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GEDENKFORUM
DONAUSCHWÄBEN-GENOZID
VOR 60 JAHREN
Dr.
Georg Wildmann: (Auszug aus seiner Rede v. 24.11.2004 in Berlin,
Gedenkveranstaltung des BdV)
Schicksal
der Donauschwaben ab Herbst 1944
Knapp die
Hälfte der donauschwäbischen Zivilbevölkerung konnte im Herbst 1944 vor dem
Einmarsch der Rotem Armee und der Machtübernahme der Partisanen flüchten oder
evakuiert werden, nämlich aus Syrmien und Slawonien über 90 Prozent, aus der
Batschka und dem Baranja-Dreieck rund die Hälfte und aus dem westlichen Banat
nur etwa 15 Prozent. Abzüglich der 90.000 Soldaten befanden sich zum Zeitpunkt
der kommunistischen Machtübernahme mindestens 195.000 Donauschwaben in ihren
Heimatgebieten, die durch die Beschlüsse des AVNOJ vom 21.11.1944
(Antifaschistischer Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens – prov. Regierung d.
Tito-Partisanen – K.Ger.) enteignet und entrechtet worden waren.
Über 7.000
Zivilpersonen wurden im Banat, in der Batschka und in Syrmien im "Blutigen
Herbst 1944" durch Mordaktionen lokaler kommunistischer Instanzen, durch
die 1944 gegründete Staatspolizei (OZNA) und durch Partisanen-Kommandos
ermordet. Außerdem wurden über 8.000 Frauen zwischen 18 und 35 Jahren und über
4.000 Männer zwischen 16 und 45 Jahren zur Jahreswende 1944/1945 aus der
jugosl. Batschka und dem Banat in die UdSSR zur Zwangsarbeit deportiert. 2.000
von ihnen gingen dabei bis 1949 vor allem an Unterernährung zugrunde. Die
übrigen 170.000 donauschwäbischen Zivilpersonen wurde zwischen Anfang Dezember
1944 und Anfang August 1945
in zahlreiche Arbeits- und insgesamt acht
Konzentrationslagern, die für Betagte, Kranke, Kinder unter 14 Jahren und
Mütter mit Kleinkindern errichtet worden waren, interniert. Die
Konzentrationslager erwiesen sich bald als Vernichtungslager.
Es
handelte sich dabei in der Batschka um die Lager Jarek (Backi Jarek) mit 7.000
Todesfällen, Gakowa (Gakovo) mit 8.500 Todesfällen und Kruschiwl (Krusevlje)
mit 3.000 bis 3.500 Todesfällen. Im Banat waren es die Lager Molidorf (Molin)
mit 3.000 Todesfällen und Rudolfsgnad (Knicanin) mit 11.000 Todesfällen. In
Syrmien war es das Lager Seidenfabrik (Svilara) in Syrmisch Mitrowitz (Sremska
Mitrovica) mit I2.000
Todesfällen. In Slawonien gab es die Lager Walpach (Valpovo mit 1.000 bis 2.000
Todesfällen und Kerndia (Krndija) mit 500 bis 1.500 Todesfällen.
In den
Arbeits- und Konzentrationslagern sind 50.000 der internierten Donauschwaben
innerhalb von drei Jahren durch Hunger, Seuchen und Erschießungen umgekommen.
Knapp 35.000 ist unter Lebensgefahr die Flucht aus den Lagern über die nahe
Grenze nach Ungarn und Rumänien geglückt.
Ab 1946
wurden mehrere Tausend verwaiste Kinder zwangsweise aus den Lagern in
Kinderheime eingeliefert und einer radikalen Slawisierung unterworfen. Von
ihnen konnte allerdings ein Großteil im Laufe der 1950er Jahre durch
Vermittlung des Roten Kreuzes zu seinen Angehörigen in Deutschland und
Osterreich gelangen. Der Völkermord an den Donauschwaben forderte über 60.000
zivile Opfer.
1948
wurden die Lager aufgelöst. Die noch rund 80.000 Oberlebenden des Völkermords
mussten dreijährige Arbeitsverträge eingehen und konnten sich erst in den 50er
Jahren unter Erlegung eines Kopfgeldes loskaufen und nach Deutschland oder
Osterreich, in der Regel völlig mittellos, ausreisen. Fakten, die auf den
Versuch verweisen, die ethnische Säuberung des Landes von seinen deutschen
Bürgern auf unblutige Weise zu vollenden.
Konrad Gerescher
Das Lied vom Überleben
EINE EPISCHE ERZÄHLUNG
VON
VERTREIBUNG - INTERNIERUNG
UND
B E F R E I U N G
Zum Entstehen
Nach längerer Beschäftigung mit dem Gedanken an eine Fortsetzung von
Maisbrot und Peitsche, meinem 1962 verfasstem und 1972 veröff. Erlebnisbericht,
begann 1991 die grausame kriegerische Auseinandersetzung jenseits der ungar.
Grenze - 40 km
südlich meiner Tanya in Bacs-Kiskun - im ehemaligen Vertreiber-Land. Als ob die
Schüsse und Bomben die verschütteten Ereignisse von '45 und bis zur Aussiedlung
- endgültigen Befreiung - wund und bloß gelegt hätten, begannen sie sich wie
von selbst aufzuschreiben. Die Seele weinte mit den kroatischen Kindern, die
ich auf diese Weise gedachte zum "Überleben" zu animieren, hinüber zu
retten in eine Zeit danach.
(Urschrift-Beginn Sept. 1991; Reinschrift
Sept.93 - April 95; Beginn der Veröff. im Wochenblatt Der Donauschwabe z. 50.
Jahrestag d. Vertreibung d. Bereger Deutschen im Sept. l995; hier im
deutschforum.szeged.hu - zum Gedenken an den Genozid meiner Familie und
Landsleute vor 60 Jahren - zu lesen seit März 2005)
DAS LIED VOM
ÜBERLEBEN
Menschen machen
Krieg
Was ist der Mensch
im Lauf der Zeiten,
da Jahrhunderte im
Flug vergehen
und Myriaden Wesen
in dem weiten
Kosmos, kaum dass
sie werden, untergehen?
Er ist ein kleiner
Sinn und Zweck,
dem einen winzigen
Atome gleich,
das jeden
Lichtstrahl auf seinem Weg
erstrahlen lässt im
weiten Gottesreich.
Doch als Teilchen
von dieser Welt
- ohne das es zur
Not auch geht -
sein Werden ihr
Sein bewusst erhellt
und begreifen
lässt, dass sie besteht.
Er ist dem
Daseinskampf verpflichtet.
Sein schöpferisches
Denken und Handeln
kann, wenn am Guten
ausgerichtet,
die Umwelt in ein
Paradies verwandeln.
Oder in heiße
Höllen ohnegleichen,
wenn seiner Natur
hassvoll unberechnet
nur Untaten zum
Ruhm gereichen.
Der Teufel in ihm
nicht lange rechtet,
wütend, zerstörend
um sich schlägt;
Freunde verachtet
und Feinde knechtet.
Die Welt mit
Grausamkeit belegt.
Krieg ist dann
zwischen Gut und Böse,
zwischen Teufeln
verschiedener Konfessionen,
und die Welt brennt
in voller Größe,
die Menschheit
stirbt in Legionen.
Weltkrieg oder
Krieg der Welten
nennt es, wer noch
überlebt.
Klein ist die Zahl
der Auserwählten,
die rechtens
richtend die Stimme erhebt.
Für Schuld und
Sühne gibt es keine Waage.
Die Erfahrung ist
des Menschen Schule.
Manche Spezies von
seinem Schlage
lebt und stirbt in
der gleichen Suhle.
Nur im Vergessen
liegt seine Erlösung.
Das Verzeihen fällt
ihm selten leicht.
Aus den Gräbern
wächst ihm die Versöhnung,
wenn er dem
Nächsten die Hände reicht.
Die Niederschrift des 'Liedes' begann mit der Strophe 'und dann ging
die Sonne auf / und wir waren noch am Leben'. Zuerst nur das. Einige Morgen
später schoss der gesamte erste Teil Menschen machen Krieg aus dem Kuli.
Kaum konnte ich diesen korrigieren, drängte ES weiter, jede Frühe zu einem
neuen geschlossenen Abschnitt - etwa bis zum Teil 7 'die wahren Helden.' Danach
folgte ein systematischer Aufbau der wichtigsten Lagerstationen bis Teil 18, 'Rettung
an Ostern'.
Das sollte bis dahin nur die Übergangswiederholung von MuP sein, damit
die nachkommenden Teile - Überleben in der Zwangsarbeit und in den Fesseln der
Zwangserziehung - begreiflicher würden. Ja, und dazwischen die Apatiner Zeit,
Jugenderlebnisse, schöne Metamorphosen in der Apokalypse.
Leid der
Eltern
Eltern und
Krieg - ein schicksalsschweres Paar;
niemand gelang
es noch sie zu entzweien.
Helden und
Opfer werden offenbar,
oft weit
hinter den Kämpferreihen.
Als noch der
Feind mit Pfeil und Bogen schoss,
die Angst und
Sorge flog noch nicht so weit.
Doch in Zeiten
des schießenden Stahlkoloss
wächst Kummer
und Not in Unendlichkeit.
Es hilft nun
kein Fliehen vor den Fronten.
Ein ' ohne
mich ' führt nicht zum Ziel.
Wo sich
Gutwillige noch retten konnten,
der Kriegsgott
jetzt keinen schonen will.
Und ist der
Kampf endlich vorbei,
die Sieger
ziehen durch Dorf und Stadt
und nehmen
sich lächelnd wie nebenbei
alles, was der
Krieg nicht genommen hat.
Vae victis den
Eltern der Besiegten;
ihre Söhne
blieben vorne in den Gräben.
Der
Soldateska, der in Siegeswahn entrückten,
die Töchter
müssen sie auch noch geben.
Und Trauer
fließt in hundert Tränenbächen
und trübt die
Freude auch den letzten Kriegern
und wandelt
jeden Sieg in ein Verbrechen.
- Die Eltern
gehören niemals zu den Siegern.
Vater - Mutter, gibt es eine stärkere Erinnerung, als die mit ihnen! Sie
niederzuschreiben ist, wie wenn man noch in ihrem Schoß geborgen wäre und
zusammen mit ihnen die Schicksalsschläge spüren würde, die sie bekamen. Nach
außen ist der Schmerz dreigeteilt, innen wirkt er in Dreierpotenz. Eltern -
Kind, im Lager gab diese Verbindung die Dimension der wahren heiligen Familie.
Wenn Serben oder Montenegrinern so etwas widerfährt, ist die ewige Blutrache
gerechtfertigt. Unser Familienschmerz gebar aber keine Blutrache, er schärfte
nur diese Feder zur größtwirkungsvollen Dokumentation. Zuerst bekamen sie die
Lagerbosse in MuP zu spüren, und jetzt soll sie der Blutsnachwuchs vernehmen: Ihr
werdet es büßen, was Ihr an den Kindern sündigt !
Soldaten
und Kinder
Die Kleinen
stehen dann am Wege,
schauen mit
kugelrunden Augen drein
und warten,
dass der Hass sich lege.
Sie möchten
auch erwachsen sein.
Die einen, um
auch siegreich zu marschieren,
die anderen,
um den Eltern beizustehen
und was
zerstört, schnell neu reparieren,
oder sich als
gerechte Rächer sehen.
Wieder andere
fragen sich - warum?
Warum färbte
sich der heitere Himmel rot?
Die Zweifel
wachsen über allen Siegesruhm,
über nächste
Menschen, über den weiten Gott.
Die letzten
sind es, die nicht weiter spielen,
die nicht eher
zur Kindesordnung übergehen,
als bis sie in
ihrem wunden Inneren fühlen,
das sie auch
diese Prüfungen bestehen.
So bin ich
einer, unter vielen nur,
sah nie mit
Kinderaugen nur das Leben.
Ich will nicht
prahlen ob solcher Natur,
die mir durch
meine guten Eltern gegeben.
Elf war ich,
als die rohen Sieger kamen.
stand daneben
und schaute ihnen zu,
wie sie sich
gaben, was sie alles nahmen,
und wie sie
lautstark grölten immerzu.
Nicht unbedingt nur Trauer und Angst beherrscht die Kindernatur
angesichts der Soldaten und ihrer Kriegstechnik. In Bereg, wo die Heerstraße
Nord-Süd alle beteiligten Armeen des II. Weltkrieges durchmarschieren sah, gab
es für uns viel Abwechslung. Zuerst, l94l, Ungarn und Deutsche, 42 - 43,
Deutsche, Rumänen und Bulgaren, dann 44 - der große Rückzugstross - und die
euphorischen Sieger, unter denen sich wieder Rumänen und Bulgaren neben
gemischten Sowjetnationen und bunten Balkanvölkern in Partisanenuniform
befanden. Da kein Soldat etwas gegen bewundernde Kinder am Straßenrand hat,
fühlten wir uns oft in Versuchung gebracht, ja in die glückliche Lage versetzt,
die Kriegstechnik zu berühren und auszuprobieren. - Im Nachhinein birgt diese
Kindheitserinnerung nur Tragik: Soldaten und ihre Technik können niemals Freude
bringen! Je tiefer sie sich in die heile Kindheit zu stehlen und festzusetzen
gedachten, um so stärker empfindet später der Erwachsene das Unglück, das sie
ihm damals brachten. Kriegserlebnisse machen aus Kindern kleine Erwachsene, und
da sie das physisch noch nicht sind, finden sie den Zustand bald deprimierend
und verunsichernd - bis zur Hysterie. Und die bleibt, in jedem Ton der Sirenen,
ein Leben lang bestehen.
Warten in
Angst
Sie kamen
daher im Wahn der Lumpengötter.
Ihre Art war
nicht gewiss, nur böse.
Ihre Taten
spotteten der bittersten Spötter.
Und niemand in
Sicht, der uns erlöse.
Wir Deutsche,
die wir geblieben waren,
an uns wurde
endlos der Sieg fortgesetzt.
Am schlimmsten
war die Nachhut der Barbaren,
die von wüsten
Parolen schrecklich aufgehetzt.
Kaum siebzehn
war mein großer Bruder,
als sie ihn
zerrten in die Sklavenreihe.
Im Viehwaggon
drei Wochen lang fuhr er;
in Russlands Gruben
erstarben seine Schreie.
Dann sperrten
wir Tür und Tor zur Gänze.
Die Hoffnung
klein, doch immer noch vorhanden,
hielt uns fern
der nahen, rettenden Grenze.
Ein Wink des
Schicksals, den wir nicht verstanden.
Im Hause
herrschte tiefe Todesruhe.
Draußen
Gehetzte, Pöbel und Soldaten.
Die Vorräte
nur knapp in Kammer und Truhe.
Unser
Zukunftslos kam keiner uns verraten.
So hing die
Zeit paar Monde lang im Dorfe
schwer wie
Pestilenz und ebenso gefährlich:
Der Kranke
Vater schwieg, die Mutter hoffte,
ging ihrer
Arbeit nach, mutig, niemals fröhlich.
Da war noch
Mutters Mutter, die einstige Wirtin.
Sie drückte
weniger die Angst, als die Erfahrung.
Der kleine
Bruder lebte seinem Spielsinn;
in seinen zwei
Jahren war alles Offenbarung.
Für ein Kind ist das von Innen verriegelte Haustor die denkbar
schlimmste und besorgnissehrregendste Angelegenheit. Nicht auf die Straße zu
dürfen, keinen Einfluss auf das Spiel der Kameraden zu haben und nur auf einige
Stallhasen und einen gefangenen Igel als Spielgefährten angewiesen zu sein,
setzt allmorgendlich schrillste Alarmglocken in Gang. Was als Vorsichtsmaßnahme
von den Erwachsenen eingeführt wurde, entpuppt sich als Gefängnistor, das zu
überwinden traumatische Phantasien belebt. Dazu stelle man sich noch einen 2 Meter hoch gemauerten
Zaun vor, den man nur mit einer Leiter erklimmen konnte. Ein Warten dahinter
wird zum schmerzlichen, unvergesslichen Erlebnis. Warten in Angst - ein
Drama, mit mir in der tragischen Hauptrolle und den Familienmitgliedern als
unbeholfenen Statisten. Diese Rollenverteilung sollte sich noch oft
wiederholen, und sie realistisch nachzuvollziehen, heißt ihr die erlebte
Schärfe im nachhinein etwas zu nehmen. Die Stimmung der Ichbezogenheit alles
Gewesenen führte auch bei der Niederschrift von MuP meine Hand; ein
unverzichtbares Streicheln der Wunden, bei denen niemand sonst weiß, wo genau
sie sich befinden.
Der Nachbar Pavo ist der einzige, den Vater zu uns in den Gefängnishof
lässt. Pavo kommt, erzählt von draußen, von Arbeit im Dorf und auf den Feldern
und davon, was die Schwabas erwartete. Zuerst die unbezahlte Erntearbeit; von
den eigenen Feldern das abzuernten, was als eigener Lebensvorrat gebraucht
worden wäre, doch nun in Kammern und Schuppen der anderen landete. Solange
diese Arbeit dauerte, hatten unsere Menschen im Dorf eine vage Hoffnung, nicht
auch den Weg in die Lager antreten zu müssen. Pavo wusste, dass schon seit
Ostern aus anderen Dörfern die Schwaben weggebracht wurden. Und er warnte auch,
der Ruhe nicht zu trauen. Und als die Ernte abgeschlossen war, kam, was er
voraussagte. Hajde Schwabo, spremaj se !...
Die uns abholten waren junge, aufgeputschte Uniformierte, nachgemusterte
Partisanen bei ihrem wahrscheinlich ersten Einsatz gegen die
"Volksfeinde". Jene die sie schickten, einheimische Schokatzen,
gehörten durchwegs zu sogen. Schwabenfreunden. Nicht einer von den namentlich
bekannten Angehörigen des ersten "Volksbefreiungs-Komitees" unserer
Gemeinde galt als Schwaben-Hasser. Später, als sie ein auswärtiger Journalist
beim Verfassen der Bereger Ortsgeschichte befragte, meinten sie
einhellig lügen zu müssen: Die hiesigen Deutschen sind alle im Tross des
abziehenden deutschen Militärs aus Bereg verschwunden (M. Beljanski: Bereg i
njegovi zitelji).
Bereg -
Gakowa
Bereg döst
zwischen Grenze und Donau
und war nie
der Nabel dieser Welt:
Nordwestlich
ein Schlagbaum und Drahtverhau,
im Süden
brackig das tiefe Feld.
Nur östlich
ein Zipfel zur Batschka eben,
dort lagen
Felder, davor ein alter Wald:
Dort spielt
noch mit meinem Kinderleben
romantische
Sehnsucht und wilde Urgewalt.
Durch diesen
Wald zog nach dem Kriege
unser
Trauerzug mit hundert lebenden Leichen,
nach Gakowa,
zu meines Vaters Wiege.
Schwabenschicksal
- rechtens ohne gleichen.
Danach fragst
Du, wo sind wir geblieben?
Wie war im
Lager Gakowa unser Los?
In
"Maisbrot und Peitsche" wird es beschrieben.
Not und
Entbehrung wuchsen grenzenlos,
wo Titos
Wachen, Zivile und Partisanen
über volle
Häuser, leere Kessel regierten.
Maisbrot war
knapp, reichlich die Schikanen,
und Kolben sausten,
wenn wir nicht parierten.
Wir hausten
wie in einem Stall - auf Stroh.
Der Raum war
einst ein schönes Zimmer.
Doch nirgendwo
ein Bad noch Klo.
Um uns nur
Kranke und Kindergewimmer.
Das Wimmern
währte selten über Stunden:
Tod und
Erlösung kamen wie vorausbestellt.
Zu denen, die
das Leid bald überwunden,
hatte sich
auch mein lieber Vater gesellt.
Am stärksten blieben die Schatten und Schemen des nächtlichen
Waldes in meinem elfjährigen Gedächtnis hängen. Vordem hatte ich diesen Waldweg
zur Genüge kennen gelernt: Auf der Pritsche neben unserem Halbscheidbauer oder
hoch oben auf der Mistfuhre sitzend fuhr ich darauf manche unvergessene Stunde
lang, plaudernd, rastend, in einem anregenden Gespräch verweilend, so wie das
nur in einer friedlich-jovialen Harmonie der Generationen und Nationen ohne
Misstrauen und Vorurteil geschehen kann. Doch diese letzte Fahrt, die
Abschiedsfahrt durch meinen Wald, verschloss die Farbtöpfe der Phantasie so
fest, dass sie niemals mehr bei Heimataufenthalten geöffnet werden konnten.
Später war weder der Waldweg, noch der Wald insgesamt mit seiner Unwegsamkeit
im Unterholz, den Lichtungen und dem Jägerhaus am Rand dasselbe.
