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GESICHT FORUM

Wildmann/Spiegel-Schmidt:  Geschichte der Ungarndeutschen

Die Deutschen in Ungarn 1918-1996

Vorbemerkung
Die moderne Geschichtswissenschaft ist, sicherlich unter dem Einfluß der Soziologie, nicht mehr
damit zufrieden, die nach außen sichtbaren Abläufe darzustellen,  sondern möchte der Frage
nachgehen, wie diese sich auf das Leben der breiten Massen auswirkten, von ihnen mitgetragen
oder erlitten wurden; wie sich hintergründig die Vorgänge von wirtschaftlich-gesellschaftlicher
Modernisierung in den Politisierungsprozessen widerspiegeln. Im Blick auf das uns beschäftigende
Thema ist dabei zu bedenken, welche Rolle - integrierend oder destruktiv, fördernd oder hemmend
- in diesen Prozessen dem Nationalismus in seinen verschiedenen Spielarten zukam. Dadurch hofft
man, im Unterschied zu einer "ritualisierten, zwanghaften Wiederholung von Emotionen, Vorurteilen
und geschichtlichen Konfliktsituationen", deren man die "Heimatgeschichtsschreibung"
der "Erlebnisgeneration" verdächtigt, eher zu einer gemeinsamen Beurteilung der jüngsten
Vergangenheit zu kommen.1Wir wollen im Folgenden diese Forderung, bzw. Kritik, durchaus
ernstnehmen. Sie befreit uns allerdings nicht davon, den Ablauf der Ereignisse möglichst genau
darzustellen - liegt doch der Teufel im Detail. Nur so entgehen wir der Gefahr, die in diesen neuen
Tendenzen verborgen liegt, daß die konkreten Ereignisse nur als Anschauungsmaterial für die neue
Thematik, womöglich eklektisch nach ihrer Verwendbarkeit dafür herangezogen werden. In diesem
Sinne wagen wir es, gleichsam zwischen Skylla und Charybdis, an die gestellte Aufgabe heranzu-
gehen.  Wir können uns dabei erfreulich oft auf die Arbeit ungarischer Historiker berufen.

1. Die politische Konzeption Jakob Bleyers

1.1. Die beiden Artikel
Die bedeutendste Persönlichkeit der ungarndeutschen Geschichte von 1917 bis zu seinem Tod 1933
war Jakob Bleyer, 1874 in der später jugoslawischen Batschka geboren, seit 1911 Professor der Germanistik an der Budapester Universität. Nach seiner eigenen Aussage hatte er "seit
der Jahrhundertwende mit wachsender Sorgfalt alle Zeitungsberichte gesammelt," die das Ungarn-
deutschtum betrafen.2 Er war also über die ersten Versuche politischer Aktivität des Ungarn-
deutschtums in der Deutsch-Ungarischen Volkspartei und wohl auch in der Arbeiterbewegung
im Bilde. Nach langem Beobachten trat er mit einem gleichzeitig in der Budapesti Szemle und
in der im Deutschen Reich erscheinenden Deutschen Rundschau veröffentlichten
programmatischen Artikel in die aktive Politik ein.3 Er ging bewußt gegenüber den bisherigen
politischen Regungen einen dritten Weg. 
Zugrunde liegt diesem die Überzeugung, daß das deutsche und das magyarische Volk für
immer aufeinander angewiesen sind. Dabei identifiziert er sich weitgehend mit den nationalen Zielen der ungarischen Politik einschließlich der Einschmelzung der Nationalitäten. Im Interesse dieser vorrangigen Schicksalsgemeinschaft verweigert er jede Gemeinsamkeit mit den übrigen - damals schon immer mehr im irredentistischen Fahrwasser schwimmenden - Nationalitäten Ungarns. Er nimmt auch die Assimilierung der deutschstämmigen Gebildeten in Kauf, die "eines der bedeutendsten staatserhaltenden Elemente in Ungarn" sind, die das Ungarntum zur Erhaltung der Staatseinheit unbedingt braucht, deren Behinderung es darum nie erlauben würde. Er sieht aber in diesen Assimilierten auch die "hingebendsten Förderer" des deutsch-ungarischen Bündnisses.
Darum lehnt er zunächst auch höhere deutsche Schulen ab. Sein Anliegen ist ausschließlich die Wiederherstellung der deutschen Volksschule in den Landgemeinden, da deren Magyarisierung nur zu "halben Analphabeten" führe. Allerdings meint er in einem Idealismus, der sich bald als trügerisch herausstellte, daß die assimilierte, meist extrem nationalistisch denkende Intelligenz ihrem Ursprungsvolk noch stark genug zugetan sein werde, um, wie er selbst, für dieses einzutreten. Entschieden wendet er sich dagegen, die damals zwei Millionen Deutschen Großungarns gewissermaßen als deutsche Provinz national zu organisieren.
Dieses bescheidene Programm ist die kulturpolitische Konsequenz seiner persönlichen Einstellung, mit der er sich seinen Lesern vorstellt: "Das südungarische deutsche Bauernvolk ist mein Volk, aber zugleich ist die ungarische meine Nation, das Band der Kultur, in deren Luft ich lebe und arbeite." Und: "Die Treue zu meinem Volk und die Liebe zu meiner Nation kamen miteinander nie in ernsten Gegensatz."

1. 2. Motive
Freilich bot der Germanistische Lehrstuhl einer ungarischen Universität einen einmalig günstigen, auf andere Lebenssituationen nicht übertragbaren Rahmen für eine solche Haltung. Man könnte den Eindruck haben, daß die deutsche Seite dabei doch stark ins Hintertreffen gerät. Daß dem nicht so war, sie vielmehr in Tiefenschichten des Herzens hinabreichte, zeigt, was
Bleyer unter dem Eindruck eines alten deutschen Wallfahrtsliedes 1914 seinem Tagebuch anvertraut hat: "Aus tausend  Wunden bluten wir ... haben niemand, der sich über unser verlassenes  deutsches Herz beugt, in der Gefahr Hilfe, Wegweiser sein könnte. Da drückte ich dieses verlassenste Volk unseres ungarischen Vaterlands an mich: Du bist mein und ich bin dein."4
Hat Bleyer mit diesem sehr emotionalen Bekenntnis die wirklichen Empfindungen des Volkes getroffen? War die dabei vorausgesetzte Bewußtheit gefährdeter Identität nicht bloß bei einigen wenigen sensiblen Vertretern desselben vorhanden? Wie weit war in der Masse bereits der indoktrinierte Widersinn, gar keine Deutschen, sondern höchstens deutschsprechende Ungarn zu sein, vorherrschend?
Gustav Gratz 5 hat später diese von Bleyer gelebte und auf den einfachen Mann übertragene doppelte Bindung in Frage gestellt: "Was für eine schreckliche Konfusion es im Kopf der einfachen Menschen hervorrufen kann, wenn man von ihnen verlangt, daß sie sich zugleich zwei Gemeinschaften zugehörig fühlen und zwischen ihren sich daraus ergebenden doppelten Verpflichtungen immer distinguieren können."6 Mit anderen Worten: Ist diese innere Spannung, ist das erst daraus erwachsene Gefühl des Verlassenseins, auf Dauer auszuhalten? Es ist ein typisch ungarndeutsches Problem, nur aus der jahrhundertealten Gemeinsamkeit zu verstehen, das in dieser Tiefe und Intensität anderen nationalen Minderheiten fremd war. War darin nicht schon der Ausbruch entweder in volle Assimilation oder in innere Abwehr alles Magyarischen im eigenen Wesen vorprogrammiert?
Die Schärfe aber erhielt diese Spannung durch die ihr gegenüberstehende Entwicklung des magyarischen Nationalismus. In dem Maße, in dem dieser den alten Hungarus-Patriotismus der Deutschen nicht mehr gelten ließ, sondern nationale Gesinnung mit Assimilationsbereitschaft gleichsetzte, mußte das bis dahin Selbstverständliche zum Problem werden, das eben dieses Gefühl des Verlassenseins hervorrief. Sich als Minderheit "einer bestimmten nationalen Loyalitätsforderung - nämlich der nach freiwilligem Magyarischwerden - verweigern" und damit in einen Politisierungsprozeß eintreten wurde zum Gebot der Selbsterhaltung bis ins letzte Dorf. Da sich die Deutschen indes keineswegs "dem nationalen Prinzip überhaupt verweigern" wollten, fiel es ihnen schwer, ihre Nationalität als "selbständige Erscheinungsform von Großgruppenintegration" zu verstehen.7 Im Gegenteil: Diese schwierige Grenzsituation wirkte sich hier immer wieder als desintegrierende Ratlosigkeit aus und als Zerreißprobe zwischen den nationalitätsbewußt Politisierten und den sich solcher als verboten hingestellten nationalen Politisierung Verweigernden. Letztere wurden damit aber zu unbewußten Mitläufern jener Politisierung, mit der sie das Staatsvolk bewußt indoktrinierte. Dieser Gegensatz, der sich in den folgenden Jahren immer mehr zuspitzte, kann als das eigentliche Thema dieses Zeitabschnitts betrachtet werden, wie er in Bleyers idealistischem Denken noch schlummerte.

1. 3. Erste Versuche der Verwirklichung
Bleyer blieb aber nicht bei diesem einmal niedergelegten Programm stehen. Er steigt von da an immer konsequenter ins politische Leben ein. Dem kirchentreuen Katholiken lag es nahe, seinen Zielen im Rahmen der Christlich-Sozialen Bewegung näherzukommen, die schon aus eigenem Interesse auf die Schwaben als die Bevölkerungsgruppe mit dem größten Katholikenanteil besonderen Wert legen mußte. Für diese gab ihr „Christliches Zentrales Presseunternehmen“ ein eigenes Blatt heraus, die von Pfarrer Johannes Huber8 redigierte Neue Post. Während ihr ursprünglicher spiritus rector, Prälat Alexander Gießwein 9, deutscher Abkunft, seit 1906 Abgeordneter des Wieselburger Wahlkreises, sich für soziale Anliegen, Versöhnung der Völker, eine liberale Nationalitätenpolitik, ja auch für ein sachliches Gespräch mit den Sozialdemokraten einsetzte, schlitterte die Bewegung in ein immer schärferes antisozialistisches und antisemitisches Fahrwasser, was auch für Hubers Blatt galt.
Wie Bleyer damals, noch merkwürdig unkritisch, zwischen einer tieferblickenden Vaterlandsliebe und deren nationalistischer Deformation  noch nicht unterschied, so distanziert sich sein christliches Denken auch nicht von den fragwürdigen Tendenzen einer als christlich verstandenen  antisemitischer Politik.
So bedient er sich ohne Vorbehalt der Neuen Post, um seine Gedanken unter das Volk zu bringen, wirbt um die Gebildeten, "die bisher so unverantwortlich wenig Herz für unser Volk hatten,"10 steht weiter für die "ungarische Vorherrschaft" ein und will die Deutschen vom Magyarentum in keiner Weise absondern. Kennzeichnend hierfür der Satz: "Alles, was sich auf die Höhe des nationalen Lebens emporschwingt, muß ungarisch sein", und damit meint er auch das höhere Schulwesen.11 Er schreibt das in den letzten Kriegsmonaten, als es schon überall im Gebälk des Staatswesens zu krachen beginnt. Als in dem jahrelangen Streit um ein zeitgemäßes Wahlrecht  - aus der Angst vor der Überzahl der Nationalitäten geboren - die Idee auftaucht, die Kenntnis des Ungarischen zur Voraussetzung des Wahlrechts zu machen, bläst ihm zum erstenmal der nationalistische Wind ins Gesicht und er wehrt sich ziemlich hilflos: "Man wirft uns Deutschungarn in einen Topf mit Landesverrätern!"12 Am 27. August 1918 kündigt er an, daß "eine größere Anzahl hervorragender Deutschungarn demnächst mit dem von der Regierung genehmigten Plan eines deutschungarischen Kulturvereins auftreten wird". Als Führer hat er den aus dem Banater Schwabentum hervorgegangenen berühmten Schriftsteller Ferenc Herczeg (ursprünglich Herzog)13 vorgesehen, der zwar ungarisch schrieb, aber auch schwäbische Themen behandelte. Die stürmische Entwicklung der kommenden Monate geht jedoch über diese Pläne hinweg.

Wildmann/Spiegel – 02A

 
2. Die Revolution 1918-1919

Kaiser Karl machte mit dem überstürzten Manifest vom 16. Oktober 1918 in letzter Minute den Versuch, den sich ankündigenden Zerfall der Monarchie aufzuhalten. Südslawen, Rumänen und Tschechen hatten bereits Nationalräte gebildet, in denen sich alle politischen Richtungen zusammentaten, um ihr Selbstbestimmungsrecht - damals ein Schlagwort in aller Munde - auszuüben. Diesen Nationalräten gab das Manifest jetzt eine Legitimation, ja es forderte auch alle andern "Volksstämme" auf, solche zu bilden.

Noch hoffte der Kaiser, durch einen Föderalismus der Nationalitäten  die Monarchie als Gesamtstaat retten zu können, was sich nur allzubald als Irrtum erwies. In Ungarn schlossen sich die Parteien, die schon bisher in einem Wahlrechtsblock zusammengearbeitet hatten, am 25. Oktober zu einem Ungarischen Nationalrat zusammen. Er umfaßte die 22 aus der Unabhängigkeitspartei ausgetretenen Abgeordneten der Friedensgruppe unter Graf Michael Károlyi14, die um die Zeitschrift Huszadik Század (Zwanzigstes Jahrhundert) gesammelten Liberalen unter Oskar Jászi15

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1 Schödl, Günter: Deutsche Geschichte im Osten Europas. Land an der Donau. Berlin 1995, S. 12

2 Nach Schwind, Hedwig: Jakob Bleyer. Ein Vorkämpfer und Erwecker des ungarländischen Deutschtums. München 1960, S. 41. Schwind hat den seither verlorengegangenen Bleyer-Nachlaß noch einsehen können.

3 März 1917 in beiden Blättern.

4 von Pukánszky, Béla: Bleyer-Nachruf. Deutsche Hefte für Volks- und Kulturbodenforschung 1934.

5Gustav Gratz (1875-1946); Journalist, Historiker, Politiker, ungarischer Außen­minister 1921. Geb. in Pressburg, Studium der Rechtswissenschaft, vor allem als Journalist tätig. 1899 Mitbegründer der bürgerlich-radikalen Zeitschrift Huszadik Század [Zwanzigstes Jahrhundert]. Von 1906 bis 1918 für den Wahlkreis Leschkirch bei Hermannstadt im ungarischen Parlament. 1917 Sektionschef für Wirtschaftsfragen im k.u.k. Außenministerium in Wien. 1917 zeitweilig ungar. Finanzminister, 1917/18 Mitglied der österr.-ungar. Delegation bei den Friedensverhandlungen mit Rußland in Brest-Litovsk und mit Rumänien in Bukarest. 1919 Gesandter Ungarns in Wien, in der Teleki-Regierung 1921 kurzzeitig Außen­minister und Nationalitätenminister. Als Legitimist an beiden Rückkehrversuchen König Karls IV. beteiligt, daher 1921-1922 verhaftet. Parlamentsabgeordneter 1926-1935 (Wahlkreis Bonyhád) und 1939-­1945 (Wahlkreises Budapest-Nord). Bedeutend als Historiker, Wirtschaftsfachmann und Chefredakteur der jüdisch-liberalen Zei­tung Pesti Napló. Auf Wunsch des Ministerpräsidenten BETHLEN übernahm er 1924 den Vorsitz des Ungarländischen Deutschen Volksbildungsvereins. JAKOB BLEYER daher nur  geschäftsführender Vizeprä­sident. G. hatte den Vorsitz bis Ende 1938 inne und trat erst mit der Gründung des „Volksbundes der Deutschen in Ungarn“ zurück. Am 19.3.1944  von der Gestapo verhaftet, KZ-Haft, 1945 Rückkehr nach Budapest.

6 Magyar Szemle (Ungarische Rundschau) August 1932, S. 304

7 Schödl, a.a.O. S. 13

8 Dr. Johannes Huber (1877-1947), kath. Geistlicher, bewährte sich als Volkstumskämpfer; seit 1912 Schriftleiter des „Christlich-Sozialen Volksblattes“ und ab 1917 der „Neuen Post“, trat unerschrocken für die Rechte der Ungarndeutschen ein. Die „Neue Post“ war von 1917 bis zur Gründung des „Sonntagsblattes“ (Januar 1921) Bleyers Hauptorgan. Zu Hubers Mitarbeiterkreis gehörten Johannes Faul-Farkas, der aus Filipowa, Batschka, stammende Anton König und die Pfarrer Franz Hufnagel und Josef  Varga. Vgl. Hedwig Schwind, Jakob Bleyer. Ein Vorkämpfer und Erwecker des ungarländischen Deutschtums, München 1960, S. 52 u. 94.

9 Alexander Gießwein (1856-1923), Prälat, führender christlich-sozialer Politiker, trat mit den Siebenbürger Sachsen für eine kulturelle, sprachliche und oprganisatorische Verselbständigung der deutschen Volksgruppe Ungarns ein, Gegenpol zu den „rechts-katholischen“ Klerikal-Konservativen.  
 

10 Neue Post, 13. 02. 1918

11 A.a.O. 10. 05. 1918

12 A.a.O. 19. 05. 1918

13 Herczeg, Ferenc (1863-1954), Schriftsteller, Journalist, Mitglied der Ung. Akademie der Wissenschaften, Sohn der schwäbischen Familie Herzog aus Werschetz, Banat, Piaristengymnasium in Segedin, Studium in Budapest, Redakteur beim nationalistischen Budapesti Hirlap. Vertrat die Auffassung, die Magyarisierung der aus dem schwäbischen Bauerntum entstammenden „Intelligenz“  genüge zum weiteren Aufbau des ungarischen Nationalstaates, vgl. Schwind, a.a.O. 42. Ab 1919 aktives Mitglied der revisionistischen Bewegung, ab 1929 deren Leiter. Vom Horthy-Regime als einer der führenden ungarischen Schriftsteller gefeiert, daher Erscheinungsverbot seiner Werke in der kommunistischen Ära (bis 1980).

Wildmann

14 Graf Michael Károlyi (                     ) sympathisierte mit den Entente-Mächten, arbeitete mit den Sozialdemokraten zusammen, wohl ein ehrgeiziger schwärmerischer Ideologe, der allmählich zum marxistischen Revolutionär wurde; verfolgte ein pazifistisches, demokratisches  Programm; agitierte für einen Sonderfrieden mit der Entente. Nach Auflösung der Partei Koloman Tiszas und dessen Ermordung trat auch Ministerpäsident Alexander Wekerle zurück, worauf der neugebildete Nationalrat Károlyi zum Ministerpräsidenten bestimmte. Vgl. Schwind, a.a.O., S. 55.

15 Jászi, Oskár (1875-1957); Politiker, Universitätslehrer, Soziologe, Theoretiker und Präsident der Bürgerlich-Radikalen Landespartei in der Zeit des Dualismus, Chefredakteur obengenannter Zeitschrift; 1918 Mitglied des Nationalrats, Nationalitätenminister in der Károly-Regierung, als solcher  für die Umgestaltung Ungarns in eine „östliche Schweiz“ mit Gleichberechtigung aller Nationalitäten und Ablehnung der Zerteilung Großungarns, 1919 Flucht vor der Räterepublik ins Ausland und Emigration in die USA.

***

und die Sozialdemokraten im engen Bund mit den Gewerkschaften, deren Mitgliederzahl sich auf 215.000 verdreifacht hatte und in den nächsten Monaten - Politisierung als Folge drückender Not - auf eine Million anstieg.16 Dieser Nationalrat übernahmen am 31. Oktober 1918 die Regierung, erklärte Ungarn zur unabhängigen Republik und lösten das Parlament auf.

2.1. Die beiden Volksräte
Am selben Tag gründete Bleyer den Deutsch-Ungarischen Volksrat diesseits des Königsteigs. Mit dieser geographischem Bezeichnung schloß er die ihm fremden Siebenbürger Sachsen und die auf Rudolf Brandsch17 zurückgeführten alldeutschen Einflüsse, aber ebenso auch die bedeutende deutsche Sektion der sozialdemokratischen Partei aus. Dann aber schien auch Bleyer vom Orkan der Geschichte mitgerissen worden zu sein. So erklärte er vor dem Nationalitätenminister, den es in der Revolutionsregierung zum erstenmal gab, dem seit 1912 die Nationalitätenpolitik verurteilenden Oskar Jászi, "unser Treuegelöbnis gegenüber der ungarischen Nation nur solange für bindend, als diese nicht auf die ungarische Rasse beschränkt wird und die Integrität des Staates Ungarn in seiner Gänze bewahrt werden kann. Im entgegengesetzten Fall behalten wir unser Selbstbestimmungsrecht ohne Einschränkung uns selbst vor." Und er forderte für die Deutschen alle Rechte, "die durch das neu zu gestaltende Ungarn allen andern Volksstämmen zugesichert werden."18
Brandsch versuchte vergeblich, mit seinem Führungsanspruch in diesen Volksrat einzudringen.19 Nachdem ihm das nicht gelang, gründete er, gestützt auf die Siebenbürger Sachsen, die Volkspartei und ihre Ableger sowie auf die deutschen Sozialdemokraten, nunmehr auf breiter Basis am 10. November 1918 seinen Deutschen Volksrat für Ungarn. Die deutschen Sozialdemokraten hatten schon vorher das Regierungsprogramm als "Befreiung aus der nationaler Bevormundung" begrüßt und einen Deutschen Arbeiter- und Bauernrat gegründet.20
Während sich die anderen nationalen Gruppen über alles Trennende hinweg zusammenschlossen, führte die politische Aufsplitterung bei den Ungarndeutschen zu einem gehässigen Kampf.21
Schon am 1. November hatte sich Bleyer von Brandsch distanziert. Zwar sah er sich in vier Forderungen mit diesem einig: Errichtung deutscher Volksschulen und eines Kulturvereins, Leitung der Ungarndeutschen durch die aus ihnen hervorgegangenen Führungspersönlichkeiten, Gebrauch der Muttersprache bei den Behörden sowie die Organisierung des Wirtschaftsbereichs. Den eigentlichen Unterschied sah er in der Haltung zur Staatsnation.22
Noch am Gründungstag überreichte der neue Volksrat Jászi eine Denkschrift mit seinen Forderungen: Selbstbestimmungsrecht im Rahmen des ungarischen Staates, kulturelle, besonders schulische Autonomie, völkisch einheitliche Verwaltungsgebiete, ungehinderter Gebrauch der Muttersprache auf allen Ebenen, Gesetze, die diese Rechte sichern, und Bürgschaften für deren Einhaltung. Bleyers Volksrat wurde aufgefordert, beizutreten. Neun Sitze blieben ihm im Vorstand vorbehalten.23
Im Namen des Volksrats richtete Dr. Guido Gündisch24 einen offenen Brief an Bleyer, in dem er herausstrich, der Hauptunterschied zwischen beiden Volksräten rühre daher, daß Bleyer christlich-sozial, somit  klerikal, eingebunden sei und darum weder von den Sozialdemokraten noch den evangelischen Sachsen etwas wissen wolle. Der Deutsche Volksrat achte Bleyers politisches Bekenntnis, nicht aber den Anspruch, damit das gesamte Deutschtum Ungarns zu vertreten. "Treten Sie bei und wir werden Ihnen die Toleranz zeigen, die Sie vermissen lassen."25
Zunächst gab es zahlreiche Anmeldungen für Bleyers Volksrat sowohl von lokalen Organisationen aus der Zips, dem Banat26 und vom Bonyháder Bauernbund27 als auch von führenden Einzelpersonen wie den Prälaten Alexander Gießwein und Franz Blaskovics.28 Dann aber wendete sich das Blatt und immer mehr Gruppen und Persönlichkeiten gingen zu Brandsch über. Das war ein neuer Zwang zu politischen Entscheidungen, der in dieser aufgewühlten Zeit immer breitere Schichten erreichte. Unter dem Druck Jászis, der ein einiges Gegenüber brauchte, kam es zu Jahresschluß 1918 zur Errichtung eines gemeinsamen Zentralausschusses,29 doch erwies sich in den großen, von Serben, Rumänen und Tschechen besetzten Landesteilen ein Einwirken aus Budapest als immer schwieriger. Wie eine Bombe schlug die unter Mitwirkung von Brandsch  am 8. Januar 1919 im siebenbürgischen Mediasch zustande gekommene Entschließung der Sächsischen Nationalversammlung ein, die, sich den "neuen Tatsachen" beugend, den Anschluß Siebenbürgens an Rumänien bejahte.30 Damit fiel Rudolf Brandsch nicht nur für die ungarische Diskussion aus, er wurde auch als Vaterlandsverräter beschimpft.

2.2. Oskar Jászis Nationalitätenpolitik: Schwerpunkt deutsche Schulen
Jászis Versuche, die landflüchtigen Nationalitäten zurückzugewinnen, erlitten - zu spät gekommen - durchwegs Schiffbruch. Als Experimentierfeld für eine überzeugende Nationalitätenpolitik blieben nur südslawische und slowakische Gruppen sowie  in erster Linie ein beachtlicher Teil des Deutschtums übrig.
Schon am 22. November 1918  führte eine Verordnung des Unterrichtsministers Márton Lovászy den muttersprachlichen Unterricht wieder ein. Die Schulstühle sollten sofort die Frage der Unterrichtssprache behandeln. Nach einem späteren, vom November 1920 datierten zusammenfassenden Bericht des evangelischen Seniors von Tolna-Baranya-Somogy, Scholl, drängte das Volk selbst überall auf die Einführung der deutschen Unterrichtssprache, und es kostete viel Geschick, daß von Ort zu Ort das Ungarische nicht ganz aus der Schule verdrängt wurde.31 Trotzdem zog sich die Umstellung über Monate hin und wurde in vielen Orten erst in der Zeit der Räterepublik durchgeführt, deren Deutsches Volkskommissariat schließlich in 500 Schulen die deutsche Unterrichtssprache eingeführt hatte. Auch da noch bestätigt der Bonyháder Oberstuhlrichter, daß "die deutsche Bevölkerung die Ansprüche auf intensiveren Unterricht in der deutschen Sprache erhob."32 So zeigte sich, daß in dieser es elementar berührenden Frage das Volk aktiv von den ihm wiedergegebenen Rechten Gebrauch machte. László Szita bringt eine Reihe von Beispielen aus einzelnen Gemeinden.33
2.3. Das Autonomiegesetz
Die Wiedereinführung des muttersprachlichen Unterrichts war zwar die dringendste Maßnahme in seiner Natuionalitätenpolitik, aber darin erschöpfte sich Oszkár Jászis Konzeption einer "östlichen Schweiz" nicht. Er strebte einen Nationalitätenföderalismus auf der Grundlage autonomer Gebiete an. So handelte er das "Volksgesetz über die Ausübung des Selbstbestimmungsrechts des ungarländischen deutschen Volkes" aus, das allerdings erst nach seiner Demission am 29. Januar 1919 erschien. Bei diesen Verhandlungen hatten besonders die westungarischen Deutschen starken Druck ausgeübt. Ihnen bot sich nämlich überraschend auch die Möglichkeit des Anschlusses an Österreich an, mit dem sie wirtschaftlich enger verbunden waren als mit Ungarn.34
Das Gesetz gebraucht den Ausdruck "deutsche Nation" und bricht damit mit Ferenc Deáks Terminologie der “einen ungarischen Nation”.35 Gesetzgebende Organe dieser Nation sind die Deutsche Nationalversammlung, die in allgemeiner geheimer Abstimmung gewählt werden soll, das Deutsche Ministerium und die Gouvernements. Bis zur Wahl der Nationalversammlung wird ein deutscher Landesregierungsausschuß gebildet, der aus je vier Vertretern der beiden Volksräte und je zwei der autonomen Gebiete bestehen soll. Als autonome Gebiete werden später in dem von Ungarn noch kontrollierten Gebiet die Landesteile Westungarn, Schwäbische Türkei und Mitte vorgesehen. Allerdings kam die Konstituierung nur in Westungarn voran. Deutscher Minister wurde Johann Junker, ein Banater Schwabe, bisher Tafelrichter in Szeged, dem der Sozialdemokrat Heinrich Kalmár und der Sachse Dr. Peter Jekel als Staatssekretäre zur Seite standen.
Im voraus informiert, hatte Jakob Bleyer in einem Artikel vor dem zu Erwartende gewarnt.36  Schon vorher hatte er mit Johannes Huber, Lorenz Landgraf und dem Generalstabsoffizier Heinrich Werth die Deutsche Christlich-Soziale Partei gegründet.37 Nachdem ihm die Einung der Ungarndeutschen auf seiner Grundlage nicht gelungen war, sah er nüchtern die kommenden politischen Schwierigkeiten voraus, wenn er schreibt: "In welcher Richtung immer die deutsche Frage ihre Lösung fände, die Möglichkeit der Schwierigkeiten, Reibungen, Interessengegensätze, Verbitterungen ist nicht abzusehen. Eben darum darf man nur mit der größten Vorsicht, Umsicht und Voraussicht an dieses Problem rühren." Wieder unterstreicht er das gegenseitige Aufeinanderangewiesensein. Aber: "Die Volksregierung ist in ihrem blinden Eifer darüber (über das Gesetz von 1868, Anm. d. V.) hinausgegangen und hat auch ins Deutschtum den Gedanken der nationalen Autonomie hineingeworfen." Da müsse man vorher wissen, was von Ungarn übrigbleibt, denn "wenn fast nur noch Rassemagyaren zum ungarischen Staat gehören, ist es klar, daß von Kantonsystem und östlicher Schweiz keine Rede sein kann." Aber das werde die Friedenskonferenz wohl ebenso entscheiden wie die Festlegung der Rechte der nationalen Minderheiten. Alles, was darüber hinausginge, vergleicht er mit einer Operette. Brandsch, Gündisch und andere Sachsen, die von einem von der Leitha bis zur Wolga reichendes von den Staatsgrenzen unabhängigen Ostdeutschland träumten, verfolgten eine genau so totgeborene Idee wie das von ihnen propagierte Karpathendeutschtum. (Hier bezieht er sich auf die Aktionen des Czernowitzer Professors Kaindl). Darum mahnt er, "die Hände nicht der sich zusammenbrauenden Tragikomödie zu reichen." Der Volksrat konnte sich indes der Zustimmung zum Gesetz nicht entziehen, und so legte Bleyer dessen Vorsitz nieder.
Auf der andern Seite wurde das Gesetz enthusiastisch begrüßt. Am 11. Februar 1919 fand eine große deutsche Volksversammlung statt. Jászi, der schon vorher38 das Gesetz als "Weg zu den Vereinigten Staaten von Europa" begrüßt hatte und prophetisch warnte, daß bei einer entgegengesetzten Politik "nach zwei Jahrzehnten der zweite Weltkrieg unvermeidlich” sei, begrüßte sie als "das Geburtsfest der deutschen Nation Ungarns". Gießwein, der auch schon vorher geschrieben hatte, daß "unsere Mitbürger deutscher Nation an der künftigen kulturellen führenden Rolle des deutschen Volkes wieder teilnehmen werden, wie sie es früher taten"39, bezeichnete jetzt den Bundesstaat als das neue Ideal und maß der Autonomie der Deutschen hohe Bedeutung für den Fortschritt der Menschheit bei. Die Versammlung forderte "die sofortige und restlose Durchführung des Gesetzes, damit jede Gefahr eines Rückfalls in die alte Nationalitätenpolitik für immer überwunden werde."40

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16 Nevelö, Irén: A háború és a magyarországi munkásság (Der Krieg und die ungarische Arbeiterschaft), Budapest 1980, S. 175.

17 Rudolf Brandsch, (1880-1953), Siebenbürger Sachse, Studium der Theologie und Philosophie in Mar­burg/Lahn, Klausenburg, Berlin und Jena; Oberlehrerexamen, ab 1904 Schuldienst in Siebenbürgen, namentlich in Hermannstadt; ab 1913 Berufspolitiker, große Rednergabe und Volkstümlich­keit, organisierte in Hermannstadt die kleinen Gewerbetreibenden und Handwerker gegen das städtische Patriziat. 1910-1918 Reichstagsab­geordneter im ungarischen Parlament, setzte sich für ein Zusammengehen der Siebenbürger Sachsen mit den Banater Schwaben ein. Nach der Gründung des „Deutsch-Ungarischen Kulturrates" 1911 beauftragt mit Vermittlung von Sti­pendien für begabte schwäbische Schüler in Siebenbürgen;  1913 Gründer und 1913-1914 Leiter des Deutschen Bauernwesens in den deutschen Siedlungsgebieten Ungarns; zeitweilig Fronteinsatz als Offizier. Nach dem Zusammenbruch der österreich-ungarischen Monarchie am 10.11.1918 Gründer und Mitglied des dreiköpfigen Vorstands des Deutschen Volksrates für Ungarn. 1919 bis 1933 Abgeordneter im rumänischen Parlament; bis 1922 Vorsitzender der „Deutschen Parlamentspartei“; 1922 Initiator und von 1922 bis 1933 der erste Vorsitzende des Verbandes der deutschen Volksgruppen in Europa sowie 1927-1933 Mitherausgeber von dessen Organ „Nation und Staat.  Stand nach 1935 der DVR nahe; von 1938 bis 1944 im rumänischen Innenministerium tätig. 1952 vom rumänischen Geheimdienst ins Gefängnis gebracht, in Lagerhaft verstorben.

18 Neue Post, 10. 11. 1918, Pester Lloyd, 7. 11. 1918.

19 Neue Post, 9. 11. 1918.

20 Pester Lloyd, 6. 11. 1918.

21 Pester Lloyd und Neues Budapester Abendblatt, 13.11.1918; Neue Post 12., 14., 18., 22., 24., 30. 11.;  1. 12. 1918, 11.1., 15.1., 31.1. 1919; Westungarischer Grenzbote, 23.11.1918; Neues Politisches Volksblatt, 17. 1. 1919, Deutsches Tagblatt, 8.3.1919

22  Pester Lloyd, 1.11.1918

23  A.a.O. 12.11.1918

24 Guido Gündisch (1884-    ), Siebenbürger Sachse, geb. in Hermannstadt, Rechtsanwalt, 1910-18 Abgeordneter der Regierungspartei, in Budapest vielseitig tätig.

25  A.a.O. 13.11.1918

26  A.a.O. 6.11.1918

27 Neue Post, 2.11.1918

28 Pester Lloyd, 3.11. 1918; Neue Post, 1.11.1918.
  Franz Blaskovics, (1864-1937), Dompropst, Gene­ralvikar des Temeschburger Bistums Piaristengymnasium Temeswar, 1882 Abitur; 1882-86 Theologie­studium Wien, Priesterweihe in Temeswar; 1886 - 93 Herausgeber und Schriftl. des Wochenblatts „Der Land­bote"; 1886–87, 1887-89 Supplentprofessor für Bibelstudien und für Deutsche Sprache am Te­meschburger Priesterseminar; 1889-94 Armenanwalt des Bistums Tschanad; 1893-1918 Schriftl. und Herausgeber der Zeitung „Der Freimütige"; 1895 Direk­tor der „Südungarischen Landwirt­schaftsbank"; 1919-33 Ob­mann des „Südungarischen Landwirt­schaftsvereins" bzw. des „Banater Landwirtschaftsvereins"; 1896-1904 Mitglied des Ungarischen Reichstags; 1904-37 Domherr der Tschanader bzw. der Temeschburger Diözese; 1906 Diözesanschulinspektor; nach dem I. Weltkrieg Abkehr von der magyarophilen Haltung, Mitbegründer der „Schwäbischen Autonomiepartei"; 1921Obmannstellvertreter der „Donauschwäbischen Volksgemein­schaft", Sprecher im „Verband der Deut­schen in Rumänien"; bei der Errich­tung der „Banatia", der „Deutschen­katholischen Lehrerbildungsanstalt" Temeschburg und der Woiteger Acker­bauschule maßgeblich beteiligt; Direktionsmitglied der „Schwäbischen Verlags-AG“; Mitherausgeber der „Ba­nater Deutschen Zeitung"; General­direktor der „Schwäbischen Zentral­bank-A.G."; 1926 - 27 Senator Bukarest; 1926-37 Dompropst.  

29 Pester Lloyd, 1.1.1919.

30 Genau dargestellt in Roth, Harald: Der Deutsch-sächsische Nationalrat. Siebenbürgen 1918/19, München 1993.

31 Szita, László: A nemzetségi nyelvtanitás a Délkelet-Dunántúl a két világháború közötti idöszak oktatásügyi statisztikájának tükrében (Der Unterricht der Nationalitätensprachen in Südost-Transdanubien im Spiegel der Schulstatistik der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen), Baranyai Levéltár Füzetek (Branauer Archivhefte), Pécs 1986, S. 603.

32 Szita, a.a.O., S. 603ff.

33 Szita, a.a.O. S. 609ff.

34 Népszava (Volksstimme), 3. u. 7. 12. 1918; Pester Lloyd, 28.11.; 2., 5., 8., 28., 31. 12. 1918; Neues Politisches Volksblatt, 19., 21., u. 26. 1.1919.

35  Vgl. Senz, Ingomar (Hrsg.): Donauschwäbische Geschichte, Bd. II., Universitas, München 1997, 187ff.                             

36 Budapesti Hirlap (Budapester Nachrichtenblatt), 25.1.1919.

37 Volksstimme, 21.1.1919.

38 Neues Politisches Volksblatt, 31.1.1919

39 A.a.O. 9.2., 25.2. 1919.

40 A.a.O., 11.2.1919; Deutsches Tagblatt, 11.2.1919


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2.4. Politisierung der Dörfer
In den folgenden Tagen fanden sechs weitere Volksversammlungen in der Schwäbischem Türkei statt.41Wie stark diese Monate die Politisierung auch der deutschen Landbevölkerung vorantrieben, macht eine Arbeit über das Komitat Tolnau deutlich. Am meisten profitieren davon die Sozialdemokraten, was darauf hinweist, daß es in erster Linie die ärmeren Schichten waren, die politisch aktiv wurden. Während es vor 1918 nur in Bonyhád und Szakadát einen sozialdemokratischen Ortsverein gab, wurden zwischen November 1918 und Februar 1919  18 neu gegründet, die zwischen 150 und 4000 Mitglieder auf die Beine brachten. In zwei weiteren Dörfern entstand eine Landarbeitergewerkschaft. In Gyönk bildete sich im Dezember ein Soldatenrat aus Heimkehrern.42 In einer einzigen Woche im Januar hielten die deutschen Sozialdemokraten in zwölf Orten Versammlungen ab.43
Nach diesen Daten läßt sich die später oft geäußerte Tendenzbehauptung,  daß die Deutschen an den revolutionären Ereignissen keinerlei Anteil gehabt hätten, zumindest für die erste Phase, die sog. "Asternrevolution",  nicht aufrechterhalten. Im Blick auf den weiteren Gang der Ereignisse ist es aber nicht unwichtig, daß es gerade die Sozialdemokratie war, die auf die schwäbische Bevölkerung eine starke Anziehungskraft ausübte, was später auch totgeschwiegen wurde.
 In Westungarn wurde - hier taucht der Name, zurückgeführt auf die vier  Komitate Preßburg, Wieselburg, Ödenburg und Eisenburg, zum erstenmal auf - die Vierburgenländische Volkspartei gegründet, deren von Dr. Karl Ammon aus Neusiedl entworfenes Programm von einer Versammlung im Wieselburger Komitat einstimmig angenommen wurde.44 Darin wird zur Lösung der Staatsangehörigkeitsfrage eine Volksabstimmung oder ein Schiedsgericht vorgeschlagen.45

2.5.  Die Einigung der beiden Volksräte  
Der Volksrat wurde aber auch im internationalen Rahmen tätig. Nachdem Kalmár schon im Januar beim Vertreter der Siegermächte Calvin Coolidge vorgesprochen hatte,46 überreichten seine Vertreter dessen Mitarbeiter Goodwin im Februar ein Memorandum, wobei es zu einer anderthalbstündigen Aussprache kam. Sie verlangten angehört zu werden, bevor ein Friede geschlossen würde, und schlugen in strittigen gebieten Volksabstimmungen unter neutraler Kontrolle vor. Sie könnten aber nur frei und unbeeinflußt sein, wenn die gegenwärtigen Besatzungstruppen (Serben, Rumänen, Tschechen) vorher abgezogen würden.
An die Stelle des zurückgetretenen Bleyer wählte dessen Deutsch-Ungarischer Volksrat den früheren Torontáler Obergespan Dr. Georg Steuer zum Vorsitzenden, der zu einem Bankett für den Minister auch die verbliebenen Führer des von Dr. Guido Gündisch zusammengehaltenen Deutschen Volksrats für Ungarn einlud, wozu es heißt, er habe die lang ersehnte Einigkeit im Lager der Deutschen Ungarns  zustandegebracht.47  Anders sah es die sozialdemokratische Zeitung Volksstimme. Als die Vertreter der nun einigen Volksräte bei Minister Johann Junker (1864-1922) vorsprachen, wünschte sie mehr Schamgefühl, wenn "die sich gestern noch als geschworene Feinde des Deutschtums gebärdeten, heute als Fürsprecher der Deutschen auftreten. Führer der Deputation Dr. Steuer und der klerikale Schreibknecht Johannes Huber, erinnert ihr euch noch, daß Steuer die Gründung des Deutschen Kulturbundes verboten hat?"48  Tatsächlich hatte Steuer als Obergespan in einem langen mit  28. August 1918 datierten Schreiben an den Ministerpräsidenten, den Innen- und Unterrichtsminister Verwahrung gegen die damals von Bleyer geplante Gründung eingelegt.49 Er hatte zwar auch Kritik an der magyarisierenden Schulpolitik geübt, sah aber, ohne zwischen Bleyers Vorhaben und der deutschen Partei im Banat zu unterscheiden, die größte Gefahr einer solchen Gründung darin, "daß sich der südungarische Schwabe als Mitglied des gesamten ungarländischen Deutschtums fühlen wird." Um diese vermeintliche Gefahr zu bannen, schlug er die Errichtung eines Südungarischen Verbandes vor, der die Nationalitäten mit dem Magyarentum verschmelzen sollte.

