte so etwas.
2.15.1 Hexen
Mit Hexen war es anders: Sie hat man in den verschiedensten
Arten sehen können - als schönes Mädchen, unschöne
Alte, als Pferd, Hengst, Kuh, Kalb, Hund, Gänserich... Und in all
den Erscheinungen richteten sie nur Schaden an. Verhexte Kühe verloren
an Gewicht und verendeten schnell; Fohlen kamen tot auf die Welt; Kleinkinder
starben plötzlich; ganze Schafherden verschwanden, usw. Und das Schlimme
war, dass es dagegen kein Mittel gab, nur ebensolche Gewalttätigkeit:
Böse Hexen hat man bestenfalls gleich vom Hofe gejagt, schlimmstenfalls
brachte man sie um. Von einer guten Hexe, bei uns gute Fee genannt, hörte
man sehr selten etwas - in meinen neunzehn Jahren daheim vielleicht ein-zweimal.
Das war, als sie unserer Familie half, in größter Not zu Geld
zu kommen: Die Partisanen waren schon ein halbes Jahr im Dorf und die
Hetze auf uns Deutsche war fast nicht mehr zu ertragen; im Hause gab es
nichts mehr zu essen, und kaufen konnte man, ohne Geld, nichts. Im Garten
hatten wir einen frühen Birnbaum, der trug, zum Glück, im 45er
Jahr viele Heubirnen (kleine, wilde, aber süße Art). Die selige
Großmutter rappelte sich zusammen und setzte sich mit dem größten
Futterkorb voll Birnen auf die Gasse. Sie saß noch nicht lange,
da kam eine ortsfremde Frau vorbei und kaufte ihr für das ganze Geld,
das sie in der Handtasche (Ridikül) hatte, Birnen ab. Kaum war die
Fremde weg, kamen aus der Richtung, wo sie hinging, junge Menschen - vielleicht
vom Sportplatz her? - und wollten auch Birnen für ein paar Geldstücke
haben. Es war noch keine Stunde vergangen, da hatte die Großmutter
soviel Geld in der Rocktasche (eingenähte Tasche mit Schlitz unter
der Schürze), dass wir davon fast bis zur Lagerzeit (die für
uns an Micheli, 29. Sept., begann) das Nötigste kaufen konnten.
2.15.2 Druden
Die Drude war der Hexe ähnlich, nur dass sie ihr Unwesen mehr auf
die Gesundheit von Mensch und Tier verlegt hatte. Hexen waren, kann man
sagen, für große Schäden im Haus und in der Wirtschaft
verantwortlich, Druden brachten kleine Krankheiten oder Unpässlichkeiten.
Gegen die ersteren konnte man sich auch nicht so leicht wehren, weil sie
vom Teufel persönlich - in der Valpurgisnacht auf dem Hexenberg (Bergkuppe
bei Harkány, jenseits der Donau) - ihre Kraft bekamen. Die Druden
galten als Frauen aus dem Dorf, die nur einen bösen Blick und ungute
Absichten in Richtung ihres Opfers wirken ließen: Wenn sie unverhofft
auf dem Hof auftauchten, konnte die Kuh blutige Milch bekommen; eine Wöchnerin
konnte plötzlich nicht mehr stillen; Hühner legten keine Eier;
der Bauer bekam Bauchschmerzen; das Dach wurde undicht, u.s,w. Gegen das
alles konnte man sich meistens zur Wehr setzen: Mit einem Drudenfuß,
Drudenstern, Drudenvogel (tote Taube oder Elster, an den Stallpfosten
genagelt), Drudenkraut (gemischtes Wiesengras bei Vollmond geerntet und
an den Türpfosten geheftet) oder einem Besuch der Braucherin, die
immer wusste, was gegen die Drude am wirkungsvollsten ist.
2.16 Der Tod
Eine Witwe sagte beim Leichenschmaus für ihren eben erst begrabenen
Mann: To kann ich toch net tanza, wann mei Mann ewa ersch kschtarwa is;
wanns awr sei muß, tanz ich toch mit, zuerscht kanz staat... Ein
bekanntes Männerlied: Wann tie Ald geschtorben ist, so legt mr sie
aufs Stroh; tann geht ihr a kha Fedr in Arsch un stecht sie a kha Floh...
Wenn ein Kind starb, hieß es: Tes is nar unnr am Scharz begraawa,..
Solche Sprüche konnte man oft im Dorf hören Sie treffen genau
die Einstellung unserer Menschen zum Sterben - das genauso zum Leben dazugehörte,
wie die Geburt und Gesundheit und das Lustigsein; das wurde mit dem Spruch
bekräftigt: Alles zu seiner Zeit. Man lebte gerne und nahm alle Lebenspflichten
an, wie sie kamen. War die vom Herrgott vorgeschriebene Lebenszeit aber
um, haderte man nicht, weil das Leben nur für die eine Person beendet
war, für die übrigen weiter ging. Der Tod war nur eine natürliche
Verwandlung des Menschen, der aus Erde geschaffen war und wieder zu Erde
wurde; und die ausgehauchte Seele lebte im Himmel oder in der Hölle
ohne Körper weiter, in alle Ewigkeit.
Starb ein Erwachsener, so meldete man auf demselben Gang seinen Tod
auf dem Gemeindehaus, beim Pfarrer, Schreiner, Totengräber und bei
der Leichenwäscherin. Damit war für die letzte amtliche, christliche
und irdische Pflicht des Menschen gesorgt. So ordentlich wie man lebte,
ist man auch gestorben. Nach dem Sauberwaschen kam das Anziehen der Leiche
in das schönste Sonntagssach und danach das Aufbahren in einen bald
gelieferten Sarg vom Schreiner. Er hatte immer einen teueren aus Eiche
und einen billigen aus Fichte in einer Einheitsgröße von 1,80
m fertig, nur musste man noch die Ausschmückung des Sarges innen
und außen bestellen. Aufgebahrt wurde meist in der Vorder- oder
Paradestube auf der Totenbahre, die der Totengräber in das Sterbehaus
brachte. Am Fußende der Bahre stand eine Schale mit Weihwasser und
einem Buxsträuschen zum Einspritzen des Toten durch die Totengäste.
War keine Buxhecke zu finden, so tat es auch ein Mispel- oder Rosmarinsträuschen.
Beim aufgebahrten Toten saß stets jemand aus der Familie und betete.
Schwarz war die Trauerfarbe für Angehörige und Gäste. Bei
Ausnahmen wurde ein Trauerband am Kragen oder Gewand angeheftet. Manche
Menschen legten beim aufgebahrte Toten, noch bevor der Sarg zugenagelt
wurde, eine feierliche Trauerzeremonie ein, bei welcher der Kantor vor
allen versammelten Trauergästen über die Beziehung des Verstorbenen
zu allen Anwesenden einen Singsang vortrug und bei dem viel geweint wurde.
Weil so ein einstudierter Trauervortrag nicht billig war, konnten ihn
sich Arme nicht leiste. Ihres nannte man dann ein stilles Begräbnis.
2.16.1 Begräbnis
Beerdigt wurden die Toten im Sommer am zweiten, im Winter am dritten Tag,
meist mit Pfarrer und mindestens einem Ministranten in schwarzem Messgewand.
Wer näher zum Friedhof wohnte, ließ seinen Toten bis zum Grabe
tragen, sonst nahm man ein Totengespann, und die Begräbnisgesellschaft
(Leicht) ging zu Fuß dem Leichenwagen hinterher. Am Grab spielte
eine Vereins- oder Totenmusik in sog. kleiner Besetzung: erste und zweite
Trompete, kleine Trommel, Posaune und Bass; erste und zweite Geige, Klarinette
und Bassgeige. Der Priester sprach und betete für den Toten in dessen
Sprache, sang aber sonst nur lateinisch. Nach dem Hinablassen des Sarges,
wurde Weihwasser vom Priester, mit seiner Spritzrose, in das offene Grab
gespritzt, und die Angehörigen machten noch einmal dasselbe mit einem
Buxssträuschen, aus dem Weihwasserschälchen. Während dessen
traten Pfarrer und Ministranten einige Schritte zurück und warteten
auf einen Angehörigen, der ihnen noch etwas Geld gab, über die
amtliche Begräbnisgebühr hinaus, welche man bereits im Pfarrhaus
erledigt hatte. Nachdem alle Anwesende den Angehörigen herzliches
Beileid gewünscht hatten, ging man auseinander. Während des
Beileidwünschens wisperte die nächste Verwandte des Toten manchem
Totengast zu - oft unter starkem Weinen -, dass er zum Leichenschmaus
nach hause zu ihr oder in eine Gaststätte kommen solle.
2.16.2 Totenmesse
Eine Totenmesse wurde am nächsten Tag - und am ersten Todestag noch
mal - in der Kirche verkündet und abgehalten. Bezüglich der
Begräbniskosten, welche oft über die Verhältnisse der armen
Angehörigen hinausgingen, soll nur soviel erwähnt werden, dass
sie oft ein Rind ausmachten oder geliehen waren; nur in den letzten zwanzig
Jahren wurden sie auch schon von einer Sterbensversicherung oder Sterbekasse
getragen.
2.16.3 Todesursachen
Eine Übersicht über die Sterbensursachen z.B. im Apatiner Bezirk,
in der Zeit zwischen 1929 und 38 zeigt, dass an erster Stelle die Herz-
und Kreislaufkrankheiten mit 25%, die Lungen- und andere Atmungskrankheiten
mit 17,4% standen; dahinter kamen Krebskrankheiten mit 9%, Altersschwäche
mit 6,1%, Nerven- und Nierenleiden mit 4,6% und Unglücksfälle
mit 1,6%; ungewisse Ursachen werden mit 30% angegeben, da kann man davon
ausgehen, dass kein Arzt die Totenscheine ausfüllte, z.B. bei Armen,
Zigeunern, Landstreichern und aufgefundenen Toten.
3 MENSCHLICHER ALLTAG
Wenn man behauptet, dass unser Alltag nur aus Arbeit und Geld zählen
bestand, so tut man uns Unrecht. Man trifft sicherer ins Schwarze mit
der Behauptung, dass er Pflicht, Ordnung und Nutzen war. Das meiste, was
einen beschäftigte, war nur den ersten zwei Lebensregeln zu verdanken.
Der Nutzen war nicht immer dabei. Stolz und Eitelkeit, bis zur Hoffart,
schon. Möglichst nicht auffallen, wenn es aber doch sein musste,
dann nur angenehm. Das Heim hat man niemals im Arbeitssach verlassen.
Und zuhause arbeitete man nie im Ausgehsach. War die Arbeit vorbei, zog
man immer Feierabend- und Abendsach an und setzte sich auf das Gassenbänkchen,
wo die Neuigkeiten vom Tage durch die Rätschmühle gedreht wurden.
Zuerst, einmal Gehörtes war noch keine Neuigkeit. Erst wenn es auch
der Nachbar gehört oder wenigstens seine Meinung dazu gegeben hatte,
wurde es eine ausgewachsene Nachricht und man sagte sie weiter. Nur die
Städter hielten es anders. Bei ihnen war oftmals 'drei ein Paar'
- in jeder Hinsicht. Deswegen wurden sie von den Dörflern in keiner
Sicht als etwas Besseres angesehen oder respektiert. Alles Überkommene
war dem Bauern heilig. Der Städter brachte schon nach moderneren
Maßstäben seine Tage herum.
3.1 Arbeitspflichten
Man könnte die Arbeit aus dörflicher und städtischer
Sicht in Ganztags- und Halbtagspflicht aufteilen. Auf dem Dorf gab es
nichts, was nicht mit Arbeit zu tun hatte, oder zumindest mit Arbeitspflicht
und -sorge. Man war in der Einteilung der Zeit freier, hatte aber auch
keinen regelmäßigen Arbeitsschluss. In der Stadt war es anders.
Dort hat schon die Uhr die Zeit für alles bemessen. Aufstehen, Arbeitsanfang,
Essenspausen (Jause), Feierabend, Schlafengehen. Da wie dort ordnete sich
jeder auf seine Art der Wichtigkeit der Arbeitsaufgabe unter. Und man
konnte oder wollte nicht diese grundsätzliche Einstellung leugnen.
Man war stolz auf das Arbeitsjoch, könnte man im Nachhinein behaupten.
Früh nieder und früh auf - verlängert den Lebenslauf. In
diesem, noch von den Siedlerahnen aus Deutschland mitgebrachten Spruch,
redete man sich ein, dass die Arbeit sogar gesünder ist, als wenn
man weniger rackerte.
Arbeitspflicht war Lebenspflicht - und umgekehrt. Man wäre ja nicht
so leicht mit dieser Einstellung fertig geworden, hätte man nicht
immer, dazwischen sozusagen, eine positive Bilanz ziehen können.
Das war es, was einen täglich ein bisschen und in größeren
Zeitabständen mehr und mehr aufrichtete. Kurz und gut könnte
man das Stolz auf das fertige Sach nennen. Wo am Anfang schwere, ernste
Pflicht stand, befand sich am Ende meistens Erfolg auf den man umso stolzer
war, je mehr man ihn den anderen Menschen zeigen konnte.
3.2 Lust zum Vorzeigen
Der kürzeste Weg, der Welt zu zeigen, was man mit viel Mühe
geschafft hatte, war das Sehenlassen auf der Straße, dann auf den
Wochen- und Jahrmärkten und bei den unregelmäßigen Ausstellungen
in der Kreisstadt. Wo noch überall im Lande vor der Jahrhundertwende
Ausstellungen für alles in Mode kamen, ließen sich unsere Kreisstädte
auch nicht lumpen. Eine vollständige Aufstellung der Industriemesse
in Baja, aus dem Jahre 1900, ist in einer ungarischen Monografie zu finden.
Weil da sicher auch die gesamte Batschka - die ja damals ungeteilt zu
Ungarn gehörte - vertreten war, wollen wir davon die wichtigsten
Aussteller aufzählen - auch deshalb, weil sie eine fast vollständige
Liste derjenigen Dinge bilden, welche im Leben der Ahnen eine Rolle spielten:
Holz, Möbel und Dekor - unter vierzig Ausstellern befanden sich
23 Schwaben; ausgestellt hatten sie Schlafzimmer, Esszimmer, vornehme
Wohnzimmer (Saloon), Schreibtische, Spiegelschränke, Kinderbetten,
Arbeitsstuben für Frauen/Städterinnen, Bauernstuben, Kunstschreinerei,
Bienenkästen, eine Kirchentüre, Bücherschränke, Drechselarbeit,
Handtuchhalter mit Spucknapf, vornehmer Kleiderrechen, Polstermöbel,
Korbflechtarbeit, Dekoration aus Holz und Gips, Kunstblumen/Seidenblumen,
Malerarbeiten, Kinderspielzeug aus Holz, Sensenstiele, Holzfässer,
Dekoruhr/Kunstuhr, Turmuhr, Musikuhr, Neuheit einer pendellosen Uhr, Spazierstöcke.
Steinzeug - Betonstufen, Kunststeinarbeit aus Zement (dessen Erfindung
damals noch jung war), Gipsmodellarbeit, Häfnerarbeit, Schamottkachel-Ofen,
Sparherde, Brandziegel, Dachziegel.
Papier- und Druckerzeugnisse - Kunstdrucke und Bilder, Buchbinderarbeit,
Druckereimuster.
Haushaltswaren - Arbeiten des Bürstenbinders, Gold- und Silberbesteck,
verschiedene Kämme und Spiegel.
Bekleidung - unter fünfundachtzig Ausstellern die Hälfte Deutsche
- mit 21 Schuster, 19 Stiefel-(Tschisma-)macher, 2 Kunstfriseure mit Haartoupets,
7 Damenschneider mit zeitgemäßer Mode, 14 Herrenschneider,
4 Patschker- (Sommerschuh) macher, 1 Militärschneider, 1 Schneider
für Pfrarrkleidung, 6 Kürschner mit Gerbbeispielen und fertiger
Lederware, Pelzmode, Teppiche, Pelzmützen, 1 Riemer mit Pferdegeschirr.
Weißschneiderinnen und Bauernausstattung - vierundsiebzig Aussteller
aus Dorf und Stadt - mit Handarbeit, Stickerei, Hekel- und Strickzeug,
Tisch- und Bettdecken, Bettüberzüge, Vorhänge, Wandteppiche,
Laubsägenarbeit, Vogelhäuschen, Flechtarbeit, Schmiedearbeit,
Eggen, Bauernwagen und Feiertagskutschen (Paradewagen).
Strick- und Webarbeiten - achtzehn Aussteller - mit Zwirnknöpfen,
Strickerei-Strümpfen, Rüschenarbeit, Kelimarbeit, serbische
Leinwand (besonders grob), Damastarbeit (feines Bettzeug), 6 Weber mit
Muster-Kollektionen.
Gemischtwaren und Lebensmittel - zweiundzwanzig Aussteller - mit Mehl-
und Schrotarten, Kerzen und Lebkuchen, Seifen, Essigarten, Kuchen- und
Brotsorten, Sodawasser und Sprudel (Krachel), Liköre, Streichhölzer
aus heimischer Fertigung, reiner Alkohol, Bonbons, Schleckeis, Eiskaffee,
Paprika, Schinken, Speck, Schmalz, Salami und eine Neuheit als Viehfutter
in Konserven.
Maschinen - fünf Aussteller - für Bauern- und Feldarbeit:
Dreschmaschine mit allem Drum und Dran, Sämaschine, Feuerwehrpumpe,
verschiedene Handwerksmaschinen.
Eisen- und Metallzeug - dreiundzwanzig Aussteller - mit Flaschnerarbeit,
Eisschrank, Schlosserarbeit, Gießereiarbeiten, 5 Messerschmiede,
Eisengitter, Gussöfen, Blechmuster, Sparherd, Eisenketten, verschiedene
Waagen als Dezimal-, Hand- oder Marktwaage und Gleichgewichtswaage.
Wagen- und Verkehrsmittel - elf Aussteller - mit verschiedenen Wagnerrädern,
Wagenleitern, Bauernwagen, Holzachsen, Kutschen (Fiaker), Schmiedearbeiten.
Bauwirtschaft - zehn Aussteller - mit mehreren Bauplänen, Musterwänden,
einer Wassermühle, Holzmodell eines Hauses, Turmmodell, Verschiedenes
Baugerüst, Mustertor.
Gemischte Industrie - sechsundsechzig Aussteller aus ganz Ungarn - mit
Benzinlampe, Petroleumofen, Spirituskocher, amerikanische Metallsäge,
Stanzmaschine, Drahtschneidemaschine, Ständer-Bohrmaschine, Biegemaschine,
Hand-Gewindeschneider, Berliner Pressteile, bronzene und vernickelte Türbänder,
Tür- und Fensterbeschläge, kombinierte Hobelmaschine, Motor-Blasebalg,
Ventil-Schleifmaschine, maschinelle Hämmer, Franzosenschlüssel,
amerikanisches Feinwerkzeug, Presswerkzeug, Rohrwerkzeug, Kürschnerwerkzeug,
Biegewerkzeug, Riemerwerkzeug, Schraubenzieher und -schlüssel, amerikanische
Hämmer (?), verschiedene Zangen und Schrauben, Bohrfutter, Türschlösser,
technische Zeichnungen (26 Musterbücher), Zierhölzer, Parkettmuster,
Spezialschrauben, Intarsienarbeit mit Brandverzierung, Patentverzierung,
Edelholzmuster, ungarisches Rindsleder - gute und schlechte Muster, verzinkte
Beschläge, Bohrfutter und Spannzeug, elektrische Hausklingel, Schusterwerkzeug,
amerikanische Türschlösser, Messerschmiede-Arbeit, Karborundum-
und Lagermetall, Telefonstation, Azetylenkessel, Industriebilder, elektrische
Schalttafeln, Rahmen für Lederspannung, Spezialschlösser, Metallsägen,
Radbohrer. - Dort, wo die Nationalitäten der Aussteller nicht unterteilt
sind, kann der Prozentsatz der Deutschen bei 50 angenommen werden.
Diese Aufzählung soll uns zeigen, was bereits vor hundert Jahren
von unseren, den ungarischen und andersnationalen Handwerksmeistern und
Industriearbeitern hergestellt und der Welt mit Stolz, in einer Provinzstadt
wie Baja, vorgeführt wurde. Es könnte vielleicht noch interessieren,
wie die Beschäftigungsverhältnisse bei den Erwachsenen, Männer
und Frauen, daselbst – noch kurz vor dem Zweiten Weltkrieg - aussahen:
Ausschließlich in der Landwirtschaft Beschäftigte - 27,9%;
städtische Industriearbeiter - 32,2%; Angestellte im Handel - 9,6%;
Arbeiter und Angestellte im öffentlichen Verkehr - 5,5%; Beschäftigte
in auswärtiger Industrie und in Bergwerken der Schwäbischen
Türkei - 47,4%; staatliche, städtische und private Angestellte
- 5,8%; im Polizeidienst - 10 Personen; Dienstboten und Knechte - 2,7%;
Rentner und Rentiers (die ausschließlich von Immobilien- und Kapital
lebten) - 4,5%; Sonstige und Arbeitslose - 4%. Zu den ausschließlichen
Bauern wäre noch zu sagen, dass nur solche Familien, die seit jeher
Bauerei betrieben, das Privileg hatten, auf den Märkten ihre Erzeugnisse
zu verkaufen; alle andere mussten Aufkäufer/Zinsare dazwischen schalten.
3.3 Esskultur
Essen hielt Leib und Seele zusammen. Über unsere Esskultur im Südosten,
damit auch der Batschka - welche in der Ernährung eine vollständige
(und einzige!) Mischkultur mit anderen Nationen gewesen ist - haben unsere
Menschen schon viel geschrieben; und manches schöne Buch kam darüber
in der neuen Heimat heraus. Das bekannteste stammt von Magda Weigand und
bringt als „Donauschwäbisches Kochbuch“ fast alles, was
man über die Batschkaer Essgewohnheiten wissen müsste.
3.3.1 Werktagskost
An den Arbeitstagen hat man schon in aller Frühe, einige Stunden
vor dem eigentlichen Frühstück, eine Schale Milch - dick oder
frisch - getrunken, Brot hinein gebrockt oder Butterbrot dazu gegessen.
Wenn man auf das Feld fuhr, hat man einen Brotbeutel aus dickem Leinen
oder einen ledernen Tornister mit Brot, Schinken, Speck, Wurst, Saurem
und einer Flasche Wein vollgepackt; dazu kam immer noch ein Steinkrug
mit sauberem Brunnenwasser. Davon konnte man sich dann zum Frühstück,
Mittagessen und zur Jause nehmen, wozu man Appetit hatte. An Besteck wurde
nur ein Schnappmesser/Taschenmesser mitgenommen. Spät abends wurde
dann daheim etwas Warmes als Nachtmahl gegessen. Hatte man nur in der
Hauswirtschaft zu tun, aß man schon zu Mittag was Warmes. Das war
immer mehr Mehl- und Kartoffel- als Fleischspeise; und zu allem nahm man
Brot, sonst wäre man nicht satt geworden. Höchstens wurde einmal
unter der Woche ein Fleischgericht extra gekocht; und montags war sowieso
noch etwas vom Sonntag übrig. Freitags war Fastentag mit Freitagsessen,
und es kam - ärmlicher - ein Bohnen- und - reichlicher - ein Fischgericht
auf den Tisch.
3.3.2 Feiertagskost
Das Sonntags- und Feiertagsessen war gewöhnlich oder meistens
gleich: Zum Frühstück eine Milchspeise mit Zopfstrudel; als
Mittagessen Rindsuppe mit dünnen Nudeln, gekochtem Rindfleisch mit
Tomatensoße, danach Kuchen mit eingelegtem Obst; zum Nachtessen
kalter Schweinebraten mit Meerrettichsoße und Eingemachtem. Nur
in der Zeit vor dem Schnitt, wenn das Hausgeld knapp war, schlachtete
man eigenes Geflügel und machte daraus Suppe, Paprikasch und Braten.
Geflügelfleisch war Werktagsfleisch, ebenso wie Fisch oder Wildfleisch.
Fein genug für einen christlichen Feiertag war nur, was frisch vom
Fleischer geholt wurde - auch wenn man es aufschreiben ließ. Ausnahmen
machte man, wenn Besuch kam, angemeldet oder nicht, dann kam sowohl Gekauftes
wie Eigenes, als Braten und Paprikasch, immer gleich und viel auf den
Tisch.
3.3.3 Arbeitskost
Auf eine längere Fahrt nahm man Jausenbrot mit. Das war das gleiche
wie bei der Arbeit auf dem Feld, nur dass man es im Flechtkorb trug. Und
wenn etwas davon bei der Heimkehr übrig war, schätzten wir es
als 'Hasenbrot' und aßen es gerne. Die Kinder nahmen für die
Schule das Schulessen entweder von daheim mit oder, wenn sie arm waren,
bekamen sie es von der Gemeinde und aßen es in der Jausenzeit. Weiter
gab es noch als besondere Essarten das Essen für die Schnitter, Drescher,
Zinsare, Beresch, Taglöhner, Hüter/Halter und andere ähnliche,
bei denen die Arbeitsherren nicht allein bestimmen konnten, was und wie
zu kochen sei; z.B. hatte das Schnitteressen immer aus gleichem gemischten
Paprikasch mit Kartoffeln und Fleisch bestehen müssen; für den
Zinsar-Tierhändler gab es Braten und Wein; die Tagelöhner bekamen
meistens Kaltes/Geräuchertes auf das Feld mit; der Hüter aß
fast jeden Tag Speck und Brot mit Zwiebeln, daneben was gerade in seiner
Nähe auf dem Felde reif war.
3.3.4 Armenkost
Aus der Bajaer Chronik wissen wir, wie die Essverhältnisse bei den
Ärmsten waren, die sich selbst nicht mehr erhalten konnten und im
Armenhaus lebten. Im Städtischen Haus gab es Platz für 80 Menschen;
voll war es nie. Im untersuchten Jahr, zwischen den beiden Weltkriegen,
bekamen die Armenhaus-Bewohner im Sommer und Winter Kleidung und Unterwäsche,
Schuhe, sowie 3 mal täglich Essen: Zum Frühstück 3 dl Milch;
mittags ebensoviel Einbrennsuppe, Mehlspeis und Gemüse; abends dieselbe
Menge; für den ganzen Tag stand den Männern 0,5 kg und den Frauen
0,3 kg Brot zu, Kranken noch Tee, soviel sie wollten. In einer Wochenübersicht
setzte sich das Essen zusammen: Montags Kartoffelsuppe und Krautgemüse;
dienstags Bohnensuppe, 'Krumbiera un Nudl'; mittwochs Gerstensuppe und
Linsengemüse; donnerstags Knochensuppe mit Grünkerngemüse/Hirsenbrei
mit gerösteten Zwiebeln; freitags Tomatensuppe mit gerösteten
Brotwürfeln, dazu 'Krumbierapaprikasch' mit Salat; samstags Kartoffelsuppe
und Bohnengemüse; sonntags Fleischsuppe, Paprikasch mit gedünstetem
Kraut, und zum Nachtisch Pogatschen. An größeren Feiertagen
gab es für die Männer 2 dl Wein und etwas Tabak, für die
Frauen einige Bonbons. Leichte Haus- und Gartenarbeit verrichteten die
Gesunden für den 'halben' Taglohn der gesunden, freien Arbeiter.
Das Haus hatte soviel Bodenwirtschaft, dass es sich selbst mit Gemüse
und Fleisch versorgen konnte.
3.4 Mode
Pei dr Arweit prauch mr net schee sei - to schaut khonr uff
tie Mood. Dickes und dünnes Leinenzeug hatten unsere Menschen immer
als Oberwäsche an, und je nachdem wie kalt es war, als Unterwäsche
Trikot- oder Wollsachen. Darüber einen Woll- oder Flanellmantel,
einen Pelzmantel/Bunda oder Filzmantel/Kepernetz. Um den Hals einen Wollschal,
an den Händen Faust- oder Fingerhandschuhe aus Wolle und Spaltleder.
Das Leinenzeug gab es auch in vielerlei Art: teuer und billig, meistens
vom Blaufärber, aber auch in Naturweis oder gemustert, schwarz, braun
oder rot in der Fabrik gefärbt. Werktags hatten sie dicke oder dünne
Wollstrümpfe oder -socken an, und hatten - wenn sie arm waren - die
Füße bis zum Knöchel mit verschiedenen Fußlumpen/"Fetzawickl"
umwickelt. Als warmes Schuhzeug galten die Stiefel, Bakanschen oder die
mit Stroh ausgelegte Klumpen. Im Frühjahr und Herbst, mit tiefem,
feuchtem Boden im Hof, hatte man Gummistiefel und -galoschen an, und im
Sommer trug man "Patschker" oder Pantoffel; die ersteren mit
Socken, die letzteren auf dem nackten Fuß. Auf dem Kopf trugen die
Männer Pelzkappen, Stoffmützen und Hüte, die Frauen dunkle
"Kopptiechl", Buben Pelz- oder Matrosenkappen aus Stoff; Mädchen
helle Kopftücher, Strickkappen und breite Schaals; Kinder Strickkappen/"Zipplmitz"
mit und ohne Wollpoppel, und unten Schnüren zum festbinden unter
dem Kien.
3.4.1 Werktagsmode
Für außerbäuerliche Berufe galt bei Männern die Latzhose
und der einreihige Stoffanzug, mit einem Leibchen (Leiwl) oder einem Jankel
(Joppe) darunter. Der Mantel war etwas teuerer, als bei den Bauern. Als
Übergangsmantel hatte man einen Trenschkoat. In der Freizeit, statt
dem Leibchen und Mantel, einen dicken, selbstgestrickten Pullover (Swetr)
aus selbstgesponnener Schafwolle. Die Handwerks- und Kaufmannsfrauen -
auch Damen genannt - hatten an: dünne oder dicke Kostüme, Träger-
oder Ärmelkleider, Röcke und Blusen, Dirndel und Pullover. Darüber
einen Mantel oder Trenschkoat.
3.4.2 Feiertagsmode
Sie war verschiedener, auch reicher und ärmer, aber selten dem modischen
Zeitgeist angepasst. Bei den Bauern war es ein Feiertagsanzug im Winter
und Sommer, immer gleich, aus englischem Kammgarn, Flanell- oder Samtstoff
aus einer ausländischen oder einheimischen Weberei; darunter hatten
sie Kunstseiden-, Brokat- oder Kordleibchen und Baumwolle- oder dünnes
Leinenhemd; an den Füßen dünne oder dicke Socken und schwarze
Lackschuhe; auf dem Kopf trugen sie einen Sonntagshut. War es sehr kalt,
zog man sich noch einen Sonntagsmantel aus dickem Flanell mit Pelzkragen
und -futter an. Die Frauen trugen meist Lange geblümte/plüschgeblümte
Plüsch- und Samtkleider, mit Hüfthalter/Turnier unter den hochgestützten
Röcken, und Oberteile mit eingenähten Brüstchen, meistens
in grün-, braun- und blauglänzend; überhaupt viel Plüschgeblümtes;
darunter Unterröcke aus Taft, und ganz darunter Baumwoll-Unterwäsche.
Auf dem Kopf helle oder dunkle Kopftücher aus gemusterter Kunstseide
und echtem oder nachgemachtem Kaschmirstoff; an den Füßen weiße
Kniestrümpfe und Schnallenschuhe. Ältere Bäuerinnen hatten
sonntags ihre Faltenröcke aus Taft oder Kaschmirseide an, mit einem
gestärkten Barchentschurz; als Oberteil passte dazu eine fein gemusterte
Taftbluse, mit einem Leibchen oder Ärmeljäckchen/Fersching darunter;
unter allem tat es dünne leinene Leibwäsche.
3.5 Sauberkeit und Körperpflege
'Schwaba kuleraba, pun lonac wasi' spotteten uns die Schokatzen: Schwabe,
Kulerabe, ein Topf voller Läuse. Der Spruch muß noch aus der
Zeit kommen, als unsere Leute, ebenso wie die Schokatzen-Nachbarn, verlaust
waren, aber ihre Läuse beim Waschen im Kübel begannen auszukochen.
Noch in meiner frühen Kindheit gab es in der Nachbarschaft viele
Läuse, und mehr als einmal auch in meinem Haar und Hemd und in der
Unterhose. Gegen die Kopfläuse hat man mich - wie fast alle Schulkinder
- im Sommer kahl geschoren, gegen die Filzläuse gab es stets nur
noch das Auskochen. Flöhe hatten wir sowieso gleichviel, wie alle
Bauern. Dort wo es Schweine gab, war der Floh nicht wegzudenken. Nur mit
ständiger Sauberkeit konnten wir die lästigen Blutsauger bekämpfen,
weil das Floh- und Lauspulver (DDT) noch zu teuer war (oder man es sich
einsparen wollte!).