Und mein Bereg selbst, unser Wohnhaus in der breiten Stroßmajer und die
Nebengässchen, veränderte, verfälschte die Erinnerung ebenfalls in dem Maße, in
dem sie in der Vertreibungsnacht eine Rolle spielten: Sie wurden groß, leer,
beängstigend oder klein und unbedeutend, je nachdem, ob sie für immer bestehen
oder schnell vergessen werden sollten.
Gakowa - am stärksten prägte sich mir in der Vertreibungsnacht die
Einfahrt in den Ort ein. Bis dahin stets an der Seite des Vaters oder beider
Eltern froh und frei zur Verwandtschaft fahrend, von ihr mit Freude empfangend -
jetzt gegen unseren und ihren Willen, sozusagen zu ihr gejagt, das gab ein
Erinnerungsdilemma, wie es verrückter nicht sein kann.
Vaters Tod dagegen blieb nur ein Schema, wie aus einem Traum. Was seine
letzten Worte an mich, an seine Frau, an den kleinen Bruder waren - nur lügend
könnte ich auch nur ein einziges wiederholen. Nur vom Begräbnis und Hinablassen
des einfachen, weiß gebeizten Brettersarges (der letzte Freundschaftsdienst
seines bekannten Lagerschreiners, der später wegen angeblichen Wuchers im
Zusammenhang mit seiner Tätigkeit von den Partisanen zu Tode geprügelt wurde)
in die Familiengruft, neben seine Eltern, davon weiß ich noch alle
deprimierenden Einzelheiten.
Und ebenso von dem regelmäßigen Hinunterschauen in die offenen
Massengräber, bei den häufigen Besuchen des väterlichen Grabes. Die Schichten
gekalkter, holzsteifer Leichen, meist von Erwachsenen (die kleinen fielen nicht
so auf), sie bleiben ebenso ewig im Gakowaer Friedhof wie im Besitz jeder
meiner gedanklichen Heimreise, sobald sich meine Erinnerung der Gakowaer
Gemarkung von Sombor her nähert. Und etwas Angst mischt sich gleich mit dazu,
es könnte das alles noch nicht vorbei sein und fortgesetzt werden, sobald ich
irgendwann wieder den Friedhof wirklich betrete. Wahrscheinlich hat mich diese
Angst in den ganzen Jahrzehnten, seit dem Umzug ins Lager Rudolfsgnad, daran
gehindert, die Grabstelle meines Vaters zu besuchen.
Das Erinnerungsbild Gakowas und seines Friedhofs bleibt dasselbe, wie
beim letzten Vorbeizug unserer Umzugskolonne zum Bahnhof, an der traurigen,
leeren Kirche vorbei, an den starren, ausgehungert hingestreckten Kreuzgassen
und vorbei am rostigen Friedhofstor, durch dessen Stäbe die Kreuze auf dem
Kalvarienberg zu sehen waren. Vorbei die Wirklichkeit, doch ewig vorhanden der
böse Lagertraum, der Auszug der
vor Hunger und Sorgen starr in die
Ferne sehenden Menschen, der kranken Kinder und Waisen aus der unteren
Kreuzgasse, die partout nicht sterben wollten.
Wenn ich an meine Kindheit denke, dann immer zuerst an Gakowa und lange
nachher an Bereg. Umgekehrt führen die Gedankenwege, welche in Bereg beginnen,
nicht automatisch ins Lager, sondern eher nach Apatin, wo die heile Kinderzeit
in freiheitlicher Jugenderinnerung fortgesetzt wird. Hätte es nach dem Lager
kein Apatin gegeben, ich glaube ich würde nur Angst und Verachtung bei
Heimat-Gedanken empfinden.
Ewiger
Schatz
Es geschah im
ersten kalten Winter,
als nur Mäuse
den Hunger gut verwanden.
Vier
Massengräber entstanden dort hinter
dem Friedhof,
wo sie noch vorhanden.
Wo heute Mais
und Weizen schön gedeihen,
wo Kiebitz und
Wachtel streiten um den Platz,
da wollen wir
nie vergessen, nur verzeihen:
Hier birgt die
Erde einen ewigen Schatz,
den wir nicht
heben wollen, nie entweihen;
ihm nur
Gedenken mit dem einen Satz:
Nehmt diese
Helden auf in Euere Reihen!
Vielfach
heldenhaft war ihr Verhalten:
Sie blieben,
als es leichter war zu gehen,
sie blieben
bei den Kindern und den Alten.
Als Männer und
Frauen im Tode ausersehen
vor der Welt
ein Zeugnis zu führen,
dass ihnen die
Rollen der Mütter und Väter
höher standen
als politisches Brillieren
derer, denen
sie galten als Heimatverräter.
Wahre
Helden
Unsere wahren
Helden kamen aus der Zeit,
da Hitler
siegte noch an vielen Fronten
und wortreich
beschwor die Nazi-Einigkeit;
als
Donauschwaben ihm nicht folgen konnten.
Sein Begriff
des Glaubens stand im Wege
und seine Art
auf Erden Gott zu spielen;
zu töten, was
nicht arisch überlegen.
was nicht
blind gehorchte seinem Willen.
Nicht jeder
konnte dem Bösen sich entziehen;
ein Schwabe
sagt nicht einmal ja, dann nein.
Angeborener
Treue kann niemand entfliehen:
zu spät
erkennt er den falschen Verein.
Zu spät die
Stimmen, die lautstark warnten
und mutig
stritten in der Christenpflicht,
weil sie das
Falsche schnell erkannten;
auch ihnen
gebührt ein ewiges Ruhmeslicht.
Ihre Stimmen
sprühten blitzende Zeichen
aufzuckend in
vielen dunklen Nächten .
Nur konnten
sie nicht jedermann erreichen
und nicht
erretten jedweden Gerechten.
Politische
Schuld war noch nie die kleinste;
sie schürt mit
in allen Kriegsgewerben
und steht
verkleidet in politische Verdienste
nach dem Sieg
in Reihen seiner Erben.
Die Warner
aber, die guten Propheten,
sie bleiben
die Verkannten, Ungeehrten.
werden
verleumdet in manchen Pamphleten
und ewig
streiten um sie die Gelehrten.
Bei diesem Kapitel hat Pfarrer Berenz Pate gestanden. Es ist also kein
unmittelbarer Eindruck des im Lager, am Rande der Massengräber Erlebten. Dass
nachher in der BRD im Ernst jemand den Apatiner Kirchenmenschen verspotten und
verleumden würde, hätte ich nie für möglich gehalten - aber selbst in
Sindelfingen erlebt.
Schuld an der unaufhörlichen nazistischen Hexenjagd haben die
Überlebenden aus den Reihen der "letzten Sieger". Sie sind noch so
stark präsent, dass keiner der ehemaligen "passiven Widerständler"
den Mut hat, die Flucht aus der Reichstruppe oder das Nicht-Zurückkehren in sie
bis zum Herbst l944 wahrheitsgetreu darzustellen. Obwohl die "letzten
Sieger" selbst nie oder nur ganz kurz mit der Waffe in der Hand für die
Reichsziele kämpften, halten sie Treue oder Untreue zum deutschen Gewehr immer
noch als größte Treuebezeugung oder verräterische Handlung zu Volk und
Vaterland. Wann wird wohl dieses zwischen l940 und 45 in unserer Batschka
stattgefundene Kapitel wahrheitsgetreu aufgearbeitet werden können? Wann werden
unsere wahren Helden und ihre Taten richtig erkannt und von
unserer sonst so wissenschaftlich genauen Geschichtsforschung richtig
dargestellt werden ? Vergeblich meine Aufrechnungen Schwarz auf Weiß und
ebenso vergeblich die Toleranztöne der Gegendokumentation. Unsere damaligen
"Verführer" wollen nicht zugeben, dass nicht alle dabei waren
und dass die von ihnen beeinflussten Ortsbiografien oder ihre Eigenbiografien
nicht glaubwürdig ausgefallen sind. Der Leidensweg brauchte 50 Jahre,
bis er die volle Wahrheit und nichts als diese der bundesdeutschen
Öffentlichkeit aufzeigen konnte. Wie lange wird wohl die Aufarbeitung der 5
Kriegsjahre zur wahrheitsgetreuen Darstellung brauchen ?
Lüge darf
nicht siegen
Macht und
Mittel zum gerechten Urteil,
wer soll sie
verteilen und an wen?
Die Wahrheit
schafft selten einen Vorteil.
Mit Lügen kann
so mancher gut besteh'n.
Dass am Ende
nicht die Lüge siegt
ist ein Gesetz
in dieser kleinen Welt,
dem unser Tun
und Lassen unterliegt,
das der große
Richter über uns gestellt.
Vielfältiger
-Isten ewiges Wohlgedeihen
findet schon
immer dort sein jähes Ende,
wo sie
beginnen all das zu entweihen,
was zu
Gottesruhm schufen Menschenhände.
Eingenäht und
unter Schichten Kalk und Erde,
in Gräbern wie
Hauskeller breit und tief,
vergrub die
verlogene Lagerbehörde
was nicht nach
humanen Normen verlief.
Viel später
suchten wir die Totenlisten
zur Linderung
der Hinterbliebenen-Wunden.
Doch die
Beweise der Märtyrer-Christen
waren und
blieben für immer verschwunden.
Bei den überparteilich gedachten -Isten hat etwas "Politik
aufgespießt" Pate gestanden. Direkten Bezug auf die Lagerzeit gibt es so
reichlich, wie auf die Jahre danach in Jugo und Deutschland.
Mutter versuchte bei Gakowa-Besuchen die Totenlisten einzusehen, als sie
auf der Kolonisten-Behörde Geburts- und Sterbeurkunden für Vater verlangte -
und auch bekam. Von Listen, die über gemeldete Sterbefälle hinaus in der
Lagerzeit - von den deutschen Friedhofswärtern - angefertigt wurden, wusste man
nichts mehr. Es ist wahrscheinlich, dass im Gemeinde-, Kreis- oder
Bezirksarchiv - Gakowa, Sombor, Neusatz - die Totenlisten genauso sorgsam
aufbewahrt werden, wie dies die Jugo-Archivare mit jedem Zettelchen aus der
Kriegszeit machen.
Glaubensschändung
Es stand ein
Kreuz Christi, würdig und rein.
Ein Partisan
kam und spuckte es an,
und lief
erzürnt ins nächste Haus hinein,
holte eine
eisenbewehrte Stange und begann
zu hauen und
graben am Fundament.
Die wenigen
Gläubigen dies arg bekümmerte.
Sie bezeugten
auch des bösen Unholds End'
als das
fallende Kreuz ihn zertrümmerte.
Vergebens
diese Warnung den Ideologen,
sie tobten
weiter, nahmen es nicht wahr,
wie der
Glaube, in dem sie einst erzogen,
ihnen abhanden
ging für immerdar.
Kirchen, die
ihnen im Wege standen,
schändeten sie
gemein im Vorübergehen,
stahlen
daraus, solange was vorhanden
und machten
sie dann zu Volksmuseen.
Sie
verschleppten Pfarrer, sperrten Klöster.
Ängstliche
Nonnen wurden spöttisch entkleidet.
Die Lager
blieben ohne Seelentröster;
wer noch beten
konnte wurde beneidet.
Die Kreuzschändung ist eine wahre Begebenheit aus dem reinkatholischen
Bereg. Als wir - die Schwabas - weg waren, kam ein auswärtiger Atheist in
Versuchung, die ideologisch propagierte Gotteslästerung in einem Exempel dem
Volke vorzuführen. Wenn später die misslungene Aktion zur Sprache kam,
bekreuzigten sich Erzählende wie Zuhörer gottesfürchtig. Genau wie beschrieben
ereignete es sich auf dem Kalvarienberg. Dem Wüstling wurden beide Beine
oberhalb dem Knie vom umstürzenden Kreuz abgehauen. Und ein Jahr später
verstarb der Täter an den Brandwunden. Ob ihm vielleicht dieses Jahr zur
Besinnung und Bekehrung geschenkt worden war?..
Kirchen- und Klosterschändungen gehörten zur Tagesordnung der
übereifrigen Neukommunisten. Die erste Stufe war, sie abzusperren, die
Gläubigen von ihnen fernzuhalten. Zerbrochene Fensterscheiben, sturmzerstörte
Dächer, Regen, Wind, Tauben und Schmutz taten den Rest. Nach Jahren der
Verwahrlosung waren solche Gotteshäuser für die Messfeier ungeeignet und
standen vor den Alternativen abgerissen oder in Museen umgewandelt zu werden.
Beides kam, halbe-halbe zur Anwendung. Z. B. wurde die Gakowaer Kirche
abgerissen und jene in Kolut zum "renovierungswürdigen" Volksmuseum
erklärt. Die beiden ehemals reindeutschen Gemeinden hatten nun hundertprozentig
Kolonisten-Bewohner, hier aus Mazedonien, dort aus der serbischen Krajina.
Sosehr den ersten der Abriss gelegen kam, sowenig konnten die letzteren mit
einem Kirchenmuseum glücklich werden. Und wenn die "Koluter
Ortsgemeinschaft" aus Deutschland nicht durch Spenden geholfen hätten,
ihre Heimatkirche hätte letztendlich auch das Schicksal der Gakowaer erfahren.
Ob auf diese Art alle Museenkirchen zu halten sein werden oder auch das
"demokratische Jugoslawien" mehr tun muss - wenn es dies nach dem
Bürgerkrieg kann - wird die Zukunft zeigen.
Kirchenschwur
Da kam unser
mutiger Pater Gruber
und führte uns
in ein leeres Gotteshaus.
Die letzten
Reste des Glaubens grub er
betend aus
verschütteten Seelen aus.
Und wir
schwörten der Gottesmutter Treue:
"Für die
Errettung aus der Höllenpein
erbauen wir
Donauschwaben eine neue
Kirche und
werden jährliche Pilger sein."
Der Schwur
stand wie ein Felsen im Meer,
gab manchem
die Kraft zu überleben;
ihn zu
erfüllen fiel nachher nicht schwer,
wir bekamen und
konnten gerne geben.
Von diesem Ereignis habe ich erst in der Bundesrepublik erfahren, erst
als das Haus in Bad Niedernau von den ehemaligen Hodschaker Schwestern
eingeweiht wurde. Der Name des Pater-Priesters kam mir aber im Lager zu Gehör,
wo Gläubige erzählten, dass bei seiner Messlesung die Kirche immer voll sei.
Die Messen, die ich vor und nach ihm besuchte, spiegelten in keiner Weise die
Überfülle der Wohnhäuser wieder. Als ehemaliger Ministrant und pflichtbewusst
erzogener Christ suchte ich öfter, doch unregelmäßig die Kirche auf. Der
Eindruck des überwiegend leeren - oder niemals mehr als zur Hälfte vollen -
Gotteshauses, blieb dem Zwölfjährigen fest in Erinnerung und schlug Wurzeln in
mancher bitteren MuP-Feststellung.
Noch zu dem letzten Vers: 'Ihn zu erfüllen fiel nachher nicht
schwer..'Damit will ich auf diejenigen freiwilligen Spender weisen, die
ihre Gabe öffentlich auszuschlachten wussten. Als reiche Bundesbürger und
führende Landsmannschafts-Vertreter gaben sie überdurchschnittliche Beträge,
die sie moralisch und steuerlich gut abschreiben konnten; bei der Einweihung
ganz vorne sitzend und namentlich als Spitzenspender genannt, konnten sie jedem
zur Kenntnis geben, dass im schwäbischen Gottesgarten die gleiche Rangordnung
wie beim Finanzamt gilt. Manche alte Trägerin der Schwurerfüllung gab die
Hälfte ihrer Monatsrente, ohne eine besondere Betonung der Anwesenheit zu
erwarten. - Ja, die lautesten Kirchensänger sind eben selten auch die frömmsten
Gläubigen.
Fluchtversuche
Hunger wog schwer
in leichten Herzen,
die nur vage
am Lebensfaden hingen;
das Lagerlos
brachte immer neue Schmerzen.
Tage und
Nächte blieben ein stetes Ringen
um einfachste
Mittel zum Weiterleben.
Manche nahmen
die Kinder und gingen:
die mutige
Flucht hat ihnen Glück gegeben:
jenseits der
Grenze wartete neues Beginnen.
Glücklose
wurden von Posten gefangen
und kamen zur
Strafe in den Lagerkeller.
Dort gab es
Hunger, Bibbern und Bangen.
Gefürchtet war
die Peitsche der Fragesteller.
Nicht jeder
überlebte die böse Tortour:
Gequälte jeden
Alters und Geschlechtes
zählten den
Schindern als Faschisten nur,
die Zu
liquidieren was human Gerechtes.
Über die Flucht aus dem Lager gibt es nicht mehr zu sagen, als in MuP
steht. Unsere Zögerung die Flucht anzutreten, selbst als die Last des kranken
Vaters nicht mehr vorhanden war, ist durch die Berufung der Mutter in die
Lagerbäckerei zu erklären. Dort kannten wir den eigentlichen Hunger
nicht mehr, so wie er bei den anderen Lagerleuten ständig mit am Tisch saß. An
Maisbrot hatten wir keinen Mangel, weil die letzten Backreste - teilweise
verbrannt und zerkrümelt - nie vollständig verteilt wurden. Und solange wir für
die Kommandantur das Mischbrot buken, hatten auch die 20 Arbeitskräfte der
Bäckerei ihre tägliche Mehlration für eine kräftige Einbrennsuppe. Oder konnten
unsere Frauen geschickt aber ausdauernd von dem Schwarzmehl der Schinder soviel
die Woche über beiseite schaffen, dass es am Sonntag für je einen mageren
Schwarzfladen reichte, der immerhin mehr nach Weizen und Roggen als nach Mais
schmeckte. - Kurz, wir Lagerbäcker hungerten nicht. Dass ich dennoch den
Lagerhunger physisch spürte, ist auf meine innige Verbundenheit mit den Kindern
draußenzurückzuführen. Auch das spätere Bettelngehen mit ihnen ist mit
dem gleichen Gefühlsmaß zu messen: Immer genügend Maisbrot und nie ein
Stückchen Weizenbrot, erzeugt dieselbe Leere im Magen wie ständiger Hunger und
in dessen logischer Folge den Wunsch, endlich durch betteln etwas an dem
Zustand zu ändern.
Gewiss gab es in jenen Tagen auch außerhalb des Lagers Hunger, der durch
Unfähigkeit und Misswirtschaft der neuen Herren verursacht und von der
westlichen Care-Organisation zur Kenntnis genommen war. Die Alliierten
wussten, dass in Jugo ihre Siegerfreunde mit den Beutefeldern nicht zurecht kamen
und dass sie helfen mussten. Nur von uns wussten sie nichts. Zumindest solange
nicht, bis beherzte Priester über Rom unser Elend publik machten. Dennoch fand
selten ein Care-Packet zu uns den Weg. Wenn wir Kinder beim Bettelgang eine
Konserve oder Schokolade mit englischer Beschriftung zugesteckt bekamen,
glaubten wir den Weg ins Paradies entdeckt zu haben. Zumindest merkten wir uns
für immer die Richtung, aus der solche guten Dinge den Weg ins Elend nahmen.
Und sicher merkten sich die Jugos dasselbe. Ab da begann ihr Kommunismus den
Gang nach Osten zu verlangsamen, um im Achtundvierziger ganz nach Westen
umzuschwenken.
Die
Elternlosen
Am bittersten
traf es unsere Kleinen,
die elternlos
wurden; allein und verlassen
lebten sie,
wie die Aussätzigen, Unreinen
im Staub und
Kot der breiten Lagergassen.
Man brachte
sie dann in ferne Heime
zusammen mit
Waisen der Partisanen
und erstickte
jeden Protest im Keime,
wenn sie
muckten gegen die Schikanen,
die nur auf
eines ausgerichtet waren:
Aus deutschen
Kindern solche zu formen,
wie einst die
Türken ihre Janitscharen;
jetzt ging es
streng nach Titoer Normen.
Wir hörten von
ihnen in späteren Zeiten,
da Freiheit
uns wurde im Mutterlande,
wie sie der
Gesellschaft Kummer bereiten
als Anführer
manchen jugendlichen Bande.
Alles gemeine,
brutale und schlechte,
das
eingepflanzt wurde in Kindernaturen,
trug nun viele
Früchte, aber keine Rechte.
Der Balkan
zittert endlos vor Türken-Panduren.