2.6. Die deutschen Sozialdemokraten als Träger der   Autonomie in der Zeit der Räterepublik
Viele Ansätze dieser kurzen Zeit wurden zunichte, als Ministerpräsident Michael Károlyi und seine Regierung gegenüber den immer weitergehenden alliierten Forderungen aufgaben und das Land den Sozialdemokraten als der einzigen organisierten Massenbewegung überließen. Diese mußten sich, um regierungsfähig zu werden, mit den von ihnen abgespaltenen, vom Rußlandheimkehrer Béla Kun organisierten Kommunisten arrangieren und mit ihnen eine Volksfrontregierung bilden, die unter dem Namen Räterepublik in die Geschichte einging. Zunichte wurden die bürgerlichen Parteien, die Volksräte. An ihrer Stelle gründete Dr. Guido Gündisch einen Kulturbund, wozu durch eine Verordnung vom 5. Januar keine Genehmigung erforderlich war.50 Die Durchführung der Gesetze über Schulen und Autonomie wurde weiterverfolgt. Bloß lag diese jetzt ganz in der Hand der deutschen Sektion der Sozialdemokraten. An Stelle der Ministerien traten Volkskommissariate, und Heinrich Kalmár wurde deutscher Volkskommissar. Kommunistische Gruppen kamen in den deutschen Gemeinden nicht zustande, aber die sozialdemokratische Organisation machte weitere Fortschritte. Allein in den deutschem Dörfern der Tolnau wurden noch einmal 16 Ortsvereine mit 70-600 Mitgliedern gegründet.  Zwischen dem 18. und 21. März übernahmen Arbeiterräte die Führung vieler Gemeinden. Am 7. April wurden - schnell improvisiert - Wahlen zu den lokalen Räten ausgeschrieben. Neu war, daß auch Frauen wählen durften. In diesem stürmischen Monaten bestand für das Volk tatsächlich allein in der Wahlbeteiligung die einzige Möglichkeit, seinen politischen Willen zu äußern. Allerdings ließ man die Wahl wiederholen, wenn, wie z.B. in Gyönk, die reichsten Bauern gewählt worden waren. Die Frauen machten nur zaghaft von ihrem ungewohnten Recht Gebrauch. An der Spitze stand Bátáapáti, wo unter den 477 Wählern 215 Frauen vertreten waren.51 Obwohl die Räterepublik theoretisch dem damals von Sowjetrußland verkündeten Selbstbestimmungsrecht, das im äußersten Fall sogar die Sezession von Nationalitäten vorsah, zugestimmt hatte, führte sie gegen Ungarns Okkupanten einen neuen Krieg und kämpfte um jeden Fußbreit ungarischen Bodens. Auch die Westgrenze verteidigte sie leidenschaftlich und forcierte daher den Ausbau des dortigen autonomen Gebiets.
Im Mittelgau tagte zwar auch ein Volksrat, er mußte aber die großen Schwierigkeiten bei der Einführung deutscher Schulen zur Kenntnis nehmen. Manche Schuldirektoren behaupteten, ihre Gemeinden hätten keine deutschen Einwohner. Im Pester Komitat wurden sogar Angriffe gegen "die Germanisierungspolitik des Volksamts" gerichtet und auch dagegen, daß es die Kreuze in die Schulen zurücktragen ließ, was Kalmár später bestätigte52.
Die Räte der deutschen Siedlungsgebiete wählten, gestützt auf eine am    27. April 1919 vom Deutschen Volkskommissariat erlassene Durchführungsverordnung, eine Landesversammlung von 70 Delegierten. Diese trat Mitte Juni einmal zusammen.
Heinrich Kalmár forderte in seiner Eröffnungsrede die Ersetzung der Komitate durch spracheinheitliche Gaue, was übrigens in der Praxis infolge zäher Widerstände nicht einmal in Westungarn gelang. Die “ausgerottete deutsche Kultur” sollte wieder aufgebaut, “das kulturelle Zusammengehörigkeitsgefühl aller Deutschen” neu belebt werden und  “deutsche Wissenschaft, Kunst, Literatur und gesellschaftliches Leben (sollten) aufblühen”. Die Versammlung traf die Feststellung, daß ein Ausbau des föderalistischen Bundes aller Völker Ungarns nur auf der Grundlage des Erprobten und bewährten Zusammengehörigkeitsgefühls erfolgen könne, wodurch “die völkische Frage einem einwandfreien Ruhepunkt zugeführt” würde. Die Landesversammlung entwarf eine Verfassung für die autonomen Gebiete und wählte einen fünzehnköpfige Regierungsausschuß. Sie unterstellte alle deutschen Presserzeugnisse der unmittelbaren Kontrolle der Landeskonferenz  und bestimmte die sozialdemokratische Volksstimme zu ihrem Zentralorgan.
Ein Teilnehmer bemängelte, daß viele Kräfte “aus dem früheren klerikalen Klüngel stammen” (d. h. den Anhängern Bleyers zuzuzählen wären), aber Kalmár erwiderte, es sei nicht nötig, daß alle Bevollmächtigten überzeugte Kommunisten seien – das war wohl nur Andreas Leimetter aus Soroksár  - sie müßten aber loyal zur Republik stehen. Auf der gleichzeitig tagenden Landeskonferenz der deutschen Sozialdemokraten waren 310 Ortsvereine vertreten. Viktor Knaller berichtete dort, daß man einen Kurs für deutsche Referentinnen eingerichtet sowie 650 Volksversammlungen und 224 Vorträge gehalten habe. Die ersten Schulbücher seien in Arbeit. Der gewählte Ausschuß, der sich Deutscher Rat nannte, beschloß die Aufstellung einer deutschen Roten Wache. Die deutschen Gaue sollten auch wirtschaftlich eine Einheit für sich sein und mit der Wirtschaft Ungarns föderativ zusammenarbeiten.53 Der Rat trat Ende Juli noch einmal zusammen und  mußte dabei einräumen, daß die Komitate der Durchführung der Verfassung im Wege stünden. Auch kam manche Unzufriedenheit mit den schleppenden Maßnahmen zum Ausdruck.
Was nun die Aktivität des Kulturbunds betraf, so beschränkte sie sich auf die Hauptstadt und deren Ausstrahlung. Es wird von zwei Sitzungen berichtet, die erste fand 19. April und die zweite am 1. Juli 1919 statt.37 Sie befaßten sich mit der Frage landwirtschaftlicher Genossenschaften, der Erziehung der Schulentlassenen, mit der Erforschung der Geschichte, der Sprache und Sitten der Ungarndeutschen sowie mit dem deutschen Theater. Im übrigen scheint der Kulturbund ein mehr oder weniger privater Club gewesen zu sein, der mit großer Erleichterung das Ende der Räterepublik begrüßte.38


2.7. “Erwachen des Volksbewußtseins”
Gemeinhin wird behauptet, zum Erwachen des Volksbewußtseins habe die Begegnung mit der deutschen Armee im Weltkrieg entscheidend beigetragen. Dazu muß gesagt werden, daß immer schon der Dienst in der k.u.k. Armee eine solche Wirkung hatte. Die vorliegende Untersuchung kommt indes zum Ergebnis, daß die politischen Beben, die  im Gefolge des Zusammenbruchs der Donaumonarchie das Königreich Ungarn erschütterten, wesentlich dazu beigetragen haben, unter den ungarländischen Deutschen das Bewußtseins hervorzurufen, eine eigenständige Ethnie zu sein. Die Rolle, die das Jahr 1919, das “Jahr der Revolutionen”, hierbei spielte, kann nicht übersehen werden.
Die Politisierung mit “völkischem” Vorzeichen erfolgte auf drei Ebenen: Die eine bildete die christlich-katholische, die ein sehr gemäßigtes, hungarophiles Deutschbewußtsein vorstellte. Eine zweite Ebene verkörperten jene Kräfte, die sich an ältere, aus dem Banater und siebenbürgischen Raum gespeisten Aufbrüche anlehnten. Die dritte Ebene der ethnischen Bewußtwerdung der Ungarndeutschen bildete das Wirken der sozialistisch-demokratischen Bewegung, die im Zeichen der Selbstbestimmung erfolgte. Letztere Bewußtwerdung aber kam – und der Autor hält es für wichtig, das hervorzuheben – von links und nicht aus einer extremen rechten Richtung.

 

Wildmann/Spiegel – 03A

III. Die  „Gegenrevolution”

 

Ende Juli 1919 lag die Räterepublik in den letzten Zügen. Im inneren Machtkampf waren die Kommunisten nie stark genug gewesen, um die sozialdemokratischen Gewerkschaftsführer zu entmachten. Diese forderten jetzt im geheimen Einvernehmen mit Entente-Vertretern in Wien Béla Kun’s Abdankung. Zugleich rückten die rumänischen Streitkräfte bis Budapest vor. Am 1. August 1919 flohen die Führer der Kommunisten, und der Arbeiterrat bildete eine neue Regierung aus Gewerkschaftsvertretern unter dem früheren Wohlfahrtsminister Julius Peidl. Peidl hatte im März die Fusion mit den Kommunisten abgelehnt, unter seiner Führung zeigte sich die neue Regierung bereit, die Forderungen der Entente zu erfüllen.

1. Der Putsch gegen die Gewerkschaftsregierung
Geheime Widerstandsbewegungen hat es die ganze Zeit über gegeben. Im französisch besetzten Szeged sammelte sich die Gruppe unter Nikolaus Horthy und Julius Gömbös, die dort eine fast nur aus Offizieren bestehende Nationalarmee aufstellte. In Wien bestand eine Gruppe, der Graf Stephan Bethlen und Gustav Gratz angehörten. Im Lande blieb eine christlich-soziale konspirative Gruppe, der von den Deutschen außer Bleyer Feldmarschalleutnant  Schnetzer und als Vertrauensmann in der Roten Armee Heinrich Werth angehörten. Eigentlicher Mittelpunkt war der Zahnarzt Dr. Csilléry.54
Nachdem einige Aktionen fehlgeschlagen waren, stand die auf die christliche Richtung im Sinne von antisozialistisch-antisemitisch eingeschworene Gruppe jetzt vor der Frage, wie sie sich zur neuen Regierung verhalten solle. Nach Gratz hielt man sie für eine getarnte Proletarierdiktatur. Schnetzer warnte, “ wenn das Land seine Rettung der Arbeiterschaft verdanken würde, haben wir die sozialdemokratischen Führer für immer auf dem Hals.”55 Er nahm im Geheimen Fühlung mit den Alliierten Vertretern Romanelli und Fürst Borghese sowie mit dem rumänischen General Basilescu auf, der am 4. August in Budapest einmarschiert war. Obwohl beide, Romanelli und Borghese, entschieden gegen einen Putsch waren, unternahm die Gruppe am 6. August 1919 den kühnen Handstreich und zwang den aller Machtmittel entblößten Ministerpräsidenten Peidl zur Abdankung. Im unklaren darüber, ob es noch eine verteidigungswürdige Arbeiterregierung wäre, nahmen Arbeiterräte und Gewerkschaften die neue Lage ohne Gegenaktion hin, und ehe sie sich versahen, brach die freigesetzte Wut der bisher Unterdrückten überall auf die Reste des alten Regimes herein.

2. Die ersten Regierungen
Neuer Ministerpräsident der neuen, selbsternannten und zum Schein von Erzherzog Josef legitimierten Regierung wurde der ebenfalls deutschstämmige politische Abenteurer Stefan Friedrich. Er scheint erst im letzten Augenblick auf der politischen Bühne erschienen zu sein. Seine Regierung hatte allerdings weder Macht noch Autorität. Die Rumänen ignorierten sie, die Entente weigerte sich, sie anzuerkennen. In Südungarn hatte bis zum Plattensee Nikolaus Horthys Nationalarmee die Macht an sich gerissen. Der Entente war es zu danken, daß die Sozialdemokratie und auch ihre deutsche Sektion und Presse am Leben blieben. Friedrich hatte nämlich, noch bevor sein Kabinett vollzählig war, am 8. August 1919 alle seit dem 30. Oktober 1918 erlassenen Gesetze und Verordnungen pauschal aufgehoben.56 Damit verschwanden auch der deutsche Landesrat und die westungarische deutsche Selbstverwaltung.57
Schwierigkeiten bereitete indes die Wiederbesetzung des dennoch beibehaltenen Nationalitätenministeriums. Da Friedrich seinem jüdischen Freund Polnay ein Ministerium zuzuschanzen gedachte, wollten weder Bleyer noch der als Gesundheitsminister vorgesehene Csilléry ins Kabinett eintreten. Auch dem bisherigen Leiter der westungarischen  deutschen Autonomie, Zsombor, merkwürdigerweise rein magyarischer Herkunft, sowie Gündisch und Gießwein bot Friedrich das Ressort vergeblich an. Letzterer sprach mit einer 60-köpfigen Delegation bei Erzherzog Josef vor, der kurzfristig als Reichsverweser angesehen wurde, war er doch bis zur Revolution Palatin, d. h. Stellvertreter des Königs gewesen, und bat um Beibehaltung der Autonomie. Gießwein erklärte, nur die Autonomie liege in der Richtung einer demokratischen Entwicklung, und Zsombor sagte, nur sie könne der Anschlußbewegung entgegenwirken.58 Tatsächlich blieb aus diesem Grunde die Frage im Blick auf Westungarn in der Schwebe. Nachdem Friedrich schließlich Polnay wieder ausgebootet hatte, übernahm Bleyer am 15. August das Nationalitätenministerium.

Da es nicht gelang, eine für die Entente annehmbare Regierung zuwege zu bringen, schickte diese am 20. Oktober 1919 Sir George Clerk nach Budapest. Clerk erreichte am 14.

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41 Neues Politisches Volksblatt, 21.2.1919

42 Balog, János: Tolna megye a magyar tanácsköztársaság idején (Das Komitat Tolnau zur Zeit der ungarischen Räterepublik), Szekszárd 1965.

43 Volksstimme, 18.1.1919

44 Neues Politisches Volksblatt, 18.2.1919

45 Deutsches Tagblatt, 13.2.1919

46 Volksstimme, 21.1.1919

47 Neues Politisches Volksblatt, 19.2.1919; Volksstimme, 20.2.1919

48 Volksstimme, 22.2.1919

49 AA (Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn) II b 21 1320-22 K 108881-108888.

50 Budapesti Közlöny (Budapester Amtsblatt), 5.1.1919

51 Balog, a.a.O.

52 Volksblatt, 2., 6., 20. 7. 1919; Volksstimme, 12. 6. 1920; Volksblatt, 15. 6. 1919; Volksstimme, 15. 6. 1919

53 Népszava, 30. 7. 1919

37 Volksblatt, 11. 5. und 13. 7. 1919

38 Schlereth, Ludmilla: Die politische Entwicklung der ungarländischen Deutschen während der Revolutionen 1918/19, München 1939, soweit man diesem ziemlich unkritischen Werk Glauben schenken kann.

54 Zum Ganzen: Böhm, Wilhelm: Im Kreuzfeuer zweier Revolutionen.        München 1924, S. 500 ff.; Jászi, Oskar: Magyariens Schuld, Ungarns Sühne. München 1925, S. 159, 168. Népszava, 2.8.1919; Kirschner, Béla: A szakszervezeti kormány hat napja (Die sechs Tage der Gerwerkschaftsregierung). Budapest 1968, S. 69, 141, 147, 152, 163; Gratz, Gustav: A forradalmak kora (Die Zeit der Revolutionen). Budapest 1935, S. 230; Uj Magyar Szemle (Neue Ungarische Rundschau) August 1920, S. 2ff.

55 Pester Lloyd, 6.1.1920, Szózat (Aufruf), 7.1.1920

56 V.O. Nr. 3886/19

57 Bellér, Béla: Az ellenforradalom nemzetiségi politikájának   kialakulása (Die Ausformung der   Nationalitätenrepublik der Gegenrevolution). Budapest 1975, S. 31

58 Bellér, a.a.O., S. 39

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November zunächst den Abzug der Rumänen. In der Folge verhandelte er mit allen Parteien, rückte aber  unter dem Einfluß der ungarischen Führungsschicht immer mehr vom Konzept einer Linksregierung ab.59 Am 16. November zog Admiral Nikolaus Horthy demonstrativ in Budapest ein. Einen Tag später bildete der in Österreich aufgewachsene Huszár eine “christliche” Regierung. Ihr gehörten zwei sozialdemokratischen Ministern an, die allerdings wegen der nachteiligen Behandlung ihrer Partei am 20. Januar 1920 zurücktraten. Erst unter Graf Paul Teleki, der am 19. Juli 1920 die Regierung übernahm, begannen sich die Verhältnisse zu konsolidieren.
3. Bleyer als Nationalitätenminister
Bleyer gab, Nationalitätenminister geworden, unverzüglich sein Programm bekannt, dessen Grundmaxime darin bestand, die unter der roten Herrschaft verschärften nationalen Gegensätzen auszugleichen.60 Das rechtliche Vakuum sollte eine vom Ministerpräsidenten unterschriebene Verordnung über die sprachlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte der Minderheiten beseitigen. Diese V. O. 4044 hatte ein trauriges Schicksal. Die Rumänen, die in Budapest die tatsächliche Macht ausübten, verboten ihre Veröffentlichung im Gesetzblatt, so daß sie darin erst am 19. November erscheinen konnte.61 Nur der zum Regierungskommissar für Westungarn ernannte Graf Sigray, der sich auch sonst für die Belange der Deutschen einsetzte,62 ließ sie in Steinamanger veröffentlichen. Der wesentliche Inhalt ist folgender: Im Parlament und in allen Vertretungen und Kommissionen können die zu nationalen Minderheiten gehörigen Bürger ihre Muttersprache frei gebrauchen. Gesetze und Verordnungen müssen in den Sprachen aller Minderheiten erscheinen. Wo 20 % der Minderheitenvertreter es wollen, sind Protokolle zweisprachig zu führen. Minderheiten können sich an alle Behörden in ihrer Muttersprache wenden; die Behörden haben ihnen in derselben Sprache zu antworten. Dasselbe gilt für Gerichte. Die Kirchen bestimmen ihre Sprache frei. Für die Einrichtung von Höheren Schulen, in denen in der Sprache der Minderheiten unterrichtet wird, ist Sorge zu tragen. Für jede Minderheitensprache ist ein Universitätslehrstuhl einzurichten. Gemeinden, Kirchen und Private können Schulen und Vereine gründen. Zugehörigkeit zu einer Minderheit kann kein Hindernis für die Erlangung von  öffentlichen Ämtern sein.63
Wenn man die genannten Umstände bedenkt, dann war Bleyers schon am 20. September im Ministerrat vorgebrachte Beschwerde, daß die Verordnung nicht durchgeführt werde, sicherlich verfrüht. Seine Eile  wird indes verständlich, weil Stimmen laut geworden waren, die jene, die die Durchführung einforderten “als Ungarnfeinde und Pangermanen” beschimpften. Besonders mangelte es am Austausch der Beamten, die des Deutschen nicht kundig waren. Der Ministerrat gab zwar Bleyer recht,64 vorangekommen ist dennoch nichts.
Am 28. Dezember 1919 brachte der Unterrichtsminister “im Einvernehmen mit dem Minister für die völkischen Minderheiten” einen Erlaß zur Unterrichtssprache heraus. Er teilte die Volksschulen in drei Gruppen ein: reine Minderheitsgemeinden, deren Einwohner das Ungarische beherrschen; Minderheitsgemeinden, in denen wenigstens die Hälfte ungarisch kann und Gemeinden, in denen neben der Minderheit 20 oder mehr magyarische  Kinder vorhanden sind. In der ersten Gruppe ist in der Sprache der Minderheiten zu unterrichten; auf Wunsch können einzelne Gegenstände in ungarisch vorgetragen werden. In den anderen Gruppen werden  Religion, Lesen, Schreiben, Rechnen, Sprachübungen und Gesang in der Minderheitensprache gelehrt, die übrigen Fächer können ungarisch unterrichtet werden. Wo die Magyaren in der Mehrheit sind, kann der Schulinspektor der Minderheit zusätzlichen Unterricht zubilligen. Die Lehrer sollen mit der geforderten Sprache vertraut und zum Unterricht in ihr ausgebildet sein und durch Heranziehung von Volksmärchen, örtlichen Sagen, Volksbrauch und der  Ansiedlungsgeschichte Liebe zum Vaterland und zur eigenen Volkszugehörigkeit wecken. Dasselbe gilt für Kindergärten. Leitung und Aufsicht der Unterrichtsanstalten obliegt beiden Ministern im gegenseitigen Einvernehmen und unter Zuziehung einer “gemischten Kommission”.65
Die Verordnung hatte offensichtliche Mängel und überließ letztlich alles dem Ermessen der Behörden, die Minderheitenwünsche beachten konnten oder auch nicht. Auch war offengelassen, welche Instanz die Zuteilung der Gemeinden zu den vorgesehenen Gruppen vorzunehmen hatte.  Volksbewußte Deutsche übten an dieser Verordnung, die magyarisierenden Tendenzen einige Hintertüren offen ließ, schon damals Kritik.66 Daß Bleyer sich mit dieser Grundschulregelung zufriedengab, läßt sich nur aus  seinem Eingebundensein in das undemokratische Regierungssystem verstehen.
 In der Baranya unterrichteten damals 73 katholische und 15 evangelische, in der Tolnau 22 katholische und 24 evangelische, in der Schomodei 11 katholische und 5 evangelische Schulen allein in deutscher Sprache. Deutsch-ungarischen Unterricht gab es in der Baranya  in 28 katholischen und einer evangelischen, in der Tolnau in 11 katholischen und zwei evangelischen, in der Schomodei in vier katholischen und drei evangelische Schulen.67
Allerdings waren diese Erfolge von kurzer Dauer. Ein scharfer Kampf entbrannte um die Schulen. Ohne Rücksicht auf den Willen des Volkes und ohne sich um die Verordnungen zu scheren, forderten nationalistische magyarische Kreise leidenschaftlich die Rückkehr zum Zustand vor der Revolution, d. h. zur ungarischen Unterrichtssprache. Daß ihre Forderung nicht ohne Wirkung blieb, zeigt die schulische Situation in der Baranya im Jahre 1922: 29 katholische Schulen, die bisher deutsch, und 16, die bisher zweisprachig unterrichtet hatten, waren zum rein ungarischen Unterricht übergegangen; 29 katholische und 9 evangelische, die bislang rein deutsch unterrichtet hatten, waren  gemischtsprachig geworden. Nur 10 katholische und 7 evangelische Schulen erhielten sich nach wie vor deutsch, 5 katholische und eine evangelische gemischtsprachig.68 Während es im ganzen Land 1920 287 deutsche Volksschulen gab, waren es 1921 nur mehr 92 und 1922 bloß noch 58.69
Bleyers Staatssekretär Dr. Georg Steuer war bestrebt, - “trotz meiner Warnung”, wie Bleyer später schreibt – das Deutschtum auch wirtschaftlich zu organisieren und schickte dazu – wieder nach Bleyer – zweifelhafte, bezahlte Agenten aus. So wurde auf einem großen Bauerntag in Budapest am 16. Mai 1920 der Deutsch-Ungarische Bauernbund, den es in Bonyhád schon länger gegeben hatte, neu gegründet und Steuer zu dessen Präsidenten gewählt. Als aber das Pester Komitat – immer Vorreiter auf diesem Gebiet – heftige Angriffe gegen diesen erhob, zog sich Steuer zurück,70 und der Bauernbund verschwand 1922. Nur seine Bank blieb bestehen.71
Als letzter erfolgloser Versuch, Oberungarn zu halten, ist der Entwurf für ein Autonomiestatut der Slowakei anzusehen, den der nationalistische Politiker Rassay mit dem nach Ungarn geflohenen slowakischen Abgeordneten Jehlicska verfaßte und den Bleyer am 9. Januar 1920 dem Kabinett vorlegte.72 Damit und auch mit allerhand Geheimaktionen73 erwies sich Bleyer als eins mit den ungarischen Zielen bis hin zu deren irrationalem Radikalismus.
Schließlich sei noch ein Brief zitiert, den Bleyer im Dezember 1919 an Graf Stephan Bethlen, damals Leiter der den Frieden vorbereitenden Kanzlei, schrieb. Bethlen wollte mit den Budapester Sachsen in Verbindung treten, um sie als ungarntreue Siebenbürger vorzuführen, und hatte daher Bleyer gebeten, zu verhindern, daß diese in der Neuen Post weiterhin angegriffen würden, wie es am 10. und 11. Dezember schon geschehen war. Bleyers Antwort ist deshalb beachtenswert, weil sie die noch unverheilte Verbitterung  gegenüber dem anderen Flügel des Ungarndeutschtums zeigt.
So warnt er Bethlen vor ihnen: Sie hätten, wie der Vaterlandsverräter Brandsch, so viel nicht wieder gutzumachenden Schaden über das Land gebracht. Gündisch sei es gelungen, unter Ausnutzung des Vertrauens der damaligen ungarischen Regierung die Angelegenheiten der deutschen Minderheit ganz an sich zu reißen. Unter Junker und Kalmár seien sie  zu entscheidendem Einfluß gekommen. Ausschließlich Sachsen, Sozialdemokraten und Kommunisten hätten die Geschicke des Deutschtums gelenkt, natürlich weiter in alldeutschem Geist. Schon am 28. November habe er, Bleyer, dem Innenminister zur Kenntnis gebracht, daß den Kulturbund nach dem Machtantritt des Kommunismus die Kommunisten und die Sachsen gegründet hätten: Vorsitzender Kalmár, Stellvertreter Gündisch und Johann Röser74, politischer Abenteurer, der den Anschluß des Banats nach Hermannstadt gebracht habe. Jetzt seien sie als Deutsche Bürger- und Bauernpartei weiter alldeutsch und griffen Bleyer mit dem Vorwurf an, er betreibe die Nationalitätenpolitik der Chauvinisten. Dr. Jekel habe den Antrag auf Abschaffung der Todesstrafe von der Tagesordnung abgesetzt. Dr. Leicht sei politischer Beauftragter des deutschen Volkskommissars gewesen.75
Die verschiedenen Gruppen des “christlichen Kurses” schufen im Oktober 1919 die Partei der christlichen nationalen Einheit, für die die kirchentreuen Deutschen ein wesentliches Wählerpotential bildeten. Bei den Wahlen am 25. – 26. Januar 1920 wurden in den westungarischen Wahlkreisen Bleyer, Huber und vier weitere Deutsche gewählt. Aus der Budapester Umgebung kamen noch drei dazu. Die neun Abgeordneten schlossen sich innerhalb der Partei zur deutschen Fraktion, - das parlamentarische Rückgrat für Bleyer – zusammen. Zu ihrer Unterstützung wurde am 21. Februar eine besondere Christliche Deutsch-Ungarische Integritätspartei gegründet, die neben Bleyer, Lorenz Landgraf, Johannes Huber und den ebenfalls zum Abgeordneten gewählten evangelischen Pfarrer von Agendorf, Edmund Scholtz, zu ihren Vorsitzenden wählte. Die Liste der Gründungsmitglieder zeigt, daß damals noch eine Reihe hoher Beamter aus der Zeit der Monarchie sich zum Deutschtum bekannte.
Außerdem kamen für die Kleinlandwirtepartei Matthes Nitsch für das Gebiet des Heidebodens und Johann Weber für Bonyhád ins Parlament. Der Versuch von Gündisch, gegen die Bleyer-Gruppe aufzutreten, scheiterte. Als Fraktionsloser kam Alexander Gießwein in den Landtag.76

4. Neuer Nationalismus
Es waren verschiedene Motive, die in dieser Zeit zum Aufflammen eines extremen magyarischen Nationalismus führten. Zum einen war es die Ablehnung von allem, was in den vorhergegangenen Monaten geschehen war, die sich im weitgehend spontan aufgebrochenen “weißen Terror” mit zahlreichen Morden, dann aber auch amtlich verfügten Internierungen und Verurteilungen austobte. Sie führte letztlich zur Ächtung von allem, was links war, zu Antisozialismus, Antiliberalismus uns Antisemitismus und zu einem distanzierten labilen Verhältnis zur Demokratie. Das Zweite war die Verbitterung über die tatsächlich schonerfolgte, völkerrechtlich kaum mehr vermeidbare Zerstückelung des Landes, die besonders durch die zahlreichen – teils freiwilligen, teils erzwungenen Flüchtlinge aus den besetzten Gebieten aufgeheizt wurde. Schon Ende März 1919 hatte deren Zahl 150.000 betragen, bis 1924 stieg sie auf 426.000 an. Tausende dieser Entwurzelten lebten in Notquartieren wie ausrangierten Güterwaggons. Die meisten waren aus gehobenen Stellungen ins Nichts gefallen.77
Drittens waren es die aus dem Krieg heimgekehrten Offiziere, bisher Elite der Gesellschaft, die jetzt vor einer undurchschaubaren Zukunft standen und nicht nur in Ungarn, sondern z. B. auch in Deutschland nationalistische paramilitärische Einheiten sammelten. Schon am 30. November 1918 hatten sie – zunächst als Hilfsorganisation – die MOVE78 (Deutsch-Ungarischer Wehrkraft-Landesverein) gegründet und am 16. Januar 1919 Gyula Gömbös zum Vorsitzenden gewählt. Nach ihrer Auflösung am 22. Februar floh dieser über Wien nach Szeged, wo er als Nikolaus Horthys Adjutant die Nationalarmee organisierte. 79 Wir können die dadurch geschaffene öffentliche Atmosphäre nicht besser kennzeichnen als mit den Worten Mócsys: “In Wien und Szeged vereinigten sich die Flüchtlinge aus der ungarischen Räterepublik und die Flüchtlinge aus den Nachfolgestaaten zu einer einzigen gegenrevolutionären Kraft. Aus ihren Flüchtlingserfahrungen erwuchs eine neue radikale Ideologie, gegründet auf kämpferischen Antikommunismus und vermischt mit einer extremen Form von Nationalismus. Diese wurden die Eckpfeiler der Ideologie der ungarischen Rechtsradikalen, während der Horthy-Zeit stolz der Gedanke von Szeged genannt.”80
Während Gömbös die wiedererstandene MOVE in einen rechtsextremen Kampftrupp verwandelte - sie rühmt sich 1920, 100.000 Mitglieder zu haben81-, entstanden bald ähnliche getarnte Geheimbünde, von denen besonders die Erwachenden Ungarn von sich reden machten, die auch schon im Januar 1919 mit einer Demonstration auftraten. Zu ihnen gehörten neben Flüchlingen vor allem Studenten, Offiziere und Beamte. Sie wuchsen rapid und übten ihren Einfluß auf Notäre und die Gendarmerie aus und arbeiteten eng mit dem Székler-Korps zusammen, das sich trotz seiner Teilnahme am Feldzug der Roten Armee gegen Rumänien bald als konterrevolutionäre Kraft erwies.82
Ihr Präsident war Georg Szmrecányi, bis November auch Vizepräsident des Landtags. Zu ihnen gehörten später hervorgetretene Politiker wie Franz Ulain und Tibor Eckhardt, die Bandenführer Ivan Héjjas und Prónay, die die Rongyos Gárda (Lumpengarde) ins Leben riefen. Mit Gömbös waren sie die Führer der Rassenschützer-Partei. Aus zunächst regionalen Flüchtlingsorganisationen entstand die Területvédö Liga (Liga zum Schutz des Gebiets des Landes)83, daneben die Allianz von Etelköz und die Turaner Jäger, um nur einige zu nennen. Gemeinsam war ihnen allen, daß sie keineswegs eine verfehlte Magyarisierungspolitik als Ursache des Abfalls von Ungarn erkannten, sondern im Gegenteil die zu liberale Politik, die die Assimilation der nichtmagyarischen Völker ihrer Ansicht nach nicht mit aller Gewalt erzwungen hatte. Das sollte jetzt anders werden.
Erst allmählich wirkte sich auch die Literatur aus, die unter dem Einfluß von Dezsö Szabó stand. Sein Roman Az elsodort falu (Das weggefegte Dorf) brachte die Idee auf, daß die Juden und die Deutschen Erbfeinde des Magyarentums seien. Der Wirkung des Buches stand zunächst im Wege, daß es im Mai 1919, also in der Zeit der Räterepublik, erschienen war. Bald überwog, daß diese literarische Unterstützung der extremen Rechten nur allzugut in den Kram paßte.
Weite Kreise ergriff die Leidenschaft nationaler Verbitterung, nachdem Ungarn am 4. Juni 1920 gezwungenermaßen den Friedensvertrag von Trianon unterzeichnet hat.

5. Angriffe gegen Bleyer
Dieser extreme Nationalismus wirkte bald als Sprengkraft gegen das bisherige Einvernehmen zwischen Bleyer und seinen Kabinettskollegen. Der erste Angriff auf ihn und sein Ministerium kam vom Komitat Pest am 10. August 1920. Es bezeichnete das Nationalitätenministerium als unnötig und verstieg sich zur chauvinistischen Erklärung: “Keine Nationalität hat ein Recht auf ihre Sprache, sonst können sie zurückgehen, woher sie gekommen sind.”84
Arpad Gálocsy, Präsident der Területvédö Liga, beschwerte sich beim Ministerpräsidenten über angeblich “zielstrebige Arbeit des Nationalitätenministers zur Auflösung der Einheit unseres Vaterlandes,” der Gemeinden die deutsche Unterrichtssprache aufzwinge. Er nennt es eine Frechheit, mit ungarischen Ämtern deutsch zu korrespondieren. Ungarisch solle wieder alleinige Unterrichtssprache werden, was angeblich auch die Alten wollten. Sie wollten die Minderheitenrechte nach Trianon nicht einhalten.85 Auch der Generalstabschef äußerte Zweifel, ob das Nationalitätenministerium eine Lebensberechtigung hat.86
Im Parlament kam es zu Angriffen gegen den tatsächlich fanatischen Johannes Huber. Schon am 21. Juni war es zwischen ihm und Alexander Gießwein in Sachen Wiedereinführung der Stockstrafe zu einem Zusammenstoß gekommen, wobei Huber sich zum Zwischenruf hinreißen ließ: “Die Juden werden ihn als großen Staatsmann preisen.” Der im Parlament zusehends mehr isolierte Gießwein wiederum erklärte mit Bezug auf den Autonomieplan für die Slowakei: ”Die Regierung ist gezwungen, das zu belassen, was wir früher gesagt haben.”87
Der Handelsminister Rubinek verlangte den Parteiausschluß der radikalen Antisemiten, zu denen auch Huber als einziger Deutscher gehörte. Rubinek forderte allgemein, “es solle keine Nebenregierungen (die oben erwähnten Geheimbünde) in jeder Ecke geben. Wir müssen endlich wissen, welche die Regierung ist, der man gehorchen muß.”88

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59 Gratz, a. a. O., S. 256

60 Budapesti Közlöny, 19. 11.1919

61 Bellér, a.a.O., S. 39

62 A. a. O., S. 34

63 Budapesti Közlöny, 19.11.1919

64  Bellér, a.a.O., S. 44

65 Budapesti Közlöny, 18.12.1919

66 Deutsche Arbeit in Ungarn, Nr. 6, 24. 1.1920

67 Szita, László: A nemzetiségi nyelvtanitás... (voller Titel siehe Kapitel II, Fußn.14), S. 616-620

68 Vergleich  von Szita, a.a.O. mit Laki János: A népiskolák fejlödése, illetve        stagnálása a két világháború közötti Baranyában. Baranyai Levéltári Füzetek, Pécs 1983 (Die Entwicklung, bzw. Stagnation der Volksschulen in der Baranya zwischen den beiden Weltkriegen) 

69 Bellér, a.a.O., S. 220

70 Sonntagsblatt, 8.4.1923 (fortab abgekürzt mit “So”)

71 Ginder, Paul, in: SUEVIA PANNONICA 7, 1989, S. 137, der allerdings die Ereignisse etwas anders darstellt als Bleyer.

72 Bellér, a.a.O., S. 57;  Schwind, a.a.O., S. 81

73 Bellér, a.a.O., S. 78-80

74 Zur Person Johann Rösers (1870-1932) siehe Peter Petri, Anton: Biographisches Lexikon des Banater Deutschtums. Marquartsein 1992, Sp. 1587ff.

75 O L, M. E. 93
  Nr. 4, 10.1.1920

76 Deutsche Arbeit in Ungarn, 6.3.1920; Bellér,a.a.O., S. 130

77 Vgl. dazu Mócsy, István: Hungarian Refugees and their impact on        Hungarys Domestic Politics 1918 – 1921 (Ungarische Flüchtlinge und ihr Einfluß auf Ungarns Innenpolitik 1918-1921). New York 1983. 

78 Magyar Országos Vederö egyesület (Ungarischer Wehrkraft-Landesverein)

79 Mócsy, a.a.O., S. 95

80 Ebenda

81 B A, 43/I; Mócsy, a.a.O., S. 163

82 Mócsy, a. a. O., S. 95

83 Mócsy, a. a. O., S. 164 f.

84  Bellér, a.a.O., S. 139 f.

85  O L, K 148 BM 8268/1920

86  Horthy Miklós titkos iratai (Nikolaus Horthys geheime Schriften), S. 42

87  Országgyülési Napló (Parlamenststagebuch) vom 21. 6. 1920

88  Szózat (Aufruf), 13. 2. 1920

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Schwerer wog ein anderer Vorgang: Rubinek setzte sich aus Einsparungsgründen dafür ein, vier kleinere Ministerien einzusparen. Dazu gehörte auch das Nationalitätenministerium. Diese Frage hatte der Abgeordnete Friedrich schon im März aufgegriffen. Rubinek hielt die nunmehrige Zahl der Minister für zu hoch. Ihre höhere Zahl, so erklärte er, “war nach dem Sieg der Gegenrevolution begründet, weil man Gewicht darauf legen mußte, daß jede politische Gruppe in der Regierung vertreten sei. Jetzt, wo es nur zwei dominierende Parteien gibt, sind sechs bis acht Minister genug.”89 Die Spannung zwischen Bleyers Kreis und Rubinek führte zur Verdächtigung, Rubinek wäre es in erster Linie um die Entfernung Bleyers gegangen, doch läßt sich das nicht beweisen. Immerhin stand die Christlich-Nationale Partei noch geschlossen gegen Rubinek. Allerdings fiel diese immer mehr auseinander. Auch Bleyers Kreis überlegte, ob er in ihr bleiben solle.
Am 26. November 1920 kam es zu einer nicht mehr ganz zu klärenden Kritik daran, daß es im Nationalitätenministerium immer noch einen ruthenischen Staatssekretär gab. Da schon wäre Bleyer fast zurückgetreten, aber Paul Teleki, damals Ministerpräsident, stellte sich noch hinter ihn. Doch unter fortgesetzten Angriffen dankte am 1. Dezember die ganze Regierung ab und am 16. Dezember bildete Teleki eine neue Regierung, aus der Bleyer stillschweigend ausgebootet worden war. Mit der Führung des formal weiterbestehenden Nationalitätenministeriums wurde der jeweilige Außenminister betraut.90