3.5.1 Waschgewohnheiten
Um das Wichtigste von unserer Sauberkeit zusammenzufassen, müssen
wir unsere Waschgewohnheit untersuchen: Sie spielte sich alle Tage so
ab - morgens beim Aufstehen, waschen von Gesicht und Händen in der
Waschschüssel (Lawur), mit kaltem Wasser und Seife. In unserem Haus
gab es aus dem Kübel für jede Person frisches Wasser. Tagsüber
hat man sich am Pumpbrunnen, nach jeder schmutzigen Arbeit, die Hände
in einem Eimer gewaschen. Vor jedem Essen ebenso. Dann am Abend, vor dem
Schlafengehen, wusch man sich den Oberkörper mit warmem Wasser und
Seife. Der Unterleib wurde ein- bis zweimal wochentags, aber am Samstagabend
sicher mit warmem Regenwasser und Hausseife gewaschen. Ganz wenige Haushalte
hatten auf dem Dorf eine Badewanne. In der Ambulanz und beim Arzt gab
es eine Duschmöglichkeit oder ein Dampfbad. Den Kopf schrubbte man
auch nur samstags mit Warmwasser und Seife ab; weswegen die Haare sonntags
- je nachdem wie weich das Waschwasser war - hart und verklebt waren,
und man schmierte sie nicht zu knapp mit Brilantine ein.
3.5.2 Körperwäsche
Mädchen und Frauen wuschen sich, genau wie die männlichen Familienmitglieder
und Kinder, morgens und abends Hände und Gesicht in der Waschschüssel
der Wohnküche. Als Waschhilfe wurde die hausgemachte Kernseife verwendet.
Beim Waschen des Oberkörpers ließ das schöne Geschlecht
- auch bei der warmen Wäsche - das baumwollene oder leinene Unterhemd,
das die Schulter freiließ, am Körper. Wenn sich die Erwachsenen
einmal die Woche, meistens samstagabends, ganz aus einem großen
Kübel wuschen, waren sie allein und nackt in der Hinterküche.
Die Kinder durften sich in der Wohnküche, im handwarmen Zuberwasser
stehend, nackt der samstäglichen Ganzwäsche unterziehen.
3.5.3 Hautsalben und –öle
Für das Schönsein am Sonntag hatten die Mädchen und Frauen
zwei-drei eigene Salben und Kölnischwasser, mit denen sie sich einrieben
und einspritzten, und die sie in der Handtasche (Ridikül) immer bei
sich hatten. Für die ruppige Haut nahm man eine Salbe oder ein Nussöl,
ganz so wie bei Kleinkindern. Für sie hatte man nur im Wickelalter
noch ein besonderes Puder. Die Salbe und Ölart war bei allen Benutzern
gleich. Als erste gekaufte Salbe kannten wir die Nivea aus dem Gemischtwarengeschäft/Gwelb.
3.5.4 Wäschewaschen
Das 'kleine' Wäschewaschen hat man jede Woche einmal, am Montag,
erledigt. Da wurde alles gewaschen, was man die Vorwoche über anhatte
und wechselte: im Sommer weniger, im Winter mehr. Mit hausgemachter Seife
und frischem, im Kessel heißgemachtem Regenwasser aus der Zisterne
bekam man auch den stärksten Schmutz weg. Zum Einweichen benutzte
man ein gekauftes Waschpulver (Seifensoda), das man mit warmem Wasser
in dem gleichen großen Blech- oder Holzkübel auflöste,
der dem Waschen diente. Eingeseift hat man mit einem großflächigen
Stück Hausseife und gerubbelt hat man auf einem blechernen, verzinktem
(früher hölzernen) Wellrubbeler.
Bei der 'großen' Wäsche, einmal im Monat, wenn man das Bettzeug
überzog, kam der Wäschepatscher und die Waschbank dran. Die
Großwäsche wurde Sommers wie Winters im Hof erledigt. Das große
Wäschestück wurde warm befeuchtet, mit Hausseife eingeseift
und eine Weile in Waschmittelwasser eingeweicht, dann hat man es mit etwas
draufspritzen von Warmwasser, mit dem Holzpatscher ausgeklopft. Das wurde
so gemacht, dass einmal auf die dicke Wäschewurst daraufgepatscht
wurde, das andermal auf den gefalteten Haufen; und nach jedem Klopfen
(Patschen) drehte die Hand die Wäsche um. War die Wäschebrühe,
die von der Bank in den Hof rann, sauber, hörte man mit dem Klopfen
auf und wusch noch zwei-dreimal alles mit sauberem, kaltem Regenwasser
aus. Hatte man nicht genug Regenwasser, musste man das letzte Mal mit
Brunnenwasser spülen. Dann wurde aber auf das Stärken genauer
geachtet.
Alle leinene Sachen und alle Bettwäsche hat man mit gekaufter Stärke
und in besonderem Stärkewasser, vor dem Aufhängen zum Trocknen,
ausgewaschen. Beim Aufhängen gab man Acht, dass nicht zu viele Falten
gedrückt würden. Das Bügeln und Mangeln wurde genauso wie
heute gemacht, nur dass man ein Kohlenbügeleisen und ein selbstgemachtes
Mangelholz in jedem Hause hatte.
Ganz feine Wäsche wurde mit gekaufter Seife gewaschen, und beim
Einräumen in den Schrank mit Kölnisch oder Lawendelöl eingespritzt.
Es kam nichts in den Schrank, bevor man es nicht ausbesserte und die Knöpfe
genau untersuchte. Für sonntägliche Männerhemden gab es
noch eigene Wechselkrägen und Manschetten, dass man sie öfter
und das Hemd seltener wechseln und waschen konnte. Nur die Strümpfe
und Fußlappen wusch und trocknete man gesondert.
3.6 Haartracht
Bärtige Bauern ließen, je nachdem wie schnell der
Bart wuchs (und der Geldbeutel es erlaubte), jeden Tag, oder zumindest
einmal die Woche, den Barbier (Palwiera) ins Haus kommen. Wenn das Haar
lang war, machte er sich auch - vor dem Rasieren - daran und schnitt soviel
weg, dass die Frisur einen Monat lang hielt. Im Sommer wurden bei solchen
Gelegenheiten auch die männlichen Kinder unter die Maschine genommen
und kahl geschoren. In unserem Dorf hat der Barbier aber auch in seinem
Hause rasiert und geschoren, da musste man eben in der Reihe sitzen und
warten.
3.6.1 Männliche Haarmode
Sie blieb nicht immer vor dem Dorf stehen: Die Länge des Kopfhaares,
die Größe des Fassonschnittes und der Backenbart, das Aussehen
des Oberlippen- und Kinnbartes schauten die jungen Bauern gerne bei den
Städtern ab; Gelegenheit sie zu sehen, hatten sie paar Mal jährlich
auf dem Jahrmarkt. Die Barbiere waren auch gleich dabei, wenn es was Neues
beim Haarschneiden gab. Beim Rasieren in den Bauernhäusern wurde
immer genau auf das jeweilige eigene Aussehen vom Hausherren-Schnauzer
(Kaiserbart), -Schnurbart, -Spitzbart und -Stutzer geachtet. Mit dem Schnauzer
gaben sich die stolzen Männer die meiste Mühe: Abends vor dem
Schlafengehen machten sie ihn mit Eiweiß feucht und banden ihn mit
einem Barthalter fest; so stand er morgens schön steif; und wenn
er nicht genügend glänzte, schmierten sie ihn noch mit Schuhwichse
ein. Echte oder künstliche Haarlocken waren bei Männern auch
in Mode, und mancher von ihnen, aus feineren Häusern, machte an Feiertagen
das Onduliereisen von der Mutter oder Frau heiß. Die jungen ließen
sich manchmal auch den Stoppelbart wachsen; dieser passte im Sommer gut
zu dem Stoppelkopf, mit dem man gut baden konnte und der leicht sauber
zu halten war. 'Liewr a Glatz, wie gar kha Haar' hieß es auch bei
uns. Der Scheitel wurde rechts, links oder in der Mitte getragen, je nachdem,
wo der Haaransatz (Zwirbel) war.
3.6.2 Weibliche Haarmode
Nur bei den Bäuerinnen und Handwerksfrauen blieb sie über viele
Jahre gleich. Wenn sie sich mal veränderte, kam die Veränderung
immer aus der Stadt und setzte sich bei der Jugend am schnellsten durch.
Am verbreitetsten war der Zopf, doppelt bei Kindern und jungen Mädchen,
einzeln bei älteren Mädchen und Frauen. Schütteres Haar
wurde auch nur mal zu einem Haarwust (Pollen) zusammengewickelt und hinten
zusammengeheftet. Die auffälligste Übergangszeit vom Doppel-
zum Einzelzopf war die Verlobung und Hochzeit; danach hat keine Frau mehr
- mit Ausnahmen beim Dirndlkleid - einen Doppelzopf getragen, davor war
aber ein Einzelzopf schon auch bei Mädchen zu sehen. Braun machten
sie ihr Haar mit gekochten Nussschalen, glänzend mit Nussöl
und blond mit einem Kraut, zu dem sie 'Henna' sagten. Augenbrauen wurde
mit abgebrannten Streichhölzern oder Schuhkreme nachgezogen und die
Lippen mit rotem, feuchtem Krepppapier.
3.6.3 Modisches Frisieren
Als ,neumodisch’ galt das ondulierte Haar, das von einer Friseuse
gemacht wurde, und das man daheim selbst mit einem Brenneisen machen konnte.
Haarwickel und -nadeln waren auch schon in verschiedenen Arten im Einsatz;
als einfachste für Dauerwellen galten die Papierwickel, welche daumendick
und ca. 5 cm lang waren und nur daheim zum Wickeln genommen wurden. Bei
der Friseuse gab es Blech- und Holzwickel mit Gummihalterung. Die Brennschere
war doppelt für zwei Wellen, das Brenneisen für eine Welle und
zum Wickeln. Zum festmachen der Dauerwellen gab es Stärkemittel als
Waschmittel und eine Kreme zum einreiben. Die Farben waren noch nicht
so wasserfest, dass sie nicht nach mehrmaligem Waschen herausgegangen
wären. Auch das Bleichmittel bei blondem Haar hielt oft nur bis zum
Auswachsen. In einem kleinen und ärmlichen Dorf, wie dem meinen,
konnte man außer Zopffrisuren und Naturlocken, Bubiköpfe und
Zopfschnecken sehen. Und alle Arten wurden schon mit Bändern, Maschen,
Spangen, Schnallen und Nadeln verschönt und zusammengehalten.
3.7 Schmuck
'Scheeni Leit henn scheenas Sach' hieß ein Spruch, als Antwort auf
das Kompliment wegen besonderer Aufmachung oder getragener Schmucksachen.
Nur das schöne Kleid genügte nicht: Jedes Alter hat, je nach
Geldbeutel und Eitelkeit, kleinen oder großen, viel oder wenig Schmuck
wechselweise angeheftet oder dauernd getragen. Wie überall legten
auch bei uns die jungen Mädchen den größten Wert auf Schmuck.
Sie hatten ihn als Brosche, Spange, Ring, Nadel, Kette und Reif angesteckt.:
An Haar, Kragen, Brust, Gürtel, um den Hals, an den Ohren und Fingern.
Junge Männer und Burschen hatten goldene und silberne Nadeln oder
Spangen an den Krawatten angesteckt, und die langen Ärmel mit Manschettenknöpfen
zusammengehalten. Ältere waren stolz auf die Taschenuhr, die an einer
auffälligen Silberkette hing. Ein Sträußchen aus Maiglöckchen
oder Feilchen oder besondere Federn - von Vögeln oder Wildenten -
am Hut waren auch recht. Wenn es feierlich war, hatten alle gleich ein
seidenes Sträußchen im Knopfloch oder mit Stecknadel ans Hemd
gesteckt.
Anhänger um den Hals, an silbernen oder goldenen Kettchen hatten
meistens eine Kreuz-, Herz- oder Rundform; Glasperlen in verschiedenen
Farben, ovale Blechbroschen mit Brustbild eines lieben Menschen trug man
auch an der Halskette; manches Mal auch Edelsteine, einen farbigen Glasstein,
ein silbernes Geldstück oder Monogramm. Wenn’s ein Stein war,
dann meistens in Tropfen- oder Triangelschliff, in einer Fassung als Edelstein:
gelbbrauner Bernstein, glitzernder Kristall (Bergkristall), violetter
Amethyst, blauer Saphir, schwarzes Quarzauge, rosa Rosenquarz... Ziselierter
Silberschmuck und Naturschmuck aus Stroh trug man als Spange; Seidenblumen
als Sträußchen und Kränzchen am Kleid und im Haar.
4 FEIERTAGE
Nicht nur weil es unter Strafe verboten war zu arbeiten, haben sich unsere
Menschen streng an die Feiertagsruhe gehalten und nur das Nötigste
in Haus und Hof erledigt. Das Ausruhen war für die Dörfler selbstverständlich
und lebenswichtig. Es gab auch viel mehr Feiertage, als heutzutage. Daheim
hielt man sich an alle, doch man kann sagen, dass die Feiertagsstimmung
von der Feiertagsgröße abhing. Nur beim Kirchengehen und öffentlichen
Feiern gab es auffällige Unterschiede: Man hatte nicht immer die
gleich schöne Kleidung an, aß nicht gleich gut und war nicht
gleich freigebig zu sich und anderen.
4.1 Weltliche Feiertage
Sie lassen sich schnell aufzählen, weil es ohnehin nur ein-zwei arbeitsfreie
unter der Woche gab: Im jugoslawischen Teil der Batschka wurde am 1. Dezember
die Gründung des Königreiches, von 1918, arbeitsfrei gefeiert
und als politischer Gedenktag, da nur manche Ämter geschlossen hatten,
der Vidovdan, 28. Juni - als die Serben durch die verlorene Schlacht gegen
die Türken auf dem Amselfeld, 1389, für die nächsten vierhundert
Jahre ihre Freiheit verloren - was seither traurig begangen wurde. Im
ungarischen Teil war der 15. 3. als Freiheitstag von 1848 und die Staatsgründung,
am 20. 8. - Krönung des Hl. Stefan im Jahre 1000 - staatlicherseits
arbeitsfrei vorgeschrieben. Das Feiern vom 1. Mai leisteten sich die Dörfler
nur dann, wenn der Tag auf einen Sonntag fiel, dann gab es ein richtiges
Majaalus, mit Ausflug, Tanz und Lagerfeuern im Wald und an der Donau.
Die Städter und Großdörfler, wie z.B. die Bajaer und Apatiner,
feierten ihn auch unter der Woche groß und arbeitsfrei, auch wenn
er noch kein bezahlter Feiertag war.
4.2 Kirchliche Feiertage - Martini bis Neujahr
In der Rückschau begannen, vom Gefühl und der Stimmung
her, die wichtigsten Feiertage mit Martini, 11.11. Das Arbeitsjahr war
beendet, und Zeit und Lust zum Feiern stellte sich ein. An dem Tag des
St. Martin ließen sich reiche Bauern gerne mit ihren schönsten,
mit farbigen Bändern behenkten Pferden auf der Gasse sehen. Wenn
der Tag auf einen Sonntag fiel, ritten sie auch so in die Kirche. Manche
Meister machten mit ihren Gesellen abends ein kleines Fest. Da verteilten
sie ein paar kleine Geschenke und zündeten zum erstenmal eine Kerze
an. Ab Martini war das künstliche Licht - Kerze oder Petroleum, später
Elektrisch - bei der Arbeit morgens und gegen Abend notwendig. Die Bauern
aßen an dem Tag gut und viel, damit das neue Erntejahr reich wird.
Die Bäuerinnen schlachteten die erste gestopfte Gans. An Katharina
oder Kathrei, 25.11., sahen sich die erwachsenen Mädchen nach einem
Burschen um. Wenn es vorkam, dass ein Obstbaum an diesem Tag blühte,
hefteten sie sich von ihm ein Ästchen ins Haar. Der Andreas oder
Andrees, 30.11., machte alle Mädchen, die noch keinen Burschen hatten,
nervös. Wo man im Freien eine Schafhalt hütete, machte man die
Koppel winterfest und gegen Diebe mit einem Weidenzaun dicht. Wo es viele
Stromerhunde und Wölfe gab, mussten die Weidenruten besprochen werden.
4.3 Advent bis St. Nikolaus
Anfang Dezember hatten wir auch den Beginn des Advent. In vier Adventswochen
wurden nacheinander in der Kirche die Adventskerzen angezündet und
man ging abends in die Rorate. In den Häusern sah man häufiger
Kerzen als Petroleumlampen – bzw. Glühbirnen - leuchten. Die
Hl. Barbara, 4.12., war die Schutzpatronin der jungen Frauen, sie durften
an diesem Tage nichts arbeiten. Barbara - diesmal nicht Perwl oder Peevi,
wie unsere vielen B. geheißen wurden - half ihnen in einer schlechten
Ehe auszuhalten und so wenig wie möglich über ihr Schicksal
zu hadern. Sie war die bekannteste Heilige unter den 14 Nothelfern, deren
Bild mit einem Kirchemodell oder einem Buch in der Hand in keiner Kirche
fehlte. In manchen Häusern brach man ein Barbaraästchen vom
Weichselbaum und stellte es zum Aufblühen ins Wasser. St. Nikolaus
oder Niklos, 6.12., war bei unseren Kindern ebenso gerne gesehener Gast,
wie bei Christen in aller Welt. Wenn er, wie ein Bischof gekleidet, persönlich
von Haus zu Haus unterwegs war, hat er beim Verteilen der Geschenke aus
einem großen Sack, auch mal mit einer dicken Rute den Kindern Angst
gemacht. Zuerst war er mit einem finsteren Krampus unterwegs, später
in den Dreißigern, hieß sein Begleiter Knecht Ruprecht. Wo
er nicht selbst kam, legte er nachts die Geschenke in die geputzten Schuhe.
Man wusste aus vielen Predigten und aus dem Katechismus, dass er zu Lebzeiten
Bischof in der östlichen Stadt Mira gewesen ist und den Armen viel
half. Man verehrte ihn deswegen in der Not, wie wenige Heilige.
4.4 St. Ambrosius bis ungläubiger Thomas
Gleich nach dem Nikolaustag war Ambrosi, 7.12. Da fing man an, den Honigkuchen
für Weihnachten zu backen. Deshalb war auch dieser Heilige der Schutzpatron
der Bienenzüchter, Lebzelter und Kerzenmacher. In mancher Kirche
wurde der Heilige mit einem Bienenkorb auf einem Bild gezeigt. Die Hl.
Lucia oder Lucei, 13.12., verehrten die Frauen. An dem Tag buken sie ein
Luceibrot und fingen an, ein Luceistühlchen zu bauen, das erstere
als Fladenbrot mit etwas Maismehl und Fett (weil man da schon das erstemal
geschlachtet hatte), das andere aus einem Brett mit vier kleinen Füßen,
wie bei einem Schemelchen. Das Brot sollte einen das ganze zukünftige
Jahr satt machen, das Stühlchen der Frau, die sich draufsetzte, die
Monatsregel erleichtern. Es reichte auch, wenn eine Frau nur ein Füßchen
symbolisch in ein Schemelloch steckte; wichtig war das lange sitzen darauf.
Zwischen Barbara und Lucia wurde Barbara- oder Luceifrucht gesät
in irdene Töpfe oder Schalen, damit sie bis Weihnachten groß
genug wächst, zur Gabe für das Christkind unter dem Weihnachtsbaum.
Am ,ungläubigen Thomas’, 21.12., wurde das Fleisch für
Weihnachten besorgt. Man musste möglichst mehrere Haustiere schlachten,
weil es sonst Thomas machte, indem er viele im Stall leblos liegen ließ.
Manche unter den ungarischen Nachbarn hoben ein Stück Haut von der
Thomasschlachtung auf und machten daraus eine Medizin gegen Keuchhusten
für Mensch und Tier.
4.5 Adam und Eva - Heiligabend
Im Schatten von Heiligabend wurden die beiden Stammeltern der
Menschheit zusammen mit diesem, 24.12., gefeiert. An dem Tag aß
man kein Fleisch. Nachmittags wurde der Christbaum gemacht aus einem Tannen-
oder Fichtenbäumchen, und wenn es das nicht gab, aus einem frischen
Zwetschgenast. An Heiligabend gab es Fisch zu essen, und man gab sich
in der Familie einige praktische Geschenkchen. Von Verwandten bekam man
nichts. Beim Anzünden der Christbaumkerzen wurde das Stille Nacht
gesungen. Wenn ein Radio im Hause war, sang man die heiligen Lieder daraus
mit. Um Mitternacht ging man in die Mette, die als Singmesse mit einer
langen Predigt und Kommunion mindestens eine Stunde dauerte. War es auf
einer stromlosen Gasse sehr dunkel, hatte man beim nächtlichen Kirchgang
eine Sturmlaterne mit Kerze oder Petroleum dabei, welche die Kinder tragen
durften. Bei viel frischem Schnee, war es auch ohne Laterne hell genug.
4.6 Weihnachten
Dieser Feiertag, 25.12., war, nach Ostern, das größte
Kirchenfest. In jedem Hause wurde streng gefeiert und nur die allerwichtigste
Arbeit erledigt: Füttern, Melken und Kochen. Feierlich und steif
war bereits das Aufstehen, weil die meisten Hausleute schon in der Mette
gewesen waren und nur 3-4 Stunden Schlaf gehabt hatten. Wie an jedem Sonntag
gingen die Alten in die Frühmesse, während die Jungen die nötigste
Hausarbeit erledigten und das Essen aufstellten. Fertig kochten es die
Alten, und die Jungen konnten ins Hochamt gehen. Abends besuchten jene
aus der Frühmesse nochmals das späte Hochamt, wo sie auch nochmals
vor der Bethlehem-Krippe beteten.
4.6.1 Die Weihnachtssänger
Irgendwann zwischen dem frühen Nachmittag und dem späten
Abend kamen die Weihnachtssänger oder Christkindmädchen und
sangen einige schöne Weihnachtslieder. Sie waren zu dritt oder viert
und schneeweiß gekleidet. Beim Betreten der Vorderküche wünschten
sie gesegnete Weihnachten und begannen gleich mit dem Singen. Eins der
Mädchen hatte eine Sparbüchse in der Hand, in welche die Mutter
oder Großmutter nach dem Singen einige Geldstücke hineinwarf.
In manchen größeren Ortschaften wurden Christkindlspiele von
verkleideten Burschen und Mädchen aufgeführt. Nebst der Hl.
Familie, gab es auch Hirten, ein oder zwei Engel, den Herodes mit zwei
Soldaten und/oder die Hl. Drei Könige. Maria und Josef, ein Hirte
und ein König sagten einige weihnachtliche Sprüche auf, welche
der Pfarrer mit ihnen einstudiert hatte. Nach dem Spiel gab man ihnen
auch einige Geldstücke in die Spardose. War es eine längere
Veranstaltung, und die Spieler kamen an Weihnachten nicht in alle Häuser,
dann spielten sie an den kommenden Tagen weiter, bis sie überall
hingekommen waren. Dass es dabei nicht allein um das Geld ging, sah man
daran, dass sie bei Armen, die nichts für das Spardöschen hatten,
ebenso lange und schön sangen.
4.7 St. Johanni bis Unschuldige Kindel
Am Feiertag des Apostel Johannes, 27. 12., wurde der letzte Wein zum zweitenmal
abgelassen und man brachte eine Probe davon in die Kirche zum Segnen,
oder man segnete sie daheim mit einigen Tropfen aus dem eigenen 'Weichwassrkessili'.
Von dem gesegneten Wein mussten alle trinken, einschließlich der
Kinder. In manchen Häusern wurde an diesem Tag viel Brot gebacken,
auch mit etwas Weihwasser, damit die Esser gesund ins neue Jahr kämen.
Der Unschuldig-Kindlstag, 29. 12., war der einzige traurige Tag in der
Weihnachtswoche. Die Mütter klärten ihre Kinder ausgiebig auf
über die armen Kleinkinder aus Bethlehem, welche an diesem Tage durch
die wütenden Soldaten des Herodes umgebracht wurden. Selbst kann
man sich auch noch an das Katechismusbild erinnern, wo das Gemetzel in
allen Einzelheiten abgebildet war. Ganz ernst holten wir uns dann frische,
starke Weidenruten aus dem Ried und schlugen damit jede erwachsene Person
im Hause oder auf der Straße. Dabei sagten wir: "Frisch un
ksunt, s Neijahr kummt!" Dasselbe Sprüchlein wurde auch am Neujahrsmorgen
- mit und ohne Rute gesagt. Das Schlagen hatte etwas mit Strafe für
die unschuldigen Kinder zu tun, und das Sprüchlein mit dem neuen
Jahr; so verband man das Schlechte mit dem Guten. Von den Erwachsenen
daheim und von Verwandten bekam man Kleingeld, damit man aufhörte
mit dem Draufhauen. In der Kirche wurde an diesem Tage auch an König
David, den irdischen Urvater Jesu, aus der Jesseart, erinnert. Bekannter
war aber der andere irdische König, Herodes, der mit aller Gewalt
unseren Heiland umbringen wollte; das wurde fast so schlimm empfunden,
wie die Kreuzigung.
4.8 Silvester
Am 31.12. war Silvester - bei unseren katholischen Schokatzen stari Badnjak.
Gefeiert wurde dieser letzte Jahrestag in unserem Dorf nicht, in größeren
Orten und in den Städten schon. Abends ging man in die Danksagung;
jemand von den Alten blieb daheim und passte auf, dass genügend Kleinholz
in der Küche war und das Feuer sicher bis nach Mitternacht nicht
ausgeht, was ein armes neues Jahr gebracht hätte. Hat man daheim
mit den Nachbarn das Aldi rum - Neiji kumm gewartet, so gab es meistens
auch Blei- oder Kaffeegießen: Zuerst wurde in ein Schälchen
mit Wasser ein wenig in einem Löffel heiß gemacht Blei geschüttet;
je nachdem, welche Figur es beim Hartwerden ergab, wurde die Zukunft schön
oder düster gedeutet. Beim Kaffeesatz war es ebenso, nur dass hier
für jeden Tag wiederholt gedeutet wurde. Daheim nahm man Zikorekaffee
und in der Lagerzeit gerösteten Kukrutzschrot. Das Wahrsagen mit
Kaffeesatz, das die Großmutter oder Mutter am Silvesterabend versuchten,
gelang nicht immer. Der Satz vom Frank und Kathreiner wollte manchmal
nicht zeigen, was das Neue bringt und blieb, wie ein Sandhügel, am
Tassenboden liegen. Das Jahr über hat man in der Kriegs- und Lagerzeit,
nicht nur an Neujahr, mehr wahrgesagt mit Wachsgießen, Schlüsseldrehen,
Gebetbuch und Pendel. Waschen und die Wäsche aufhängen durfte
man an Silvester nicht, sonst hätte sich jemand aus der Familie aufgehenkt.
4.9 Neujahr
Der Neujahrstag, 1.1., brachte schon in aller Frühe ziemliche Aufregung:
Wir Kinder suchten nach einem lauten Krachmacher, unsere Eltern hatten
gerade davor Angst. Schon die Kleinsten kannten den Umgang mit Karbid
und Streichholzpulver, und so waren alle Geschwister oder Nachbarskinder
mit diesen - nur in den Augen unserer Eltern gefährlichen - Dingen
beschäftigt. Am stärksten knallte die Karbidkanone, am gefährlichsten
war der Pulverböller. Die Kanone machte man aus einer Blechdose,
in welche man im Boden ein Loch bohrte und die obere Öffnung mit
einem Deckel dicht verschloss. Wurde in der Dose ein Stück Karbid
mit etwas Wasser zusammengebracht, ergab es sehr schnell ein Knallgas,
das man nur noch am Loch anzünden musste. Mit dieser Kanone konnte
man so oft schießen, bis das Karbid aufgebraucht war. Der Umgang
mit Streichholzpulver war mühselig, und hat immer einen kleinen Schaden
hinter sich gelassen: Hohle Schlüssel, in denen man es mit einem
Nagel zur Explosion brachte, wurden oft auseinandergerissen, was manchmal
auch blutige Finger ergab. Für letztere war es noch am sichersten,
wenn Schlüssel und Nagel je am Ende einer Schnur angebunden waren
und man den zusammengesteckten Böller mit Schwung an einen Baum oder
eine Harte Mauer schlug; das gab nur Krach und kein Blut. Beim Neujahrswünschen
sagten wir: Ich winsch, ich winsch, ich waas net was/ langt in Sack un
kept mr was/ kept mr net zu wenich, ich pin a klonr Kenich/ kept mr net
zu viel, taß ich niks vrlier/ - ich winsch a klicklichas Neijas
Jahr! Darauf langten die Erwachsenen in die Tasche oder in den Rocksack
und steckten ein paar Para/Filer in unseren dicken Geldbeutel/Budjelar.
4.10 Dreikönig bis St. Blasius
Man hatte kaum die Aufregung von Neujahr hinter sich, war auch
schon Heilig-Dreikönig, 6.1., vor der Türe. Fast alle Kinder,
zwischen 10 und 14 Jahren, machten beim Dreikönig-Singen mit, entweder
als Weise aus dem Morgenland oder als Sternträger. Man ging in einer
Verkleidung/Maschkerad zu viert oder sechst - je nachdem ob für die
Geschenke Träger gebraucht wurden - in der eigenen Gasse von Haus
zu Haus und sang: Heilich-Treikenich mit ihrem Stern, sie kommen von weit
und preisen den Herrn...Die weiteren - leider vergessenen - Worte gaben
bekannt, dass in Bethlehem das Jesuskind geboren wurde... Wegen des Singens
wurde die Messepflicht nicht von allen Erwachsenen der Familie erfüllt.
Eine erwachsene Person musste aber an Dreikönig sicher zur Kirche
gehen und ein Glas Weihwasser, Kreide, Brot und Salz weihen lassen. Mit
dem heiligen Wasser wurden Haus und Hof eingespritzt, und man füllte
das Weihwasserkesselchen neben der Stubentüre damit. Die Kreide war
für die Türaufschrift CMB, vom heiligen Brot und Salz probierten
alle Angehörigen.
An Fabian-Sebastian, 20.1., fanga tie Peem zu lewa an und sollten nicht
mehr ausgehackt werden. In Apatin buk man an diesem Tage viele Schmalzküchel,
damit Wind und Sturm das Haus nicht abdeckten. Obwohl der Hl. Fabian im
Legendarium nur als Schutzpatron gegen die Pest gilt, hat man ihn, genau
wie den Hl. Sebastian, als Beschützer der Jäger und Müller
angerufen und verehrt. In der Alltagssprache gab es viel weniger Fawijan
als Paschtl.
Mariälichtmeß, 2.2., der Tag, an dem die Kerzen in der Kirche
geweiht wurden und man mit ihnen das Feuer im Sparherd oder Batzofen entzündete.
Groß war der Feiertag nur, wenn er auf einen Sonntag fiel. Dann
zündete man im Hause mehrere geweihte Kerzen an, weil sie im Wachs
die Menschwerdung Christi und im Licht seinen heiligen Geist versinnbildlichten.
Die Schokatzennachbarn hatten so eine Kerze mit schönen Mustern und
Darstellungen darauf das ganze Jahr über auf einem Mauerabsatz im
Hause stehen.
An Blasius, 3.2., bekam man mit geweihten Kerzen in der Kirche vom Priester
den Blasiussegen, damit man gesund blieb. Mit zwei als V vor dem Gesicht
des knienden Gläubigen gehaltenen Kerzen murmelte der Pfarrer ein
lateinisches Gebet. Anschließend bekam man noch ein Kreuzeszeichen
auf die Stirn gemalt. Fiel der Tag nicht auf einen Sonntag, so holte der
Pfarrer am nächsten Sonntag bei den noch nicht Geweihten den Blasiussegen
nach.
4.11 Fasching
Die Faschingszeit war meistens schon Anfang Februar zu spüren
- bis zum 40. Tag vor Ostern. Das war jedes Jahr in einer anderen Woche.
Im südungarischen Gebiet begann die Faschingszeit schon bald nach
Hl. Dreikönig und endete, wie überall, zu Aschermittwoch. Im
jugoslawischen Teil der Batschka feierte man nur in der letzten Woche,
zwischen dem 'fetten' oder 'schmutzigen' Donnerstag und Faschingsdienstag.
Bei uns im gemischt-nationalen Dorf wurden am Samstagabend einige Maskenbälle
abgehalten, bei denen sich die Jugend und Jungverheirateten im Gesicht
einpuderten und mit Schuhwichse bemalten, oder auch nur schwarze Augenbrauen
machten und ein besonderes Kopftuch aufsetzten. So nahmen sie in sparsamer
Maskerade an einem lustigen Faschingsfest mit ausgelassenem Tanz teil.
Setzte man eine Hochzeit in diese Zeit, so ging es noch etwas verrückter
zu. In diese Zeit fiel auch das letzte Schweineschlachten, mit Schwartenmagen-,
Wurst- und Schinkenräuchern; später Geschlachtetes konnte man
nicht mehr frisch halten.