Zuerst einmal sah ich in diesen Ärmsten meine Brüder und Schwestern. Die
Parallele zu den Janitscharen kam erst dazu durch entsprechende Lektüre. In der
Unteren Kreuzgasse, nahe dem Geburtshaus meines Vaters, gab es zwei
größere Heime für Elternlose. Da die Waisen kaum mehr Sorge durch die
Kommandantur erfuhren als das übrige Lager, doch physisch anfälliger waren, gab
es unter ihnen auffälliger mehr Elend. Während z. B. Eltern und Großeltern der
übrigen Kinder von Frühjahr bis Herbst in den Arbeitskolonnen vom Hotter
manches Obst und Grünzeug ins Lager schleusen konnten - Melonen kommen mir da
angenehmst in Erinnerung - gab es für die Lagerwaisen so etwas nicht. Sie
hatten niemanden mehr, der ihnen einen persönlichen Vorteil hätte verschaffen
können, waren 'allein und verlassen,.. im Staub und Kot der breiten
Lagergassen', bis man sie in auswärtige Partisanenheime brachte.
Das war ihre körperliche Rettung aber auch vielfach ihr
seelisch-moralisches und nationales Ende. Wenn später einige doch durch das
Rote Kreuz zu Verwandten ausgesiedelt werden konnten, waren sie auffällig
"schlecht erzogen" und asozial oder kriminell vorprogrammiert.
Persönlich sind mir einige entsprechende Fälle bekannt, wo ehemalige
Lagerweisen in Ungarn und Deutschland schlimmste Bluttaten begangen. 'Alles
gemeine, brutale und schlechte, das eingepflanzt wurde in Kindernaturen, trug
nun seine Früchte, aber keine rechte. Der Balkan zittert endlos vor
Türken-Panduren.'
Möglicherweise wäre der Bruderkrieg von '91 - von dem jetzt '95 noch
kein Ende abzusehen ist - nicht so brutal verlaufen, hätten die Waisenhäuser
Titos nicht so viele einseitig atheistisch-materialistische Generationen
hervorgebracht und mit ihnen alle Jugo-Republiken und Gesellschaftsschichten
verseucht. Ohne Achtung und Ehrgefühl für klassische, moralische,
gesellschaftliche Werte, wie Vermögen, Elternhaus und Religion Andersdenkender,
schießen sie sich bedenkenlos den Weg zu ihren Wünschen und Zielen frei.
Vergeblich die Kriegsverweigerer der gut erzogenen Serben, Kroaten und
Muselmanen (Boschniaken), die Janitscharen behalten das Sagen und für alle Zeit
die Verantwortung für das, was in diesem scheußlichen Bruderkrieg geschieht.
Wer, wie ich, die Waisengeneration der Titoheime kennt, glaubt nicht, dass
dieser Krieg eher zu Ende geht, als bis nicht der letzte kommandierende
Janitschar gefesselt sein wird.
Eine
Lagerschule
Schlimmer als
Hunger ist der Raub der Würde.
Mit Raffinesse
wurde an Deutschen versucht,
in welcher
Tiefe und bei welcher Hürde
der
Geschundene wie sein Schinder flucht.
Kultur und
Erziehung im Elternhause
sind die
Träger jedweder Zivilisation;
im Lager
hatten sie eine lange Pause,
genau wie die
schulische Institution.
Eine Lehrerin
für hundert Kinder,
im Zimmer den
übrigen Ställen gleich;
der Wille zum
Lernen noch viel minder.
Wer einen
Stift hatte, der war reich.
Nur paar Wochen
dauerte das ganze
Lernen des
Schreibens und des Lesens.
Zwischendurch
töteten wir manche Wanze,
doch gegen die
Läuse kämpften wir vergebens.
Die Schule war
vorbei, kaum hatte sie begonnen.
Die gute
Lehrerin gab verzweifelt auf.
Der Traum von
Bildung war schnell zerronnen,
das Lagerleben
nahm wieder seinen Lauf.
Von der Lagerschule in der Unteren Kreuzgasse (ost) ist leider weder der
Initiator noch der Name der Lehrerin bekannt. Da in unserer hiesigen
Dokumentation seither der Schwerpunkt auf der Ansiedlung lag, wurde kaum nach
wesentlichen Rahmenereignissen vor und während unserer Verfolgung recherchiert.
Der Abgang der Verhinderer einer gründlichen Dokumentation unseres
"Leidensweges" hat den Weg zu mancher Aufarbeitung freigegeben, doch
für eine exakte Analyse der Apokalypse ist es zu spät. Viele Fakten und Namen
haben die pauschale, einheitliche Skizzeneigenschaft der populären Wiedergabe
angenommen.
Der Schwerpunkt der Lagerschule ist die Stimmung, die hungernde
Schüler in einem vollgepferchten, 'den übrigen Ställen gleichen'
Schulraum erzeugen. Ausgehängte Türen auf Holzböcken bildeten die Tische und
Traufenbretter auf Ziegelsteinen die Sitzbänke der Kinder, die Schulter an
Schulter ruhig dasitzend auffrischen sollten, was sie vor dem Lager unter
wesentlich anderen Bedingungen gelernt hatten. Wie daheim saßen Mädchen auf der
einen und Buben auf der anderen Seite vor der blassen, jungen Lehrerin und
drückten ihre Schreibstummel auf irgendeine Art Papier. Es deucht mir, als ob
die Fenster des Raumes geschlossen bleiben mussten, damit unerwünschte Ohren
nicht zu früh auf das Schulexperiment aufmerksam werden konnten. Daraus ist
auch die Tatsache erklärbar, dass wir außer der armen Schreibhilfe und
vielleicht ein-zwei Lesehilfen in Form von Märchenbüchern weder von der
Lagerleitung noch von Privatpersonen eine Unterstützung zum Lernen erhalten
hatten.
Zu den Folgen des bald abgebrochenen Schulversuches gehörte, dass die
deutschen Kinder nach dem Lager, bis zu meinem - dem 14. - Lebensjahr kaum lesen
und schreiben konnten. Genau wie ich alles vor dem Lager Gelernte in der
Werftschule nachholen musste, taten es die übrigen Altersgenossen in
serbokroatischen Schulen, dort wo ihre Familien gerade zwangsverpflichtet
waren.
Bettlererfahrung
Wir tobten
weiter, draußen - drinnen
und zogen
suchend durch die wüsten Gärten.
Am
sinnvollsten sahen wir das Beginnen
zu lernen, wie
brave Bettler sich ernährten.
Was wir
bekamen war nicht immer essbar.
Statt Brot zu
geben hetzten manche Hunde.
Vieler Drohung
Sinn war uns nicht klar.
Tröstendes gab
es nur aus solchem Munde,
der selbst den
bitteren Hunger kannte.
Er gab von
seinem letzten Brot und Speck,
sagte, dass er
die Deutschen Freunde nannte,
und zeigte uns
noch den sichersten Weg.
So lernten wir
Menschen kennen als Christen,
als raue oder
aufgeputschte Ideologen,
als
Kolonisten, Materialisten, Atheisten,
die alle
vordem in unsere Häuser zogen,
da sie
Günstlinge der Partei, Partisanen
und Kämpfer
der großen Weltrevolution;
freigiebige
Hände und böse Schikanen,
Gutes und
Schlechtes in gleicher Ration.
Es gibt einer
gerne, was er selbst bekommen,
trennt sich
lieber vom Lohn der Arbeit,
als von dem,
das er anderen weggenommen.
je ärmer, je
eher zum Geben bereit.
Bettlerfreude
war ein kurzlebiges Vergnügen,
Bettelsäcke
gaben eine auffällige Gestalt.
Die Posten
konnten wir nicht gut belügen,
wenn sie aus
der Nacht schmetterten HALT.
Was wir als
arme Bettler bekamen,
was nur der
Scham und Unwürde Lohn;
unmenschliche
Wachen es uns wieder nahmen
und jagten uns
wie gemeine Diebe davon.
Zu dem beschämenden Bettlerleben ist zu sagen, dass es in MuP
ausführlich beschrieben wurde und hier nur Stichworte das Wesentliche
wiederholten. In Gakowa schloss ich mich aus Solidarität und
Kameradschaftlichkeit zweimal den Bettelgruppen an. In Rudolfsgnad geschah es
einmal; doch dort aus nacktem Hunger, und lernte so am eigenen Leibe das ganze
Ausmaß von Freude bei guten und Scham bei bösen Menschen kennen.
Es war grundsätzlich nicht leicht was Essbares zu bekommen, da nach drei
erntearmen, d. h. schlecht "geplanten" Wirtschaftsjahren die
Nachfolger auf unseren Feldern selbst nicht viel zu essen hatten. Sie hungerten
nicht wie wir, weil sie bei den alteingesessenen Nachbarn das Nötigste stehlen
konnten. Als Reaktion darauf verschlossen dann manche Gutherzige die Tore auch
vor den Bettlern, weil sie schon genug "gegeben" hatten. Die zu
Rudolfsgnad am nächsten gelegene Dörfer wurden zuletzt von den Bettelkolonnen
vergeblich durchkämmt. Wer nicht mit leerem Rucksack ins Lager zurück wollte,
musste auch die bewachte Theißbrücke überqueren und in weiter abgelegenen
Batschkadörfern sein Glück versuchen.
Unvergessen bleibt mir eine nächtliche Rückkehr über die Theiß mit
beglückender Schwere im Bettelsack. An den unteren Stahlstreben der Titeler
Brücke hängend mussten wir uns lautlos von einem Ufer zum anderen wuchten. Oben
patrouillierte der Posten und unten zog das fließende Wasser 5 m in die Tiefe. Nach einem
ermüdenden Tag konnte da ein zu schwerer Rucksack schnell zu einem dramatischen
Bettelende führen. - Jedenfalls waren die drei Monate Rudolfsgnad eine
Belastungsprobe, die ich fast nicht bestanden hätte.
Sklavenhandel
Die Posten
waren und blieben die Diebe;
mit Gewalt
nahmen sie, was sie brauchten.
Wenn sie
nichts fanden, prasselten Hiebe.
So machten es
Gemeine und so die erlauchten
Lagerbosse aus
Büro und Verwaltung.
So standen
ihnen die Siegerrollen gut.
Sie zogen aus
allem Nutzen, Unterhaltung,
und grenzenlos
war oft ihr Übermut.
Aus gemeinem
Spaß wurde ernster Handel.
Mit Menschenware
noch im Arbeitsalter,
kam in leere
Kassen schnell ein Wandel.
Versteigerer
wurden die Gassenverwalter.
Und die Käufer
waren freie Bauern,
die für den
Hof eine Hilfe gut bezahlten.
Zurückbleibende
brauchten nicht zu trauern,
sie konnten
von draußen manche Hilfe erwarten.
Hilfe in
Essen, Seife oder Kleidung
und sonst was
Bauern noch zu teilen hatten.
Für uns war es
letzte Lebensentscheidung,
weil der Stern
der Sieger begann zu ermatten.
In Erinnerung kommt mir beim Sklavenhandel der "Gassenkommandant"
unserer Oberen Kreuzgasse (wo wir bei den Bajak-Verwandten die ersten vier
Lagermonate untergekommen waren, bevor Mutter die Bäckereistelle bekam). Der
gute Mensch wohnte noch in seinem eigenen Hause und hatte, neben der
Vertrauensarbeit als Aufsichtsperson seiner Gasse, noch manche Vermittlerrolle
für die Kommandantur oder die Partisanen inne. Alles machte er für die
Beteiligten so vorbildlich, dass ihn Verwaltung wie Lagerleute sehr schätzten.
Besonders als Vermittler der Sklaven verdient er ein doppeltes Lob,
indem er meistens den richtigen Sklaven zum richtigen Bauern
vermittelte.
Das ging so vor sich: Bei den täglichen Appellen der "noch
Arbeitsfähigen" im Rathaushof, woher der relativ kleine Gakowaer Hotter
(der große Hotter-Zukauf war den umliegenden Gemeinden zurück-gegeben worden)
mit Arbeitskräften versorgt wurde, durfte sich auch mancher Bauer aus Bezdan,
Monostor, Rastinja, Legin/Ridjica, Bereg und anderer Somborer Kreisgemeinden
eine Hilfe aussuchen. Unter den Angetretenen Tagelöhnern für Gotteslohn
waren weniger arbeitsfähige Männer als Mädchen und Frauen zwischen 18 und 50
Jahren. Sofern die Ausgesuchten Kleinkinder oder Kranke zu versorgen hatten,
konnten sie sich dem auswärtigen Bauern verweigern. Bei dem meist quälenden
Hin-und-Her wusste unser guter Gassenkommandant oft dahingehend zu vermitteln,
dass der Bauer auch die bedürftigen Anhängsel "seiner" Sklavin
übernahm. Er selbst als ca. 60 Jahre alter Gakowaer kannte viele der Sklavenkäufer
und ihre Wirtschaft. Eine Portion
Menschenkenntnis kam dazu, ein kurzes Nicken oder Schütteln mit dem Kopf - und
schon klappte der Handel zur Zufriedenheit aller.
Bei der täglichen Brotausgabe in unserer Bäckerei wurde manches Loblied
über den Vermittler, manche Rettungstat durch ihn und seine "Kaufverträge"
zum besten gegeben. Auch von Dauerverbindungen - heimlicher Heiraten - zwischen
Freien und Lager-Leuten wurde, wie von
Höhepunkten geglückter Vermittlung, berichtet. Da ich jedoch als Kind derlei Dinge
nur nebenbei zur Kenntnis nahm, habe ich sie in MuP nur oberflächlich
beschrieben.
Das mit dem ermattenden Siegerstern ist durch die beginnende
Schaukelpolitik Jugoslawiens zu erklären, das sich vom siegreichen Stalin
losgesagt hatte, noch bevor der Kontakt zum Westen Früchte getragen hätte. Einige
Jahre lang ging es Jugoslawien wirtschaftlich schlechter, als allen
Kommintern-Staaten. Der noch im Krieg begonnene Kreuzzug "Bitka za
zetvu"/ "Der Kampf um die Ernte" war in Wirklichkeit ein Feldzug
gegen sie, da dabei mehr ihre Vernichtung als Rettung geübt wurde. Und was die
Partisanen so fleißig übten, beherrschten sie nachher am besten. Statt sich die
"Kornkammer" dienstbar zu machen, zerstörten sie sie systematisch. Um
nicht zu verhungern, musste man sich dem Westen und seiner "umfassenden
Hilfe" öffnen. Was später als gelungene Schaukelpolitik Titos gepriesen
wurde, war die Flucht vor der zerstörten Substanz an wirtschaftlichem und
menschlichem Potential durch die Enteignungs- und Vertreibungsmaßnahmen gegen
uns.
Partisanenwirtschaft
Denn wie
Nahrung wird, hatten sie vergessen.
Bald zog in
Beutehäuser Kolchosehunger ein.
Rote Sterne
konnten sie nicht gut essen.
Auch das
konnten sie uns nicht verzeih'n.
Die Schwabas
hatten Schuld, wie es auch kam.
Sie hatten
nicht verraten, was sie machten,
damit Kühe
viel Milch gaben und Rahm,
und nebenbei
noch guten Mist erbrachten.
Die Vertreiber
suchten Heil in den Kolchosen,
nach
Brüderchen Russlands Muster getreu;
doch Erfolg
gab es nur in eitlen Posen.
Sie machten
alte Fehler wieder neu.
Fabriken
verstaatlicht, ihre Leitung verteilt,
das nannten
sie stolz Selbstverwaltung.
Erfüllte
Normen, ohne dass man sich beeilt,
war keine
Gewähr zur Betriebserhaltung.
Zufällig mit diesem Teil des LvÜ wurde die "Sünde am Brot"
veröffentlicht. Es war der negative Zauber unserer Ebene, dass sie bei
Kriegsende auch zu den Verlierern zählte. Sie hatte sich auf unsere Seite
geschlagen, und solange wir unwürdig behandelt wurden, gab sie den Siegern kein
Brot. Die allumfassende Vertreibung hatte eine ebensolche voll-ständige Not zur
Folge. Nur was die andersnationalen
"Kulaken" - Schokatzen, Magyaren, Russinen - nach Altväterart
dennoch dem Boden abrangen, hatte der Südosten, um es übers Land zu verteilen.
Die Überschüsse der Deutschen fehlten, so konnten nicht, wie früher, die
Gebirgsgegenden der Serben, Montenegriner und Boschniaken miternährt werden.
Auch naturbiologisch ist das leicht zu erklären: Was die schwarze, fette
Erde des Tieflandes bei guter Bearbeitung an Nützlichem hervorbringt, gibt sie
bei ungenügender Arbeit an Unkraut von sich. Die neuen Besitzer standen
fassungslos vor soviel "schlechter" Ernte. Nachdem sie Jahr um Jahr
immer weniger zu Essen hatten, gaben viele die Landwirtschaft auf oder kehrten
der Beutewirtschaft ganz den Rücken und gingen in ihre Berge zurück. Von meinem
Bereger Schulfreund, Ivo Gorjanac, weiß ich, dass er auch die Lagerzeit über
auf dem väterlichen Feld befriedigende Erträge einfuhr, während die Koluter
Zadruga Mühe hatte ihre Mitglieder und die riesige Verwaltung zu ernähren. Die
Brigadiers mussten sich nachts heimlich aus den Silos selbst versorgen. Von
einer Ablieferung des "visak/Überschusses" konnte keine Rede sein.
So nagte das Land Titos vor aller Welt am Hungertuch - etwa bis 1948,
bis die Schaukelhilfe der Amis kam. Die schnell in allen Städten aus dem Boden
schießenden "Amerikahäuser" waren mehr als Zugeständnisse an die
"verruchten Kapitalisten". Es waren Brückenköpfe der Freiheit, die
beim Sieg über den Kommunismus eine wichtige Rolle spielen sollten.
Hoffnung im
Frühling
So zeigte sich
bald überall Katzenjammer.
Mit Saboteuren
wurden neue Lager gefüllt.
Man rief nach
dem Retter, von Westen kam er
mit Konserven
bepackt, in Dollars gehüllt.
Das brachte
Hoffnung auch den Schwabenlagern
in Gakowa,
Jarek und Rudolfsgnad,
da wo die
Suppen am längsten mager;
wo Besserung
kam nur von Bewachergnad
und fiel wie
eine Träne auf heißen Stein,
wenn sie
heimlich in der Nacht vergossen.
Noch kam der
Tod zu Groß und Klein;
seine Bilanz
war nicht abgeschlossen.
Auch Oma konnte
die Rettung nicht erleben.
Nach drei
Hungerjahren versagte ihre Kraft.
Kein Hoffen
konnte sie vom Stroh erheben,
und sie wurde
ins Massengrab geschafft...
Der letzte
Frühling im Lager begann und
entfachte
helleres Licht in unseren Herzen.
Neue Hoffnung machte
sie langsam gesund:
Wir konnten
bald wieder lachen und scherzen.
Die Größten
probten das Singen und Tanzen
und das Spiel
der zwei reifen Geschlechter.
Magere
Burschen machten schöne Avancen
ihren blassen
Mädchen vor Augen der Wächter.
Die schauten böse
zu oder auch weg,
zürnend der
Schwabenbrut, die noch am Leben.
Am liebsten
sahen sie sie tief im Dreck
und die
Letzten dem Henker übergeben.
Die mildere Version der Schlussstrophe lautet 'Die schauten amüsiert
zu oder auch weg/ und benahmen sich zuletzt wie verwandelt./ Manche teilten mit
uns Brot und Speck,/ bei anderen wurde Schmuggelgut gehandelt'. -
Das heißt, dass es in Rudolfsgnad zuletzt auch solche Partisanen-Posten gab.
Sie hatten offen-sichtlich auch genug Leid und Qual erlebt und atmeten erleichtert
auf, als sich Gerüchte zur Auflösung der Lager verdichteten.
Die Überstellung, d. h. Verfrachtung unseres Gakowaer Lagerrestes nach
Rudolfsgnad, drei Monate vor der Entlassung, wäre auch eines Verswortes wert
gewesen. Es unterblieb, genau wie alle weiteren Geschehnisse im
Trennungsbereich Gakowa - Rudolf, und kann im Nachhinein nur kurz und sozusagen
prosaisch erklärt werden.
Als der Umzugsbefehl kam, hatte das Leben in unserer, der letzten noch
verbliebenen Lager(Stein-) Bäckerei einen Trott erreicht, der es noch auf Jahre
hinaus gesichert hätte. Jeder und jede von uns hatte sich in den 3
Internierungsjahren in sein Los gefügt, so gut es ging, den Seinen eine
Überlebensstrategie zurechtgezimmert und sich zwischen den Alternativen Flucht
- Hoffnung mit Ausharren endgültig für die letzte entschieden. Und dieses unser
Hoffen war im Winter 47/48 eine tiefe, dumpfe Ahnung, dass wir nicht mehr
flüchten müssten.