6. Die Burgenlandfrage – Bleyers erste Deutschlandreise
Der Grund, warum die Frage der deutschen Nationalität akut blieb, lag in der Gefahr, auch Deutsch-Westungarn zu verlieren. Der Friedensvertrag von Saint Germain hatte diesen Grenzstreifen Österreich zugesprochen. Aber bis zum Friedensvertrag von Trianon im Juni 1920 war das für Ungarn noch nicht verbindlich.
So entstand hier eine äußerst gespannte Atmosphäre. Héjjas überzog das Gebiet mit seiner Rongyos Gárda und wollte mit Gewalt die Übergabe an Österreich verhindern. Am 8. September 1921 kam es zu einem Feuergefecht mit der österreichischen Gendarmerie bei Agendorf. Eine Femegericht verurteilte den Harkauer Pfarrer Bothan zum Tode, er konnte aber nach Österreich fliehen. Auch die Regierung unternahm Anstrengungen, mit Österreich über andere Lösungen ins Gespräch zu kommen. Die radikalen Rechte, die bereits engen Kontakt zu geistesverwandten Kreisen um Ludendorff in München unterhielt, versuchte deren Unterstützung zu gewinnen. So kam es zum halboffiziellen Auftrag des Außenministeriums an Bleyer, mit Huber und Scholtz Fühlung mit solchen Kreisen zu nehmen. Bleyer betrachtete den anstehendeen Verlust Deutsch-Westungarns darum mit Sorge, da mit ihm  das Deutschtum Ungarns seine bewußteste geschlossene Gruppe zu verlieren drohte. Darüber heißt es in einer Aufzeichnung des Deudtschen Auswärtigen Amts: “Am 14. März (1921) haben Bleyer, Huber, Scholtz im Referat Ungarn vorgesprochen. Neben der selbstbewußten Persönlichkeit Bleyers traten die beiden Andern ganz in den Hintergrund. Er gab als Ziel an, daß sie gewisse (durchaus den rechtsstehenden Parteien angehörende) Kreise über die Lage des Deutschtums allgemein und die Westungarnfrage im besonderen aufklären wollen. Er berief sich nicht auf einen besonderen Auftrag des Außenministers (damals Gratz) aber seine Ausführungen spiegeln dessen Auffassung wider. Man will in deutsch-völkischen Kreisen Verständnis für die wirklichen deutsch-ungarischen Interessen wecken. Weiter ergibt sich daraus, daß Bleyer die Kontakte auch nützte, für eine deutsche Zeitung in Budapest, die auch die Interessen des Deutschtums in den angrenzenden Ländern wahrnehmen will, Unterstützung zu bekommen. Da amtliche Förderung nicht stattfinden kann, hoffte er unter Umständen auf materielle Unterstützung deutschnationaler Kreise. Einen Wunsch, an höherer Stelle empfangen zu werden, sprach Bleyer nicht aus. Der Referent verhielt sich rein rezeptiv.”
Das Auswärtige Amt befaßte sich aber weiter mit der Angelegenheit.  Die Berichte des Budapester Gesandten Fürstenberg verraten keine gute Meinung über Bleyer. Er empfahl dem Auswärtigen Amt, “die deutschnationalen Herren in München und Berlin auf Bleyers außerordentlich schädliches Verhalten hinzuweisen und ihm keine Unterstützung zuteilwerden zu lassen.”91
Wenn im Juni Carl Loesch nach Budapest reiste, um weitere Erkundungen einzuziehen, dann scheint dies auf eine Fühlungnahme mit den am Auslandsdeutschtum seit jeher interessierten Kreisen zurückzugehen. Denn Loesch war der Vorsitzende des Deutschen Schutzbunds, der 1919 als Kartell dieser Vereine gegründet worden war.92 Loesch gelang es, mit magyarischen Persönlichkeiten in sehr gute Beziehung zu treten. Nach einem zweiwöchigen Aufenthalt schickte er am 29. Juni dem Auswärtigen Amt seinen Bericht, in dem er Bleyer “einen zwielichtigen Charakter mit wenig sympathischen Eigenschaften” nennt, der sich “im Verlauf des vergangenen Jahres langsam, aber immer stärker zu einem Deutschen zurückentwickelt habe und heute den Ehrgeiz hat, der Führer des ungarländischen Deutschtums zu werden.” Er kritisiert seinen “übertriebenen Antisemitismus” und seinen Legitimismus. Die Budapester Sachsen – Jekel, Gündisch und Oberstleutnant Teutsch – könnten die Schwaben nicht führen, so daß er praktisch keine Alternative zu Bleyer sehe. Dazu trage auch bei, daß die Deutschen eine entsprechende Entfaltung nur im Einvernehmen mit der ungarischen Regierung hoffen können. So empfiehlt er trotz einiger Bedenken, Bleyer und sein “geplantes Wochenblatt” zu unterstützen.
Darauf erst nahm das Auswärtige Amt am 27. Juli Stellung: Das Blatt sei überaus erwünscht. Die Presseabteilung sei aber nicht in der Lage, sich finanziell zu beteiligen, sei aber zu moralischer Unterstützung bereit. Interessierte Kreise müßten Mittel auf anderem Wege beschaffen.93
In der Burgenlandfrage fand sich schließlich Italien zur Vermittlung bereit. Am 13. Oktober 1921 vereinbarte eine Konferenz in Venedig die Übergabe des größten Teils des Burgenlandes an Österreich, verfügte aber, daß in Ödenburg und Umgebung eine Volksabstimmung abzuhalten sei. Daß die Abstimmung am 14. Dezember durch viele Inkorrektheiten in der Stadt ein ausschlaggebendes Ergebnis für Ungarn erbrachte, wird heute auch von ungarischen Historikern nicht mehr bestritten.94 Das Ergebnis der Abstimmung war: Stadt Ödenburg für Österreich 4.620 = 27,2 %, für Ungarn 12.327 = 72,8 %; deutsche Landgemeinden für Österreich 3.359 = 66,5 %, für Ungarn 1.431 = 33,5 %; eine kroatische, eine ungarische Gemeinde für Österreich 248 = 12,4 %, für Ungarn 1.576 = 84,9 %. Gesamtergebnis für Österreich 8.227 = 34,9 %, für Ungarn 15.334 = 65,12 %
In Österreich kam es zu scharfen Protesten: die Abstimmungslisten seien bis zur Hälfte gefälscht gewesen und die Abstimmung hätte unter dem Terror der Freischärler stattgefunden. Aber die dahinter stehenden Staaten hatten keine Lust mehr, die Frage erneut aufzuwerfen. So blieb das Burgenland ohne seine natürliche Hauptstadt und Ödenburg wurde von seinem deutschen Hinterland abgeschnitten.95 Für Ungarn fiel damit der Hauptgrund für eine dem Deutschtum entgegenkommende Politik weg.96
7. Rückgabe der Baranya
Für das verblieben Rumpfungarn war es ein wahrer Trost, daß im August 1921 die Serben den größten Teil der von ihnen besetzten Baranya zurückgeben mußten. Die serbische Militäradministration hatte im Komitat Baranya in allen Schulen und Kindergärten den muttersprachlichen Unterricht eingeführt, der ungarische Sprachunterricht fiel weithin weg.97 Willkürakte der Behördenvertreter der am 25. November 1918 ausgerufenen jugoslawischen Provinz Wojwodina, die sich gegen die bisherige Verwaltung der Baranya richteten, führten indes zu einer Solidarisierung aller Kreise und zu einem Streik, der fast die Wiederherstellung der beseitigten Zustände erreicht hätte. Da kam die Ausrufung der Räterepublik in Ungarn dazwischen und die serbische Kommandantur zog alle Zugeständnisse zurück und schloß die Grenze zum unbesetzten Teil des Komitats völlig ab. Zur selben Zeit war in Paris die Entscheidung dahingehend gefallen, daß dem neuentstandenen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS, später Jugoslawien genannt) nur ein kleines Gebiet der Südbaranya, das zwischen Drau und Donau gelegene “Branau-Dreieck” zugesprochen wurde.
Mit dem Sturz der Räterepublik ergab sich zwischen Ungarn und dem SHS-Staat eine neue Lage. Jetzt hießen die Serben die vor der Gegenrevolution aus Ungarn Fliehenden willkommen und zudem stellte sich die organisierte Arbeiterschaft des  besetzten Teils der Baranya gegen eine Rückkehr ins gegenrevolutionäre Ungarn, dies zumindest so lange, als der “weiße Terror” wütete.98 So kam es, daß die an sich antikommunistische königliche Regierung in Belgrad in der gegebenen Lage eine Chance erblickte, den Großteil der besetzten Baranya endgültig zugesprochen zu erhalten, obwohl darauf gerichtete Bestrebungen auf Arbeiterversammlungen nicht durchdrangen. Den ins Spiel gebrachte Vorschlag eines Autonomie-Status für die Baranya, der viel Aufregung verursachte, führt ein ungarischer Historiker auf seinen realen Gehalt zurück. Die Serben verhandelten über ein solches Statut bloß aus Taktik, um die Räumung möglichst hinausschieben zu können. Zustande gekommen ist sie nicht.99
Die Diskussion dieser Frage blieb übrigens auf die sozialistische Stadtregierung von Fünfkirchen unter  dem Verteidigungsminister der Károlyi-Regierung, Béla Linder, beschränkt und hat die Landgemeinden – und damit das Deutschtum – in keiner Weise berührt.
Als es am 22. August 1921 zur unvermeidlichen Rückgabe des Großteils der Baranya an Ungarn kam, ermöglichte es die jugoslawische Regierung denen, die sich gegen Horthy-Ungarn exponiert hatten, sich abzusetzen. Bethlen - jetzt Ministerpräsident - seinerseits setzte sich für eine tolerante Politik ein: “Die Nationalitäten sollen handgreifliche Beweise sehen, daß die ungarische Regierung der Geist der Befriedung und Versöhnung bestimmt.” Und nach der Inbesitznahme: “Wo die Masse der Bevölkerung nicht ungarnsprachig ist oder wo genügend nicht ungarischsprachige Schulkinder sind, wird die Regierung dem Wunsch der Bevölkerung nach Volksschulunterricht in der Muttersprache und deren freiem Gebrauch kein Hindernis in den Weg legen.” Auch die Delegation der Deutschen aus dem heimgekehrten Gebiet unter Johann Donawell erhielt von ihm das Versprechen, bald eine deutsche Lehrerbildungsanstalt zu errichten.100 Das Ministerium für Kultus und Unterricht wies im Oktober die Schulinspektoren an, “daß in den Schulen, deren Unterrichtssprache nicht ungarisch ist, das System des muttersprachlichen Unterrichts so lange im gegenwärtigen Zustand beizubehalten und jede Maßnahme zu vermeiden ist, die in der Nationalitätenbevölkerung Mißfallen auslösen würde, bis die Regierung aufgrund des G. A.1/1920 die auf diesem Gebiet wahrzunehmenden Widersprüche, Ungerechtigkeiten regelt." Im Januar 1922 kündigte es an, daß es verschiedene Schultypen einführen werde, für die der Wunsch der Eltern bei der Einschulung und die Meinung der Schulbehörden entscheidend sein würden.
Wie aber sah die Wirklichkeit aus? Die Területvédö Liga bestürmte mit zahllosen Eingaben das Komitat, den muttersprachlichen Unterricht zu unterbinden.101 Und sie hatte Erfolg. Schon am 11. September 1921, kaum drei Wochen nach dem Einmarsch der ungarische Armee, beschlossen die Schulstühle der katholischen Volksschulen in Lopáncsa, Magyarboly und Ilocska, daß “der während der Besetzung gefaßte Beschluß (betreffend eine rein deutsche Unterrichtssprache, Anm. d. Red.) seine Geltung verloren hat und der Unterricht ungarisch erfolgen soll, mit zwei Stunden deutsch Lesen und Schreiben von der 3. Klasse an und deutschem Religionsunterricht.”102 So kam es auch in diesem Teil des Komitats zu der oben geschilderten Lage. Ein frühes Beispiel dafür, daß im schulpraktischen Bereich die “von oben” kommenden ministeriellen Erklärungen  und die von lokalen Kräften geschaffenen Tatsachen weit auseinanderklafften, sobald man die Eltern schulpflichtiger Kinder massiv unter Druck setzen konnte.
Johann Donawell, der Wortführer der Baranyaer Deutschen, aber wurde in dem der Regierung nahestehenden Blatt Szegedi Uj Nemzedék (Szegeder Neue Generation) als pangermanischer Agitator und Vaterlandsverräter angegriffen und konnte in einem Prozeß gegen dieses nur einen mageren Vergleich erreichen. Politisch trat er seitdem nicht mehr auf.
8. Gießwein und der Versuch, den Kulturbund zu erhalten
Betrachtet man die Geisteslage innerhalb des ungarländischen Deutschtums, wie sie in dieser Umbruchszeit anzutreffen war,  dann kann man keineswegs behaupten, daß mit der nationalradikalen Wende in der Regierungsgewalt auch die gesamte Bevölkerung die Rechte, die sie in der Revolutionszeit erworben hatte, einfach weggeworfen hätte. Standen die sozialistischen Führer unter dem massiven Druck des “weißen Terrors”, so war den Deutschen, die von der Möglichkeit einer Autonomie gekostet hatten, zunächst noch eine gewisse Narrenfreiheit vergönnt, während der neue extreme Nationalismus sich auf den viel harmloseren Bleyer stürzte.
Dieser Flügel des Deutschtums versuchte, den Kulturbund in die neue Zeit herüberzuretten. Im November 1919 erschien ein äußerlich bescheidenes, inhaltlich aber anspruchsvolles Wochenblatt mit dem Titel Deutsche Arbeit in Ungarn. Seine Herausgabe hatte der Kulturbund am 21. Oktober beschlossen.103 Das Blatt selbst bezeichnet sich aber nicht als Vereinsorgan, sondern betont in seiner Vorstellung seine Unabhängigkeit von jeder Partei. Sein Stab komme aus den “verschiedensten deutschen Parteien.” Im wesentlichen kam er aber aus den Kreisen des Deutschen Volksrats. Schriftleiter war der Sachse Dr. Ernst Imrich. Alexander Gießwein spielte eine herausgehobene Rolle, ferner wirkten mit Dr. Otto Herzog, Dr. Nikolaus Hochstrasser, Dr. Guido Gündisch, Dr. Jekel und Dr. Bruno Schwicker. Als schöngeistige Autoren kamen Ella Triebnigg-Pirkert und der Arbeiterdichter Nikolaus Schmidt zu Wort.
Am selben 21. Oktober beschloß der Kulturbund seine “Wiedergründung” und wählte Gießwein zu seinem Vorsitzenden, von dessen Autorität er sich freilich zu viel versprach. Im Geleitwort des neuen Blattes bekannte sich dieser neben dem Zweiklang von “Vaterland und Muttersprache” zur “Volksgemeinschaft aller Deutschen vom Rhein bis zum Schwarzen Meer.”104 Hochstrasser warb mit allgemein einsichtigen Argumenten unentwegt weiter für die Autonomie, denn nur so würde, wie er schrieb, das ungarländische deutsche Volk seine Mission wahrnehmen können, “Bindeglied zwischen dem Magyarentum und der gesamten abendländischen Kultur” zu sein. Wesentlich pragmatischer argumentierte Gündisch, indem er darauf hinwies, daß “die nationale Gesinnung sich mit Bestrebungen anderer Völker in Einklang bringen lassen müsse.”105 In den Gedichten Nikolaus Schmidts vereinte sich das Sozialistische und das Völkische: “Träger des Fortschritts, Träger des Lichts ... hat man uns Fremden die Flügel beschnitten, selten verstanden in Arten und Sitten, uns Deutschungarn ... wurde verwehrt, frei die Meinung zu sagen, uns mählich verkümmert der Wille zum Wagen.”106 Jekel stellt die “freie individuelle und politische Tätigkeit der Minderheiten” in den Zusammenhang allgemeiner Freiheitsrechte – wir würden heute sagen Menschenrechte: “Lange zurückgedämmte Herrschsucht einzelner Klassen oder Parteien wird aus Furcht, die Macht wieder zu verlieren, zur Unduldsamkeit ... und führt zur Unterdrückung.”107
Mit dem Bericht über die Gründung des Deutschen Schutzbunds wird der Wunsch verbunden, daß durch “enge Verbindung der Verbände der Deutschen im Auslande mit dem Zentralverein im Reich die innerliche Einheit über alle Grenzen hinaus wachse.” Das Blatt bringt das nicht ohne Bedenken – “auf die Gefahr, als Alldeutsche verschrieen zu werden”, es kann sich einzig und allein “um die geistigen Beziehungen des Volkssplitters zum Gesamtdeutschtum handeln ... nicht im geringsten um politische Bestrebungen.”
Denselben Geist spiegelt Imrichs “Seid gegrüßt, ihr deutschen Brüder” wider, im November 1918, mitten im Sturm der Herbstrevolution verfaßt: “Singt mit Urgewalt das neue Lied der deutschen Einigkeit”. So kühn sang man es später nicht mehr. Das Lied wurde, von Ludwig Hackl vertont, auf einem gemeinsamen Abend der Transsylvania und der deutschen Hochschülerschaft vom Budapester deutschen Männerchor am 4. März 1920 uraufgeführt – das alles also gab es damals noch in der Hauptstadt.108

Die Kritik des Blattes an der Schulverordnung haben wir schon erwähnt. Es fügt aber auch hier eine grundsätzliche Stellungnahme an: “Jeder Minderheit ist die Leitung ihres Erziehungswesens von so großer Wichtigkeit, daß sie deren Erledigung ohne Kontrolle und das Recht der Mitbestimmung keiner ministeriellen Behörde überlassen kann. So lange die

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89  Virradat (Morgenröte), 13. 3. 1920

90  Bellér, a.a.O., S. 140 f.

91 AA, II Ung. Pol. 6; Bd., 1, 26.4.1921; Tilkovszky, Loránt: Németország és a magyarországy német kisebbség 1921-1924 (Deutschland und die deutsche Minderheit in Ungarn 1921 – 1924) in: Századok (Jahrhunderte) 112/1

92  IZMA, 148

93  AA, A IV Nr. 205

94  Bellér, a.a.O., S. 212

95  Spiegel-Schmidt, Friedrich: Die westungarischen Deutschen. In: Die     Deutschen zwischen Karpathen und Krain. Ostdeutscher Kulturrat.          München 1994, S. 99

96  Tilkovszky, a. a. O., S. 9

97  Sikföi, Tamás: Az osztályharc és nemzetiségi kérdés néhány problémája Baranya megyében a szerb  megszállás 3. Szakaszában (Einige Probleme des Klassenkampfes und der Nationalitätenfrage in der Baranya im 3. Abschnitt der serbischen Besetzung.) 1. Aug. 1919 - 21. Aug. 1922. In: ,Baranya megye levéltár (Archiv des Komitats Baranya) Pécs 1985, S. 507

98  Szüts, Emil: Adatok a megszállt Baranya-Pécs közigazgatásának helyzetéhez és a visszacsatolás katonai és politikai elökészületéröl.          (Angaben zur Situation der Verwaltung in der besetzten Baranya-            Fünfkirchen und über die militärische und politische Vorbereitung der Rückgliederung). In: Baranya levéltári füzetek (Hefte des Komitatsarchivs Baranya.), Pécs 1983, S. 38

99  Szüts, Emil: Baranya-pécsi autonomiatervek (Autonomiepläne Baranya-Fünfkirchen) 1918-21. In: Baranya levéltári füzetek, Pécs 1986, S. 83

100  Tilkovszky, a. a. O., S. 9

101  Szita, a. a. O., S. 612 f.

102  AA, K 108880, Anl. III u. II

103 AA, U 394, 10.3.1920

104 Schlereth (s. Anm. II/38) S. 100

105 Deutsche Arbeit in Ungarn, Nr. 1, 29.11.1919

106 A. a. O. 3.1. und 17. 1.1920

107  A. a. O., Nr. 1    

108  Nr. 4, 10.1.1920 

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Minderheiten nicht über eigene Vertretungskörper verfügen, die dies im Rahmen der völkischen Selbstverwaltung selbst versehen,” ist jede Lösung unzulänglich.109
Hochstrasser will das verbleibende Deutschtum “zu einem Kristallisationspunkt für das gesamte Deutschtum des Vorkriegsungarn ausgestalten, um so unbedenklicher, als seine Vaterlandstreue über alle Zweifel erhaben, Irredentismus aus dem einfachen Grunde nicht zu befürchten, weil es mit dem großen deutschen Siedlungsgebiet nirgends in unmittelbarem Zusammenhang steht.” Die eigentliche Schwierigkeit sieht er bei der eigenen Uneinigkeit, “in der die Rivalität der beiden Volksräte ungeschwächt fortwirkt.” Das Blatt strebt mit allen Mitteln eine Verständigung an.110
Sicher hatte das Blättchen keine große Breitenwirkung. Wenn es hier eine ausführlichere Behandlung erfuhr, dann aus dem bedenkenswerten Grund, daß hier, ohne jede Beeinflussung von außen, aus dem Deutschtum Ungarns selbst Gedanken entwickelt wurden, die in späterer Folge nahezu alle Nationalitäten Europas aufgegriffen haben.
Der Kulturbund selbst baute zunächst mit optimistischem Schwung  seine Organisation aus. In Westungarn wurden erste Ortsgruppen gegründet. Letztlich aber sind sowohl er selbst wie auch sein Blatt von der Bildfläche verschwunden. Die Regierung verlangte von allen Vereinen die Eingabe ihrer Satzungen zwecks Überprüfung.111 Offenbar hat sie dann die Genehmigung nicht ausgesprochen und damit kurzsichtig auch diesen Ansatz einer deutschen Minderheitenorganisation zerschlagen. Nach dem zitierten scharfen Brief Bleyers ist deutlich, daß auch er gegen diesen Kulturbund war.

 

Wildmann/Spiegel – 04A

IV. Die Regierungszeit Stefan Bethlens

1. Jakob Bleyer in Opposition
Schon bald, nachdem man ihn aus der Regierung ausgebootet hatte, übte Bleyer Kritik an der Nationalitätenpolitik derselben;112 trat aus der Regierungspartei aus und gründete eine eigene deutsche Partei, die nun freilich ohne Rückhalt in einer größeren Partei blieb.
Am 31. Mai 1921 nahm er zum ersten Mal als Oppositioneller an der Budgetdebatte teil. Er mahnte, zur Kenntnis zu nehmen, daß die Nationalitäten im und nach dem Kriege zum Selbstbewußtsein erwacht seien. Er wiederholte seinen bescheidenen Forderungen und beschwerte sich über den Widerstand der unteren Behörden gegen die Regierungsforderungen. Stefan Bethlen, damals bereits Ministerpräsident, antwortete auf die Aufforderung, die Nationalitätenfrage gut zu lösen, mit Worten, die wir nur zynisch nennen können: “Vor dem Weltkrieg gab es in Ungarn keine Nationalitätenfrage, folglich auch keine Nationalitätenunterdrückung. In den Nationalitäten haben der Weltkrieg und die das Prinzip der nationalen Selbstbestimmung verkündenden Friedensverträge den Nationalismus geweckt.” Er wolle dafür sorgen, daß “jeder Bürger von der untersten Klasse bis zur Hochschule in seiner Muttersprache unterrichtet werde und diese auch in der Verwaltung zur Geltung komme.” Freilich ist hier schon ein Haken eingebaut in Form der Klausel: “ohne Gefährdung der Einheit des Staates”. Nichts war im vorherrschenden nationalistischen Denken leichter, als in jeder Maßnahme die zur Erfüllung der vollmundigen Versprechungen des Ministerpräsidenten  hätte dienen sollen, eine Gefährdung der staatlichen Einheit zu sehen. Noch hatte man die Maxime der Politik Bethlens nicht durchschaut: Alles versprechen, aber umso weniger geben.113
Kaum war nämlich die Debatte zu Ende, ernannte Bethlen im Juni Georg Steuer zum Regierungskommissar für die Deutschsprachigen, und dieser trat sein Amt mit einer Denkschrift an, in der er die Linie, die er noch als Staatssekretär unter und mit Bleyer vertreten hatte, völlig verleugnete. Man kann diese Schrift die sachliche Niederlage der Politik Bleyers nennen, denn mit ihr wurde die V. O. 4044 endgültig zu den Akten gelegt. Steuers Prioritätenliste hieß: 1. Patriotische Erziehung, 2. Förderung des ungarischen Nationalgefühls und erst 3. Pflege der Muttersprache, und das auch nur mit der Begründung, “damit sie sich nicht unterdrückt fühlen.”114 Er rechtfertigte seine Thesen damit, daß “die Regierungserklärungen in den letzten Jahren oft soweit gingen, daß sie nicht eingehalten werden konnten. Sie erzeugten Verbitterung bei den Magyaren, falsche Hoffnungen bei den Nationalitäten.” Für ihn genügte es, einige elementare kulturelle Rechte zu belassen, die indes auf keinen Fall eine selbständige deutsche Kultur und deutsche Intelligenz hervorbringen konnten. Erst am 6. Juni 1922 erhielt Steuer aufgrund eines Regierungsbeschlusses vom 11. Februar eine Instruktion über seinen Geschäftsbereich. Nach dieser bestand seine Aufgabe im Absolvieren möglichst vieler Besuche, die den Zweck hatten, “die Bevölkerung zu beruhigen und aufzuklären. Er hatte aber keine Verfügungen zu treffen, sondern lediglich Vorschläge zu unterbreiten.
Einen “Dauerbrenner” der Bethlen-Zeit bildete die Ausrede, die Regierung sei ja guten Willens, aber die unteren Behörden würden alles blockieren! Nun hatte sich freilich auch Bleyer immer wieder über die unteren Behörden beschwert. Aber wie kam es, daß die Regierung ihre untergeordneten Beamten so wenig in der Hand hatte? War es spontaner Widerstand oder doch ein Handeln im Bewußtsein geheimen Einverständnisses? War es nicht – was nie offen ausgesprochen werden durfte – die Durchdringung aller bis zur höchsten Spitze von den allgegenwärtigen rechtsradikalen Geheimbünden, oft mit Recht Nebenregierung genannt, die die eigentlichen Parolen gegen alle Nationalitätenrechte ausgaben? Die Existenz und Wirksamkeit dieser Geheimbünde bildet einen schwer zu durchschauenden und darum von fast allen Forschern gemiedenen Komplex, zumal es dazu kaum Akten in den Archiven gibt. 
In dieser Zeit erfolgte eine nach dem bisher gesagten erstaunliche Wende. In einem Bericht des deutschen Gesandten Fürstenberg am 16. März 1922 schreibt dieser von der “schon über ein Jahr bestehenden Übereinstimmung zwischen Bleyer und Gündisch, der sich aus dem Kreis der Sachsen Jekel und Friedrich Teutsch angeschlossen haben.” Und jetzt – in der ersten großen Krise seines politischen Weges – ist es ausgerechnet Gündisch, dem Bleyer sich anvertraut. Am 9. Juni schreibt er ihm: “Ich wollte Leben und rettende Tat, da von dieser das Schicksal meines Volkes abhängt ... Entweder ganz deutscher Politiker oder ganz deutscher Gelehrter. Dilettantisches Deutschtum ist nicht mein Fall.”115
Bei den Wahlen 1922 zeigte es sich, daß Bleyers Partei ohne die verlorenen Burgenländischen Wähler ohne Chance war. Nur Lingauer konnte sichin Güns durchsetzen, desgleichen Gießwein, der jetzt auch bereit war, auf Bleyers Liste zu kandidieren, in seinem Wieselburger Wahlkreis.  Doch verstarb Gießwein schon ein Jahr darauf. Dagegen konnten bei diesen noch freien Wahlen die Sozialdemokraten mit 24 Abgeordneten ihren größten Erfolg in der Zwischenkriegszeit verbuchen. Dazu trugen wesentlich auch die von Deutschen bewohnten Wahlkreise bei. Ödenburg wählte Dr. Eduard Hebelt, Dorog den späteren Parteiführer Karl Payer, Soroksár Viktor Knaller, Tatabánya Ludwig Karbok.116 Sie vertraten nach wie vor in der Nationalitätenfrage einen radikaleren Standpunkt als Bleyer, so vor allem, daß nur ein demokratisches Ungarn die Nationalitätenfrage lösen könne.117 Sie waren damals die einzigen, die in den Dörfern die Nationalitätenfrage behandelten. Das ging den amtlichen Stellen derart auf die Nerven, daß sie die Behandlung der Nationalitätenfrage – ein jeder Redefreiheit hohnsprechender Willkürakt – kurzerhand verboten.
Bei diesen Wahlen kam auch der aus der deutschen Sektion der katholischen Volksvereine hervorgehende Priester Ladislaus Pintér zum ersten Mal ins Parlament.
Für Bleyer war das Wahlergebnis über seine persönliche Niederlage hinaus ein schlimmes Omen. Er kritisierte jetzt, daß die Wahl nicht geheim gewesen sei und prangerte die “empörend brutale Art und Weise” ihrer Durchführung an.118 Es dürfte sich indes um eine übertriebene Reaktion zu handeln, sonst hätten die Sozialdemokraten nicht so erfolgreich sein können. Erst die späteren Zustände sollten die Kritik Bleyers voll rechtfertigen. Bleyer schreibt: “Der christlich-demokratische Kurs ist zu Ende und der liberal-kapitalistisch-ständische Kurs nimmt seinen Anfang ...” Und im Blick auf die neue Regierungsmannschaft: “Auferstanden sind fast alle, die der Zusammenbruch unter seinen Trümmern begraben hatte ... Der Liberalismus bedeutet Freiheit der Starken gegen die Schwachen, Selbstsucht der Reichen, Unterdrückung der Armen, Selbstherrlichkeit oben, Ungerechtigkeit nach unten... auch Herrschaft der Gewalt, die unsere deutsche Muttersprache in Schule und Verwaltung verpönte.”119
Als Ergebnis der bisherigen Untersuchungen muß eine Legende als solche entlarvt werden. Sie heißt in ihrer deutschen Variante: Bleyer, Vater und Erwecker der Deutschen in Ungarn. Er selbst führte dieses Erwachen auf andere Einflüsse zurück. Wir fügen hinzu: Es ist weithin gegen ihn erfolgt. Damit fällt aber auch die magyarische Variante, die in den folgenden Jahren gern aufgetischt wurde und etwa so lautet: Die Schwaben waren ruhig und patriotisch (assimilationswillig), da kam Jakob Bleyer und ... mit ihm der “Pangermanismus”.  Pauschal und ohne jede nähere Kenntnis, was es bedeutete, brachte man dieses Schlagwort in Umlauf. In Wirklichkeit war Bleyer in diesen Jahren nur eine, vom Versuch zu vermitteln herkommende, oft mehr bremsende als aneifernde, dann allerdings eine zunehmend beherrschende Figur.
Das “Erwachen” hing eng mit dem Bewußtwerden demokratischer Volksrechte zusammen und erfolgte in einer Zeit, als vom daniederliegenden verarmten deutschen Reich überhaupt kein Einfluß ausgehen konnte. Es war Bleyers Tragik, daß er – zu sehr der magyarischen Führungsschicht verbunden – sich diesem demokratischen Denken nicht zuwenden konnte und sich damit der Waffe gegen den faschistoiden Rechtsradikalismus begab.
Wir haben diese oft übergangenen Anfangszeiten darum so ausführlich behandelt, weil sie neues Licht auf die tragische ungarisch-deutsche Geschichte werfen und gerade im Sinne von Günter Schödls Fragestellung einen starken Schub nationalbewußter Politisierung und demokratischer Modernisierung brachten.
Das jetzt herrschende Regime, getreue Neuauflage der alten Adelsherrschaft, wollte gerade von einer Demokratisierung nichts wissen. Die folgende Zeit wurde eine Zeit bewußter Unterdrückung jeder solchen Regung zugunsten hohler nationaler Phrasen. Wer sich für Freiheit oder soziale Belange einsetzte, war bald zum “kommunista” (Kommunisten), wer sich für Minderheitenrechte engagierte, zum “pángermán” (Pangermane) gestempelt. Treffend schreibt dazu der Bonyháder Lehrer und Schriftsteller Wilhelm Knabel, der sich in der Rätezeit für deutsche Schulen engagierte und dann erst nach Gefängnis und mehrjähriger Emigration wieder in sein Amt zurückkehren durfte: “Für jedermann galt es, sich patriotisch zu verhalten, d. h. sich zum Magyarentum zu bekennen und allen sozialistischen Bewegungen fernzubleiben.”120
Unter dieser zielstrebigen Entpolitisierung des Volkes zog sich die Erinnerung an die Jahre des Aufbruchs in den Untergrund zurück, verdrängt, aber nicht abgestorben.

2. Das Sonntagsblatt
Mit dem Verlust der westungarischen Leser war die Nachfolgerin der Neuen Post, Bleyers Pester Zeitung als Tagblatt nicht zu halten. Sie stellte im Herbst 1921 ihr Erscheinen ein. In der Budapester Umgebung war die Konkurrenz des alteingeführten und geschickt lavierenden Neuen politischen Volksblatts nicht zu schlagen. Dieselbe Entwicklung machte übrigens zur gleichen Zeit die Volksstimme durch, bis sie am 24. Juni 1924 ihr Erscheinen einstellte.121 Als letzte Möglichkeit bot sich Bleyer die Herausgabe eines Wochenblattes an.
Der Plan der Schaffung eines Wochenblattes war es, für den Bleyer in Deutschland Unterstützung suchte. Für ihn setzte sich Carl von Loesch, allerdings vergeblich, ein. So gründete Bleyer unter erheblichen persönlichen Opfern im Oktober 1921 das Sonntagsblatt. Seine Schriftleitung übernahm Johann Faul-Farkas. Schon nach einem halben Jahr kam es zum ersten Zusammenstoß. Der Ödenburger Alfred von Schwartz hatte als Nachhall zur Volksabstimmung eine Broschüre veröffentlicht, in der er, der sich für Ungarn eingesetzt hatte, der Frage nachging, warum sich die Mehrheit der Deutschen von Ungarn abgewandt hatte.122 Diese Schrift behandelte Anton König im Sonntagsblatt.123 Zitierend verwies er auf  darauf, “wie man in Ödenburg erst das deutsche Theater, dann die deutsche Mittelschule, die deutsche Lehrerpräparandie, die deutschen Gemeindevertretungen und zuletzt auch die deutsche Volksschule abgeschafft hat.” König  stimmte von Schwartz  auch in den Folgerungen zu: “Es gab damals schon viele, die Zweifel und Bedenken trugen, ob die rücksichtslose Beseitigung des deutschen Unterrichts der richtige Weg zum Aufbau des modernen Ungarn sei..., so daß diese gewaltsame Politik eine seelische Entfremdung schuf... das deutsche Volk mißtrauisch stimmte und zur Ursache wurde, warum die Deutschen bei der Volksabstimmung Ungarn im Stich ließen.” Nachdem er bedeutende ungarische Politiker angeführt hatte, schloß König mit den Worten: “Erfaßt Ungarn dieses Problem der gerechten Lösung der Nationalitätenfrage nicht, dann wird sie ohne und gegen das Magyarentum gelöst werden, was die Ausschaltung Ungarns aus der Reihe der mitteleuropäischen  Staaten und seine endgültige Degradierung zum Balkanstaat herbeiführen würde. Es steht alles auf dem Spiele.”
Daraufhin verbot der Innenminister am 27. Juni 1922 bis auf weiteres Erscheinen und Verbreitung des Sonntagsblattes “wegen seines die Ordnung im Lande und die auswärtige Politik des Landes gefährdenden Inhalts”. Als Grund wurde der obige Artikel angeführt, der “die Nationalitätenfrage in einer Weise dargestellt hat, als würde die deutsche Nationalität gewaltsam unterdrückt und verfolgt.” Die Broschüre selbst ist am 11. Juli konfisziert, aber schon wenige Tage später wieder freigegeben worden. Erst am 19. Juli, nachdem er in mündlicher Aussprache “über die wahren Bestrebungen unseres Blattes aufgeklärt worden war” , hob der Minister das Verbot auf.124 Doch die Angriffe hörten nicht auf. Selbst die Diözesanbehörden beteiligten sich daran und forderten Berichte ein, welche Gemeinden das Blatt beziehen, “das das Volk konsequent gegen die ungarische Staatsidee aufreizt.” Eine Fünfkirchner Zeitung forderte nach massiven Angriffen “Verfügungen zur gesellschaftlichen Propaganda, damit das Sonntagsblatt sich nicht unter dem Volk verbreitet.”125

Das Sonntagsblatt war das Organ, durch das Bleyer und seine Freunde die Sache der deutschen Nationalität immer wieder vor die Öffentlichkeit tragen konnten. Zwar blieb seine Auflage bescheiden – Anfang 1922 5.000. Aber 1925 rühmt sich Bleyer, es würde in jedem deutschen Dorf gelesen und erfreue sich einer größeren Verbreitung als alle andern in Betracht kommenden Presseorgane.126 1927 war es immerhin in 400 Dörfern verbreitet,127 wo es in den Lesevereinen von vielen gelesen wurde. Fast ebenso wichtig war seine Ausstrahlung zur ungarischen Seite hin. Zur Haltung des Blattes sagte Bleyer selbst: “Im Sonntagsblatt machen wir keine eigene Politik, unser ganzes Bestreben ist allein darauf gerichtet, unser schwäbisches Volk auf die Bahn christlicher Sitten, treuer Liebe zum Vaterland und zum angeborenen Volkstum zu

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109  A. a. O., 13.3.1920  

110 A.a.O., 24.1.1920; Nr. 10, 6.3.1920 

111 Budapesti Közlöny (Amtsblatt) 30.9.1919

112  Pester Zeitung, 13.1.1921

113  Bellér, Béla: Az ellenforradalom nemzetségi politikájának kialkulása (Die Ausformung der Nationalitätenrepublik der Gegenrevoution, Budapest 1975,  S. 153

114  Bellér, S. 160

115  Schwind,  S. 90

116  Bellér,  S. 232; Tilkovszky, : A magyarországi Szocialdemokrata Párt tevékenysége
   a német nemzetiség körében 1919-31 (Die Tätigkeit der ungarischen Sozialdemokratischen  Partei in der deutschen Nationalität) Párttörténeti Közlemények (Mitteilungen zur Parteigeschichte)  XXVIII 14, Budapest 1982, S. 71

117  Ders., a. a. O. S. 77

118  Sonntagsblatt, 11.6.1922  (fortab abgek.: So.)

119  So., 25.6.1922

120  Knabel, Wilhelm: Zur Heimat zieht der Brotgeruch. Budapest 1982, S. 215

121  Tilkovszky, a. a. O. S. 78

122 v. Schwartz, Alfred: Die Zukunft der Deutschen in Ungarn. Epilog zur Ödenburger Volksabstimmung. Ödenburg 1922

123  So., 7.5.1922

124  So., 23.7.1922; Tilkovszky, Németország ... S. 23, AA U 33, 1.1. 1923 Bericht Gesandtschaft  Budapest

125  So., 13.4.1924

126  So., 29.3.1925

127  Schwind, Hedwig: Jakob Bleyer. München 1960, S. 94

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leiten.”127 So hielten sich allgemeine politische Stellungnahmen des Blattes im Fahrwasser der Regierungspartei und vertraten deren revisionistische Haltung. Darüber hinaus stand es dem Deutschtum im Reich, Österreich und den Nachfolgestaaten freundlich gegenüber, beschäftigte sich mit allen Minderheitenfragen und bekämpfte jede Form von Sozialismus. Es war stark katholisch geprägt, und die Redaktion veranstaltete Wallfahrten nach Maria Zell und Oberammergau. 1923 sammelte es für die hungernden Kinder im Ruhrgebiet, wozu Bleyer einen erschütternden Aufruf schrieb, in dem er das Auslandsdeutschtum den Meeraugen der Tatra verglich, die nach der Sage tief unten mit dem Meer – dem deutschen Weltmeer – verbunden sind.128 Im Feuilleton überwog Heimatliteratur.129 In seinen Auseinandersetzungen griff es oft weit in die Vergangenheit zurück, die es genau darstellte, so z. B. in seinen gegen Dr. Steuer130 oder Dr. Bonitz131 gerichteten Artikeln.
 In einer bemerkenswerten Betrachtung gesteht Bleyer zu, daß “die völkischen Minderheiten überall auf der ganzen Erde im Weltkrieg und im Lauf der folgenden revolutionären Bewegungen erwachten.” Das sei das “Ergebnis einer Weltströmung, die von einer Weltidee genährt wird.” Darum sei auch “das völkische Bewußtsein des Deutschungartums nicht künstlich hervorgerufen worden, sondern wurde aus der Notgemeinschaft der Kriegs– und Nachkriegsjahre geboren.”132
 Die materielle Lage des Blattes blieb indes kritisch. Gesandter von Fürstenberg empfahl dringend eine finanzielle Unterstützung für das Blatt.133

3.  Das Urteil des Auslands
Es muß hier ein Wort zur Beurteilung Bethlens angeführt werden. Einerseits urteilt die deutsche Gesandtschaft über ihn, was die Minderheitenfrage betrifft, daß er “zu der Kategorie ungarischer Politiker gehört, denen das Verständnis für die Imponderabilien der Minderheitenschutzfrage im eigenen Lande nicht völlig abgeht, und da von ihm, allerdings unter Voraussetzung entsprechender Einwirkung, ein gewisses Entgegenkommen erwartet werden kann.”134 Das auswärtige Amt anderseits ist skeptischer: “Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die ungarische Regierung – sei es ihrer eigenen Maxime folgend, sei es unter dem vielleicht selbst lästig empfundenen Einfluß des chauvinistischen Flügels der Einheitspartei dem ungarländischen Deutschtum gegenüber eine Politik verfolgt, die kaum anders denn als Rückfall in die Zeit der Magyarisierungsbestrebungen und der nationalen Unduldsamkeit gedeutet werden kann.” Es stellt eine “planmäßig angewandte Methode der Einschüchterung und Niederhaltung der Bekundungen nationaler und kultureller Eigenart” fest, setzt aber beim Ministerpräsidenten “seiner persönlichen Einstellung nach entsprechendes Verständnis” voraus.135
Der erwähnte chauvinistische Flügel, der in einer andern Akte eine “Art von militärischer Nebenregierung” genannt wird, stellte eine große Belastung der amtliche deutsch-ungarischen Beziehungen dar. Dies nicht nur wegen des engen Verhältnisses zu entsprechenden Kreisen in Bayern, die das Ziel verfolgten, in Mitteleuropa die demokratischen Regierungen zu beseitigen, sondern darüber hinaus, weil diese Kreise die nach Ungarn geflohenen Mörder des Reichsfinanzministers Mathias Erzbergers versteckten und Bethlen trotz eines gegebenen Versprechens nicht in der Lage war, gegen diese mächtige Organisation deren Auslieferung zu erzwingen. Man hegte in Weimar den Verdacht, daß Budapest angesichts der Unterstützung deutsch-nationalistischer Kreise für Gömbös, die in Ungarn als das “wahre, künftig maßgebende Reichsdeutschtum” galten, Protesten wegen der Behandlung der deutschen Minderheit kein großes Gewicht beilegen würde.136
Durch eine ungarische Taktlosigkeit, die Bethlen später auf Gömbös- Gefolgsleute im Ministerium schob, rückte diese Frage in den Vordergrund. Man hatte den deutschen Beschwerden über heimliche Besuche von Vertretern einer deutschen revolutionären Bewegung die Besuche Bleyers in Deutschland gegenübergestellt, wogegen das Auswärtige Amt empört protestierte, da Bleyer “stets vom glühenden Wunsch nach engem Einvernehmen beider Nationen getragen” war. Der Anwurf, er sei “Einflüsterer aller Verdächtigungen in der Minderheitenfrage gegen Ungarn”, wurde abgewiesen. Dagegen verwies man auf die bittere Enttäuschung der Deutschen in den abgetretenen Gebieten angesichts der Tatsache, daß dem ungarländischen Deutschtum selbst die durch Gesetz festgelegten Rechte von den Behörden und der Geistlichkeit beschnitten würden. Hier wird auch das Verhalten in der von den Serben geräumten Baranya genannt und scharfe Kritik an der Vergangenheit Steuers geübt. Schließlich bedauert das Auswärtige Amt, daß es nicht mit Ungarn Hand in Hand arbeiten könne, um dem Minoritätsgedanken zur Geltung zu verhelfen, solange in diesem Land die eigenen Grundsätze kompromittiert würden.137
Auch die in vielen Ländern zur Unterstützung des Völkerbunds entstandenen Völkerbundligen spielten eine Rolle, da sie sich der Minderheiten annahmen. Bei einer ihrer Zusammenkünfte in Prag im Juni 1922 trafen sich zum ersten Mal deutsche Minderheitenpolitiker aus verschiedenen Ländern. Dadurch ermutigt trugen Gündisch und Bleyer dem deutschen Gesandten Vorschläge vor, wie das Reich auch das Deutschtum in Ungarn unterstützen könne. Darauf erarbeitete die Gesandtschaft eine Aufzeichnung für das Auswärtige Amt und befürwortete die Gewährung finanzieller Unterstützung, nachdem “einige der Führer der deutschstämmigen Intelligenz” für das Sonntagsblatt so große Opfer erbracht hätten, “daß sie kaum zu leben haben.” Eingehend befaßt sich die Schrift mit der Frage politischer Unterstützung für die rein kulturellen Ziele der Minderheit und führt dazu aus: “Es würde die Einwirkung auf die ungarische Regierung erleichtern und ihr den unangenehmen Beigeschmack einer Einmischung eines fremden Staates in ihre inneren Angelegenheiten nehmen, wenn solche Demarchen im Rahmen der grundsätzlichen Erörterung der Minderheitenrechte erfolgten.”138 Allerdings war das in schweren Krisen steckende Reich damals zu arm, um wesentliche Zuschüsse leisten zu können.
Eine weitere Folge des Prager Treffens war eine Konferenz der deutschen Minderheiten am 22. Oktober 1922 in Wien, zu der Bleyer wie vorher nach Prag Gustav Gündisch entsandte, den er von da an immer wieder einsetzte, wo es um Auslandsbeziehungen ging. Hier wurde ein Zusammenschluß der deutschen Minderheiten in Europa beschlossen. Nach seiner Heimkehr meldete sich Gündisch bei Bethlen, um ihm Bericht zu erstatten, aber erst, nachdem der zum Reichskanzler nominierte Geheimrat Wilhelm Cuno am 11. November die Deutschtumsfrage bei ihm angeschnitten hatte, empfing er am 16. November Gündisch, schickte ihn aber erst zum Gesandten Kálmán Kánya ins Außenministerium. Mittlerweile hatten die Völkerbundligen Ende Oktober in Budapest getagt und eine Kommission zur Frage des Minderheitenschutzes gegründet. Ungarn zeigte sich, wie immer bei solchen Gelegenheiten, von seiner besten Seite und überschwemmte die Delegierten mit Informationsmaterial. Auch da kam es zu einem Gespräch des deutschen Delegierten Graf Bernstorff mit Bethlen, der ihm ebenso wie nachher Cuno versprach, die Frage der deutschen Minderheiten demnächst anzupacken. Der in diesen Fragen sehr engagierte britische Delegierte Dickinson ließ sich von Bleyer informieren. Die deutschbömischen Vertreter Graf Ledebur und Senator Medinger drangen auf eine bessere Nationalitätenpolitik.139 Am 12. November fand in Zsámbék eine von vielen Tausenden besuchte Versammlung der Schwaben statt, die Bethlens Versprechung begrüßte und die unterirdische Wühlarbeit verurteilte. Sie verlangte die Genehmigung landwirtschaftlicher und kultureller Vereine und deutscher Schulen. Die Folge war, daß Zsámbék bei der Bodenreform unverhüllt als Zentrum der deutschen Agitation bezeichnet und zurückgesetzt wurde.140 Auch diese Versammlung hat Gündisch geleitet.141
Über die beiden Gündisch gewährten Audienzen liegt ein Bericht von ihm vor, den der Gesandte nach Berlin weitergab.142 Bei Kánya kam es zu einem Disput über die deutsche Minderheitspolitik. Als Gündisch darauf hinwies, daß Deutschland sich für den Minderheitenschutz einsetzen wolle und mit Ungarn keine Ausnahme machen könne, antwortete Kánya mit der entlarvenden Bemerkung, es sei zweierlei, etwas nach außen hin zu verkünden und etwas in der Praxis zu handhaben. Hat er damit – so sah man es bald – aus Bethlens Nähkästchen geplaudert? Bethlen stellte dasselbe in Aussicht, was er schon Bernstorff und Cuno gesagt hatte, und fügte hinzu, daß er beabsichtige, “einen deutschen Senat zu organisieren”. Zu einem solchen ist es freilich nie gekommen. Ermutigt durch all diese Vorgänge entschlossen sich Bleyer und Gündisch zu einer vertraulichen Information der Reichsregierung, die der Gesandte übermittelte. Sie gipfelte in der Feststellung: “Einer Lösung ist die Regierung bis heute systematisch ausgewichen, weil hier das Gefühl vorherrscht, daß Winkelzüge und nicht einzuhaltende Versprechungen genügen, die deutsche Regierung zu beruhigen, während gleichzeitig das Magyarisierungswerk inzwischen vollendet wird.”143
Am 3. April 1923 versprach Bethlen dem deutschen Gesandten, daß er die Vertreter des Deutschtums zu Verhandlungen einladen werde. Der Gesandte erkennt in seinem Bericht zwar an, daß Bethlen mit Erfolg bemüht sei, sich vom Druck der Elemente um Gömbös freizumachen. Gömbös war aus der Regierungspartei ausgetreten und hatte eine eigene Rassenschützerpartei gegründet. Sonst aber ist der Bericht skeptisch, er verdächtigt Bethlen, Möglichkeiten zu Ausreden zu nützen und heikle Probleme zu verschleppen. Aber: “Es dürfte ihm klar geworden sein, daß Deutschland sich nicht an der Nase herumführen lassen will.”144