Den Tag des Hl. Josef, oder Josefi, 19. 3., hielten die Zimmerleute
und Tischler als arbeitsfreien Feiertag. Sie zogen sich schöner an
und machten die Werkstatt sauber. Ganz Fromme schickten heimlich ein besonderes
Gebet an ihren Schutzpatron, den Ziehvater Jesu, zum Schutz ihrer Werkstatt.
In jeder Familie bekam man an diesem Tag etwas über den braven Josef
zu hören, als Beispiel für einen guten Vater.
4.12 Aschermittwoch bis Palmsonntag
Am Aschermittwoch, 40. Tag vor Ostern, gingen wir übereifrige Buben
zur Kirche, in die Frühmesse, obwohl es kein Feiertag war, und ließen
uns ein Aschenzeichen vom Pfarrer auf die Stirn malen. Dann waren wir
sicher, dass uns nicht nur die Faschingssünden durch den Herrgott
erlassen würden. Je schlimmer der Bub, umso länger ließ
er den Aschentupfer auf der Stirn stehen.
Mariaempfängnis, 25.3., war ein großer Feiertag mit längeren
Gebeten beim Aufstehen und Kirchgang, doch es war zuletzt kein arbeitsfreier
kirchlicher Feiertag mehr. Bei den Schokatzen-Nachbarn trank man an diesem
Tage gesegneten Rotwein, und die Ungarn schüttelten die Bäume;
bei ihnen heißt der Tag ja Gyümölcsolto Boldogasszony
/ (Obst) Veredelungs-Glückseelige (Jungfrau). Allen Nationen brachte
dieser Tag die Veredelung als Menschen, und es war für alle Lebewesen
und Gewächse der Natur die beste Zeit des Ausputzens, der Auswahl
und Veränderung zum Besseren. Es hieß, dass ein Gewächs,
an diesem Tag gesteckt oder veredelt, sicher weiterwuchs und mehr Nutzen
brachte.
Im Ostermonat April kamen andere Heilige - wie Georg, 24. 4., und Markus,
25. 4., nicht so zur Geltung. Den Hl. Georg - ung. Szent György,
slaw. Sveti Juraj - verehrten die Hirten als Schutzpatron und gingen an
seinem Tag, das letzte Mal bis zum Herbst, zur heiligen Messe. Georg,
der Drachentöter, sowie auch der Evangelist Markus, beschützten
die großen Schafherden und halfen das ganze Jahr über gutes
Weideland zu finden. Am 25. 4. hat man auch gerne die grünende Frucht
(Weizen) auf dem Felde vom Pfarrer weihen lassen. Früher machte er
mit einer Prozession den Rundgang, später fuhr er mit dem Bauernwagen
und hatte einen Weihwasserkessel mit Spritzrose dabei. Begonnen hat der
- nicht nur wettermäßig verdrehte - Monat mit dem April-April
oder Aprilschicken, am 1. 4. Je geschickter man das machte, umso besser
erging es einem selbst. An Hugo, demselben ersten Apriltag, begann man
mit der Arbeit im Weingarten, wo die Rebstöcke von den frostschützenden
Erdhäufeln befreit und die Triebe zurückgeschnitten wurden.
Am Palmsonntag, dem Sonntag vor Ostern, brachte man frische Weidenruten
in die Frühmesse und ließ sie so weihen. Danach kamen sie in
ein Dunstglas mit Wasser, wo sie nach einigen Tagen Palmkätzchen
bekamen. Der Gründonnerstag war zweiteilig, zuerst feierte man ihn
zur Hilfe für einen besseren Feldertrag und schüttelte so fest
wie möglich alle Gartenbäume, dann, am Nachmittag ließ
man das Feuer im Sparherd ausgehen, wegen des traurigen Ereignisses, das
er der Christenheit brachte. Gegen Abend hieß es, dass die Glocken
nach Rom abgeflogen sind, und man begann an ihrer Stelle, zum Vesper-
und Abendläuten, mit einer Holzklapper zu klappern. Inzwischen war
das Feuer in allen Öfen ausgegangen.
4.13 Karfreitag und Karsamstag
Karfreitag war der erste große Osterfeiertag, an dem man
in das stille Hochamt ging. Der Priester las in Schwarz die Hl. Messe,
und alle Kruzifixe waren mit schwarzen Tüchern verhangen. Außer
der Hostie und ein wenig Trockenbrot, Einbrennsuppe und Trinkwasser nahm
man an diesem Tag nichts zu sich. Es herrschte strenges Arbeitsverbot,
wovon nur das lebenswichtige Tränken des Viehs ausgenommen war.
Am Karsamstag, so gegen Mittag, zündete man das Feuer im Sparherd
wieder an und begann das erste geräucherte Schinkenfleisch des Jahres
mit Eiern in Schale zu kochen. Die Eier bekamen von der mitgekochten Zwiebelhaut
eine braune Farbe. Nachmittags kamen die Glocken aus Rom zurück;
wer das sehen wollte, ging zum Warten in die Kirche; plötzlich waren
sie da und begannen zu läuten. Nach der Vespermesse ging man heim
und aß von dem gekochten Schinken.
4.14 Ostern
Ostersonntag war daheim der größte Feiertag des Kirchenjahres.
Schon in der Frühe kam viel Frühstück auf den Tisch: gefärbte
Eier, Schinken und Würste, soviel wie man nur wollte. Man betete
aber vor dem Essen mehr als sonst, womit man es segnete. Jeder Gottesdienst
war gestopft voll Gläubiger, und es gab mindestens zwei Messen und
eine Vesper. Unser Pfarrer hatte einmal - bekanterweise - zum Mittagessen
ein ganzes Lamm gebraten und bewirtete damit zwei Pfarrkollegen. Am Nachmittag
gingen alle drei hinaus auf das Feld, zu einem ausgedehnten Spaziergang,
der, wie es hieß, an den Emausgang des auferstandenen Jesus erinnern
sollte. Die jungen Bauern ritten gerne den gleichen Weg mit aufgeputzten
Pferden. Wir Kinder wünschten den Erwachsenen in der Familie und
den besten Verwandten Frohe Ostern und bekamen dafür Geld und gefärbte
Eier.
Am Ostermontag besuchten sich die Verwandten gegenseitig, und man aß
und trank viel zusammen. Kinder flochten sich eine dicke Peitsche (Korbatsch)
aus Hanfschnur (Spagat) und Raffifäden (importiertes Schilfgewächs)
und taten so, als wollten sie die Erwachsenen und Besucher damit hauen.
Die Ungarn-Burschen und -Männer bespritzten alle erreichbaren Mädchen
und Frauen mit Brunnenwasser oder Kölnisch - was sie heut noch begeistert
tun - und bekamen dafür Eier oder einen Spritzer Wein; eingeladen
zum Hinsetzen und Essen von Kuchen oder mehr wurden - und werden - nur
die Verehrer. Gleich nach Ostern war Weißer Sonntag. Manche feierten
ihn als kleine Ostern, und alle gingen schön angezogen zur Kirche.
Für die Raitzen - Schokatzen und Bunjewatzen - war es ein großer
Feiertag.
4.15 Majaalus und Maiandacht
Der Pfingstmonat begann überall mit der Majaalusfeier. Der 1. Mai
wurde als Anfang des schönsten Monats in der Natur vom Menschen gespürt
und gefeiert. Ein arbeitsfreier Staatsfeiertag war es, wie schon erwähnt,
nicht, und nur die Städter machten mit einem lustigen Musikumzug
in ein Wäldchen oder an ein Flußufer einen größeren
Aufwand um ihn. Heimliche Zusammenkünfte und politische Ansprachen
durch sozialistische Arbeiterführer gab es erst ab Anfang der Dreißiger,
wegen der großen Hungersnot und wirtschaftlichen Schwierigkeit in
der westlichen - "kapitalistischen" - Welt, welche mit etwas
Verspätung aber umso stärker auch zu uns kam. Vor dem Zweiten
Weltkrieg ging dann die Jugend schon in nationaler Trennung zum Majaalus.
Für die Frauen und ältere Menschen gab es den ganzen Monat über
in der Kirche die Maiandacht, wo zur Muttergottes der Rosenkranz gebetet
wurde.
4.16 Hl. Florian bis Hl. Urban
Floriani - 4.5. - feierten die Handwerker, deren Schutzpatron er war,
als kleinen Feiertag mit weniger Arbeit: die Bäcker, Schmiede, Schornsteinfeger
und Feuerwehrleute, die alle an diesem Tag nur das Allernotwendigste machten.
Die Eisheiligen - 12. bis 14. Mai - fürchtete man und betetete an
diesen Tagen mehr als sonst zu den Hl. Pongraz, Bonifaz und Sofia. An
Johannes von Nepomuk oder Johanni - 16.5. - brachten und legten die eifrigsten
Kirchgänger geweihte Kränze und Blumen zur Statue des Heiligen,
welche in jedem Dorf mindestens einmal an einer größeren Kreuzung
oder Brücke ihren Stammplatz hatte. In Baja gab es an diesem Tag
an und auf der Donau ein Fest, und der Priester segnete den Fluss mit
Weihwasser, indem er ihn betend mit der Silberrose bespritzte. Der Urbanstag
- 25.5. - wird heute noch, genau wie früher, in den Weindörfern
groß gefeiert. Die Hajoscher und Tschtaljaer machen das am auffäligsten,
mit einer Prozession zu oder mit einem Hl. Urbansbild und Segnen der Weingärten.
Verhieß das Wetter einen reichen Traubenbestand, dann wurde der
Heilige zum Dank mit Wein bespritzt. In Hajosch gibt es zu seinen Ehren
immer noch einen Jahrmarkt in den Kellergassen, größer als
jede Kirchweih - an dem Sonntag, der am nächsten dem Urbanstag liegt,
vor- oder nachher.
4.17 Pfingsten
Sieben Wochen nach Ostern wurde, wie überall bei den Katholiken,
Pfingsten gefeiert. Am Pfingstsonntag gingen fast alle unsere Menschen
in ein Hochamt mit kleiner Prozession - um die Kirche herum -, damit der
Hl. Geist sie erhellt und sie gesund und fromm bleiben mögen. Meistens
gab es an diesem Tag auch - unregelmäßig in den Dörfern
und Familien - eine Wallfahrt zu einem Prindl (hochdeutsches Wort ist
mir unbekannt!). Fußmärsche bis zu 20 km, nach Doroslowo oder
Marjud (ungar. Mariagyüd), waren keine Seltenheit. Für Kranke
und Kinder spannte man einen Fest- oder Paradewagen an.. Die Ungarn machten
es ebenso. Die Raitzen - Schokatzen und Bunjewatzen - trugen den ganzen
Tag über, mit schön, weiß gekleideten Mädchen, Kirchenfahnen
von Haus zu Haus und sangen ihre dalmatinischen Lieder, für die sie
nachher Geld bekamen. Der Pfingstmontag war für die Wallfahrer ein
Ruhetag, die übrigen Gläubigen verrichteten leichte Arbeiten,
z. B. im Weingarten Reben binden und ausgeizen, im Garten Rüben vereinzeln
oder aber sie machten nur einen Kontrollgang durch die angebauten Felder
- eben solche Arbeiten, die man ohne Werkzeuge erledigen konnte, weil
es ja noch ein besinnlicher aber kein strenger Feiertag war.
4.18 Kirchweih
Die Kirchwei/Kerwei wurde für jede Kirche gesondert gefeiert
- zwischen Mai und Oktober - und zwar an den Tagen des jeweiligen Kirchenpatronats
der Ortschaften, z.B. Hl. Dreifaltigkeit, Antoni, Herzjesu, Mariaheimsuchung,
-himmelfahrt, -geburt, Micheli, Wendelini, usw. Außer jenem vergnüglichen
Teil, der auf einem Dorf-, Markt- oder Stadtplatz gefeiert wurde, gehörte
am Vormittag das Hochamt und eine kleine Prozession um die Kirche zum
üblichen Brauch. Fielen die Hl. Gedenktage jeweils auf einen Wochentag,
feierte man die Kirchweih am nächsten Sonntag, vor- oder nachher.
Die Kirchweih nahm unter den Feiertagen einen besonderen Platz ein, weil
sie für christliche wie weltliche, gläubige und ungläubige
Menschen einen gleich großen Anlass zum Feiern bot. Sie hat, wie
kein anderes Fest, alle Nationen und Religionen in der Feierlichkeit und
Lustigkeit vereinigt und hat so, in zeitloser Manier, seit dem Bau der
Kirche und bis zu ihrem Ende, gerne ihr Bestehen gefeiert. Die Vandalen,
welche nach unserer Vertreibung Hand an die Kirchen legten, begriffen
nicht, wie sehr sie sich selbst und einem harmonischen Zusammensein mit
den Nachbarn schadeten. Dort wo unsere Heimatkirchen noch stehen und ihre
Existenz jedes Jahr von Neuem gefeiert wird, gibt es in weitem Umkreis
- nicht nur am Kirchweihtag - eine wesentlich bessere Verständigung
zwischen den Menschen. Hl. Dreifaltigkeit - erster Sonntag im Juni - war
ein altes Fest und wurde noch aus der Pestzeit geheiligt. Blumen durften
an diesem Tag an der Pestsäule nicht fehlen; und wenn man etwas für
die Gesundheit tun wollte, musste man unbedingt in die "kleine Messe"
der Kirche gehen und zu Gottvater, Gottsohn und dem Hl. Geist beten.
4.19 Hl. Dreifaltigkeit und Fronleichnam
Der erste Sonntag im Juni wurde als ein altchristliches Fest schon aus
der Pestzeit geheiligt. An dem Tag durften keine Blumen an den Pestsäulen
fehlen. In der Kirche beteten Fromme die Fürbitten gegen Seuchen.
Mitten in der Woche auf Dreifaltigkeit war Fronleichnam, mit einer großen
Prozession durch das ganze Dorf und zu drei Gassenkapellen. Mit den Kirchenfahnen
an der Spitze und dem Tabernakel unter einem tragbaren Himmel gingen die
Gläubigen des ganzen Dorfes langsam, auf einem mit vielen Blumenblüten
bestreuten Weg, und sangen und beteten laut. Die zu Herzjesu, Herzmaria
und der Hl. Muttergottes geweihten Kapellen waren an diesem Tag übervoll
mit Blumen- und Lichtkränzen behangen. Vor jeder sagte der Pfarrer
seine Fürbitten und Litaneien laut her und segnete mit dem Tabernakel
die knienden Gläubigen. Zuletzt wurde an einem Freialtar vor der
Kirche dasselbe gemacht und um die Kirche herumgegangen, bevor drinnen
fast alle kommunizierten und den Segen für den Heimgang bekamen.
4.20 Hl. Antonius – Peter und Paul
An Hl. Antonius (von Padua) oder Antoni - 13. 6. - betete und
dankte man an seiner Statue in der Kirche oder am Platz im Dorf. Auch
sonst, das ganze Jahr über, hat es geholfen, wenn man ihm einige
Geldstücke in den Opferstock tat und flüsterte, für was
er sie bekam. Er war ein wichtiger Heiliger, der einem den sicheren Weg
durch das Leben und bei allem anderen Suchen zeigte. Die Kuhhüter
(Kuhhaldr) verehrten ihn als Schutzpatron. Junge Pferde wurden an seinem
Tag zum erstenmal neben einem alten angespannt und zu einer Antonius-Statue
gebracht und so gesegnet. Gleich nach den wichtigsten Großwallfahrten,
nach Rom und Lourdes, kam diejenige nach Padua, zum Grab des Heiligen
und seiner unverwesten Zunge. Ein dortiges Glasmedaillon, mit einem kleinen
Stoffrestchen von seinem Gewand, bewahrte man ein ganzes Leben lang an
einem sicheren Ort auf, oder aber man nähte es ein in ein Kleidungsstück,
um es so zu verehren und sich von ihm schützen zu lassen. An Johanni
- 24. 6. - begann der Schnitt, und deshalb betete man zum Hl. Täufer
und bat ihn um schönes Wetter. Er war der Schutzpatron der Kleinkinder,
die ohne Taufe sterben mussten, weswegen ihn ihre Mütter um Fürbitte
anriefen. In den Dreißigern hielten die Erneuerer des Kulturbundes
ihre Sonnwendfeier an diesem Tag, und die Jugend marschierte auf einen
Feldhügel, machte ein Lagerfeuer und sang deutschländer Lieder.
Ungarn und Zigeuner hatten schon immer so ein Johannes-Feuer, über
das sie sprangen, um sich zu reinigen und gesund zu bleiben.
Peter un Paul - 29.6. - mach tie Äppl faul, aber auch gut und reif,
überhaupt die Sorte, welche ihre Namen hatte. Sie waren die ersten
und besten, weich und süß, hielten sich aber nicht lange. In
vielen unserer Kirchen waren die Denkmale/Standbilder der Heiligen rechts
und links des Altars aufgestellt und zeigten so mit, Schlüssel und
Buch, die starke römischkatholische Kirche, als feste Burg und weise
Einrichtung.
4.21 Mariaheimsuchung bis Hl. Rochus
Am 2.7. war das Fest des Erntebeginns - ungarisch Sarlos Boldogasszony
(Sichelmuttergottes) - da früher nur mit einer geweihten Sichel die
Brotfrucht geschnitten werden durfte. Dem großen Szegediner Volkskundler,
Bálint Sándor, nach, schnitten noch im 18. Jahrhundert die
ungarischen Frauen so die Frucht und die Männer banden die Garben
und setzten die Kreuze. Bei uns weihte aber niemand mehr seine Sichel,
obwohl noch die Frauen damit die Garben (Klecken) rafften. Man hat an
diesem Tag, etwas frommer als sonst, in der Frühmesse zu der schwangeren
- und deshalb doppelt heiligen - Muttergottes gebetet. Am Annatag - 26.7.
- beteten und sangen die Schwangeren und Kranken viel zu Mutter-Anna:
Mutter Anna mit Maria, Deiner Tochter, bitt für uns... Ganz fromm
und lange wurde die Anna-Litanei in der Kirche gebetet. An Mariaschnee
- 5.8. - arbeiteten die Frauen etwas weniger, und man buk in einem frommen
Hause kein Brot.
Mariahimmelfahrt - 15.8. - war der größte Kirchenfeiertag des
Sommers, und er wurde - mitten in der Großarbeit - arbeitsfrei gefeiert.
Davor wurde das Haus gründlich geputzt, die Bettwäsche und Zudecken
(Tuchata) sind ins Freie gehenkt worden, und man bespritzte die Blumen
mit Weihwasser. Bei Wallfahrten an diesem Tag, übernachtete man beim
Bründel draußen im Freien, betete nochmals in aller Frühe
und ging erst danach heim. Einem alten Siebenbürger Kodex nach, soll
an diesem Tag der Hl. Gerhard sein Bistum und ganz Ungarn dem Schutz der
Hl. Muttergottes unterstellt haben. Wie bekannt tat dasselbe auch der
erste ungarische König, Stefan der Heilige. Seither wird der Tag
Mariahimmelfahrt in Ungarn, nach dem Stefanstag - 20.8. - als größter
kirchlich-weltlicher Feiertag gefeiert.
Der Hl. Rochus - 16.8. - schützte jedes Dorf mit einem Denkmal
im Freien vor Pestilenz und sonstigen großen Heimsuchungen. Wir
Kinder schauten ihn gerne an, weil es hieß, dass er auf die Frage,
Rochas was machsch? - niks (!) antwortete. Das Nichts konnten wir natürlich
nicht hören, fragten aber immer wieder von Neuem.
4.22 König Stefan der Heilige
Mitten im Hochsommer, am 20. 8., wenn die pannonische Hitze alle Kreatur
zur Buße, vielleicht wegen sündhafter Völlerei, zu Boden
drückt, erscheint im Firmament des Karpatenbeckens ein ersehnter
Retter - der Hl. Stefan. Wie im Jahre 1000, das für Ungarn das Jahr
Null bedeutet, befreit er sein Volk jedes Jahr aufs Neue von allem, was
es vom rechten Christenweg abbringen könnte. Kein Regime und keine
Ideologie konnten bisher den tiefen Glauben der Ungarn an Ihren ersten
König und seine christliche Heilslehre erschüttern. Allein die
öffentliche Teilnahme an einem der landesweiten Volksfeste scheint
so zu wirken, wie eine katholische Beichte und Buße: Die Teilnehmer
sind beim Heimgang von einem Stefansfest nicht dieselben, die sie am Morgen
waren. Sie sind sogar als Atheisten für eine Weile keine Ungläubigen
mehr. Die gläubigen Ungarn feiern und verehren dieses große
Fest mit der Darbringung des Wertvollsten was sie haben, dem ersten Brot
aus der neuen Frucht, indem sie ein Stück davon zur Hl. Messe mitnehmen
und weihen lassen. Wir Donauschwaben verehren den großen, heiligen
Staatsgründer Ungarns auch als unseren, hauptsächlich weil er
mit Hilfe seiner unverwesten Rechten, im Verein mit unserem Schutzpatron,
dem Hl. Gerhard, im Kampf gegen die Heiden das Christentum in unserer
alten Heimat festigte. Nach dem Tode König Stefans ist sein Königreich
in vielen Gegenden wieder vorübergehend heidnisch geworden, nur das
Bistum unseres Schutzpatrons, Csanád, blieb für immer gläubig.
4.23 Erntedankfest
Auf Ende August und Anfang September hatte man in den meisten Dörfern
das Erntedankfest gelegt. Übernational trugen früher die Gläubigen
etwas von den wichtigsten Ernteerträgen zur Weihe in die Kirche.
Das geschah meist zusammen mit der Verehrung von Mariageburt, am 8.9.
Als der kleinste unter den Marientagen wurde er nur dort als Marientag
gefeiert, wo man an ihm Kirchweih hatte (ein Ereignis, das eines der schönsten
Motive für das Altarbild abgibt - Mutter Anna im Kindbett, die Seligste
als Kleinkind von frommen Besucherinnen verehrt und beschenkt - in einer
Umgebung, die noch nichts von der großen Berufung des Kindes ahnt).
Da dieser Feiertag nicht arbeitsfrei war, wurde und wird heute noch die
Kirchwei am vorhergehenden oder darauffolgenden Sonntag begangen. Die
gläubigen Bauern ließen zu unserer Zeit gerne aus diesem Anlass,
nebst dem Brotgetreide, auch ihr neues Viehfutter für die kommende
Mastsaison segnen.
4.24 Hl. Gerhard/Gellért - bis Hl. Wendel
Der donauschwäbische Schutzpatron, der Hl. Gerhard, hat
nach dem ungarischen Kalender am 25. 9., dem Tag seines Martyriums, sein
kirchliches Jahresfest, nach unserem am 29.11. Man sollte sich, glaube
ich, da schon an das erste Datum halten, weil der erste Csanader Bischof,
als Märtyrer und Wundertäter, an diesem Tag in unserer Heimat
schon verehrt wurde, als von einem Schutzpatronat für unser vertriebenes
Volk noch niemand etwas wusste.
An Erzengel Michael oder Micheli, 29.9., dem Fest des bekanntesten Himmelsboten,
hatten auch einige Batschkaer Ortschaften Kirchweih. In Bereg legten tückische
Atheisten-Partisanen und Neukommunisten auf diesen und den darauffolgenden
Tag des Jahres 1945 die Vertreibung und Internierung der restdeutschen
Familien; womit die "Säuberung" ihres Landes vom "kukolj"
/ Unkraut einen vorläufigen Abschluss fand. Für die Schafhirten
war und ist die Micheliwoche die Zeit, ihre 'Halt' aus der Feldkoppel
in die Hauskoppel zu bringen.
Wendelini, 20.10., als Schutz- und Kirchenpatron des großen Oberbatschkaer
Internierungslagers Gakowa, wird seit der Lagerzeit von den Überlebenden
sehr verehrt, wurde doch in seiner Kirche das Gelübde Pater Grubers
in traurigster Feier vollzogen: ,Wenn wir aus diesem Jammertal errettet
werden, geloben wir, der Hl. Muttergottes eine Kirche zu bauen und jedes
Jahr dahin zu wallfahren’. Die Überlebenden bauten das Gotteshaus
in Bad Niedernau, in Württemberg, und pilgern alljährlich –
in noch immer gleichbleibender Zahl – dorthin. Wendelini hatte aber
in fast jedem überwiegend katholischen Dorf ein zentrales Standbild
und manche Gassen trugen seinen Namen. Bis zu seinem Tage hatte man alle
Feldarbeit abgeschlossen - Kukuruzbrechen, Herbstsaat, Stoppelstürzen,
usw. Da konnten auch die letzten Kirchweihen des Jahres einen ausgelassenen
Abschluß finden.
4.25 Allerheiligen
Am 1.11. war und ist in der alten Heimat der Festtag der ungenannten
himmlischen Heerschar. Nach der Verheißung der Hl. Schrift werden
einmal alle Christen ohne Sünde und jene, die sie im Fegefeuer verbüßten,
für ewige Zeiten an der rechten Seite Gottes, unter allen Heiligen
sitzen dürfen. Es kann zumindest niemandem schaden, sich darüber
einmal an einem trüben Novembertag Gedanken zu machen. Weil der Kalender
zu klein ist, um für jeden Heiligen einen eigenen Tag zu Weihen,
gedenken die Gläubigen einmal, in einer großen Litanei, zusammen
mit dem Priester an alle verstorbenen Propheten, Apostel, Patriarchen,
Diener Gottes, vorbildlichen Glaubenskinder, Märtyrer, Beseelten,
treuen Hirten des Herrn, geweihte Nachfolger Christi - und noch weitere
hundert Arten, die der Szegediner Volkstumsforscher, Sandor Balint, in
seinem Buch "Ünnepi Kalendarium / Feiertagskalender aufzählt
und aus dem viele Fakten dieser Jahresübersicht stammen.
Allerseelen, 2.11., war das traurigste, arbeitsfreie Fest des Jahres,
an dem man sich ausgiebig mit allen Verstorbenen beschäftigte: mit
Gebeten, geweihten Kerzen und Erinnerungen an jene Zeit, als sie noch
unter uns oder unseren Vorfahren lebten. Bei der früheren großen
Sterblichkeit, hatte jede Familie von Früh bis Spät genug zu
tun, bis sie für alle Verstorbenen wenigstens dreier Generationen
kurz betete und für sie auf den Gräbern Kerzen anzündete.
Der Chronist betete, z. B. mit der Großmutter an diesem Tag: für
ihre Eltern, Geschwister, ihren im Ersten Weltkrieg gebliebenen Mann,
seine Eltern und Geschwister, dann für fünf bald nach der Geburt
verstorbene Kindlein der Großmutter - zu denen wir immer nur "unsri
Kinnr" sagten -, anschließend noch für alle Verwandten
ersten und zweiten Grades, die mit unserer Familie in guter Beziehung
standen. Weil es durch den langen Rundgang in den Gräberreihen dunkel
geworden ist, leuchteten unsere zwei Dutzend Kerzen, sowie der gewundene
Wachsstock, heimelig warm unter den vielen ähnlichen Flammen und
festigten zu allen Verstorbenen das Lichterband unseres Gedenkens.
4.26 Wallfahrt
Zu den christlichen Geboten und Pflichten, denen die Batschkaaer Gläubigen
– aller Nationen - in der warmen Jahreszeit gerne folgten, gehörten
die Wallfahrten zu den "Prindl" /heilige Wasser/ der Wallfahrtsorte,
von denen die wichtigsten, "großen", in einem Tagesmarsch
mit einer Prozession erreichbaren waren: Máriagyüd - Marjud
- in der Baranya, mit einer wunderträchtigen Muttergottes-Statue
aus dem 18. J.H; Mariaradna im Banat, mit einem Gnadenbild der Mariaverkündigung
in der Franziskaner-Kirche, aus dem 17. J.H.; Hajoscher Prindl, mit einer
aus Württemberg durch die Siedlerahnen mitgebrachten Wunderstatue
der Muttergottes, in der Kirche zum Hl. Emmerich; Bajaer Vodice (Prindl
auf Slawisch), mit der Tränenreichen Muttergottes in der Wunderkapelle;
Dorosloer Prindl, mit dem Bild der Königin Muttergottes, aus dem
18. J.H., in der Kirche z. Hl. Emmerich: Zu den sogen. kleinen Prindl
zählten wir jene in Tschanopl, Batsch, Batschkrstur, Peterwardein
und Ilok; das Letztere mit dem Grab des Hl. Joh. Kapistran, dem Wundertäter
aus der Türkenzeit.
Die Wallfahrten waren, je nachdem woher die Gläubigen kamen, ein-
oder zweitägige, und man ging mit ihnen immer dorfweise, bis nahe
vor den Gnadenort ohne bestimmte Ordnung, nur dass die Männer das
Kreuz und mindestens zwei Kirchenfahnen voraustrugen, wobei die Mädchen,
Kinder und Frauen wahllos hinterher folgten. Beim Prindelort angelangt,
ordnete sich die Prozession in Viererreihen: Männer mit Kreuz und
Fahnen voraus, zwischen ihnen und der männlichen und weiblichen Jugend
ein männlicher Vorsänger (heutzutage mit Mikrofon und Lautsprecher),
danach die Vereine mit ihren Fahnen, Vorsängerinnen, evtl. Chöre,
Ministranten in Messgewändern, Muttergottesmädchen in Weiß,
dann der 'Himmel' (Baldachin) mit vier starken Trägern an den Eckstangen
und dem Pfarrer mit feierlichstem Mantel und Monstranz darunter, und mindestens
ein Kaplan an seiner Seite, das Rauchfass schwingend; hinter dem Baldachin
gemischte Paare, alleingehende Frauen, und zum Schluss alte Leute, die
es sich aber nicht nehmen ließen, die vieljährige Übung
der Fahnenträgerinnen, so lange sie es körperlich schafften,
fortzusetzen. Diese Fahnen waren und sind heute noch, mit das Schönste
der Prozession, da sie alte individuelle Stickarbeiten frommer Frauen
darbieten, deren Segen über Generationen hinausreicht. Während
die Prozession langsam durch den Wallfahrtsort zum Prindl zieht, läuten
alle Kirchenglocken und überdecken die lauten Litaneien und Kirchenlieder,
so dass sich jeder Teilnehmer dem Himmel nahe vorkommt. Meist waren –
und sind - Wallfahrten Bitt- und Danksagungen derjenigen, die tief im
Inneren an Wunder des Himmels glauben, daran, dass sie vor materieller
Not, Krankheit und körperlichem Gebrechen, Kinderlosigkeit und schlechter
Ehe befreit wurden oder werden. Ob jemand allerdings vor der Heimsuchung
des Zweiten Weltkrieges daran dachte, den Himmel zu bitten, er möge
uns um alles in der Welt vor der Erhebung der Waffe gegen unsere Mitmenschen,
vor Lager und Vertreibung bewahren - von solchen Wallfahrtsgebeten ist
nichts bekannt.
4.27 Sonstige Christenpflichten
Bei allen feiertäglichen Gewohnheiten und Vergnügungen
hielt man sich im Allgemeinen an das christliche Gebot (Du sollst den
Tag des Herrn heiligen), im Besonderen, tat man dennoch hie und da etwas
ungebotenes, in der festen Hoffnung auf himmlische Einsicht. Dadurch kam
auch der Mensch an den Feiertagen zu seinem vollen – irdischen –
Lebensrecht. Das bestand zuerst mal in gutem Essen und Trinken. Bei den
Feiertagsvergnügungen richtete man sich nach der Jahreszeit und nach
dem Alter. Die Jugend fand außer Haus zusammen, die Alten daheim.
Zu den auswärtigen Vergnügungen gehörten, bei den großen
Burschen, das Sportschauen oder sportliche Mitmachen, das Kegeln, Kartenspielen,
Wirtshausbesuchen, Tanzen, Spazieren, Flanieren, Rudern und Wandern; bei
den kleineren Buben auch das Sportschauen – meistens Fußball
– dann Angeln, Vogeleier suchen, Vögel jagen mit Schleudern
und Fallen, die älteren Jahrgänge belauschen und beäugen,
u.ä. Bei den großen Mädchen, ab 14 Jahren, war an Feiertagen
das Wichtigste das schöne Einkleiden und auf der Gasse sitzen, Herumflanieren,
Tanzen gehen und das Singen in der Gruppe; die kleineren mussten daheim
bleiben, wo sie ,Reihe halten’, d.h. sich gegenseitig besuchen durften
und mit Puppen spielten. Zu den meisten Hausvergnügungen der Männer
gehörte ebenfalls das gegenseitige Besuchen, das Kartenspielen, Radiohören,
Weintrinken und Politisieren, sowie (was von der Erlaubnis der Frauen
abhing – oder auch nicht) der Wirtshausbesuch. Die Frauen besuchten
sich gegenseitig, hörten – getrennt von den Männern –
Radio und machten, wenn der Feiertag nicht zu bedeutend war, eine leichte
Handarbeit, häkelten oder stickten (das Stricken gehörte nicht
zum reinen Vergnügen).
5 GESANG, MUSIK UND TANZ
Alle drei Unterhaltungsarten waren etwa gleich beliebt. Das erst in den
letzten 15 Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg nach und nach eingeführte
Radio hatte noch keinen großen Unterhaltungsaffekt; zu groß
waren die Mängel in der Tonwiedergabe – vor allem beim Gesang.