Die plötzliche Umsiedelung nach Rudolf schien die Ahnung zu bestätigen:
Das Warten hatte sich gelohnt, dachten wir. Mutter und Großmutter blühten auf,
denn es ging ja mit Gakowa zu Ende. Zuerst noch ein Abstecher in ein anderes
Lager - und dann nach hause! Aber unsere Hoffnung wurde - zum wievielten Mahle
schon? - mehr als enttäuscht. Im "neuen" Lager merkten wir bald, dass
es wesentlich schlimmer war, als das Gakowaer mit seinem Bäckereileben und der
nahen ungarischen Grenze. Knicanin war uns die wahre Hölle der Vernichtung und
Verbrennung des letzten Restes an Menschlichkeit. Hier gab es nur noch ein
dumpfes Dösen auf faulen Strohresten und Lumpen, in Verzweiflung und
Resignation.
Großmutter legte sich hin, kränkelte drei Tage lang und Starb. Als
Mutter ihren Leichnam wusch und zum sorglosen Abtransport in ein Leintuch
nähte, sah sie die Wunde am Oberschenkel, die wie ein Rattenbiss aussah und als
solcher auch von den erfahrenen Zimmernachbarn erkannt wurde. Der
allmorgendlich an den Häuserruinen vorbeifahrende Totenkarren nahm die Oma mit
und brachte sie zum Massengrab auf der "Teletschka". Ob sie dort ein
priesterliches Begräbnis bekam, weiß ich nicht, denn keiner von unserer
Restfamilie hatte die Kraft der Beerdigung beizuwohnen.
Rettung an
Ostern
So kam Ostern
neunzehnachtundvierzig;
mit Bangen und
Hoffen stark wie nie.
Das Treiben
der Posten wurde hitzig.
Und wir
blieben wach bis in die Früh.
UND DANN GING
DIE SONNE AUF
UND WIR WAREN
NOCH AM LEBEN.
Wer glaubte
noch solchem Schicksalslauf,
in dem sich
die Toten neu erheben!
Wir fühlten
das Leben, wir waren frei.
Vom Dorfrand
waren die Posten gewichen.
Für sie war
die Tortour auch vorbei.
Sie haben sich
nach hause geschlichen.
(Nachher
trafen wir manche von ihnen
und spürten
keine Wiedersehensfreuden.
Wir grüßten
einander mit starren Mienen;
innerlich
begannen sie uns zu beneiden).
Wir waren nun
diejenigen mit den Papieren,
das hieß
Zetteln, auf denen irgendwas stand.
Sie mussten
der strengen Partei parieren
und waren
Genossen im Kämpferverband,
mit
Aufmärschen und Arbeitsaktionen
und
Versammlungen an Wochenenden.
Wir hatten die
offenen Pretentionen,
sie die
Schwielen an den Händen.
Das gab den
Schwabenhassern keinen Frieden.
Sie dachten
sich neue Schikanen aus,
mit denen sie
eher als wir zufrieden:
Wir waren
frei, aber durften nicht nach Haus.
Die Rettung ist genau so gekommen, wie beschrieben. Eine - unsere
- aufgehende Sonne, die neues Leben brachte in solcher Menge, dass wir auch
nach Jahrzehnten genug davon haben.
Erlebnisberichte sind sehr in Mode. Um nicht ganz im Modeeinerlei
unterzugehen, bekam mein "Überleben" diese Form. Zum "Lied"
im Titel wurde ich im Sommer 91,
in der Ludwigsburger Bücherei, animiert, als mir Michael
Endes "Lieder" in die Hände fielen: Balladen vom Sing-Sang-Rhythmus
getragen, so wie er auch in der Endlosen Geschichte spürbar ist, nur geraffter.
Was ich da in Kömpöc begann, sollte so ein endloses Lied werden, das für sich
bestehen kann und MuP einen Lyrischen Rahmen schafft. Bild und Rahmen sollten
eine Einheit werden und aus der Zeitungs-Prosa und -Lyrik DAS Überlebensepos machen.
Zwangsarbeit
Auf unsere
Zettel kam ein Vermerk,
wo wir uns
alsbald melden mussten:
Im
Pantschowaer Ried oder im Bergwerk,
da wo man eben
werkte mit Verlusten.
Wieder fanden
wir uns in Kolonnen,
die mit Wachen
zogen über das Land,
und lernten
neue proletarische Wonnen
der
Kollektive, die ihr großer Lenin erfand.
Hoch im Banat,
o Gott, für uns weit,
hielt der Zug
mit den Arbeitssklaven,
und wir
bekamen die Wahl der Freiheit
auf
"Traxlers" oder "Mumpers" Gut zu schaffen.
Lange ließen wir
die Blicke schweifen,
im großen Gut
bei der ersten Rast.
So etwas
konnten wir nicht begreifen:
Auf dem freien
Felde ein Bauernpalast.
Das Lebenswerk
eines Mannes der Tat,
aus guter
Wirtschaft mit glücklicher Hand.
Komfort, den
nur ein reicher Städter hat,
wenn er Nutzen
mit Lebenskultur verband,
umgeben von
herrlicher, weiter Ebene.
Noch nie sah
ich sie schöner, größer,
die von Gottes
Großmut den Menschen gegebene;
allein ihr
Anblick machte unsere Lage besser.
Sie bot sich
den Augen mit überreichen Gaben
des Schöpfers,
der seine Kinder Liebte,
damit sie wohl
niemals Hunger haben
und ihr Leben
sich nicht mehr trübte.
Für ihr
Scheitern hatte sie keine Schuld
und trug nun
die Folgen mit Geduld.
Das viele
Unkraut im modrigen Ernterest,
war ein
letztes endloses Trauerfest.
Groß war der Unterschied zwischen jenen Vieh-Waggons, die uns nach
Rudolf brachten und denen des Zuges ins Oberbanat: Die ersteren alt, schmutzig
vom letzten Viehtransport, die letzten fast wohl-riechend, weil nur für
frisches Erntegut verwendet. Das Gedränge war in beiden gleich, die Bewachung
in den Banatern aber kaum auffällig. Ans Abspringen dachte jedoch auch jetzt
keiner. Jeder schaute durch die einen Spalt bis halbmeter breit geöffnete
Schiebetür in die zum Greifen nahe Freiheit und wartete gespannt, wie sie sich
wohl darbieten würde - im Ziel des "Staatsgutes".
Diese waren, nach dem Krieg, in größeren Zusammenhängen entstanden, als
in der an Sanddünen und Kanälen reichen Batschka. Das Banat ist freiflächiger
und überschaubarer und hatte schon immer mehr Großgüter, die jetzt enteignet
und, eins zu eins, in Kolchosen umgewandelt werden konnten. Die Umwandlung
betraf, natürlich, nicht nur die deutschen Güter: Der uns nachfolgende
Transport zwangsverpflichteter Lagerleute hatte das Budisch-Gut eines
serbischen Großbesitzers zum Ziel. Dort, genau wie bei Traxler und Mumper
fehlten aber Arbeitskräfte, die etwas von Bodenbebauung verstanden.
Die Kolonisten aus der Lika und dem Kordun waren schon mit ihren
Kleinwirtschaften überfordert, Auf dem Großgut versagten sie restlos. Nun waren
die Schwabas gefordert, aus den modernden Ernteresten zu retten was noch
gerettet werden konnte. Und unsere Menschen taten buchstäblich ihr Bestes. Im
ersten Jahr holten sie die Nachlässigkeit auf, im zweiten konnte der
Anbauzyklus normal beginnen.
Dass heißt, er hätte normal beginnen können, wenn die
landwirtschaftlichen Maschinen und Geräte noch vorhanden gewesen wären.
Gestohlen, zerlegt, rostend waren sie während der Lagerjahre dem Gut verloren
gegangen. Ein Mensch kann leicht 5 Joch Feld bearbeiten, doch vervielfältigen
lässt sich seine Leistung nicht: Für die 500 Joch wäre mehr Leistung und
Energie als die von unseren hundert Menschen erforderlich gewesen. Irgendwo
beim Fünftel davon liegt die Grenze für bäuerliche Handarbeit, ganz gleich wie
viele Hände eine Hacke oder Scharre ins Maisfeld oder in den Kartoffelacker
mitnehmen.
Die hundert Schwaben hätten aber auch tausend Joch bearbeitet, wären
ihnen die Großpflüge, Säh- und Mähmaschinen belassen worden, über die das
Großgut vordem verfügte. Mensch wie Maschine waren hier gleichermaßen auf
einander angewiesen. Als sie nicht mehr verhältnismäßig zusammenwirkten, kamen
solche Fehlernten zustande, wie wir sie nach dem Lager antrafen - und wie sie
das Banat noch in den 70er Jahren aufwies. Vergeblich die großflächige
Bebauung, wenn kein begleitendes,
beobachtendes Auge aufmerksam die Furchen überwacht, die Rüben nicht
vereinzelt, die Kartoffeln nicht rechtzeitig und sorgfältig erntet, für
Wechsel-Anbau in den verschiedenen Lagen sorgt.
Nur in Ungarn wurde auf den Nachkriegsgütern der Rakosi-Kolchosen eine
gewachsene Bauernerfahrung beibehalten, die Kommunisten in Rumänien und
Jugoslawien glaubten darauf verzichten zu können. So konnten die ersteren die Kollektivwirtschaft
ohne Hunger überstehen und, nach einem Jahrzehnt, ohne größeren
volkswirtschaftlichen Schaden zur
Reprivatisierung zurückkehren. Die letzteren schafften weder mit
Selbstverwaltung, noch mit kapitalistischen Reformen die radikalen Fehlplanungen
der Nach-Kriegsjahre wieder gut zu machen. Vergeblich die Suche nach der Schuld
bei anderen: "... i nemci i turci/ die Deutschen und Türken zerstörten
unser Land", wie es in einem vielgesendeten serbischen Lied heißt.
Ihre sogen. permanente Revolution hat das reiche Tiefland zerstört, es in einen
Grad der Unproduktivität geführt, die weder Volldüngung noch Vollmechanisierung
ausgleichen können.
Die
Mitschuld
Häuser mit
Erkern, Türmen und Palisaden,
mit
Zimmerfluchten für gesellige Freuden,
mit Pferdeställen
unter den Arkaden
und
Dienstboten in eigenen Gebäuden.
Mit Küchen für
alle Tag und zum Festen,
Klo und Bad
für Mann und Frau getrennt.
Überall vom
Feinsten wie vom Besten;
alles was
denkbar unter dem Firmament.
Auch unsere
Batschka hatte ihre Reichen,
die große
Gutshäuser zum Prunk erbauten.
Den Banater
Pomp konnten sie nicht erreichen,
den wir
Achtundvierzig baff bestaunten.
Hier wäre der
Platz Bilanz zu ziehen
zwischen Soll
und Haben, Denen, Jenen,
was den
Schwabenhass brachte zum Glühen;
wie er
entstand aus schlechtem Benehmen
und manchem
Auswuchs in unserem Bauernstand.
Die Mehrheit
blieb fleißig und bescheiden.
Wenige waren
es, die mit eigener Hand
nichts mehr
arbeiteten, lebten wie Heiden.
Ihr Benehmen
war alles andere als gut
und oft eine
Schande für unser Land,
da es
sträflichen, dummen Übermut
mit Verachtung
der Mitmenschen verband.
Lange wäre die
Liste der Vergehen
solcher
Reichen gegen die Zehn Gebote.
Doch ich bin
nicht dazu ausersehen
zu rechten und
richten als Gottesbote.
Nur ein
einziges Recht will ich mir nehmen:
zu zeigen,
dass wir nicht nur fleißig waren,
sondern auch
taten, wessen wir uns schämen.
Verzeihung -
im Namen unserer Barbaren.
Ein Kapitel voller Emotion für beide Seiten. Als sie uns vertrieben,
kramten sie jedes kleinste nachteilige Ereignis aus ihrer nationalistisch
befangenen Erinnerung.
Natürlich stimmte nur das Wenigste von dem, was sie uns vorwarfen - uns,
ihren Nachbarn und Arbeitgebern, mit und von denen sie bis dahin nicht schlecht
lebten. Nur ein Beispiel aus Bereger Nachbarschaft:
Adam Cousin, der Dachdecker, hatte zehn Kinder aus zwei Ehen zu
ernähren. Tag und Nacht hatten nicht genug Stunden, dass er, selbst bei
pausenloser Arbeit rund um die Uhr,
seine große Familie hätte versorgen können. Brav und sittsam lieferte er sein
Verdienst Zuhause ab, wenn er einen Auftrag beendete. Doch dableiben und
mitessen, durfte er nicht. Auch nicht vom kargen Wohnplatz etwas für sich
beanspruchen. Grundsätzlich aß und schlief er bei den schwäbischen
Auftraggebern, bei denen er als Erneuerer ihrer Dächer beliebt war. Allerlei
Kleidung, Geschlachtetes, Überflüssiges aus reichen Haushalten wanderte als
Lohnzugabe in seinen armen Hausstand. Und er, der perfekt unsere Sprache
benutzte, wurde einer der großen Mitverlierer bei unserer Vertreibung.
Dennoch, auch er wusste eine ganze Litanei von unschönen Erlebnissen aus
seiner Arbeit bei den Reichen Schwaben zum Besten zu geben. In Gakowa,
seinem bevorzugten Tätigkeitsfeld, blühte, zugegeben, der Reichtumsdünkel so
stark, dass die Triangelhäuser ihre Gassenfronten um die Wette mit teuerstem,
echtem Marmor verkleideten. Hochmut und Stolz hinderten oft, fremden Grüßenden
zu antworten. Auf Tanzveranstaltungen saßen die verzogenen Töchter lieber den
ganzen Abend neben der Mutter, als dass sie ein Tänzchen mit einem
nichtstandesgemäßen Burschen wagten. Bettler gingen bei vielen Reichen leer
aus, und der Beresch auf dem Prunksalasch musste die Hühnerschar der Hausherrin
jedes Mal genau vorzählen.
In der friedlichsten, geruhsam-wohlhabendsten Zeit vor der Vertreibung
bekam ein Fremder beim Besuch des Ortes leicht Platzangst, da er die erste
Begegnung fürchten musste: Würde man ihm zurückgrüßen, ihn mit spöttischen
Bemerkungen empfangen, an seinem Aussehen, Wagen oder Gespann was auszusetzen
haben, weil es fremdartig ist; oder ihm gar zum zigsten Mal vorwerfen, dass er
damals ein großes Sakrileg beging, als er aus dem voll-kommenden, reindeutschen
Ort in einen verschlampten, gemischtnationalen wegheiratete. Demütigender Spott
oder Meidung wie die Pest war der Lohn für eine Übertretung der ungeschriebenen
materiellen, kulturellen, religiösen und nationalen Gesetze dieses reindeutschen
Ortes. Nicht rein hieß zugleich unrein, unwert weil unterständisch.
- Und der Ratz Adam wusste von dem allem aus erster Hand zu berichten.
Als es hieß, alle Reindeutschen unterstützten die Kampfeskapaden
Hitlers, da schickten die stolzesten Bauern ihre Söhne als erste zur SS, d. h.
in den sicheren Tod. Als sie fielen, kam die Erkenntnis der Schuld an ihrem Tod
- zu spät. Doch nicht zu spät kam das Lager, um den letzten Rest des Hochmutes
hinweg zu fegen. Schnell wurden alle fast gleich fromme Christenmenschen, die
im Lagerschicksal eine Art Strafexpedition der himmlischen Heerscharen
fürchteten, da ihnen die Rollen der Schutzengel unzumutbar geworden waren.
Schon im Lager und noch mehr als es vorbei war, schienen auch alle unschönen
Charaktereigenschaften der Donauschwaben vorbei und weggewischt, als ob es sie
nie gegeben hätte.
Im
Bauernpalast
Wo waren jetzt
die Herren der Paläste?
Ein paar
fremde Knechte und Dienstboten
beäugten scheu
die zerlumpten Schwabenreste,
die alles, nur
keinen guten Anblick boten.
Wir saßen im
Hof und hatten keine Eile.
Ein Verwalter
kam und führte uns nach innen,
durch eine
lange, leere Zimmerzeile;
das war schon
ein hoffnungsvolles Beginnen.
Überall noch
die Tapeten an den Wänden.
Sie verrieten,
wie einst die Herrschaft wohnte,
wo sie
verwöhnt wurde von fleißigen Händen
der
Dienerschaft, die tat, was sie konnte.
So schön sah
unser neues Lager aus,
dass wir lange
nicht frei atmen konnten.
Hier fühlten
wir uns nicht so bald zuhaus;
sie irrten,
die dachten, dass sie uns belohnten.
Jeder
Familienrest bekam ein eigenes Zimmer
und richtete
sich ein auf blankem Parkett.
Nur wir dreie
hatten es ein Grad schlimmer,
wir kamen ins
Bad mit der Wanne als Bett.
Hier zu wohnen
- ein besonderes Vergnügen,
überhaupt wen
es schön sauber gehalten.
Dass es mir
gefiel, ich müsste lügen,
wie amüsant
einen WC und Bidet unterhalten.
Lange nicht
benutzt, hatten sie keine Gerüche
und waren auch
nicht mehr betriebsbereit.
Dennoch aßen
wir immer in der Küche;
Mutter,
Bruder, ich, in trauter Einigkeit,
die täglich
nur wenige Minuten währte.
Sonst war
eines jeden Tageslauf Arbeit;
auch
Brüderchen tat, was ihm keiner verwehrte.
Das Innere des Bauernpalastes prägte sich mir ein, wie der erste
Eintritt in die Räume des Vatikan. Unvorstellbar eindrucksvoll waren die
Seidentapeten im ehemaligen Schlafzimmer der Herrschaft. Und ebenso das Bad,
das in einer hellen Farbe gekachelt, uns als bevorzugter Wohnraum zugewiesen
wurde. Es war ca. 3x5 Quadrat groß und hatte eine riesige, halb im Boden
eingelassene Kachelwanne. Waschbecken und WC waren durch eine dünne Trennwand,
ohne Türe, vom übrigen Raum abgeteilt. An eine Dusche erinnere ich mich nicht.
Diese Art von Baden im Stehen, bei der man die Körperteile wie Schaustücke dem
Wasserstrahl hinhalten musste, kannte ich noch nicht; ebenso wenig ihre baldige
Rolle bei manchen Entlausungsaktionen in den Tito-Internaten. Doch sei dem wie
es will - ich kenne bis zum heutigen Tag keinen Bauern, der gerne duscht.
Dass keine "Gerüche" mehr in unserer Wohnung vorhanden waren,
ist eine Wunschvorstellung aus heutiger Sicht. Die nach der Vertreibung der
hohen Herrschaft eingedrungenen Vandalen, ließen sehr wohl ihre Visitenkarten
überall zurück. Doch nach einer gründlichen Reinigung und nach dem Abstellen
sämtlicher tropfender und defekter Leitungen, schien uns der Gestank auch
verschwunden.
Wie es sich in der Wanne schlief, weiß ich nicht mehr. Ungeziefer muss
es wohl weniger als in normalen Betten gegeben haben, denn sie verhielten sich
gesittet und ließen mir meine Ruhe. Diese hatten wir alle drei nötig. Die Tage
waren restlos angefüllt mit Pflicht und Arbeit - Zwangsarbeit eben -, die für
alle Zeit diesem halbfreien Zustand den Namen gab. Die immensen Versäumnisse
auf dem Gut verlangten mehr als nur Routinearbeit. So eine riesige Sanierung
konnten die neuen Herren nur mit den Schwaben versuchen.
Die
Gutsbrigade
Unsere
Gutsbrigade, etwa hundert Deutsche,
erledigte ohne
Murren ihre Tagespflichten.
Vorbei war die
Zeit von Hass und Peitsche.
Hier wollte
uns keiner mehr vernichten.
Nur das Essen
war noch reichlich knapp,
denn wir
schämten uns dazu zu stehlen.
Mit Titos
Wirtschaft ging es steil bergab,
auch wenn der
Westen stützte den Rebellen.
Schuld hatten
die vielen Arbeitskollektive,
die kaum
taten, was sie dringend mussten;
und so manche
schöpferische Initiative
wurde
vergeudet im Kampf mit den Verlusten.
Ein Land, das
einst als Kornkammer galt,
und leicht
fremde Völker mit ernährte;
jetzt hatte
es, nicht gegen brache Gewalt,
was der Hunger
seiner Bürger begehrte.
Da kann der
Schwabe nichts mehr machen,
weil er vertrieben
von der eigenen Scholle.
Er kann noch
vielleicht heimlich lachen,
aber im Traume
nicht mehr, was er wolle.
Über die Feldarbeit unserer "Gutsbrigade" gibt es nur
Geläufiges zu berichten: Wie sie Brachen sanierte, überfällige Resternten
einbrachte, neue Saaten vorbereitete, usw. Wir Jüngeren hatten dazu noch die
Pferdeställe zu betreuen. Das aber nicht regelmäßig, weil es für diese Arbeit
noch ein paar Betreuer von früher gab.