4. Die Schulverordnung
Zunächst er schien die Verordnung 4800/1923 über den Sprachgebrauch in der Verwaltung mit dem selben Inhalt wie die seinerzeitige Verordnung 4044 aus Bleyers Ministerzeit, höchstens etwas ausführlicher.145 Es war üblich, von solchen Verordnungen Besprechungen mit Vertretern der Nationalitäten zu halten. Es ist auffallend, daß Graf Albert Apponyi die Teilnahme Bleyers verlangte. Wer wollte ihn in aller Stille ausbooten? Steuer? Apponyis Begründung: Bleyer sei der einzige unter den Deutschen, der sowohl hier wie draußen wirkliche Autorität habe.146 Im Parlament kam es zu einer scharfen Debatte, obwohl dieses über eine bloße Verordnung keinen Beschluß fassen konnte.
Am 5. Mai 1923 fand die Besprechung über die Schulfrage statt. Die Regierung vertraten Unterrichtsminister Graf Kuno Klebelsberg, Steuer und Sektionschef Pataky. Außerdem nahmen Gratz, Bleyer, Gündisch und der Abgeordnete Dr. Bonitz daran teil. Pataky trug den Regierungsentwurf vor. Gratz beanstandete die zu weit gehende Anpassung an das kompromittierte Gesetz von 1868 und forderte ein ganz neues liberales Nationalitätengesetz. Dabei unterstützte ihn Gündisch. Aber Klebelsberg fürchtete in diesem Falle das Parlament und wollte sich  mit einer Verordnung zufrieden geben. Bleyer teilte diese Sorge und stimmte ihm zu. Bei der inhaltlichen Frage, wie die Unterrichtssprache der einzelnen Schule festzulegen sei, wandte sich Bleyer, hier sogar von Pataky unterstützt, nach den schlechten Erfahrungen der letzten Jahre gegen die Elternkonferenzen mit der Begründung, daß diese jedem Druck von oben ausgesetzt wären. Aber Klebelsberg scheute eine Feststellung nach statistischen Daten, aus Angst vor den chauvinistischen Angriffen, “man zwinge den Deutschen die deutsche Schule auf”. So blieb es bei der Entscheidung der Eltern zwischen den drei Typen: A - rein deutsch mit ungarischem Sprachunterricht; B - ein Teil der Fächer wird deutsch ein Teil ungarisch und ein Teil in beiden Sprachen unterrichtet; C - nur Lesen und Schreiben wird auch deutsch unterrichtet, alles andere ungarisch.147
Auf der Konferenz wurde auch die Frage einer Vereinsgründung diskutiert, die damals in Ungarn unglaublich erschwert war. Der deutsche Gesandte Welczek, der mittlerweile Fürstenberg abgelöst hatte und in Volkstumsfragen engagierter als jener war, zeigte sich, von Gündisch informiert, über Bleyers Haltung empört. Er meinte, man könne nun sagen, die Ungarndeutschen wollten gar nicht jene Kulturautonomie, die anzustreben die Reichsregierung von ihnen verlangte. Er wies Bleyer energisch zurecht und forderte ihn auf, seine Stellungnahme zu revidieren und ein Gesetz mit einer klaren Durchführungsverordnung zu verlangen, “daß ihr Sinn nicht der Einsichtigkeit einzelner Obergespane und Stuhlrichter überlassen bleibt.” Er zog daraus die Folgerung, daß “die Gesandtschaft die bisherigen Führer des Ungarndeutschtums zielstrebig anleiten muß und sie sich dieser Anleitung keinesfalls entziehen dürfen.”148
Vergleicht man auch diese Verordnung mit der früheren, formell noch gültigen, so zeigt sich: Auch dort war von drei Gruppen die Rede, doch war eine dem C-Typ vergleichbare Gruppe nicht vorgesehen. Zum andern war dort auf statistische Daten zurückgegriffen worden und es wurde schon damals beanstandet, daß unklar blieb, wer die Einteilung vorzunehmen befugt war. Jetzt traten dafür Elternbeschlüsse ein, eine Methode, die bisher, legal oder nicht, zur Remagyarisierung deutscher Schulen angewandt wurde. Von Kindergärten war in der neuen Verordnung überhaupt keine Rede mehr, und da es keinen Nationalitätenminister mehr gab, fehlte auch die Instanz, die den staatlichen und kirchlichen Schulbehörden hätte auf die Finger sehen können. Nicht berührt wurde die Frage des Religionsunterrichts, was zu vielen Eigenwilligkeiten führte, obwohl er nach einer schon 1914 erlassenen Verfügung in der Muttersprache zu erteilen war. Die alte Verordnung war sabotiert worden. Hätte der Wille bestanden, dies zu ändern, so hätte es nicht einer neuen, noch dazu schlechteren Verordnung bedurft, sondern man hätte den Ursachen der Sabotage auf den Grund gehen und hier eine Verbesserung vornehmen müssen. Dies alles kam indes gar nicht zur Sprache. Daß es überdies bei den Elternbefragungen blieb, obwohl es evident war, daß die Eltern sich so oft einschüchtern ließen, darf als Zeichen gewertet werden, daß die aufgezeigte Unterdrückung des politischen Denkens gewollt und man mit den eklatant sich zeigenden Ergebnissen zufrieden war. Die erneute Sabotage begann bereits damit, daß die Verordnung den Schulbehörden nicht rechtzeitig zum neuen Schuljahr amtlich zur Kenntnis gebracht wurde. Das Volk erfuhr von ihr nur aus dem Sonntagsblatt. Sobald es aber die vorgesehene Beschlußfassung verlangte, beriefen sich die Zuständigen darauf, daß sie noch nichts Amtliches in der Hand hätten. Tatsächlich kam die Durchführungsverordnung erst Ende August, also für das Schuljahr zu spät, heraus. So ging schon einmal ein Jahr verloren.149

Eine anerkennenswerte Ausnahme bildete das Verhalten des Bischofs von Steinamanger, in dessen Diözese die wenigen südlichen Grenzgemeinden den A-Typ wählten,150 wie übrigens auch die nördlichen des Ödenburger Gebiets und des Heidebodens, die zum Bistum Raab, bzw. den evangelischen Kirchendistrikten diesseits und jenseits der Donau gehörten. Ein Zeichen, daß die Eltern, wenn sie selbstbewußt auftraten, sich auch durchsetzen konnten. Der deutsche Gesandte bemerkte treffend: “Bethlen will Schulen geben, wo die Bevölkerung es wünscht, d. h. wo sie sich den offenen oder geheimen Widerständen der Behörden und Notablen gegenüber durchzusetzen vermag.”151 Doch im allgemeinen wurde die Durchführung weiter verschleppt. Da immer noch an vielen Orten keine Elternversammlungen abgehalten waren, mußte das Ministerium die Frist bis zu

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127   So., 21.3.1926

128   So., 21.1.1923

129   Schwind, a.a.O., S. 94-96

130   So., 9.4.1923

131   So., 15.4.1928

132   Vox populi, So., 5.8.1923

133   Tilkovszky, Németország ... S. 14

134   AA II b U 785, 3.6.1922

135   AA II b U 891, 18.7.1922

136   BA 43/I, 27.7.1922

137   AA II b Pol. 2 Ung., Sept. 1922

138   AA Pol 6/Ung. Bd. 2, U 838, 23.6.1922

139   AA II b, 27.10.1922

140   AA II U 394

141   AA II b U 1543, 13.11.1922

142   AA II b U 1614

143   AA II U 394, 10.3.1923

144   AA II U 518, 3.4.1923

145   Budapesti Közlöny, 22.6.1923

146   Bellér, S. 263

147   Tilkovszky: Németország ... S. 37, Bellér, S. 269, Schwind, a.a.O.,  S. 98, Suevia Pannonica 1, 1983, S. 81

148   Tilkovszky, a. a. O. S. 38, AA II U 738 K 110 227 – 110 230, 20.5.1923

149   So., 23.9.1923

150   So., 13.4.1924

151   AA II b U 1614, 24.11.1922

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15. August 1925 verlängern.
Für die Schwäbische Türkei ergab sich schließlich:
A-Typ        Baranya          6         Tolna          6         Somogy        0
B-Typ              “              48            “            33             “              0
C-Typ              “              68            “            21             “             23     
In der Umgebung der Hauptstadt dominierte der C-Typ noch stärker.152
Im ganzen Land gab es im Schuljahr 1924/25 53 A-, 63 B- und 287 C-Schulen. Das war schließlich der Regierung selbst peinlich. Dem C-Typ zugehörig waren fast vollständig die staatlichen und kommunalen Schulen,  von den Kirchenschulen ein großer Teil der katholischen, während die selbstbewußteren evangelischen Gemeinden sich nicht so leicht einschüchtern ließen. Auch der Religionsunterricht wurde in der Hälfte der Schulen ungarisch gehalten, und die Pfarrer begründeten das damit, daß in den Schulen des C-Typs das Deutsche nicht genug geläufig sei.
Einen positiven Schritt der Regierung bedeutete die Ernennung von Eduard Beyer zum Nationalitätenschulinspektor, der von 1929 an die Schulen sehr fleißig besuchte und darüber regelmäßig Berichte schrieb.
Um Bewegung in die festgefahrene Situation zu bringen, stellte die Regierung jedes Jahr eine Liste auf, welche Schulen für eine Änderung in Betracht kommen sollten, und gab diese an die Komitate sowie an die Kirchen weiter. Aber von überall wurde von großen Schwierigkeiten berichtet. Doch dämmerte es auch da und dort in den Köpfen, daß hier höhere außenpolitische Gesichtspunkte auf dem Spiel standen.
Besonders Aufschlußreich ist der Briefwechsel mit Fürstprimas Jusztinián Serédi. Der Unterrichtsminister mahnte am 9. August 1930 an, daß von den 291 C-Schulen 239 katholisch seien. Serédi antwortete ausführlich am 20. November. Er verwies darauf, daß die unteren Behörden nicht nur nicht nach den Grundsätzen vorgingen, die die Regierung bei den Kirchenbehörden anmahnt, sondern im Gegenteil die praktische Durchsetzung der Grundsätze ihrerseits verhinderten und so ein eventuelles Auftreten der Kirchenbehörden im Sinne des dringenden Wunsches der Regierung vom nationalen Gesichtspunkt aus betrachtet leicht in ein unangenehmes Licht setzen könnten. So sei er nur auf direkten Druck der Regierung bereit, etwas zu tun, weil sonst dem Katholizismus das Siegel mangelnder Vaterlandsliebe aufgedrückt würde. Im übrigen seien die Bischöfe ohnmächtig, wenn das Volk keine Änderung wolle.
So wurde schließlich die für 36 Kirchenschulen vorgeschlagene Umstellung von C auf B nur in fünfen durchgeführt. Bethlen, der sich am 9. März 1931 selbst in die Korrespondenz einschaltete, schrieb einerseits, es sei in keinem Fall gelungen, Klagen gegen die unteren Behörden konkret zu belegen, und schob anderseits dem “taktlosen Verhalten des UDV” (Volksbildungsverein) die Schuld für die Schwierigkeiten in die Schuhe.
Die sich über Jahre erstreckende Umstellungs-Aktion zeigte schließlich bescheidene Ergebnisse. Zunächst war bis 1927 die absolute Zahl der Minderheitenschulen durch verspätete Durchführung weiter gewachsen, wobei die A-Schulen um vier auf 49 abgenommen, die B-Schulen auf 98 und die C-Schulen auf 316 zugenommen hatten. 1931 nahmen die A-Schulen um weitere drei auf 46 ab, die Zahl der B-Schulen erhöhte sich auf 141, während  die der C-Schulen auf 265 sank. Die Gesamtsumme ergibt eine Abnahme um 11 Schulen, was dadurch zu erklären ist, daß es in einigen Gemeinden gelang, die Nationalitätenschule in eine rein ungarische umzuwandeln.153

5. Der Volksbildungsverein
Die Regierung konnte sich des von allen Seiten auf sie ausgeübten Drucks nicht erwehren, endlich auch den Ungarndeutschen eine kulturelle Organisation zuzugestehen. Sie tat aber alles, um dieser möglichst wenig Entfaltungsmöglichkeit zu lassen. Schon der Name “Volksbildungsverein” zeugt von einer Verwässerung. Bethlen ging sogar so weit, daß er Anstalten traf, Bleyer aus dem geplanten Unterfangen auszuschließen. Da wurde es dem deutschen Gesandten zu viel und er drückte durch, daß Bleyer der Posten des geschäftsführenden Vizepräsident zugestandenwurde. Gegen den als Präsidenten vorgesehenen Gratz hatte er nichts einzuwenden, da dieser in deutschen Kreisen seit seinem Auftreten in der Schulkonferenz vom Mai 1923 einen guten Namen hatte. Dagegen erzwang er, daß Steuer im Verein keine Rolle spielen durfte.154
Es kam indes noch zu einem Gerangel um die Vertrauensleute, die die Regierung von vornherein für den Vorstand vorsah. Das alles mußte vorher abgeklärt werden, damit die von einer ersten Gründungsversammlung eingereichten Satzungen – abgeändert – genehmigt wurden. Wieder mußte sich Welczek dagegen wehren, daß dieser Personenkreis die Bleyer-Seite majorisierte. Erst als auch diese Gefahr abgewendet war, zeigten sich Bleyer und Gündisch mit Gratz und dem k. u. k. Generalstabsoffizier Wild als Direktor einverstanden, obwohl letzterer bei den Wahlen Bleyers Gegenkandidat gewesen war.
Hier muß ein Exkurs über Gustav Gratz eingefügt werden. Gratz, 1875 geboren, stammte aus einer teils Zipser, teils westungarischen Pfarrer- und Lehrerfamilie. Da sein Vater in seiner Jugend Pfarrer der zur sächsischen Kirche gehörenden zweisprachigen Gemeinde Klausenburg war, lag es nahe, daß Gratz seine politische Laufbahn 1906 als Abgeordneter eines sächsischen Wahlkreises begann. Journalistisch hatte der junge Rechts- und Staatswissenschaftler sich früh für den ursprünglichen Liberalismus entschieden, der noch nicht nationalliberal verfälscht war. So arbeitete er seit 1899 an der Zeitschrift Huszadik Század (20. Jahrhundert) mit Jászi zusammen. Dieser liberalen Grundeinstellung der Ablehnung jeder Art von Nationalismus blieb er sein Leben lang treu, auch wenn er aus pragmatischen Gründen Kompromisse einging. Er selbst, obwohl in deutschen Schulen erzogen, stand schon früh zwischen Deutschtum und Ungartum. Schödl nennt es sein “nie restlos bewältigtes Identitätsproblem”.155 Aber gegen den 1848er Nationalismus bejahte er bewußt die Gesamtmonarchie. 1917 war er kurz Finanzminister, dann Sektionschef im gemeinsamen Außenministerium, und hatte seitdem eine Wohnung in Wien. Hier überlebte er auch die Räterepublik und schloß er sich der Wiener Emigration an. Im November 1919 wurde er ungarischer Gesandter in Wien, und von Januar bis März 1921 versah er das Amt eines ungarischen Außenministers. Außerdem wirkte er in wirtschaftlichen Organisationen mit.156 Infolge seiner legtimistischen Einstellung scheiterte er nach dem Putschversuch König Karls und kam erst als der von Bethlen bevorzugte Minderheitenpolitiker wieder aus der politischen Versenkung hervor. Diese Rolle nahm er auch von sich aus wahr, man denke nur an seinem Artikel im Pester Lloyd im März 1922, in dem er Aufnahme der Nationalitätenrechte in die Verfassung forderte.157
 Am 3. August 1924 kam es zur Gründungsversammlung des Ungarländischen Deutschen Volksbildungsverein (UDV). Sie erfreute sich imponierender Beteiligung aus vielen Orten. Bleyer selbst schlug Gratz für die Präsidentschaft vor und begrüßte ihn nach seiner Wahl, indem er seine staatsmännische Weisheit und sein “mit feinster deutscher Bildung durchdrungenes Wesen” hervorhob. Dann hielt Gratz seine Antrittsrede. Er
versprach, die Bestrebungen des Vereins zu fördern, unterstrich die “Herzensgemeinschaft” beider Völker und erklärte dann wörtlich: “Die Deutschen in Ungarn haben nicht die Absicht, über die derzeit gesetzlichen Normen hinausgehende Rechte zu heischen, durch welche sie zum Staat im Staate würden.” Er gab seiner Überzeugung Ausdruck, daß die Regierung die Minderheitenfrage, die “unserer Zeit den Charakter ewigen Unfriedens gibt, in einem abgeklärten Geiste zu lösen” bereit ist. Er setzte sich mit dem Abtriften des nationalen Gedankens zum nationalen Haß auseinander, den die Demokratie nicht abgebaut, sondern “in die Tiefe der Volksseele verpflanzt” habe. Er hoffe auf eine Zeit, in der man nicht mehr glaube, “diejenigen unterdrücken zu müssen, die eine andere Sprache reden.” Er mahnte die, die die alten nationalen Schlagworte noch immer mit sich herumschleppten, endlich zu beherzigen, daß diese gegenstandslos geworden seien, und nicht jeden als Landesverräter anzusehen, der sich zu seinem Deutschtum bekenne.158
In dieser wörtlichen Wiedergabe wie überhaupt in der Rede von Gratz findet sich nichts von einer “Unterordnung des Ungarndeutschtums unter das Gesamtdeutschtum”, die der Historiker Béla Bellér Gratz hier schon in den Mund legt. Es muß sich um eine irrtümliche Vorverlegung einer späteren Äußerung von Gratz handeln.  Sie wäre zur Zeit der  Gründung des Volksvereins nicht aktuell gewesen. Damit werden aber auch Bellérs Folgerungen gegenstandslos.159
Nach Gratzens Wahl wurden der geschäftsführende Vizepräsident Bleyer und der Direktor Wild gewählt. Letzterer berichtete, daß Bethlen kurz vorher die Obergespane über den Verein informiert und ihnen diesen ans Herz gelegt habe. Er stellte dann den Antrag, als äußeres Zeichen ihrer Unterstützung den Kultusminister, einen katholischen und einen evangelischen Bischof zu Ehrenpräsidenten zu wählen. Weiter wurde Johann Faul-Farkas, der Schriftleiter des Sonntagsblattes zum Sekretär gewählt. Dem 15-köpfigen Vollzugsausschuß stand ein so riesiger „Ausschuß” beseite, daß er praktisch der Vollversammlung gleichkam. Nur unklar war das Verhältnis zwischen Direktor und Sekretär geregelt, neben dem als Hauptsekretär weitere Sekretäre vorgesehen waren.
In einem weiteren Flugblatt forderte Bleyer jeden einzelnen Volksgenossen auf, sich dem Verein anzuschließen. Er erklärte die Mitgliedschaft sogar zur moralischen Pflicht: „Wer die Pflicht nicht erfüllt, sündigt gegen unser Volk.”
Die Errichtung der vorgesehenen Ortsausschüsse stieß bald auf Schwierigkeiten. Der erste Versuch im Pester Komitat löste in dessen nationalistischen Kreisen eine so empörte Reaktion aus, daß die Regierung dem Verein empfahl, sich erst dem Süden zuzuwenden. Aber auch dort war es nicht leichter. Der Obergespan der Baranya, der spätere Innenminister Keresztes-Fischer, betrachtete es als eine vaterländische Tugend, die kulturelle Organisation der Schwaben zu verhindern. Selbst an der Westgrenze traten Hindernisse auf. Nach einem halben Jahr sah sich Bethlen selbst genötigt, auf einer einberufenen Landeskonferenz die Schwierigkeiten zu beseitigen.160
Diese Konferenz vom 7. März 1925 ist aufschlußreich. Bethlen trat für eine Minderheitenpolitik ein, “die das Leben des abgetrennten Ungarntums nicht erschwert. Man soll nicht glauben, das Ausland merke nicht, was wir machen.” Darum bat er, den UDV zu unterstützen, denn nur so sei zu verhindern, daß eine radikale Richtung in ihm zur Geltung komme. Man warf dem Verein vor, daß er unerfahrene Studenten zur Organisierung der Ortsvereine schicke. (Hier tauchen die deutschen Studentenvereine – Gothia, Langobardia, Suevia – als Mitarbeiter zum ersten Mal auf.) In ihnen sah man die gefürchteten Radikalen. Wild rechtfertigte sich mit dem Hinweis, man sei infolge der weitgehenden Ablehnung in eine Zwangslage geraten.
Der Obergespan der Tolnau sagte, die “Nüchternen” würden sich nicht in die Ortsgruppen eingliedern. Keresztes-Fischer hielt die Bewegung nicht für nötig. Da die Wohlhabenden sowie Pfarrer, Lehrer, Notare dagegen seien, gewänne sie nur die unzufriedenen Elemente. Pintér beklagte die Rivalität zum katholischen Volksbund, dessen deutsche Abteilung er leitete. Gratz beschwerte sich, daß die Abgeordneten, die die Regierung in den Verein schickte, passiv blieben. Solange das Verhalten der Verwaltung sich nicht ändere, seien nur Studenten – später sagt er: Fanatiker – zur Mitgliederwerbung bereit. Der Abgeordnete Perlaky beanstandete ebenso wie der Raaber Obergespan den Ton des Sonntagsblattes, das er irrtümlich – und von Wild korrigiert – als “Vereinspresse” bezeichnete. Er forderte, der Verein solle mit dem Blatt brechen. Freilich war das Sonntagsblatt durch Bleyer mit dem Verein verbunden und übernahm die Berichterstattung und Verteidigung desselben. Perlaky hielt den Verein für einen überflüssigen Friedensstörer. Er solle sich auf Gemeinden beschränken, in denen es noch keinen Verein gibt. Der Ödenburger Bürgermeister Michael Thurner unterstützte den Verein und war dafür, auch die Radikalen hineinzunehmen, weil so die Kontrolle leichter sei. Aus Bácsalmás wurde berichtet, daß die Mehrheit angeblich nichts vom Verein wissen wollte. Eine andere Behauptung besagte, die Leute mögen ihn nicht und hätten Bleyer entgegengehalten, sie seien nicht Schwaben, sondern deutschsprechende Ungarn.161 Nach all dem war die Konferenz ein Schlag ins Wasser und zeigte die Ohnmacht der Regierung gegenüber der von anderen Kräften gelenkten Haltung im Lande.
Paul Flach, der sich die Mühe gemacht hat, die Ortsgruppengründungen zusammenzustellen, gibt ein anderes Bild. Nach ihm ist bei den frühesten Gründungen aus Budapest am häufigsten Faul-Farkas, gelegentlich Gündisch oder Jekel, selten Bleyer selbst anwesend gewesen. Es wurden 1924 in der Baranya 3, im Restbanat 2, im Ofner Bergland 3, in Westungarn eine (Agendorf) Ortsgruppen gegründet. 1925: 8 in der Nordbatschka, 9 in der Baranya, 2 im Restbanat, 3 am Heideboden, 3 im Schildgebirge, 2 im Komitat Pest-Pilis, eine in Ödenburg, 21 in der Tolnau. 1926: eine in der Batschka, 4 im Komitat Weißenburg, 6 im Komitat Komorn-Gran, eine im Komitat Nograd-Hont, 11 in Pest-Pilis, 2 im Ödenburger Gebiet, 6 in der Tolnau, während es in der Baranya keine einzige Neugründung gab. 1927: eine in der Batschka, 27 in der Baranya, 3 im Heideboden, eine in Komorn-Gran, eine im Piliser Gebiet, 5 in der Tolnau. 1928: 2 in der Baranya, eine am Heideboden, 3 in Komorn-Gran, eine im Komitat Pest, 2 in der Ödenburger Gegend, eine in der Tolnau. 1929: eine in der Batschka, 2 in Weißenburg, eine bei Ödenburg, 4 in der Tolnau. 1931: 13 in der Baranya, eine in Komorn-Gran, eine in der Tolnau. 1932: zwei in der Baranya, eine in Harta (Pest). 1933: eine in der Baranya, eine in der Tolnau, eine bei St. Gotthard. Soweit bis zu Bleyers Tod.162
Angesichts des immer ziemlich schleppenden Eingangs der Mitgliedsbeiträge war die Einstellung von Sekretären, auch mit bescheidenen Gehältern, ein Problem. So tauchte wieder die Frage auf, wie weit das Reich, das sich finanziell allmählich erholt hatte, einspringen konnte. Da die ganze Sache streng geheim war, gibt es kaum direkte Quellen aus dieser frühen Zeit. 1924 erfolgte aus einer Sammlung die erste Unterstützung des Sonntagsblattes. 1931 ist davon die Rede, daß die Gesandtschaft von 1925 für das Ungarndeutschtum gestifteten Geldern noch 5327.- Pengö übrig habe.163 Hauptgeldgeber war der VDA. Nach einem Brief Professor Maenners an Bleyer vom 7. Februar 1927 waren für das Ungarndeutschtum 30.000 RM veranlagt.164 Er habe diesen Betrag eingesetzt, da er von Bleyer “keine Angaben über die Höhe ihrer Bedürfnisse für 1927” erhalten habe. Daraus muß man schließen, daß das in vorhergehenden Jahren der Fall war. Nun sollte dies auf Verlangen des Vorsitzenden Admiral Seebohm nachgeholt werden. Maenner schlägt in seinem Schreiben 25.000 Mark für das “Schwabenhaus” (womit wohl das Studentenheim des Suevia gemeint war) und 10.000 Mark für andere Zwecke vor. Auch vom Sonntagsblatt ist die Rede. Was daraus geworden ist, konnte nicht ermittelt werden.
Seit 1927 leitete der Reichsdeutsche Dr. Köhler eine Wirtschaftskanzlei in Budapest und vermittelte von da an die Zuwendungen. Im Mai 1930 ist in einem Brief des Gesandten an Staatssekretär von Bülow von Geldern die Rede, “von denen Gratz selbstverständlich nichts weiß” und die schon längere Zeit laufen.165
Als die ganze Sache nach dem Verrat Kußbachs, der nach Bleyers Tod die Gelder weitergab, aufflog, handelte es sich um 35.000 Reichsmark vom Auswärtigen Amt und 86.000 vom VDA, davon 13.200 Pengö für Gehaltszuschüsse. Damals wurde das in einem Brief “ein schon seit 20 Jahren (das ist sicher übertrieben, es konnten höchstens 11 Jahre sein) geduldeter Usus” genannt.

Das alles weist auf diese Anfangszeiten hin. Der Autor dieser Abhandlung hat dazu die Vermutung aufgestellt: “Zu denken wäre an das Jahr 1924, als Bleyer

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152  Szita, a. a. O. S. 616 ff.

153  alles in: O L ME. K 28/113, cs. 216

154  Tikovszky, a. a. O., S. 41-43, AA Pol 6 Ung. Bd. 2 U 1407, 14.10.1923, u 1617, 8.12.1923, U 1675,  22.12.1923, Ung. 42, 10.1.1924

155  in: Südostdeutsches Archiv XXVI/XXVII, München 1984 S. 145

156  a. a. O.; Schödl: Land an der Donau, Deutsche Geschichte im Osten Europas, Bd. V. Siedler-Verlag, Berlin 1995, S. 400-402

157  So., 26.3.1922

158  Flugblatt des UDV über die Gründungsversammlung

159  Bellér, Béla: Az ellenforradalom németiségi politikájának kialakulása (Die Entfaltung der Nationalitätenpolitik der Gegenrevolution). Budapest 1975, S. 282, vgl. Spiegel-Schmidt in: Suevia Pannonica 1, 1983, S. 82

160  Bellér, Béla: A magyarországi németek rövid története. (Kurze Geschichte der ungarländischen Deutschen) Budapest 1981, S. 157

161  O L ME. 93, cs. 193, 7.3.1925

162  Flach, Paul: Ortsgruppengründungen, München 1968

163  Akten zur auswärtigen Politik, C XVII S. 386 ff.

164  AA VI A 301

165  AA Pol II 6 Ung Bd. 7, 7.5.1930

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eine Garde von Sekretären einstellte, was der junge Verein ohne Hilfe von außen kaum geschafft hätte. Da die Gelder aber über die kontrollierte Vereinskasse nicht laufen konnten, wurden sie von Bleyer direkt den Sekretären gezahlt.”167 Die Sekretäre waren Ludwig Leber, Max Albert und Franz Basch.

6. Deutsche Aktivitäten

Schon vor der Gründung des Volksbildungsvereins gab es studentische Vereine, von denen sich schließlich die Suevia als lebensfähigste erwies. Ihre Gründer kamen aus der Generation der Kriegsheimkehrer, “die meisten Offiziere mit hohen Tapferkeitsauszeichnungen, Kompaniekommandeure, deutschnationalbewußt”.168 Im Wintersemester 1923/24 begann die Suevia ihre Tätigkeit. Aus ihnen rekrutierte sich später die vielgenannte “jüngere radikalere Generation”: Max Albert, Franz Basch, Ägidius Faulstich und vor allem Stefan Steyer. Ob die Erinnerungen des 90jährigen Stefan Steyer auch darin das Jahr richtig bewahrt haben, wenn er den ersten Schwabenball schon in den Fasching 1924 datiert, sei hier bezweifelt. 1925 wird er als Veranstaltung des UDV genannt – wer hätte ihn schon ein Jahr vorher veranstalten können?169
Diese Art von Ball war in Ungarn  ein völliges Novum: der gelungene Versuch, eine salonfähige Veranstaltung – die Studenten erschienen in (meist ausgeliehenem) Frack oder Smoking – und ein Volksfest in einem zu sein. Hochrangige Ehrengäste tanzten mit einfachen Schwabenmädeln. So trug er ohne viele Worte das völkische Zusammengehörigkeitsgefühl über alle Standesunterschiede hinweg ins Land hinaus.
Die zweite alljährliche Großveranstaltung war die Generalversammlung, die jeweils am St. Stefanstag (20. August) nach der großen Prozession abgehalten wurde. Auf diesen von allen Ortsgruppen beschickten Versammlungen legte der Verein nach grundsätzlichen Erklärungen der Präsidenten Rechenschaft darüber ab, was und in welchem Geiste er gearbeitet hatte. So berichtete Faul-Farkas (1925) über die gegründeten Ortsausschüsse (satzungsgemäßer Name für die Ortsgruppen, wofür 50 Mitglieder die Voraussetzung waren), sowie, daß der Verein bereits in 200 Orten 8000 Mitglieder habe. Der Verein habe einen Kalender in 10.000 Exemplaren herausgebracht, dem bald ein Landwirtschaftlicher Ratgeber folgen solle. Volksbüchereien seien angeschafft und würden in die Ortsgruppen abgegeben. Er dankte der Regierung für ihre Unterstützung (160 Millionen Kronen Inflationsgeld, nach der Einführung der neuen Währung 12.000 Pengö) zur Errichtung des Vereinslokals in Budapest, das in vielen Fällen um Rat und Hilfe angegangen werde. Eine Rechtsabteilung und eine für Gesang, Musik und Kunst nähmen ihre Arbeit auf. Insgesamt habe der Verein 460 Millionen Kronen eingenommen und verwendet. In einem späteren Kassenbericht – 1928 – werden 11.187 Pengö als Gehälter ausgewiesen, also für sämtliche Angestellten des Vereins nicht einmal 1.000,- Pengö monatlich.
Es war üblich, daß Gratz mit einer programmatischen Rede die Versammlung einleitete. Darin hat er sich immer wieder gegen einen uneinsichtigen Nationalismus gewandt und für die Durchführung der Minderheitenrechte – gerade auch im ureigensten Interesse Ungarns – eingesetzt, wobei er die Entwicklung im weltweiten Maßstab vor Augen hatte und nicht müde wurde, ebenso wie Bleyer, die unstreitbare Staatstreue der Ungarndeutschen hervorzuheben.
Der UDV sah den Schwerpunkt seiner Arbeit in den Dörfern. Darum kümmerte er sich um die wirtschaftliche Situation der Landwirte und bemühte sich um deren Hebung auch durch Verbreitung moderner agrarischer Methoden. Diesem Anliegen diente auch eine von Albert und Leber 1928 organisierte Reise von 20 Landwirten nach Deutschland, um auf Landwirtschaftsausstellungen wie Leipzig neue Maschinen, anderswo Samenzucht und Saatgutveredelung und schließlich um in Regensburg die bayrischen landwirtschaftlichen Genossenschaften kennenzulernen.170
Aber auch die Kulturarbeit des Vereins hatte das Dorfleben vor Augen. 1929 konnte er bereits auf 76 Büchereien von je 100-150 Bänden in Ortsgruppen hinweisen.171 Dabei wurde er vom Katholischen Borromäuswerk und vom VDA aus Deutschland unterstützt. Weiter widmete er sich der Pflege von Volkslied und Volksmusik. Hier ist besonders die Blasmusik zu nennen, deren Vorbild die k. u. k. Militärkapellen waren.172 Über ihre Wirkung urteilt Robert Rohr, der wohl beste Kenner der Materie: “Durch die Atmosphäre, welche die Eigenschöpfungen heimatlicher Volksmusik-Komponisten ausstrahlten, könnte man die Blasmusik als Dolmetscher der Donauschwaben bezeichnen.”173 Beliebtheit und Erfolg der Blasmusikkapellen im ländlichen Raum veranlaßten den UDV, jährlich einen “Musikwettstreit” zu veranstalten. Er wurde zu einem seiner größten Erfolge. Schon beim ersten Wettstreit, dem von 1926 in Bácsalmás, kann das Sonntagsblatt von 10.000 Teilnehmern berichten. Neun Kapellen nahmen am Wettstreit teil. Die von der Jury als Siegerin bestimmte durfte für ein Jahr die zuvor in der Kirche geweihte Fahne mitnehmen, auf der, typisches Zeichen ungarndeutscher Gesinnung, der Anfang des Aufrufs zur Vaterlandstreue des ungarischen Nationalpoeten Vörösmarty gestickt war. Die preisgekrönte Musikkapelle von Kunbaja hatte sich an Verdis Ouvertüre zur Oper Nabukko gewagt. Um die Leistungen noch zu verbessern, versorgte der Verein die Blasmusikkapellen mit Noten.
Aber selbst gegen eine solche Veranstaltung blieb ein Presseangriff nicht aus, diesmal seitens der Bajai Ujság (Bajaer Zeitung). Erst als Bleyer einen Presseprozeß gegen diese gewann, mußte sie 1927 eine Erklärung bringen.174
Eine besondere Veranstaltung sei noch erwähnt. Am 30. April 1927 fand in der Pester Redoute ein Festabend statt, den die neu gegründete Budapester Ortsgruppe gemeinsam mit den anderen deutschsprachigen Vereinigungen veranstaltete, in deren Aufzählung finden sich neben dem alten geselligen Verein Eintracht, dem Deutschen Männerchor und der Transsylvania auch eine Schlaraffia und ein Sportklub, aber auch – noch ohne Hemmungen –  die Vereine der Österreicher und der Reichsdeutschen. Unter den 1.000 Teilnehmern fanden sich der österreichische Gesandte, ein Staatssekretär, ein pensionierter Richter des höchsten Gerichts, zwei Generäle und auch der Banater Kaspar Muth.175
Im April 1929 kam die erste Nummer der als wissenschaftliche Zeitschrift gedachten Deutsch-Ungarischen Heimatblätter heraus, deren Schriftleitung Bleyer Dr. Franz Basch übertrug.176

6. Zermürbende Verhandlungen – sachliche Auseinandersetzungen
Sieht man die Nummern des Sonntagsblattes durch, so gewinnt man einen zwiespältigen Eindruck. Auf der einen Seite begeistertes Lob für jede positive Stimme, wozu insbesondere Ministerpräsident Bethlen Anlaß gab, auf der andern Seite harte Auseinandersetzungen mit dem magyarischen Nationalismus177, und dies nicht nur mit dessen radikalen Vertretern wie Méhely und Gálocsy.
In den Budgetdebatten des Abgeordnetenhauses ergriff Bleyer regelmäßig das Wort. Er war 1926 wiedergewählt worden, nachdem ihm die Regierung – bis zu seinem Tod – den Wahlkreis Villány überlassen hatte. Gratz wurde übrigens damals in Bonyhád gewählt. Am 13. Mai 1927 beanstandete er besonders die Elternkonferenzen und sagte dabei, die Regierung sei “selbst darauf gekommen, daß sich mit diesen nichts anfangen läßt, weil sie überall Gegensätze erregen.”
Er setzte sich dann mit den Schultypen auseinander und nannte den B-Typ, so wie er praktiziert würde, eine Absurdität. Der Unterricht müsse in der Muttersprache begonnen werden. “Das Kind, wenn es in die Schule kommt, kann seine Muttersprache, zwar im Dialekt, aber es kann sie.” Bei diesen Ausführungen wurde er immer wieder durch Zwischenrufer unterbrochen, die das ganze Volksschulwesen ungarisch haben wollten. Er erklärte schließlich, daß der C-Typ nicht als Minderheitenschule gelten könne.178
Im Zusammenhang mit dem numerus clausus für jüdische Studenten kam es im Februar 1928 über die Frage, wer die besseren Patrioten seien, zu einem Krach zwischen den jüdischen Abgeordneten Paul Sándor und Emmerich Fábián und Bleyer, wobei man einander die unguten Schlagworte pángermán und panisraelitisch an den Kopf warf. Bleyer rechtfertigte sich  damit, daß Sándor ihn angegriffen habe, wobei er – mehr Professor als Politiker – zu einer langen Rede ausholte.179 Von da an standen nicht nur die Rassenschützer, sondern auch die Linksliberalen, die meist Juden waren, in Spannung zu Bleyers Bewegung.
Zu Bleyers kritischen Bemerkungen in der Schulfrage nahm Bethlen im April 1928 nach warmen Worten für Bleyer persönlich Stellung. Die Regierung müsse an den Typen festhalten, weil die deutschsprachigen Mitbürger unter verschiedenen Verhältnissen lebten. Zu den Elternkonferenzen erklärte er wörtlich, “daß wir unseren deutschsprachigen Mitbürgern  die Freiheit lassen sollen, daß die Behörde im Interesse des ungarischen Unterrichts sich jedweden einseitigen Einflusses enthalte ... andere mögen auch diese Bevölkerung in Ruhe lassen.” Dann bat er Bleyer, “daß Nichtzuständige auf diesem Gebiet nicht zur Geltung kommen” sollten, ohne zu sagen, wen er damit meinte. Es folgte die Ausrede, “daß die Erhalter der konfessionellen Schulen nicht die Politik verfolgen wollen, die ihnen von der Regierung empfohlen wird.” Schließlich bat er Bleyer, das Wort “kulturelle Autonomie” fallen zu lassen.180
In der Debatte griff der sozialdemokratische Wende Geisa Malasits den UDV als kleinbürgerlich an und beklagte, daß der kulturelle Entwicklungsstand der Deutschen und Slowaken um Budapest tief gesunken sei. Ladislaus Pintér widersprach ihm. Gömbös hielt es nicht für richtig, gegenwärtig der Nationalitätenfrage nachzugehen, und behauptete, “die bewegende Kraft dieser Fragen ist nicht in den tieferen Schichten der Bevölkerung aufzufinden, sie wird von draußen eingeführt,” und so sehe er “gewisse Fieberträume”. Dagegen setzte sich Prälat Béla Turi für die nationalen Interessen der Deutschen und für Bleyer ein und verwies auf die internationale Bewegung der Minderheiten. Bleyer griff die Kritik Bethlens auf und sagte: “Das Schlagwort der Kulturautonomie haben die internationalen Minderheitenkongresse geprägt, wo die Führer der ungarischen Minderheiten eine hervorragende Rolle spielen. Wir aber brauchen es nicht, denn die Gesetze enthalten die Kulturautonomie, die die
Minderheiten in Ungarn brauchen.” Darum wolle auch er wie der Ministerpräsident “im Einvernehmen der Lösung entgegengehen.”181 Ironisch merkt Béla Bellér dazu an: “Die Karriere der Kulturautonomie in Ungarn ging damit auch zu Ende.”182
Die Fragen standen nicht nur im Parlament zur Debatte. Der Schriftleiter der Magyarság, Stefan Milotay, trat schon seit 1928 für ein neues Nachdenken über die Nationalitätenfrage ein.183 Besonders in der jungen Generation gärte es. Ihr Vertreter Andreas Moravek nannte die Assimilierung einen Anachronismus. Der gemeinsame Staat dürfe nicht ausschließlich Organ des Mehrheitsvolkes sein.184
Eine hervorragende Plattform für die Diskussion solcher Probleme war die Zeitschrift Magyar Szemle (Ungarische Rundschau). In ihr befaßte sich Gündisch 1928 mit dem Gedanken der Volksgemeinschaft im Deutschtum.185 Er berief sich auf eine Rede des Balten Schiemann auf dem Nationalitätenkongreß, aber auch auf den österreichischen Bundeskanzler Ignaz Seipel und den deutschen Außenminister Stresemann, von dem er auch das Wort zitierte: “Dem Deutschen ist Loyalität so angeboren, daß selten bessere Staatsbürger als die Deutschen gefunden werden können, selbst wenn sie die Minderheit des Landes bilden.” Gündisch zieht die Konsequenz, daß keine deutsche Regierung den Schutz des Auslanddeutschtums im Interesse wichtiger staatlicher Aufgaben ungestraft aufopfern könnte, weil die ungeteilte deutsche öffentliche Meinung dagegen aufbegehren würde und schließt: “Wer als Ungar national empfindet, wird das verstehen.” Aus den Referaten des Nationalitätenkongresses übernahm er aber auch die Auffassung, daß es daneben auch eine heimatgebundene gemeinsame Kultur gebe, und betonte, daß eine solche in der Monarchie bestand und auch im magyarisch-deutschen Zusammenleben besteht.
Ein Jahr später befaßte sich Bleyer mit demselben Gedanken.186 Nach Bleyer “entstand neben dem deutschen Staatsgedanken und unabhängig von ihm der Volksgedanke...” Das hatte zur Konsequenz, “daß das Deutschtum sich im Blick auf Sprache, Volkstum, Kultur als Gemeinschaft (Sprach-, Volks-, Kulturgemeinschaft) empfindet. Das ist, ob wir es vom ungarischen Gesichtspunkt für schädlich halten, eine Tatsache, an der niemand rütteln kann.” Dann: “Der Volksgedanke schwächt den ungarischen Staatsgedanken nicht.” Später nennt er ihn “von jeder Politik frei”. Noch gebraucht er die Selbstbezeichnung Deutsch-Ungar und meint dazu, daß der Deutsche im Lande “historisch und staatspolitisch ebenso Ungar ist wie der Magyare ... Auch in Deutschland will niemand uns in anderm Sinn beeinflussen. Man schätzt sogar unsere unbedingte Staatstreue.” Ja er nennt die Ungarndeutschen “die einzige wirklich staatstreue, mit dem Staat geschichtlich zusammengewachsene Minderheit in Europa ... die keine innigere Sehnsucht hat, als die geschichtliche Aufgabe zu erfüllen, Förderer der deutsch-ungarischen Beziehungen zu sein.” Aber dann äußert er auch seine Bedauern, daß “in den letzten Jahrzehnten der Staatsgedanke zu einem magyarischen Rassengedanken schrumpfte zum schrecklichen Schaden des Staates und des Volkes.”