Auch bei Musik und Tanzmelodien kamen die von den Schellackplatten gekratzten
Wiedergaben bei weitem nicht an die wirklichen Melodien der Musikkapellen
heran. Aus diesen und einer Fülle weiterer Gründe schaltete
man das Radio nur aus Neugier an. Jedenfalls ist es interessant und sehr
aufschlussreich, kurz zu analysieren, wie sich die drei erstrangigen Vergnügungsfaktoren
im Leben der Vorfahren und zuletzt in unserer eigenen Erfahrung darboten.
5.1 Gesang
Die Batschkaer sangen im Gesangverein, im Kirchenchor, in der Burschen-
oder Mädchengruppe und Familie, oder auch allein, solche Lieder,
die noch mit den Ahnen bei der Ansiedelung in den Südosten kamen,
aber auch modernere, die mit Wanderchören und Kapellen aus Deutschland
und Österreich eingeführt wurden: (Reihenfolge nach dem Häufigkeitsgrad
ihres Singens) Kirchenlieder, Volkslieder, Trauerlieder / Moritaten, Tanzlieder,
Soldatenlieder, und alle, welche von den andersnationalen Nachbarn gesungen
wurden. Z.B. sangen meine Bereger zweisprachig, schwäbisch / hochdeutsch
und raizisch, gleich schön und ohne sich um dialektische Feinheiten
zu kümmern. In anderen Dörfern sangen sie dazu noch ungarisch,
weil auch deren Klangfülle oft unwiderstehlich war und leicht zum
Mitsingen verführte. Außer den von Konrad Scheierling in seinem
‚Donauschwäbischn Liederbuch’ gesammelten Batschkaer
Liedern, sangen unsere Menschen gerne Wehmütiges von Rhein und Neckar,
von Straßburg und Soldatenzeit: Jetzt fahr ich am Neckar, jetzt
fahr ich am Rhein; O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne
Stadt, darinnen liegt begraben so mancher Soldat...; Vom Himmel hoch da
kom ich her..., Ehre sei Gott in der Höhe..., Großer Gott wir
loben Dich... u.v.a.
Am meisten gab es in den Dörfern gemischte, männlich-weibliche
Chöre, welche weltliche Lieder im Verein und kirchliche während
der Messe sangen. Diese Chöre entstanden vor rund hundert Jahren,
davor waren sie reine Kirchenchöre, hatten ihren Platz oben auf dem
Chor, neben der Kirchenorgel und wurden vom Organistenlehrer (Kantorlehrer)
dirigiert. (Noch bevor ich beim Umzug in die Bundesrepublik Deutschland
– nach Internierung und Zwangsarbeit – mit neunzehn Jahren
hörte, woher unsere Vorfahren kamen, glaubte ich instinktiv, es müsste
die Gegend am Oberrhein sein, da dorthin der Inhalt der alten Lieder wies.
Meine Großmutter war eine gute Sängerin, und hatte bereits
als Kind und dann als Junge Frau mit ihrem Mann viel gesungen. Sie hat
mir manche Lieder aus ihrem reichhaltigen Repertoire beigebracht. Darunter
waren manche Moritaten und Soldatenlieder, aber auch lustige, wie z.B.
Wann tie Pelzkapp wiedich wert..., Wann ich mei Schimml vrkauf, geh ich
in s Werthaus un sauf... Ich un mei Aldi, mir kenna schee tanza...u.s.w.
In den Lagern Gakowa und Rudolfsgnad / Knicanin sangen wir Kinder, 1945-48,
ebenso wie die Erwachsenen, traurig-sehnsüchtige Heimatlieder, die
alle unsere Vertreibung von daheim zum Inhalt hatten. Wie tief in uns
das Trennungsweh saß, kann man daran erfühlen, dass wir Knaben
beim Tanzen, in einem breiten Hausgang, im Dreivierteltakt sangen: Die
Wolken sie ziehen schön – und ich muss jetzt weiter gehn –
und ich muss für immer fort – an einen anderen Heimatort...
Gottfried Habenicht vom Johannes Künzig Institut, Freiburg, hat in
seinem Buch ‚Leid im Lied’ viele Lagerlieder veröffentlicht,
welche von unserer großen seelischen Not aus der Nachkriegszeit
Zeugnis ablegen.
Später, zwischen 1948 und 51, als ich in Apatin als Werftlehrling
arbeitete, sangen wir viel im Sommer, an der Donau, beim Baden und Bootsfahren,
aber auch abends am Strand. Dann waren es keine Heimwehlieder mehr, sondern
Volks-, Wander- und Soldatenlieder aus Deutschland, denn diese hatten
die Apatiner Donauschiffer aus dem Mutterland mitgebracht: Lustig ist
das Zigeunerleben..., In einem Polenstädtchen..., Muss i denn, muss
i denn zum Städdäle naus..., Kein Schöner Land in dieser
Zeit..., Nun ade du mein Lieb Heimatland..., Wir lagen vor Madagaskar...
usw.
Vorher, in der Kriegszeit, sangen wir mit den Rekrutenjahrgängen:
Heute wollen wir marschieren..., Wenn die bunten Fahnen wehen..., Schwarzbraun
ist die Haselnuss..., Ich hatt einen Kameraden..., usw. Man sang diese
Lieder, weil sie schön klangen und weil man durch sie näher
zu Deutschland kam. Aber im nachhinein muss man manches solche Empfinden
als Massenverführung ansehen, so z. B. in einem Lied, das wir gedankenlos
bei Kriegsbeginn als Pimpfen lauthals von uns gaben: In London brennt
es, in London brennt es, sieh dorthin, sieh dorthin; Feuer, Feuer, Feuer,
und wir haben kein Wasser! Dabei streckten wir begeistert gegen Westen
die rechte Hand aus, zum unbesiegbaren Deutschen Gruß.
5.2 Musik
Unsere Musik kann in Blechmusik und Streichmusik grob unterteilt werden;
dann noch in verschiedene Musikbesetzungen, welche charakteristische Namen
hatten wie: Kleine und große Blechmusik / Blaskapelle, Jugendkapelle,
Marschmusik / Soldatenkapelle, Tanzmusik, Trauermusik, Zirkusmusik, Platzmusik,
Standmusik, Ständchenmusik und Salonmusik. Die Streichmusik unterteilte
sich ebenfalls nach ihrer Auftrittart in Wirtshausmusik und Konzertmusik.
Die im Wirtshaus dann wiederum in: Schrammel- oder Stimmungsmusik, Hochzeitsmusik
und kleine Musik. Jene im Konzertsaal in Konzert- und Unterhaltungsmusik.
Eine genauere Unterteilung hat unser bekannter Musikforscher, Robert Rohr,
in seiner Buchveröffentlichung Unser klingendes Erbe vorgenommen,
wo auch vieles aus der Oberbatschka aufgezeichnet ist. Z.B. kann für
Waschkut, für das Jahr 1910, eine Dorfmusik-Besetzung so aufgeteilt
werden: Je eine S- (erste) und B- (zweite) Klarinette, A1- und A2-Flügelhorn,
Bassflügelhorn, S-Trompete I und S-Trompete II, F- und B-Bass. Etwa
zur selben Zeit gab es in Kernei/Kerény (bei Sombor) eine 8 Mann
starke Blaskapelle, mit einer Besetzung von S- und B-Klarinette, Flügelhorn
(Trompete), S-Trompete, Bassflügelhorn, Trombon-Bass I und II. Für
die Besetzung in den Dreißigern, etwa 20 Jahre später, bestand
eine Schrammelmusik aus 1. und 2. Violine, Gitarre, Akkordeon, Streichbass,
Schlagzeug. Zugleich hatte, im selben Dorf, das Streichorchester eine
1. und 2. Violine, Bratsche, Ziehharmonika, Saxofon, Kontrabass und Schlagzeug.
Als ‚vergrößertes’ Orchester hatte dieselbe Gruppe
noch dazu eine 3. Violine, Cello, Klavier und Harmonium. Zuletzt, kurz
vor dem Krieg, hatte eine ,große Kapelle’ aus Waschkut die
folgende Besetzung: S- und B-Klarinette, 1. und 2. Flügelhorn, Bassflügelhorn,
1. und 2. S-Trompete, F- und B-Bass. Bei der ‘kleinen’ Besetzung
gab es daselbst: Violine, Ziehharmonika, Zimbal / Hackbrett, Bassgeige
und manchmal Klarinette. So ähnlich waren viele Kapellen und Orchester
in der damaligen Batschka besetzt. In Städtischen Besetzungen fanden
sich noch Waldhörner, verschiedene Posaunen und eine Triangel, kleine
und große Trommeln und Tschinteller.
5.2.1 Jugendmusik
Es waren entweder Nachwuchsgruppen der Dorf- und Stadtkapellen oder hatten
eigene Gründungen, wie z.B. die Werftkapelle aus Apatin, welche aus
27 Lehrlingen bestand und für Auftritte Marsch- wie Tanzmusik einstudierte.
Der Kapellmeister, Engelhard Gyula, beherrschte die meisten Instrumente,
und so ersetzte sein Vorspielen den jungen Musikern das Erlernen der Noten.
Die Besetzung entsprach einer großen Erwachsenenkapelle. Bei Auftritten
im Freien, war man vollzählig, im Saal wurde nur die halbe Besetzung
gebraucht, und keine großen Pauken und Tschinteller, während
der sitzende Trommler mit einer Fußeinrichtung auf seinem Instrument
alle Takte vorgeben konnte, die bei den modischen Tänzen nötig
waren,
5.2.2 Trauermusik
Bei Begräbnissen, spielten die erste und zweite Trompete, eine Klarinette,
das Bassflügelhorn oder eine Posaune, ein Bass und die kleine Trommel.
Gespielt wurde auf Bestellung ein Wunschlied und ein langsamer Trauermarsch.
Nur wenn der Tote zuhause von der Kapelle mit abgeholt wurde, gab es eine
größere Besetzung – und teurere Bezahlung.
Zirkusmusik ließ sich in den Dörfern dann sehen, wenn ein
Zirkus nahte und man für ihn Stimmung und Reklame machen wollte.
Meist saß die notdürftige Besetzung auf einem Bauern- oder
Zirkuswagen (der bekannteste Wanderzirkus in Südungarn vor dem Krieg
hieß ,Klutzki’) und spielte so laut sie konnte, bestehend
ungefähr aus: Trompete, Posaune, Geige, Bassgeige, Tschinelle, Großer
und kleiner Trommel. Das scheckige Zirkusgespann zog den Wagen durch das
Dorf, und blieb an jeder größeren Kreuzung stehen, um eine
musikalische Einladung in Ton, Wort und Schrift kund zu tun. Der als Clown
maskierte Musiker war zugleich derjenige, der laut eine Einladung rufend
Programmzettelchen verteilte, bzw. auf die Straße warf. Dieselbe
Besetzung spielte dann auch bei den Vorstellungen im kleinen Zelt oder
im Hof eines Gasthauses.
5.2.3 Platzmusik
Sie machte meist eine Militärkapelle, wo nur große, volle Besetzungen
in Frage kamen: an Staatsfeiertagen, bei Einberufungen, Verabschiedungen
der Gemusterten am Kreisbahnhof und, natürlich, während des
Krieges, wenn größere Truppenteile irgendwo Station machten.
Die Militärkapelle in Bewegung machte Marschmusik mit diversen österreichisch-ungarischen
Märschen. Standmusik hieß die Platzmusik der Zivilisten., welche
bei denselben Anlässen, wie von den Militärkapellen gespielt
wurde. In allen drei Fällen war die Besetzung so groß wie nur
möglich. Manchmal wurde die Blechmusik von einer Streichmusik vergrößert
oder abgelöst. Das war beim Übergang von einem feierlichen zum
gemütlichen Teil der Fall, z.B. wo man aus einem Wirtshaushof in
das gemütliche Innere wechselte.
5.2.4 Ständchenmusik
An größeren Ehrentagen oder Jubiläen, aber auch
nachts vor dem Hause eines Mädchens, brachten einige Musiker mit
kleiner, bzw. kleinster (Einmann-) Besetzung einige schöne Melodien
zu Gehör. Der oder die Geehrte hatte sich allein im Fenster zu zeigen,
was die Annahme des Ständchens bedeutete. Umgekehrte Fälle kamen
ebenfalls vor. Es war Brauch, dass man den Musikern ein Gläschen
zu Trinken anbot. Bei geehrten Mädchen überbrachte der Vater
das Getränk oder es kam nur ein schüchternes Dankeschön
ans Ohr des Spielers. Geehrte Vereinsmitglieder luden zum Trunk ins Haus.
Die romantischsten waren die Solobesetzungen, und sie bestanden aus Geige
oder Gitarre, Zieh- oder Mundharmonika oder aus einer C-Trompete. Bei
einem Kameradschaftsständchen kamen zu den Solisten noch beliebig
viele Mitspieler dazu.
5.2.5 Wirtshausmusik
Wirtshaus- oder Stimmungsmusik war meist Streichmusik in kleinen
Besetzungen: Geige, Klarinette, Gitarre und Bassgeige; Alternative: Ziehharmonika,
Zither, Klavier, Klarinette und kleine Trommel. Wesentlich war dabei,
dass sowohl die Unterhaltungs- wie Tanzlieder – ohne und mit starkem
Rhythmus – gespielt werden konnten. Reine Stimmungsmusik wurde zur
Unterhaltung in Gasträumen mit Essensangebot gemacht. Von einem einzigen
Solo-Musiker oder Duo, bis zu Trios, Quartetts und Quintetts gab es alle
Besetzungen, die der Wirt zu zahlen in der Lage war. Dabei kann als Richtlohn
für den einzelnen Musiker der Betrag angesetzt werden, den ein Tagelöhner
für den ganzen Arbeitstag gezahlt bekam. Gespielt wurden deutsche,
ungarische und slawische Stücke, mit gutem Unterhaltungseffekt, aber
auch bekannte aus Deutschland und Österreich. Doch die Bemerkung
muss angefügt werden, dass alle miteinander nicht an eine stimmungsvolle
Zigeunermusik – welche sich nur reiche Wirte leisten konnten - heranreichten.
5.2.6 Konzertmusik
Diesen Musikzweig gab es in den meisten Dörfern nur von Wandergruppen,
in größeren Siedlungen und Städten von sesshaften Orchestern.
Aus einheimischen erwachsenen und jugendlichen Musikern wurden wahlweise
Gelegenheitsbesetzungen Zusammengestellt. Z.B. bestand ein mittelgroßes
Symphonieorchester – aus eigener Erinnerung aufgelistet - aus erster
und zweiter Geige, erstem und zweitem Flügelhorn, je zwei Posaunen
und Waldhörnern, einer Triangel und Tischharfe, drei Klarinetten,
zwei Blockflöten und Fagotten, einer Oboe, einem Cello und einer
Bassgeige, und dazu noch einer Tschinelle, großen und kleinen Trommel.
An einem volkstümlichen Konzertabend kam zwischen Volksmusik und
Beethoven alles an die Reihe.
5.2.7 Hochzeitsmusik
Es konnte eine Blech- oder Streichmusik sein, groß oder klein, je
nachdem, ob sie im Hochzeitshaus oder in einer Gaststätte aufspielte.
Weil der Verdienst überdurchschnittlich war, wegen des zusätzlichen
Trinkgeldes, hatten nur dann kleine Besetzungen den Auftrag angenommen,
wenn Kleinhäusler oder Tagelöhner heirateten. Gespielt wurden
Stimmungs- wie Tanzlieder, und es wurde dabei von Einzelnen oder allen
Gästen fleißig mitgesungen (was bei den Ungarn mulatság
hieß, doch auch unseren Menschen gefiel).
5.2.8 Hausmusik
Man nannte sie auch Familienmusik, und sie wurde von einzelnen oder mehreren
Familien, in wechselnder Reihe, gespielt. Noch in der radiolosen Zeit
– bis in die Dreißigerjahre – hat man viel in den musikalischen
Familien gesungen und gespielt. Zwei oder mehrere Spieler machten auf
einem Hauptinstrument – Geige, Ziehharmonika oder Klavier –
und einigen Rhythmuskörpern Musik für die eigene Entspannung
sowie mehr oder minder gewünschte Unterhaltung der Nachbarn. Eigentlich
gab es in der Stückewahl keine Einschränkungen.
5.3 Tanz
Er konnte auf dem Lande in zwei Kategorien aufgeteilt werden:
In Volks- und Modetanz. Unsere Ahnen brachten bei ihrer Ansiedelung im
Südosten einige beliebte mit, die bis zum Weggang unverändert
– wenn keine Musik vorhanden war, im Singrhythmus - getanzt wurden:
Der Kindertanz, mit den Kreistänzen Ringelreihen und Hopsa Schwabenliesel,
dann die Tänze für Erwachsene, wie Maien-, Ernte-, Braut- und
Wechseltanz, die alle auch von mehreren Tänzern im Kreis getanzt
wurden. Welche Tänze die Batschkaer Kapellen von Anbeginn bis zuletzt
spielten, wird im Beispiel der Kapelle aus Tschawal/Csávoly in
ihrem Gesamtrepertoire aufgezählt: 75 Märsche, 19 Ländler,
121 Walzer, 97 Polka, 15 Schnellpolka, 68 ,volkstümliche’ Tänze,
22 Lieder und Potpourris, 20 ungarische Tänze, 2 serbische Kollo,
12 ,moderne’ Tänze, 11 Konzertstücke, 42 Kirchenstücke
und ,zahlreiche andere deutsche und ungarische Kompositionen’.
5.3.1 Tanzmusik
Für die Besetzung galt dasselbe, wie bei der Jugendkapelle.
Ob im Wirtshaus des Dorfes bzw. dem Kulturhaus der Stadt, mit halber,
oder im Freien, mit ganzer Besetzung, immer wurde das gesamte Repertoire
gespielt: Walzer, Englischwalzer, langsame Polka, Hopfpolka, Ländler
– als Schuster-, Besen- und Polstertanz, schneller Schieber und
langsamer Foxtrott (Schieber) und zuletzt auch die ,amerikanischen’
Charleston oder Shimmi. Dass in gemischtnationalen Dörfern –
und in den Städten sowieso – auch mal ein Csárdás
oder ein Kollo gespielt und getanzt wurden, ist selbstverständlich.
Der kleine Tanzsaal hatte keine Tische, nur an den Wänden entlang
eine Stuhlreihe. Getrunken hat man, in diesem Falle, etwas im Nebenraum,
an einem Schanktisch, im Stehen, oder an einem Ziehbrunnen im Hof. Bei
der Tanzveranstaltung in einem großen Tanzsaal, hat man die Tanzfläche
von Tischen freigemacht, und die Tänzer saßen zum Teil im Tanzsaal
z.T. im Nebenraum und hatten alle die Getränke vor sich auf dem Tisch.
Die Aufforderung zum Tanz geschah auf so vielerlei Art und Weise, wie
es Charaktere unter den männlichen Tänzern gab. Grundsätzlich
konnten und durften nur solche Mädchen von Jedermann aufgefordert
werden, die mit einer Freundin, der Mutter oder Tante zur Veranstaltung
kamen. Alle jene, von denen man wusste, dass sie einen festen Freund hatten,
waren auch dann nicht frei, wenn sie den ganzen Abend, aus irgendeinem
Grunde, allein dasaßen und auf einen Tänzer warteten. Die Nichtbeachtung
eines Aufforderungstabus – z.B. durch auswärtige, ahnungslose
Burschen – führte bald zu einer lebhaften Auseinandersetzung,
mit Hinauswurf oder Schlägerei.
6 VEREINSLEBEN
Beim Zusammengehen hieß es: Paura zu Paura und Tagloonr zu Tagloonr;
aber auch genauso Lehrpuwa und Ksella zu kleichi Lehrpuwa un Ksella. Das
ist dann bei Meister zu Meister und Fach zu Fach das ganze Leben lang
so weiter gegangen. Die christlichen und kirchlichen Vereine, wurden vom
Dorfkaplan oder fleißigen Pfarrer ins Leben gerufen. Nur in den
Arbeitsweisen, in kleinen oder gemischten Dörfern und sozialen Schichten,
wo es wenige Menschen gab, war eine gewisse Vereinsmischung erlaubt und
recht - weil auch hier die Untergrenze zur Kameradenhalt eingehalten worden
ist. Alle Zusammenkünfte von Jungen oder Älteren brauchten zu
ihrer Ordnung einen gemütlichen Platz, der meistens in einem Wirtshaus
war, wo sie von den anderen Leuten nicht gesehen und abgeschaut werden
konnten.
6.1 Vereinsarten
Zwischen dem kleinsten und größten Dorf hat es nur zahlenmäßige
Unterschiede im Vereinsleben gegeben. Auch im kleinsten gab es einen Feuerwehr-,
Bauern- und Gesellenverein, der sich an geschriebene und überkommene
Satzungen hielt. Geschrieben stand, wer Mitglied sein konnte, welchen
Beitrag wer zu zahlen hatte und wo und wie Vorstandswahlen abzuhalten
seien, usw. Zu den ungeschriebenen Gesetzen gehörte die Verwendung
der Beitragsgelder, das wechselnde öffentliche Programm, mit Sport,
Kegeln, Wandern, Radfahren, etc. Ein Großdorf an der Donau (Apatin)
hatte nicht weniger als zwanzig eingetragene Vereine und Verbände
/ Zusammenschlüsse. In zufälliger Reihenfolge waren dies: Männergesangverein,
Kasinoverein, gemischter Gesangverein, Musikverein, Schachklub, Gesellenverein,
Bauernverein, Bauernjugendverein, kaufmännischer Jugendverein, Fischerburschenverein,
Gewerbeburschenverein, Genossenschaftsverein, Arbeiterkulturverein, Christusjugend,
Marienbund und einige Verbindungen als Fortsetzungen der Zünfte.
Ob klein oder groß, jeder Verein hatte an unabkömmlicher Ausstattung
seine Vereinsfahne, welche auf der einen Seite den Namen und das Gründungsjahr
aufgedruckt oder gestickt hatte, und auf der anderen den Schutzpatron
und das Vereinswappen. Das Fahnenmaterial war Taft und Seidenstickerei,
mit Wolle- oder Seidenpospeln, mit und ohne Quasten. Gehütet wurden
die weltlichen Fahnen im Vereinslokal, die religiösen in der Kirche.
Benutzt und vorgezeigt wurden sie alle gleichsam bei kirchlichen Prozessionen
und einem feierlichen, weltliche Aufmarsch oder bei einem Vereinsjubiläum
auf dem Festplatz, etc. In zweisprachigen Dörfern gab es ältere,
zweisprachige Fahnen, welche noch aus der Zeit stammten, da die Nationen
noch gut miteinander auskamen. Dann waren auch noch die Vereinslokale
gemischt und die Zusammenkünfte weniger nationalistisch geprägt
– aber das war lange, lange her.
7 SPORT
Von frühester Kindheit, der Kindergartenzeit, hat man regelmäßige
Übungen für das richtige Gehen und Laufen, das Atmen, Geradestehen
usw. praktiziert. Ab der Schulzeit wurden die Übungen immer zahlreicher,
so dass man sie fest in Blut und Muskeln hatte, und als junger, freier
Mensch nicht mehr von ihnen loskam, d.h. sie freiwillig weitermachte.
Es gab schon ab Beginn des 20. Jahrhunderts, als man noch nichts vom Turnvater
Jahn in Deutschland wusste, in der Batschka die ersten Sportvereine, welche
bereits aktive und passive Mitglieder hatten. Unter den passiven gab es
schon so großzügige, die sich bereits als Mäzene betrachten
konnten. Die Regel kam immer mehr auf, dass sich die Jugend schon ab dem
Volksschulabgang als Mitglied in einen Sportverein eintrug. Zuerst wurde
Jugendsport betrieben, dann Erwachsenensport; hier wie dort streng in
männliche und weibliche Gruppen geteilt.
7.1 Sportarten - Sportplätze
Burschen- und Männersport: Alle Ballsportarten, Boxen, Ringen, Gewichtheben,
Kugel-, Gewicht- und sonstiges Werfen, Turnen, Wettlaufen, Rudern, Kegeln,
Reiten, Fechten, Hockey, Rennen mit Fahrrad und Motorrad, seltener Autorennen,
Schwimmen, Tauchen, Fliegen mit Segelflieger, Fallschirmspringen und Schießen.
Mädchen- und Frauensport: Turnen, alle Ballsportarten, außer
Fußball, Wettlaufen, Rudern, Schwimmen und Schlittschuhlaufen. Auf
dem Dorf gab es meist einen Sportplatz unter den Normmaßen, ca.
45 x 90 m groß, markiert oder dauerhaft ausgesteckt, nur manchmal
mit Grünstreifen, auf dem der gesamte Ball- und Bewegungssport betrieben
wurde. In den Städten hatten die Sportplätze von Anfang an genormte,
europäische Abmessungen, von 50 x 100 m, mit Grünstreifen und
,Umkleidekabinen’, die aus mindestens zwei überdachten Räumen
bestanden, für örtliche und fremde Mannschaften. An Sanitäranlagen
gab es einen Pissoir im Freien und ein überdecktes Plumpsklosett.
An die genauen Sportregeln hielt man sich nur in der Stadt, auf dem Lande
hielt man sich an örtliche und oft vom Publikum diktierte Regeln.
(Das typische Beispiel: Drei Eckbälle beim Fußball waren gleichbedeutend
mit einem Tor). Für den Innensport gab es im Dorf keinen eigenen
Raum, lediglich den Wirtshaussaal oder einen Schulraum, wo trainiert und
auch vor Publikum kleinere Wettkämpfe ausgetragen wurden.
7.2 Fußball
Diese beliebteste Ballsportart wurde nach den damaligen, leicht
abgeänderten englischen Regeln gespielt. Der englische Ursprung konnte
aus den Regelbenennungen abgeleitet werden. Zwei verschieden gekleidete
Mannschaften, mit je 11 Spielern, spielten – bei Halbzeitwechsel
der Seiten - jeweils 30 Minuten lang. Nur bei ‚wichtigen’
Klassenspielen wurden genaue Kalkmarkierungen gezogen, sonst waren die
Plätze nur ungefähr markiert. .Die Bälle waren, je nach
Gelegenheit, aus Leder aufblasbar, aus Gummi luftgefüllt, oder aus
Lumpen gewickelt. Mit den Bällen wurde gedribbelt, und sie wurden
mit einem guten Schutt zum Gool ins Tor geschossen. Ein Centerfor konnte
im Obseid stehen, und die Verteidiger schoben oft die Bälle ins Aut.
Und drei Corner – wie bereits erwähnt – galten als ein
Gool. Die Schiedsrichter hießen in gemischten Siedlungen Sudija
(slawisch) oder Biró (ungarisch). Linienrichter mit Autfahnen gab
es nur bei Klassenspielen – Kreis- und Landesklassen. Hatte man,
was oft vorkam, nicht genügend Spieler pro Mannschaft, so spielte
man nur auf ein Tor, mit und ohne Tormann / Kapusch. Gleich welche Klasse
gespielt wurde, die Zuschauer waren immer zahlreich, zahlten auch gerne
Eintrittsgelder, und es gab unter ihnen regelrechte Fußballnarren
jeden – männlichen - Alters.
7.3 Handball
Man spielte mit einem Gummi- oder Lumpenball auf dem gesamten Fußballplatz
und dessen Tore, mit zweimal 5 bis 8 Spielern, oder drinnen, auf deutschländer
Art, mit zweimal 5 Spielern, auf kleinere Tore. Außer dem Tormann
– der auch bei den Frauen so hieß -, durfte niemand den Ball
mit beiden Händen festhalten. Seine Berührung mit dem Fuß,
war ein Faul, und alle 5 Sekunden oder 3 Schritte lang musste der Ball
den Boden berühren. Man spielte zweimal eine halbe Stunde, mit Seitenwechsel.
7.4 Korbball - Basketball
Man spielte auf einen Korb, nach deutschländer Regeln, mit 3 bis
5 Spielern. Die Platte, an der der Netzkorb befestigt war, ragte flach
aus dem Boden in die Höhe, und es gab nicht immer ein Netz um den
Ring. Spielten Schulkinder gegeneinander, so spielte jeder gegen jeden
und suchte sich den Ball anzueignen, weil ihm nur seine Körbe zugeschrieben
wurden. Sieger war, wer nach einer halben Stunde die meisten Körbe
geworfen hatte. Da ohne genaue Regeln und ohne Richter gespielt wurde,
konnte Chaos und Streit kaum mal vermieden werden.
7.5 Schlagball
Er wurde so ähnlich wie das heutige Kricketspiel mit Lumpenball und
Holzschläger gespielt. Zwei Mannschaften, mit je 3 bis 5 Spielern,
stellten sich jeweils an die Enden der längsten Sportplätze
oder Wiesen und schlugen den Ball aus dem Stand in Richtung der Gegner.
Während der Ball in der Luft war, musste ein gegnerischer Spieler
auf ihn zuspringen und ihn noch bevor er den Boden berührte zurückschlagen.
Konnte er ihn in der Luft mit der Hand fangen, so gab es einen Pluspunkt.
Geschlagen wurde abwechselnd, je weiter, umso besser, und Sieger war diejenige
Mannschaft, welche den Gegner zuerst hinter seine Ausgangslinie schlagen
konnte.
7.6 Wurfball
Meist jüngere Burschen-Jahrgänge spielten es, jeder gegen jeden,
und es konnten beliebig viele mitspielen. Der Gummi- oder Lumpenball (fest
verschnürter und vernähter Lumpenknäuel) wurde von einem
Spieler bis ca. 3 m hoch in die Luft geworfen, und ein anderer Spieler
musste ihn auffangen. Während der Ball in der Luft war, musste ein
dritter Spieler schnell wegrennen, und er schied aus, wenn er vom fangenden
Spieler mit dem Ball getroffen wurde. So lange dies nicht der Fall war,
durfte er auch den Ball in die Luft werfen oder auffangen und nach einem
wegspringenden Spieler schmeißen. Sieger war, wer die meisten Abschüsse
hatte, d.h. am Ende allein übrig blieb, weil alle anderen ,abgeschossen’
waren.
7.7 Netzball - Volleyball
Man spielte vereinfacht folgendermaßen: Zwei Mannschaften mit je
4 bis 6 Spielern – männlich, weiblich, gemischt – nahmen
auf beiden Seiten des ca.2m hoch gespannten Netzes oder eines Strickes
Aufstellung und schlugen, mit gespreizten Handflächen, wie heute,
den Leder- oder Gummiball hoch herüber und hinüber. Der Ball
durfte den Boden nicht berühren, konnte aber von einer Mannschaft
hintereinander mehrmals geschlagen werden, bis er über dem Netz bei
den anderen landete. Erdberührungen und Fehlschläge waren Minuspunkte.
Sieger war, wer nach der vorher ausgemachten Spieldauer die wenigsten
Minuspunkte hatte.
7.8 Grashockey
Es wurde auf dem Sportplatz oder auf einer großen Wiese gespielt,
wobei Ball und Schlaghölzer selbstgefertigt waren. Zwei Mannschaften,
mit je 5 bis10 Spielern, spielten so gegeneinander, dass der Lumpenball
nur mit dem Schläger berührt werden und nicht das Spielfeld
verlassen durfte; war das der Fall, so gab es Strafschläge. Und gespielt
wurde zweimal 20 Minuten.
7.9 Tennis
Auf dem Lande ein seltener Sport, der, wenn man ihn spielte, mit dem städtischen
Spiel nur den Namen teilte. Spielte man dort nach englischen Regeln und
mit richtigen Schlägern, so wurden hier auf einer abgesteckten Wiese
oder in einer wenig befahrenen Gasse die Bälle, mit kleinen Brettschlägern
oder auch mal mit der flachen Hand, möglichst weit über eine
quergespannte Schnur hin und her geschlagen. Von dort, wo der Ball aufschlug,
wurde er zurückgeschlagen. Als Minuspunkt wurde gezählt, wenn
der Ball nicht oder falsch, nach einem Hopser, zurückgeschlagen wurde.
Das Spiel war dann zu Ende, wenn eine bestimmte Minuspunktzahl oder der
Verlierer ans Wiesen- oder Gassenende zurückgedrängt war. Eine
Revanche war die Regel.
7.10 Boxen
Diesen ernstgenommenen Kampfsport gab es zwischen Schülern und erwachsener
Jugend, hier auch mal ohne Handschuhe und mit lumpenumwickelten Fäusten,
dort mit regelrechten, ledernen Boxhandschuhen, wie überall auf der
Welt. Die Kinder boxten ohne Zeitbegrenzung, bis einer aufgab und der
andere automatisch zum gefeierten Sieger ausgerufen wurde. Schau- oder
Wettkämpfe bei den Großen gingen über drei Runden. Dabei
gab es Faul, Breck, Aut und Nokaut, welche ein Richter – seltener
auch ein Punktekomitee – streng und endgültig ausrief. Vereinsboxen
gab es nur in den Städten, wo es um Kreis- und danach um Landessiegerehren
ging.