Bei allen Gutsherren war die Stallarbeit zuerst den anderen Nationen
vorbehalten. Erst wenn nicht genügend "geeigneter" Knechte bei den
anderen zu finden waren, rekrutierten sie sich aus deutschen Reihen. Da die auf
dem Gut verbliebenen raitzischen und ungarischen Stallmenschen bei der Austreibung
nicht unangenehm auffielen, konnten sie bleiben und nun die
"Logoraschi" in Stallarbeit anleiten.
Was meine Person angeht, so ist mir auf sie bezogen keine Brigadenarbeit
in Erinnerung. Aber auch keine andersartige Zwangsarbeit. Genau wie die übrigen
Jungen meines Jahrgangs, hatte ich Zeit, stunden-lang in der Umgebung
herumzustromern. Einige Male versuchten wir, nach Art der Lagerschule,
schmackhaftes Essen zu organisieren. Wir gingen in slawischen Nachbarorten zu
den Bauern und verlangten nach "etwas Essbarem". Bekamen es auch.
Doch die großen Augen der Geber trieb uns die Schamröte ins Gesicht, denn wir
merkten bald, dass sie nicht mehr hatten, als wir auf dem Gut. Und wir
unterließen es, die schwäbische Armut und Bettel-Schande in die Welt zu posaunen.
Meine Strophe "reichlich knapp" bezieht sich
demnach nicht nur auf das Essen der Zwangsarbeiter. Das gesamte
zwangsbewirtschaftete Tito-Reich begann unter Knappheit zu stöhnen. Unser
Mangel wurde noch dadurch verschärft,
dass wir keine Zeit zum Kochen hatten und auf den Fraß aus der Gutsküche
angewiesen waren. Dies genau wie die übrigen, andersnationalen Arbeiter, die in
der Kolchose auf das Paradies des Weltkommunismus vorbereitet wurden.
Zauber des
Schwaben
Jetzt kämen
Hände des Schwaben gut,
die Pferde nur
zu streicheln brauchten,
und schon
zogen diese willig im Übermut,
dass ihre
starken, runden Leiber rauchten.
Der
Zauberblick glitt über das Feld,
noch bevor der
Morgentau gefallen,
und aus
brauner Erde schoss das Geld,
gefüllt waren
Dachböden und Hallen.
Als Schneider,
Schuster, Schlosser, Binder,
in welchem
Beruf sich der Schwabe versuchte,
schienen seine
Zauberkräfte nicht minder:
Er war fertig,
während der Nachbar fluchte.
Jetzt wäre
seine Hilfe gut gekommen,
wäre er doch
in seinem Hause geblieben!
Warum haben
wir ihm den Zauber genommen?
Ach hätten wir
ihn doch nicht vertrieben!
Die Vertreiber
waren es, die so dachten;
solcher
Seufzer hörten wir in Massen,
als sie uns
zur Tagesarbeit brachten
aufs Feld, das
von guten Geistern verlassen.
Brache voll
Unkraut auf weiter Flur
und Reste der
Ernte vom vorigen Jahr.
Das ging
unsereins wider die Natur,
wir machten
schnell, was dringend war.
Des Schwaben Tüchtigkeit ist Stoff für viele Zeilen, doch sie genügt in
diesem kleinen Gedicht, als Probe, den Geschmack des ganzen Ungeschriebenen
wiederzugeben. Keiner kam bisher auf die Idee, aus dem "Zauber des
Schwaben" eine wissenschaftliche Abhandlung zu machen, weil man mit
Salz allein weder viel noch wenig kochen kann. Doch in rechter Dosierung macht
er aus allem unserem Schrifttum das unverwechselbare donauschwäbische Erinnern.
Und mit gehörigem Stolz erinnern wir uns an das Bedauern unserer
Vertreiber. Rechte Charaktere kamen spätestens dann zur Besinnung, als sie sich
selber in der Arbeit des Schwaben nicht zurechtfanden.
An der
Arbeitsfront
In Zehnerreihe
schritt unsere Arbeitsfront,
bestehend aus
Frauen und großen Kindern,
und tat, was
sie schon zuhause gekonnt,
um die üblen
Missstände zu mildern.
Die Aufpasser
waren Ungarn und Slawen.
Sie fassten
selber gerne dort mit an,
wo Frauen der
Arbeit nicht gewachsen waren
und aus den
Reihen hingen weit hintenan.
Sie versuchten
mit viel Spaß und Scherzen
und eitlen
Komplimenten zu gefallen.
Doch zu wund
waren die Frauenherzen,
als dass sie
den Werbern konnten verfallen.
Hier wuchsen
jene Grenzen wieder,
die schon
immer zwischen Balkannationen,
und drückten
alle Herzensdinge nieder,
mit
altbekannten, sturen Emotionen:
Deutschen
Mädchen war es unvorstellbar
einen Ungarn
oder Slawen zu lieben.
Da der
Lagerhunger überwunden war,
wurden lästige
Werber leichter vertrieben.
Im übrigen
Ablauf des täglichen Lebens
ward alles
Trennende langsam abgebaut.
Die
Vorkriegsübung des Nehmens und Gebens,
erneut war sie
den Nationen vertraut.
Die Zehner- oder andere unterschiedlich breiten Arbeitsreihen waren
typisch für die Kollektivarbeit auf unseren Kolchosen. Jugoslawien wollte nach
dem Krieg in vielem den großen Bruder-Befreier nachahmen. So entstanden bald
die unfruchtbaren Sackgassen in vielen Wirtschaftszweigen. Denn Zehnerreihen
sind nicht zehnmal leistungsfähiger, im Gegenteil. Durch die Tuchfühlung
verschieden fleißiger Menschen, bei denen in der Gruppe der Unterhaltungsfaktor
überwiegt, geht der Effekt schnell in der Unterhaltung unter. Lustig war die
Kollektivarbeit schon, aber ineffektiv.
Das veranlasste die hungernden Sieger nach Auswegen zu suchen. Diese
kamen erst nach gut fünf Jahren in Sicht, als die landwirtschaftliche
Handarbeit durch Maschinenhilfe aus Amerika und Westeuropa ersetzt wurde.
Für die Erinnerung eines Vierzehnjährigen sind die Zusammenhänge, die
den Jugos plötzlich westliche Maschinen bescherten, nur Kulissenschemen am
Rande seines Feldeinsatzes. Während seine Arbeits-Front in Kikinda den Mais vom
hohen Unkraut befreite, taten das andere Landsleute über die ganze Tiefebene
verteilt. Und alle atmeten erleichtert auf, als die leistungsfähige Technik
ihnen die Mühe abnahm: Auf Staatsgütern genau so wie in Gruben, Fabriken und
Lagerhäusern. Kaum hatte es in den Schwaben willige Vollzieher gefunden, wurde
das kollektive System der Handarbeit überflüssig.
Und aus den Arbeitskolonnen wurden die der Selbstbedienung. Tagsüber in
Akkordarbeit und Maschinenhilfe in die Staatssilos - nachts um die Wette in
private Goris und Hambare. Den Kolonisten begann das Tito-Regime zu gefallen,
da es verstand, die Arbeit von einem weg und den Nutzen zu einem hin zu
steuern...
Das Werben der Arbeitswachen und Vorarbeiter um unsere männerlosen
Frauen, ist mir so stark eingeprägt, dass es wohl ungemein auffällig gewesen
sein muss. Im Lager war es üblich, mit der Waffe die Zuneigung zu erzwingen.
Jetzt, bei den sozusagen freien Frauen, konnte keine Gewalt mehr angewandt
werden. Die Zeit der griffbereiten Handwaffen war vorbei, ihr willkürlicher
Gebrauch unter Strafe gestellt. Einschüchterung, Nötigung wurden von
menschlichem Umgang abgelöst. In 'der Vorkriegsübung des Gebens und
Nehmens'' versuchte ich das zu verdeutlichen, wo wir - in Bereg - nie nationale oder materielle Spannungen
kannten, dagegen eine ausgeprägte Nachbarschaftshilfe ohne soziale und
gesellschaftliche Schranken. Wenn das in "reinen" Ortschaften nicht
so war, so fehlte nur die Übung dazu.
Im
Unrechtssystem
Immer mehr
kämpften mit dem Problem:
Zu tun, was
sie nicht befriedigte,
um zu
überleben in einem System,
das alle
rechten Menschen erniedrigte.
Da waren wir
Kinder billige Knechte,
wir arbeiteten
schon wie die Großen;
keine Schulen
und keine Kinderrechte,
werk- und
sonntags in denselben Hosen.
Tapfer werkte
unsere Elterngeneration
unter täglich
neuen erdrückenden Lasten,
und alles um
einen knappen Einheitslohn,
für das ewige
Mühen, ohne zu rasten.
Es gab noch
die Brigade der Alten.
Ihr war die
Rolle der Gärtner gegeben.
Ein Fleckchen
Erde frei zu gestalten;
das war ihr
Beitrag zum Überleben.
Eine Reihe
Kartoffeln und eine Bohnen,
drei Stöcke
Paprika und Tomaten;
wie sich das
Gärtchen sollte lohnen,
das konnte
ihnen niemand verraten.
Die Nächsten,
genauso versklavt wie wir,
sie hießen die
"leichten Politischen",
waren zur
strengen Umerziehung hier,
bis sie
geheilt von allem Kritischen.
Es waren
Männer aller Altersklassen,
die einmal
gegen die Partei gesündigt,
weshalb ihnen
deren Freundschaft gekündigt
und sie aus
ihren Reihen entlassen.
Von den
"schweren Sündern" sahen wir keine.
Sie saßen in
Kerkern verteilt übers Land.
Wie man hörte,
mit dem Tod im Vereine,
bedroht von
vielfältiger Henkershand.
Die
Kriegsgefangenen saßen in Gruppen ein.
Das Maß ihrer
Strafen war nicht genau,
und viele Fachleute
aus ihren Reih'n
arbeiteten am
Schienen- und Brückenbau.
Letztere
konnten wir von weither sehen
und mancher
winkte mit voller Kraft.
Wir winkten
zurück und gaben zu verstehen,
bald wäre
vorbei ihre Soldatenhaft.
Die Projektion des Gestern ins Heute soll verdeutlichen, was immer noch
in Jugo im Ärgsten liegt. Was mit den "Feinden der Gesellschaft"
begann, entpuppt sich jetzt als "ewige Feinde der Serben", das nicht
weniger energisch als damals zu bekämpfen sei. Wie konnte jemand glauben, dass
befruchtetes Unrecht etwas anderes als Unrecht gebären kann.
Zum Glück waren wir bereits halb frei, als die Jagd auf die Systemfeinde
begann. Echte und vermeintliche Gegner des "verdienten Marschalls"
wurden unerbittlich verfolgt und vernichtet. Wir waren schon längst wieder
Teile der neuen Gesellschaft und begannen uns im "Sozialismus"
zurechtzufinden, als die Gefängnisse noch vor Faschisten, Imperialisten und
Revanchisten barsten.
Tito gelang es nur mit äußerster Härte die ersten Nachkriegsjahre politisch
zu stabilisieren. Weil seine Partisanen noch in den letzten Kriegsmonaten in
die Befreiungskämpfe eingriffen, galten sie als die eigentlichen Befreier und
die brüderlichen Sowjettruppen mussten bis l948 das Land verlassen.
Zum jugoslawischen Unrechtssystem gehörte ein globales
Unrechtdenken. Das prägte sich mir am stärksten ein mit der Tatsache, dass wir,
ebenso wie das eigene Volk, fast nichts zu Essen hatten, doch zugleich alle
gemeinsam die Geburt einer "neuen Epoche" feiern mussten. Das Vorkriegssystem
war das in alle Zeit verdammenswerte und der Sozialismus, mit der Perspektive
zum Kommunismus, der Weisheit letzter Schluss.
Dass aus dem Bruch mit Stalin der Jugo-Sozialismus geboren wurde, konnte
den Grundirrtum nicht wettmachen: Das Dilemma des Selbstbetrugs brachte nichts
als endloses politisches Umherirren, Torkeln und "Schaukeln" mit
sich, das nichts weiter bewirkte, als das Ausland zu irritieren. Bis heute, dem
Jahre des Zerfalls (1991), konnten die allseitigen Misserfolge des sozialistischen
Experimentes der ersten Nachkriegsjahre nicht behoben werden.
Noch ein Wort zum Gärtchen der Alten: Es maß etwa 10 x 15 m und bildete eine große
Schachparzelle. Für das notwendige Gemüse für den Bedarf der Familien hätten
die Karos fünfmal so groß sein müssen. Sie wurden es später auch, als wir - und
andere - weggingen und nur die Trägsten blieben, solche, die sich besser
anpassen konnten. Sie bildeten, zusammen mit den Altsessigen Banatern, die
ersten Gemüselieferanten der nördlichen Städte. Dieser "visak/Überschuss"
durfte aber nicht zu groß sein, wenn die Kulakensteuer nicht zuschlagen sollte.
Jedenfalls boten die Kleingärten die einzige Möglichkeit, soviel wie nötig für
sich selbst und sowenig wie erlaubt für den Verkauf zu erzeugen. Der freien Landwirtschaft
gegenüber blieben die Behörden viele Jahre lang misstrauisch. Nur was unter der
Firmierung der Kleingärtner erzeugt wurde, bekam einen Passierschein für den
"freien Markt".
Neue Klasse
Mit einfacher
Formel begann in jenen Zeiten
Tito seine neue
Klasse zu kreieren:
Die mit den
Waffen waren die Gescheiten,
die andere
Hälfte musste parieren.
Unter den
"Lehrern" gab es Analphabeten,
die von ihrer
Stellung sehr geehrt.
Sie machten,
als ob sie lesen täten
und hielten
dabei die Zeitung verkehrt.
Ein so
lesender Held stand in Gnaden
und wurde
manchmal zum Direktor ernannt.
Seine Befehle
waren ideologische Eskapaden,
das Fachwissen
blieb ihm unbekannt.
Es wundert den
Fachmann, wenn ein Laie bläfft
und das
Unterste auch oben funktioniert;
wenn der Dumme
gescheit den Klugen äfft,
der Primitive
über den Edlen brilliert.
Solches Tun
erfanden nicht die Kommunisten,
es hat auch
anderswo einen alten Stamm:
Mit Unwissen
Wissen zu überlisten,
zu faulenzen,
doch gelten als arbeitsam.
Und dabei
fremden Lohn zu kassieren;
bei Lob und
ehrenden Schulterstücken,
die eigene
Überlegenheit zu konstatieren
unter
zahlreichen neidvollen Blicken.
Titos Politik zur Lösung von der Stalin'schen Diktatur, konnte seine
Getreuen nur so überzeugen, dass er die Logik auf den Kopf stellte. Einerseits
predigte er das allsozialistische Modell, auf der anderen Seite öffnete er dem
amerikanischen Kapital Tür und Tor. Wer diesen Widerspruch durchschaute und
beanstandete, war auf seinem Posten unfähig und wurde umgehend ersetzt. Keine
zwei Jahre nach dem Bruch mit Väterchen standen die unfähigsten, trägsten und
stursten Kämpfer aus den Partisanenreihen wie ein Mann hinter ihrem
Marschall-Präsidenten und bildeten die Elite der neuen Klasse.
Hätten sie sich mit der bloßen Statistenrolle zufrieden gegeben, ihre
Zukunft wäre wohl für alle Zeit gesichert geblieben. Doch der hohe Sattel
begann sie zu jucken, so dass mancher einen eigenen Ritt versuchte. Aus der
Probe wurde übermütige Schau und schließlich das, was geradlinige Denker wie
Djilas zur spitzen Tintenlanze greifen ließ.
Doch die neue Klasse gab sich so schnell nicht geschlagen,
entwickelte eigene Resistenzen und Säuberungstechniken, und jedes Glied, das
vom parasitären Elitenwurm an einem Ende abgeschlagen wurde, wuchs am anderen
munter weiter. Diese geschickte Überlebensstrategie einer parasitären Kaste
scheint so perfekt, dass sie sogar den Untergang des Tito-Regimes überdauerte.
Dass ich die Technik des hierarchischen Bluffs als nicht von den
Kommunisten erfunden erwähne, ist ein Hinweis auf ähnliche Praxis auch bei
anderen Ideologen und führenden Kreisen.( In der Urschrift steht "auch
bei uns" statt "anderswo"). Die Spruchbeutel, die
sich in Ewigkeit den wissenden Schweigern überlegen fühlen, sind an sich kein Übel.
Aber wenn sie das Unterste zuoberst kehren und das als Gelingen preisen, sind
sie jederzeit zumindest eines bissigen Spottes wert.
Titos
Partei
In Titos
Partei wurde die Lüge Symbol,
und geschickt
erhob seine neue Klasse
die Unwahrheit
zum Staatsmonopol
unter dem
Jubel der breiten Masse.
Hundert
Prozent stand sie zu ihm;
wenn der Ruf
erschall zum Urnengang,
war ihm vorher
schon sicher der Gewinn.
Diese Treue
blieb ihm sein Leben lang.
Doch nur Treue
jener, die sich frei bewegten.
Im Lager und
Kerker wurde nicht gewählt.
Alle, die
unter ihm Reformen erstrebten,
wurden an die
nächste Wand gestellt.
Mit
Königsbetrug an die Macht gekommen,
kannte seine
Partei keinen Pardon.
Dem Bürger war
jede Entscheidung genommen,
nach Moskaus
bewährter Tradition.
Solange Tito
englische Waffen brauchte,
versprach er
Rücksicht auf Königstreue.
Doch als die
Kriegsfurie nicht mehr fauchte,
brach er dem
Exkönig alsbald die Treue.
Nur die
Freiheit zum Jubeln blieb erhalten,
und Parolen zu
schreien, Lieder zu singen,
die sich der
Kommunismus vorbehalten,
um bald die
Weltherrschaft zu erringen.
"Verglichen mit dem, was nach Tito aus Jugoslawien wurde, war er
das kleinere Übel." Die so denken, vergessen, dass er auch an den
Zuständen schuld ist, die nach ihm kamen. Lediglich dafür scheint er nicht
verantwortlich, dass der Weltkommunismus den Höhenflug einstellte und in die
Tiefe abglitt. Die Weltthermik, von der er lebte, veränderte ihre
Strömungsvorzeichen und die Drachen von Mao und Stalin verloren den Halt, die
Schwanzschnippchen des Tito- und
Kastroismus mussten auch hinab. Die totalitäre Weltpartei schien in
ihrer Hochphase unabdingbar, doch jetzt ist sie so überflüssig, wie kaum eine
andere Bewegung.
Wo wären die Völker der ehemaligen Sowjetunion, ohne die Stalin'sche Partei
- und wo die Jugoslawen ohne die Siegerclique Titos? Sicher in einer
günstigeren Überlebensposition der naturgesetzlich anmutenden
Massengesellschaft, die alle Welt fest im Griff hat.
Genug der
Kolchose
Drei Jahre
sollten wir in der Kolchose
werken nach
konfusen Vertreiber-Normen;
drei Jahre als
'befreite und zwanglose'
Stoßbrigade
des Friedens uns formen.
Nach drei
Monaten beschloss Mutter schon
den
Planspielen ein Ende zu machen.
Mit kleinem
Rucksack schlichen wir davon,
vorbei an den
fest schlafenden Wachen.
Noch ein
Abschiedsgruß dem Bauernpalast,
der in
zunehmendem Mond sich reckte,
dann weiter,
weiter, ohne jegliche Rast,
damit man uns
nicht noch entdeckte.
Ihr kennt das
Banat: Es ist nie weit
von einem Hof
oder Dorf zum anderen.
Der Sicherheit
halber waren wir bereit,
mache Höfe
oder Dörfer zu umwandern.
Ein Kind
leistet mehr, wenn es muss,
ja gibt das
Äußerste, das es kann,
wenn der Lohn
ein herrlicher Genus:
Unverdächtig
zu warten auf die Eisenbahn.
Sie kam und
nahm uns willig mit.
Wie schön
dampfte sie dieses erstemal!
Auf einem
Platz saßen wir zu dritt,
und ab ging's
zum Ziel der freien Wahl.
Alle hatten genug, doch nur wenige wagten es, der Kolchose heimlich den
Rücken zu kehren. Unser Entschluss wurde dadurch erleichtert, dass wir gut
slawisch sprachen und keine Reiseangst spürten. Dazu kam, dass Mutter zufällig
einem Gemeinde-bediensteten aus Bereg begegnete, der sich sehr über unseren
weiten Einsatz von zuhause wunderte. Sein Hinweis auf andere Bereger Deutsche,
die nach dem Lager in der Oberbatschka lebten, bestärkte sicher Mutters
Zweifel, dass wir in Kikinda am rechten Platz wären. Und wo wir uns überflüssig
vorkamen, konnten wir auch unauffällig verschwinden.