Zu einer großen Debatte in dieser Zeitschrift kam es aber erst durch einen Artikel des reichsdeutschen Volksforschers Isbert.187 Seine Deutung des “volksdeutschen Standpunkts”, dieser betone nur das Lebensrecht der Volksgruppen innerhalb der fremden Staaten, in denen sie positive Aufgaben hätten und die Verpflichtung fühlten, am Schicksal des betreffenden Landes als ihres Vaterlandes teilzuhaben”, kommt der Bleyers sehr nahe. Der Artikel veranlaßte Gratz zu einer ausführlichen Stellungnahme, die insofern von besonderer Bedeutung ist, weil Gratz hier erarbeitet, was er später in politisches Handeln umsetzt. Er macht es sich nicht leicht, greift über den Artikel Isberts hinausgehend, auf Diskussionen in der Zeitschrift “Nation und Staat” und auf die Nationalitätenkongresse zurück. Einerseits gibt er zu, daß die Verbindungen, auf

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167  in: SUEVIA PANNONICA 6, 1988, S. 56

168  Steyer, Stefan in: SUEVIA PANNONICA 6, S. 4,

169  A. a. O., S. 13 f.

170  So., 24.6.1928

171  So., 25.8.1929

172  Rohr, Robert: Unser klingendes Erbe. Aus dem Musikleben der Donauschwaden von 1918 bis zur Gegenwart, Bd. II, Verlag Donauschwäbische Kulturstiftung, München 1994 S. 18

173  A. a. O. S. 19

174  Vereinsnachrichten (des UDV) 15.8.1926 und 15.4.1927

175  So., 8.5.1927, S. 12. - Kaspar Muth, (1876-1966) Dr. jur., Rechtsanwalt, Abgeordneter, Senator, Obmann der Deutsch-Schwäbischen Volksgemein­schaft im rumänischen Banat; Piaristengymnasium Groß­betschkerek, 1895 Abitur; Studium Staats-, Rechtswissenschaften in Budapest, 1901 zum Dr. jur. promoviert; 1903 - 44 Anwalts­praxis Temeschburger Domplatz; bis 1918 Anhänger der ultranationalisti­schen madjarischen „48-er Unabhän­gigkeitspartei", Hauptbegründer des Banater Parteiorgans „Temesvári Hir­lap"; zeitweilig Fronteinsatz; nach Zusammenbruch der Monarchie Mitgestalter des „Schwäbi­schen Manifestes" vom 20. Oktober 1918, war bei der Schwäbischen Volks­versammlung am 3. November 1918 Versammlungsvorsitzender,  ; verweigerte anfänglich Eid auf die rumänische Verfassung; gründete am 20. Mai 1920 mit Franz Blasko­vics, Karl von Möller, Johann Eschker, Josef Gabriel die „Schwäbische Autonomiepartei"; maßgeblich am Ausbau der „Schwäbischen Volkspres­se" im rumänischen Banat [später: „Banater Deutsche Zei­tung"] beteiligt; 1920 im Modo­scher Wahlbezirk zum Abgeordneten für das rumänische Parlament gewählt; sprach sich für ein ungeteiltes Banat aus; bei der Grün­dung der „Deutsch-Schwäbischen Volksgemeinschaft" am 15. März 1921 einstimmig zum Obmann gewählt; ab 1923 auch Vorsitzender des „Schwäbischen Volksrates"; 1928 zum Senator gewählt; Ende 1932 gelang ihm und Anton Hügel eine Einigung zwischen der „Volksgemeinschaft“ und der „Freien Deutschen Gemeinschaft“, 1933 wieder Obmann des  Volksrats; 1931-­35 Vorsitzender des „Verbandes der Deutschen in Rumänien"; 1936 Ehrenvorsitzender der Volksgemeinschaft auf Lebenszeit, und Rückzug ins Privatleben.

176  NuS, April 1929.

177  So., 14.4.1929, S. 4; 16.6.1929, S. 7; 23.6.1929, S. 6

178  So., 22.5.1927

179  Parlamentstagebuch 26.2.1928 und 4.3.1928

180  So., 22.4. und 29.4.1928

181  So., 13.5.1928

182  Bellér, Béla: Az europai nemzetiségi kongresszusok és Magyarország a kisebbségvédelem rendszerében   (Die europäischen Nationalitätenkongresse und Ungarn im System des Minderheitenschutzes) 1925-29,  in Századok 1981/5 S. 1030

183  So., 2.9.1928

184  NuS, März 1932, S. 363 ff.

185  Jahrgang 1928 S. 253 ff.: A nemzeti eszme fejlödése a németségnél (Die Entwicklung des nationalen Gedankens im Deutschtum)

186  Jahrgang 1929, S. 114 ff.: A magyar és német viszona (Das ungarisch-deutsche Verhältnis)

187  Juli 1932, S. 232 ff.

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die die Volksgemeinschaft sich gründet, ohne Zweifel immer vorhanden waren. “In diesem Sinne ist die Volksgemeinschaft eine natürliche Gegebenheit, die mit Gewalt zu ändern weder wünschenswert noch möglich wäre.”188 Andererseits trägt er eine Reihe von Bedenken vor. Im Gegensatz zu Isbert sieht er in der neuen Theorie nur eine “verfeinerte, taktvollere, durchdachtere und glattere, besser mit den Realitäten rechnende Ausgabe der alten (alldeutschen) Bestrebungen.”189 So bejaht er die Kulturgemeinschaft nur mit Vorbehalt, da “zwischen der Kultur das Tolnauer Schwaben und des ostpreußischen Bauern die Abweichung größer sei als die Ähnlichkeit.”190 Entschieden lehnt er Rasse und Abstammung als Kriterium ab und verteidigt die natürliche Assimilation.191 So kommt er zu Schluß: “Wenn wir die Gemeinschaft der Sprache als nichts anderes ansehen als eine der natürlichen Gegebenheiten, die zwischen in verschiedenen Ländern lebenden verschiedenen Volksgruppen in einer oder der anderen Hinsicht Gemeinschaft ins Leben rufen und wenn wir der in solchem engen Rahmen aufgefaßten Gemeinschaft den Namen Volksgemeinschaft geben, wäre dagegen nichts einzuwenden. In Wirklichkeit aber pflegt man den Begriff der Volksgemeinschaft weitgreifender zu deuten.”192 Seine Sorge ist, “was für eine schreckliche Konfusion es im Kopf der einfachen Menschen hervorrufen kann, wenn man von ihnen verlangt, daß sie sich gleichzeitig zwei Gemeinschaften zugehörig fühlen und zwischen ihren sich daraus ergebenden doppelten Verpflichtungen immer distinguieren können.” So hält er es für beängstigend, wenn zwischen Minderheiten und den mit ihnen verwandten Völkern großer Staaten unmittelbare Verbindungen entstehen. “Mit oder ohne Grund werde man es immer so sehen, daß damit die Minderheiten zu Vorposten fremder politischer Interessen werden.”193
Dieser Artikel war der Auslöser für Bleyers Brief an Gratz am 6. August. Er schreibt darin, den letzten Satz in Gratzens Artikel könne er nicht annehmen. Dieser letzte Satz hieß: “Das Bestreben aber, das zwischen den verschiedenen rasse- und sprachverwandten Volksgruppen ohne Rücksicht auf die Staatsgrenzen Organisiertheit, Einheit schaffen will, führt – meiner Meinung nach – kaum zur Durchsetzung dieser Bestrebungen und wird dem Ziel nicht näherbringen, sondern uns auf dem Weg dahin zurückwerfen.”194 Die Ablehnung dieses Satzes trifft Wesentliches aus den Folgerungen von Gratz. Aber gerade seine Aussage muß Bleyer getroffen haben. Denn er bekennt jetzt, den Glauben verloren zu haben, daß Ungarn von sich aus die deutsche Frage lösen wird. “Ich glaube klar zu sehen, daß es für das ungarländische Deutschtum nur zwei Wege gibt: entweder sich den ungarischen Assimilationsbestrebungen zu fügen oder an das große Deutschtum zu appellieren. Von Bedeutung könnte nur eine Diskussion zwischen Berlin und Budapest sein.”195
Dieser Satz markiert den Schlußpunkt der inneren Entwicklung Bleyers.  Die dauernde Rücksichtnahme der regierungsoffiziellen Maßnahmen auf die magyarischen Ultranationalisten hatten bewirkt, daß er außer der Alternative Assimilierung oder reichsdeutscher Druck keinen Weg mehr erblicken konnte. Im Grunde naiv unpolitisch, vertraute er voll den von Stresemann verkündeten selbstlosen Zielen deutscher Minderheitenschutzpolitik. Die von Gratz – leider richtig – geahnten Gefahren spielten in seinen Überlegungen keine Rolle, und dies umso weniger, ja gebannter er auf die entgegengesetzte Gefahr blickte, die er mit dem Wort “zweites Südtirol” ausdrückte.
Bleyer hat in diesem Jahr auch in seinem einzigen Artikel in “Nation und Staat” zur Volksfrage Stellung genommen.196 Warb er vor der ungarischen Öffentlichkeit um Verständnis für die Volksgemeinschaft, so warnt er hier, Ideologien an Stelle des Lebens zu setzen. Nation und Volk unterscheidet er scharf. Seine Erfahrungen machen ihn vorsichtig gegenüber der in Genf erhobenen Forderung nach dem persönlichen Volkstumsbekenntnis: “Warum soll es wollen? Das einfache Volk ruht in sich, in seinem Volkstum schlechtweg, ob es sich seines Volkstums bewußt ist oder nicht. Es hat vielleicht schon seine Unberührtheit, seinen Blütenstaub verloren, wenn es sich in die Brust wirft und ein bewußtes Bekenntnis ablegt.” Darum betont er die objektiven Kennzeichen der Volkszugehörigkeit. Er hat damit geradezu klassisch den Bewußtseinszustand der ungarndeutschen Landbevölkerung dargestellt.
Wenn auch die Diskussion in der Magyar Szemle auf einen elitären Kreis beschränkt blieb, läßt sie dennoch die Tendenz der Entwicklung sehr hellsichtig fühlen. Schon am 29. Mai 1927 hat Bethlen dem Reichstagsabgeordneten von Lindeiner gesagt, seine Minderheitenpolitik wolle die reichsdeutschen Wünsche soweit wie möglich erfüllen, aber auch seine Lage gegenüber den ungarischen Chauvinisten sei nicht einfach. Es müsse unter allen Umständen der Schein vermieden werden, als füge er sich einem Druck aus dem Reich oder aus dem ungarländischen Deutschtum. Je mehr diese öffentlich forderten, desto weniger könne er erfüllen.197
Das Klima war frostiger geworden. Nach dem Eindruck des Auswärtigen Amts im November 1930 war Bethlen unzugänglicher geworden, die Atmosphäre hatte sich verschlechtert. Die Magyarisierungstendenzen hatten sich verstärkt. Gömbös – seit 1929 Honvédminister und so zu großem Einfluß gekommen – forcierte die Namensmagyarisierung. Bethlen schob jetzt den Schwarzen Peter für die Stagnation den Deutschtumsvereinen (VDA u. a.) zu, deren Agitation die Durchführung seiner guten Absichten unmöglich mache. Er beschuldigte sie, das Deutschtum Ungarn zu entfremden, und verlangte, dies abzustellen. Seine deutschen Gesprächspartner konnten darüber nur den Kopf schütteln und beteuerten, das deutsche Auswärtige Amt mische sich grundsätzlich nicht in die politische Zielsetzung der Minderheiten ein.198
Wie aus seinem oben zitierten Brief hervorgeht, war es Bleyer klar geworden, daß sein über Jahre forcierten Optimismus illusorisch gewesen war und daß er nur dürftige Erfolge errungen hatte. Dennoch hatte die Arbeit des UDV die Folge, daß das Volk - besonders die jüngere Generation – sich der ihm vorbehaltenen Rechte bewußter wurde und sich im Herzen immer wacher dagegen aufbäumte.
Dazu kam, daß Bethlen am 19. August 1931 die Regierung an Graf Julius Károlyi abgab, der, außenpolitisch stärker zu Frankreich neigend, für die deutsche Minderheit keinerlei Interesse zeigte. Selbst Gratz urteilt: “Zu einer vermittelnden Tätigkeit zwischen Károlyi und dem Verein sah ich wenig Raum.”199

7. Die Rolle Deutschlands
Schon im vorigen Abschnitt dürfte deutlich geworden sein, wie stark die ungarndeutsche Geschichte in größere Zusammenhänge eingebettet war. Jetzt soll nur noch auf die stärker gewordene Rolle des Reichs in diesen Jahren hingewiesen werden. Das gilt in erster Linie für die internationale Bedeutung Gustav Stresemanns. Ihm war es gelungen, in der Konferenz in Locarno 1925 und durch die Aufnahme in den Völkerbund und den Völkerbundrat 1926 Deutschlands politische Isolierung zu durchbrechen. Dabei sind für uns die programmatischen Erklärungen wichtig, die er bei diesem Anlaß abgab: Deutschland wolle als stärkster unter den schwachen Staaten für diese und die Interessen der Minderheiten eintreten. Das bezog sich gewiß in erster Linie auf die deutschen Minderheiten, denen er im Mai 1927 zurief, sie “sollen wissen, daß wir uns als ihre Vertreter fühlen. Das ist der schwerste, aber auch der schönste Teil der deutschen Außenpolitik, und es wird Aufgabe jedes deutschen Außenministers sein, ihn in den Mittelpunkt seiner Arbeit zu stellen.”200  Daß er dieses Engagement jedoch auch in einem umfassenderen Sinne verstand, zeigte sich, als er sich im Herbst des selben Jahres dem bedrängten Grafen Ápponyi in einem Konflikt mit Rumänien zu Hilfe kam.201  Das war die praktische Antwort auf eine Anfrage des Gesandten Kánya vom 23. Februar 1926 nach einem gemeinsamen Vorgehen in der Minderheitenfrage.202
Aber gerade beim Ausloten von Möglichkeiten deutsch-ungarischer Zusammenarbeit im Völkerbund im Blick auf Minderheitenfragen, wie sie gerade Ungarn wünschte, trat der grundsätzliche Unterschied an den Tag. Hegte Ungarn den, freilich aussichtslosen, Wunsch, für seine Revisionspolitik auch die Deutschen in den Nachfolgestaaten einzuspannen, und erwartete es vom Reich einen politischen Druck in dieser Richtung, so war es das immer wieder unterstrichene Ziel deutscher Minderheitenschutzpolitik, ausschließlich kulturelle Ziele zu fördern und strikt die Selbständigkeit der Volksgruppen sowie ihre Loyalität zum jeweiligen Staat zu respektieren. Während Ungarn die Unterstützung seiner Revisionspolitik immer wieder zur Voraussetzung größeren Entgegenkommens gegenüber seiner deutsche Minderheit machte, sah es die deutsche Politik genau umgekehrt: Nur eine mustergültige Minderheitenpolitik konnte die Deutschen in den verlorenen Gebieten wieder für Ungarn gewinnen.203 Dabei traten die Gegensätze besonders im Zusammenhang mit den Rückverdeutschungsbestrebungen im stark magyarisierten Satmar-Gebiet in Rumänien an den Tag. So traten alle diplomatischen Versuche auf der Stelle. Grundsätzlich vertrat auch Stresemanns Nachfolger Curtius in einer Reichstagsrede im Juni 1930 den Standpunkt, daß die Minderheitenfrage kein ausschließlich deutsches, sondern ein gesamteuropäisches Problem sei, und forderte, der Nationalitätenbewegung Rechnung zu tragen, wozu Deutschland im Sinne dauernden Friedens mitzuwirken gern bereit sei.204 Ende 1932 präzisierte das Auswärtige Amt: “Wenn die deutsche Minderheit eine Belastung ist, liegt die Schuld ausschließlich auf der ungarischen Seite. Ihre Loyalität kann nicht in Zweifel gezogen werden, sie will keinen Fremdkörper im Staate bilden, allein ihr Volkstum erhalten. Ihre Befriedigung würde die Revisionsbestrebungen im höchsten Maße fördern. Wenn Ungarn annähme, daß ein Desinteresse Deutschlands an der deutschen Minderheit in Ungarn möglich ist, so ist das irrig. Wenn Deutschland der Auffassung zum Durchbruch verhelfen will, daß nur eine generelle Lösung der Minderheitenfrage wirkliche Befriedigung herbeiführen kann, ist es ausgeschlossen, daß es sich an der Vergewaltigung einer Minderheit nur deswegen desinteressiert, weil es zum Gaststaat in freundschaftlicher Beziehung steht. Dann wäre es nicht möglich, die Welt davon zu überzeugen, daß für die deutsche Minderheitenpolitik letztenendes ethische und nicht politische Gründe maßgebend sind.”205
Bleyer hatte nach wie vor enge Verbindungen zum VDA und hier besonders zu Hans Steinacher, der ihm auch Gespräche mit Bischöfen und Zentrumspolitikern vermittelte, sowie die Unterstützung durch den Borromäusverein sicherte.206 Ein ausführliches Gespräch führte Bleyer auch mit dem Staatssekretär im Auswärtigen Amt von Bülow, den er vor dem Minderheitenreferenten Pataky warnte, da er diesen eines schlechten Einflusses auf Bethlen verdächtigte.207

8. Neue Angriffe – die Deutsche Arbeitsgemeinschaft
Eine Konsequenz, die Bleyer aus seinem wachsenden Mißtrauen gegen den guten Willen der Regierungen und die eingeschränkten Möglichkeiten des UDV zog, bestand darin, daß er im Rahmen des Sonntagsblatts – immer sein zweites politisches Standbein – die aus der Suevia hervorgegangenen Akademiker und zuverlässige Personen aus den Ortsgruppen zu vertraulichen Besprechungen zusammenrief, die zum ersten Mal vor der Jahrestagung des Volksbildungsvereins am 18. und 19. August 1931stattfanden.208 Die Teilnehmer verurteilten zunächst einen neuen ziemlich unverständlichen Angriff von Gündisch auf Bleyer. Bleyer berichtete, daß er Bethlen erneut seine Wünsche vorgetragen habe: Auflassung des C-, Ausbau des B-Typs der Volksschulen, Errichtung von Kindergärten, weiterführenden Schulen und eine deutsche Levente-Ausbildung.209 Bethlen habe ihm für den  Herbst eine Besprechung der Einzelheiten in Aussicht gestellt und nur den Levente-Wunsch gleich abgelehnt. Infolge von Bethlens Rücktritt ist es zu dem zugesagten Gesprächen nicht mehr gekommen.
 Bei den letzten Wahlen für das Abgeordnetenhaus wurden von sechs vorgeschlagenen ungarndeutschen Kandidaten nur drei von der Regierung favorisiert, und wieder kam nur Bleyer durch. Faul-Farkas wurde durch merkwürdige Intrigen in Pilisvörösvár aus dem Rennen geworfen und auch Kußbach kam in St. Johann nicht durch.210 Als freie Vereinigung und beratendes Forum wurde die Deutsche Arbeitsgemeinschaft konstituiert, die jeweils nach dem Schwabenball und der Jahresversammlung zusammentreten sollte.
An die Öffentlichkeit brachte diese Tätigkeit die ungarische Presse in Ödenburg und Ungarisch-Altenburg als “Sensation” und “Enthüllung”. Ihr Angriff richtete sich besonders gegen einen Teilnehmer aus Ödenburg, Hochschulprofessor Dr. Alfred Romwalter, der sich unter diesem Druck gezwungen sah, sich von der deutschen Bewegung zurückzuziehen.211 Dazu muß man wissen, daß die Studenten der Bergbauhochschule den Kern der chauvinistischen Kreise in Ödenburg bildeten.
In der großen Politik brachte – nach TörökGraf PálTeleki “die Bombe zum Platzen”212 mit seiner Theorie von verschiedenen Kategorien von Minderheiten, wonach er nur den Zwangs-, aber nicht freiwilligen, eingewanderten Minderheiten die international verbürgten Rechte zugestand.
Ein zweites Zentrum der Gegner der Deutschtumsbewegung braute sich in Bonyhád zusammen und machte besonders den Arzt Dr. Heinrich Mühl zu seiner Zielscheibe. Eine Ärzteversammlung wandte sich schon im Sommer 1930 gegen ihn, und sein Gemeindepfarrer gab dieser die Erklärung ab, daß “seine patriotische Gesinnung gelitten habe”. Dr. Mühl, mittlerweile evangelischer Kircheninspektor von Majos, schrieb ihm darauf: “Wußten Sie, wozu gewisse Leute diese (Erklärung) benutzen wollen?” und berief sich darauf, daß er sich für einen ebensoguten Patrioten halte wie der Pfarrer und fuhr fort: “Ich sehe die Zukunft meines Vaterlandes in der gerechten Verwirklichung der Minderheitenidee. Das kann richtig oder unrichtig sein, aber keinesfalls niederträchtig. Man kann dagegen kämpfen, soll es aber offen, ehrlich und mit gesetzlichen Mitteln tun.”213
Dann kam ein Angriff des Gymnasialprofessors Nikolaus Gömbös (Verwandter von Julius Gömbos, dem Verteidigungsminister) mit Anwürfen, die das Sonntagsblatt nur als “Ungeheuerlichkeiten und faule Behauptungen” bezeichnen konnte.214 Darauf reagierte Gömbös mit der Aufforderung an Bleyer, sich vom öffentlichen Leben zurückzuziehen,215 wenn er, Gömbös, seine Behauptungen mit einwandfreien Zeugen beweisen könne. Bleyer antwortete sofort, wenn Gömbös seine Behauptungen beweisen könne, wäre es seine Pflicht, die von ihm Beschuldigten vor Gericht zu stellen statt Artikel zu schreiben. Aus dem Urteil des Gerichts würde auch er Konsequenzen ziehen, allerdings auch gegenüber Nikolaus Gömbös.216

Franz Basch forderte von der hauptstädtischen Zeitung Pesti Hirlap eine Berichtigung des Inhalts ein, daß er immer für die Notwendigkeit der ungarischen Sprachkenntnis eingetreten sei, und schloß: “Damit Herr Professor Gömbös in der Zukunft über meine Vorträge nicht nach Hörensagen Erklärungen abzugeben gezwungen sei, lade ich ihn zu meinen Vorträgen, die ich im Tolnauer Komitat

________________________________________________________________________________

188  August 1932 S. 307

189   S.298

190  S. 299 f.

191  S. 301

192  S. 302

193  S. 304 f.

194  S. 307

195  Gratz, Gustav: Deutschungarische Probleme. Budapest 1938, S. 17

196  NuS, Februar 1930: Nation, Volk, Nationalität.

197  Akten zur ausw. Politik B XV, Nr. 196

198  A.a.O., B XV, Nr. 204, 18.10.1926; B XVI, Nr. 58, 15.11.1930, Nr. 76, 25.11.1930

199  Gratz a. a. O. S. 26

200 zitiert nach Gündisch, Magyar Szemle, 1928

201 Budapesti Hirlap 1.  und 20.9.; Pester Lloyd 24.9. Abendblatt, So. 9.10.1927

202 Akten B XVI Nr. 78

203  Düwell, Kurt: Deutschlands auswärtige Kulturpolitik 1918-32, Köln-Wien 1976, 

204     S. 380ff.
  AA Pol II Ung Bd. 4, 26.11.1932

205  AA P1 II Ung. Bd. 4, 1.12. 1932

206   BA Nachlaß Steinacher 21. 5. Und 12.7.30, AA Pol II/6 Ung Bd 7 13.6.30

207  A.a.O., 7.5.1930

208  BA Nachlaß Hans Steinacher

209  die vormilitärisch erzogene verpflichtende Staatsjugend

210   So. 5.7.1931

211  So. 29.11.1931

212 So.  3.3.1931

213 So.  18.1.1931, S. 3f.

214 Pesti Hirlap, 2.8., So.10.8.30, abgedruckt in Koltai-Solymár: Válogatott  dokumentumok a Hüséggel a  Hazához mozgalom  történetéhez (Ausgewählte Dokumente zur Geschichte der Treue zur Vaterland-Bewegung) Bonyhád 1994

215 Pesti Hirlap, 3.10. 1930

216 Pesti Hirlap, 4.10.30.

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abhalten werde, höflichst ein, um sie an Ort und Stelle anzuhören. Er wird sich dann von der Unrichtigkeit seiner Behauptungen sicher überzeugen können.”217
Im Herbst wurde ein Protestschreiben gegen den UDV verfaßt. Diese “Deklaration” gibt sich als Erklärung von Deutschen aus, die von sich sagen, “keine Nationalität, sondern deutschsprechende Ungarn” zu sein. Sie protestieren aus diesem Grunde “gegen die neue Politik eines Bleyer und Gündisch, daß man uns befreien will, für uns neue Rechte verlangt”. An der Spitze der Unterzeichner finden sich Geistliche, Professoren des evangelischen Gymnasiums und andere Intellektuelle und Beamte. Nach anfänglichen Mißerfolgen218 konnten die Verfasser der Deklaration doch eine beachtliche Anzahl Unterschriften bis zur Drucklegung im Dezember beschaffen.219 Das Sonntagsblatt erblickt das Motiv zu dieser neuen Aktion, in der Tatsache, daß es sich herausgestellt habe, daß Nikolaus Gömbös sich “auf haltloses Geschwätz gestützt hat und so seine Enthüllungen mit einem erbärmlichen Fiasko endeten.” Das Sonntagsblatt berichtet weiter, ein Steuerbeamter habe Unterschriften gesammelt, bis ihm sein Vorgesetzter dies verboten habe.220 Die Tolnavármegye (die Zeitung Komitat Tolnau) nennt die Unterzeichner “die magyarisch fühlende schwäbische Partei”.221
Wenn wir diese Aufregungen aus der Distanz von 65 Jahren betrachten, erscheinen sie uns als typisches Beispiel für die innere Verfassung der ungarndeutschen Landbevölkerung, wie sie später Wilhelm Knabel beschrieben hat.222 Übrigens ging seine Anpassung damals so weit, daß auch er die Deklaration unterschrieb. In ihren schlummernden Volkstum wußten die Ungarndeutschen nicht, was sie wirklich waren, nur so konnte der Begriff “deutschsprachige Ungarn” gegen ihre rechtlich eindeutige Nationalitätenexistenz hochgespielt werden. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, daß Gömbös in seinem Artikel die deutschstämmige Dorfintelligenz  als die natürlichen Führer des Volkes bezeichnete und sie gegen die “laute Agitation der hereingedrängten Fremden” (weil Bleyer und Gündisch aus den von Ungarn an Jugoslawien und Rumänien abgetretenen Gebieten stammten – vom Revisionsstandpunkt eine unsinnige Polemik) auszuspielen versuchte, wobei er behauptete, “im Namen vieler Tausend Deutschstämmiger in Tolna-Baranya” zu sprechen. Darin wird schon die Möglichkeit der späteren Deklaration angepeilt.
Diese und ähnliche Erscheinungen ließen in den Kreisen um Bleyer die Einsicht reifen, daß von den erstrebten und urgierten Regierungsmaßnahmen für die tatsächliche Erhaltung der Schwaben als Nationalität kaum etwas zu erwarten war, und daß deswegen das Schwergewicht der Arbeit auf die tatsächlichen Verhältnisse an der Basis zu verlagern war. Bleyers zunehmender Pessimismus hing damit zusammen, daß immer deutlicher wurde, wie wenig die Impulse von oben bewirken. In seinem Lager aber erzeugte es die Einsicht, daß das Schwergewicht der Arbeit – nennen wir sie meinetwegen Agitation – auch auf die Basis verlegt werden muß. Das machte sich in der zweiten Tagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft am 20.- 21 August 1932 geltend. Hierher gehört Rothens Forderung nach Einrichten von Keimzellen in den Ortschaften und nach Suchen nach Leuten, auf die man sich auch bei den wildesten Gegenaktionen unbedingt verlassen konnte. Ob man das legal oder illegal nennt, hängt davon ab, ob man nur das ausgesprochen Erlaubte legal, oder nur das ausgesprochen Verbotene illegal nennt. Rothens Initiative bildete freilich den Anfang der Aktivitäten, unter Umgehung des in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkten UDV “Tragpfeiler der wahren deutschen Bewegung” (so Rothen) zu sammeln und zu schulen.
Richtungweisend für die weitere Entwicklung war auch, was Franz Basch über die Volksgemeinschaft sagte. Er meinte, das Gefühl dafür sei wach geworden. “Man muß das selbst erlebt haben.” Er verstand unter Volksgemeinschaft nicht mehr nur das kulturelle, sondern auch das politische, wirtschaftliche und finanzielle Zusammenhalten. Er äußerte die Absicht, diesen Gedanken hinauszutragen und versprach sich davon Erfolge bei Richter-, Notär- und Pfarrerwahlen. Auch die Frage einer eigenen Partei wurde wieder ventiliert. Aus dem Ofner Bergland konnte Positives von einer Genossenschaft berichtet werden. Kußbach hinwieder verstand die Arbeitsgemeinschaft als Zentrale einer weit hinauswirkenden Bewegung.

 

Wildmann/Spiegel – 05A

V. 1932-1934 – eine dramatische Wendezeit

 

1. Trat Gustav Gratz zurück?

Zwei Wochen nach Jakob Bleyers Brief an Gustav Gratz fand wie immer am 20. August 1932 die Generalversammlung des UDV statt. In dieser erklärte Gratz, “daß jene Voraussetzungen, unter denen ich seinerzeit den Vorsitz im Verein übernommen habe, und unter denen ich hoffen konnte, daß ich zur Verwirklichung meiner in Bezug auf die Minderheitenfrage immer gehegten Überzeugungen etwas beitragen kann, infolge der in den Verhältnissen eingetretenen Veränderungen heute nicht mehr bestehen.”223
Dieser Satz bleibt rätselhaft, weil er trotz Auseinandersetzung mit “einigen Hitzköpfen in Deutschland”, denen man jedoch eine große Bedeutung nicht beizulegen braucht und mit Graf Paul Telekis Theorie von den zweierlei Minderheiten224 keine so einschneidenden Änderungen andeutet, ja sie bezüglich der Regierung gleich im nächsten Satz in Abrede stellt. Dann folgt unvermittelt: “Es ist aber meines Erachtens heute besser, wenn derjenige die Leitung ganz übernimmt, der in seiner Person die Bestrebungen des ungarländischen Deutschtums immer am stärksten verkörpert hat, nämlich mein Freund Exc. Bleyer.” Auch hier wehrt er sofort Vermutungen ab: "Wir sind an das Werk, dem wir uns acht Jahre lang gemeinsam gewidmet haben, vielleicht von verschiedenen Ausgangspunkten aus nähergetreten, aber unsere Wege haben sich vereinigt und bis zum letzten Augenblick hat kein Mißklang unsere Zusammenarbeit störend beeinflußt."225 Obwohl Gratz Bleyer vorher von seiner Absicht informiert hatte226, war dieser doch sichtlich tief bewegt und beschwor Gratz noch einmal, seinen Entschluß zu überprüfen, denn sonst “verlieren wir die Hälfte unserer Kraft.”
Warum wollte Gratz zurücktreten? Er verstand sich nach eigenen Worten als "ungarischer Politiker, der die Lebenswichtigkeit der Minderheitenfrage für das heutige Ungarn erkannt hat".227 Der ungarische Historiker Béla Bellér ist geneigt, den Grund darin zu sehen, daß “die ungarische Politik ihre Revisionsziele nicht durch die Bewahrung des deutschen Volkstums erreichen wollte, sondern durch dessen stufenweise Vernichtung”.228 Das entspricht dem, was Gratz 1938 rückblickend darüber schreibt: “Zu einer vermittelnden Tätigkeit zwischen Károlyi und dem Verein sah ich wenig Raum”.229
Der Historiker Loránt Tilkovszky sieht den Rücktritt im Zusammenhang mit Bleyers Brief, “der ihm klarmachte, daß Bleyer die ungarndeutsche Bewegung in eine Richtung lenken will, für die er keine Verantwortung mehr auf sich nehmen kann”230. Für diese Hypothese scheint viel zu sprechen, auch wenn Gratz das nie expressis verbis zugegeben hat. Er wollte vermutlich zurücktreten, bevor der Mißklang unvermeidlich geworden wäre. Daß er das 1938 – mitten im Kampf darum, wer Bleyers Erbe in der rechten Weise wahrt – nicht zugab, ist aus der Situation von damals erklärlich. Er wollte sich nicht vom Weg der kleinen Schritte abbringen lassen, auf dem er bisher mit Bleyer einig gewesen war. Bleyer aber nahm das Risiko des Weges auf sich, den er für den einzig gangbaren hielt. Merkwürdig mutet die Gratz’ spätere Erklärung an, er habe auf Bleyers Bitte seinen Rücktritt in der Schwebe gelassen.231 In seinem Schlußwort ist nur davon die Rede, daß er sich “als gewöhnlicher Soldat” weiter zur Verfügung stellen wolle.232

2. Julius Gömbös
Anfang Oktober 1932 löste Julius (ung.: Gyula) Gömbös, der bisherige Verteidigungsminister, Graf Gyula Károlyi als Ministerpräsidenten ab. Noch vor seiner Regierungserklärung im Parlament erließ er über den Rundfunk einen Aufruf an die Nation. Aufschlußreich der Kommentar im Sonntagsblatt: “Man mag zur Person des neuen Ministerpräsidenten und zu seiner Politik stehen, wie man will, anerkennen wird man müssen, daß sein Aufruf wie auch sein Programm in die ungarische Politik einen neuen Ton gebracht hat, der ihn in keinem ungünstigen Lichte erscheinen läßt.”233 Bislang - so das Blatt - habe man zwischen Volk und Behörden “eine chinesische Mauer” feststellen müssen, nun wirke die Unmittelbarkeit der Rede vertrauenserweckend. Sympathisch klinge für den, der die Hintergründe nicht auslotet, daß Gömbös offenbar keine Klassen, sondern nur das Volk kenne. Gömbös forderte energisch die Rechte der magyarischen Minderheiten im Ausland ein, bot aber gleichzeitig auch den Nationalitäten Rumpfungarns eine friedliche Zusammenarbeit an, allerdings mit der Einschränkung, “bis sich keine zentrifugalen Kräfte melden, die die Einheit der Nation gefährden  könnten.” An dieser Stelle setzte sich das Sonntagsblatt sofort zur Wehr mit dem kategorischen Urteil: “Das ungarländische Deutschtum war stets bis zur Selbstaufopferung zentripetal.”


3. Bleyers Parlamentsrede im Mai 1933
Wenn auch das Sonntagsblatt seiner Tradition treu geblieben war, so positiv wie möglich über die Regierenden zu schreiben, so war Bleyers Pessimismus eher gewachsen. Am 3. Oktober 1932, also unmittelbar vor dem Regierungswechsel, berichtete er dem deutschen Gesandten Hans von Schoen, er habe dem Staatssekretär Kálmán Darányi und Pataky offen erklärt, daß er nicht mehr daran glaube, daß Ungarn jemals von sich aus die deutsche Frage lösen werde. Dem engmaschigen Netz der Magyarisierung könne kein deutsches Kind entrinnen. Seine Stellung als Führer würde somit unhaltbar und die von den Jungen geforderte Radikalisierung würde zum offenen Kampf führen.
Im November 1932 nahm Bleyer an einer Tagung der deutschen Volksgruppen in Berlin teil und sprach bei diesem Anlaß mit deutschen Ministern. Gesandter von Schoen hatte diese auf die Unterredung mit seiner  persönlichen Lagebeurteilung vorbereitet und gemeint, eine Radikalisierung könne nur ein Mißerfolg sein und würde die gesamten Beziehungen mit Ungarn belasten. Ebensowenig könne Bleyer aus Deutschland Direktiven bekommen. So empfahl er, Bleyer “mit Geduld anzuhören und des vollen Vertrauens zu versichern.”234
Als aber im Januar 1933 Adolf Hitler in Deutschland an die Macht kam, tauchte das Gespenst der alten Verbindung der Nationalsozialisten mit Gömbös wieder auf und Bleyer erinnerte sich des Gerüchts, die nunmehrigen Machthaber hätten die Minderheitenfrage unter sich längst bereinigt. Kein Wunder, daß er - wie gelegentlich schon früher - nunmehr allen Ernstes befürchtete, das Schicksal der Ungarndeutschen könnte, “ein zweites Südtirol” werden.
Das alles hat den scharfen Ton seiner Parlamentsrede am 9. Mai 1933 mit veranlaßt. In ihr bringt er alle Gravamina vor, die seit seiner letzten Vorsprache bei Bethlen unerledigt geblieben waren. Er beschwert sich jetzt auch, womit er sich bisher abgefunden hat, daß nämlich “der UDV nicht einmal seine Leitung frei wählen dürfe.” Dann geht er direkt auf die Worte von Regierungschef Julius Gömbös ein, betont wie immer die Staatstreue der Schwaben, fügt aber hinzu: “In neuerer Zeit hört man in der ungarischen Politik immer weniger von der ungarischen Staatsidee, aber umso mehr, und immer leidenschaftlicher vom ungarischen Rassegedanken. Wir halten diese neue Ideologie, die anderwärts entsprechen kann, in Ungarn für gefährlich, sogar für verhängnisvoll; denn wenn der ungarische Staatsgedanke mit dem magyarischen Rassegedanken identifiziert wird oder an dessen Stelle tritt, können wir – wir sagen das offen – nicht zentripetal sein. Wir können es deshalb nicht, weil wir unser Deutschtum nicht verleugnen können, es weder als Sünde noch als Schande empfinden.”235
Diese Rede führte zunächst zu heftigen Angriffen im Parlament, deren Wortführer Endre Bajcsy-Zsilinszky war. Auch László Pintér ergriff das Wort und behauptete, Bleyer sei der Volksgemeinschaftsbewegung zum Opfer gefallen, und wenn etwas sich auf die Schulpolitik hemmend auswirke, so sei es diese Bestrebung zur Kulturgemeinschaft.236 Es gab allerdings auch Stimmen, die Bleyer verteidigten. Die erregten Auseinandersetzungen griff auch die Presse auf, und schließlich kam es zu Studentendemonstrationen gegen Bleyer. Gömbös nahm erst am 17. Mai zur Sache Stellung. Er sagte, er habe Bleyer davor gewarnt, Sturm zu säen, er mißbillige aber auch die Demonstrationen. Es handle sich um eine außerordentlich heikle Frage, aber die Regierung habe die Mittel in der Hand, sie zu lösen.237

4. Bleyer bei Heß, Gömbös bei Hitler
Der Machtwechsel in Deutschland machte den konservativen Volksgruppenpolitikern, Bleyer ebenso wie dem Sachsen Hans Otto Roth oder dem Balten Werner Hasselblatt, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Volksgruppen in Europa, schlagartig klar, daß sie es bisher versäumt hatten, zur nunmehr herrschenden Partei Verbindungen herzustellen.238 Für Bleyer, der in den gesinnungsverwandten Rasseschützern seine gefährlichsten Gegner sah, führte das zu panikartigen Ängsten, wie seine Äußerung vom "zweiten Südtirol" zeigt. Hatte er bisher bei den bürgerlichen deutschen Regierungen ein gewisses Verständnis gefunden, so mußte er jetzt alles daransetzen, Hitler davon abzuhalten, die Ungarndeutschen der weltanschaulichen Gemeinschaft mit Gömbös zu opfern. Wie aber sollte er an die neuen Führer herankommen? Da halfen ihm zwei in München studierende Suevianer, die ihn darauf aufmerksam machten, daß Professor Karl Haushofer, der Leiter der Deutschen Akademie, dem Bleyer als Senator dieses Vorläufers des Goethe-Instituts verbunden war, als sein Lehrer und Freund enge Beziehungen zu Rudolf Heß hatte, dem zunächst von Hitler mit der Wahrnehmung der Volkstumsfragen beauftragten Stellvertreter. Durch diese Vermittlung kam es zu einer Vorsprache Bleyers bei Heß. Über den Inhalt derselben gibt es keine unmittelbare Quelle, nur über das Folgende.
Kurz darauf, am 17. Juni, machte Julius Gömbös als erster ausländischer Staatsmann seinen sensationellen Besuch bei Hitler. Unter anderem kam auch die Minderheitenfrage zur Sprache. Gömbös wollte erreichen, daß die deutsche Regierung sich in der Frage der deutschen Minderheit in Ungarn nicht engagiert, dagegen auf die deutschen Volksgruppen in den abgetretenen Gebieten Druck ausübt, mit den Magyaren zusammenzuarbeiten. Dabei kritisierte er besonders den VDA. Hitler verhielt sich dem gegenüber rezeptiv. Aber bei seinem Besuch  erfuhr Gömbös auch vom Treffen Bleyers mit Heß.
Bleyer reichte auf  Aufforderung von Gömbös im Parlament noch einmal die Wünsche der deutschen Minderheit schriftlich ein. Am 11. August kam es endlich zu einer Audienz bei Gömbös. Dieser sprach den Wunsch aus, über Treffen mit deutschen Regierungskreisen künftig vorher informiert zu werden. Im übrigen sei die Minderheitenfrage eine innere Angelegenheit, in die Deutschland nichts dreinzureden habe. Darüber kam es zwar zu einer Debatte, aber konkret kam nur so viel heraus, daß der UDV mit Rücksicht auf die gespannte Lage seine Generalversammlung auf später vertagte.239
Am selben Tag erhielt die deutsche Gesandtschaft eine Weisung des Auswärtigen Amts für Bleyer: Die Reichsregierung werde die kulturellen Wünsche der ungarndeutschen Volksgruppe auch in Zukunft durch freundschaftliche Einwirkung auf die ungarische Regierung unterstützen, es
sei ihr aber nicht möglich, Druck auszuüben. Darum wäre es nicht wünschenswert, wenn das Ungarndeutschtum mit der ungarischen Regierung und der öffentlichen Meinung in einen scharfen Gegensatz käme. Daher würde die Reichsregierung es für zweckmäßig halten, wenn sich Bleyer in seiner weiteren Tätigkeit diesen Gesichtspunkt vor Augen halten würde. Zugleich solle er des vollen Vertrauens der Reichsregierung versichert werden.240
Bei seinem Besuch in Budapest am 21. September 1933 traf Reichs-Vizekanzler Franz von Papen auch Bleyer, obwohl sich Gömbös von Papen gegenüber scharf dagegen gewandt hatte, daß Bleyer ständig von Berlin Weisungen erbitte. Wieder beschwerte er sich auch über deutsche Stipendien für ungarndeutsche Studenten.241
Dennoch klammerte sich Bleyer an den Strohhalm einer Unterstützung durch Berlin. Noch am 20. November 1933 sagte er zu Heinrich Köhler: "Ein Wort Hitlers an Gömbös genügt, um die Frage des Deutschtums in Ungarn zu lösen." Wie dieser im Jahr darauf an Rothen schrieb, hatte er Gelegenheit, dieses Wort als Vermächtnis Bleyers an Hitler weiterzugeben, worauf dieser antwortete: “Leider hat Bleyer sich geirrt. Ich habe dieses Wort gesprochen, als Gömbös in Berlin war. Freilich war damals unsere außenpolitische Lage so katastrophal schlecht, (die ganze Welt sah voll Mißtrauen auf das deutsche Regime), vielleicht würde es ein zweites Mal anders werden.”242

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217 A. a. O. 28.10.30, So. 2. 11. 30

218 So. 30.11.30, S.6

219 Koltai, a.a.O., S. 23f. 

220 So. 7.12.1930

221 Tolna Vármegye (Komitat Tolnau), 23.11.1930

222 Siehe Anmerkung 9

223   Sonntagsblatt (abgek.: So.) 28.8.32, S. 7

224   a. a. O. S. 5f.