7.11 Ringen
Meist war es Freilichtringen in markierten Kreisen oder Vierecken, die
schätzungsweise auf dem Erd- oder Grasboden eingekratzt wurden. Man
hat so lange gerungen, bis einer mit dem Rücken flach auf dem Boden
lag. Sieger war aber erst derjenige, der über dem Verlierer im Scherensitz
sitzen und dessen Ärmel, eine Zeitlang auf den Boden drücken
konnte. Es gab Wettringen auf Kreisebene, für Kreissieger und diese
haben den Landessieger untereinander ermittelt.
7.12 Gewichtheben
Auf dem Dorf wurde das Kräftemessen zwischen den Bauern- und Handwerksburschen
ausgetragen, und nur selten gab es dabei echte, maßgenaue Gewichte.
Gehoben wurde um die Wette sozusagen alles, was man mit beiden Händen
festhalten konnte: Holzstämme, Steine, Eisenstücke und Wasserkübel.
Sieger war, wer das schwerste Gewicht mit ausgestreckten Armen, über
dem Kopf einige Sekunden lang halten konnte. So ein Kräftemessen
wurde nur öffentlich und im Rahmen größerer Veranstaltungen
gemacht.
7.13 Kugelstoßen
Kugel-, Gewicht- und sonstiges Stoßen wurde, ähnlich
wie das Gewichtheben, selten mit regelrechten Kugeln ausgeübt. Es
gab aber verschiedene Gewichtsgrößen für verschiedene
Altersstufen, ca. zwischen 1 und 3 kg. Die Kugeln waren aus Grauguss,
in einer nächstgelegenen Gießerei gegossen und ungefähr
rund geschliffen. Das Gewichtwerfen geschah mit echten Dezimalgewichten,
aber auch mit anderen Laststücken. Für das Steinewerfen nahm
man Backsteine, schon deshalb, weil es in der Batschka keine Natursteine
gab.
7.14 Turnen
Man praktizierte es im Turnsaal, einem Schulraum und im Freien, auf dem
Sportplatz. Hauptsächlich die Jungen und Jüngsten gaben sich
damit ab. Nur in letzter Zeit, vor dem Zweiten Weltkrieg, hatte man aus
Deutschland die Erkenntnis, das Turnen auch etwas für Erwachsene
ist, mit dem man die körperliche Verspannung vom Arbeiten leicht
wegkriegt (dass manche Übereifrige erst durch die neumodischen Übungen
verspannt und verkrampft wurden, nahm man nicht ernst). An Turnfiguren
und –arten kannte und probierte man alle aus, welche von eifrigen
Sportlehrer auf der ganzen Welt erdacht und vorgeführt werden konnten
– es sind ungefähr fünfzig an der Zahl; die wichtigsten:
Boden-, Geräte-, Einzel- und Gemeinschaftsturnen, etc.
7.15 Wettrennen
Das lediglich als Rennen bezeichnete Schnelligkeitsmessen wurde ohne Regeln
und Stoppuhr ausgeübt. Es begann bei den Kindern mit dem abendlichen
Rennen, an langen Sommerabenden, um das ganze Dorf, Tag für Tag,
bis ein eindeutiger Wochen- und Saison-Sieger feststand. Mit Regeln lief
man auf dem Sportplatz, wobei die Zeit bereits mit Stoppuhren gemessen
wurde. Insgesamt kann man festhalten, dass dieses eine der beliebtesten
Sportarten bei Jungen und Mädchen bis 15 Jahren war.
7.16 Rudern
Mehr zum Vergnügen, als um die Wette im Sport wurde auf dreierlei
Gewässern gerudert: Dem relativ schnell fließenden Fluss, dem
langsamen Kanal und dem stehenden Gewässer. Auf dem Fluss konnte
man nur mit dem Kajak Ausflüge oder Wettbewerbe veranstalten. Dabei
war wesentlich der Unterschied zum heutigen Kajakrudern, dass damals noch
kein Schutz gegen das Eindringen des Wassers beim übermäßigen
Neigen oder Kentern bestand, so dass eine Unachtsamkeit auch schon das
Aus bescherte. Mit Kanu und Kanadier, die beide als kleine Ruderboote
gebaut wurden, konnte man gut auf den langsamer fließenden Kanäle
(z.B. Franzenskanal) und zahlreichen Nebenarmen der Donau zum Vergnügen
oder Rennen rudern. Für die stehenden Gewässer waren die Ruderzillen,
mit und ohne Steuermann, am besten geeignet. Zum reinen Vergnügen
war das Flussabwärtsrudern im Stehen und nur mit einem Heckruder
am beliebtesten, wobei dann flussaufwärts beidhändig in die
Riemen gegriffen und in Ufernähe zurückgerudert wurde. In den
Anrainerstädten der Donau und Theiß gab es auch schon Tret-
und Fahrradboote zum sonntäglichen Mieten.
7.17 Kegeln
Auch hier kam das Vergnügen lange vor dem Sport. Am besten
trifft die Bezeichnung Wettvergnügen mit Zeitvertreib zu. Jedes Dorf
hatte mindestens eine Kegelbahn, die, wegen des Lärms der hölzernen
Kugeln und Kegel, möglichst hinten im Wirtshaushof aufgebaut war.
Die Kegelbahnen waren ca. 20 m lang, 1,5 m breit, hatten einen Boden aus
gestampftem Lehm und in der Mitte, über die gesamte Länge, ein
20 cm breites, gehobeltes Brett. Das Satteldach war mit Rohr oder Dachziegeln
eingedeckt, und an einer Seite schützte eine Rohrwand die Spieler
vor zu vielen Kiebitzen. Meist war auf derselben Seite auch die von den
Kegeln zu den Spielern abfallende Bretterrinne, über welche der Kegelbursche
die Kugeln nach jedem Schieben zurückrollen ließ. Sein Lohn
war gering, doch wurde er trotzdem auf alle Spieler aufgeteilt. Die Eichenholz-Kugeln
waren ca. 1kg schwer, ungefähr rund und ohne Löcher. Die neun
Kegel waren aus einem leichteren Holz, so groß wie heute, mit einem
mittig auf dem ecklastiegen Quadrat stehenden König. Gespielt wurde
meist ,Abräumen’, dann ,Fuchsjagd’ und Mannschaftskegeln
um den Einsatzgewinn. Zum Aufschreiben der Schübe gab es ein Holzbrettchen
mit Kreide oder Zimmermannsstift. Und für das Ausruhen und Durstlöschen
einen länglichen Tisch mit beiderseitigen Bänken. Beim Vereinskegeln
wurden auch Meisterschaften auf Dorf- und Kreisebene ausgetragen.
7.18 Reiten
Eher eine teuere Vergnügungs- als Sportart. Zuerst kam das Erziehen
der Pferde – Halbblut, Nonius und Steirische - zusätzlich zur
landwirtschaftlichen Tätigkeit des schweren Lastenziehens. Das konnten
sich nur Großbauern leisten, denn zum Reiten gehörte eine noble
Ausrüstung. Der Einsatz lohnte sich aber, wenn man sich, an besonderen
Feierlichkeiten, hoch zu Ross – meist auf dem hochgewachsenen Nonius
- in der Öffentlichkeit zeigen konnte. Um die Wette konnten nur die
Halbblut geritten werden. Das Wettziehen konnten dagegen die Steirischen
am besten. Gezogen wurden voll beladene Bauernwagen, so dass solche Wetten
– z.B. am Erntedankfest - zugleich auch stolze Ertragsvorführungen
bedeuteten.
7.19 Fechten
Zuerst haben es Kinder mit Holzsäbeln geübt, dann erwachsene
Burschen mit Offiziersäbeln, zum Spaß, und schließlich
floss das Blut bei ernsten Auseinandersetzungen, ja regelrechten Duells
der städtischen Jugend. Schaufechten gab es unter Soldaten und Offizieren,
bei einer Gasthofzecherei, bei welchem auch mal ein dörflicher Zivilist
mitmachte. Nach welchen Regeln gefochten wurde, konnte keine der Auskunftspersonen
sagen, man wusste nur noch, dass weder Gesichts- noch Leibschutz getragen
wurde, und der vordere Fuß den Kreidestrich, auf dem Wirtshausboden,
oder das Gräbchen, im Freien, nicht überschreiten durfte. Aufgehört
wurde nach dem ersten, blutigen Kratzer im Gesicht des Verlierers oder
nach signalisierter Aufgabe.
7.20 Rennfahren
Rennen wurden mit Fahrrädern, Motorrädern und Autos gefahren.
Was heißt, dass sich jede Alterstufe beteiligen konnte. Mit Fahrrad
ging es in der Gruppe durch das ganze Dorf, entlang der vorvereinbarten
Route; mit Motorrädern und Autos über die Landstraßen
und zwischen zwei Fixpunkten, die meist in Dorf- oder Stadtmitte zu finden
waren. Das Wesentliche bei allen Fahrzeugrennen war, dass die teilnehmenden
Fahrzeuge selbst gemacht, bzw. aus besonderen Teilen zusammengebaut oder
aber nur aufgebessert, ,frisiert’ worden waren. Dadurch waren oft
Ausfälle auf der Strecke so gut wie vorprogrammiert, und es war zusätzlich
spannend, ob ein liegen gebliebener Renner weiter kommen würde, oder
ob er schließlich beschämt aufgeben musste.
7.21 Tauchen
Diese Sportart ist als Wettauchen bei den Kindern und als Sporttauchen
bei Erwachsenen in Erinnerung. Jedes Mal kam es mehr auf die Tauchzeit
und –weite als auf die Tiefe an. Wenn jemand z.B. den Donaukanal
unterhalb Baja – ca. 50 m breit – ohne Ausrüstung und
in einem Tauchgang überqueren konnte, dann war und blieb er Sieger
ein Leben lang. In großen Anrainersiedlungen des Flusses gab es
Berufstaucher, die eine richtige Ausrüstung hatten und auch mal um
die Wette tauchten. Im Beruf hatten sie unter Wasser an Schiffsrümpfen
zu tun und verstanden es, die eigene Ausrüstung den Flussbedingungen
anzupassen, zu reparieren; gemeint ist die vom Tiefseetauchen abweichende
Arbeit im Flusswasser, die eine besondere Sauerstoffzufuhr aus der Flasche
und Unterwasserleuchte mit Stromzufuhr vom Schiffsdeck benötigte..
Im Krieg wurden unsere Taucher dann auch unter den Ersten rekrutiert.
7.22 Fliegen
Die Segelfliegerei und das Fallschirmspringen wollte man unserer Jugend
im Krieg – als Sportart ! – beibringen. Auf ebenen Wiesen
wurden reichsdeutsche Segelflugzeuge von Seilwinden bis ca. 100 m hoch
in die Luft geschleppt worden. Nach dem Abseilen kam es darauf an, je
weiter frei zu schweben. Diese Segler hießen ,Storch’ oder
,Falke’. Klappte der Seglerlehrgang und hatte der Schüler Lust
weiterzumachen, dann bot man ihm den Fallschirmspringer-Lehrgang an. Dabei
ging es mit dem Fieselerstorch auf größere Höhen. Wie
viele Schüler aus unserer Gegend auch diese Prüfung bestanden
und im Fronteinsatz ihr Können erproben durften, ist nicht bekannt.
7.23 Schießen
Das war eine uralte Sportart in Dorf und Stadt. Hier wie dort hat man
mit Kleinkalibergewehren, Luftgewehren und –pistolen auf gemalte
Zielscheiben geschossen. Dabei wurden, wie heute, die getroffenen Ringe
gezählt; und es gab in den Schützenvereinen Schützenkönige,
die auf Schützenfesten – meist an der Dorfkirchweih –
ihre Künste vorführten.
7.24 Schlittschuhlaufen
Schleifschuhe hatte jeder Jugendliche in gekaufter und selbstgebastelter
Ausführung. So konnte das Wintervergnügen, ab Mitte Dezember,
auf den zugefrorenen Wiesen- und Lehmlöchern losgehen. Gekaufte Schlittschuhe,
die sogar maßgenau auf den Schuh aufgeschraubt werden konnten, galten
als seltener und zu teuerer Luxus. Selbstgemachte gehörten zur selbstverständlichen
Winterausstattung. Sie waren zwei- und einspurig, mit zwei oder einem
Eisendraht unter den Fußbrettchen, welche mit Lederschnallen oder
Schnüren an jede Art von Winterschuh befestigt werden konnten. Wettlaufen
und Figurendrehen konnte man mit den Schleifbrettern so gut, dass man
restlos mit ihnen zufrieden war.
7.25 Schulsport
Sportarten für Schulkinder gab es so wenige oder so viele, wie die
Schulhöfe groß waren. Die Schulhäuser standen auf dem
Dorf in einer Reihe zwischen zwei Siedlerhäusern, hatten also einen
normalen Hof von ca. 15 m Breite und 30 m Länge; Ausnahmen bildeten
die bei dem Wachsen eines Dorfes notwendig gewordenen Aus- oder Neubauten
mit Zukauf des Nachbargrundstückes oder eines neuen, größeren
Platzes. Für normales Außenturnen reichten die alten Höfe,
genauso für Sportstunden mit Fußball oder Handball auf ein
Tor. Doch bei Wettläufen, Wurfball, u.ä. musste auf den Sportplatz
ausgewichen werden. Schulsport gehörte zu den allgemeinen Pflichtstunden
für Burschen und Mädchen, das in normaler Alltagskleidung ausgeübt
und streng benotet wurde. Bei schlechtem oder kaltem Wetter wurde im größten
Schulraum geturnt. Einige Turnfiguren: Streck-, Bück-, Spreiz-, Hock-,
Knie- und Liegestellung, Rumpfbeugen, Hüpfen in gerader und Grätschstellung,
Bodenrollen, Liegestützen, usw., wie sie eben die Phantasie der Lehrkraft
ausdachten.
7.26 Bewegungssport für Erwachsene
Er gehörte zu der modernen Lebenskultur, welche den Südosten
Anfang der Dreißiger eroberte. Gymnastik am Morgen und Abend, zum
Teil mit Anleitung aus dem Radio, Waldlaufen, Wandern mit Rucksack und
Wanderstab, all das gehörte zu der gesunden Lebensgestaltung, die
auf dem Dorf in den ersten Jahren nur wenige Anhänger hatte. Dennoch
konnten kleine Wandergruppen in den Vereinen zusammenfinden und sich den
wesentlich aktiveren Städtern anschließen. Jedenfalls war sozusagen
der Grundstein gelegt und stabil genug, damit im Laufe der Jahre der Erwachsenensport
allgemein als Ausgleich für die Alltagsarbeit anerkannt und zuletzt
von einem hohen Prozentsatz der Jahrgänge bis etwa 35 ausgeübt
werden konnte. In der Stadt ging man noch einen Schritt weiter und ergänzte
das Vergnügen mit dem Nutzen, indem man bei Veranstaltungen Wetten
auf die jüngeren und älteren Sieger abschloss. So wurde die
Sportlotterie mit Reit- und Ballsport noch vor dem Krieg geboren. Die
Einsätze waren nicht hoch, doch bei übertriebenem Wetteifer
konnte einer schon mal seine gesamte Barschaft verwetten.
8 SPIELE
Spiele für Kinder und Erwachsene kann man nur einigermaßen
übersichtlich beschreiben, wenn man sie möglichst oft unterteilt
und in der Hauptsache nicht nur genau aufzählt in welchem Alter,
sondern wie und mit was man früher spielte.
8.1 Bewegungsspiele
Das waren reine Kinderspiele derjenigen Jahrgänge, die noch nichts
arbeiten mussten, ca. bis zu den unteren Schulklassen. Wie bereits erwähnt,
gab es auf dem Dorf eine allgemein verbreitete Ansicht, dass auch Kinder
ab ca. 10 Jahren gewisse nützliche Arbeit verrichten sollten, damit
sie keine Faulenzer würden. Ganz vom Spielvergnügen konnte man
sie jedoch nicht ausschließen, dafür waren sie noch zu sehr
im Schülerelement, das grundsätzlich den Pflichten – ob
in der Schule oder zuhause – ein Schnippchen zu schlagen wusste.
Die folgende Reihenfolge der Spiele entspricht in etwa dem vom Chronisten
empfundenen, subjektiven Rang ihrer Beliebtheit.
8.1.1 Fangen
Fangeliesel spielte man in der Batschka ebenso häufig wie überall,
wo es übermütige Kinder gibt, die sich austoben wollen. Beim
Spielanfang hat sich als Fänger das größte Kind selbst
zur Verfügung gestellt. Seine Mitspieler sind bei einem Stichwort
auseinandergerannt. Wenn der Fänger ein Kind mit der Hand berührte,
musste dieses den Fänger ablösen. Wollte man es dem Fänger
in einem kleinen Hof schwerer machen, hatte man Rettungsinseln, wo sich
die Verfolgten in Sicherheit bringen konnten und gegebenenfalls schneller
mit der Hand eine Wandstelle, einen Pfosten oder Baumstamm berühren
und so eine Zeit lang oder für die laufende Fangrunde frei sein konnten.
8.1.2 Verstecken
Steckliesel wurde auf dem Dorf genau so häufig wie Fangliesel
gespielt. Schon zwei Kinder konnten sich lange damit die Zeit vertreiben.
Wichtig war dabei der Versteckvorsprung mit Zählen bis 10, seltener
bis 15 oder gar 20; wie lange man zählte, hing von der Zahl der Spieler
ab. Alternativ presste der Sucher die geschlossenen Augen so lange an
die Handflächen, bis ein Spieler aus dem Versteck signalisierte,
dass die Suche beginnen kann. Fand der Sucher ein Versteck, so rannte
er und der Gefundene um die Wette zum Zählplatz und berührten
sie. Erst wenn der Sucher als erster anschlug und dabei den Namen des
Gefundenen ausrief, galt das Finden als gelungen und der – bei mehreren
Kindern – zuerst Gefundene, wurde in der nächsten Runde der
Sucher. Ausnahmen wurden nur bei den Kleinsten gemacht, die nur freiwillig
Sucher spielten.
8.1.3 Räuber und Gendarm
Ein Liebligsspiel für größere Schulkinder, das hauptsächlich
in verwilderten und etwas hügeligen Gärten gespielt wurde. Vor
dem Spiel meldete sich ein Kind freiwillig als Gendarm, wenn nicht, wurde
einer ausgezählt oder ausgelost. Alle übrigen Kinder waren die
Räuber und mussten sich eine deutlich lesbare Nummer auf einem Papier
vorn an die Mütze oder an den Kopf binden. Zuerst musste der Gendarm,
wie beim Versteckspiel, mit verdeckten Augen solange zählen, bis
sich alle Räuber versteckt hatten. Das Finden und Ausrufen eines
Räubers wurde dadurch erschwert, dass dieser sein Versteck beliebig
wechseln und seine Nummer durch Wegrennen vor dem Gendarm verdecken konnte.
Sobald er erkannt und mit Nummer und Namen vom Gendarm gerufen wurde,
war er ,gefangen’ und musste aufgeben. Die nächste Spielrunde
ermittelte wiederum von Neuem einen Gendarm, usw. Eine gute Spielrunde
konnte bis zu einer halben Stunde, das Spiel selbst stundenlang, dauern.
8.1.4 Himmel und Hölle
Das heute noch in ganz Europa bei Mädchen im Schulalter beliebte
Hopfspiel wurde fast mit den selben Regeln auch schon damals in der Batschka
gespielt. Ein Unterschied bestand nur in der Zahl der Leiterstufen, die
aus der Hölle in den Himmel führten. In Deutschland z.B. genügt
eine einzige Stufe zwischen dem Ausgangspunkt Hölle und dem Spreizschritt
Erde, und danach ebenfalls nur eine bis zum Himmelsrund mit dem Wendeschritt
zum Abwärtshüpfen. Bei uns in der Oberbatschka waren es jeweils
zwei Hopfschritte, und dazu wurde ein flaches Scherbenstück mit dem
hopfenden Fuß in alle sieben Fächer geschoben. Die Größe
der Fächer war nicht immer einheitlich, je kleiner, umso schwieriger
war das Hüpfen und dabei Schieben der Scherbe in die auf den Boden
gemalten Vierecke, ohne dass ein Strich berührt wurde. War das der
Fall, schied die Spielerin aus und die nächste kam dran. Siegerin
war diejenige, welche den meisten den Weg zwischen Himmel und Hölle,
auf einem Bein hüpfend, zurücklegen konnte.
8.1.5 Murmelspiel
Es wurde wahlweise in ein Loch oder auf Anstoßen so gespielt, dass
zwischen zwei und ca. fünf Burschen im mittleren Schulalter –
von 8 bis 12 Jahren - je drei Murmeln von einem Strich in ein 5 bis 7
cm großes Loch geworfen oder gerollt werden mussten. Die Treffer
blieben Eigentum des geschickten Werfers. Alle übrigen neben dem
Loch gelandeten Murmeln wurden der Reihe nach mit dem abgewinkelten Zeigefinger
und mit einem kurzen Stoß in das Loch geschnippt. Alle im Loch gelandeten
Murmeln wurden Eigentum des Schnipsers. Nach einem Fehlschnipsen kam der
nächste Spieler dran – bis alle Murmeln ihren neuen Besitzer
hatten. Dann kam eine neue Runde dran oder man spielte ohne Loch, mit
Treffen der gegnerischen Murmeln aus dem Wurf oder einem Schnipser am
Boden. Bei beiden Spielarten konnten die Verlierer ihre Murmeln von den
Gewinnern zurückkaufen. Dabei waren oft diejenigen schlecht dran,
welche schöne Glasmurmeln eingesetzt hatten, die beim Rückkauf
wesentlich teuerer waren, als die gefärbten Tonmurmeln.
8.1.6 Fangtanz – goldene Brücke
Ein Spiel für kleinere Schulkinder beiderlei Geschlechts. Zwei Kinder
fassen sich an den Händen und bilden eine größtmögliche
Brücke, durch die alle übrigen hintereinander durchkriechen
müssen; sie singen dabei irgendein Liedchen, meist ziehe durch, ziehe
durch, durch die goldne Brücke...der letzte muss gefangen sein. Überraschend
stürzt die Brücke ein und erfasst das gerade unter ihr hindurchkriechende
Kind. Das Gefasste scheidet aus, der Reigen geht weiter bis zum Einstürzen
und erneuten Ausscheiden – bis das letzte Kind, als Sieger übrigbleibt.
8.1.7 Glückstanz - Stuhlpolonaise
Man spielte ihn genauso wie er heute noch in Deutschland –
möglicherweise in ganz Westeuropa – von Jugendlichen jeden
Alters gespielt wird: Eine zahlenmäßig unbeschränkte Gruppe
umkreist in einer Polonaise eine Sitzgruppe, welche einen Sitzplatz weniger
hat, als es Spieler gibt. Beim plötzlichen Abbruch des Tanzes sucht
jeder Spieltänzer einen Platz zum Sitzen. Derjenige, der keinen Platz
erhaschen kann, scheidet aus. Mit einem Stuhl weniger beginnt der Reigen
von neuem. Der- oder Diejenige, welche(r) als letzter ohne Stuhl bleibt,
ist der verspottete Verlierer.
8.1.8 Abzählen
Man kannte früher nicht so viele Abzählreime wie heute. Die
wenigen deutschen wurden jedoch von allen möglichen andersnationalen
ergänzt. Von ,eins, zwei, drei vier, fünf, sechs sieben, wer
wird dann den Schubkarren schieben; wo denn hin, nach Semlin, wo die schönen
Madel (Burschen) sin(d)’... über das ungarische ,an tan tenusz,
szoraka venus, szoraka tiketaka, a la, bala, bambuszka’... zum Zigeunerischen:
,Marinko – vinko - drinko, tjiri – paka – laka, schukman
– djukmann – djever – djiks’. Und wieder deutsch
,eins, zwei, drei vier, wer steht vor der Tür?, wer steht außen
und du bist draußen!’. Kein Wunder, dass die anderssprachigen
Verschen interessanter klangen. Dafür, dass sie tief im Bewusstsein
der Menschen im Zwischenstromland verwurzelt waren und noch immer sind,
gibt es einen beredten Beweis in dem Namen des Kecskeméter Spielzeugmuseums,
das ,szorakatenusz’ heißt.
8.2 Stubenspiele
In der noch medienarmen Zeit vertrieb man sich die kalten und verregneten
Tage am großen Tisch der Vorderküche. Was aus dem Kindergarten
und der Schule von den Kindern, aber auch was Eltern und Großeltern
an Anregungen bereit hielten, wurde bei Stubenspielen ausprobiert; je
nachdem, wie der Unterhaltungswert angenommen wurde, spielte man etwas
häufiger oder seltener. Die Kleinkinder beschäftigten sich am
liebsten in der Gruppe mit Singspielen wie ,im Keller ist es duster...’,
wisst ihr was Schneewittchen...’, Hänschen klein ging allein...’;
und bei jedem Singspiel wurde eine gewisse Maskerade eingebracht: Der
Schuster hatte einen alten Hut auf, die Prinzessin einen Schleier, das
Hänschen große Schuhe und einen Stock, usw. Jedenfalls konnten
so viele Märchen mit den Kleinsten dann gespielt werden, wenn das
reine Erzählen nicht mehr die gewünschte Wirkung hatte.
8.2.1 Ratespiel – Pfandspiel
Am liebsten fragten sich zwei Spieler – Kinder, bzw. ein Kind und
ein Erwachsener – ,ich seh etwas, was du nicht siehst, und das ist
grün/braun, usw. (natürlich in Mundart). Dieses Spiel war unterhaltsam
und lehrreich zugleich, lernte doch das Kind die Namen und den Zweck der
Gegenstände seiner Umgebung besser kennen. Noch detaillierter beschäftigte
es sich damit beim vielfältigen Pfänderspiel. Das wurde nur
mit mehr als 5 Kindern und Erwachsenen so gespielt, dass in der ersten
Runde ein Ratespiel, ein schnelles Zählen mit Aussparungen von Zahlen,
z. B. eins-zwei-hopp, oder einen Geschicklichkeitswettbewerb gespielt
wurde, bei dem genügend Fehler-Pfänder eingesammelt werden konnten.
Die Pfänder wurden abgedeckt, und von dem Vorspieler einzeln ausgerufen:
,wem gehört das Pfand in meiner Hand, was soll derjenige tun?’.
Nachdem sich die Runde, bei gegenseitiger Beäugung, für eine
Antwort entschieden hatte, wurde das Pfand vorgezeigt und der Besitzer
zur Vorführung des Verlangten aufgefordert: Purzelbaum, Kopfstand,
Tanzen auf einem Bein, Küssen, Singen, Verschensagen u.ä.
8.2.2 Brettspiele
Es sind keine bekannt, die bei uns erfunden worden wären. Dagegen
hat man sich beim Nachmachen der Spielmittel und Verändern der Regeln
oft als recht einfallsreich erwiesen: Nachgemalte Bretter und papierene
Figuren waren da an der Tagesordnung. Als bekanntestes Brettspiel galt
das ,Mensch ärgere dich nicht’ auf Vierer- und Sechserbrett.
,Mühle’ und ,Dame’ kamen vereinzelt gleich auf der Rückseite
vor und wurden oft gleich an zweiter Stelle gespielt – zuerst die
Mühle! ,Wolf und Schafe’ spielte man auf dem Schachbrett, ähnlich
wie das Damenspiel, nur dass die Schafe einzeln vom Wolf verschlungen
werden konnten; das gab ihnen oft die Chance zum Sieg, wenn sie beim geschickten
Vorrücken den Wolf in die Bewegungslosigkeit drängten. Hopfspiele
nach der gewürfelten Zahl gab es viele: Märchengarten, Schatzsuche,
Wettrennen, Hasenjagd, usw. Immer kam es darauf an, als erster im Ziel
zu sein, die übrigen zu überholen oder hinaus zu werfen. Erschwerungen
und Hindernisse, die das Hüpfen spannend machten, gab es fast so
viele wie bei den heutigen Spielen. Schach wurde auf denselben Brettern
gespielt wie heutzutage, und auch nach denselben Regeln; nur bei der Zugzeit
war man von keiner Uhr eingeschränkt, und man durfte auch einen gemachten
Zug wieder rückgängig machen. In Schachklubs gab es Blitzturniere,
und Meister kannten sich gut bei Damengambits und den besten Eröffnungsarten
aus.
8.2.3 Bauklötze und Kartenhäuschen
Häuschenbauen der Buben war das Gegenstück zum Puppenspiel der
Mädchen, und es wurde genauso ernst und ausdauernd gespielt. Die
Bauklötze kamen aus der Fabrik oder waren vom Schreiner-Nachbar hergestellt.
Aber auch geschickte größere Brüder, Väter und vor
allem Großväter konnten sie aus Maulbeer- und Pappelholz leicht
selber herstellen und bemalen. Kartenhäuschen waren Ersatzspiele
für diejenigen Kinder, welche die ernsthafte Kartenspiele der Erwachsenen
noch nicht beherrschten. Gebaut wurden Turm- und Hüttenformen so
hoch und breit, wie es das einzelne Spielgeschick ermöglichte.
8.2.4 Puppen
Am beliebtesten war die selbstgemachte Grete mit anschmiegsam-biegsamem
Körper und unstabilem Köpfchen, die ab dem frühesten Kindesalter
und bis ins Erwachsensein von der Besitzerin geliebkost, gewaschen und
umgekleidet werden konnte. Hatte mal ein Kind eine gekaute Puppe, so durfte
sie nur selten mit ihr Spielen, dadurch kam nie ein inniges Verhältnis
zu ihr zustande. Solche Puppen wurden dennoch gerne ein ganzes Leben lang
behalten – aber nur als Feiertagspuppe auf einem Stammplatz im Paradezimmer.
8.2.5 Knöpffußball
Dieses Tischspiel haben männliche Jahrgänge zwischen 10 und
20 Jahren gespielt mit allen Arten und Größen von Knöpfen
aus Holz, Aluminium und Bakelit (damals einziger Kunststoff). Sammlung,
Handel, Auswahl und Zuschliff waren die Stationen zu einer guten ,Mannschaft’.
Das Spielfeld war die Tischplatte, den Ball bildete ein kleiner Perlmuttknopf,
und die beiden gegnerischen Knopfformationen wurden nach ihrer Spielerrolle
– vorne leichter, schneller, hinten größer, stabiler
– eingesetzt und von den Fingernägeln des rechten oder linken
Daumens zum Schuss gebracht; der Fingernagel presste den Spielerknopf
an der dem Ballknopf gegenüberliegenden Seite so fest auf die Tischplatte,
dass der ,Spieler’ wegschnellen und den ,Ball’ mehr oder weniger
erwünscht treffen musste. Wie genau der Treffer und damit der Schuss
auf das gegnerische Tor war, bestimmten ähnliche Faktoren, wie sie
beim richtigen Fußballspiel zu Gewinn oder Verlust des Spieles führen.
8.2.6 Groschenspiele
Spiele um Geld waren bei den Kindern umso beliebter, je weniger Taschengeld
sie bekamen, reiche mehr, arme weniger oder gar keins. Diejenigen, welche
mehr hatten, konnten oft nicht einen Schritt auf der Gasse tun, ohne von
ärmeren Kindern zu einem Groschenspiel eingeladen zu werden. Da es
ein faires Geschicklichkeitsspiel war, wurde man sich schnell einig auf
die Spielweise: Auf Loch oder Strich, an die Wand, auf Kopf und Zahl und
mit Würfeln. Beim Loch wurde so ähnlich wie mit Murmeln gespielt:
Wer ins Loch traf, durfte versuchen den neben dem Loch gelandeten Groschen
des Gegners – mit gebogenem Finger oder Fingernagel - hinein zu
schnippen. Das Werfen auf den Strich war mit viel Übung verbunden,
und Gewinner war, wer dem Strich am nächsten lag. Ebenso war der
Wurf an die Wand zu werten, lediglich wenn beide direkt an der Wand landeten,
wurde der Wurf wiederholt. Bei Kopf oder Zahl wurde abwechselnd geworfen
und aufgefangen, wobei der gefallene Groschen so lange abgedeckt blieb,
bis sich der Mitspieler auf eine Voraussage festlegte – und gewann
oder verlor.
8.2.7 Würfelspiele
Mit dem Würfel spielten um Geld auch ältere Jahrgänge,
Burschen wie Männer, ungefähr so wie heutzutage: bei einem Würfel
ohne Becher, war die höchste Zahl die Gewinnzahl, mit drei Würfeln
in einem Mischbecher konnten sowohl Summen als auch Kombinationen gewinnen.