Als wir es taten, krähte kein Hahn nach uns. Jedenfalls war von einer
Verfolgung oder Suchaktion nicht das Geringste zu merken. Wie und wo wir in den
Zug stiegen, ist mir entfallen. Auch, wie lange die Reise in die Batschka
dauerte. Mehr als einen Tag brauchten wir sicher nicht, denn längeres Schlafen
auf so engem Platz hätte ich mir sicher besser gemerkt.
Da zu jener Zeit nur bei Titel eine Zugbrücke bestand, mussten wir einen
großen Umweg machen. Auf kürzester Strecke, von Kikinda über Zenta nach Apatin,
unserem Endziel, hätten wir einen halben Tag gespart.
Der Mann im
Zug
Es reiste, wie
ein guter Geist es wollte,
uns gegenüber
ein Mann von Welt;
einer, der
sich von Pflichten erholte,
in die ihn ein
hoher Posten gestellt.
Er sah uns
neugierig und gutmütig an.
Und wir waren
ängstlich und auch nicht,
fragten leise
die Mutter: Was will der Mann?
- Wer weiß,
was er sich von uns verspricht.
Schon bald
sollten wir Gewissheit haben.
Der Fremde
sprach uns leise, freundlich an
und sagte, er
bedauere die Schwaben
und wolle
ihnen helfen, sofern er kann.
- Das könne
er, wenn er in seinem Amt
einen Stempel
hätte, der für uns wichtig,
antwortete die
Mutter, kein bisschen genant
und dankte
schon im voraus aufrichtig.
Wir bekamen
seine Adresse, sollten schreiben,
sobald wir an
dem Ort angekommen,
wo wir
gedachten länger zu bleiben;
wir würden das
Gewünschte bekommen.
Die sonderbare und unerklärliche Erscheinung des "Mannes aus dem
Zug" habe ich wie einen Schutzengel aus der Schrift in Erinnerung.
Vielleicht hat ihm die junge Frau gefallen, die so energisch ihre beiden Kinder
festhielt, oder er hatte wirklich, wie er sagte, Mitleid; kann sein, dass er
auch erst durch die Unterhaltung mit uns auf die Idee des Helfenwollens kam. Es
schwebt mir vage vor, dass der Mann eine unserem Bereger Schokatzisch ähnliche
Aussprache hatte. Eines weiß ich sicher: Er interessierte sich für mich. Der
erste Tipp, über eine freiwilligen Einsatz in "Novi Beograd" zur
Berufslehre zu kommen, stammte von ihm. Nur das Wie dorthin zu gelangen stand
noch nicht fest und sollte mir am Zielort von Amts wegen erklärt werden.
Während der Fahrt wusste nur Mutter wohin uns der Zug bringen sollte.
Sie hatte Angst, wegen mitfahrender Spitzel, den Zielort laut zu nennen. Außer
der wichtigen Begegnung sind die Reisedetails von Nebel und Dunkelheit der
vielen Jahrzehnte umgeben. Das Fahren durch die himmlisch anmutende Gegend
prägte pauschal aber dauerhaft die Reise. Es war, wie wenn uns das Christkind
persönlich begleitet hätte aus Angst und Dunkelheit in Befreiung und Licht.
Die mir bis dahin noch unerschlossene Batschka, sah ich zum erstenmal
und gleich so wach, wie das ein Junge nur bei der ersten Berührung mit Mädchen
und Sex wahrnimmt. Das Glück, als "fast Freier" im Zug durch die
Gegend zu fahren, ist nur mit wenigen Lebensgefühlen vergleichbar. Und hätte
uns der Fremde nachher nicht tatsächlich geholfen, ich hätte ihn schnell und
gründlich vergessen, so wie mir auch sein Alter und Aussehen entfallen sind.
Oder war es vielleicht doch ein verkleideter Schutzengel?
Natürlich machte ich mir damals noch keine Gedanken über plötzliche
Erscheinungen mit abstrakter oder konkreter Hilfe "von Oben". Das
"rätselhafte Schicksal" ist mir auch im Nachhinein eine
unerklärliche Begleiterscheinung in Notlagen. Jeder Mensch fragt sich mal zweifelnd,
wieso nicht alle guten Menschen in Not Hilfe bekämen. Und jeder hat dann eine
eigene Erklärung - mal dankbar, dann verzweifelnd. Unsere Antwort lautet kurz
uns bündig: ” Mutter betete nicht
vergebens.”
Rätselhaftes
Schicksal
O rätselhaftes
Schicksal, deine Güte
übersteigt oft
des Menschen Verstehen:
Du schickst
dem einen, was ihn behüte
und lässt
viele andere untergehen.
Zeigst im
Elend lange kein Erbarmen
und zu lange
duldest du das Schlechte.
Vergeblich
bitten und beten oft die Armen
und still
verzweifelt leidet der Gerechte.
Dann, wenn sie
dich alle fast vergessen,
kommt Rettung
wie Manna in der Bibel:
du schickst
Hilfe, Kleider und Essen;
vorbei ist die
Not und vorbei das Übel.
Zufall, wir
der Ungläubige leichthin sagen,
alles ist
logisch, bei guter Schulbildung;
das Schicksal
kann nicht geben oder versagen,
alle ihre
Macht liegt in unserer Einbildung.
Darauf
erwidern leichthin gute Christen:
Bei allem
Wissen bleibt ihr doch beschränkt.
Praktisch sind
Fragen der Materialisten,
letzte Antworten
werden euch nicht geschenkt.
Nicht einfach
ist das Leben mit dem Glauben,
aber einfach
sind die Worte jeden Betens;
deren Luxus
kann sich jeder erlauben.
Jedenfalls -
Mutter betete nicht vergebens.
Das erlebten
wir bald im Quartier,
am Zielort und
Ende unserer Reise.
Die nettesten
Wirtsleute fanden wir
und viele
freundschaftliche Beweise
von
Wahlungarn, die noch im eigenen Hause.
Sie gaben uns
Möbel für das karge Zimmer,
zur Stärkung
eine wohlschmeckende Jause.
Solche
Menschen vergisst unsereins nimmer.
Mutter ist - 1910 geboren - seit ihrer Kindheit eine eifrige Christin,
deren Glauben immer über jeden Zweifel erhaben war. Es gab und gibt kein Detail
aus ihrem Religionsunterricht, der ihr unklar oder unglaubhaft wäre. Alles ist
ihr so komplett, wie es der Papst in Rom verkündet. Weder reisende Juden,
atheistische Vertreter, die sie zuerst im Wirtshaus der Mutter und später im
eigenen Gwelb kennen lernte, noch politische Bündler und Verführer aus Nachbar-
und Verwandtschaft, konnten sie in Zweifel über ihren Gott bringen.
Deshalb, wer weiß, ob sich nicht doch so ein fester Glaube an Hilfe von
oben eher realisieren lässt, als Kleinmut und Resignation und tatenloses
Verharren im Unausweichlichen. Die Gewissheit, dass im festen Glauben ein
waghalsiges Unternehmen - mit Gott und seinen wachhabenden Engeln - leichter
gelingt, kann nur schwer widerlegt werden.
Dass wir dann in Apatin die "Wahlungarn" fanden - in
der Familie Hess, die von magyarischer Verschwägerung profitierte - ist realer
zu erklären: Zuerst übernachteten wir bei anderen Schwaben, zu denen wir
geflüchtet waren, sehr beengt, und ein Bleiben kam nicht in Frage. Die
kurzzeitigen Gastgeber, deren Namen, Aussehen und Familiengröße mir entfallen
sind, taten alles erdenkliche, um uns woanders unterzubringen. Das Zimmerchen,
das sie fanden, war die Hinterküche eines Reihen- oder Giebelhauses und für
unsere kleine Gemeinschaft ideal. Zum Hausgang hin mit Fenster und Türe
ausgestattet, war es wie ein eigenes kleines Haus, das wir beliebig nutzen oder
verschließen konnten. Nach den drei Lagerjahren und der Badwohnung endlich
wieder menschliche Wohnbedingungen.
Apatin an
der Donau
A - Patin - du
hast dich unser angenommen,
warst rettende
Kreuzung in unserem Lebenslauf.
Als Bettler
sind wir an dein Tor gekommen.
Wir klopften
an und das Leben tat sich auf.
In ärmster
Zeit kam deine Rettung gelegen.
Mit welchen
Worten soll ich dich nun preisen?
Ich will -
ohne lange zu überlegen -
dir meine
netteste Reverenz erweisen.
Wie einer
Schönen, die in der Donau badet
und sich
tragen lässt von warmen Wellen,
und die den
Knaben übermütig ladet,
er möge sich
schwimmend zu ihr gesellen.
Der Knabe
bleibt eine Weile verschämt
am Ufer, weiß
nicht, soll er oder nicht.
Dann stürzt er
sich plötzlich ungehemmt
ins Wasser und
folgt dem lachenden Gesicht.
Er schwimmt
pustend der Nixe hinterher;
sie tut alles,
was ihn neckt und verführt.
Er unterliegt
ihren Reizen mehr und mehr
und wird zum
Jüngling, der alles probiert.
Sie zeigt ihm,
was er noch nicht geseh'n
und wovon er
noch nicht einmal träumte.
Sie zeigt ihm,
wie die Freiheit schön
und was alles
die Lagerjugend versäumte.
Sie lieben
sich im Wasser und an Land.
Dem Jüngling
bleiben keine Wünsche offen.
Ein im
Paradies geknüpftes Liebesband.
Apatiner
Träume bleiben unübertroffen!
Es muss in dieser Zeit gewesen sein, dass ich die Donau zum erstenmal in
einer Dorfnähe sah. Bei uns in Bereg war sie klein, hieß amtlich Franzenskanal
und trennte uns von der großen Schwester jenseits der Insel Karapansch. Durch
herrschaftliches Gut und nur auf Schleichwegen erreichbar, wirkte die große
Donau auf uns Kinder eher irritierend als verlockend. So blieb mir der ganze
Fluss geheimnisvoll, fremd - bis ich ihm in Apatin begegnete.
Jetzt endlich sah ich ihn ganz nah und erkannte sein wahres Wesen, das
mir nirgendwo abstoßend, doch überall verlockend vorkam. Hier erkannte ich ihn
als wahren Freund und Ernährer der Batschka, denn er hatte nicht die Spur jener
Sonderrolle des gräflichen Gutes an der Bereger Donauinsel.
Apatin lebte von und auf der Donau. Hier legten die Schiffe mitten im
Stadt-Dorf an, gingen die Matrosen aus aller Welt an Land, pulsierte ein Leben
in den Wirtshäusern und auf den Promenaden wie in Hafenstädten, die man nur auf
Ansichtskarten sah. Und was alle die Fremden mit nach Apatin brachten, war ein
Mehr an Freiheit und Freizügigkeit, als die Binnenbewohner kannten.
Und die Bewohner dieses größten schwäbischen Donaudorfes nahmen die
Mitbringsel der Weltschiffer froh und gerne an. Durch viele Jahre solchen
Nehmens bildete sich eine Lebensart um die Donauauen, die sich in allen Lagen
offener und lebensbejahender äußerte. Sobald einer der Fremden hier sesshaft
wurde - Versuchungen dazu gab es in vielen hübschen Mädchen und vielfachen
Arbeitsbedingungen - integrierte er sich willig, sozusagen wie
selbstverständlich in das Deutschtum seiner freundlichen, anpassungsfähigen
Umgebung. Viele wurden durch Zuzug Apatiner, doch selten welche durch Wegzug
Nichtapatiner.
Kein Wunder, dass ich schon nach einigen Monaten hier so zuhause war,
wie in meinem Geburtsort erst nach elf Jahren. Hier begann mein Leben als
sehender und fühlender Jugendlicher, meine erste Liebe - in und an der Donau -
als Lebenserweiterung für Körper und Geist und prägende Erfahrung für alle
Zeit. Seit oder wegen Apatin finde ich bis zum heutigen Tag nur freundliche und
umgängliche Mädchen und Frauen liebenswert. Die Erlebnisse "im Wasser
und an Land" sind mit "unübertroffen" nur ungenügend
beschrieben.
Neben der täglichen Tretmühle der Pflichten blieb noch genügend Zeit und
Lust für Unternehmungen und Ausflüge in die Auen und auf die Sandinseln. Sie
waren schwimmend oder mit einem der zahlreich und unverschlossen am Ufer
wartenden Boote leicht erreichbar. Ein Sonnenuntergang auf der westlichen
Inselseite, liegend im weichen Ufergras erlebt, kann wohl in der Südsee nicht
schöner sein. Und die Schwimmübungen im brusttiefen Dünenwasser, unter
männlichen oder weiblichen Freunden, sind Lusterfahrungen, die man ein Leben
lang beim Badevergnügen zum Maßstab nimmt...
Soweit die Donauerinnerung mit Wasser, Sonne, Bade- und Bootsvergnügen,
Angeln nach fetten Karpfen und Nixen. Dazu kamen die Pflichten des Lehrlings-
und Internatsalltags. Diese begannen recht holperig, denn es fehlten, wie schon
erwähnt, die Papiere. Ein sogen. Objava/Meldeschein bildete die Spitze der
Voraussetzungen zum Aufenthalt in einem der kleinlich aufgeteilten und pingelig
überwachten Amtsbereich der UDBA, der jugosl. Sicherheitspolizei. Erst nach dem
Meldeschein für die Familie kamen die Personalpapiere des Einzelnen, auf Grund
derer dann Arbeitsgenehmigung, Essenmarken und Fahrpreis-Ermäßigung für Bus und
Bahn beantragt werden konnten.
Unser Bekannter aus dem Zug war einer mit guten Verbindungen zu den
Apatiner UDBA-Leuten.
Die Papiere
Von Liebe kann
nur die Jugend leben.
Eine Familie
braucht Papiere und Arbeit
und ein Heft
zum Essenmarken kleben,
- die
Attribute der damaligen Freiheit.
Dank unseres
Freundes aus der Bahn,
kam ein Brief
mit gestempelten Papieren.
Mit ihnen
klopfte Mutter bei Ämtern an,
um uns als
örtliche Bürger zu registrieren.
Nun hatten wir
Recht auf Arbeit und Wohnung,
konnten uns
frei im Lande bewegen
und feilschen
um eine gute Entlohnung,
- eben
teilhaben am sozialistischen Segen.
Eine Schwäbin
braucht keinen erlernten Beruf,
denn sie kann
gut backen und kochen.
Mutter wurde
gerecht diesem alten Ruf
in einer
Kantine schon nach paar Wochen.
Leiblich
versorgt war es dann wichtig
Bruder und
mich in Schulen einzutragen.
Ihn, wo immer
es elementar pflichtig,
für mich eine
Lehrstelle zu erfragen.
Die
Volksschule ließ sich leicht erledigen,
Adam kam in
eine ungarische Klasse.
Mir begann ein
Parteimensch zu predigen,
irgendwas von
Pflichten der Arbeitermasse
und vom Aufbau
des Weltkommunismus,
von Opfern der
Bürger in jedwedem Alter;
was einem
Berufsleben vorangehen muss,
nach Ansicht
der proletarischen Sachwalter.
Kurz, eine
Brigade wurde zusammengestellt,
"bei der
so einer wie du noch fehlt;
daher auf
geht's, Genosse Konrad
zum Aufbau des
großen Neuen Belgrad."
Da gab's kein
Staunen und kein Fragen;
wollte ich
eine Lehrstelle bekommen,
musste ich
auch diese Tortour ertragen,
und habe
lässig die Hürde genommen.
Ich schrieb
meinen Namen irgendwo hin,
- es war die
Liste der Somborer Brigade.
Eine Weigerung
hatte keinen Sinn,
und ich war
aufgeregt in höchstem Grade.
Nachdem Essen und Kleiden nicht mehr
zu den einzigen und ausschließlichen Lebensfunktionen gehörten, kümmerte
mich plötzlich weniger, wie Mutter zu Lohn
und Brot kam. In meinem Alter und freiheitlichen Aufbruchzustand hatte ich,
sozusagen, mit mir selber genug zu tun, um mit der neuen, überwacherlosen
Situation fertig zu werden.
Als Bruder Adam in die 1. Klasse der ungarischen Volksschule kam, vermerkte
ich das so, wie man selbstverständliche Familienereignisse wahrnimmt. Für ihn
selbst war es aber das erste große Ereignis mit Bewährung in der
außerfamiliären Welt. Kaum begann der Unterricht, fragte ihn der für
"maternji jezik/Ungarisch" zuständige Lehrer (ein Serbo-kroatisch
besser als Ungarisch beherrschender Neubürger), wieso er als Ungar so schlecht
ungarisch könne. ”Weil ich kein Ungar bin, sondern ein Schwabe.” ”Und warum
willst du lieber ein Schwabe sein?” ”Weil ich im Lager war, mit meiner Mama.”
Staunen und Kopfnicken. ”Recht so, kleiner Schwabe, bleib was du bist.”
In der Zeit durfte man es wieder sein. Auch bei mir stand auf der Liste
der Arbeitsbrigade, hinter dem Namen "Nemac". Im Somborer Archiv
existieren die Verzeichnisse der "l. Somborska" sicher noch.
Jugendbrigade
Und es begann
eine verrückte Zeit.
Als ob ich
niemals im Lager gewesen,
marschierte
ich in proletarischer Einheit.
Da der Hass
auf die "Schwabas" vergessen
und jeder
bittere Vorwurf meinerseits.
Während
Landsleute auf Zwangsarbeit darbten,
überließ ich
mich halb freiwillig dem Reiz,
umsonst zu
schuften, bis die Hände vernarbten.
Wo jetzt das
Belgrader Parlamentsgebäude
auf
Betonstelzen die Sawe schmückt,
ist damals der
Jugend in suggerierter Freude
eine
Trockenlegung des Morastes geglückt.
Wir zählten
zwischen tausend und zwei
Jungen und
Mädchen aus dem ganzen Land,
die Schaufeln
schwangen für die Partei,
für Marschall
Tito und das neue Vaterland.
Ich war in der
vordersten Reihe dabei.
Man stelle
sich vor: Mit Schaufeln und Spaten
konnten wir
Bagger und Kräne ersetzen.
Wenn die
Jugend mit Raffinesse beraten,
kann sie,
buchstäblich Berge versetzen.
Die Beratung
geschah nicht still und leise:
Wir wurden mit
lauten Parolen bespickt.
Von morgens
bis abends dieselbe Weise,
deren
Verfasser psychologisch geschickt.
Abends um ein
Feuer Partisanenlieder;
Texte wie
Parolen aus denselben Küchen.
Manches Lob
bekamen auch russische Brüder,
doch nicht
mehr in den höchsten Sprüchen.
Schuld daran
hatte die betrogene KOMINTERN,
bei der Tito
durchschaut schon in Ungnade saß;
von ihrem
Himmel sank schnell sein roter Stern,
seit er nebst
weicher Rubel, harte Dollar besaß.
Dennoch sangen
wir laut und gerne,
das Lied der
Kommunisten am Bau:
Von der
Solidarität aller roten Sterne
und dass Belgrad
schön würde wie Moskau.
Ich war
vierzehn, grölte wie die Großen;
mit dem
Unterschied, dass ich als Schwabe
mich dem Sinn
der Lieder nicht erschlossen,
nur sehr
aufregend fand das Gehabe.
Rückblickend
sehe ich meine Brigadenarbeit
als den ersten
Schritt in eine Richtung,
die mich
belebte in bedrückender Zeit
und reifen
ließ zur Berufsausbildung.
Als die Lagerzeit der größten "Staatsfeinde", der Schwaben,
vorbei war und die Maßnahmen der Regierung gegen Andersdenkende weiter liefen,
verstand das einfache Volk nicht, was gespielt wurde. Weshalb eigentlich noch
Verfolgung, Verhaftung, Internierung nötig und vom wem sie praktiziert wurde.
Und wovon man nichts verstand, konnte man nur noch selbst Angst bekommen. Eine
dumpfe, allseitige und allgegenwärtige Angst lag über dem Lande und allen
Generationen. Die Verfolgten bedauerte man ebenso, wie man sich mit den
Befreiten freute.
In der Jugendbrigade wurde ich als Schwabe schnell erkannt und als der
nette Konrade begrüßt, der anscheinend gerne am Aufbau des Tito-Staates
mithalf. Dass ich da war empfand man jedenfalls normaler, als das Schlafen auf
blankem Holzfußboden, mit nichts als der eigenen Kleidung als Unterlage und
Zudecke. Doch es war Sommer und wir froren nur nach Mitternacht, beim
zufälligen Erwachen. Zu denen, die gegen solches Ausruhen als einer
ungewöhnlichen Schindung protestierten, gehörten alle Nationalitäten in
gleicher Weise - auch der kleine Schwabe. Und alle freuten wir uns gleich
lautstark, als die warmen Wergdecken eintrafen und zweifach verteilt wurden.