225   a. a. O. S. 9

226   Tafferner, Anton: Gustav Gratz, in: Südostdeutsche Vierteljahresblätter 1975/2, S. 111-114

227   So., 28.8.1932, S. 7

228   Bellér, Béla: Az ellenforradalmi rendszer német nemzetiségi politikájának válsága 1931-32-ben (Die Krise der deutschen Nationalitätenpolitik des gegenrevolutionären Systems 1931-32) in: Történelmi Szemle (Historische  Rundschau) 1980/3, S. 490

229   Gratz, Gustav: Deutschungarische Probleme. Budapest 1938, S. 26

230   Tilkovszky, Loránt: Törekvések a magyarországi német mozgalom radikálizására (1932-33) (Bestrebungen zur Radikalisierung der ungarndeutschen Bewegung) in Századok (Jahrhunderte) 1979/3, S. 431

231   Gratz, a.a.O., S. 26.

232  So., 28.8.32, S. 8

233  So., 9.10.32

234  AA Pol II 6 Ung. Bd. 7, 27.10.32

235  So. 14.5.33, Schwind, a.a.O.,  S. 148 f.; Weidlein, Johann: Geschichte der Ungarndeutschen in Dokumenten, Schorndorf 1959, S. 77f.

236  Tikovszky: Törekvések, S. 452

237  a. a. O. S. 448

238  Schwind, a.a.O., S. 147 f.

239  Tilkovszky, Törekvések, S. 465 f.

240  A Wilhelmstraße és Magyarország, Nr. 12, S. 55

241  NuS, Okt. 33, S. 37, Tilkovszky, a.a.O., S. 468

242  Schwind, a.a.O., S. 163, Tilkovszky, a.a.O., S. 464

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5. Bleyers Resignation und Tod
Im September gab der berühmte Dichter Gyula Illyés der panischen "Pangermanenangst" neue Nahrung, als er in der Zeitschrift Nyugat (Westen) über Reiseerfahrungen in der Baranya berichtete. Dem Einkindsystem der reformierten Magyaren stehe eine wachsende Ausbreitung der Deutschen gegenüber, so seine Behauptung, und er beschwor das Gespenst eines deutschgemachten Transdanubiens und in dessen Folge den magyarischen “Nationstod”. Darauf veranstaltete die Zeitschrift eine Enquéte, in der auch der Dichter Michael Babits in dasselbe Horn blies. Hier wurde die Opposition eines unter der Oberfläche lebendig gebliebenen Linksnationalismus gegen die deutsche Orientierung der Regierungspolitik deutlich. Diese sei, so der Vorwurf, gegenüber dem deutschen "Drang nach Osten" blind.
Der Artikel im Nyugat wirkte über Jahre hinweg. Zu seinen Folgen gehört die Verschleppung der von Studenten abmontierten Glocke einer nicht mehr benützten reformierten Kirche in Hidas und ihre demonstrative Aufstellung am Kalvinplatz in Budapest ebenso wie das Erfolgsstück Földindulás (Erdbeben) von Kosztolányi, das das Thema in provozierender Weise behandelte.
Bleyers empfindliche Seele erlebte noch den Anfang dieser Kampagne. Dazu kamen Schwierigkeiten, die sein Sekretär Basch wegen einer Äußerung gegen die Namensmagyarisierung bekam, die eigentlich durch die Anfrage einfacher schwäbischer Schrankenwärter und anderer Eisenbahner von Bátaapáti veranlaßt war, wie sie sich gegen den Zwang zur Magyarisierung ihrer Namen wehren könnten.
Ende November besuchte Bleyer noch einmal seinen Wahlkreis Villány und kam schwer krank zurück. Am 5. Dezember 1933 ist er der Krankheit erlegen.

6. Die Nachfolgefrage
Gustav Gratz schreibt, daß ihn nach Bleyers Begräbnis Vertreter des Verbandes deutscher Minoritäten gebeten hätten, die Leitung unbedingt weiter zu behalten. Er antwortete, daß ihm das kaum möglich sein werde, erklärte sich aber bereit, die Verhandlungen mit der Regierung zu Ende zu führen. Im Zuge derselben nahm er auch an einer Ministerbesprechung teil, in der die Bitte, er möge die Leitung behalten, fast zu einem Ultimatum wurde. Die Regierung, so wurde ihm erklärt, wäre andernfalls gezwungen, das, was sie von den Wünschen der deutschen Minderheit zu befriedigen bereit sei, einer Revision zu unterziehen.243 Aber Gratz befürchtete, das Vertrauen "mächtiger gesellschaftlicher Vereinigungen" in Berlin, die mit den Minderheiten befasst waren und mit denen er bisher keine unmittelbare Verbindungen gepflegt hatte, nicht zu besitzen. So habe er sich am 9. Februar 1934 in Berlin mit dem Kulturreferenten des Auswärtigen Amts, Rödiger, mit Hans Steinacher und dem Leiter des Reichsverbands der katholischen Auslandsdeutschen, Emil Clemens Scherer, besprochen und sie hätten ihm alle versichert, daß sie es gerne sähen, wenn er an der Spitze des Vereins verbliebe.244 Nach einer Aufzeichnung Rödigers hat Gratz sich skeptisch gezeigt über den Geist, in dem Ungarn seine Zusagen verwirkliche, sich aber doch dafür ausgesprochen, die Versuche der Verständigung fortzusetzen.
Steinacher uns Scherer betonten, daß die Möglichkeit dauernder geistiger Fühlungnahme mit dem Muttervolk den Volksdeutschen nicht genommen werden dürfe. Dies sei auf Gratz nicht ohne Eindruck geblieben. Ausdrücklich erwähnt Rödiger, daß die Frage der finanziellen Betreuung nicht angeschnitten wurde.245 Denn das war der Punkt, an dem die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Bleyer und Gratz ihre Grenzen gehabt hatte. Die Anmerkung Rödingers, macht deutlich, daß man in Berlin nicht daran dachte, in Gratz jemand anderen zu sehen als bisher, nach den guten Erfahrungen Bleyers mit Gratz jedoch einverstanden war, daß dieser in der bisherigen Weise Präsident bleibe. Keinesfalls sah man in ihm den Nachfolger Bleyers.
Für die ungarische Seite blieb die Frage, wie es nach Bleyer weitergehen sollte, zunächst noch offen. Was erwartete sich Gömbös davon, wenn Gratz ohne Bleyer wieder Präsident wurde? Teleki, darin sicher einig mit Gömbös, äußerte, "man müsse nach dem Tod Bleyers den günstigen Moment benutzen, um das deutsch-ungarische Verhältnis endgültig von der schweren Belastung zu befreien."246 Was er damit auch gemeint haben mag, die Belastung sah er eindeutig personalisiert in Bleyer.
Wer sollte Bleyer ersetzen? Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft war bald nach Bleyers Tod zusammengetreten und hatte einen Siebenerrat eingesetzt, der als sichtbares Organ der deutschen Bewegung vorwiegend über politische Fragen zu bestimmen gehabt hätte. Die indiskrete Veröffentlichung der Namen in der Temesvarer Zeitung mit der Bemerkung, “es würde ein verschärfter Kurs einsetzen”, blieb der ungarischen Presse nicht verborgen und führte zu entrüsteten Kommentaren.247 Darauf bezieht sich wohl Basch, wenn er im Sonntagsblatt im Februar 1934 schreibt: “Es möge da niemand kommen und sagen, wir wollen Dr. Bleyer überbieten und päpstlicher sein als der Papst. Alles, was geschehen wird, im Verkünden wie auch im Verwirklichen, geschieht im Geiste jener Erbschaft, die der Hervorragendste aller Schwaben Ungarns uns zur Betreuung hinterließ.” Es heißt dann weiter: “Unser eigenvolkliches Dasein ist von Jahr zu Jahr in immer düsterere Schatten gefallen. Wie ein Alpdruck lastet auf uns allen die Ungelöstheit der Schulfrage, die Einschränkung der Tätigkeit des UDV in den letzten Monaten, die Mißachtung der Sprachgesetze und Sprachverordnungen. Der Alpdruck zermartert unser Gewissen.” Aber er beruft sich voll Hoffnung auf “die gewaltige neue Idee der 40 Millionen zählenden europäischen Volksgruppen.”248
Zu Anfang des Jahres 1934 stellte sich zunächst Gratz zur Verfügung, die Nachfolge Bleyers “im Sinne der deutschen Bewegung bei der Regierung zu betreiben”. Diese schien in den Augen der Führungselite des UDV nicht abgeneigt zu sein, “bei der Besetzung der Stelle die Wünsche der deutschen Bewegung zu berücksichtigen.” Zunächst fiel der Name Dr. Johannes Huber, damals  Stadtpfarrer in Ödenburg und Dombor.249 Als im März 1934 bekannt wurde, daß die Kirche Hubers Übersiedlung nach Budapest abgelehnt hatte, scheinen sich die maßgebenden deutschen Kreise auf Bleyers Schwiegersohn Dr. Franz Kußbach geeinigt zu haben und es herrschte die Meinung, die Regierung habe nichts gegen ihn einzuwenden.250
Gratz hat die weiteren Verhandlungen mit der Regierung beharrlich geführt, erreichte allerdings nicht mehr als eine Absichtserklärung. Er, der Altliberale, trat dabei durchaus als fordernder Minderheitenpolitiker auf und war weit entfernt von Liebedienerei gegenüber dem ihm politisch fernstehenden Rassenschützer Gömbös. Gratz hatte eingesehen, daß Fühlungnahme mit deutschen Stellen für eine erfolgreiche Minderheitenpolitik unentbehrlich war. So sah auch er in der Bemühung um  das kulturell-ethnische Überleben seiner Unganrdeutschen fortab nicht mehr nur eine rein innenpolitische Problem. Nach der Rückkehr aus Berlin gab er Gömbös sein Ja und übernahm in aller Form den Vorsitz des UDV.
Auf der Generalversammlung am 6. Mai, der die Neuwahlen oblagen, trat er mit einer Selbstverständlichkeit als Vorsitzender auf, als wäre er nie zurückgetreten. Nachdem die gesamte Vereinsleitung ihre Ämter niedergelegt hatte, wurde Gratz zum Vorsitzenden, Professor Richard Huß, Germanist in Debrecen, der aus Bistritz stammte, und Faul-Farkas zu stellvertretenden Vorsitzenden, Kußbach zum geschäftsführenden Vorsitzenden, Pintér zum Direktor (ein schwer zu definierendes Amt) und Basch zum Generalsekretär gewählt.251
Zunächst arbeitete die neue Leitung ohne Reibungen. Am 23. Juli 1934 sprach Kußbach im Auswärtigen Amt in Berlin vor, um einen Besuch von Gratz vorzubereiten, aber wohl auch, um sich selbst vorzustellen. Hierbei nahm er eine eher kritische Haltung zu Gratz ein. Dieser wolle “den Eindruck mitnehmen, als ob man im Reich mit der Behandlung der Volksgruppe im ganzen zufrieden wäre”. Er aber sehe keine Besserung, weil nach wie vor politische und wirtschaftliche Schikanen erhängt würden.252 Kußbach sprach auch in anderen Reichsministerien vor und traf auch den VDA-Vorsitzenden Hans Steinacher. Nach Kussbachs Besuch empfahl das Auswärtige Amt Gratz gegenüber “höfliche Zurückhaltung”,253 so er vorsprechen sollte. Ob Gratz wirklich kam, konnte nicht festgestellt werden.
In einem neuen vertraulichen Lagebericht an Steinacher schreibt Kußbach von Aktionen, um Mitarbeiter einzuschüchtern oder abwendig zu machen. Er bemühe sich, eine einheitliche Führung zu sichern. Seitens der Regierung gibt er Zugeständnisse in Bezug auf Schulen und Organisationstätigkeit des UDV zu, schreibt aber auch von verschärfter Kontrolle. Man hat “einige volksfremde Elemente uns an den Hals geflickt.” Dementsprechend sei die Lage: “Im kontrollierten UDV die Kulturarbeit, um das Sonntagsblatt die politische Erziehungsarbeit. Als Spitzenorgan haben wir die geheime Arbeitsgemeinschaft.” Dazu wäre anzumerken, dass “geheim” höchstens ihre Weiterarbeit nach Bleyer war. Ein etwa gleichzeitiger ungezeichneter Bericht zeigt übrigens, wie sich die chauvinistischen Kreise auf Kußbach eingeschossen haben.254
Am Stefanstag, dem ungarischen Nationalfeiertag, hielt der UDV wie üblich auch im August 1934  seine Generalversammlung ab. Auf die zwar kritische, aber auf Ausgleich bedachte Eröffnungsrede von Gratz folgte der Jahresbericht des neuen Generalsekretärs Franz Basch, der einen völlig neuen Ton anschlug und die Versammlung mitriß: “Etwas weit über menschliches Tun und Wollen Hinausragendes ist hier am Werk: Die Idee vom heiligen Recht der Volksgruppen, die zu den gewaltigsten des 20. Jahrhunderts gehört und die ungarischen Volksgruppen mit der selben magischen Kraft leitet, treibt und wachsen läßt wie die deutschen und alle andern ... Dieser Idee vom Volksrecht und kulturellem Selbstschutz der Volksgruppen können weder Berge noch Bollwerke entgegenstehen.”
Ebenso eindrucksvoll war der sachliche Bericht: Die Bewegung hat auch die Mütter und die männliche Jugend erfaßt. Im Winter haben über 180 Vorträge stattgefunden. Ein Höhepunkt war der Volkstag in Mágocs mit 15.000 Teilnehmern. Fünf Ortsgruppentagungen haben je Vertreter aus 20-30 Gemeinden zusammengeführt, bis Ende Januar alle weiteren verboten wurden. Dann blieben als umfassendere Veranstaltungen nur noch die Kulturfeiern, aber auch dazu wurde schon vor Weihnachten Mitgliedern aus Nachbarorten und Nichtmitgliedern die Teilnahme strengstens untersagt. Aber: “Angesichts dieses wuchtigen Zusammenraffens unseres Volkes schrumpften Hemmungen, Verbote und Verleumdungen der Bewegungsgegner immer mehr zu geringfügigen Hindernissen zusammen. Erst jetzt erhielt der von der deutschen Volksbewegung getragene UDV jene Mystik, - ich kann es nicht anders bezeichnen – die viele unserer ungarischen Zeitgenossen befremdet und mit Bangigkeit erfüllt, unsere überzeugten Gegner schier maßlos aufstachelt und von der Boulevardpresse nie und nimmer verstanden werden kann. Dieser Mystik eines werdenden Volkes aber kann sich kein Volksverwachsener – ob Bauer oder Hochgeschulter – mehr entziehen, weil sie tief aus dem Volksherzen kommt und unaufhaltsam angefangen hat, rufend, mahnend, reißend, bindend an das eigene Blut zu sprechen. Dieser urhaft erwachsene Drang war es und nicht sog. Radikalismus oder völkischer Übereifer,” der 17 eingeschlafene Ortsgruppen wieder erweckte, und bewirkte, dass Gemeinden, in denen nie eine Werberede gehalten werden durfte, auf einmal 50 Mitglieder zur Ortsgruppengründung aufweisen konnten. Ganz in Bleyers Sinn spricht Basch von Staatspflicht und Volkspflicht, von der "Bluts- und Kulturgemeinschaft, der wir uns als Volk gar nicht entziehen können.” Schließlich zählt er die 139 Orts- und 11 Wanderbüchereien mit 25.000 wertvollen Büchern, die 80 Volksbühnen, die 17 eigenen Gesangsvereine, und 4 Musikkapellen auf. Im Schlußwort Kußbachs ist keinerlei Disharmonie zu spüren.255
Man muß diesen Bericht mit den Planungen der Deutschen Arbeitsgemeinschaft von 1932 zusammensehen, um wahrzunehmen, was in diesen Wende-Monaten der Jahre 1932-1934 wirklich geschehen ist.

Wildmann/Spiegel – 06A

 

VI. Die Spaltung

1. Der Prozeß gegen Basch
Franz Basch sagte u. a. in seiner Rede in Bátaapáti: “Ein jeder aber, der zu uns gehört und der ohne Zwang seinen ehrlichen deutschen Namen hergibt, hat es auch nicht verdient, daß er ihn bisher in Ehren getragen hat.” Darauf wurde er wegen “Schmähung der ungarischen Nation” angeklagt, ein ins Strafrecht aufgenommenes “Delikt”, das nur den Zweck hatte, politisch Unerwünschte strafrechtlich belangen zu können. So war auch die Urteilsbegründung der ersten Instanz für drei Monate Gefängnis und einjährigem Entzug der politischen Rechte entlarvend, wenn es da hieß: “Die Namensmagyarisierung ist eine spontane Ausgestaltung der ungarischen nationalen Seele ... Da diese von jedem patriotisch denkenden Staatsbürger selbstverständlich hoch geschätzt werden muß, ist eine Stellungnahme dagegen unbedingt als Schmähung der ungarischen Ehre zu werten.” Auch wurde die Tätigkeit im UDV als strafverschärfend in Rechnung gestellt, da durch diesen “das Bestreben, sich der ungarischen nationalen Einheit auszuschließen und diesem Zweck auch ungarische Namen aufzunehmen, behindert werde.”256
In der Berufungsverhandlung verschärfte die königliche Tafel am 17. April 1935 das Urteil auf fünf Monate Gefängnis und drei Jahre Verlust der politischen Rechte, und das bestätigte auch die Kurie am 24. Juni 1936. Im September trat Basch die Haft in Fünfkirchen an.
Die Gerichte und die hinter ihnen stehende Regierung begingen damit den größten Fehler, den sie begehen konnten. Sie machten Basch zum Märtyrer und machten sich nun erst recht das ganze Südostdeutschtum zum Feind. Steinacher ließ in Österreich die Basch-Verschlußmarke drucken, die die ungarische Magyarisierungspolitik scharf angriff, und hatte deshalb Differenzen mit Neurath, als Reichsaußenminister von Hitler belassen, der immer noch zwischen beiden Richtungen stand.257
In Ungarn steigerte diese die Empörung, und Basch, der glaubwürdig nachweisen konnte, daß er als Häftling nichts damit zu tun hatte, empfand die Aktion eher als Belastung denn als Hilfe, das bekannte er zumindest in seinem zweiten Prozeß.258
Zugleich setzte auf der ganzen Linie eine Verschärfung mit Verhören ein; eine Gruppe reichsdeutscher Mädchen wurde zehn Tage in Haft gehalten.

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243 Gratz: Deutschungarische Probleme, S. 27

244  So., 13.5.34, S. 3

245  AA Pol. II 6 Ung. Bd. 7, 14.2.1934

246  AA Pol. II 6 Ung. Bd. 7, 21.12.1933

247  NuS, Januar 1934, S. 249

248  So., 18.2.1934

249  NuS, Januar 1934, S. 249

250  NuS, März 1934, S. 381

251  So., 13.5.1934, S.6 f.

252  IZ MA 195/1, 16.2.35

253  AA Pol. II b Bd. 1/25, 24.7.34

254  BA R 18/3329

255  So., 26.8.1934, S. 2-8

256   Sonntagsblatt, 7.10.1934

257   Jacobsen: Hans Steinacher. Boppard 1970, S. 392

258   Manuskript

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2. Unglückliche Wahlmanöver
Zum 31. März 1935 wurde eine Neuwahl des Parlaments ausgeschrieben. Bei der Haltung der Schlüsselfiguren Pataky, aber auch von Gömbös selbst, hätte der Versuch, nach bewährter Weise Kandidaten von der Regierungspartei aufstellen zu lassen, kaum Aussicht gehabt. Kußbach sagte zwar Gesandtschaftsrat Schnurre zu, diese Frage mit Pataky zu besprechen, aber keine Quelle berichtet darüber, ob ein solches Gespräch zustandekam.259 Dagegen tat Kußbach im Alleingang, ohne sich mit den dazu bestimmten Vertretern des Siebenerrats besprochen zu haben, einen verhängnisvollen Schritt. Er trat in Verhandlungen mit der oppositionellen Kleinlandwirtepartei ein. Diese Partei genoß im deutschen Bauerntum große Sympathien, die sie auch durch ein vernünftiges Nationalitätenprogramm festigte, sie stand jedoch außenpolitisch auf Distanz zum deutschlandfreundlichen Kurs von Gömbös. Nachdem Gömbös in Schorokschar als Kanditat dieser Partei antrat, sah Basch keine andere Möglichkeit, als dasselbe zu versuchen. Er wurde zwar in Bonnhard aufgestellt, aber als die Kleinlandwirte merkte, welch heiße Kartoffel sie damit angefaßt hatte – noch lief ja Baschs Prozeß –, ließen sie ihn fallen, er ließ sich aber doch als Parteiloser in einem von vornherein aussichtslosen Wahlkampf ein. Der dritte Kandidat Árpád Török, immer schon der Kleinlandwirtepartei nahestehend, kandidierte am Heideboden. Man muß diese Schritte als verhängnisvoll einstufen, weil sich die Kandidaten damit nur Feinde machten. Keiner ist durchgekommen.260 Gömbös machte keinen Hehl aus seiner Empörung, daß ausgerechnet Volksdeutsche seiner deutschlandorientierten Politik die Unterstützung versagten. Das außenpolitische Amt der NSDAP registrierte zwar die durchaus nicht wählerischen Mittel des Drucks, die bei den Wahlen in Ungarn üblich und hier in gesteigertem Maße zur Anwendung gekommen waren, empfahl aber, “die Minderheiten sollen sich mit kulturellen Angelegenheiten beschäftigen, aber nicht im innenpolitischen Kampf, noch dazu gegen die Regierung, eine Rolle zu spielen versuchen. Es ist eine für das Reich nicht tragbare Belastung, wenn die Frage der deutschen Minderheiten die deutsche Südostpolitik, in der Budapest als wesentlicher Stützpunkt immer seine Bedeutung haben wird, gefährdet.”261
Mackensen berichtet, daß die verhängnisvolle Entscheidung ohne ihn zu fragen und in seiner Abwesenheit gefallen war, und fügt hinzu: “Demgegenüber sind alle unsere Interessen, den Kurs des Ministerpräsidenten zu unterstützen.”262

3. Auseinandersetzung im UDV
Ein im Juli 1935 für deutsche Stellen verfaßtes streng vertrauliches Elaborat charakterisiert die “radikale Gruppe”: “Es waren die, denen die völkische Organisationsarbeit oblag, die fast ausschließlich ihr Werk war, die das ewige Eingehen auf Kompromisse ablehnten, weil es keine Resultate zeitigte. Sie traten wohl schon Anfang 1935 in Opposition zu Kußbach, dem sie vorwarfen, daß er geltungssüchtig sei, daß es ihm an politischen und menschlichen Qualitäten fehle, wie überhaupt an einem Konzept, daß er unehrlich und unfähig sei, mit Kameraden umzugehen ... Jetzt bekämpft er," - so beschwert sich das Elaborat – "die Bewegung, der er noch vor kurzem selbst angehört hat, die kein anderes Ziel hatte als das Erbe Bleyers fortzuführen, als unterirdische Bewegung und Nazi-Geheimorganisation.”263
Getreu seiner der Regierung gegebenen Zusage forderte Gratz Basch auf, zurückzutreten. Dieser, über Pfingsten bei der VDA-Tagung in Königsberg, hat die Frage dort vermutlich mit Steinacher und anderen besprochen. Nach Tilkovszky “bildete sich die Meinung heraus, daß er der Aufforderung nicht Genüge leisten solle.”264
So kam es zur Sitzung des Vollzugsausschusses am 14. Juni 1935. Gratz holte weit aus. Er ging von den Wahlen und den damit zusammenhängenden Presseangriffen aus, und bemängelte zunächst, daß jene Herren, gegen die derartige Vorwürfe erhoben würden, die ihnen zugeschriebene unpatriotische Haltung in Abrede stellten. Dann forderte er: “Für die Zukunft aber muss man es unmöglich machen, daß Personen, die dem Verein nahestehen, unter seinem Deckmantel eine nicht nur sie selbst kompromittierende, sondern auch den Verein und die Sache des ungarländischen Deutschtums unsagbar schädigende Tätigkeit entfalten.”265 Über die folgenden grundsätzlicheren Ausführungen, die ganz offenkundig gegen die Rede polemisierten, die Basch auf der letzten Generalversammlung gehalten und die Gratz damals ohne Widerspruch angehört hatte, berichteten sowohl der Pester Lloyd als auch ein vertraulicher Bericht nach Berlin vom 31. August 1936.266 Laut dieser Berichte akzentuierte Gratz noch stärker, was er vier Jahre vorher in Magyar Szemle geschrieben hatte. Jetzt aber wurden diese Ausführungen als Kampfansage gegen die Bleyersche Ideologie empfunden. Sie erschienen nicht mehr nur als theoretische Erörterungen, sie stellten  sich der Herausforderung des politischen Kampfes. Jetzt wurde man mißtrauisch, wenn allzu stark der “Einklang zwischen Ungartum und Deutschtum” hervorgehoben wurde, weil man nicht klar erkennen konnte, ob das noch so gemeint war, wie es Bleyers selbst verstanden hätte, oder ob sich ganz anders dahinter verbarg. Man konnte zwar einer in solchem den "Einklang" betonenden Resolution vorderhand nur zustimmen, Gratz täuschte sich jedoch, wenn er meinte, nach dieser geschickten Vorbereitung auch für seinem zweiten Antrag die Zustimmung zu finden. Diesem gemäß sollte Basch bis zum Abschluß des Gerichtsverfahrens zu beurlauben sein. Huß aber erklärte für die Kameradschaft, daß sie das als Mißtrauenskundgebung gegen sie alle ansehen müßten. Basch selbst sah sich nicht in der Lage, seinerseits um Beurlaubung anzusuchen.
Das war der Augenblick, wo die früher von der Persönlichkeit Bleyers mühsam überspielte, jetzt aber brutal hervortretende Abhängigkeit von der Regierung nicht mehr tragbar war. Daß Gratz ausgerechnet ein Urteil vorschob, das jeder deutsch fühlende Mensch als Schlag ins Gesicht empfinden mußte, hat die Sache verschlimmert. Sechs Tage darauf hatte Huß den Mut, das in der “Magyarság” beim Namen zu nennen.: “Basch war, obwohl in zwei Instanzen wegen Schmähung der ungarischen Nation verurteilt, im Recht, als er erklärte, daß die Moral derjenigen Deutschen zu bemängeln sei, die aus irgendwelchen materiellen Vorteilen ihre deutschen Familiennamen in ungarische abändern."267
Nach Nation und Staat erklärte darauf Gratz, daß er die Beurlaubung, für die er keinen Beschluß erreichen konnte, von sich aus vollziehe. Der vertrauliche Bericht nennt das ein Umgehen der Satzung. Huß nannte es in Magyarság einen Willkürakt. Später wie immer klüger, sehen wir heute wohl, daß Gratz sich in einer Zwangslage befand: sein Versprechen gegenüber der Regierung auf Biegen oder Brechen durchzusetzen oder es darauf ankommen zu lassen, ob diese es wirklich wagen würde, die einzige bescheidene Organisation der deutschen Minderheit aufzulösen. Es war dennoch ein verhängnisvoller Irrtum und eine von Unbelehrbarkeit gekennzeichnete Selbstüberschätzung der Regierung und des ihr hörigen Gratz, Basch so einfach loswerden zu wollen. Man mache ihn zum Märtyrer und erzielte das Gegenteil von dem, was man damit wollte.
 Der Hauptzorn richtete sich nicht gegen Gratz, sondern gegen Kußbach, der passiv blieb und damit verriet, daß er mit Gratz seine ihm lästig gewordenen alten Kameraden loswerden wolle. Nach einem ergebnislosen Vermittlungsversuch von drei Vertrauensleuten des VDA aus Wien und Deutschland unterschrieben jene fast alle eine Mißtrauenserklärung gegen Kußbach.
Nach Tilkovszky signalisierte die ungarische Regierung, die dafür gesorgt hatte, daß Basch auch in zweiter Instanz verurteilt wurde, bei der Wahl durchfiel und aus seinem Amt im UDV entfernt wurde, eilig der deutschen Regierung in beschwichtigendem Ton: “Dieses harte Auftreten richtet sich nicht gegen die Regelung der Lage des ungarländischen Deutschtums, sondern nur gegen die Agitation der zentrifugalen Richtung, die diese Regelung nur behindert.”268
Die große Politik kümmerte sich allerdings wenig um diese Vereinskrise. Deutschland war es wichtiger, wie man wiedergutmachen könne, daß die Hitlerjugend in spontaner Empörung über das Basch-Urteil einen Besuch in Ungarn in letzter Minute abgesagt hatte.269 Und im ungarischen Ministerrat setzte sich Kozma am 5. August mit der Ansicht durch, “jetzt, wo Deutschland wegen des außerordentlichen Werts der Freundschaft Ungarns in der Frage des heimischen Deutschtums seinen Einfluß nicht zur Geltung bringen könne, sei der geeignetste Augenblick, die deutsche Frage auf den Ruhepunkt zu bringen.”270 Das hieß: energisches Auftreten gegen ausländischen Einfluß, gegen Leute, die nicht aus Rumpfungarn stammten, keine Familie und kein Vermögen hatten (eindeutig auf Basch gemünzt, obwohl es der so laut bekannten großungarischen Idee Hohn sprach), wirksame Aufsicht über den UDV, Entfernen der radikalen Agitatoren, die Einschleusen von ungarisch fühlender Intelligenz in die Ortsgruppen (was man indes nicht fertigbrachte), Verweigerung von Saatgut und Straßen für renitente deutsche Gemeinden, Zerreißen deutscher Siedlungsgebiete durch ungarische Siedlungen.271

4. UDV und Kameradschaft
Nach dem Bruch im Verein ging es um die wichtige Frage, in wessen Hand die Presse bleiben sollte. Die Eigentumsrechte am Sonntagsblatt hatte Franz Bleyer von seinem Vater geerbt. Der Schriftleiter Anton König machte erst die Aktion gegen Kußbach mit, während Faul-Farkas sich erst später der Kameradschaft anschloß. Natürlich unternahmen Gratz und Kußbach alles, um das Blatt in ihre Hände zu bringen. Bald zogen sie König wieder zu sich herüber.
Tatsächlich wurde die Frage erst akut, als Franz Bleyer den übergelaufenen König und Faul-Farkas am 9. Dezember 1935 kündigte. Die Gegenaktion erfolgte auf der Stelle. Tilkovszky zitiert die Eingabe wörtlich, die Gratz dazu der Regierung vorlegte.272 Gleichzeitig richtete König an den Bürgermeister von Budapest eine Beschwerde wegen “überfallartiger Inbesitznahme des Sonntagsblatts”. Am 15. Dezember erhielt Bleyer die amtliche Mitteilung, daß das Blatt eingestellt werden müsse, weil es keinen Herausgeber habe.
Die Vorgeschichte: Am 19. Dezember 1934 hatte die Staatsanwaltschaft bei der Stadt Budapest angefragt, ob Franz Bleyer sich als Herausgeber angemeldet habe. Am 3. Januar 1935 bejahte der Bürgermeister die Frage, fügte aber hinzu, dass die Zustimmung des Ministerpräsidiums fehle. Darauf erfolgte mit 3. Februar eine Anzeige gegen Bleyer, weil er die Änderung der Herausgeberschaft nicht gemeldet habe. Am 9. April erhielt er einen Strafbefehl. Das Geld wurde von Unbekannten ohne sein Wissen eingezahlt. Nach 8 Monaten ungestörten Erscheinens entdeckt man ausgerechnet jetzt, dass das Blatt  keinen Herausgeber habe. Die Beschwerde Bleyers blieb erfolglos. Am 15. Dezember 1935 schon erschien die erste Nummer des Neuen Sonntagsblatts. Als Herausgeber signierte Gratz, als Hauptschriftleiter Faul-Farkas.
Im Gegenzug gelang es Huß und Basch, an Stelle der Deutsch-Ungarischen Heimatblätter mit Anfang August  die Neuen Heimatblätter  herauszugeben. Schließlich gründete die Kameradschaft im Herbst die Verlagsgesellschaft Kultura als rechtlichen Rahmen für ihre Tätigkeit, und gab dort den Deutschen Volksboten heraus, der nur 10-mal jährlich erschien und damit die Genehmigungspflicht umgehen konnte.

4. Die Frage der geheimen Geldquellen aus dem Reich

Am 19. August 1935 lud Gratz Huß, Faulstich und Basch zu einer Aussprache ein. Dort eröffnete er ihnen, daß die Regierung im Besitz einer Liste sei, wer Gehaltszahlungen und Stipendien aus dem Reich bekomme. Nun drohe die Gefahr, daß diese der Spionage bezichtigt und der UDV aufgelöst werde. Er habe allerdings den aufgebrachten Ministerpräsidenten Gömbös vor dem Äußersten zurückgehalten. Gratz äußerte hierauf den Wunsch, man möge keine weiteren Schritte gegen Kußbach unternehmen. Der Bericht darüber fügt hinzu: “Das kann nur Kußbach gewesen sein. Gratz gelang aber die Einschüchterung nicht, nur bei König.”273 Diese Vermutung bestätigt Tilkovszky, der schreibt, daß Kußbach, um seine Gegner zu Fall zu bringen, Gratz die bisher vor ihm geheimgehaltenen monatlichen Geldzuweisungen  verriet, die ein beträchtlicher Teil der Kameradschaft, so auch Schriftleiter König, vom VDA erhalte, und zwar durch die Hände von Köhler. Er übergab ihm die diesbezügliche Liste und auch die der Studenten, die aus dem Reich Stipendien bekamen, und bemerkte dazu, daß der VDA infolgedessen diese Personen in vollem Maße unter seinem Einfluß halten könne. Kußbach war also diese Geldquelle, die schon unter Bleyer floß, bekannt. Demnach gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder hat Gratz die Geldangelegenheit nicht  nicht von Gömbös erfahren, sondern selbst diesem am 17. August alles weitergegeben, mit dem Vorschlag, die Kameradschaft damit einzuschüchtern oder zu erpressen und somit seinen Gesprächspartnern die Unwahrheit gesagt.274 Oder aber Gratz hat die Dinge tatsächlich erst von Gömbös erfahren und seinen Gesprächspartnern die Wahrheit gesagt, dann müßte Kußbach die Listen direkt der Regierung verraten haben. Pikant dabei, daß Kußbach noch am 6. März sich um deutsche Teilfinanzierung seiner Wahlkampfkosten bemüht hatte.
Damit kam eine Frage auf den Tisch, die weit über die Innenpolitik hinausging. Von den Anfängen haben wir schon berichtet. Über den Stand der geleisteten Unterstützung gibt der Gesandte Mackensen, als die Angelegenheit aufflog, folgende Aufstellung: Vom Auswärtigen Amt kamen 35.000 und vom VDA 86.000 Reichsmark. Die aus diesen Summen stammenden Gehaltszuschüsse beliefen sich jährlich auf 13.200 RM.
Wo jedoch die Sache zum außenpolitischen Thema geworden war, die Töne in der Öffentlichkeit wesentlich leiser, waren doch solche Geheimzahlungen allgemein üblich, auch seitens der ungarischen Regierungen, die sogar die Rechtsputschisten in Bayern und die österreichischen Heimwehren mitfinanzierten.275 So vermied Kánya einen Eklat und das Auswärtige Amt honorierte seine Zurückhaltung. Kányas Bericht klingt energischer: “Die ungarische Regierung könnte zwar dieser Agitation leicht ein Ende machen, würde es jedoch lieber sehen, wenn sie dadurch, daß die Frage auf friedlichem Wege in Ordnung gebracht werden könnte, von energischen Maßnahmen absehen könnte. Die deutsche Regierung würde uns sehr verpflichten, wenn sie die Flüssigmachung dieser Geldbeihilfen möglichst bald verbieten würde.”276 Das beschloß auch der Ministerrat und Pataky verhandelte darüber im Januar 1936 in Berlin.277 Aber das Reich war nicht bereit, Geldsendungen für den kulturellen und den geistigen Zusammenhalt abzustellen. Freilich: Wo liegt die Grenze zwischen kulturell und politisch?
Da mit Ungarn keine Einigung möglich war, liefen nach organisatorischen Änderungen die Zahlungen schließlich weiter. Ungarn hütete sich, jemanden deswegen anzuklagen, denn das hätte  eine Lawine gegen die magyarischen Minderheiten in den Nachbarstaaten auslösen können.278 Zunächst allerdings wurden die Zahlungen eingestellt. Das bestätigt Basch mit einem SOS-Ruf am 22. Dezember: “Hätten wir noch Geld, könnte man noch ein bis zwei Volksboten herausgeben. Wir werden aushalten, solange wir können, die Verantwortung tragen wir aber nicht mehr allein.”279

Huß war im Herbst aus Deutschland mit dem Eindruck zurückgekommen, daß gegenwärtig von draußen keinerlei Druck erwartet werden könne. In seinem SOS-Ruf schreibt Basch: “Hier wird behauptet, daß das Dritte Reich nach Aufwerfen der Frage der Betreuungsgelder die Kameradschaft und die volksdeutsche Bewegung abschreiben und sich mit einer amtlich aufgezogenen Organisation abfinden müsse.

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259   A Wilhelmstraße és Magyarország (Die Wilhelmstraße und Ungarn) Budapest 1968 S. 95 –
 vgl. Tilkovszky in Somogy megye multjából (Aus der Vergangenheit des Komitats Sümeg)  XII, 1981, S.371

260   Vertrauliches Elaborat, Juli 1935, BA R 57 neu 1155 Heft 26

261   IZ MA 128/1 Folder 4

262   Wilhelmstraße und Ungarn, S. 98f. Nr. 33

263   BA R 57 neu 1155 Heft 26

264  Tilkovszky S. 380

265 NuS, Juli-August 1935, S. 694, vgl. Weidlein, S. 122 f

266 =  8)

267 Magyarság, 20.11.1935

268 Tilkovszky, S. 383 ohne Quellenangabe

269 BA R 43/II – 523 Juli 35

270 Tilkovszky, S. 386

271 a. a. O. S. 387f.

272 a. a. O. S. 401

273 BA R 57 neu 1155 Heft 26

274 Tilkovszky, S. 389 f.

275 Horthy Miklós titkos iratai. (Die Geheimschriften von Nikolaus Horthy),
    Budapest 1965, S. 21, 33, 39;  Szózat, 4.6.1920, Századok 1979

276 Tilkovszky, S. 396

277 BA R 57/1299 Berichte 22.12.1935 und 10.1.1936

278 IZ MA 618, 12.4.1937

279 BA R 57/1299

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Würde dies eintreffen – was wir zufolge unserer Weltanschauung nicht glauben können – wäre unser Kampf sinnlos. Müßte die Kameradschaft die freundschaftlichsten außenpolitischen Beziehungen zu Ungarn zum Opfer fallen, würde auf Jahrzehnte selbst der Ansatz zu einem neuen Aufleben einer volksdeutschen Bewegung in Ungarn völlig schwinden.”
 Hier steht zum erstenmal das Wort “unsere Weltanschauung”. Nach allem bisher festgestellten war das die volksgemeinschaftliche Idee, die der Nationalsozialismus zu vollenden versprochen hatte. Damit machte er sich für die mit seinen sonstigen Zielen wenig vertrauten Volksdeutschen anziehend.