Überhaupt spielte der Würfel mit den üblichen Zahlen von
1 bis 6 überall dort, wo er eingesetzt wurde, als eine unumstößliche
Macht, die nicht angezweifelt werden durfte. Lediglich bei unebenen Flächen,
die eine genaue Lage mit einer eindeutigen Zahl nach oben nicht möglich
machten, waren Wurfwiederholungen erlaubt. Es gab angeblich eine Zeit
zwischen den Weltkriegen, da Lotterien und Glücksspiele – mit
und ohne Würfel – als regelrechte Seuchen galten, und manche
Bauern ihr Hab und Gut verspielten
8.3 Selbstgemachtes Spielzeug
Es nahm im Leben der Kinder einen so wichtigen Platz ein, als ob es selber
auch lebendig gewesen wäre. Mit gekauftem Spielzeug konnte man nicht
so gut spielen, es war so glatt und fremd, und man getraute sich kaum
es anzulangen, geschweige hinzuschmeißen. Auch das kleinste Kind
war fähig selber ein Spielzeug herzustellen. Zwei aneinandergefügte
Hölzchen, ein gebogener Draht oder eine fadenumwickelte Weiderute
konnten es stundenlang beschäftigen. Einer gewissen Ordnung wegen
sollen die damaligen selbstgefertigten Spiele, gemäß ihrem
Spielwert aufgezählt werden - aber auch dem Grad der Begeisterung
nach, mit dem seine Herstellung dem vollkommenen Zeitvertreib diente.
8.3.1 Gummischleuder
Mit einer eigenen Gummischleuder ging jedem Kind, ab dem Kindergartenalter,
der schönste Traum in Erfüllung. Die vollkommendste Gummischleuder,
in der Art wie sie auch heute noch überall vorkommt und Glasscheiben
einschießt, hatte ein gleichschenkliges Ästchen, 1,5 cm dick
und 20 cm lang, zwei gleich elastische Gummistreifen als Schleuderkraft
und ein ledernes Schleuderkörbchen. Die Gummistreifen waren nicht
leicht zu besorgen, doch konnte man sie aus einem ausgedienten Fahrradreifen
zuschneiden. Und das Leder aus einem alten Schuh oder Lederpantoffel.
Doch beides durfte noch nicht alt und ausgeleiert sein. Mit festem Schusterzwirn
oder dünnem Draht wurden die Gummistreifen an der Astgabel festgebunden,
und man konnte auch schon die echte Waffe mit einem Steinchen ausprobieren.
Es war aber nicht immer die Schleuder schuld, wenn man ein Ziel verfehlte
oder eines ungewollt traf.
8.3.2 Schnurschleuder
Ein Spielwerkzeug zum ,Kriegführen’ zwischen rivalisierenden
Burschengruppen des Schulalters. Die Schnur- oder gar Seilschleuder war
geeignet, Steine bis Kinderfaustgröße zu befördern –
und damit ernsthaft zu verletzen. Die Schleuder war aus einer dicken Hanfschnur
von einem halben bis ganzen Meter Länge geschaffen, hatte im unteren
Sitz ein Lederstück etwas größer als die zu schleudernden
Steine, und an beiden Enden eine Halteschlaufe für die Finger. Wie
beim heutigen Hammerwerfen der Sportler wurden mit der Schleuder zuerst
ein-zwei Schwungkreise gedreht, bevor das eine Ende losgelassen wurde.
Der Stein konnte weit fliegen, und war auf dem Flug ungenau und unberechenbar
– was ihn noch gefürchteter aber das Spiel selbst auch verbotener
machte.
.
8.3.3 Doppelspitz
Pincike nannten ihn die Ungarn und Klisa die Slawen, womit seine allgemeine
Beliebtheit zwar angedeutet, aber noch nicht genug umrissen ist. Das etwa
10 cm lange und 2 cm dicke, runde und harte Holzstückchen konnte
eine Schar Kinder den ganzen Nachmittag beschäftigen. Vor jedem Spiel
wurde ein neuer Doppelspitz angefertigt, indem er an beiden Enden in einer
Schräge zu 45° zugespitzt oder ein alter, bewährter auch
nur sauber abgekratzt wurde. Gespielt wurde so, dass der D.S. auf den
harten Boden gelegt wurde und mit einem halbmeter langen Stab oder lattenbreiten
Brett quer auf die Spitze einen Schlag bekam, der ihn in die Luft schleuderte.
Noch solange er in der Luft war, bekam er einen weiteren horizontalen
Schlag und flog dadurch recht weit vom Spieler weg. Von der Stelle, wo
der D.S. hinfiel, schlug ihn ein Kind von der gegnerischen Mannschaft
wieder zurück. Die Gruppe, welche geschickter im Aufschlag und kräftiger-zielgenauer
beim Zweitschlag war, konnte langsamer oder schneller seine Gegner in
die Weite schlagen und sich am Spielende (am Gassenende) als Sieger feiern
lassen.
8.3.4 Pfeil und Bogen
Alle Arten von Gewehren mit Gummizug und Feder, aus Wurzeln oder Regenschirmdraht
können dazu gezählt werden, weil sie alle gleichsam einen Pfeil
oder sonst ein ‚Geschoss’ abschießen konnten. Je weiter
sie trugen und je treffsicher sie waren, umso lieber wurden sie von kleinen
und großen Kindern benutzt und in Ehren gehalten. Das machte sie
aber nur bedingt zu armbrustähnlichen, ernsthaften Waffen, denn zu
schwach waren die Schleuderkräfte und zu laienhaft die Pfeile bzw.
sonstigen Schleuderteile.
8.3.5 Hollergewehr
Diese Kinderwaffe mit Gewehr- und Pistolengriff musste in jedem Falle
einen möglichst langen, geraden Holunderast als Abschussrohr haben.
Der Ast wird zuerst gründlich ausgehöhlt und innen geglättet,
so dass ein eingepasster Kork-Pfropfen beim Verschieben einen Luftdruck
erzeugt. Sobald das der Fall ist, kann mit einem ins Rohr genau passenden
Stößel der Pfropfen mit einem Knall hinausgeschossen werden;
ein Prinzip, das von den damaligen käuflichen Kirchweihgewehren abgeguckt
worden war.
8.3.6 Hollerspritze
Dasselbe Prinzip, wie beim Hollergewehr, wurde mit umgekehrter Wirkung
zum Verspritzen eines dünnen Wasserstrahls verwendet. Man musste
lediglich den Luftdichten Pfropfen gegen eine Düse austauschen, und
schon konnte mit dem hinteren Stößel Wasser in das Spritzenrohr
gesaugt und beim Pressen wieder als mehr oder weniger weiter Strahl ausgedrückt
werden.
8.3.7 Schlüssel- und Karbidböller
Böller zum Neujahrs- und Namenstagsschießen machte man am schnellsten
aus einem größere Schlüssel mit hohlem Ende und einem
Nagel, der genau hineinpasste. Um mit ihm schießen zu können,
musste man die Höhlung des Schlüssels mit Streichholz-Schwefel
füllen und mit dem Nagel als Schlagbolzen zur Explosion bringen.
Damit man sich die Finger nicht verletzte, wurden Schlüssel und Nagel
an beiden Enden einer Schnur befestigt; nachdem nun der Nagel in dem schwefelgefüllten
Loch fixiert worden war, konnte mit einem Handschwung der Nagelkopf gegen
die Wand oder einen Baum geschlagen werden und damit der Schlagbolzen
das ‚Pulver’ zum Knallen bringen. Der Knall war umso lauter,
je größer die Schlüsselhöhlung war und demnach mehr
Schwefel aufnehmen konnte.
Beim Karbidböller wurde als erstes in den Boden einer größeren
Blechdose – die es in Küche und Hauswirtschaft zu allen möglichen
Zwecken gab – ein Nagelloch geschlagen. Dann ein Stückchen
Karbid, wie man es für die transportable Karbidlampe oder für
die Vertreibung der Wühlmäuse im Hause hatte, reingelegt und
mit etwas Wasser zum Vergasen gebracht. Nachdem die Dose mit dem Deckel
verschlossen wurde, konnte sich das Azetylengas darin zu einer explosiven
Mischung verdichten. Es genügte nun eine Streichholzflamme, und der
Dosendeckel flog mit einem starken Knall in die Luft. Das Schießen
konnte so lange wiederholt werden, wie Karbid und Wasser in der Dose waren.
Die beiden Böllerarten deckten in etwa den Schießbedarf der
Buben jeden Schulalters ab.
8.3.8 Strunkpferde und -puppen
Mit ihnen spielten kleinste Kinder am liebsten. Dazu wurden abgerubbelte
Maisstrunke oder -butzen an Schnüre gebunden oder in Stofffetzen
gewickelt und zu Pferdchen oder Puppen deklariert. Je nach Phantasie des
Kindes oder der erwachsenen Spielleiter konnten aus der Grundausführung
zahlreiche Varianten abgeleitet werden, z.B. für Jungen, vielerlei
Gespanne, verschieden große Tiere in allerlei Funktionen und ebenfalls
etliche Puppenarten und Haustiere für Mädchen, usw. Jedenfalls
wurde die Kreativität der Kinder auf angenehme spielerische Art positiv
angeregt.
8.3.9 Schleifschuhe und Nagelstäbe
Wie schon beim Schlittschuhsport beschrieben, wurde bei einbrechender
Winterkälte auf jeder Eisfläche Eissport betrieben. Da gekaufte
Schlittschuhe selten waren, musste sich jeder Eisliebhaber seine selbst
basteln – oder basteln lassen. Dazu wurden zwei etwa 1,5 cm-dicke
und 6-7 cm breite Brettchen an die Schuhlänge angepasst und an der
Schleiffläche mit dem Schnitzmesser längs oval geformt. Ein
oder zwei 3 mm dicke Längsdrähte wurden auf der Unterseite längsgezogen
und auf der Oberseite angenagelt. Mit Riemchen oder Schnüren an den
Schuhen befestigt - fertig waren prima Schleifschuhe. Um daraus eine Art
Eisskier zu machen, fehlten nur noch die Antriebsstöcke, die natürlich
auch aus der eigenen Fertigung stammten: Etwa 2-3 cm dicke und 1 m lange
Akazien- oder Maulbeerstäbe – ideal waren die vom fast unzerbrechlichen
Vogelbeerbaum ( Hagedorn) – bekamen an einem Ende einen kopflosen
Nagel in der Mitte eingeschlagen. Durch Nachschliff konnte die Nagelspitze
immer den Zweck des Skistabes erfüllen.
8.3.10 Weidenpfeifchen, Hollerflöte
Von Frühling bis Sommer, so lange die Weiden und der Holunder im
neuen Wuchssaft waren, konnte man aus ihren Ästen gute Trillerpfeifen
und Flöten herstellen. Der Unterschied bei beiden war der, dass vom
grünen Weidenästchen die saftige Rinde, nach ein paar Querschlägen
mit dem flachen Messerstiel, leicht abgelöst werden konnte, während
beim Holunderästchen das frische, dicke Herzstück leicht herauszulösen
war. Um eine weidene Trillerpfeife zu bekommen musste man mit dem Messer
in das nackte Holz eine Tonhöhlung schnitzen und die herabgezogene
Rinde wieder darauf schieben; eine Öffnung zum Entweichen der Blasluft
am richtigen Platz der Rinde, garantierte einen schönen Pfeifton.
Die Hollerflöte hatte, nach der Fertigstellung, ganz das Aussehen
einer richtigen, gekauften Flöte – nur dass sie, genau wie
jene, erst nach längerer Übung perfekte Töne von sich geben
konnte, ist selbstverständlich.
8.3.11 Rohr- und Kürbistrompete
Das Rohrtrompetchen konnte aus einer frischen, starken Schilfrohrspitze
so hergestellt werden, dass vom ca. 20 cm langen und mit einem scharfen
Messer abgeschnittenen Rohrende die inneren Blattspitzen herausgezogen
wurden; nach einem Auflockern des verbliebenen Außenteils konnte
durch Blasen in das dickere Ende ein mehr oder weniger lauter Trompetenton
erzeugt werde. Fast denselben Ton erreichte man, wenn man von einem langen
Kürbisblatt den dicken, hohlen Stiel an der flachen Blattseite abschnitt
und in den dünnen, hohlen Teil eine etwa 2 cm lange Zunge einschnitt.
Zum Rohr-Trompeten-Orchester kam es aber selten, denn mehrere Kinder auf
einem Haufen hatten viele andere Spielideen parat.
8.3.12 Holzklapper und –rätsche
Man machte und nahm sie genauso zum Spielen wie zum Verscheuchen der Vögel
im Weingarten und natürlich auch zum Messleuten in der Kirche, wenn
am Karfreitag die Glocken nach Rom geflogen waren. Wichtig war dabei ihre
krachmachende Eigenschaft. Das erreichte man mit einem Hammer aus Hartholz,
der beim Klappern um die Fixierung an einem Ende auf und ab geschwungen
und auf die Holzplatte geschlagen wurde. Die Rätsche hatte dieselbe
Aufgabe, nur dass sie anstatt eines Hammers eine Holzwalze als Krachmacher
hatte, die mit der Verzahnung einige Metallzungen dadurch zum Schnalzen
brachte, dass die Rätsche um den in der Hand gehaltenen Hebel –
je schneller umso lauter - gedreht wurde.
8.3.13 Holzwagen und -maschinen
Ein Arbeitslernspiel für größte Kinder, das der Fantasie
keine Grenzen setzte. Aus Brettchen, Scheibchen, Nägeln, Draht und
Stäbchen konnte man so gut wie alles, was man auf dem landwirtschaftlichen
Hof sah, nachmachen. Ein echter Bauernwagen oder eine komplette Dreschgarnitur
brauchten aber viel Zeit und Geduld. Und so manche große Arbeit
benötigte viele kleine Helfer, so dass bei eifrigen Bastelspielen
die Strassen wie ausgestorben schienen, die Eltern Angst bekamen und nach
den Kindern suchen mussten.
8.3.14 Besondere Gelegenheitsspiele
Hauptsächlich vor Weihnachten und Ostern, aber auch zu anderen größeren
Familienfesten wurde viel Spielzeug selber gemacht: Obst- und Butzenmännchen
aus Äpfeln und trockenen Zwetschgen, welche mit Streichhölzern
zusammengesteckt waren; Bojatzen aus Karton, die an einem Zwirngerüst
turnten; Knopfsummer aus einem großen Knopf und einer starken Schnur,
welche mit einem kreisenden Schwung zum Summen gebracht werden konnte;
ausgeschnittene Papiernikoläuse, Christkinder, Sterne und Osterhasen;
Schiffchen aus leeren Nussschalen, schön bemalt; Köpfe für
das Kaspertheater aus Holz geschnitzt, aber auch aus Äpfeln und Zwiebeln
und kleinen Kürbissen, in bemaltes Leinwand gewickelt; kleine Strick-,
Stick-, Näh- und Heckelsachen und vieles andere, wie es ähnlich
kleine und große Kinder auf der ganzen Welt bei besonderen Gelegenheiten
machen.
8.4 Kartenspiele
Gespielt hat man auf dem Dorf mit zweierlei Spielkarten: mit den bayerischen/französischen
Tarock-Karten - mit dem Bachus-Ass -, und den ungarischen Tell-Karten,
mit ländlichen Ass-Bildern. In den Städten waren noch englische
Bridge-Karten, als die bekanntesten, im Spiel. Darüber hinaus kannte
man überall verschiedene Kinderkarten, lustige Witzkarten und natürlich
Zigeuner-Wahrsagekarten aus ganz Europa, vorwiegend aber aus den Kartenfabriken
von Pest, Kecskemét und Debrecen. Unsere Ahnen spielten bei der
Ansiedelung am liebsten das Binokel mit 32 und 52 französischen Karten.
Dann Tarock, Ramsch, Schnapseln, Mariasch und Schusters, aber auch die
Glücksspiele wie Siebzehn-und-vier oder zuletzt Poker und –
,feine Leute’ - Bridge. Die meisten davon wurden noch bis in die
letzte Soldatenzeit und auch in den Vertreibungslagern gespielt.
8.4.1 Binokel
Von drei Spielern spielten zwei gegen den dritten, der durch Reizen-Ansagen
– achtzehn, zwanzig, zweiundzwanzig und passe usw. – nach
seinem Blatt die Trumpffarbe bestimmte. Der Trumpfbube war die stärkste
Karte, danach das Trumpfass, die Trumpfzehn, König, Dame, der Rest
waren Luschen. Gezählt wurden die Werte der Bilderkarten. Gespielt
wurde um Geld, auf Abrechnung zu Spielschluss.
8.4.2 Tarock
Dieses Spiel wurde auch als Bauerntarock benannt und gespielt, weil man
sich auf dem Dorf nicht an internationale Regeln hielt, sondern an die
einfachen Stichregeln. Dadurch war das Ass die beste Karte, danach die
Zehn, König, Dame, Bube, Neuner, Achter und Siebener. Gespielt wurde
um 120 Punkte, welche im ganzen Spiel vorkommen. Mit Lizitieren/Bieten
begann das Spiel, mit Passen und Stechen ging es weiter. Der Meistbieter
hat den Adut/Trumpf angesagt, auf Stock (Haufen) gespielt, und musste
am Ende abrechnen. Daheim wurde um Mais- oder Bohnenkörner gespielt,
im Wirtshaus um Geld.
8.4.3 Ramsch
Beliebt war das Ramschen mit 32 Tellkarten, mit Lizitieren auf Teilbeträge
oder die ganze Kasse. Von den 4 oder 5 Spielern wurde durch Abheben einer
Karte der Mischer ermittelt, der zugleich den Kartenwert in Geld einzahlen
musste. Die Picksieben hat noch über den Trumpf gestochen, mitspielen
konnten nur diejenigen, welche Hoffnung auf mindestens zwei Stiche hatten.
8.4.4 Schnapseln
Eines der einfachsten Stech-Spiele, welches auch mit Kindern gespielt
werden konnte. Die Siebener gingen vor der Trumpffarbe, sonstige Werte
richteten sich nach denjenigen auf den Karten. Gezählt wurden die
Bilderwerte und die Zehner. Wer die meisten Punkte hatte, war Sieger und
kassierte von den Verlierern so viele Streichhölzer, Körner
usw. wie sie weniger Punkte als er hatten.
8.4.5 Mariage
Das Spiel wurde so ähnlich wie Schnapseln gespielt, und es war wie
dort wichtig, möglichst viele der 66 Punkte zu kriegen. Die ausgerufenen
Trümpfe stachen vor den übrigen Assen und Bilderwerten. Durch
Kontra und Rekontra konnten die gestochenen Punktwerte vergrößert
werden.
8.4.6 Schusters
Bei dem mit ungarischen Karten gespielten Spiel hatte die Farbe Kreuz
(Eichel) den höchsten Wert, Herz (Rot) den zweithöchsten, Pick
(Grün) den dritthöchsten und Karo (Schelle) den vierthöchsten.
Bei vier Spielern hat derjenige gewonnen, der möglichst eine ganze
Farbenreihe besitzen und dadurch die meisten Stiche machen konnte. Nach
dem Ansagen der meisten in einem Besitz befindlichen Kartenfarben zu Trümpfen,
spielte man mit vier Karten auf der Hand, um nach jedem Ausspielen –
jeder gegen jeden - ein neues Blatt vom Stapel zu holen. Der Siebener
stach über alle anderen Werte. Gezählt wurden alle Bilderwerte:
Ass und Zehner zehn Punkte, König vier, Dame drei, Bube zwei.
8.4.7 Bridge
Das Spiel der feinen Leute und der Spielklubs, das ca. ab der Wende zum
20. J.H. aus Frankreich kam, zusammen mit der Kartenart – Kreuz
für Eichel, Herz für Rot, Pick für Grün und Karo für
Schelle. Man spielte dieses regelrechte Gesellschaftsspiel von Anfang
an etwas vereinfacht, doch in allen städtischen Klubs gleich (wie,
kann aus dem ungarischen ‚Kártyalexikon’ ersehen werden).
8.4.8 Glücksspiele
Die beiden bekanntesten und in den städtischen Spielklubs erlaubten
Glücksspiele waren Siebzehn-und-vier und Poker. Gespielt wurde um
Geld, mit ungarischen Karten, nach den heute noch gültigen Regeln:
alle gegen eine Bank. Da die Einsätze nicht begrenzt waren, hat mancher
unserer Vorväter im Spielwahn Haus und Hof verspielt. Dass die Hasardspiele
nur in den Klubs erlaubt waren, sei erwähnt, und dass sie trotzdem
heimlich überall um mehr oder weniger ins Gewicht fallende Geldbeträge
gespielt wurden, ebenfalls.
8.4.9 Kartenspiele für Kinder
Am häufigsten wurde Schwarzer Peter, Gleich und Gleich (Memori),
Fragespiele, Farbensuche sowie Witzspiele von und mit Kindern bis zum
Schulalter gespielt. Von den beiden ersten gab es vielerlei Fabrikkarten
und selbstgemachte. Meist war der Schwarze Peter ein Rauchfangkehrer,
Fragekarten waren mit interessanten Fragen beschriftet, wobei die Antworten
meist einen lehrreichen oder witzigen Sinn ergaben, und die Vergleichskarten
wiederum waren mit Tier- und Blumenmotiven bemalt. Zur Farbensuche waren
alle Kartenspiele geeignet, sofern sie verschiedene Farben hatten. Bei
allen Spielen konnte man mit beliebig vielen Teilnehmern spielen. Mischen
und Spielleitung lag bei dem erwachsensten Teilnehmer. Auf genaue Einhaltung
der Regeln wurde nicht hundertprozentig geachtet. Und sobald ein Verlierer
feststand, feuchteten die übrigen Spieler den Zeigefinger mit etwas
Spucke an und strichen leicht über die Backe des Verlierers. Die
Witzkarten waren mit allen möglichen witzigen Figuren aus dem Zirkus
bemalt. Jedenfalls gab es mit ihnen einen Grund zum Lachen.
8.4.10 Wahrsagekarten
Mit ihnen haben Zigeuner auf Märkten und Kirchweihfesten die Menschen
angelogen – oder auch nicht, wenn zufällig eintraf, was sie
voraussagten. Je rätselhafter die 32 Kartenbilder mit schönem
Mädchen, jungem Reiter, Sensenmann, Briefträger oder Schwarzer
Frau bemalt waren, umso krasser wurden sie durch die Wahrsager ausgelegt
und erklärt. Auch daheim ließen sich jüngere Familienmitglieder
gerne von der fachkundigen Oma wahrsagen. Wenn einem Mädchen über
den Geliebten in der Ferne oder einem Kranken über die Aussichten
zum Gesundwerden gewahrsagt wurde, da konnte leicht aus dem Spiel Ernst
werden.
9 MENSCH UND ÖFFENTLICHKEIT
Das Leben unserer Menschen spielte sich hauptsächlich zuhause ab,
wie unter einer Dunstglocke, welche die Natur über sie, ihre Familie
und Wirtschaft gestülpt hatte. Gingen sie aus, so nahmen sie ihre
Dunstglocke mit. Wenn andere Menschen sagen können, dass ihr Haus
ein Kastell ist, so können wir sagen, dass unseres ein Inselchen
war mit sehr verwinkelter Abgrenzung und einem dichten Dunstschleier,
von dem wir uns nur bei wenigen Gelegenheiten befreiten: Beim Einrücken,
entferntem Wegheiraten, Auswandern... - und bei der Vertreibung. Weil
fast jede Familie als voller Selbstversorger von den Mitmenschen / anri
Leit / weitgehendst unabhängig war, richtete sie sich auch nur bei
wenigen Gelegenheiten nach jemandem außerhalb der Dunstglocke. Das
Zusammenkommen mit den Mitmenschen in der Öffentlichkeit, beim Einkaufen,
auf dem Markt, in der Eisenbahn oder bei einem Fest, war, als wenn viele
kleine Dunstglocken, wie Luftblasen an- und umeinander gepresst sind.
Vom heimeligen Dunst konnte sich keiner jemals befreien, es sei denn,
man riss ihn amtlich mit Gewalt da heraus, beim Einrücken, usw.
9.1 Die Mitmenschen
Man vertrug sie, hatte sie gerne oder hasste sie, so wie man manche Haustiere
nur füttert, andere streichelt oder stumpft - ganz einer Meinung
mit ihnen war man selten. 'Ein Kopf und ein Arsch' wurde man mit jemandem
nur durch die Heirat. Bei einer anderen Gelegenheit dies zu werden, wäre
ja eine Sünde gewesen. Und auch dort, wo man die Gelegenheit suchte
und fand - bei einem ‚Techtelmechtel’ außerhalb der
Ehe, z.B. - verschmolz man nie mit jemandem ganz zu einer Person. Das
Wir und Ihr war ein ständiges Nebeneinander der zwei vorerwähnten
Inseln. Anders war es bei den Raitzen und Ungarn untereinander: Die Ersteren
schlossen schon am ersten Abend Bruderschaft, die Zweiten fielen bald
miteinander in eine tiefe, lustig-traurige Singerei / mulatság.
Mit Unsereins brachten sie dies nicht fertig. Nur bei der Arbeit und beim
Geschäftemachen kamen wir gut mit ihnen aus. Sie trennte nicht nur
eine Dunstglocke von uns, es war wie eine andere Welt, wo sie lebten,
feierten, tanzten und jubilierten - auch wenn es gleich in der nächsten
Nachbarschaft war. Keiner suchte den Weg zum anderen; und wenn er ihn
mal zufällig fand, 'fiel er vor Angst aus dem Häuschen'. Das
war so bei uns in dem raitzisch-deutsch gemischten Dorf immer leicht zu
spüren, in reindeutschen Dörfern immer sehr auffallend. Dort
war es manchmal, als wenn Menschen anderer Sprache und Kultur auch einer
anderen Menschenart angehören würden.
9.2 Unterwegs in Dorf und Stadt
Außerhalb des Wohnhauses zu sein, unterwegs zu Besorgungen
in Dorf und Stadt, war meist eine etwas feierliche Angelegenheit, das
heißt, man musste sich schön anziehen. Auch wenn es nur ein
Gang zum Fleischer war, zog man sich um. Der Stadtbesuch gar war eine
so große Sache, dass man schon drei Tage vorher vor Aufregung nicht
recht wusste, was man zu Essen mitnehmen sollte, wie viel Geld man brauchte
- über die Kaufsumme hinaus -, wen man wohl treffen würde und
welche Überraschung wo auf einen wartete? Man hätte im eigenen
Dorf einen ganzen Tag wegbleiben können und wäre lieber verhungert,
als etwas Essbares mitzunehmen. In der Stadt war es was anderes. Dorthin
nahm man immer zuviel mit, und brachte es auch wieder zurück. Einem
Stadtstreicher gab man lieber ein Geldstück, damit er sich was zu
essen kaufen konnte, als das überflüssige Essen und Trinken,
das man heimschleppen musste. Dazu ein typisches Beispiel: Eine Oberbatschkaer
Base besuchte einmal, mit der Bahn, ihren auf der Walz, im fernen Bremen
weilenden Sohn, und das wichtigste Mitbringsel für ihn, war ein Korb
voll guten Essens. Beim Zurückkommen erzählte sie, dass die
Bremer Kinder Steine nach ihr warfen, als sie auf einer Bank 'Ruhstund'
hielt und 'versperrte'. Jedenfalls fielen unsere Menschen beim Ausgang
im eigenen Dorf schon genügend auf und jeder grüßte sie
und behielt sie tagelang in Erinnerung; bei der Stadtfahrt wusste man
nicht so recht, ob sie nun sich oder die Stadtmenschen, die sie sahen,
mehr in Aufregung brachten.
9.3 Fort auf Besuch
Nahm man die Angst, Haus und Hof allein zu lassen, nicht so
ernst, ist man schon mal gerne zu entfernten Verwandten auf Besuch gefahren.
Anlässe gab es genug - Hochzeit, Kindstaufe, Kirchweih, Todesfall.
Genauso bei Geschäftspartnern, von denen man gehört hatte, dass
sie einen guten Handel bereithielten - einen schönen Eber, eine seltene
Tierrasse, besonders guten Wein, gar eine einmalige Heiratsgelegenheit
für die Kinder, die bald fünfzehn würden. Meistens nahm
man den Paradewagen und das 'Paradikscherr', spannte an und fuhr zu den
Leuten, meistens ohne Ankündigung. Man fuhr einfach vor ihr Tor und
war da. Auch wenn jemand einen Verwandten wegen eines Familienfestes eingeladen
hatte, war er nicht sicher, dass und wann der Eingeladene kommt. Die Ungewissheit
über das genaue Kommen, mit der Gewissheit, dass es in jedem Falle
eine Überraschung sein wird, trieb die Aufregung bei jedem Beteiligten
eines Besuches in die Höhe. " O, wie schaut r tann aus? Ihr
seid ja so maagr... oder so tick wora. Seid r krank? Es werd jo niks Schlimmas
sei? Mir sinn a net kud peinand--- Un unsr Lentschi, tie Kuh, is varkeschtr
in dr Kanal kfalla, um a Haar wär sie vrtrunka... Sunscht keht's
uns kud. Un wie keht s Eich, sinn Eiri Kinnr noch so schlimm?.. Tie Hauptsach
sie sin ksund..." Etwa so ähnlich klang eine Begrüßung
bei einem auswärtigen Besuch und hielt die Aufregung des Hereinplatzens
in einen ganzen oder halben Arbeitstag - Werk- oder Sonntag - so lange
hoch, bis man sich zusammen an den Tisch setzte und was aß und trank.
Der neue Wein, der Kuchen, von dem immer was fertig vorhanden war - weil
man ja nie wusste, wann jemand kommt - war gut, und man konnte sich bald
beruhigen und beim Reden auf den Besuchsanlass kommen.
9.4 In der Sommerfrische
Seit den Zwanzigerjahren unternahmen manche unserer reicheren und lebensbewussteren
Bauern und Handwerker einmal im Jahr eine Sommerfrische. Dabei spielte
das Vorzeigen, was man sich alles leisten kann, weniger eine Rolle, als
ein verborgenes Leiden beim Mann oder der Frau, wegen dem etwas, laut
Arzt, getan werden musste, und wenn es nur eine Luftveränderung war.
So gewöhnte man sich denn an, zu zweit eine Badefahrt zu machen und
mit der Bahn zu einem Heilbrunnen ins Inn- oder Ausland zu reisen. Wenn
es einem gut tat, war die Entfernung Nebensache, und man fragte nicht
was es kostete, das Hinfahren und Unterkommen - beim Essen war es etwas
Anderes. An dem sparte man schon deswegen, weil man es ja sowieso hatte,
das viele Essen daheim, die guten Würste und 'Plunsen' (gefüllte
Schweinsblasen), wo man wusste, was drinnen ist... Zu Essen nahm man sich
also mit, damit man jeden Tag - die zehn oder vierzehn Tage lang - was
Eigenes zu sich nehmen konnte. Da konnten die Baderegeln sagen, was sie
wollten. Man ist ja nicht wegen der Schonkost hingekommen, denn die hätte
man sowieso nicht runtergekriegt, sondern wegen der Anwendungen, Schlammbäder,
Massagen und Spaziergänge an der frischen Luft. Näher bekannt
wurde man mit Fremden weniger, als mit Eigenen - Schwabenleut aus der
Batschka -, die man gleich am zweiten Tag inn- und auswendig kannte. Mit
ihnen war man immer zusammen, die anderen gingen einen nichts an. Das
Badepersonal auch nur, weil man es vertragen musste. Mit dem Arzt wurde
man nur dann warm, wenn er Schwäbeln konnte. Dann glaubte man ihm
auch eher, was gut oder schlecht für einen ist, von den mitgebrachten
Würsten und so. Mit Zuhause hat man nur in besorgten Gedanken Verbindung
gehalten. Wenn es mal ganz wichtig war, schrieb man einen sehr langen
Brief und gab ihn so spät auf, dass er erst nach einem selbst zuhause
ankam. Und dann beim Erzählen über die Sommerfrische hat man
gerne auf den Brief hingewiesen, dass man ja über alles ausführlich
geschrieben hätte und nicht noch mal mündlich erzählen
müsste. Und kam dann das Schreiben, wegen schlechter Adressangabe,
nach acht- oder vierzehn Tagen endlich an, las man es vor versammeltem
Hausstand laut vor. 'Na, jetz wisst r, wie s war - schee, pis uff s Essa,
vun tem hot s viel zu viel khat; nächschtsmol wera mr wennichr mitnemma.'
9.5 In der Fremde
Über das Verreisen in die 'Fremde' (weite Entfernung) gibt es zu
sagen, dass alles, was mit ihr zu tun hatte, nicht schwäbisch war,
sondern anders. Und alles, was anders war hat man 'abgeschaut'/verachtet.
In die Fremde zu gehen war, wenn es unbedingt sein musste, ein notwendiges
Übel, das fast so schlimm war, wie das Betteln. Nicht umsonst sagte
man zu einem Fremden Dahergelaufener, Fechtbruder, Walzbruder, Fratschelweib,
Klingelputzer, auch wenn sie nichts anderes als Handelsreisende waren,
die von weither kamen, z.B. aus weitrer Entfernung als die Zinsare/Aufkäufer.