Ähnliches Hochgefühl erfasste mich - und andere Jungen aus ärmeren
Familien - beim Anblick der ersten dampfenden Kessel, nach endlich gelungener
Essensorganisation. In dicker Flüssigkeit schwammen dicht gedrängt Kraut,
Grütze, Bohnen, Erbsen und anderes Gemüse - und Fleisch! Und alles wurde zu
Mittag und Abend gerecht verteilt. Dazwischen Tee und Gerstenkaffe soviel man
wollte.
In himmlisch sattem Tagesausklang fielen die Parolen und Kampflieder
durchweg auf fruchtbaren Boden. An Wochenenden dann das Lagerfeuer, Klampfen,
Mundharmonikas, Gesang und Tanz - schnelle serbische und kroatische, langsame
montenegrische Kollos - junges Herz, was brauchst du mehr! Beim endlosen
Variieren der einfachen Reimvorgaben durch einen Vorsänger und die wortgetreuen
Wiederholungen der Masse kam jeder, der den Mut hatte, für ein-zwei Verse in
die Führerrolle. Vorgegeben waren Partisanenthemen, doch mit fortschreitendem
Abend kamen alle Lebensbereiche dran. Lange sammelte ich meine Entschlossenheit,
und ließ ihr in der letzten Woche freien Lauf. Keiner nahm es krumm, vielmehr
sangen Hunderte nach, was der seltene Schwabe über den Arbeitsfortschritt und
die jugendliche Unermüdlichkeit der "prva Somborska udarna Brigada"
(erste Stoßbrigade) von sich gab.
Wenige Jugendlieder kamen mir damals so selbstverständlich vor, wie
diese improvisierten bei Neubelgrad. Und wenn mir später überhaupt
vergleichbare Stimmung begegnete, war es höchstens die beim ungarischen
Mulatsag.
Wen wundert es, dass diese aus der Not der Nachkriegswirtschaft geborene
Art der suggerierten Arbeitsfreude der Jugend Jahrzehnte lang, bis zu Titos
Tod, in Jugoslawien gefördert wurde.
Die
Lehrstelle
Woselbst ich,
nach Belgrad, gern aufgenommen.
Mutter war
eines hungrigen Mundes enthoben.
Einen Beruf
der Werft habe ich bekommen,
einen der
alten und dazu recht groben:
Als
Schiffschmied formte ich Rümpfe der Schiffe,
war fleißig
und lernte mit gutem Erfolg
von meinem
Meister nicht nur Fachbegriffe;
auch
Geschichtliches über mein Schwabenvolk.
Weshalb und
wann sie ins Land gekommen;
da fielen
Begriffe, wie 'Urheimat Baden'
und
'Bodensee', von dem ich nie vernommen.
Der deutsche
Meister hatte seine Freiheit
einem
ungarischen Namen zu verdanken,
war als
Fachmann und Mensch sehr gescheit
und kannte
doch keine Bildungsschranken.
So werkte ich
vormittags an der Esse,
am Ambos oder
im Schiffsbauch unten.
Es war nicht
ideal für meine Größe
schwere Hämmer
zu schwingen über Stunden.
Todmüde saß
ich dann auf der Schulbank
und konnte dem
Unterricht kaum folgen.
Doch es kam
bald Rettung, Gott sei Dank
und Dank
meinen guten Lernerfolgen;
weil um mich
viele Analphabeten saßen
aus
Partisanenfamilien und Titogetreuen.
Blinde müssen
Einäugigen die Führung lassen.
Also musste
ein leichterer Beruf her,
das sahen
Meister und Lehrer ein.
Der
Schiffsmechaniker war nicht so schwer,
nur blieben
die Hände auch hier nicht rein.
Daraus wurde
der Entschluss geboren:
Das Lehrziel
sollten keine Motoren sein.
Die
unstillbare Sucht nach mehr Wissen
wurde zur
Schikane, je mehr ich lernte.
Während ich
manches Werkzeug zerschlissen
und mich vom
Praktiker immer mehr entfernte,
wurde kein
spezieller Meister aus mir,
aber einer,
der immer mitreden konnte.
Lösungen
reiften zuerst auf dem Papier,
bevor sich
ihre Verwirklichung lohnte.
Wem der Stift
mehr als die Feile liegt,
der feilt sich
vergeblich die Hände wund.
Der Stift ist
es doch, der am Ende siegt,
und sein
Besitzer bleibt länger gesund.
Außer mir wurden noch zwei Deutsche in der Schiffswerft angenommen:
Franz Nett aus Apatin und Hans Weigand aus Gakowa. Die beiden wohnten aber
zuhause bei der Familie, weshalb die Stimmung bei der Aufnahme nur meine Person
umgab.
Es war schon ein unerhört glückhaftes Gefühl, in Zeiten der Zwangsarbeit
(bis 1951) eine 'freie' Lehrstelle zu bekommen; frei auch von nationalen und
ideologischen Beschränkungen, denn sie wurde zum Schaden eines Nichtdeutschen
einem Deutschen überlassen, diesem aber auch keinen Sonderstatus vorsah.
Ich bekam auch einen Platz im vollkommen kostenlosen Werftinternat, so
selbstverständlich, als ob es in der Batschka nie eine Verfolgung der Deutschen
gegeben hätte.
Auf der Namensliste - der Kantine, Kleiderausgabe, Aufstellung zum
Appell, usw. - gab es unter den ca. 180 Namen mehrere, die deutsch klangen,
aber nur einen, hinter dem Nemac stand. Da war z.B. der Welzer Viktor aus
Vinkovci; er galt als Kroate, war strohblond und tat, als verstünde er kein
einziges Wort Deutsch. Dennoch hatten wir beide keine Hemmung, uns einander
schnell näher zu kommen und schließlich dicke Freunde zu werden.
Unvoreingenommen und geistig (aufgeweckt) zu uns passend, zeigte bald Velimir
Cosic, ein Werschetzer serbischer Kolonist Interesse, und wir bildeten mit ihm
eine - über die gesamte Lehrzeit fest zusammenhaltende - Dreiergruppe. In der
Werft und Schule bestand auch zu Nett und Weigand, die beide auch im Lager
waren, ein inniges Verhältnis.
Alles was der Kommunismus russischen Zuschnitts für die kollektive
Erziehung vorsah, wurde auf unser Internatsleben übertragen. Das gab in unserem
Lehrgang - ab Sommer l948 - eine erstaunlich hohe Effektivität, bei Schülern
wie Lehrern gleichermaßen. Von den Letzteren gehörten zwei dem Lehrkörper der
Schule an, und weitere zwei waren 'nur Erzieher'
und
lebten mit ihren jungen Frauen in kleinen Wohnungen bei uns im Internat.
Die alltäglichen Sport- und Marschübungen unterstanden dem einen, Überwachung
unserer Hausaufgaben und Freizeit dem anderen.
Elisabeth
Hart
Dass die
Schule gut lief, sagte ich schon;
dort wurde
meine Neugier von Zahlen genarrt.
Verdienst
daran hatte eine nette Person,
die mir
unvergessene Doktor Lissi Hart.
Die schlanke
Dame war mit Leib und Seele
das was man
'bei der Sache' nennt
und ließ
wissen, dass sie nicht verhehle
Tito zu hassen
mitsamt seinem Regiment:
Weil er ihr
den liebsten Mann genommen,
ihn schuldlos
in ein Gefängnis schleifte,
wo er bald
schmachvoll umgekommen.
In der
Liebenden nun tiefer Hass reifte.
Sie mochte
mich, weil ich ihr näher stand
als die Kinder
der Sieger-Partisanen.
Das Leid der
Deutschen uns beide verband;
ihren tiefen
Schmerz konnte nur ich ahnen.
Oft nahm sie
mich zu ihrem Kinde mit
und machte mir
ein besonderes Essen.
Wir spielten
und scherzten dann zu dritt
auf Deutsch,
um es nicht zu vergessen.
Ihr kleiner
Sohn, ich glaube Edi hieß er,
war, wie sie,
von Verfolgung verschont,
durch Haftung
regimetreuer Verwandter.
Dennoch
fühlten sie sich schlecht entlohnt.
Die
schwarzen Listen
Mit dem
Verlust des Mannes und Vaters
blieb so ein
Leben ein Daueraffront
und ein
Beispiel mehr des Menschenmarters,
wie es damals
wucherte im Lande,
niemand
schonend, grausam, gekonnt.
Wer nicht
verstand in Tagen der Front
sich
anzuschließen einem Tito-Verbande,
oder die UDBA
raffiniert zu überlisten,
wurde gehetzt
von einer Spitzelbande
und kam auf
eine der schwarzen Listen.
Das hatte
niemals angenehme Folgen:
Dauerbeschattung
war davon die kleinste.
Danach
willkürliches Verhören, Verfolgen,
schließlich
Arrest und Martertod als gemeinste.
Solche Praktik
schaffte kein Vertrauen
im Volke, dem
angeblich befreiten.
Das Regime
begann auf Morast zu bauen
und sich das
Grab selbst zu bereiten.
Die Zeit in
der jeder jedem misstraute,
der Nachbar
Verfolgter und Spitzel war,
beim Sprechen
man sich scheu umschaute,
machte die
volle Lebenstragik offenbar:
Für die einen
Diktatur des Proletariats,
den anderen
Angst vor schwarzen Listen;
der Rest
spürte die Knute des Vaterstaats,
die ihm
erschwerte sein Dasein zu fristen.
Der Mann von Frau Hart, ebenfalls Akademiker - Physiker - lehrte während
des Krieges an einer Agramer/Zagreber Universität. Als Zivilist und nie mit
anderer als Lehrtätigkeit Beschäftigter, wollte er weder sich noch seine
Familie bei Kriegsende vor den Partisanen in Sicherheit bringen. Jedoch die
Behandlung durch die 'Befreier' als Schuldiger oder Unschuldiger hing nicht vom
persönlichen Leumund ab. Ein deutsches Professorenpaar musste Feinde haben. Nur
so passte es in das vorgefasste Freund-Feind-Bild. Professor Hart blieb nur
relativ kurz interniert, wurde vielmehr bald verurteilt und in irgendeinem
Gefängnishof erschossen.
Seine Frau, eine geb. Hauk aus Apatin, kam mit ihrem Kleinkind relativ
unbehelligt in den Geburtsort zurück, fand Platz im elterlichen Hause und wurde
schon l947 in der Werftschule als Lehrerin für Mathematik, Physik und Chemie
angestellt. Unter dem Kommunisten Budimir Vitorovic, der intelligent genug war,
über die Verfolgung der Deutschen hinauszusehen, hatte die kluge Frau relativ
freie Hand, ihre unpolitische Lehrvorstellung bei dem Partisanennachwuchs zu
verwirklichen. Die politische Hälfte der Erziehung fand ohnehin im Internat
statt.
In der Schule lief alles wie vor dem Krieg. Außer Milica, der die
'serbisch-kroatische Muttersprache' lehrenden Frau des Direktors, bestand der
Lehrkörper aus der Vorkriegsgeneration: Der Apatiner 'Deutsch-Ungar' Kartali
war zuständig für Geschichte und Erdkunde, Dipl. Ing. Nagy aus der
Elektrozentrale, für die technischen Fächer. Nur für Sport und Leibesübung
zeichneten die beiden jungen Erzieher aus dem Internat verantwortlich, weil
sich diese Fächer mit dem Freizeitprogramm überschnitten und ebenso gut in dem
Schulhof, wie auf dem Sportplatz oder - wie der Frühsport / Fiskultura - im
Internat stattfinden konnten.
In der festen Zange von Tradition, Disziplin und sturer 'neuer Klasse'
machte sich die Erziehung nicht schlecht. Bei gelegentlichen Besuchen meiner
Mutter, kam es vor, dass ich mit ihr über die 'überflüssige Rolle' der Eltern
stritt, da der Staat zu viel effektiverer Erziehung in der Lage war.
Beispiele wie das von Frau Hart - und nachher das Kramer'sche -
beweisen, dass die Deutschen unter Tito oft unter dem Prinzip der Brauchbarkeit
für das neue Regime verfolgt oder in Ruhe gelassen wurden. Spezialisten in
Industrie, Bildung, Ernährung oder Baubereich konnten sich relativ leicht dem
Zugriff ungebildeter Partisanen entziehen. Überstanden sie die ersten
Verhaftungswellen in einem Versteck, konnten sie ruhig auftauchen und schnell
ihre Unerlässlichkeit beim 'Aufbau des neuen Jugoslawien' unter Beweis stellen.
Viele Apatiner kamen so während des Lagers und zu unserer Zeit in den
Besitz einer 'Objava' - DIN A5, Querformat, Rundstempel unter Personaldaten -,
weil sie oder ein andersnationaler Bürge beweisen konnten, dass sie als
Fachkräfte dem Regime nur nutzen konnten. Die mit besonderem Glück, hatten
keine Kolonnisten im Haus, sondern Verwandte mit slawisch oder ungarisch
klingenden Namen, die ihnen gerne zuerst einen Hausteil und später das ganze
Haus zurückgaben.
Nur die Gefahr der 'schwarzen Listen' schwebte bis in die späten
Fünfziger über allen gleichermaßen. Die UDBA-Geheimpolizei, die über den
uniformierten Ortshütern, der Miliz stand, war das Herz der funktionierenden
Ordnung in Apatin. Im gleichen Gebäude - am Park, neben der Möbelfabrik 'Dunav'
- waren alle Ämter untergebracht, die mit Register und Ordnung zu tun hatten.
In Zweifelsfällen brauchte ein Meldebeamter nur die Zwischentüre zum
Ordnungsamt zu öffnen, und er bekam von einem Geheimen sein Ja oder Nein
bezüglich eines Neuzugangs.
Dieses Für und Wider war jedoch nie endgültig. Denn der Balkan ist und
bleibt bestechlich. Ein Gespräch unter vier Augen, bei dem Bares oder
Glitzerndes halbverdeckt den Besitzer wechselte, verwandelte manches Nein vom
ersten Tag in ein Ja am Tag der wiederholten Vorstellung. Einfache Menschen,
sogen. kleine Fische unter den Schwaben, brauchten nur den andersnationalen
Nachbarn ins Meldeamt zu schicken. Ein patriotisches Wort konnte genau dasselbe
bewirken, wie die Bestechung bei wertvolleren Zuzüglern.
Von der Existenz der 'schwarzen Listen' wusste jedes Kind, denn sie
kamen fast täglich bei Visitationen der 'Verdächtigen' zum Vorschein. Bei
manchen Razzien wurden ganze Straßenzüge heimgesucht. Und sie wurden immer streng
nach Vorschrift und Verzeichnis durchgeführt. Sie bedingten aber, dass die
Durchführenden des Schreibens und Lesens mächtig waren. War das, was nicht
selten vorkam, der Fall, so scheute man sich nicht, gaffende Jugendliche und
Schulkinder zur Entzifferung von Namen und Adresse des Gesuchten zur Hilfe zu
rufen.
Wer kam bevorzugt auf die Listen?
1. Zu späte Überläufer aus Feindverbänden zu den Partisanen -
Tschetniks, Ustaschen, Königstreuen (Anhänger des serb. Quisling-Präsidenten
Nedic) und viele andere im Krieg auf eigene Rechnung Plündernde und Mordende.
2. Denunzierte oder einem Parteimenschen und Emporkömmling im Wege stehende. 3.
Sogen. unverbesserliche Klassenfeinde und Faschisten, die durch ihre Stellung,
Bildung oder Vermögenslage als solche liquidiert werden mussten. 4. Saboteure
und Arbeitsscheue, zu denen nicht nur echte Faulenzer zählten, sondern auch
alle Verweigerer von Sonntags- und kollektiver Sonderarbeit. 5. Hinderliche auf
der Karriereleiter eines Parteimenschen. Schließlich 6., alle Parteilosen die
keine 'guten Beziehungen' zur UDBA pflegten.
In meinem damaligen Bekanntenkreis - in Werft, Schule, Nachbarschaft und
bei Besuchen des Pfarronkels - konnten etwa 30 Personen aufgezählt werden, die
unter offener Polizeiwillkür mit Beaufsichtigung und mehrmaliger Verhaftung
litten.
Nur einen einzigen Vorteil hatten die 'schwarzen Listen': Die Familien
der Betroffenen wurden nicht mitverfolgt; wahrscheinlich aus Platzgründen in
den Gefängnissen, Lagern und Umerziehungsstellen.
Internat -
Schiffswerft
Wir Jungen
hatten unsere eigene Sorgen,
da wir
gedrängt im Werftinternat wohnten:
Ein schriller
Ruf der Glocke früh am Morgen
zu Turnübungen
hart, die keinen schonten.
Kaltes Wasser
für Gesicht und Hände,
in Uniform
Aufstellung in Zweierreihen,
dann flotter
Marsch zum Werftgelände
mit Gesang -
die Hörer mochten ihn verzeihen!
Früh um sechs,
wenn stille Donauauen
noch dichter
grauer Nebel bedeckte,
eilten wir, um
viele Dinge zu bauen,
die unser
Landsmann Kramer entdeckte.
Die Schiffe
entstanden nach seinen Plänen,
mit ihm lief
alles, wie es schon immer sollte.
Daher sei auch
das Unikum zu erwähnen:
Die neuen
Herren machten, was er wollte.
Dem Gründer
und Besitzer der Werftanlage
hat sein
kluges Wirken die Freiheit erhalten;
er durfte bis
ans Ende seiner späten Tage
sein
Lebenswerk immer weiter gestalten.
Bei seinem
Tode gab's ein Staatsbegräbnis
und für alle
Werftler einen freien Tag,
was uns
logisch machte die Erkenntnis:
Hier fehlten
Männer von seinem Schlag.
Als Lebender
stand er auf unserer Seite,
nachher fehlte
der gute Alte uns sehr.
Wir lagen oft
mit Erziehern im Streite,
von dem was
wir durften, wollten wir mehr:
Ausgehen, zum
Beispiel, bis abends um Neun,
ins Kino, auf
den Korso oder zum Baden.
Zuspätkommen
konnten sie nicht verzeih'n
und straften
uns in höchsten Graden.
Was nur am
Wochenend-Abend lohnte,
wenn das
Rendezvous gar so schön,
und man sich
nur langsam trennen konnte,
von dem, was
meist im Park gescheh'n.
Es war schön,
weil es so heimlich
geschah und in
kurze Zeit gerafft.
Unsere Strafe
wartete im Heim öffentlich,
die Mädchen
wurden im Stillen bestraft,
aber nur, wenn
die Miliz sie gesehen,
weil sie
gelauert hatte in der Nacht.
In solchen
Fällen konnte es geschehen,
dass Schöne
verloren ihre Haarespracht.
Die für uns Werftzöglinge erbauten Schlafräume in der Somborer Gasse,
konnte ich l986 noch einmal besichtigen. Das Internat war aufgelassen und
diente einer Möbelfirma als Fertiglager. Auch zu unserer Zeit waren die Räume
nur als Lager und nicht zum Wohnen geeignet, denn sie hatten weder
Heiz-Gelegenheit, noch Isolierung oder Doppelfenster. Im Sommer backofenheiß,
im Winter eisgrubenkalt, so benutzten wir sie nur in der kurzen Zeit, da wir
schliefen. In besonders kalten Nächten, wenn die pannonische Ebene von
sibirischen Winden heim-gesucht wurde, kuschelten wir uns jeweils zu zweit in
ein Bett und deckten uns mit vier Decken zu.
Nach solchem Schlafen hinüber zu wechseln in den ebenfalls ungeheizten
Waschraum, um mit kaltem Wasser Gesicht und Hände zu waschen, war der Zumutung
mehr als zuviel - deshalb unterblieb sie oft. Doch nicht das Turnen, bevor man
dick angezogen war: Aufstellung im Hof, ohne Reihenordnung, Trippel-, dann
Hüpfschritt, Kniebeugen, Hüftdrehung und einmal Laufschritt. Dann schnell in
die Winter-uniform, die aus dunkelblauem Militärstoff genäht war und jedem auf
den Körper passte. Der lange Kragenmantel, die Bakanschen und eine
Schiffchen-Kappe vervollständigten die allmorgendliche Marsch-Montur.
Anders als bei der Uniform und Wäsche, die wir in schmale Blechspinde
einschließen mussten, kam es bei den griffbereit am Mauerhaken hängenden Mäntel
oft vor, dass man als Letzter ins Leere griff. Vergeblich das Schimpfen und
nach einem Dieb Suchen, das wärmste Kleidungsstück war weg und man musste ohne
es den Marsch in die 2 km
entfernte Werft antreten.