6. UDV und Kameradschaft unter Druck der Geldfrage
Nachdem es nicht gelungen war, die Kameradschaft zum Aufgeben zu zwingen, ging die Suche nach einem gangbaren Weg weiter. Für den Verband der deutschen Volksgruppen kam im Oktober Hasselblatt nach Budapest und versuchte erfolglos, die Entfernung Kußbachs zu erreichen. Nachdem Kußbach vor einer Art Ehrengericht nicht erschien, sprach ihm der Verband die Anerkennung als Vertreter des Ungarndeutschtums ab. Das hat die Lage weiter verschärft. Daß der UDV durch den korporativen Auszug fast aller im Volk anerkannten alten Mitarbeiter Bleyers gelähmt war, spürte auch Gratz. Aber auch Huß war bestrebt, der Kameradschaft den Einfluß im UDV zurückzugewinnen und so der Illegalität auszuweichen. Ende 1935 kam es erneut zu Fühlungnahmen. Aber einer Annäherung stand für Gratz die Frage der Gehaltszuschüsse im Wege. Dabei stand er nicht nur unter dem Druck der Regierung, sondern war auch persönlich tief getroffen, als sich nicht mehr abstreiten ließ, daß ihm das auch Bleyer verheimlicht hatte. Darum wollte er nur die in den Verein zurücknehmen, die kein ausländisches Geld mehr annahmen, und erwartete, daß dann Kultura, Volksbote und alles, was die Kameradschaft auf die Beine gestellt hatte, aufhöre. So mußte dieser Versuch abgebrochen werden. Am 21. Januar 1936 kündigte Gratz auch Landwirtschaftssekretär Albert und Kassenwart Dr. Schnitzer, die, obwohl mit der Kameradschaft sympathisierend, bisher noch Angestellte des UDV waren.280 Allerdings legte am selben Tag auch Kußbach sein Amt nieder.
Es trägt aus zeitgeschichtlicher Sicht nicht allzuviel bei, die immer schärfere Pressepolemik der beiden folgenden Jahre zu durchleuchten. Aus der Distanz eines halben Jahrhunderts sieht man manches anders als in der Hitze des Kampfes. Man kann weder sagen, daß die im UDV Zurückgebliebenen keine Deutschen mehr waren und nur den Interessen der Regierung dienten. Sie hatten nicht einmal ganz unrecht, wenn auch sie sich auf Jakob Bleyer beriefen, bloß war das der Bleyer der geduldig ertragenen Niederlagen vor 1932, während die Kameradschaft auf Bleyers letzte Taten und Weisungen aufbaute. Es ist aber ebenso falsch, die Vaterlandstreue der Kameradschaft zu bezweifeln und sie als Söldlinge – mehr des VDA als der NSDAP – zu betrachten. Beide Seiten wußten, wie wichtig das Vertrauen der jeweils in Deutschland Regierenden war und haben sich um dasselbe bemüht, ob sie wie Gratz himmelweit von diesen entfernt waren oder wie Bach noch an die Nähe ihres völkischen Denkens zur neuen Haltung im Reich glaubten.
Am 20. August 1936 berief der UDV seine Generalversammlung ein. Das war ein gewagtes Unternehmen angesichts der Spannung zwischen der Leitung und vielen Ortsgruppen. Viele weigerten sich, ihre Mitgliedsbeiträge an diese Leitung zu entrichten. Darauf ließ der Vorstand 5322 Mitglieder streichen. Es blieben 5646. Die Gestrichenen wurden zur Versammlung nicht zugelassen. Trotzdem nahmen Jakob Brandt, Dr. Hofmann und Schnitzer an ihr teil, erhoben gegen diese Maßnahmen Einspruch, konnten sich aber nicht durchsetzen.281 Der UDV hat damit den ersten Schritt zu seiner Selbstliquidation getan.

7. Die neue Schulverordnung und ihre Sabotage
Die ungarische Regierung nannte immer wieder als doppeltes Ziel ihrer Minderheitenpolitik: Kampf gegen die Radikalen, aber Erfüllung der berechtigten kulturellen Wünsche. Letzteres sollte eine neue Schulverordnung leisten, die zu Weihnachten 1935 erschien. Sie wäre zugleich der Beweis gewesen, daß nur die Haltung von Gratz Erfolg bringt. Der abgelehnte C-Typ, aber auch der seltene A-Typ sollten beseitigt werden. Alleiniger Minderheitenschultyp sollte ein verbesserter B-Typ werden. Er sollte aber nicht automatisch eingeführt werden, sondern “auf Wunsch der örtlichen Schul-, der autonomen Verwaltungsorgane (Kirchen) oder der Elternkonferenzen.” Als Frist wurde der Schulbeginn September 1938 gesetzt.
Im Neuen Sonntagsblatt schreibt Pintér, daß das persönliche Wort des Ministerpräsidenten für die ehrliche Durchführung der Verordnung, an deren Zustandekommen “wir” gearbeitet haben, bürge.282 Auch in der reichsdeutschen Presse fand die Verordnung ein gutes Echo. Kritisch stand ihr die Kameradschaft gegenüber, für die der von der katholischen Kirchenpresse ausgebootete und seitdem zur Kameradschaft gestoßene Jurist Dr. Georg Goldschmidt und Dr. Schnitzer der Regierung eine Denkschrift vorlegten.283 Leider behielten die Pessimisten Recht. Enttäuschung auch bei den Anhängern von Gratz. Domherr Dr. Johannes Huber beklagte sich über “jene Vielen, die gegen die Herausgabe von schönen Verordnungen, die man nach außen als Aushängeschild benutzen kann, nichts einzuwenden haben, aber sofort außer Rand und Band geraten, wenn im Ernst von der Durchführung der selben die Rede ist.” Er befürchtete, daß “im Falle der Nichterfüllung der Schulkampf viel härtere Formen annehmen würde. Die Schuld daran trüge dann keinesfalls das Deutschtum.”284 In seinem Fazit zur Jahreswende registrierte er “bei hohen Regierungsstellen viel ehrlichen guten Willen; bei den untergeordneten Widerstand und ein Maß von Unverstand, der alle unsere Vorstellungen übertraf. So müssen wir heute klipp und klar erklären, daß sich unsere Hoffnungen im ersten Durchführungsjahr nicht erfüllt haben. Die Regierungspolitik darf vor aller Welt nicht lächerlich gemacht werden ... traurige Tatsache, daß im Kampf gegen die Schulverordnung die konfessionellen (katholischen) Schulen vorangehen.” In den evangelischen Gemeinden war die Lage nur darum besser, weil sie weniger pfarrerhörig waren.285
An manchen Orten versuchten die Dorfpotentanten, bisherige C-Schulen in rein magyarische zu verwandeln und damit der Schulverordnung zu entziehen. Andererseits verlangten 157 Gemeinden, die bisher keine Minderheitenschule hatten, nunmehr eine solche.286 Auch der Unterrichtminister gab zu, “daß einzelne örtliche Schulbehörden mit den Aufgaben bei Erbringung der Entscheidungen nicht im klaren sind, auch die Bedeutung von Eingaben der Eltern unrichtig auffassen ... hierdurch die Aufsichtsbehörden zu solchen Stellungnahmen zwingen, die mit der Verordnung nicht im Einklang stehen.” Er verlangte, alle Eingaben weiterzuleiten und nicht schon am Ort als unzulässige Einmischung zu bezeichnen, die “jeder ernsten Grundlage entbehren.”
Der 1938 endlich eingesetzte Fachschulinspektor für Minderheitenschulen Franz Balázs stellte noch 1939 fest, daß in 74 Schulen aus 4 Komitaten weder von den staatlichen noch von den kirchlichen Schulbehörden die Verordnung zugestellt worden war.287 In der Baranya blieben 41 B-Schulen, 23 C- und 3 A-Schulen wurden in B-Schulen umgewandelt, und, was gar nicht vorgesehen war, 55 C-Schulen und eine A-Schule hielten sich.288 Der österreichische Journalist Berka meinte in einem Kommentar, würde diese feststellbare Diskrepanz zwischen oben und unten der Realität entsprechen, “dann wäre Ungarn ein Staat, in dem eine Autorität gegenüber diesen Organen nicht vorhanden wäre. Da man aber diesen Eindruck nicht gewinnt, kann nur die Folgerung gezogen werden, daß es überhaupt am Willen fehlt, die Schulverordnung durchzuführen.”289
Vielleicht vermöchte eine – allerdings mangels Quellen schwierige – Untersuchung der schon genannten ultrarechten Geheimbünde mit ihrem das ganze Land überziehende Netz Licht in diesen Widerspruch zu bringen. Diese Politik aber hat die letzte Chance, die der UDV gehabt hätte, das Volk zurückzugewinnen, verdorben.

8. Gründung des Volksbundes
Es ist anzunehmen, dass Franz Basch sich bis zum Frühjahr 1938 noch mit einer Umwandlung des UDV zufriedengegeben hätte. Noch im Juni hegte er in der Günser Zeitung, die die Kameradschaft mittlerweile als Wochenblatt erworben hatte, die Hoffnung auf Einigung.290 Erst nach der Generalversammlung im Juli schlug er einen schärferen Ton an: “Es ist unsere und unseres Volkes Meinung, daß wir das Haus, dessen Herren wir waren, lieber verlassen, denn nur als Knechte darin bleiben zu können. Da wollen wir uns lieber ein neues aufbauen. Dieses Werk wird aber dann nur das unseres deutschen Volkes sein, auch, wenn es nicht UDV heißen dürfte. Seit über einem Jahr sprechen wir von keiner Versöhnung mehr, sondern nur von einer die völkische Zukunft unseres Volkes unter allen Umständen sichernden Vereinheitlichung der deutschen Volksbestrebungen in Ungarn.”291 Erst jetzt schreibt er offen: “Im Laufe des letzten Jahres hatte ich des öfteren Gelegenheit, mit ungarischen Politikern im In- und Ausland zu sprechen. Im Banne der stets aufrichtig geführten Aussprachen fand ich unter diesen Männern keinen Einzigen, der schließlich nicht zugegeben hätte, daß in der praktischen Behandlung der deutschen Volksgruppenfrage in Ungarn endlich grundsätzlicher Wandel geschaffen werden müsse.”292
Nunmehr gab er der Regierung auch die 7 Punkte seines Volksprogramms bekannt: 1. Anerkennung des Grundsatzes der Volksgemeinschaft und der Rechtspersönlichkeit der Volksgruppen. 2. Lösung der Schulfrage ohne Elternbefragung, durch imperative Bestimmung im Sinne des in Kraft stehenden Gesetzartikels 38/1868. Der doppelsprachige Unterricht kann nur ein Übergang zum muttersprachlichen Unterricht bei natürlicher Beachtung der gesetzlichen Bestimmungen bezüglich des Unterrichts der Staatssprache sein. Heranbildung deutsch-völkischer Lehrkräfte in einer eigenständigen deutschen Lehrerbildungsanstalt, wie sie die deutschen Volksgruppen in den Nachfolgestaaten besitzen. Unverzügliche Ausgabe der zum Unterricht notwendigen deutschen Schulbücher. Aufstellung deutscher Bürger- und Mittelschulen und sofortige Umwandlung sämtlicher Kindergärten in solche mit deutscher Beschäftigungssprache. 3. Ungehinderte Möglichkeit zur Schaffung von Tages- und Wochenzeitungen. 4. Praktische Möglichkeit zur Gründung von Vereinen und Verbänden auf sämtlichen Lebensgebieten unseres Volkes, besonders von Jugend- und Wohlfahrtsorganisationen. 5. Gewährung von Sammlungen in Form von freiwilligen Spenden im ganzen Land. 6. Religionsunterricht, Predigt, Kirchengesang und Gebet ausschließlich in der Muttersprache. Aufstellung wenigstens eines deutschen Priesterseminars. 7. Nötigenfalls Zusammenfassung unseres Volkes in einer politischen Partei.293
Nach einer Zeugenaussage von Gratz hat sich Imrédy, der jetzt das Amt des Ministerpräsident bekleidete – Gömbös war 1936 gestorben – und im Herbst 1938 zum Rücktritt gezwungen wurde, “sich mit allen Mitteln darum bemüht, wieder mit der Regierungsbildung betraut zu werden. Dafür bemühte er sich auch um Unterstützung der deutschen Regierung. So weiß ich (Gratz), daß er (seinen Vorgänger) Koloman Darányi nach München schickte, der ihm diese Unterstützung brachte (worin diese bestand und inwiefern sie entscheidend war, hat Gratz verschwiegen), ihm aber zugleich mitteilte, daß sie (die Deutschen) diese an bestimmte Bedingungen knüpfen, von denen eine war, daß er, wenn er eine neue Regierung bildet, die Organisation der deutschen Minderheit auf rassischer Grundlage als volksdeutsche Partei genehmigt. Imrédy stimmte dem zu. Aufgrund der von ihm erteilten Genehmigung gründete die Basch-Gruppe den Volksbund."294
Auf die Hintergründe dieser Aussage kommen wir noch zurück. Ein Widerspruch ist eklatant. Hat Gratz den Tatbestand wirklich genau wiedergegeben? Imrédy genehmigte weder eine Partei, noch weniger eine auf "rassischer Grundlage", wobei das "rassisch" wohl als "nationalsozialistisch" zu verstehen wäre, noch hatte die Kameradschaft etwas derartiges verlangt. Dagegen genehmigte er die Gründungsversammlung des Volksbundes der Deutschen in Ungarn am 26. November 1938 aufgrund des obigen Programms.
Imrédy hat Basch noch am Jahresende empfangen und in einem großen Zeitungsartikel295 eine radikale Wende der Nationalitätenpolitik angekündigt, wurde aber Anfang 1939 erneut gestürzt. An seine Stelle trat der uns hinreichend bekannte Paul Teleki, dessen Regierung die eingerichtete Satzung mit erheblichen Streichungen am 17. April 1939 genehmigte, sodaß nur ein Kulturbund übrigblieb. Dennoch hielt der Volksbund darauf seine groß angekündigte Gründungskundgebung in Cikó.

9. Die Rolle des Dritten Reiches
Es war schon bei der Darstellung des Ereignisablaufs unvermeidlich, immer wieder auch von Einwirkungen des Deutschen Reichs zu reden. Es bleibt die Frage: Was für eine politische Konzeption stand hinter diesen Einzelereignissen und inwiefern unterschied sich diese von der der Weimarer Republik?
Auf die anfängliche außenpolitische Isolation wurde schon hingewiesen. Um sie zu überwinden, war die Kontinuität im Auswärtigen Amt unter O. von Neurath und seinen Berufsdiplomaten unentbehrlich und es konnte noch lange den bisherigen Kurs beibehalten.
Typisch für das Dritte Reich war aber auch hier das Nebeneinander von Regierung und Partei. Letztere schuf sich am 1. April 1933 ein eigenes außenpolitisches Amt, zu dem 1934 noch das Büro Ribbentrop kam. Hitler setzte immer neue Sonderaufträge in die Welt, die kaum zu koordinieren waren. Himmler verstand es, auf solche gestützt, seine SS zum Staat im Staate zu machen.296
Bis zur Ablösung von Neuraths durch Ribbentrop 1938 mischte Hitler sich kaum in die Personalpolitik des Auswärtigen Amts ein, denn dessen Ansehen in der Welt war nicht zu ersetzen.
Wie weit galt diese Kontinuität auch in Volksgruppenfrage? Der zunächst damit betraute Rudolf Heß hatte wenig Durchsetzungsvermögen. So wurde 1936 als Koordinierungsbüro die Volksdeutsche Mittelstelle (Vomi) gegründet. Nachdem Himmler mit seinem Gefolgsmann Werner Lorenz als Leiter im Februar 1937 seinen Fuß in die Tür gesetzt hatte, wurde aus dem internen Beratungsorgan bald eine Befehlsstelle.

Noch war da der VDA, dem man aus guten Gründen seine relative Selbständigkeit ließ. Gömbös nannte ihn Hitler gegenüber “den außerordentlich störenden VDA, der in engen Beziehungen mit den früheren deutschen Regierungen stand” und fügte hinzu: “Bei uns, einer eminent politischen Nation, verstand niemand, daß der VDA jeden Deutschen im Ausland für gleich wichtig hielt.”297 Wie auch Mussolini versuchte er mit allen Mitteln, die Reichsregierung gegen ihn einzunehmen. Das hat im Herbst 1937 dazu geführt, daß der Reichsführer des VDA, Hans Steinacher, mit Schimpf und Schande abgesetzt wurde, “weil er in der Südtirolfrage eine Politik verfolgt, die die Italienpolitik des Führers belastet.” Demgegenüber äußerte Steinacher: “Die gesamte Volkstumsarbeit erleidet einen empfindlichen Stoß, wenn an einer Stelle die Staatsraison preisgegeben wird.”298 Gömbös und seine Nachfolger, ja sogar Gratz, versprachen sich mehr davon, wenn die NSDAP die Volkstumsfragen in die Hand nahm, mit der man sich auf der alten rechtsextremen Basis zu arrangieren hoffte. Tatsächlich läßt sich in den Jahren der Auseinandersetzung eine direkte Verbindung der Kameradschaft mit NS-Parteiformationen nicht nachweisen. Mittlerweile war das

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280 BA R 57/1299 Gratz an Huß 17.12.; Huß an Gratz 21.12. Gratz an Huß 22.12.1935

281 Neues Sonntagsblatt, 23.8.1936

282 Neues Sonntagsblatt, 2.2. 1936

283 Volksdeutsche Hefte, 1. Folge, S. 24-34

284 Neues Sonntagsblatt, 15.11.1936

285 Neues Sonntagsblatt, Nr.1, 1937

286 NuS, Februar 1938, S. 333, März S. 390

287 Szita, László: A nemetiségi nyelvtanitás a Délkeletdunántúlon a két világháború közötti idöszak oktatásügyi statisztikájának tükrében. (Der Unterricht in den Nationalitätensprachen in Südosttransdanubien im Spiegel der Unterrichtsstatistik der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen),  Pécs 1986 S. 623

288 Füzes, Miklós: A nemzetiségi oktatás szervezési problémái a baranyai népiskolákban az 1923/24-1943/44. Tanévekben. (Organisationsprobleme des Nationalitätenunterrichts in den Volksschulen der Baranya in den Schuljahren 1923/24-1943/44.), Pécs 1979, S. 411-416

289 Wiener Neueste Nachrichten 7.3.1937; NuS März 1937, S. 414

290 Günser Zeitung 12.6.1938

291 a. a. O. 17.7.1938

292 a. a. O. 27.11.1938

293 NuS Juni 1938, S. 559

294 Manuskript           

295 Pester Lloyd, 25.12.1938, Morgenblatt

296 Martin Broszat, in: “Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn”, Frankfurt/M. 1967,
    S. 543;  Hans Jacobsen: NS Außenpolitik 1933-38, Frankfurt/M.-Berlin 1968, S. 231-237

297 Karsai Elek: Iratok a Gömbös-Hitler-Találkozó történetéhez.(Schriften zur Geschichte des Gömbös-Hitler-Treffens), Budapest 1962, S. 14

298 Jacobsen: a.a.O. S. 251; ders.: Hans Steinacher. Boppard 1970, S. 352

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NS-Regime international so weit konsolidiert, daß es sich neuen Zielen zuwenden konnte. Schon vor dem Anschluß Österreichs faßte es die Tschechoslowakei ins Auge. Am 25. November 1936 gab es Ungarn den Rat, statt der aussichtslosen Alles-oder-Nichts-Revisionspolitik sich auf dieses Land zu konzentrieren. Diese Andeutung ließ es Ungarn  geraten erscheinen, sich um mehr Übereinstimmung seiner Politik mit der des Reiches zu bemühen und auch in der Minderheitenpolitik von seinem hohen Roß herabzusteigen. Als man den Berlin besuchenden Innenminister Kozma, einen nationalitätenpolitischen Hardliner, wissen ließ, daß das Reich den UDV nicht mehr als Organ des Ungarndeutschtums ansehen könne und die deutsche Öffentlichkeit über das Basch-Urteil verbittert sei, wurde Basch am 13. Januar 1937 vorzeitig aus der Haft entlassen. Auch der Verband der deutschen Volksgruppen und der Nationalitätenkongress, die übrigens beide immer stärker unter nationalsozialistischen Einfluß kamen, entzogen dem UDV die Anerkennung. Die Vomi folgte ihrem Druck erst im Mai 1937. Im November 1937 empfahl Mackensen, jetzt Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Pataky, mit Basch zusammenzuarbeiten.
Inwieweit bedeutete diese Entwicklung auch eine weltanschauliche Infiltration? Das Urteil der ungarischen öffentlichen Meinung blieb ambivalent. Obwohl sie sich des eigenen ultranationalistischen, antisemitistischen Denkens rühmte, war sie schnell mit der liberalen oder sozialdemokratischen Linken darin einig, jetzt alles volksdeutsche Denken mit dem Nationalsozialismus in einen Topf zu werfen. Das wirkt bis in die Arbeiten Tilkovszkys nach, wenn er etwa eine Studie über die Jahre 1935-36 betitelt mit: “Kampf gegen die vom Ausland unterstützte Nazi-Richtung der deutschen Bewegung.”299 Er muß dann allerdings zugeben, daß es nicht hinreichend geklärt sei, wie weit durch die “pangermanischen  Verbindungen” NS-Propaganda verbreitet wurde. Die Klärung dieser Frage wird dadurch erschwert, daß die NSDAP sich als die Bewegung ausgab, die den, wie wir nachgewiesen haben, bereits vorhandenen Gedanken der Volksgemeinschaft verwirklichen werde, um dadurch die in zahlreichen mehr oder weniger elitären Gruppen lebendigen älteren völkischen Bewegungen und eben auch die Volksgruppen zu gewinnen. Sie usurpierte, z.B. mit dem Blatt “Völkischer Beobachter” den Wortgebrauch dieser Gruppen, und war interessiert, daß Unterschiede verschwommen blieben.300 Es kann auch nicht bestritten werden, daß der grenzüberschreitende Rundfunk seine Wirkung hatte und die außenpolitischen Erfolge Hitlers ihm in ganz Europa, unabhängig von Volkszugehörigkeiten, Bewunderer zuführten.
Wenn wir von der Politik des Dritten Reichs in Richtung Südosten reden, muß auch deren wirtschaftspolitische Seite gesehen werden. Berlin erkannte, daß der Agrarsektor, immer noch wichtigster Wirtschaftszweig dieser Länder, unter dem Druck des kanadischen Weizen-Dumpings am Rand des Zusammenbruchs dahinsiechte. Da kam es auf den genialen Gedanken, um diese Länder wirtschaftlich an sich zu binden, ihnen einen weitaus besseren Preis für ihren Weizen anzubieten, so daß es zu einem neuen Aufblühen der dortigen Landwirtschaft, und damit zu großen Sympathien des Bauerntums aller Nationalitäten für Deutschland kam. Die Gleichzeitigkeit dieses Vorgangs mit der wachsenden Begeisterung für den Volksbund sollte jenen Theoretikern zu denken geben, die das Dogma aufgestellt haben, Politisierung in nationaler Richtung sei typisch für “Modernisierungsverlierer”.301
Dazu kam als zweites die Anwerbung von Arbeitern für die – auch infolge der Rüstungsanstrengungen – expandierende deutsche Industrie, die diesen ein wesentlich besseres Einkommen bescherte, so daß sie sich Fahrräder oder Rundfunkgeräte leisten konnten, sie aber auch – positiv für das Reich – kritisch gegenüber den zurückgebliebenen sozialen Verhältnissen ihrer Heimatländer machte.
In vielen auslandsdeutschen Volksgruppen kam es zu schweren Auseinandersetzungen mit aus diesem Geist erwachsenen Erneuerungsbewegungen. Es ist verständlich, daß ein Beobachter der jüngeren Historikergeneration, der die damalige Zeit nicht mehr aus eigener Anschauung kennt, und zudem nicht sehr genau hinschaut, auch die ungarndeutschen inneren Gegensätze da einordnet. Darum müssen diese mit besonderer Sorgfalt ergründet werden. Wenn der Autor dieser Abhandlung aufgrund seiner Kenntnisse und Forschungen behauptet, daß das Ungarndeutschtum erst mit erheblicher Verspätung in diesen Sog geriet, ist das keine billige Rechtfertigung. Eigentlich verdanken wir Ungarndeutschen es der repressiven Politik Ungarns, daß wir unsere Unschuld auf diesem Gebiet länger bewahrt haben. Den Nachbargruppen um Jahre nachhinkend und gezwungen, uns auf die primitivsten Voraussetzungen kulturellen Eigenlebens zu konzentrieren, blieb uns für den Luxus weltanschaulicher Auseinandersetzungen keine Zeit. Das gilt besonders für Basch, den schon seine tiefe Liebesbeziehung zu einer jüdischen Dame jeden Antisemitismus ablehnen ließ. Sowohl seine Aussagen wie die von prominenten Zeugen in seinem zweiten Prozeß erlauben es nicht mehr, in ihm einen fanatischen Verfechter von nationalsozialistischen Ideen zu sehen.
 Das Fernziel des NS-Regimes bestand freilich darin, das gesamte Deutschtum der Welt in seine Weltanschauung zu zwingen. Dem diente die Gleichschaltung des VDA und seine Einordnung in die VOMI. Erst in den letzten Äußerungen Steinachers tritt der Unterschied zwischen ursprünglichem volksdeutschen Denken und der Wiederkehr einer brutalen Politik der Machtinteressen an den Tag. Dabei kann der ungarischen Seite der Vorwurf nicht erspart werden, daß sie, gebannt nur auf den VDA und seinesgleichen starrend, sich gegen diesen mit dem gefährlicheren Faktor zu verbünden trachtete, weil ihr das Denken in machtpolitischen Kategorien selbst nahelag. Selbst Gratz, der die Gefahr schon 1933 sah, hat 1938 Steinachers Sturz mit Genugtuung begrüßt und darüber nicht gemerkt, was wirklich an seine Stelle trat.302 –Denn erst jetzt konnte die eigene Volksgruppenpolitik der Partei sich entfalten.
Die VOMI war nicht daran interessiert, daß die Südoststaaten den deutschen Volksgruppen ein kodifiziertes Recht zugestehen, suchte aber in diesen “Männer, die Befehlen blindlings gehorchen.”
 

Wildmann/Spiegel – 07A

 

VII. Die Endphase

1. Zwischen 1938 und 1940
Unmittelbar nach Cikó machte Teleki mit Außenminister Csáky einen Besuch in Berlin. Dort regte Ribbentrop, nachdem er die Lösung der Schulfrage angemahnt hatte, an, die Regierungspartei möge bei der nächsten Wahl drei volksdeutsche Kandidaten aufstellen. Das ist dann auch geschehen. Bei den Wahlen Ende Mai 1939 wurde Dr. Mühl in Bonnhard, Dr. Mischung in Mohatsch und Jakob Brandt in der Nordbatschka aufgestellt. Mischung wurde vom Pfeilkreuzler Keck geschlagen. Die Wahl Mühls stellte die nationalistische Presse als nationale Katastrophe hin. Brandt wurde problemlos gewählt.
Am Jahresende konnte Basch von 24.700 Mitgliedern berichten, wozu die noch erwarteten Listen von weiteren 50 Gemeinden kamen. Für das Deutsche Haus wurden 32.000 Pengö gespendet. Der  Volksbote hatte 12000, der Jungkamerad 4000 Bezieher. Die – allerdings staatliche -  deutsche Lehrerbildungsanstalt war endlich gegründet worden.
In das Jahr 1939 fällt der Abfall Rothens zu den Pfeilkreuzlern, in dessen Folge Basch mit ihm brach. Die Staatstreue wurde nicht nur in der reichsdeutschen Presse und von Staatssekretär Ernst von Weizsäcker anerkannt, auch das Neue Sonntagsblatt mußte sie einräumen.303
Basch mußte sich gegen Vorwürfe wehren, daß er ”für ein Linsengericht einen unendlich dehnbaren Strudel von Geduld und Gutgläubigkeit knete.” Dennoch ließ er sich nicht zu Leichtfertigkeiten hinreißen: ”Seit Jahren ringe ich mit allen meinen Kameraden um das Vertrauen des Staatsvolks, weil ich dieses Vertrauen als ein ehernes Fundament betrachte, auf dem alleine, auch auf weitere Sicht gerichtete Volkstumsarbeit von Bestand sein kann.”304
Als im Sommer 1940 Ungarn auf deutsche Unterstützung für seine siebenbürgischen Ansprüche angewiesen war, trat eine deutliche Wandlung ein. Vom Ministerpräsidenten aufgefordert, legte Basch am 6. August die Wünsche des Volksbunds vor. Es handelte sich ausschließlich um übliche Nationalitätenrechte: Kindergärten, Lehrer- und Kindergärtnerinnen-bildunganstalt, 3 Bürgerschulen, Gymnasium, landwirtschaftliche Schulen und Fachkurse. Austausch von Lehrern, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind.
Am 11. August hielt der Volksbund seine erste Jahresversammlung in Hidas ab. Auffallend stark betonte Basch: ”Eine Volksgruppe muß ihr Schicksal selbst gestalten. Überläßt sie dies andern, hat sie bereits selbst auf ihre Zukunft verzichtet. In diesem völkischen Ringen stehen wir aus freiem Entschluß fest auf dem Boden St. Stefans. Wir verlangten nie eine überstürzte und kopflose Rechtserfüllungspolitik.” Die Erkenntnis einer zeitgemäßen Lösung der Nationalitätenfrage ist ”auch bei den mir zugänglichen Stellen der Staatsführung sichtbar durchgedrungen. Das dürfen wir umso mehr verlangen, weil gerade wir dem Heimatstaat selbst nur helfen und nicht schaden wollten. Natürlich können wir das ewige, vielleicht planmäßige Mißtrauen der Chauvinisten nicht beschwichtigen, denn der Preis wäre Aufgeben unseres Deutschtums. Darüber lassen wir uns in keinen Handel ein. Wie wir nie mitbestimmend sein wollen in Fragen des ungarischen Volkes, sprechen wir nur uns das Recht zu, selbst zu bestimmen, was volksdeutsch ist und was zum Schutz unseres Volkstums nötig ist. Nach  unserem Bekenntnis hat jede Volksgruppe das unveräußerliche Recht, die kulturellen Schöpfungen des Muttervolks sich zu eigen zu machen. Fremdes wollen und brauchen wir nicht, Eigenes lassen wir nicht. Durch unaufhörliche, aufrichtige Aussprache mit Regierungsstellen haben wir das Ziel verfolgt, unseres Volkes Recht auf möglichst reibungslose Art zu erkämpfen, durch mäßiges, die Empfindlichkeiten des Staatsvolks berücksichtigendes Verhalten eine Vertrauensgrundlage zu schaffen. Der Volksbund kann seine Tätigkeit wieder im ganzen Land frei entfalten und wird bald 250 Ortsgruppen und 50.000 Mitglieder haben. Die Regierung hat Übergriffen von Provinzbeamten ein Ende bereitet. In Kürze wird eine eigene Tageszeitung erscheinen und wir hoffen, eine Jugendorganisation, Deutsche Volkshilfe und andere Vereine gründen zu können. Die in Cikó ausgestreckte Hand gegen die uns feindliche Dorfintelligenz wurde gehässig zurückgewiesen. Es blieb uns nichts übrig, als ohne sie auszukommen. Wir werden aber nicht ruhen, eine volksverwachsene und deutschbewußte Mittelschicht heranzuziehen.” Der Verdächtigung, der Volksbund vertrete ein Neuheidentum, trat Basch entgegen.305
Am 18. August wurde das Deutsche Haus in Budapest mit hochrangigen Gästen eingeweiht. Dabei wurden ein von Lorenz gestiftetes Bild Hitlers und ein Bild Horthys enthüllt. In seiner Rede nannte Basch als Ziel, die Anerkennung des Staatsvolks und seiner Führung zu erringen und – auch das sei nötig – das Vertrauen des Muttervolks und Mutterlands. Er dankte der Regierung, daß seit einem Jahr ein ungetrübtes Verhältnis bestehe. ”Und weil wir zu keiner Stunde gegen die Treue zu unserem Volk wie zu unserm Vaterland weder gesprochen noch gehandelt haben, errangen wir uns auch das Vertrauen, die Achtung und Anerkennung des Muttervolks. Wir waren stets bestrebt, es weder dem Staatsvolk noch dem Mutterland schwer zu machen. Dieses Ziel kann eine Volksgruppe nur dadurch erreichen, daß sie es sich selbst schwer macht.”306
Noch im August sagte die Regierung die Genehmigung eines Gymnasiums und einer Bürgerschule des Volksbunds zu.


2. Das Wiener Volksgruppenprotokoll.
In diese hoffnungsvolle Situation platzte mit dem für Ungarn ungemein günstigen Wiener Schiedsspruch am 30. August 1940 das Protokoll über die deutsche Volksgruppe. Aus diesem sind neben allgemeinen und unbestrittenen Forderungen des Minderheitenrechts zwei Sätze hervorzuheben: Die Garantie, ”daß den Angehörigen der deutschen Volksgruppe aus der Tatsache der Zugehörigkeit zur Volksgruppe und aus ihrem Bekenntnis zur nationalsozialistischen Weltanschauung in keiner Weise Nachteile erwachsen,” und die Bevollmächtigung des Volksbundes, darüber zu entscheiden, wer als Angehöriger der Volksgruppe anerkannt wird. Für die Volksbundführung kam das Protokoll überraschend. In die übereilte Vorbereitung war sie nicht eingeschaltet. Die Frage wurde in Berlin erst angeschnitten, nachdem bereits die Grenzen festlagen. Hitler wünschte zum Schutz der neu an Ungarn fallenden Volksdeutschen einen starken Minderheitenvertrag. Auf Einwand der Vomi entschied sich Ribbentrop für einen Vertrag für alle Deutschen in Ungarn. Er sollte ”den Magyaren jede Möglichkeit der Anwendung ihrer alten Methoden nehmen.”307 Die VOMI sah in ihm eine Plattform für die nun beginnende Aufbauarbeit in der Volksgruppe. Zu seiner Vorbereitung hat sie Hasselblatt mit ”gewissen Aufarbeitungen” beauftragt, über die wir nichts näheres wissen.308
Ob angesichts der sich günstig anbahnenden Verhandlungen das Protokoll nötig war, bleibe dahingestellt. Da es sich über die nationale Empfindlichkeit der Ungarn hinwegsetzte, wurde es von diesen als Provokation empfunden und, wo es nur ging, sabotiert. Teleki nützte die ungenauen Formulierungen aus und spielte die Bedeutung des Ganzen im Dezember im Parlament herunter. Der oppositionelle Anton Klein bauschte es auf, sah in ihm die Volksgruppe als juristische Person – was sie tatsächlich nie wurde – und griff es scharf an.309 In der Provinz führte es landesweit zu Ausbrüchen von Deutschenhaß.

3. Die Vomi und Basch
Basch wurde gleich nach dem Wiener Schiedsspruch nach Berlin gerufen. Dort wurden ihm von Himmler folgende Anweisungen gegeben: Aufbau des Volksbunds als Führungsorgan für die Volksgruppe, Einarbeitung der dafür Ausgewählten im Reich, sofortiger Aufbau einer Jugend-, Sport- und Frauenorganisation, gesonderte Zusammenfassung der Wehrfähigen zur späteren weiteren Ausbildung im Reich (was nicht geschah), Aufbau einer NSV-ähnlichen Organisation, sofortige Erfassung der Volksgruppe und Ausgabe von Volksdeutschen-Ausweisen (nicht geschehen). Mit Hilfe der Gesandtschaft gelang es Basch, die schon gedruckten Ausweise nach Jugoslawien weiterzuleiten.310

4. Die neuen Ungarndeutschen
Durch den Wiener Schiedsspruch war mit Nordsiebenbürgen auch das sächsische Siedlungsgebiet um Bistritz und das schwäbische um Satmar zu Ungarn gekommen. Damit mußte eine Gruppe verkraftet werden, die bereits straff nationalsozialistisch geschult war. Sie brachte aber auch eine starke Intellektuellenschicht ein, die das Ungarndeutschtum so dringend brauchte. So ist es kein Wunder, daß Sachsen in die Schulen und Schülerheime, in die Redaktion der Deutschen Zeitung, die endlich als Tagesblatt erscheinen konnte, und in den Stab des Volksbundes einzogen. Bei der Berufung von Abgeordneten nahm man auf die deutschen Vorschläge Rücksicht. Einen Eklat im Parlament verursachte Dr. Eduard Keintzel, als er sich als deutscher Nationalsozialist bekannte.311 Dabei stieß man sich am Wort Deutsch, denn ungarische Nationalsozialisten gab es genug. Der zum Generaldechanten ernannte Carl Molitoris wurde Mitglied des Oberhauses.
Aus dem stark magyarisierten Satmarer Gebiet wurde Sepp Schönborn Stabsführer von Basch. Diesem gelang es, die Sachsen zu überzeugen, daß Hakenkreuzfahnen und –armbinden sowie der Heil Hitler-Gruß in Ungarn nicht erlaubt waren.
Als mit nach der Aufteilung Jugoslawiens die Südbatschka und das Baranyadreieck im April 1941 von Ungarn okkupiert wurden, ergaben sich größere und bleibende Schwierigkeiten. Die stärker nationalsozialistisch ausgerichtete Die Führung des Schwäbisch-Deutschen Kulturbundes, der privatrechtlichen Dachorganisation der Deutschen Jugoslawiens, war 1939 in die Hand der gemäßigten Erneuerer gekommen und war entsprechend gemäßigt nationalsozialistisch ausgerichtet. Das galt auch für die Gebietsführung des Kulturbundes in der Batschka, wo der Kulturbund seine zahlenmäßig stärkste Stütze besaß. Für sie stand die Nationalitätenpolitik Ungarns der Vorkriegszeit noch in schlechter Erinnerung. Sie konnte nicht begreifen, daß ihr neuer Volksgruppenführer Franz Basch die Ungarndeutschen, zu denen die Deutschen der Batschka nunmehr zuzuzählen waren, so eng an die ungarische Politik binden wollte. Aus der deutschen Diplomantenkorrespondenz wird deutlich, daß die jugoslawiendeutsche Volkgruppenführung zunächst von einer territorialen Sonderstellung und Autonomie mit eventueller Reichsbürgerschaft träumte. Die Gebietsführung der Batschkadeutschen weigerte sich zunächst, sich dem Volksbund der Deutschen Ungarns vorbehaltlos anzuschließen. Sie gab Basch zu verstehen, als er sie Anfang Mai als Volkgruppenführer besuchen wollte, daß sie ihn nur als Gast betrachten könne. Das Auswärtige Amt ließ ihn zudem noch am 17. Mai wissen, daß er erst nach Zustimmung des Außenamtes die Führung in der Batschka und im Baranya-Dreieck übernehmen dürfe. Gleichzeitig versah Himmlers Mitarbeiter Dr. Hermann Behrends in Neusatz (Novisad) den dort verbliebenen Teil der Volksgruppenführung für Jugoslawien mit Weisungen und verwies den Volksgruppenführer der gesamten Deutschen Jugoslawiens, Dr. Sepp Janko, auf das Westbanat, das nunmehr zum deutschbesetzten Serbien behörte.
Serbien unterstand sowohl der deutschen Militär- wie der serbischen Regierungsverwaltung des Generals Milan Nedic. Unter Jankos Führung durfte die deutsche Volksgruppe des Banats eine teil-autonome Selbstverwaltung einrichten.