Schon der Verdacht 'fremd zu gehen' war eine Schande. Aus der Fremde kam
mehr Schlechtes als Rechtes. Man entschloss sich deshalb nur dann für
eine weite Geschäftsreise, wenn sie sich besonders lohnte: Sie musste
mindestens das Drei-Vierfache an Gewinn bringen. So etwas war leicht der
Fall im Frühling, wenn in eierreichen Gehöften viel Geflügel
schlüpfte - Kücken, Entchen, Gänschen und Truthähnchen.
Was da in der Batschka der Züchterhof zuviel hatte, wurde in die
Baranya und Schwäbische Türkei gebracht. Berufsmäßiger
Viehhandel wurde von den Aufkäufern besorgt, die in der Fremde zuhause
waren. Bei Kleinvieh war es typisch, dass paar Bäuerinnen - auch
verschiedener Nationalität - eine Fuhre mit Kleinvieh zusammenstellten
und sich von jemandem über die Donau und so weit, wie es das Geschäft
erforderte, fahren ließen. Hatte man Glück, waren nur zwei-drei
Tage notwendig, wenn nicht, blieb man mal auch eine Woche lang weg, bis
die Kükenkörbe und Kartons leer waren. Das Übernachten
zwischen den Verkaufstagen war eine Sache für sich, weil man sich
ja keinen Gasthof leistete. Verwandte hatte man in den entfernten Dörfern
selten, so ging man einfach ins erst-beste Haus und fragte, ob man nicht
im Schuppen oder einer Kammer bleiben könne. Man konnte meist, durfte
aber auch mal in einem richtigen Bett schlafen. So oder so war es ein
'Fratschelleben' das man in der Fremde führen musste. ‚Fechtbrüder’
wurden nicht nur Wandergesellen, sondern alle Fremden genannt, die auf
Arbeitssuche waren und, wegen Geldmangels schlecht gekleidet daherkamen
oder auch zwischendurch mal betteln mussten. Bei ‚Walzbrüdern’
war der Anteil wirklicher wandernder Gesellen sehr groß, und gaben
sich junge Fremde als solche aus, fragte der interessierte Handwerker
zuerst nach dem Arbeits- und Wanderbüchlein. Stimmte das, konnte
der fremde Geselle oder Gastwirtsgehilfe bleiben, für ein garantiertes
halbes bis ganzes Jahr und um Kost, Logis und ein Taschengeld sechs Tage,
bis zu 10 Stunden lang arbeiten. Kurzum, die Fremde war selten eine schöne,
aber immer eine nützliche Lehre, die einem beim Heimkommen weiterhelfen
konnte.
9.6 Das Auswandern
Es ist ebenfalls eine erwähnenswerte Sache. Schon als die erste Dampfmaschine
übers Meer nach Amerika fuhr, etwa vor hundertfünfzig Jahren,
begann das Auswandern aus ganz Europa. Nicht so viele wie aus Westeuropa,
zogen aus unserer Gegend für immer fort. Bei uns gab es wenige vollkommen
Mittellose, die ihre Rettung im Weggehen für immer suchten. Doch
unser Erbrecht verhieß nur den Erstgeborenen einer Bauernfamilie
das, was man eine gute Existenz nannte. Die Geschwister gingen zwar nicht
leer aus, mussten aber, um mit dem Erstgeborenen mithalten zu können,
etwas lernen oder gut heiraten - oder aber auswandern. Berücksichtigt
man nicht den Zwang, vor einer Hungersnot oder als Kriegsflüchtling
und Vertriebener die Heimat verlassen zu müssen, so war das Auswandern
keine traurige Angelegenheit. Die amerikanischen Werber und die großen
Schiffsagenturen gaben sich die größte Mühe, dass niemand
vor der Fahrt ins Ungewisse Angst haben musste. Alle machten sie den Auswanderern
die Überfahrt so schmackhaft wie möglich: Die Amerikaner liehen
einem jungen Auswandererpaar jede Summe auf zehn Jahre, und den Preis
der Schiffskarte stundeten sie auch zeitweise. So gab es in den Zwanzigern
und erst recht in der Wirtschaftskrise der Dreißiger in allen Batschkadörfern
Auswandererwellen, die meist in Richtung Amerika, aber auch nach Kanada
oder Argentinien führten. Viel Zeit zum Überlegen gab es meistens
nicht: Wer gehen wollte, musste es schnell tun. Ein paar geflochtene oder
genagelte Koffer voller Kleidung, einige dicke Brote, ein-zwei Töpfe
mit Schmalzfleisch - und die Eisenbahn brachte einen schon nach Hamburg
oder Bremen, Triest oder Genua, in einen großen Wartesaal der Agenturen.
Die Agenten warteten auf den Bahnhöfen mit den Listen, führten
die Ankommenden in die Kanzleien und ließen sie dies und jenes unterschreiben.
Hatte man Glück, durfte man gleich auf ein Schiff, wenn nicht, musste
man - auf eigene oder fremde Kosten - auch mal einen Monat lang warten,
bis man wegkam. So schwer unsere Menschen in die 'nahe' Fremde gingen,
so erstaunlich leicht nahmen sie die Auswanderung in eine reiche, weite
Verheißung auf sich. Vielleicht war daran noch der alte Siedlergeist
schuld, der vormals unsere Ahnen aus einem armen Süddeutschland weg
und in die gelobte Weite des Südostens brachte.
10 Politik
Seit der Ansiedlung und bis in die Schicksalsjahre des Ersten Weltkrieges
hatten unsere Vorfahren wenig Gelegenheit, sich mit einer anderen Politik
als der herrschaftlichen zu beschäftigen. Der strenge hierarchische
Aufbau der Gesellschaft ließ nur die obere Herrschaft am sogenannten
politischen Leben mit vollem Stimm- und Wahlrecht teilnehmen; und als
'Obere' galten alle Adeligen und Großgrundbesitzer, weil nur sie
im großungarischen Staat (einschließlich Karpaten, Siebenbürgen
und Adriaküste) an den Komitats- und Parlamentswahlen ein Stimmrecht
hatten. Kanzleimenschen, ab dem Notar aufwärts, Militär- und
Polizeiobere waren dem König als dem obersten Herrscher direkt unterstellt
und hatten nicht zu fragen, ob das was seine Regierung bestimmte, richtig
oder falsch sei. Weil sie die Vollstrecker von Gesetz und Ordnung waren,
zählten sie auch zu den Oberen. Das Volk hatte nur eine Möglichkeit,
etwas an der Obrigkeit vorbei der Königskanzlei vorzutragen: die
Eingabe. Wenn die im Namen mehrerer Bürger durch einen Geschulten
– Fischkal/Rechtsanwalt, Pfarrer oder Lehrer - gut aufgesetzt wurde,
führte sie fast immer zum Erfolg.
10.1 Leben im Obrigkeitsstaat
So ein Leben im Obrigkeitsstaat hatte für den 'kleinen' Mann mehr
Nach- als Vorteile. Er hatte auf der einen Seite Steuern und Abgaben,
musste einrücken und war auch sonst in Notfällen - Überschwemmungen
- zu kostenloser Arbeit verpflichtet; dagegen wurde er andererseits verpflichtet
zu öffentlichen Feiern, Defilees und Versammlungen zu gehen und die
Oberen hochleben zu lassen. Das veränderte sich nur langsam in den
letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Dann hatte Ungarn von seinem
Habsburger König - im sogen. Ausgleich - das Recht erhalten, das
eigene Land selbst zu regieren und eigene Politik zu machen; das machten
die magyarischen Politiker so eifrig, dass auch ihre untersten Volksschichten
gegen alles Andersnationale aufgehetzt und hochmütig wurden und sich
bald zu den Privilegierten zählten. Zu was das führte, als die
Nationalisten aller Sparten auf die Straße gingen und auch die bis
dahin friedliebenden Menschen verführten, aus guten Nachbarn Ungarn-,
Raitzen- oder Deutschhasser wurden, mussten wir am Ende bitter erfahren.
10.2 Pflicht, Recht und Ordnung
Ein guter Staatsbürger fühlte sich am wohlsten in seiner Haut,
wenn er seine Pflicht gegenüber König, Staat und Obrigkeit pünktlich
und ordentlich erfüllte. Einige (zum Teil hochdeutsch hergesagte)
Sprüche meinten: Tue Recht und scheue niemand; was Recht is, muß
Recht pleiwa; ieb immr Trei un Redlichkeit, bis an dein kühles Grab...;
ich pin im Recht, to kann mr koonr was nachsaga. Aber ein andermal hieß
es auch: Wu nix is, hot dr Keenich sei Recht vrlohra; tu hosch recht,
tier khert recht - dr Puckl vrhaua! Doch überall wo Regeln sind,
gibt es auch Ausnahmen, was immer schon galt in Bezug auf Recht und Gesetz
und ihre Übertretungen. Damit diese nicht überhand nehmen konnten,
dafür sorgte in unseren Dörfern der Dorfrichter/Bürgermeister,
in den Städten der Bezirks- und Stuhlrichter. Die Letzteren waren
in ihrer Arbeit von aller übrigen Obrigkeit unabhängig und nur
dem König verantwortlich; nur er konnte ihre Rechtsprechung annullieren
und eine neue Verhandlung fordern.
Außer Recht und Ordnung einzuhalten hatte ein Staatsbürger
noch weitere Pflichten, die ihm seinen Alltag nicht gerade leichter machten,
die er aber - wenn auch mit Murren - einhielt. Die erste und ständige
war die Ausweispflicht bei Polizei und Gendarmerie; er hat sie durch Vorzeigen
einer Legitimation erfüllen müssen. Konnte er es nicht und war
er dem Ordnungshüter unbekannt, dann lernte er für Stunden oder
Tage den kargen Gefängnisraum kennen, über den jedes Gemeindehaus
verfügte. Die Taxierung jeder an ein Amt gerichtete Schrift war auch
genau und pünktlich vorzunehmen, durch eine Taxiermarke, die man
auf der Post kaufen musste. Auf dem Markt konnte der Erzeuger nur etwas
verkaufen, wenn er die Standgebühr bezahlt hatte. Und nicht zuletzt
war er es, der mit einer Reihe von Abgaben sorgte, dass der große
Staatsapparat nicht eintrocknete und er und seine Diener ständig
- mit Trinkgeld/Bakschisch/csúszópénz - geschmiert
werden konnten. Überhaupt Letzteres war bei wichtigen Gesuchen die
entscheidende Zugabe und oft alleinige Garantie für eine zügige
Bearbeitung und positive Entscheidung. Von Anbeginn und bis in unsere
Tage nach dem Zweiten Weltkrieg bestand die überzeugendste Bittschrift
in einem möglichst großen Schein, den der Antragsteller zwischen
die Papiere oder, wenn es nur ein Blatt war, unter es legte und einen
Zipfel davon beim Einreichen sichtbar machte. Ungarn mag sich noch so
sehr von dem Balkan distanzieren, in dieser Hinsicht unterscheidet es
sich auch heutzutage nicht von den Serben und Mazedoniern. Weil aber die
Bestechung nur als Motivation für die Pflichterfüllung galt/gilt,
hat der Staat selbst von ihr nichts und muss sich schon immer eigene Methoden
zur Schröpfung des Bürgers ausdenken. Die naheliegendsten waren
zu unserer Zeit die verschiedenen Steuern, die, zusammen mit den Zöllen,
die Haupteinnahmequellen des Fiskus darstellten.
10.3 Steuern
Unter den Steuerarten war die einnahmestärkste vor der
Vertreibung die Grund- und Haussteuer, da sie von fast allen Einwohnern
mehr oder weniger brav gezahlt wurde, weil alle ein Grundstück, Haus
oder Häuschen, Garten oder Gärtchen hatten. (Welche gesellschaftliche
Rolle diese Steuerart im alten bourgeoisen System spielte, lässt
sich daran erahnen, dass im heutigen Ungarn - dreizehn Jahren nach der
Wende - kein Politiker den Mut hat, sie zu befürworten und dass jede
der drei seitherigen Regierungen von ihrer Einführung die Hände
ließ, weil sie Angst vor dem Unmut der größten Wählergruppe
hat, welche die Hausbesitzer darstellen). Eine weitere 'kleine' allgemeine
Steuer war die Rentensteuer, welche alle Bürger, die nicht arbeiteten
aber Einkommen hatten, bezahlen mussten - die Reichen mehr, die Armen
weniger oder gar nichts. Die Einkommensteuer war eine Unternehmer- und
Arbeitersteuer, die prozentual vom Einkommen der Fabrikanten, Handwerker,
Angestellten und Arbeiter bezahlt wurde. Eine Umsatzsteuer wurde vom Handel
und eine Industriesteuer von den Fabrikanten erhoben. Sowohl der Handel
wie die Industrie zahlten entweder pauschal in entsprechenden Steuersätzen
oder nach der Festlegung einer jährlich durchgeführten Finanzprüfung
der Umsatzbücher. Die Industrie- und Umsatzsteuer waren eng miteinander
verbunden, weil sie dieselben Zahler betrafen. Damit man sieht, wie eng
das Steuernetz war, soll eine Auflistung aus dem Apatiner Heimatbuch von
Hans Jurg, aus dem Jahre 1940, zitiert werden: Apatin mit seinen 9 Dörfern
im Verwaltungsbezirk hatte, bei ca. 60 tausend Einwohnern, ungefähr
16 tausend Steuerzahler. Etwa 60% vom gesamten Steueraufkommen bildeten
die Haus- und Grundsteuer; danach kommt die Einkommensteuer mit ca. 14%,
Industriesteuer 12%, Umsatzsteuer 6% und Rentensteuer 0,6%. Ein Vergleich
mit den heutigen Werten der 'modernen' Steuergesetzgebung kann nicht angestellt
werden, da jetzt die Abgaben der Arbeitnehmer an erster Stelle stehen,
doch auch ihr Sozialgefüge die meisten Staatsausgaben bedingen. Wenn
man dennoch berücksichtigt, dass heute die Zahl der Bettler und Obdachlosen
kaum geringer ist, als in der damals noch nicht vollversicherten Gesellschaft,
dann kommt man zum Schluss, dass der Stall des Vater-Staates noch nicht
optimal ausgemistet ist und dass da einige Schimmel zu viel herumstehen
und sich auf Kosten des Steuerzahlers mästen.
11 Krieg
Im Südosten Europas, auch als Tor zum Orient apostrophiert,
gab es in der rund zehntausendjährigen Menschheitsgeschichte immer
Krieg; nicht weil die jeweiligen Ortsansässigen so händelsüchtig
gewesen wären, nein, weil sie sich, wie Spinnen im Durchzug, einen
falschen Platz zum ruhigen Leben ausgesucht hatten. Es gibt wenige Gegenden
in Europa, die so zum Kriegführen geschaffen sind, wie der enge Durchgang
bei uns von Mitteleuropa zum Balkan und weiter zum Bosporus. Niemals begannen
die Volksstämme, die hier jeweils ein-zwei Jahrhunderte lebten, von
sich aus mit den Nachbarn Krieg, und immer wurden sie von fremden Völkern,
die den Durchzug beherrschen wollten, in Händel verwickelt. Daraus
kann man direkt auch den Untergang von durchweg aller friedlichen Völker
und Stämme verfolgen - und ebenso das Überleben der kämpferischen.
Als größtes und sicher schlimmstes Übel kann der Krieg
angesehen werden. Unsere älteren Menschen haben ihn zweimal wie eine
teuflische Heimsuchung erlebt; plötzlich war er da und machte das
Leben zur Hölle. Über Schuld und Ursache kann man lange streiten,
doch eines ist sicher: ganz am Anfang steht ein allgemeiner Irrtum, den
man fast überall auf der Welt als notwendiges Übel sieht - die
Soldatenzeit im Frieden. Wenn man sie abschaffen könnte, wäre
es unmöglich Krieg zu machen. Die Pazifisten haben dafür eine
einfache Weisheit: Stelle dir vor, es wäre Krieg und keiner würde
hiengehen! Bei uns im Südosten hat man hiengehen müssen, und
das nicht selten. Jeder Bursche über achtzehn Jahre musste im Frieden
zweimal einrücken, auf jeweils anderthalb bis zwei Jahre. Im jugoslawischen
Teil rückte man in eine südserbische oder bosnische Kaserne,
in der ungarischen Batschka brachten sie einen an die rumänische
Grenze oder in die Karpaten - in jedem Falle weit weg von zuhause. Das
war immer schlimm, weil unsere Rekruten oft schon mit Achtzehn versprochen/verlobt
oder verheiratet waren und an einem eigenen Wirtschaftsaufbau arbeiteten.
Weil aber das Einrücken nicht zu vermeiden war, versuchte man aus
ihm das Beste zu machen. Wer gerade das Schießen oder Marschieren
nicht zu seiner Lieblingsbeschäftigung auserkor, hat sich gleich
nach der Musterung als Putzer/Bursche für einen der Offiziere gemeldet
(wobei dieser Begriff am besten mit der Rolle des 'Braven Soldaten Schwejk'
zu erklären ist). Wenn die meist andersnationalen Offiziere hörten,
dass ein Putzer-Anwärter aus der Batschka kommt, nahmen sie ihn gleich.
Und nach einer kurzen Zeit mit Proformaschießen und -marschieren
begann für den Leibdiener eine schöne, ruhige Zeit, die alle
zwei bis drei Monate von einem Heimaturlaub unterbrochen wurde. Das ist
verständlich, weshalb: Die Putzer aus der Batschka kamen jedes Mal
mit einem großen Packet Wurst und Kuchen zu ihrer meist privat wohnenden,
verheirateten Herrschaft zurück. Und wenn das Essen weg war, wurde
der nächste Urlaub geplant. - Jedenfalls machte von unseren Burschen
nur ein kleiner Prozentsatz im Frieden beim Militär Kariere. In einer
stolzen ungarischen Aufzählung von Bajaer Offizieren, kommt kaum
ein deutscher Name vor; möglicherweise, weil sich alle Karrieristen
magyarisieren lassen mussten, z.T. aber auch, weil die Batschkaer Donauschwaben
grundsätzlich mit wenigen Soldaten-Helden aufwarten können.
11.1 Militärpflicht
Die Einstellung unserer Vorfahren zum Krieg, der immer als Heimsuchung
über uns kam, kann zwischen ängstlich und pflichtbewusst eingestuft
werden. Ab dem Tag, als wir wussten, jetzt knallt es auch bei uns, haben
wir unsere Familie und unser Sach fest umschlungen und hätten es
am liebsten nicht mehr losgelassen. Die ständige Sorge und das lebenslängliche
Schuften taten sich im Krieg felsenfest zusammen und lagen wie ein großer
Brocken Granit auf unserem Leben. Alles was wir taten, wurde durch diesen
Brocken behindert - das Daheimbleiben ebenso, wie das Einrücken und
Flüchten. Unsere Rekruten waren weit davon entfernt, gerne und lustig
einzurücken; und auf den Jubelfotos, die im Ersten und recht im Zweiten
Weltkrieg am Anfang in den Zeitungen als Kriegswerbung gezeigt wurden,
waren unsere Burschen sicher nicht zu sehen. Über die Soldatenpflicht
der Batschkaer Jugend kann daher nochmals betont werden, dass sie an jedem
Krieg mehrheitlich teilnahmen, doch dass Ihre Verweigerungsrate auch ansehnlich
war. Jene, die sich nicht drücken konnten, weil der Gehorsam stärker
anerzogen war, als der wissentliche Protest in der Sinnlosigkeit, taten
unter den Habsburgern brav ihre Pflicht zuerst im Erbfolgekrieg gegen
die Preußen (Königgrätz), dann im Beistandskrieg gegen
die Italiener (Solferino), im Besatzungskrieg in Bosnien (Berliner Kongress),
im Ersten Weltkrieg (Sarajewo) und im Zeiten Weltkrieg (Russlandfeldzug).
Obwohl keiner dieser Kriege wegen oder um uns geführt wurde, hieß
es immer, wir müssten Heim und Herd und Vaterland verteidigen, wenn’s
sein musste, bis zum letzten Blutstropfen. Lang und vollständig waren
die Listen, die unsere Jugend im schönsten Alter zur Musterung riefen,
zur Einteilung mehr zu Kanonenfutter, als zu Drückebergern in den
Unterständen. Und lange und gründlich sind auch die Todeslisten,
die wir für alle Heimatorte anlegten, weniger aus Stolz und mehr
als letztes Monument unseres redlichen Unterganges.
11.2 Heldentum und Verweigerung
Ein kleines Kapitel muss da noch angefügt werden: das über unsere
Helden und Verweigerer. Von den Ersteren, den sog. Helden in Uniform können
wir nur - genau wie andere Stämme, wenn auch etwas verschämter,
einige aufzählen. Es sind jene einzigen Söhne von Eltern, die
in gewisser Verblendung stolz ihre Sprösslinge für eine 'Deutsche
Sache' in den Krieg schickten. Ihnen gegenüber steht aber eine wesentlich
größere Zahl jener Batschkaer junger Donauschwaben, die sich
von Familie und Sach nicht um alles in der Welt trennen konnten. Denn
Spruch, dass man auch in Russland oder Finnland seine Heimat verteidigen
müsste, verstanden sie weniger, als z.B. die jungen Serben ihren
Kriegsruf, als sie vom Reich überfallen wurden. Unter diesem Gesichtspunkt
ist die Verweigerung unserer Jugend zu sehen, wenn sie unter keinen Umständen
einer Einberufung - von denen es 1941- 45 drei große und viele kleine
gab - folgten. Sie ließen lieber Spottnamen wie Ateitsch, Schlawak,
Feigling, Truckabergr, Haasafuß, Angschthaas, Mottrsehnl, Weichling,
Schwowafeind oder Judasau über sich ergehen, als gegen ihre innerste
Überzeugung in einem irrsinnigen Krieg ihr Leben zu lassen. Dass
sie dennoch vom Krieg und seinen Folgen eingeholt wurden und man sie als
Zivilisten daheim umbrachte, in Partisanengefängnisse und sowjetische
Kohlengruben verschleppte, ist so absurd und fast tragikomisch - wie auch
die ganze Kriegsursache, für Deutsche im Osten neuen Lebensraum schaffen
zu wollen.
12 MENSCH UND SPRACHE
Die erste und beste Möglichkeit mit jemandem in Kontakt zu kommen
und zu bleiben, ist bei jedem Menschen seine Sprache. Bei unseren Vorfahren
war es ebenso, wie überall auf der Welt, nur dass die meisten von
ihnen, außer der Muttersprache, noch mindestens eine fremde Sprache
beherrschten oder verstanden. An erster Stelle kam das Ungarisch. Noch
von daher, da die ersten Siedler aus Deutschland, meist Fachleute der
Bauberufe, bei den ungarischen Städtegründungen wesentlich beteiligt
waren; und erst recht bei der großen Ansiedelung nach der Türkenzeit,
haben sie die Ungarn als Mehrheitsvolk in diesem Gebiet anerkannt und
respektiert. Außer manchmal mit der Obrigkeit, gab es nie Streit
über die Ausdrucks- und Verständigungsweise, aber deswegen kam
es nie zu größeren Missverständnissen. Unsere Menschen
lernten schneller Ungarisch, als umgekehrt. Wenn in einem überwiegend
deutschen Dorf nur ein paar Ungarn wohnten, hat man ihre Sprache schlecht
und recht erlernt und verstanden. Etwas anderes war es mit den Raizen/Slawen.
Sie waren erst ab der Türkenzeit in der Batschka, und spielten in
dieser Gegend niemals eine mehrheitliche Rolle, auch in den wenigen Dörfern
und Städten nicht, wo sie in der Bevölkerungsmehrheit waren.
Die Schwaben hielten ihre Sprache nicht für so wichtig, dass sie
auch in mehrheitlich schwäbischen Dörfern von ein paar Kroaten,
Serben, Bunjewatzen, Schokatzen lernten, und wenn doch, dann nur von den
nächsten Nachbarn und beim Spielen auf der Strasse; weder die erwachsenen
Slawen, noch ihre Kinder erlernten die deutsche Sprache. Wenn man etwas
mit ihnen zu tun haben wollte, musste man sich mit ihnen in ihrer Sprache
verständigen. Das war nur für Kinder leicht. In die Siedlung
zugezogene Erwachsene hatten ein Leben lang mit Andersnationalen Verständigungsprobleme
– Kinder nie. So wuchsen die Donauschwaben/Ungarndeutschen mindestens
zwei- oder drei- aber auch viersprachig auf – noch mit Rumänisch
oder Russinisch im Banat und der Unterbatschka.
12.1 Muttersprache und Dialekte
Die ersten Worte, die wir als Kinder von der Mutter lernten, vergaßen
wir nie, auch dann nicht, wenn wir zwischendurch lange in einer anderen
Sprache redeten. Durch den letzten Krieg und seine Folgen haben viele
von uns nur einige Jahre lang ihre Muttersprache daheim gesprochen, wenn
wir aber, nach vielen Jahren, abermals das Mutterschwäbisch versuchten,
war es bald wieder da, schön und rein wie ehemals. In der Muttersprache
erneut zu sprechen, ist, wie nach einer langen, schweren Krankheit fieberfrei
aufzuwachen., die gesunde Welt neu zu entdecken und ins Herz zu schließen,
in Freude, dass man wieder auflebt. Wir redete in der angeborenen Sprache
so lange, wie wir in der angeborenen Umgebung blieben – manchmal
ein Leben lang. Jeder der in eine andere sprachliche Umgebung kam, musste
nach und nach seine Muttersprache einem anderen Dialekt anpassen. Das
war sogar dort der Fall, wo die ganze Familie in ein anderes Dorf umzog.
Im ganzen Südosten ist ein einziger Fall bekannt, bei dem viele Batschkaer
Schwaben aus einem Dorf in ein anderes zogen und dort die Mehrheit bildeten
– Indija in Syrmien. Die zugezogene Gemeinschaft hielt so an ihrer
Sprache fest, dass sie nach mehreren Generationen der gesamte Ort erlernte
und bis in die Vertreibungszeit sprach. Leider Gottes kam es aber auch
vor, dass unsere Menschen nicht nur fremde schwäbische Mundarten
in ihre Sprache mischen mussten, sondern auch Sprachbrocken von anderen
Nationen. Solches Gemisch ist meistens in der Esskultur, im Sport, beim
Singen und Tanzen und im Brauchtum vorgekommen. Was die Arbeit im Handwerk
angeht, so richteten sich alle anderen Nationen nach uns und übernahmen
viele unserer Fachausdrücke. Unsere Muttersprache war keine einzige,
sondern eine erste Möglichkeit mit anderen Landsleuten – Schwaben,
Pfälzern, Baiern – zu reden; weitere Redensarten lernten wir
genauso schnell, egal ob sie aus dem Hochdeutschen oder sonst woher kamen.
12.2 Batschkaer Sprachgemisch
Au Schwätze will g’lennt sei – unter diesem Motto haben
die schwäbisch-württembergischen Mundartforscher, Herrmann Fischer
und Hermann Taigel, im Jahre 1986 ein Schwäbisches Handwörterbuch
herausgegeben; auf einer schönen Landkarte zeigen sie alle schwäbischen
und alemannischen Gegenden, aus welchen die meisten unserer Siedlerahnen
im 18. und 19. Jahrhundert auswanderten – es sind nicht weniger
als vierzig! Doch wenn man davon ausgeht, dass in der Regierungszeit Maria
Theresias die meisten Batschkaer Siedler nur aus katholischen Gegenden
kamen, so lassen sich die vierzig auf ganze zehn verringern. Es sind dies
die alemannischen Landesteile um Rottweil, von Alb und Donau, aus Schwaben
um Biberacher, Läutkirchen und Kempten, vom Oberrhein, aus der Baargegend
und aus dem Süd-Bodensee-Alemannischen. In dem Nordbatschkaer Siedlungsraum
gibt es in großer Mehrheit römischkatholische Ahnensiedlungen,
und nur ein mehrheitlich evangelisch-reformiertes Dorf, das in der Zeit
Josefs II. angesiedelt wurde – Harta bei Kalocsa. Weil sich die
Landsleute aus diesem Dorf, außer in Baja, kaum mit den Nachbarsdörfern
mischten – religiöse Mischehen waren genauso verpönt,
wie nationale – kann man hochprozentig davon ausgehen, dass unsere
Nordbatschkaer Mundart ein Gemisch aus mindestens den aufgeführten
süddeutschen, dann südfränkischen, pfälzischen und
saarländischen Mundarten ist. Vergleiche in dem erwähnten Wörterbuch
von Fischer/Taigel und einem weiteren Alemannischen Taschenwörterbuch
für Baden, von Hubert Baum, 1978 in Freiburg/Breisgau herausgegeben,
ergeben dasselbe Endergebnis; in den Mundartwörterbüchern aus
anderen ‚genealogisch wichtigen Gegenden’, wie dem Moselgebiet,
Rheinland, Bayern, usw. gibt es wesentlich weniger Ähnlichkeiten,
was uns einigermaßen plausibel beweist, dass die Erstsiedler der
Oberbatschka mehrheitlich aus dem Schwäbisch-alemannischen Raum Süddeutschlands
kamen.
13 Sprachproben
Viele theoretischen Überlegungen können kaum ein wenig Praxis
ersetzen, deshalb mögen hier einige Sprachproben – leider ohne
Transkription – mundartliche Ausdrucksweisen Nordbatschkaer Dörfer
aufzeigen. Wesentlich genauer könnte man es natürlich machen,
wenn man aus allen fraglichen 50 Ortschaften, die unserem Ahnenspiegel
zugrunde liegen, Sprachproben – möglicherweise zusammen mit
Fachkommentaren anerkannter Mundartforscher – abdrucken könnte.
Weil das aber hier nicht möglich ist, sollen unsere bereits anderswo
veröffentlichten Proben zeigen, wie die Ahnen im großen Ganzen
nicht sehr, im Einzelnen dennoch unterschiedlich sprachen. Wenn das richtige
süddeutsche ‚Schwätzen’ – nach Fischer/Taigel
- gelernt sein will, um wie vieles mehr hätte man das Batschkaer
‚Redda’ üben müssen, wenn man es über die vielen
Jahre seit dem Krieg nicht verlernen wollte. Da das Üben oft zwangsweise
sehr vernachlässigt wurde, sind die folgenden Proben zum Teil weniger,
zum Teil mehr mangelhaft ausgefallen.
13.1 Arbada em Waajgata
(János Beck, Doktor der Medizin, geboren in Hajos; Originalbeitrag
aus Briefsendung v. 1.7.96)
S Spritza: Em Aabed hat maajn Fattr miar ksajt: "Maarga kaama en
Waajgata, i muß spritza an Tu deafscht au mitkhamma, wenn da witt."
(En Waajgata bin i ellawoil gean kanga, itt so wia en Kukrutzaackr). Ear
hat s zirka Zwihektofaß en Waaga nauf taau, tr Blaastuaj em warma
Wassr aufkleest, tr Khalch au, tees Ganz ens Faß naajkleert, and
s Faß mit am Wassr aufkfillt. Em maarges hattr mi friea aufkweckt,
nach hama ojsa Ross (en alta Schemml, Nama: Deeresch) aajkspanna and seand
en t Haajd kfaara (dott ischt uajn Waajgata ksaaj, tr andr en Borotta).
Wen ma aakhama seand, hat tr Fattr kloi aakfanga zum spritza, and tes
hatt r da ganza Taag kmacht. Zescht hatt r t Leseng aufkriart (tr Riarr:
a andrthalb Mettr langa Stang mit halbmettr Khettam em End) and nacht
hatt r t Leeseng tur a Sieble mittr Messengpipa en t Spritzed naajklaau.
Wenn sie voll ksaaj ischt, hatt r sie auf ta Rucka knamma and tes hatt
r taglang kmacht. T Waajsteck seand ellawoil schia blaa ksaaj. And was
han i taau? I bin an Kriasabuum nauf kreapsled and han Kriasa procked,
odr Woiksala, and speetr Äpfl, Biara, Trauba, Pflamma, Zwetschka,
Aprikosa, Marilla, Pfiarscheng.
Vaar am Zmittageassa hat tr Fattr saine Hend mit halbroife Woichsala kwescha.
Eftrs hat tr Fattr miar Eathaasa kfanga. Wia? En Ampr voll Wassr hatt
r ens Loch naajkleert, and tr Eathaas isch pald rauskschlupft and tr Fattr
hat ihn gloi kschnappt, dear hatt ittamaal saga khenna: niks.
S Leasa: Em Hiarbscht, wenn t Kadarka-Trauba schaau roif seand, nacht
ischt en Hajosch s Leasa. Kuat fria gaat ti ganz Famile en Waajgata. S
Roß hat ma aajkspanna, and auf ta Waaga 2-3 Fäßr aufkschtellt.
T Nochpr and t Fruajd (=rokon) haud au kholfa. S jedr hat uajn Raaja kriagt.
Mit am Waajgatameassr hat ma t Trauba aakschnitta and en Ampr ( = vödör)
naaj taau, en uajn Maa ischt mit tr Putta em Rucka ramkloffa, and wenn
tr Amprvoll ksaaj ischt, hat ma 'n en t Putta naaj kleert. T Männr
haud t Fäßr kfillt mit ti Trauba, and kuat aajkschtampfed mit
am Stampfl. Wenn t Fäßr voll ksaaj seand, ischt ma zum Kheellr
kfara, and hat mit am Massile s Viatl kfillt and ens Presshaus traajt,
tur a Traubamiele trieba en a großa Boodeng naaj.