Nachdem ich diese Härteprobe einige Mal schlecht und recht bestand, doch
Mutter von ihrem Sinn nicht überzeugen konnte, beschloss sie Dauerabhilfe zu
schaffen. Der maßgeschneiderte, diebessichere Mantel, den ich bald dem bejahend
nickenden Erzieher zeigte, hatte eine uniformähnliche Machart, war aber mit
Lammfell gefüttert. Und während ich in Zukunft ruhig mal als Letzter in den
Umkleideraum kommen konnte, musste stets ein anderer passen: Denn gestohlen
wurde nach wie vor, wenn auch nur verständlicherweise deshalb, weil mancher
arme Zögling zuhause noch ärmere Geschwister hatte, die auch froren.
Was zur Werft und ihren Aufgaben zu sagen war, habe ich kurz im Apatiner
Heft "Die Apatiner Schiffswerft vor und nach dem Krieg" gesagt. Das
Lehrlingsleben insgesamt, die Arbeit als Schmied in Rümpfen und an der Esse,
Freizeit, knapper Ausgang, doch Vollversorgung mit Essen, Kleidung,
Taschengeld, Bons für Kino, Schuster und Friseur... - in Zeiten der
Lebensmittelmarken und allseitigen Wirtschaftsnot machte sich das alles nicht
schlecht aus.
Ideologische
Erziehung I
O
Jugendfreuden und Jugendleiden,
ihr liegt so
oft nahe beisammen,
und es ist
unmöglich zu vermeiden,
dass Himmel
und Hölle liegen beisammen.
Unsere
Freuden, ein bunter Wiesenstrauß
und ebenso
frisch und natürlich,
die Erzieher
machten ein Leiden daraus,
wie es ihrer
strengen Ideologie gebührlich.
Sie achteten,
damit wir uns plagten,
bei vier
Stunden Arbeit und vieren Büffeln.
Pausen
dazwischen sie meist versagten
durch
lästiges, ewiges Beschnüffeln.
Sie konnten
leicht, sie waren ausgeruht,
stolz vor uns
daher marschieren.
Was sie uns
lehrten war oft nur gut,
um vor dem
Publikum zu brillieren,
auch vor
strammen Kommissionen,
die aus
Männern des gleichen Schlages;
sie kamen, um
Musterknaben zu belohnen,
bei Ehrung
irgend eines großen Tages.
Solcher Tage
gab es im Titostaat viele,
benannt nach
manchem großen Held,
der kämpfte
und starb für Titos Ziele
und dem man
ein Denkmal aufgestellt.
(Es gibt
wenige Länder auf der Welt,
in denen so
viele Bronzemänner stehen.
Da nun Titos
Heldenruhm zerfällt,
wird auch die
Heroen-Ehrung vergehen.)
Ein Internat voll Halbwüchsiger zu erziehen, ist, auch ohne ideologische
Motivation, keine leichte Aufgabe. In unserem Alter verspürten wir noch keine
allzu starken natürlichen Wünsche zur Selbstbeschränkung. Das hieß, dass keiner
von vorneherein brav sein wollte, nur um den Erziehern zu imponieren.
Wahrscheinlich deshalb, weil sie grundsätzlich alles verboten, unterdrückten
und mit Ausnahmen geizten, ganz gleich, ob sie einen guten oder schlechten
Schüler vor sich hatten.
Der Erfolg solcher Erziehung war voraussehbar: Konnten in der Schule
gute Noten bald auch eine dauerhafte Beliebtheit bei den Lehrern schaffen, also
einen gewissen Rangunterschied in der Klasse erwirken, so hatte im Heim die
vorprogrammierte Knute kommunistischer Gleichheit entsprechende Folgen. Für
meine engen Freunde und mich bedeutete das: Dort Lob und Auszeichnung - hier
Stubenarrest und Strafarbeit.
Je mehr sich diese Willkür wiederholte, um so durchsichtiger wurde sie,
als Unvermögen unfähiger Erzieher, die ihre 'Befähigungen' in Schnellkursen bei
vernagelten Parteimenschen erhielten. Im Endeffekt gelang ihnen während der drei
Lehrjahre, bei keinem einzigen Lehrling, die vollkommene Umerziehung zum wahren
Kommunisten.
Ideologische
Erziehung II
Bei
Aufmärschen durch geschmückte Gassen
unsere
Werftuniformen sauber glänzten,
auch die
weißen Handschuhe zum Erblassen
der Gaffer,
welche das Fest ergänzten.
Und wieder
Lieder und wieder Parolen
- wir kannten
sie schon im Schlaf -,
was Helden
sind und was sie sollen,
wir
wiederholten es laut und brav.
Was das viele
Marschieren bezweckte
blieb uns
nicht zu lange verborgen:
Wenn irgendwo
ein Feind sich regte,
sollten wir
die Abschreckung besorgen.
Dazu übten wir
mit Attrappengewehren
aus braun
lackiertem Weidenholz,
und probten
den Angriff und das Wehren
und waren beim
Siegen mächtig stolz.
Man sagte, der
Feind sitze im Westen
und rüste sich
zum großen Kriege;
seine
Dollarhilfen seien nur Gesten,
mit denen er
die naiven Bürger belüge.
Kapellmeister
Engelhard
Doch irgendwas
fehlte beim Marschieren
dem Viktor,
unserem höchsten Erzieher:
Er wollte mit
uns etwas probieren,
was er kannte
noch von früher,
aus der Zeit
der Königsdragoner; wenn
die schneidig
ritten mit klingendem Spiel,
so hat man nie
was schöneres gesehen.
Unseren
Märschen fehlte so ein Profil.
Dies zu
verändern war nur einer imstande,
ein Musiker
mit Nerven für die junge Bande,
der auch als
Lehrer hatte einen guten Namen:
Bei Gyula
Engelhard kam das zusammen.
Er begann mit
Testen und mit Proben
wer für
welches Instrument geeignet.
Eine
Heimkapelle, aus der Taufe gehoben,
wurde dem
Festprogramm übereignet.
Mit dem ersten
Marsche auf die Straße,
in der
Feierformation an der Spitze vorn,
spielten wir
spritzig wie große Asse;
ich auf dem
blitzblanken Flügelhorn.
Takt und
Stechschritt wie geschossen,
die leichten
Melodien gut eingeübt,
so bliesen wir
Jungen unverdrossen,
wie es das
Publikum immer schon liebt.
Nach Märschen
waren Walzer an der Reihe
und danach
diverse Polkas schmissig
und was der
leichten Muse zum Gedeihe,
wir wurden
dessen niemals überdrüssig.
Und übten und
paukten über Stunden,
weil es mit
besonderem Reiz verbunden
zum Tanz der
Jugend im 'Dom' aufzuspielen
und vor
schönen Mädchen zu brillieren.
Anderen
geprobten Konzertmelodien
blieben
jegliche Erfolge versagt;
übersteigend
unsere musischen Phantasien
passten sie
ebenso wenig in unseren Takt
wie Meister
Gyula zum großen Beethoven.
Er war und
blieb der Tanzsaalfürst.
Dort fand er
die Herzen der Frauen offen
und hat auch
mehr als eine geküsst.
Diesen
Menschen - und ob ich ihn verehre! -
und seine
Lehrstunden möchte ich nicht missen.
Sie gingen zu
Ende mit der Lehre;
und die Noten
hat die Zeit zerrissen.
Mit Engelhard hatte unser Internatsleben eine neue Dimension. Ob probend
oder nur zuhörend, jeder war an seiner Anwesenheit - 3 bis 4 mal in der Woche -
beteiligt und in eine musische Stimmung entführt. Das hat sich sowohl auf die
allgemeine Disziplin, wie auf die Laune jedes Einzelnen, der immerhin den
ganzen Nachmittag Eingesperrten positiv ausgewirkt.
Was das 'Blitzende' der Instrumente angeht, so war das nicht nur ein
Effekt des Sidols, es war der freiwillige Beitrag des Apatiner
Instrumentenmachers Gyula Horn, eines deutschen Meisters um die Ecke, dem wir
die schnelle Zusammenstellung der Kapelle zu verdanken hatten. Horn war ebenso
selbst-verständlich Lagerfrei, wie viele andere Fachleute, auf die die neuen
Ortsherren nicht verzichten wollten.
Natürlich kam auch bei ihm im Augenblick der Razzia der nationale Faktor
'Wahlungar' oder 'Gemischt-deutscher' zur Geltung. Diese Losungen hatten, in
Verbindung mit fachlichen Fähigkeiten und ganz gleich ob selbstzeugend oder von
Fremden vorgebracht, eine Macht, die lebenserhaltend sein konnte. Im Laufe der
Jahre, die den Landsleuten in den Lagern Not und Tod brachten, kamen sie oft
zur Geltung. Und die sie gebrauchten, dachten wie viele Absetzer von der Front:
"Lieber einmal feige, als immer tot".
Engelhard hatte auf diese Weise auch Glück; ähnlich ihm der Symphoniker
Kartali, unser Erdkundelehrer, der im örtlichen Musikleben eine niveauvollere
Rolle spielte, doch nicht so populär war. In den Sälen der großen Gastwirtschaften
fanden, Dank der lagerfreien Musiker, manche schönen Konzerte, Kabarett- und
Tanzveranstaltungen statt. Bei den kläglichen Versuchen, uns Blechler ins
Kunstleben einzubauen, mischte der Dirigent Nagy - auch Leiter der Musikschule
- einige Internatsbläser unter die Symphoniker. Doch der Glaube, wir könnten
von Beethovens Muse zu Höherem angeregt werden, trügte. Da wir vom Lesen der
Symphonienoten noch weit entfernt waren, brachten wir nur einige - sicher sehr
störenden - falschen Töne zustande.
Da war doch ein Blasmusik-Konzert" im 'Dom Kulture' was anderes.
Wir auf der Bühne und die Jugend im Saal schwelgten gemeinsam im Rausch des
falschen, doch taktvollen Spiels, nach dem sich die Mädchen drehten, dass ihre
Kleider und Röcke paradiesische Anblicke freigaben. Dank solch flotter Musik,
durften natürlich auch die Herren Musiker abwechselnd das Tanzbein schwingen
und den Lohn für den Einsatz auf der Bühne an Ort und Stelle kassieren. - Fast
drei Jahre dauerte diese schöne Zeit und machte das Apatiner Glück vollkommen.
Marxistenprüfung
Die Zeit, die
große Wächterin des Lebens
misst knapp,
um vielem gerecht zu werden.
Das Murren
gegen sie ist vergebens.
Sie ist ein
Maß des Geschehens auf Erden.
Das zweite,
ebenso tragend wie sie
liegt in den
Händen der Gesundheit;
seine
Auswahlnormen erfahren wir nie,
auch wenn wir
studiert und sehr gescheit.
Ein drittes
muss ewiges Rätsel bleiben,
es liegt in
uns am tiefsten vergraben,
kann uns
hemmen oder zur Eile treiben,
behindern oder
fördern unsere Gaben.
Bestehend aus
etwas Glück und Talent,
aus Vor- und
Nachsicht desgleichen,
hilft es uns
alltäglich und permanent
was vonnöten
leichter zu erreichen.
Mit Bercsek,
einem guten Apatiner Freunde
- wir hatten
den gleichen ehrgeizigen Willen -
ging ich zu
einer Neusatzer Prüfgemeinde
mit höheren
polittechnischen Lehrzielen.
Das tat ich
gegen mancherlei Bedenken.
Mein Ego
musste sich sehr verrenken,
damit es in
die Prüfschablonen passte,
in Regeln und
Normen einer Lehrerkaste,
die so
unlogisch und human verworren,
als ob sie auf
dem fernen Mars geboren.
Sie fragten
viel, niemals was sie sollten,
was einem
technischen Beruf gerecht:
Darwins Lehre
hat ihre Sorge gegolten
- das Ergebnis
war entsprechend schlecht.
Denn derlei
Wissenschaft war mir fremd.
Ich kannte nur
die Schöpfung aus der Bibel,
und erwähnte
den Herrgott etwas verschämt.
Das nahmen die
Marxistenprüfer übel.
Da regte sich
in mir wie selten mal
eine innere
Triebkraft mit voller Gewalt;
sie
schmetterte Argumente in den Saal
und gebot den
diffusen Fragen halt.
Es folgte eine
quälend lange Pause...
Dann nahmen
sie mich zur Probe auf.
Ich setzte ein
großes Versprechen drauf,
und mein
Freund fuhr alleine nach Hause.
Er hat meinen
Widerstand nicht verstanden,
denn er ahnte
nicht, dass es mir wichtig,
anzutreten
gegen die Materialistenbanden,
weil mir ihre
Lehren zu durchsichtig.
Die Aufnahmeprüfung hatte sich schon ungut angelassen. Um den
morgendlichen Termin vor der Kommission nicht zu verpassen, waren wir schon am
Abend vorher angereist. Im Warteraum unter balkanesischen Verhältnissen zu
übernachten, war nicht gerade verlockend. Ein wenig Geld hatten wir und auch
den Mut, uns auf die Suche nach einem besseren Zimmer zu machen.
Zwei siebzehnjährige Provinzler am späten Abend allein in einer Stadt
unterwegs, das wirkt sich nicht gerade positiv aus. So viel wir auch
marschierten und zuerst bei größeren und dann bei kleinsten Pförtnerlogen
vorstellig wurden, kein Hotelhüter wollte uns hineinlassen. Doch schlafen
sollten wir schon, um nicht noch mehr gegenüber den städtischen Prüflingen ins
Hintertreffen zu geraten.
Zum Glück war der Abend recht mild, und als er begann in nächtliche
Dunkelheit überzugehen, setzten wir uns auf eine Parkbank und nahmen die
bequemste Stellung ein, deren unsere müden Beine bedurften. Als eine Stunde
vergangen war, wurde aus dem bequemen Sitzen ein unbequemes Liegen und bald
danach ein tiefer Schlaf.
Gegen Mitternacht rüttelte jemand an unseren Schultern. Er tat es so
energisch und ausdauernd, dass wir schließlich hellwach wurden. Ein Milizionär:
- Habt ihr Ausweise? - Ja. - Her damit. Lange hüpfte der Strahl seiner
Taschenlampe zwischen den Ausweisen und unseren Gesichtern hin und her. Dann
warnte uns der nachsichtige Ordnungsmensch vor unliebsamen Subjekten und ließ
uns weiterschlafen.
Auf der harten Bank wurde es immer kühler und ungemütlicher. Bei der
ersten Spur von Hellwerden und den ersten Passanten, die durch den Park eine
Abkürzung zur Arbeit nahmen, standen wir gerne auf und gingen zu einem
plätschernden Artesibrunnen. Danach ging’s zum erstbesten noch oder schon
offenen Wirtshaus, wo wir eine Kleinigkeit aßen. So erschienen wir unter den
Ersten und recht frisch und munter vor der Prüfungskommission.
Sie bestand aus zwei Männern und einer Frau und wollte unseren
Wissensstand erfahren in Mathe-Physik, serbischer Muttersprache, Geschichte und
- Biologie. Letzteres war der Pferdefuß "Darwinscher Lehren",
den wir zwar sofort erkannten, gegen den wir aber in keiner Weise gewappnet
waren. Wir hatten nicht gelernt, uralte Naturereignisse mit Menschen, Tieren
und Pflanzen als Mittelpunkt in Lenin'schen Denkschablonen zu erklären.
Das nahm uns natürlich die strenge, blasse Fragerin krumm und ließ uns
durchfallen.
Heute noch frage ich mich: was wäre wohl aus mir geworden, hätte ich
nicht gegen die Durchfallnote -1- protestiert? Außer diesem Weg zur höheren
Bildung, gab es damals, 1951, für mich keinen. Jedenfalls wäre ich als
Mechaniker, trotz bester Gesellennoten, nie glücklich geworden. "Wem
der Stift mehr als die Feile liegt, der feilt sich vergeblich die Hände wund.
Der Stift ist doch der, der am Ende siegt und sein Besitzer bleibt länger
gesund."
Vom Meister in der Werft, über den Vorarbeiter bei den praktischen
Übungen in den Ferien und bis zum Arbeitsvermittler in der bundesdeutschen
Arbeitslosigkeit - keiner konnte mir einen Erfolg im Mechanikerberuf
voraussagen. Dagegen fand ich in der technischen Planung auf anhieb die
'goldene Ader' und konnte ihr mühelos - auch ohne Ingenieurdiplom - vierzig
Jahre lang folgen. (In donauschwäbischem Wert ausgedrückt: Nach 5 Jahren in
einem Ludwigsburger Konstruktionsbüro, Beteiligung zu 50% an einem Hauskauf;
bis zur Heirat stand das eigene 2-Fam.-Heim; nach dem Scheidungseinbruch auf
zwei Eigentumswohnungen umgebaut; mit Marika, meiner tüchtigen zweiten Frau und
den freiberuflichen Einnahmen eine Wohnung in Szeged und ein Haus in der
Tiefebene erworben; nebenbei noch die Tanya zum 'Paradies' gemacht; mit Fünfzig
aus der Büropflicht 'ausgestiegen', zugunsten eines Lebens nach eigener
Bemessung von Arbeit-Freizeit.) Zweifellos wäre der Lebensweg des Mechanikers,
wo immer er schicksalhaft hingeführt hätte, wesentlich steiniger gewesen.
Wie sehr die polittechnische Ausbildung damals in Jugo gefragt und
geschätzt wurde, zeigt die Tatsache, dass eine bestandene Aufnahmeprüfung
zugleich die Vollversorgung als Zögling im 'komfortablen' Internat garantierte.
(Die halben Gänsefüßchen beziehen sich lediglich auf die Küche; Personal,
Gelände, Zimmer und Ruf des Hauses waren altbewährt und in Ordnung.)
Kommunistische
Ingenieure
Sie hatten
Macht und das Programm
als
parteiamtlich berufene Professoren;
wir Studenten
nahmen alles, wie es kam,
auch wenn es
oft sinnlos und verworren.
Die Ingenieure
nach ihren Lehrschablonen
hatten vitalen
Kriegspionieren zu gleichen,
die an der
Front ihr Leben nicht schonen,
damit die
Truppen ihre Ziele erreichen.
Da war vornan
die eiserne Disziplin
und
Schießübung - immens wichtiges Fach;
Turnen gab’s
vor jedem Unterrichtsbeginn,
Gleichung und
Toleranz kamen weit danach.
Heim und
Schule glichen einer Kaserne,
im Hof hat
immer eine Gruppe exerziert.
Das sahen die
Offizier-Erzieher gerne.
Und die
Verweigerer wurden schikaniert.
Hier gab's
keine Musik mehr zum Marschieren.
Zöglinge
trugen echte, geladene Gewehre,
die für
unerlaubtes, heimliches Ausprobieren,
Strafe
brachten im Kodex der Soldatenehre.
Wir feierten
manche bekannten Heldentage
mit Defilee
und feierlichen Eskapaden
und steigerten
sie in ideologische Gelage,
mit
Delegationen, die höchst dazu geladen.
Nach dem
Muster alter Devotalienspiele,
in Rollen der
Heroen oder Feinde,
brachte man
revolutionäre Beispiele
vor die Augen
der erlauchten Gemeinde.
Der Held, nach
seinem Kosenamen
‘Pinki’ war
unsere Lehranstalt benannt,
hielt eine
Stellung, die vom Feind berannt,
bis die
entlastenden Parteikämpfer kamen.
Heroische
Siege den Legenden nachgedichtet,
Partisanen
gefeiert, Gegner hingerichtet;
so musste es
im Nachhinein geschehen,
denn so wollte
das Ehrenpublikum es sehen.
Was wurde da
aus schulischem Fachwissen,
wo blieb es in
solchem Lehrprogramm?
Da Energien in
der Schau zerschlissen,
scherte man,
was blieb, über einen Kamm.
So entstanden
die technischen Funktionäre,
die sich
streng an Instruktionen hielten.
Sie gereichten
nicht dem Beruf zur Ehre,
auch wenn sie
manches Soll übererfüllten.
Eine absolut totalitäre Erziehung nach Sowjetmanier, schafften die
Titoleute gleich nach dem Krieg noch nicht. Und was sie mit viel Pionierschwung
zuwege brachten, wurde durch den KOMINTERN - Konflikt je abgebremst. Das
brachte wiederum die Umerziehung in Lenin- und Stalin'schem Sinne, kaum dass
sie erste kleine Früchte trug, in einen chaotischen Zustand: Schmissige
Marschlieder wurden von heute auf morgen umgetextet, Parolen plötzlich
ausgewechselt und hektisch-schnell neu einstudiert, Wandgemälde eingemottet,
Standbilder gestürzt - und alles geschah fast kommentarlos und in einer Eile,
die keine Zeit für Fragen übrig ließ.
So wurde auch aus den geplanten 'ideologischen' Ingenieuren der
Weltklasse nur solche mit Titoistischem Einschlag. Planwirtschaft im
Fünf-Jahres-Rhythmus bekam einen kleinlichen, loka |