Wenn ma en healla Waaj hat wella, hat ma tr Moscht kloi aa klau en t Waajfäßr
naaj. (T Fäßr hat ma paar Tag friarr mit am warma Waßr
auskwescha) And wenn ma en dunkla, rota Waaj hat wella, nacht hat ma tr
Moscht auf am Trebr klaau, 2 -3 Tag lang. And wenn tr Moscht aakarbed
hat, ischt tr nuaja Waaj feteg ksaaj.
13.2 Erinnerunge an Apetii
(Eva Mayer-Bahl, Schriftstellerin, geboren in Apatin - Originalbeitrag
aus Briefsendung v. 1.7.96)
Ich hab in Apetii a schtark a liiwi Omami ghat. Si war kloo, rundlich
mit oome dinna, graue Zeppili am Hinnrkopp. Bees odr ungeduldich haw ich
si nie gsehge. Naa, im Gegeteil, si hot gsagt, ich wär a braves,
kloones Madili un derf drum mit ihre allweil zum Wache, am Owed, zu dr
Gschtarwene geh. Aa zu allne Leichte. Des war a großi Auszeichnung.
S Wache war far mich s Schenschti. In dr Mitte vum Paradizimmr is die
Trugl mit dr Tote gschtanne. Die war bei alti Leit schwarz, mit goldene
Näme, bei jungi Madl weiß un bei Kinnr hot mr net gwacht. Um
tie Trugl rum ware Kerze uffgschtellt un am Koppend griini Krawler.. Des
hot so schee ausgschaut wie im Wald. Umedumrum ware Schtihl in dr Raih
un uff dene die Wacher. Lautr Weiwr. Alli schwarz oogezoge mit schwarzi
Kopptiichl am Kopp. Mit tiefi Stimme henn si dr schmerzhafti Rosekranz
gebett. Ich bin ganz brav newr dr Omami gsotze un hab befolgt, was sie
gsagt hot: "Kind allweil uff m Tote sei Auge schau. Wann r blimslt,
no schtupp mich sofort". Ich hab wie gebannt uff di Auge gschaut.
Sowas langweiliches. Koons hot jemols geblimslt! A klooni Abwechslung
hots als gewe, wann noch m lange Bette, Krapfe un Kuche oogetrage is warre.
A was zum Trinke. Die Krapfe ware s Beschti.
Zu dr Leichte bin ich nit so gern gange. Des langsami Trottle haw ich
nit leide kenne. Die Musich war aa farne un di Feirwehr, di Schitze un
Zunftfohne, dr Pfarre, di Ministrante... S Vatrunsr is aa durchenand gebett
warre, wenn di Vodre a Varsprung henn ghatt. Vunn hinne hot mr gar nix
gsehge. Alles farne. Meischtns haw ich umgschaut, ob noch vieli hinne
gehn.
Am Grab hot mich mei Omami varne higstellt, daß ich aa was sigh.
Ich hab a derfe Weichwassr spritze un bin mr waaß Gott wie wichtich
drbei varkumme. Froh war ich aa, daß ich nit schun do nunnr hab
misse.
Oomol, s war Fruhjahr, do haw ich widr mitgeh derfe zu oonre gscharwene
Verwandschaft bei Nr. 2 in Apetii. S hot sich gheert, daß mr Toti
mit oome Lied geehrt hot, was sich uff Freindschaft un Vrwandschaft bezoge
hot. Mr hot drfaar m Kantor was gezahlt. A jedr hot des gern gmacht, weil
di Leit jo gharcht henn, was r iwr oom singt. Ungefähr so hot des
geklunge: "Die liebe Patin steht an deinem Grabe, tiefgebeugt, voll
Schmerz im Herz un Tränen in den Augen. (Dem folgt oft a herzzerreißendes
Schluchzen). Die Patin Katharina wünscht dir gute Nacht."
Sobald oonr oogsunga is warre, hot r glei aa laut greine misse. Mr hot
sei Träne mit m Traurtiichl geputzt. Des war schneeweiß mit
tief schwarzem Rand eigfaßt. Mei Omami hot aa gezahlt ghat. Wie
si mr s Sacktiichl hot gewe, hot sie gsagt: "Wenn ich oogsunge wer,
noo putz dr ti Nas un die Auge rippl a bißl, wann d aa nit greinsch."
Dr Kantor hot dr Raih noch alli oogsunge. So wie si ihre Näme gheert
henn, henn die Oogsungene aa glei gegreint.
Ich war uff dr anre Seid gschtanne un hab gsehge wie vieli ihre Sacktiichl
an die Auge drucke. Do haw ich meins aa glei gnumme un habs an die Auge
drucke welle. Ich hab gmonnt, daß des sich jetz so gheert. Mei Omami
hot mr a kloonr Schubs gewe un hot gsagt: "Mir sin nanit droo. Ich
wer dr a Zaiche gewe."
Mei Omami hab ich in meim Herz begrawe.
13.3 Tie Hufeisahex
(Anna Gerescher, Hausfrau, geboren in Bereg (Auszug aus Beitrag für
Alfred Cammann: Ungarndeutsche Volkserzählung, Teil 1, 1980, gekürzt;
von A.C., der nicht aus dem Südosten stammt, ins Reine geschrieben
und z.T. eigenmächtig phonetisch verändert).
Es war amal a Schmied, der hot zwa Gselle ghat, zwa ganz vrlässlichi
Buwe. Wenn tie zwa Gselle uf a Eise gekloppt hen, so hot dr Amboß,
dr Klotz un's ganzi Haus gzittrt, grad so wie a Wassemihl bebt, wenn Kukruz
gmahle werd. Die Schmiedgselle hen beinand in om Bett gschlofe, dr oni
an dr Wandseite un dr anri am Bettrand.
Tes hot awr net lang gdaurt, to hot ter am Bettrand ogfange zu kränkle.
Er is ganz blaich ware un ganz ausgezährt un er hot Fiewrschittle
grigt; varher war er so rotbackich. Wenn mr em uf o Backe gschloage hot,
war tie anr ufgeplatzt. No hot sei Kummrad gfrot: "Was hoscht dann?
Du werscht alli Tag winicher wie kam a anre Mensch uf Erde?" - "Ich
kann's dr garnet sage, du werscht mr ja toch net klawe!" - "Awr
sag's mr toch! S mag sei, was's will, ich werd's niemand vrrote, selbscht
wenn tei Ärm bis zum Elleboge im Blut stecke hetscht; to truf giw
ich ich dir mei feschtes Wart!" - "Ich will' s ter sage, was
un wie's mir is. Waascht was? Unsr Frau Maschterin is a Hex! In jedr Nacht
kummt sie mit ihrem Teiflszom, sattelt mich, besteigt mich un reit mit
mir iwr alli Berge pis uf dr Harschan. Wenn sie tart okumme is, bindt
sie mich an a Aiche, begibt sich ten unr ihre Feen un Hexe zum Tanz un
Schmaus, un var Tagsobruch besteigt sie mich, un ich muß so jage,
daß mr blutichr Schwaaß ausbrecht. Drhom oklangt, straaft
sie mich ab, nemmt ehr Zom vum Kop, un ich wer wiedr a Mensch, leg mich
ganz müd un erschept un gebroche schlofe. Tes is die Ursach, wal
ich so eitrickl un krank pin!"
"Gut", sagt der anri, "jez wer ich mich an's End lege."
Als alles im Haus schloft, is die Meisterin-Hex eigetrete un is schnurstracks
ans Bett kange, zu tem, der am End liegt, holt mit'm Zom aus, um ehm a
Schlag zu vrsetze; ter war awr wach, springt uf wie die Katz uf a Maus,
packt die an ihrem Arm, reißt ihr die Peitsch un dr Zom aus dr Hand,
un sie war sofort a Stute! Dr Gsell hot sie ufgezomt, fiert sie aus dr
Stuwe uf die Stroß, un im Galopp reit' er die Landstroß entlang
bis zum Wald. Homzus kehrt er uf a längere Weg, so daß sie
ganz naßgeschwitzt war wie a Bindl Rezhanef. So is er mit ihr iwra
Feld un ums Tarf gritte, bis's Tag war. To hot'r sie an a Maurring obabunde
un an alli vier Fieß beschlage. Die Gselle öffnete die Schmiede,
den henn sie die Stute in dr Hof gfiehrt, straafte ihr dr Zom ab, un die
Stute war wiedr a Frau.
Ten legt sich die Meisterin ins Bett un war mit ganz hohem Fiewr todkrank.
Als dr Schmit homkumme is, to konnt er was seghe: "Um Gottes Wille,
was is tenn gschehe?" - "Sikst ja selwr: Dr Teifl hot mich bschlage!"
-" Bei Gott, Frau", sagte der Schmit (in der Batschka sagte
kein Mann zu seinem Weib Frau - Anm. K.G.), "wir misse schweige un
unsr Unglick gheim halte..." Die Frau war awr lang krank. Als sie
erholt war, hot sie den Hexezom un die Peitsch in d' Ofe gschmisse un
nie mehr hot sie Hex gspielt. Dr Schmitgsell war wiedr gsund...
13.4 Tr letschti Kerweihtanz
(Nikolaus Marnai-Mann, Mundartschriftsteller, schreibt in Almascher Dialekt;
Auszug aus Homatskschichten, Sendung vom 9.8.1996)
Wie immer, so ware an tiesem Kerweihowet a alli Madle un Puwe, jung
un alt, im Wertshaus. Wie kewenlich, so henn a jetzt tie krosi Ploosr
kspielt. Tie scheenschti Tänze sein nach tr Raihe noch kumme, tr
Zeppetl, tr Polka, tr Walzr, tr Marschhupsr, unw. Es war fascht ka Unerprechung,
tie Musikande sein net miet ware vun tem vieli Ploose un tie Madle un
Puwe hen a fleißich ketanzt, es hot auskschaut, taß koner
tes Tanze appreche hot welle, als häde sie es vorkeahnt, taß
tes wert to far alli tr letschti Kerweihtanz in ihrem Schwowe-Tarf un
a in ihrem Lewe were... Tie Musik hot okfanga zu Ploose un tr Sepp hot
net kwunge tr Liesl, wie ti andri, er is hinkange zu tr Liesl un hot sie
zum Tanz vrlangt. Tie Liesl is, als wäre sie aus Feder, in seini
Arme kfloge... Ihri koldploni Haare ware schee kekämmt, hen schee
keklitzert... Tr Sepp war in onem onfachen, awer sauwrem schwarzi Kwand.
Sein Hut war a schwarz. Tie Tschischme hen keklänzt, mer hot an sie
ksege, ti ware noch net alt...
Es war schun 10 Uhr varpei, alli hen fleißich krad a Zeppetl ketanzt
in luschticher Stimmunk, als mechte sie ten Tanz nie peende, toch to is
jetz was passiert. Tr Klonrichter, tr aldi Jerg-Veder kummt rei im Amtskleid
in ten Saal, schaut sich net um un hert a net, keht in tie Mitte zwische
ti Tanzendi un fangt on zu trummle.
Alli Leit hen kmohnt, taß tr Jerg-Veder, tr Klonrichter is verrickt
ware. Tann hen halt ti Musiker ufkhert zu spiele un tr Jerg-Veder hot
onkfange mit arich ernschti Miene laut zu rede: "Es wert kundketan:
Marje Fruh um 6 Uhr messe sich alli Puwe un Männer, ti noch net eikruckt
sein vun 8 pis 40 Jahr alt, im Kmohnhaus sich melde. A jeder soll sich
far on Tag Verpflegunk mitpringe. Ti Teilmobilmachunk is verordnet ware,
a jeder muß kumme, war er Soldat pis jetzt, oder net. Ter net erscheint,
ten hole ti Schandare, ter wert einkspert un a noch mit Kelt pestraft
Mit tem 7 Uhr Zug were tann alli weiderfahre. Trum, trum, trum...!"
To war jetzt alles so, als hät tr Plitz eikschlage. Ti Plooser nimmi
weiderkspielt, ti Freit zum Tanze war zu Ent, ti meischti Puwe ware sowieso
schun 20, oder noch mehr Jahre alt. Un wal halt uner ti Plooser a mehreri
ware, ti einricke hen messe, so war halt tr letschti Kerweihtanz ari traurich
zu Ent kange...
13.5 Tr Toni Vettr on tr Schubkhara
(Paul Schwalm, Doktor der Germanistik, geboren in Waschkut,
als Erwachsener in Baja lebend; Auszug aus Dorfgeschichten, 2. Band, Baja
1995, Mundartproben)
Tr Toni Vettr hat sich saim Soh' iwrkewa, on wall r pei seini Khenr net
em Newahaisl hat wohna wela, hat r sai Sach alas vrkhaft on hat sich a
klaani Wohnong khaft. Er war mit sainra Khadi scho iwr siebzich, on hat
nemeh arwata wela.
S Ailewa en tr Stadt is awr stark schwer kanga, an ta Lärm, an ta
krossa Vrkehr hen sie sich schwer kwehna khena. Nach hen a tie Khumrada
kfehlt, mit teni er toch ali Sonntäk khartla on sich onrhalta hat
khena, tr Khadi Päs hat s a net kfala, sie hat sich halt net ailewa
khena, mit am Wart, sie hen sich net zrecht kfona. S Tarf is toch was
anrscht. Nach is tr Tag khoma, wu tr Toni Vettr ksat hat: - Khadi, mir
vrkhafa tie Wohnong un kehn haam.
Tr Toni Vettr hat nämlich wela sainra Khadi an neia Ksparherd khafa.
Jetz is r mit saim langa, alta Schubhara en tie Stadt "kfahra".
Uf tem Hauptplatz, wu tie vieli Auto' wara, is r stehkapliewa, on hat
mit am Schubkhara "kaparkt". Jetz is tr Kunstawlr khoma, on
hat n bstraft, er soll mit tem Khara zom Wochamark nonrkeh, ta praucha
tie Wäga tr Platz.
Tes hat tr Toni Vettr so kärgrt, taß r ta Khara ohni Ksparherd
haamkschowa hat, on hat sainra Khadi ksat: - Uf so ama Platz, wu ich mit
maim Schubkhara net nafahra terf, wuhie ich will, pleiw ich net. On sie
sen halt wietr haamkazoga. (Eigener Beitrag)
13.6 Tr Schnitzr in tr Trugl
(Paul Schwalm, nach Anna Hofer Kumbaj)
Mir hun im Tarf, in Kumbaj a Varstellong khat, un ta hen mr a Trugl kapraucht,
so a kapluumti Trugl. Mir hun sie uff tie Biehne katraga un hun Kspaß
kmacht trmit. Un ter ani Puh is in tie Trugl ner so neikhupst, mir sin
uff tie Trugl los, hun ta Teckl zukmacht, un s alti Schloß, tes
hat sich zukaklamt, un tie Trugl war zu. Ter hat trin schun kflucht un
resoniert, ter hat ja rauskwellt, un mir hun sie net khennt ufmacha. Jetz
he me messa zom Schlossr, zum Rudolf Vettr keh, un hen halt keklopt, er
hot schun kschlofa.
- Khummt Vettr, un macht s nachanand uff! - Ja, was soll ich tann ufmacha?
- Khummt, ter vrstickt jo in tera Trugl! - Ja, wuhie? - Ja, en tie Schul!
Nach i r Khuma, un hat ta Schnitzr rausklosst aus tera Trugl. Wa' mr ta
Schnitzr uff tr Gass ketroffe hun, he mr alwal kfragt: - Na, wie war s
en tr Trugl? (Nach Anna Hoffer)
13.7 Pier in tr Tschissma
(Paul Schwalm, nach August Rukatukl, Tschawal)
Selmal san miar krossi Puhamr kwesst, ta san mr a Hochzeit schaun konga,
un homm aa Paor Flaschn Pier krieagt. Es is stark finstr kwesst. Miar
san aff tr Gass kwesst, un hom pa tie Fenstr naikschaut. Ta is mai Fraind,
tr Mischka peikhumma. Newr uns is tr Jakob kstonda, ear is allwail so
a zruckzoganr Khel kwesst, un hat wenich Spass va'traga. Wie a mr so kstonda
san, ta hat tr Mischka miar ins Arwaschl kflistrt, i soll in Jakob aplenkn.
No ta hap i zan Jakob ksagt: - Jakob, ta schau hin, tuart tonzt a Paor
so schia!
Wall r klaa kwesst is, hat r si' streckn messn. Ta hat tr Mischka ihm
in seine praata Tschisma schia kstaat a Flaschn Pier naikschitt, ta is
r a klai va'schwundn. Aff amol sakt tr Jakob: - I waß net, in mainam
link' Tschisma is a Haufn Wassr trinn. I waß net, wie tes ta naikhumma
is. Ta is r haamkonga, un hat s festkstellt, taß iam anr Pier naikschitt
hat khat. Miar homm s iam net va'ratn, un hom long unsr Fraid khat an
ten Spass.
13.8 En dr Schul
(Paul Schwalm, nach Anton Reppmann, Waschkut)
Pam Aischreiwa en tie erscht klass war s varkschriewa, taß tie
Khenr mit tie Eltra khoma messa. Tr klaa Franz steht awr var am Kantorlehra
kanz alla. Er hat a Zettl ent tr Hant, on ta war alas ufkschriewa, was
tr Lehra von tie Eltra on vom Franz wissa will. Wall tr Franz en tie Raiha
khoma is, fragt n tr Lehra: - Na, wu is n tai Vatr on tai Mottr? - Tie
hen kha Zeit, mai Vatr muß Mischt fihra, on mai Mottr tut Katscha
stopa. - Hat, kut Franzl, ta is alas ufkschriewa, ner tes fehlt no, was
tai an Peruf hat.
Wal tr Franzl s Wart 'Peruf' noch nie khert hat, hat r ta Lehra halt mit
krossi Auga akschaut. - Ja, is tai Vatr a Schustr, a Schneitr, atr a Tischlr?
- A Musikant - war tie stolz Antwart. Tr Kantorlehra schaut ta Franzl
kroß a, er khennt toch ali Musikanta em Tarf, wann a krossr Feirtag
is, ta sen sie toch ali en Kherch on spiela. Awr ta Nama vom Franzl saim
Vatr her r net khennt. Jetz fragt tr ten Klaana nomal: - Was fara Inschtrument
spielt tei Vatr? Kha Antwart. - A Klarinett? - Na - war tie ängschtlichi
Antwart. - Atr vleicht Keiga? - A net. - So, jetz sag awr, was tei Vatr
spielt! - A Ufanzu. On ta hat r saim Vatr sei Knopfziehharmonika kmahnt.
(Nach Anton Reppmann)
13.9 Tie Pokshendlfresserin
(Mihály Köhegyi, Archeologe, geboren in Katschmar, lebend
in Baja nach Mundart-Aufnahme vom 18.12.96)
A kanz klanas Kind war ich noch vrleicht. In unsram Torf wara Raaza
und viel Schwoowa. Ungara wara wennich, tie hen tort k'tint, k'arweit.
Tie meischti wara Bunjewaza, katholischi Raatza. An einem Tag hot tie
Resi - sie is mit ihri Leit 46/47 fartkumma -, drzeit hew ich mit ihra
net kschprocha; tie Resi hot Pokshendl mitkaprocht in die Schuul. Jedr
hot was mitkaprocht, tie Armi wennichr, tie Reichi mehr; tes war im Krieg,
tie Russa wara noch net too, un unsr Leit wara noch ali tart drham. Tie
Resi hot sowas kaprocht, was mr im Leewa noch net kseega henn. S war so
20 cm lang un 2 praat. Un sie hot ksakt, tes sinn Pokshendl. Freind odr
Bekannti tie henns kschickt. "Ha is tes kuut?" Sagt sie: "tes
is kuut." Ich un tie anri henn truff kmaant: "Komm, loss uns
a peisa, odr wenichschtns oschlecka." Mir henn tie Resi a ogapackt
un ira s strengr ksakt. Sie hot uns niks kewa. Hat, solchas was im Torf
war, Nussa, Kwetscha, Plauma, hemr gakennt, a kesa, awr Pokshendl net.
To pin ich pees wora, weil sie uns net schlecka klosst hot, un hep ra
ksakt: "Resi tu pischt vun hait oo tie Pokshendlfresserin!"
Un tie anra Kummrada, tie a uff sie pees wara, henn a kschriea: "Pokshendlfresserin,
Pokshendlfresserin!..." Un so hot tie Resi ihra Spottnoma khat.
Na, Joora lang, wie ich nauskumma pin, noch Bulgarien un Serbien, hew
ich meinra Frau Pokshendl mitpringa wella. Ich pin in a Kschäft in
Belgrad kanga un hep Pokshendl, ungarisch Szent János kenyér,
hochteitsch Johannisbroot vrlangt. Niks. Erscht peim letschti Vrsuch in
ama Gschäft hots ghaasa: "A, Rogatsch wolla sie?!! Awr tes wara
gaprochani un kmahlani Pokshendl, wie sie unsr Leit a voram Krieg gakennt
henn. Un ich hep lang kha richtichi Pokshendl sega kenna.
13.10 Wie tr Onkl tie krossa Nudl kemocht hot
(Anna Weiss, geboren in Tanaschitz, aus 'Dorfgeschichten' von Paul Schwalm)
Pei uns in Tan'schitz newram Tarf, ta war a Mäschtarei. On ta war
tr Onkl mit seinra Fraa traus en tr Mäschtarei, un hot alas pesorgt
tart. Amol im Wintr hot sei Fraa ksat, sie muß nai ins Tarf, un
hot ehm Pohna hiekstellt uff ta Ksparhert, er soll schiera, pis sie zuruckkhommt.
Sie pleipt vlleicht lang, awr wann sie zuruckkhommt, nach macht sie tie
Nudl. Nach sakt er: - Tu pleipscht vlleicht lang, on tie Nudl wera net
fertich, ich wer schon Nudl macha. - Naa, tu prauchscht net, ich wer sie
schon macha, wann ich khomm. - Awr wann ich halt toch mach', wievl soll
ich nehma? - A Ei un a Schala Wassr.
Sie hat awr kmahnt mit tr Eirschala Wassr. Nach is sie fart, un er hat
katenkt, er macht tie Nudl, sie macht ehm awl so wenich in tie Supa. Er
hat auch trei Eir knuma, un hot tie krescht Schala ksucht, s war a kutas
halp Litrschala. Ja, s Simprli is leer wara, ta war kha Varrat, s is kha
Mehl meh trinn, un er hot schun an Patza Teig var sich liega. Was soll
er tann a jetz macha? Na hot r halt afanga welgrja, un nach war tr Teig
schun so kroß wie s Nudlbrett. Nach hat s Terli krapplt, was sol
er jetz macha? Nach hat r kschwend alas uff ta Ofa kwarfa, ta war s kut
aikheizt. Na, was soll r jetz mit tie Händ macha? Nach hat r sie
halt so hinri, nach sein sie ehm akaterrt am Ofa. Ta is r halt khockt,
pis tie Paas nei is khoma.
Hat, tie hot a kuts Maul khat, tie hot lang vrzählt. Jetz uff amol
reisst tr Teig owa ab, un runr ehm ins Knack nai. Jessas! Was sol r tann
jetz socha? Tie Paas hot awr kfrocht, was er arweid? Er hot halt s Mehl
a pissl rumkaklaupt. Er ziegt ta Teig, tie Paas steigt uff un helft ehm
a, jetz ziega sie halt schun ali zwa vun ehm runr. Unr tes khummt sei
Weip: - Ja, was machscht tann tu? - Ja, Nudl hew i kmacht! Nach hat sie
vom Teig Nudl messa macha, un ta hen sie trei Wocha essa khena.
13.11 Omeeze mit Brot
(Regina Böss, Hausfrau, geboren in Kernei; besprochenes Band nach
Kerneier Heimatblätter; Sendung vom 5.8.1996, Verfasser Peter Gärtner,
Kernei)
Wie tie Traudl noch a klones Kind war un ihre Leit sie's erschtimol
mit in dr Schnitt gnumme hen, hot ihre Mottr sie schee unr dr Boom in
die Schatte zwischr dr Brottanischter un dr Plutzr gsetzt un gsagt: "Traudl,
im Tanischtr sin Petrunpaul-Äpl, wann 'd brav bischt, derfscht drvu
esse." - Die Traudl hot sich aa gleich droogmacht, hot awr vrgess
dr Tanischter wiedr zuzuziehge, un des war o großr Fehler. Karz
drnoch is dr Vattr kumme Wassr trinke. Wie er sich nunrgebuckt hot um
dr Plutzr, hot 'r zu dr Traudl gsagt: "Kind, schau doch in dr Tanischtr,
was die Mottr alles neigetuu hot zum Essa." - Die Traudl hot ganz
gnau neigschaut un zu ihrem Vattr gsagt: "Ihr kennt heint han, was
dr wellt, Omeeze mit Brot, odr abgekochtes Schungefleisch un Omeeze."
- Dr Traudl ihre Mottr is dr Appetit vrgange, awr ihre Vattr hot bloß
glacht un gsagt: "Oh Weib, wann du wisse tätscht, was ich als
Saldat in Mazedonien far Ungeziffr in dr Krautsupp vrtilgt hab, no täte
dir die paar Omeeze sichr nix ausmache. Seeleruhich hot'r no ogfange zu
esse.
13.12 Was mr so gut schmeckt
(Gedicht von Peter Gärtner, Kernei)
Bohnesupp un Maakkulatsch, die Schenkl im Paprikasch. / Wamr im Kessl
Lekwar riert un fingrdick uffs Brot druffschmiert. / Frisches Brot mit
Salz un Griewe, drzu neier Wei' tut prowiere. / Was gut war un leicht
is groode: Gänsschenkl krischtlich gebroode. / Noch bessr, mr hot
zwaa Ajer ogriert un die Schenkl s erscht drinnrum hot gschmiert. / Blut-
un Brotwerscht, kalt odr warm, die hot gern gesse Reich wie Arm. / Freitags
Maak- odr Käsnudle odr zur Not aa därri Strudle. / Zum Fruhstuck
Gänslewr gebroote, awr net freitags, des war vrboote. / Raachfleisch,
so noch am Schlachte, des war aa net grad zu vrachte. / Iwrhaupt, wamr
mol gschlacht hot ghat, Tepsigrumbiere mit oome Schunkeblatt. / Was noch
geschmeckt hot un appetitlich war, im Hochsummr un aa im Frühjahr:
/ Vun jungi Hinkle un Gockäuschle eigmachti Supp mit Fleckrle. /
Was noch geschmeckt hot sogar ohni Hungr: Griertitart, des is jo ko Wunr,
/ weil Kulatsche un gudr Wei' schmeckt aa zwischedurch un zwischenei.
13.13 Kamille roppe
(Matthias Lämmli, geboren in Miletitsch; aus Miletitscher Erinnerungen,
Schönaich 1994 )
Im Mai / Juni, wenn die klone Kamille uf'm Salitr gebliht hen, no ware
dunnerschtags Namittag viel Leit uf unsrem Salitr, weil mir doch am Dunnerschtag
namittags nie Schul ghat hen. Taal Schulbuwe sin als mit'm Stoo-Karre
odr Schubkarre kumme, mit ihrem Sack un ihrem Kamilleroppr. Des war so
30-35 cm braati Kischt. Do drinn war o Raihj ausgebrauchti Hechlzäh
ganz nohch newrnand. Mitte in dere Kischt war o starkr Stiel feschtgmacht,
fer tie Kischt ziehge. Die Kischt war ringsum zu, ner die Seit wu die
Hechlzäh' ei'gebaut ware, do war die Kischt in dr ganz Bräting
uf. Wenn die Kindr an dem Stiel die Kischt gezoge hen, no sin die klone
Kamillekeph zwische dene Hechlzäh henke gebliewe un abgrisse. Die
Kamillekeph sin in dr Kischt liege gebliewe. Wenn mol ganz viel Kamille
in dere Kischt ware, no hen die Kindr sie in ihre Kamillesack am Stookarre
augleert. Taal hen als an om Namittag bal ihre Sack voll gkriegt. Des
hot noch'm Feierowed Geld gewe.
O pensioniertr Lehrer, der noch an dr neije Moschtunge-Bruck gwohnt hot,
der hot die Kamille noch'm Gwicht iwrnumme. Es hot awr ko Gras drbei sei'
derfe. Der Lehrer hot die Kamille alli uf seim Bode im Schatte getricklt,
un no an die Apetheek vrkaaft. Es war als schee, zuzuschaue, wenn 6-7
Kindr ihre Kischt newrnand g'zoge hen, do war als bal' o großes
Stick Kamille sauwr. No hen sie sich als o andres großes Stick mit
blihiche Kamille gsucht. Unsr Salitr war so groß, un wu viel Kamille
beinand ware, des hen die Kindr schun gwißt. Die andre Kindr, wu
ko solchr Kamilleroppr ghat hen, un ner fer ihre Hausgebrauch Kamille
g'roppt hen, die hen des mit ome Kammpl gmacht. Sie hen als aa fer ihre
Mottr odr Großmottr o ganzes Säckl voll homgebrocht. Die klokophiche
Kamille ware o begehrtes Hausmittl.
13.14 Dr Franzvettr zu dr Kathibas
(Theresia Schäfer, geboren in Batsch-Sentiwan; aus Heimat Glocken,
Heft 10, Schifferstadt 1995 )
Her, Kathi, sag kannscht net omol Sulz koche, du wascht schun, so a
Sulz wie drhom gmacht hen. - Ha jo, des kann mr schun mache, awr do brauch
mr halt vrschiedeni Sache so vun dr Sau. Do druf dr Franzvettr: - Des
grigt mr doch bestimmt alles beim Fleischhachr, schreib mrs halt alles
uf un ich geh's dan hole. Die Kathibas nemmt a stickl Papir un Bleistift
un schreibt uf, was dr Franzvettr bringe soll: a Schwänzl, a Füsl,
a stickl Kiebacke, a Arwaschl un a Schnuß. Dr Franzvettr kummt zum
Fleischhackr, der is awr grad in dr Warschtkuchl, do sagtr halt zu dr
Metzgereiverkäuferin was er haben will, die macht ein fragendes Gesicht
und fragt den Franzvetter noch einmal: - Was möchten Sie? Dr Franzvettr
sagt: - A Schnuß, a Schnuß vun dr Sau. Er wird dabei sehr
unsicher und sagt dann noch omol: - Na halt a Schnuß, a Schnuß
vun dr Sau far Sulz koche.
Die Verkäuferin verschwindet und holt ihren Chef herbei. Der begrüßt
den Franzvetter wie einen alten Freund und sagt, also einen Schwinsrüssel
wollen Sie haben. Do druf dr Franzvettr: - No, ka Rüssl, a Schnuß,
bei uns drhom hen nar die Elefante a Rüssl. Na ja, so a Sulzschnuß
hab ich halt gmont. Der Fleischhacker ging hinaus und bringt ihm a Rüssl
vun dr Sau un fragt: - So etwas haben Sie gmeint? - Ja - sagt dr Franzvettr
- des werd schun so gut sei. Er sagt noch was er alles drzu hawe will,
bezahlt und macht sich auf den Heimweg. Un wie er homkumme is, hotr zu
dr Kathibas gsagt: - So a Theater muscht do mache, bis die mol wisse was
a Schnuß is, awr ich hab alles grigt, was ich gwelt hab un jetz
kannsch Sulz koche geh, wie drhom. (Buchstabengetreu abgeschrieben.)
Nachbemerkung zu den Mundartproben.
Auf die schriftliche Rückfrage bei Márnai-Mann. Hedervár,
antwortete er am 21.8.96 folgendes: Wer sein Kindheit und Jugend in onem
Tarf verprocht hot in tr oweri Batschka, ter weiß kanz pinktlich,
taß mer im selwi Tarf net immer ti kleichi Mundart kret hot. Undzwar:
in Almasch zum Beispiel hot mer in tr Kroßkass, in tr Adler Kass,
wo nar Paure henn kwohnt, meischtens ti "a" Entung gebraucht.
Wie Karta, Waga, usw. In teni Kass, wo viel Handwerker ware, wie in tr
Klonkass, Schulklass, Kerichkass, hot mer iwerall ti "e" Entunk
kepraucht. tes war net nar in Almasch so, awer in teni andri Batschkaer
terfer a so, wie in Kunbaj, Bajmok, Katschmar usw. In teni Terfr hew ich
mein Kindheit verprocht, un schun tamols is es mir ufkfalle, ter Unerschied
in tem Rede. Es hot a paurischi Sprach un a Handwerkischi Sprach kewe...
Demnach können unsere mundartlichen Endungen in den oben angeführten
Sprachproben, ähnlich denen von Dr. Schwalm, Waschkut-Baja, vorwiegend
als Anzeichen von Bauernsprachen gelten. Bei den unterschiedlichen Schreibweisen
anderer Zwischenlaute gilt dasselbe...
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