Die VOMI beschwerte sich über Disziplinlosigkeiten in der Batschka, ließ aber offen, ”inwieweit das Verhalten der dortigen Führer den Ungarn gegenüber zu

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299 in: Somogy megye multjából (Aus der Vergangenheit des Komitats Schümeg) XII, 1981, S. 363

300 Vgl. Mosse, George: The crisis of the german Ideology, deutsch: Ein Volk, ein Reich, ein Führer, Königstein 1979, S. 313, 323, 325

301 so: Calcic, Marie Janine, in: Hösch-Seewann: Aspekte ethnischer Identität, München 1991 S. 156, 159;  Wolfgang Aschauer: Zur Produktion und Reproduktion einer Nationalität. Die Ungarndeutschen. Stuttgart 1992, S.12

302 Gratz, a.a.O. S. 34

303   N.So.9.7.39

304   Deutscher Volksbote 24.3.40

305   Dtsch. V. 8.8.40

306   a.a.O. 25.8.40

307   BA Sammlung Schumacher

308   AA Pol Volksdeutsche Ung VI g 272, 2.7.41

309   BA R 58/152 Zur Lage d. Volksdeutschen i. Ung. 19.12.40

310   BA Sammlung Schumacher

311   Képviselöházi Napló (Parlamentstagebuch ) 16.11.43

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selbstbewußt und provozierend gewesen sei”, wo ”zum erstenmal von Volksdeutschen gegenüber den Ungarn ein Ton angeschlagen wurde, der für diese vollkommen neu und ungewohnt ist”. Aber, ”selbst wenn einige über das Ziel hinausgeschossen haben, sind sie trotzdem zu decken, andernfalls würde ein schwer wiedergutzumachender Rückschlag eintreten.312
Dieser Ton übertrug sich, nach dem Batschkadeutsche im alten Ungarn eine Reihe von Führungspositionen erlangten, auch auf dieses, drängte Geist und Einfluß der alten Kameradschaft zurück und brachte lautstarke NS- Phrasen ein. Trotzdem war Basch optimistisch und bat Ministerpräsident László Bárdossy, ”ihm drei Jahre Zeit zu lassen, um eine befriedete Volksgruppe dem Ungarn zuführen zu können.” Anfangs müsse aber Ungarn ”scheinbare Prestigeverluste in Kauf nehmen.”313

5. Die Waffen-SS-Aktion
Am 24. Januar 1941 war dem Auswärtigen Amt die Absicht des Reichsführers SS Heinrich Himmler zur Stellungnahme vorgelegt worden, 1200 volksdeutsche ”Freiwillige” in die Waffen-SS einzustellen als eine der ”nachhaltigsten volkspolitischen Maßnahmen, die für die Zukunft des gesamten Volksdeutschtums von außerordentlicher Bedeutung sind.” ”Mit Rücksicht auf die besondere Mentalität der ungarländischen Deutschen" werde die Durchführung der Aktion  in Ungarn "für besonders dringlich gehalten”, wo 500 junge Männer ausgehoben werden sollten. Die Aktion solle "unter dem Vorwand der Beschäftigung im Reich" ablaufen. Zur zeit der Inkenntnissetzung des Auswärtigen Amtes war indes die Aktion bereits längst angebahnt. Schon am 12. November 1940 berichtete der Leiter des SS-Hauptamts, Gottlieb Berger, an Himmler, daß er mit Basch Ende des Monats die Ausmusterung besprechen ”und das Kontingent mit Anbetracht der rassisch stark vermanschten Gebiete auf 500 gut ausgesuchte Jungen festlegen werde. Wie Basch das mit der Regierung ausmacht, ist seine Angelegenheit.” Auch Himmler hielt nicht viel von Basch und bemerkte zu dessen Bericht über Verhandlungen mit der Regierung,, daß er ”sich nicht so viel unterhalten soll.”314 Ob das Gespräch tatsächlich wie beabsichtigt geführt wurde, läßt sich nicht belegen.
Nach Tilkovsky berief sich Basch darauf, der Volksbund könne diese illegale Werbung in der ungarischen Situation nicht durchführen, und warnte vor verhängnisvollen Folgen. Auch er spricht von Himmlers und Bergers Verärgerung über ”Baschs Unfähigkeit”.315 Man darf es für  denkbar halten, daß Basch, als er sich gegen den Druck nicht wehren konnte, die Sache einem Mitarbeiter der Jugend überließ und selbst nicht wissen wollte, was dieser tat. Das würde die Unstimmigkeiten darüber am besten erklären. Die Sache machte viel böses Blut, und die Behörden erfuhren daher auch bald davon.
Über den tatsächlichen Hergang informiert ein Beschwerdebrief zweier Väter an Hitler: ”Unsere 18-jährigen Söhne hat man durch den Volksbund mit verlockenden und naiven Versprechungen überredet, nach Deutschland zu gehen und dort sich einer 2-3 Monate dauernden Sportausbildung zu unterwerfen, welche ihnen große Erfolge bringen sollte. Die Kinder wurden im geheimen ärztlich untersucht und am 9.7.41 vom Budapester Deutschen Haus geheim über die Grenze gebracht nach Brünn. Dort hat man unsere minderjährigen Kinder trotz ihrer verzweifelten Weigerungen gegen ihren Willen als freiwillige Soldaten den SS-Verbänden zugeteilt, ausgebildet und nach der Sowjetgrenze gebracht. Wir und auch die andern Eltern haben schon unzählige Schritte getan beim Volksbund und beim Deutschen Konsulat, um unsere Kinder zurückzubekommen, aber umsonst.”
Etwas anders liegt der Fall aus Waschlud. Die beiden jungen Männer sind mit Arbeitsbüchern als Schiffer auf einen Donaulastzug schwarz ausgereist. Nach zwei Monaten schrieben sie heim: Davon, daß sie bald wieder nach Hause kämen würden, könne keine Rede sein, sie seien zur militärischen Ausbildung bei der SS eingeteilt worden. Die Väter baten Basch, für Heimkehr ihrer Söhne zu sorgen, wurden aber mit der Bemerkung abgewiesen: ”die jungen Leute befinden sich auf einem guten Platz und werden schon wiederkommen.” Hierauf richteten sie ihre Bitte an die Gesandtschaft. Sie gaben dort an, daß die Einberufungen Bestürzung und Mißtrauen hervorgerufen hätten und Staatspolizei und Gendarmerie bei ihnen wiederholt Protokolle aufgenommen habe.316
Aus dem gleichzeitigen Geheimbericht der Gesandtschaft ergibt sich, daß  Volksdeutsche von den ”Sportkursen” zurückkamen und wegen Verletzung der Militärpflicht und unerlaubten Grenzübertritts verurteilt wurden. Die Volksgruppenführung behauptete, von ihrem Weggang keine Kenntnis zu haben. Gesandter von Jagow sah die Situation kritisch und schlug die Rücksendung der jungen Leute vor.317 Auf Veranlassung des Auswärtigen Amts und der VOMI wurde Vorsorge getroffen, daß Anwerbungen für die Waffen-SS nicht mehr stattfänden.318 Als die Reichsführung SS selbst erkannte, daß der Weg der illegalen Werbung zu keinem Erfolg führe und eher Schwierigkeiten mit sich bringe, erreichte sie die Zustimmung des Reichsaußenministers von Ribbentrop, eine legale Werbeaktion in Ungarn durchzuführen. Himmler hatte in innerdeutschen Machtkämpfen die Waffen-SS als die für Volksdeutsche allein in Frage kommende Truppe durchgesetzt. Die ungarische Regierung ging darauf nur zögernd ein. Vor allem stellte sie die Bedingung, daß die in die Waffen-SS Eingetretenen die ungarische Staatsbürgerschaft verlören. Daß dadurch die radikaleren jungen Deutschen der Volksgruppe verloren gehen mußten, erschien der ungarischen Seite  sogar als Vorteil. Die schließlich sich einstellende Nachgiebigkeit der ungarischen Regierung in den SS-Angelegenheiten führte sich auch darauf zurück, daß Ungarn allein in Deutschland den Garanten für die Beibehaltung jener Gebiete sah, die es durch den Wiener Schiedsspruch vom 30. August 1940 von Rumänien erhalten hatte und die der rumänische Staatschef Marschall Antonescu immer wieder zurückforderte.
Der Bedarf des Reichs an Soldaten nach Beginn des Sowjetfeldzugs ließ dieses alle Bedingungen annehmen. In diesem Sinne wurde die erste Vereinbarung im Februar 1942 geschlossen. Die Aktion setzte Freiwilligkeit voraus. Da Ungarn nicht zuließ, daß die SS selbst wirbt, wurde zu dieser undankbaren Aufgabe der Volksbund verdonnert, der an sich von diesem Blutverlust nicht begeistert war. Basch konnte wenigstens die Volksbundführer sowie Lehrer und Schüler der deutschen Lehrerbildungsanstalt in Neuwerbass vom Einrücken abhalten.319 In den neu erworbenen Gebieten war der Druck, der von den Volksbundortsgruppen und Teilen der Dorfbewohnerschaft ausging, so stark, daß sich diejenigen, die sich der Assentierung nicht stellen wollten, oft nur durch zeitweises Untertauchen bei Andersnationalen der Umgebung entziehen konnte.
Unter den Donauschwaben der angegliederten Batschka kann man jedenfalls vier Kategorien von Einstellungen gegenüber der Werbung zur Waffen-SS feststellen. Es gab weltanschaulich motivierte echte Freiwillige; es gab nüchtern kalkulierende “Willige”, die wegen der in ihren Augen besseren Bewaffnung des deutschen Militärs, wegen der deutschen Kommandosprache und der größeren finanziellen Unterstützung ihrer Angehörigen und aus Furcht davor, von der ungarischen Führung zwecks Schonung des “magyarischen Blutes” bewußt in die vordersten Frontlinie geschickt zu werden, lieben zur Waffen-SS gingen. Es gab die Gezwungenen, die von der Deutschen Mannschaft unter Zwang  zusammengeholt wurden, und es gab die Verweigerer.
Das Echo war im rumpfungarischen Deutschtum wesentlich geteilter, besonders als man vom Verlust der Staatsbürgerschaft erfuhr. Es gab auch Austritte aus dem Volksbund. Die Aktion des Jahres 1942 betraf die 18- bis 30jährigen, also 12 Jahrgänge. Während sich in der Batschka und Nordsiebenbürgen 17.822 meldeten, von denen 11.534 als tauglich einberufen wurden, waren es in Trianon-Ungarn 9.041, bzw. 5.793.320 Schwierige Probleme ergaben sich um die Unterstützung der Angehörigen, die schließlich zum Ärger des Auswärtigen Amts Himmlers Stabschef Berger unter Umgehung der offiziellen Diplomatie direkt mit dem sehr deutschfreundlichen Finanzminister Reményi-Schneller löste.321
Dieses Ergebnis genügte Himmler nicht. So drängte er auf eine zweite Aktion, die vom neuen Ministerpräsidenten Nikolaus Kállay schon im Juni verlangt wurde. Basch erhob umsonst Bedenken. Um Ungarn günstig zu stimmen, winkte Hitler gegenüber Generalstabschef Szombathelyi erneut mit Umsiedlungsplänen, nachdem ihm der ungarische Reichsverwesen Nikolaus Horthy schon nach seiner – Hitlers - Umsiedlungsrede im Herbst 1939 die Ungarndeutschen direkt angeboten hatte. Am 17 April 1943 stimmte Horthy schließlich zu, die Werbung auch auf die in der Honvéd dienenden Deutschen auszudehnen, wieder mit der Aussicht auf spätere Umsiedlung. Die Diplomatie hatte dann alle Hände voll zu tun, um diese Frage wenigstens für eine spätere Zukunft offen zu lassen. Das neue Abkommen trat am 1. Juni 1943 in Kraft. Es betraf die Deutschen von 18 bis 35 Jahren. Ungünstig wirkte sich die Kriegslage aus, die immer deutlicher an eine mögliche Niederlage Deutschlands und seiner Verbündeten denken ließ.
Von diesen Besorgnissen profitierte die von Bonnharder Intellektuellen ausgehende illegale, aber im geheimen geförderte ”Treuheitsbewegung”, die selbst Berlin zunehmend Sorgen bereitete. Viele hofften, durch Mitgliedschaft in dieser Bewegung einer etwaigen Aussiedlung zu entgehen. Die Angst vor einer Aussiedlung hatte schon eine starke Propaganda anläßlich der Volkszählung im Januar 1941 geschürt. Die Volkszählung stellte den Deutschen nämlich nicht nur die Frage, ob man sich zur deutschen Muttersprache, sondern - in einer erstmals eingeführten, den meisten unverständlichen Frage - auch zur deutschen Nationalität bekenne. Die gegen den Volksbund gerichtete Propaganda wollte verhindern, dass man sich zur deutschen Nationalität bekenne. Diese Volkszählung hatte später tatsächlich verheerende Folgen.
Wieviele sich bei der zweiten Aktion, die sich bis Anfang 1944 hinzog, tatsächlich meldeten, läßt sich nicht eindeutig feststellen. Die von Tilkovszky, der sich auf die deutsch-völkische Presse beruft, genannte Zahl von 20.000322 scheint dem Autor dieser Zeilen zu hoch gegriffen zu sein.
Als es dann Hitler gelungen war, den Sturz des Kabinetts Kállays, das einen Sonderfrieden  mit den Alliierten anstrebte, zu erzwingen und nach dem Einmarsche der deutschen Truppen am 19. März 1944 in Ungarn der Deutschland wohlgesonnene Gesandte in Berlin Döme Sztójay Ministerpräsident wurde, konnte man einen Schritt weitergehen und einen Vertrag schließen, der eine Zwangsrekrutierung zur Waffen-SS ins Auge faßte. Der Vertrag kam am 14. April 1944 zustande. Mit ihm trat Ungarn seine Wehrhoheit über seine volksdeutschen Bürger an das Deutsche Reich ab und verlagerte die Ableistung der gesetzlichen Wehrpflicht auf die Waffen-SS. In den Verhandlungen sagte Sztojay wörtlich: “In den volksdeutschen Gebieten können Sie mustern, wenn Sie wollen ...” Die mit den beiden ersten Aktionen verbundene Aberkennung der ungarischen Staatsbürgerschaft wurde rückgängig gemacht. Die Musterungen fanden hauptsächlich im August 1944 statt und betrafen die Altersgruppe von 18 bis 50 Jahren. Die Einberufungen folgten innerhalb weniger Wochen, zumal mit dem Übergang Rumäniens zu den Alliierten mit 23. August 1944 die militärische Situation im Südabschnitt der Ostfront für Ungarn und die deutschen Verbände sich schlagartig verschlechterte. 
Im Zuge der dritten Aktion stellte sich die Frage, wer als Deutscher zu gelten habe. Nach einigem Hin und Her einigte man sich auf die Formulierung: Als Deutscher gilt, ”wer sich durch seine Lebensweise und seine Volkstumsmerkmale als solcher zeigt oder sich freiwillig als Deutscher bekennt.”323 Wer aber sollte das entscheiden? Der Volksbund mußte wohl Listen vorlegen, die letzte Entscheidung aber traf das Honvédministerium, das sich seinerseits auf Gutachten der Gemeindenotäre stützte, die je nach ihrer Einstellung mehr oder weniger Bürger ihrer Wirkungsorte als Deutsche einstuften. Diese, auch von der ungarischen Gendarmerie und Waffen-SS- Kommandos nötigenfalls mit Abhol- und Suchmaßnahmen erzwungene Aktion ergab nahezu 60.000 Einberufungen. Begreiflicherweise regte sich dagegen besonders unter jenen, die keine Mitglieder des Volksbundes oder dessen Gegner waren, ein meist aussichtsloser Widerstand. Im Südgebiet, wie die Batschka in Ungarn auch bezeichnet wurde, versteckten sich wiederum jene, die nicht einrücken wollten, häufig in den benachbarten Dörfern bei ihren andersnationalen Bekannten.

6. Die wirtschaftliche Instrumentalisierung der Volksgruppe
Anläßlich der Besetzung der Batschka setzte das Deutsche Reich durch, daß aus der jugoslawischen Zeit bestehende wirtschaftliche Sonderabmachungen dortiger Betriebe über den Export ihrer Produkte nach Deutschland in Geltung blieben. Das war für die deutschen Kriegswirtschaft von großer Wichtigkeit. So wurde verschiedenes unternommen, um auch die Produktion der übrigen deutschen Siedlungsgebiete über den allgemeinen Export hinweg für das Reich sicherzustellen.
Ein Fehlschlag war die Entsendung sog. Wirtschaftssachverständiger, gegen die Volksbund und Regierung gemeinsam vorgingen. Sie konnten aber nicht verhindern, daß diese auf anderen Kanälen eine eifrige Tätigkeit entfalteten.324

7. Volkstumspolitische Erfolge in dieser Zeit
Aufgrund der von Basch im August 1940 vorgelegten volkspolitischen Wünsche traten Besserungen in erster Linie in der Schulfrage ein, seit je das Hauptproblem. Der Volksbund konnte eine Handelsschule, mehrere Bürgerschulen und mit Standort Fünfkirchen ein zweites Gymnasium errichten sowie 17 Volksschulen in seine Hand nehmen. Dazu kamen die Anstalten in den neu erworbenen Gebieten, die jetzt für alle Deutschen in Ungarn offenstanden. Die Deutsche Jugend, deren Satzungen genehmigt wurden, entfaltete als Teilorganisation des Volksbundes eine eifrige Tätigkeit, orientierte sich in ihrem Aufbau am Beispiel der Hitlerjugend und driftete damit weiter nach rechts ab als die ältere Generation der Ungarndeutschen. Sie schloß auch ein Abkommen mit der Staatsjugend Levente. Ihr unterstanden die Schülerheime, was zu Spannungen mit den Schulleitungen führte. Sowohl der Direktor des Jakob- Bleyer-Gymnasiums in Budapest Dr. Johann Weidlein325 wie der Neuwerbasser Lehrerbildungsanstalt Konstantin Fiedler326 beschwerten sich, daß die starke Inanspruchnahme durch diese sich auf die Arbeit der Schule negativ auswirke.
Das Unterrichtsministerium rang sich nur langsam dazu durch, grundsätzlich - und auch dann in verklausulierter Weise – rein deutschen Unterricht in den Volksschulen anzuordnen. Der Nationalitätenschulinspektor Balázs berichtet am 7. März 1941, daß die Einwohner nirgends, wo er war, rein deutschen Unterricht gebeten haben, und am 8. April, daß sie an vielen Orten beim "Einheitssystem" (B) bleiben werden. Rein deutscher Unterricht sei wegen der mangelhaften Befähigung der Lehrer auf einmal nicht zu verwirklichen. Aber das änderte sich mit der Zeit. So wurde für den Schulbeginn 1941 im Komitat Wesprim für 21 Schulen rein deutscher Unterricht eingeführt.327 Nach einer Aufstellung vom November waren 56 % der Volksschulen auf rein deutsch übergegangen, zweisprachig blieben 28 % und rein ungarisch (eventuell mit deutschen Sprachstunden) unterrichteten 16 %.
Auch in die Frage der Kindergärten kam Bewegung. Im Dezember 1940 genehmigte das Unterrichtsministerium als Ersatz für eine eigene Anstalt einen Halbjahreskurs für deutsche Kindergartenbeschäftigung, der Ende Juli 1941 mit einer Befähigungsprüfung abgeschlossen wurde. Der Volksbund, dem das nicht genügte, schickte die Absolventinnen im August zur Weiterbildung nach Deutschland. Im Juni öffnete der erste Volksbund-Kindergarten in Altofen.

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312  AA Kult A 42 g Rs., 8.5.41, A43g Rs., 16. U. 17.5.41

313  AA Kult –a2046/41, 9.5.41; Kult A 42 g Rs.

314  IZ MA 3 (2) Ung. Nov. 40

315  Tilkovsky: SS-toborzás Magyarországon (SS-Werbung in Ungarn) Budapest 1974 S. 21 f.

316  AA Pol 1 M II 47 g + AA D VIII 213 g

317  AA D VIII 170 g

318  AA D VIII 222/41 g

319  Donáth Péter: Iskola és Politika (Schule und Politik) Budapest 1996 S. 148

320  Tilkovszky: Die Werbeaktionen der SS in Ungarn. Acta Historica 20 1974 S. 146

321  AA Inl II 189 Rs., 7.1.43

322  Tilkovszky a.a.O.S. 168

323  AA Inl II 812 g E 518573

324  Manuskript Basch-Prozeß

325 OL ME K 28, 115. csomó (Paket), 24.9.42

326  Donáth S.155

327  OL ME K 28, 114. csomó

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In den Sommerferien 1942 veranstaltete das Schulamt des Volksbunds ein pädagogisches Seminar für Mittelschullehrer mit 7 Referenten aus dem Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht in Berlin.328
Im November 1941 wurde die Deutsche Volkshilfe gegründet, deren Satzungen allerdings nie amtlich genehmigt wurden. Man duldete aber ihre Tätigkeit.329

 

Wildmann/Spiegel – 08A

 
VIII. Zwischen den Mühlsteinen: die Tragik des Franz Basch
  
1. Neue ideepolitische Begriffe bei den Ungarndeutschen
In Ungarn war Ende des I. Weltkriegs das ländliche Deutschtum infolge der Assimilation des städtischen Bürgertums seiner politischen Führungsschicht weitgehend beraubt. Es erwachte aber nach dem Zusammenbruch der Monarchie unter dem Eindruck der mit der Zerstückelung Ungarns einhergehenden Erkenntnis, daß ein Volk, auch ein Teilvolk, von Natur aus vor dem Staate da sei. Der Streit ging in der Folge nur darum, ob das Teilvolk eines Staates bloß individuelle Rechte für seine Glieder beanspruchen dürfe wie etwa das Recht auf Gebrauch der Muttersprache in Schule, Kirche und Verwaltung, oder auch als Ganzheit korporative Rechte habe, so daß es neben einer Kulturautonomie auch den Anspruch auf Verwaltungs-, vielleicht sogar auf Territorialautonomie erheben dürfe. Jakob Bleyer war bekanntlich gegen den Anspruch seiner Volksgruppe auf die Gewährung korporativer Rechte seitens des restungarischen Staates. Er bekam durch die Pariser Verträge insofern recht, als diese den Begriff der "nationalen Minderheiten" einführten und den Angehörigen dieser Minderheiten bloß individuelle Schutzrechte zusprachen, die die neuen Staaten zu garantieren hatten.
Das Erwachen des deutschen Volksbewußtseins in Ungarn hing aufs engste zusammen mit dem gleichzeitigen Bewußtwerden allgemeiner demokratischer Volksrechte. Dieses Erwachen ging, wie schon dargelegt,  auf andere Einflüsse als auf das Wirken Jakob Bleyers zurück, erfolgte zwischen 1918 und 1921 weithin gegen ihn und geschah übrigens zu einem Zeitpunkt, zu dem von Deutschland kein Einfluß ausgehen konnte. Bleyer kann nicht als Vater und Erwecker der Deutschen in Ungarn bezeichnet werden, er wurde im Laufe der zwanziger Jahre die vorsichtige und dennoch angefeindete Vermittlerfigur, allerdings eine beherrschende. Ihm ging es in der Folge um die Erhaltung des ungarndeutschen Volkstums: daß die Kinder deutsch sprechen und schreiben konnten, sich dessen bewusst waren,   Deutsche zu sein, und daß dem freien Austausch der Ungarndeutschen mit der Kulturgemeinschaft des deutschen Mutter- und Stammvolkes nichts im Wege stand. Er war also alles andere denn ein "Pangermanist", als der er vom ungarischen Ultranationalismus nicht selten hingestellt wurde .330
Vor allem die junge Kriegsteilnehmergeneration der Ungarndeutschen wurde zu Beginn der zwanziger Jahre von einem neuen Denken und Fühlen ergriffen, dessen Zentrum die Idee der Volksgemeinschaft bildete. Es vollzog sich bei den konservativen Strömungen eine epochale Wende weg vom etatistischen Denken hin zu einem Denken, als dessen Mittelpunkt das Volk oder die Nation als eine gewachsene, kulturell-sprachliche und abstammungsmäßige Größe  empfunden wurde. Gegen das Denken im rationalistischen Modell des Mechanismus, wie dies beim individualistischen Spätliberalismus der Fall war, setzte sich nun das romantische Denken im Modell des Organismus durch. Daher die Hinwendung des Denkens zum Volke als einer naturhaft gewachsenen historischen Größe.
Gegen die so empfundene Verderbtheit der Städte und die im Zuge des kapitalistischen Industrialismus eingetretene Zerstörung der stadtnahen Landschaft und zugleich gegen das Spießerhafte des Kleinbürgertums hatte auch die Bündische Jugend ihren Protestweg angetreten und Wesentliches zum Entstehen der neuen Mentalität beigetragen. Führende Köpfe der jungen Generation der Ungarndeutschen vollzogen die "konservative Revolution" mit: Die klassenfreie Volksgemeinschaft wurde das konservativen Pendant zur marxistischen Zielvorstellung der klassenlosen Gesellschaft. Prälat Alexander Gießwein (1856-1923), der schon erwähnte ungarndeutsche Volkspolitiker, dürfte 1919 als erster in Ungarn den Ausdruck "Volksgemeinschaft" verwendet haben. Aber auch Ausdrücke wie "das gemeinsame Band der deutschen Kulturgemeinschaft" tauchten im ungarndeutschen Ambiente auf.331 In Hitlers Reden findet sich dieser Begriff übrigens erstmals 1922.332
Um 1922 dürfte wohl auch der Begriff "Volksgruppe" geprägt worden sein. Die deutschen Minderheiten Europas hatten sich nämlich ab 1922 zusammengeschlossen und gaben sich 1927 den Namen "Verband der deutschen Volksgruppen". Angeregt durch diesen Verband bildeten sich überhaupt die Europäischen Nationalitätenkongresse. Der erste, 1925 abgehalten, faßt zwei wesentliche Resolutionen: Der Staat soll den nationalen Volksgruppen die freie kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung gewährleisten und es soll jede nationale Volkgruppe, organisiert in einer eigenen öffentlich-rechtlichen Körperschaften, berechtigt sein, ihr Volkstum zu pflegen und zu entwickeln.333 Um 1925 bekannte sich auch Stresemann zum Gedanken der Volksgemeinschaft und führte um diese Zeit den Begriff "Volksdeutsche" in den politischen Sprachgebrauch ein.334


2. Neue Faszination und alte Staatstreue
Nach Bleyers plötzlichem Tod im Jahre 1933 trat die "Erlebnisgeneration" notwendig in den Vordergrund. "Für sie waren die Fragen völkisches Erwachen, Volksgemeinschaft, Volksgruppe als Körperschaft weniger Gegenstand theoretischer Debatten als vielmehr tiefes seelisches Erlebnis. Keiner vermocht das so, man kann wohl sagen mit dichterischer Sprachgewalt, auszudrücken wie Franz Basch"335.
Basch schrieb 1933: "Volk ist etwas heiliges, ewiges. Darum ist Volksrecht das heiligste der Menschenrechte. Das Herz und das Gewissen kämpft, opfert und leidet für das, was wir Volk, Volkstum, Volksrecht nennen", und der Artikel klingt aus mit einer Zielsetzung für das Individuum, die ganz im Sinne Bleyers gefaßt ist: "Zu dienen der ihm schicksalhaft vorbestimmten Staats- und Volksgemeinschaft".336 Der Verfasser vorliegender Abhandlung besteht darauf, daß Basch noch 1939, dem Geburtsjahr des Volksbundes der Deutschen in Ungarn, seinen sprachlich-kulturell verstandenen Volksgemeinschaftsgedanken als das Wesen des Nationalsozialismus betrachtete. Demnach glaubte Basch, seine nationalkonservative Auffassung vom "Völkischen", das Wesenselement seines weltanschaulichen Credos, im Nationalsozialismus wiederzufinden. Nur in diesem Sinne bekannten sich zum Zeitpunkt der amtlichen Zulassung des Volksbundes Basch und seine Kameraden  zum Nationalsozialismus.337
Knapp vor Kriegsbeginn allerdings, und zwar in einem Artikel zum 50. Geburtstag Hitlers, offenbart die Sprache Baschs "das Hinübergleiten der alten völkischen Haltung in die neue Bewunderung des damals auf der Höhe seiner noch friedlichen Erfolge Stehenden. "Die Volksgruppe steht mit den natürlichsten Gefühlen volksdeutscher Bewunderung, ja mythischer Achtung vor dem Werk des Führers'"338, heißt es da. Bei der aus Anlaß der Gründung des Volksbundes im Mai 1939 veranstalteten Großkundgebung wird erstmals die Sonnenradfahne gehißt und "Sieg Heil" mit erhobener Hand gerufen. Basch bekräftigt aber in seiner Rede seine Staatstreue, indem er die Vermittlerfunktion beschwört, die die deutschen Volksgruppe zwischen dem Reich und Ungarn ausüben soll. Seine Staatstreue wird hierauf von der Reichspresse, von Staatsekretär von Weizsäcker und selbst vom "Neuen Sonntagsblatt" gewürdigt.339
 


3. Im Bannkreis mehrerer Loyalitäten - ein tragischer Konflikt.
Franz Basch bekam es als Volksgruppenführer ab Zerschlagung Jugoslawiens im Aprilkrieg 1941 und der Rückgewinnung der Batschka und der Baranya durch Ungarn mit einer donauschwäbischen Führungsschicht zu tun, die aus dem älteren und organisatorisch wesentlich geformteren Schwäbisch-Deutschen Kulturbund, der beherrschenden Volksorganisation der Jugoslawiendeutschen, stammte, und die zwar die Gesetzesloyalität Ungarn gegenüber pflegte, als die Angliederung der Batschka an Ungarn als "Wille des Führers" erkannt war, dennoch aber eine viel stärkere Gesinnungsloyalität als die Führungsschichte Altungarns und als Basch selbst "dem Reich und seinem Führer " gegenüber empfand. 
Offenbar sah sich Basch, um sein Prestige zu wahren, gezwungen, sich stärker zum Führer zu bekennen als bislang. So sagte er etwa im Mai 1941 bei einer Jugendkundgebung: "Die deutsche Jugend ist beherrscht von der Idee das Führers, da das deutsche Volk nur einen einzigen Führer hat".340 Auf diesbezügliche Vorwürfe des ungarischen Ministerpräsidenten Bárdossy berief er sich darauf, daß es innerhalb des Volksbundes eine starke, auch von Reichsstellen unterstützte Opposition gebe, die ihn zwinge, eine energischere Linie einzuschlagen. Ungarndeutsche Autoren geben gerne an, dass diese Opposition in erster Linie aus der Batschka und aus Nordsiebenbürgen gekommen sei.341 Auch Loránt Tilkovszky ist dieser Ansicht, wenn er schreibt: "Sie (sc. die Vertreter des 'weltanschaulichen Flügels') forderten von Basch eine radikale, offen nationalsozialistische Politik, während er in Kenntnis der ungarischen Verhältnisse eine loyal-vorsichtige Politik verfolgte, zu der ihn aus außenpolitischen Erwägungen auch Berlin ständig mahnte. In den Augen des radikalen, sog. weltanschaulichen Flügels waren Basch und seine alten Kameraden die 'Alten', deren nur völkische Richtung immer weniger befriedigend erschien".342 In den Jahren 1942 und 1943, in denen Ministerpäsident Kállay die Regierung führte, stand Basch allem Anschein nach weniger unter dem Druck des oppositionellen radikalen Flügels im Volksbund, denn Kállay war Vertreter der Assimilierungspolitik, und alle politischen Protagonisten: die Opposition, Basch, die deutsche Botschaft und die VOMI wußten, daß von ihm nichts zu erwarten war.
Neuerdings unter Pressionen geriet Basch nach dem Sturze Kállays und der Mitte März 1944 erfolgten Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen, denn schon Mitte April 1944 forderte er vom neuen Ministerpräsidenten Stójay die Aufhebung der gegen den Volksbund agierenden ungarndeutschen Treuheitsbewegung und die Einstellung des in Apatin in der Batschka von Pfarrvikar Adam Berenz herausgegebenen, strikt antinationalsozialistisch schreibenden katholischen Wochenblattes Die Donau. Stójay gestandt beides zu.
Himmler setzte es 1944 durch, einen eigenen Stab der SS unter Obergruppenführer und General der Polizei Otto Winkelmann in Budapest unterzubringen, wo das Großdeutsche Reich durch seinen Gesandten und Bevollmächtigten Eduard Veesenmeyer vertreten war. Bald nach Eintreffen Winkelmanns bildete der Batschkaer donauschwäbische Abgeordnete Franz Hamm343 zusammen mit den sieben deutschen Abgeordneten und den vier Oberhausmitgliedern den "Block der deutschen nationalsozialistischen Reichstagsmitglieder".344 Jedenfalls drückte sich in dieser Blockbildung die verstärkte Solidarität eines Teils der Führungsspitze der Volksgruppe mit der Kriegspolitik des Reiches aus. Basch selbst radikalisierte seine Sprache und sah die Volksgruppe zur militärischen Pflichterfüllung gerufen "nach den Geboten des Führers" und aufgrund des "angeborenen Volkstums"345, doch scheinen ihm solche, die Loyalität zum Vaterland Ungarn jedoch stets berücksichtigende Äußerungen bei radikaleren Führungskreisen keine Sympathien gebracht zu haben.
Der radikale, den Nationalsozialismus auch weltanschaulich pflegende Flügel des Volksbundes sah nach der deutschen Besetzung Ungarns ab 19. März 1944 die Zeit gekommen, entschieden gegen Basch aufzutreten. Friedrich Metzger346, der jugoslawiendeutsche Erneuerer der ersten Stunde aus Torschau, Batschka und Gabriel Pillmayr dürften die eifrigsten Datensammler für eine Anzeige gegen Basch gewesen sein. Himmler betraut Winkelmann mit der Untersuchung gegen Basch, der freilich seine gemäßigte Politik überzeugend verteidigen kann. Man zwang ihn aber sein schon vierzehn Jahre andauernden Verhältnis mit einer Jüdin zu lösen und "standesgemäß" zu heiraten. Himmler, der von Basch nicht viel hielt, entschied, daß Basch bis zum Ende des Krieges an seinem Platz bleiben solle. Erst nachher solle ein Urteil in seiner causa gefällt werden.347
Als die ungarische Regierung den Versuch macht, mit den Sowjets und den Alliierten zu einem Waffenstillstand zu kommen, trat Franz Hamm in des Präsidium des Nationalen Bundes der Legislative ein, welcher Bund mithalf, den Waffenstillstand zu verhindern. Nachdem auf diese Weise ein prominentes Volksbundmitglied die Zusammenarbeit mit der faschistisch orientierten ungarischen Bewegung der Pfleilkreuzler aufgenommen hatte, mußte auch Basch mit dem neuen Ministerpräsidenten Ferenc Szálasi, dem Führer der Pfeilkreuzler, trotz aller Spannungen, die bisher zwischen dem Volksbund und den Pfeilkreuzlern bestanden haben, zusammenarbeiten. Das wurde nun Basch zuviel, er verweigerte zeitweise jegliche Zusammenarbeit, auch jene mit der VOMI, und äußert den Willen, sich aus der Politik zurückzuziehen. Gerade aus einer solchen Willensäußerung wird ersichtlich, wie sehr Basch sein Hineingetriebenwerden in eine radikale Politik innerlich zuwiderlief, denn die Resignation auf ein Amt widersprach völlig dem Ehrenkodex, dem die im Einflußfeld des Nationalsozialismus stehenden Amtswalter unterworfen waren.
Franz Basch, der Volksgruppenführer der Deutschen in Ungarn, erscheint in seinem Wesen als anständiger und dezenter Mann. Er war ein Mensch, der zwischen den Mühlsteinen mehrerer Loyalitäten gewissermaßen zerrieben wird - eine tragische Gestalt, die gegen ihre innerste Überzeugung dem Druck nachgab, bis sie nicht mehr konnte348. Schuld an seinem Verhängnis ist einerseits zunächst eine gewisse Verblendung Baschs: Basch betrachtete auch während des gesamten Krieges die Idee der Volksgemeinschaft als das Wesentliche des Nationalsozialismus und merkte nicht, daß dieser die Volksgemeinschaft nicht als sprachlich-kulturelle, sondern als radikal rassische verstand.349 Anderseits aber litt Basch sehr unter der Tatsache, daß sich sein volksgruppenpolitischer Spielraum durch die Agitation einer Reihe von Amtswaltern und Erneuern immer mehr verengte und er z. B. zudem auch kaum einen Widerstand gegen die Ausblutung der Volksgruppe durch den exzessiven Einbezug der Ungarndeutschen zur Waffen-SS  äußern konnte.350
Das innere Drama dieses Mannes und die  auf ihn einströmenden Pressionen seitens der anderen Protagonisten in diesem Spiel sind gewaltig. Zwar will Böhm Die Schuldzuweisungen ungarischer Historiker an den Volksbund und an Basch aus der Zeit vor er Wende sind einseitig. Basch kein bloßer Ausführungsgehilfe der VOMI ausschließlich "Handlanger des Naziregimes"351 Man kann ihn nicht schlichtweg verantwortlich machen für die 8000 gefallenen Ungarndeutschen.352 Die Involvierung Baschs in den NS-Komplex muß differenziert gesehen werden.
Zunehmend wurde für Basch der seinen eigenen Vorstellungen oft entgegengesetzte Druck aus Berlin unerträglich. Praktisch nahmen ihm und Goldschmidt Abgesandte aus dem Reich jeden Einfluß auf die Deutsche Zeitung aus der Hand. Beide wagten aber nicht zurückzutreten, da sie damit die Lizenz für das Blatt gefährdet hätten. Nach glaubwürdigen Aussagen ihm nahestehender Zeugen in seinem Volksgerichtsprozeß hatte Basch vor jeder Reise nach Deutschland Angst und rechnete damit, daß er nicht mehr zurückkommen werde. Er bot den Ministerpräsidenten wiederholt seinen Rücktritt an, den diese aber stets ablehnten, da sie einen für sie angenehmeren Verhandlungspartner als Basch nicht erwarten konnten, nur einen radikaleren. Nur in seinen Reden vermittelte Basch den Eindruck,  den Eindruck eines Gefolgsmanns des Dritten Reichs.
Die Radikalen aus der Jugend und aus den Erneuerungskreisen sammelten Material gegen ihn, und zeigten ihn schließlich bei der Gesandtschaft wegen seiner zu gemäßigten Haltung an. Dagegen konnte er sich zwar unter Berufung auf wiederholte Weisungen aus Berlin, sich um der Waffenbruderschaft willen zurückzuhalten, wehren. Schwerer wog, daß seine Ankläger auch sein Verhältnis mit der getauften Jüdin Klara Spieler ausspioniert hatten.

Himmler hatte – er pflegte, wo er nur konnten, seine eigene Außenpolitik durchzusetzen – auch in Ungarn nach dessen Besetzung im März 1944 durch deutsche Truppen seinen eigenen sog. ”höheren Polizeioffizier” Obergruppenführer  Otto Winkelmann in Budapest. Diesen betraute er auch mit der Untersuchung der gegen Basch gerichteten Anzeige. Die Entscheidung aber behielt er sich selbst vor.

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328  OL ME K 28, 115. csomó

329  a.a.O.

330  Spiegel-Schmidt, Friedrich: Das Deutschtum Ungarns zwischen dem Putsch gegen Peidl und der Ödenburger Volksabstimmung, 1919-1921, in: Südostdeutsches Archiv 30/31 (1987/1988), S.111.

331 Vgl. Spiegel-Schmidt, Offene Fragen der ungarndeutschen Geschichte, in: Suevia Pannonica VII (1989), S. 24. Gießwein verstand "Volksgemeinschaft" mehr in einem geographischen Sinne als die kulturelle Zusammengehörigkeit aller in der Welt zerstreuten Deutschen, während der NS an die Gemeinschaft innerhalb des Volkes dachte, an die Aufhebung des Klassen- und Gruppendenkens, wobei sein Kampf gegen den Indiviualismus anfänglich nur verschwommen die    damit gegebene allmähliche Gefährdung der Freiheitsrechte der Einzelperson ahnen ließ. 

332 So nach Scharsach, Hans-Henning: Haiders Kampf, Orac, Wien 1992,  145.

333 Vgl. Spiegel-Schmidt, Offene Fragen der ungarndeutschen Geschichte, a.a.O., S. 25f.

334 Vgl. Spiegel-Schmidt, a.a.O., S. 35.

335 Spiegel-Schmidt, a.a.O., S. 31.

336  Zitiert nach Spiegel-Schmidt, a.a.O., S. 32.

337 Vgl. Spiegel-Schmidt, Friedrich: Die kritische  Endphase unserer Geschichte 1938-1945, in: Suevia Pannonica VII (1989), S. 85.

338 Spiegel-Schmidt, Die kritische Endphase unserer Geschichte 1938-1945, a.a.O., S. 86.

339 Vgl. Spiegel-Schmidt, a.a.O. 87.

340 Spiegel-Schmidt, a.a.O. 98.

341 Ders., ebenda

342 Zitiert nach Spiegel-Schmidt, a.a.O. 103.

343 Jg. 1900; nach der Aufteilung Jugoslawiens 1941 Weltlicher Kirchenpräsident der selbständigen Evangelischen Kirche der "Südgebiete" (Batschka und Baranya).

344 Vgl. Spiegel Schmidt, Die kritische Endphase unserer Geschichte , a.a.O., S.103.

345  Laut dem Presseorgan des VDU, Deutscher Volksbote, vom 28. 4. 1944 sagte Basch in seiner Rede bei der Großkundgebung anläßlich der Eröffnung der Musterung zur 3. Waffen-SS-Aktion in Bonyhád unter dem Motto: "Alle Deutschen des Landes werden sich als Soldaten des Führers und des Vaterlandes betrachten müssen" u.a.: "Wir wollen als Deutsche Volksgruppe in allen unseren Leistungen für Krieg und Siege ungehindert das höchste Maß erfüllen. Wer Deutscher ist, wird jetzt nach den Geboten des Führers zur Pflichterfüllung antreten müssen. Es gibt jetzt nur eine eine deutsche Volksgemeinschaft, wie es auch nur ein Heimatland für uns gibt. Und wie wir nur ein uns angeborenes Volkstum haben, so gibt es für uns auch nur eine Weltanschauung...Wer aber jetzt den Mut haben sollte, uns in der Pflichterfüllung zu hemmen oder zu hindern, ganz gleich, wie er es zu tun versuchen würde, wird als des deutschen Volkes und des ungarischen Vaterlandes Erzfeind  gebrandmarkt."  Zit. nach Böhm, Johann: Die Ungarndeutschen in der Waffen-SS, Ippesheim 1990, S.112f.

346 Jg. 1907, vgl. Lehmann u.a. KG III, 424.

347 Vgl. Spiegel-Schmidt, Die kritische Endphase unserer Geschichte, a.a.O., S.103.

348 Vgl. Spiegel-Schmidt, Offene Fragen der ungarndeutschen Geschichte, a.a.O., S. 45.

349 Vgl. ders., a.a.O. 100.

350 Der damit zum Ausdruck kommende Befund, die Donauschwaben Jugoslawiens seien mehr als die Ungarndeutschen dem Nationalsozialismus und der Reichspolitik zugetan gewesen, bedürfte u.E. noch einer genaueren Prüfung.

351 Ders., a.a.O. 119.

352 Ders., ebenda

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Winkelmann brachte sie Ende August Basch zur Kenntnis: Er habe bis zum Ende des Krieges auf seinem Platz zu bleiben. Das endgültige Urteil werde erst dann gefällt werden.353 Da brach Basch nervlich zusammen. Er überwarf sich mit seinen nächsten Mitarbeitern, sowie mit dem Volkstumsreferenten der Gesandtschaft Meckel.
Gegen Ende des Jahres 1944 wurde die Volksgruppenführung nach Ödenburg evakuiert. Am 24. Dezember hatte sich der Ringe der Sowjetarmee um Budapest geschlossen. In Ödenburg heiratete Basch seine junge Sekretärin, die sich nach Klara Spieler in ihn verliebte. Er unterstützte indes Klara und half ihr, sich zu verstecken, der Deportationen zu entgehen und sich so über den Zusammenbruch hinüberzuretten.354


4. Wie stand es mit der inneren Akzeptanz des Nationalsozialismus bei der Masse der Ungarndeutschen?

 Schon aufgrund der repressiven Nationalitätenpolitik Ungarns  arbeiteten  der Volksbildungsverein Jakob Bleyers und die Kameradschaft Baschs mit dem VDA zusammen, solange dieser Einfluß hatte, und wehrten sich leidenschaftlich gegen der Vorwurf, dem Nationalsozialismus zu huldigen. 355  Im Volk herrschte eine starke Bewunderung für Hitlers Erfolge, ebenso wie bei vielen Ungarn, doch beschäftigte sich kaum jemand mit der NS-Weltanschauung. "Ihre Weltanschauung war seit 1919 die des erwachten Volkstums"356 Man sollte sich, anders als manche zeitgenössischen ungarischen und deutschen Historiker, davor hüten zu meinen, beim  Auftauchen des Begriffes "völkisch" liege bereits nationalsozialistisches Gedankengut vor.
"Amerikanische Forscher gingen den Zusammenhängen und Gegensätzen dieser Denkrichtungen gründlicher nach. George Mosse stellt sich die Frage, ob das völkische Denken notgedrungen in den Nationalsozialismus münden mußte und antwortet: Natürlich nicht.357 Gewiß brüstete sich dieses Regime, die Erfüllung des völkischen Gedankens zu sein und benutzte dessen Sprache, warb unter seinen Anhängern. Bewußt wurden die Unterschiede verwischt. Nicht nur das Eindringen des Rassegedankens, der als biologischer Begriff mit dem historisch-kulturellen Volksgedanken unvereinbar war. Die peinlich eingehaltene Abgrenzung des auslandsdeutschen Volksgemeinschaftsgedankens gegen alles Staatliche, Irredentistisch-Alldeutsche wurde vom Nationalsozialismus, sobald er sich soweit durchgesetzt hatte, daß er sein wahres Gesicht zeigen konnte, überspielt.... Unmerklich trat an die Stelle eines der Freiheit und dem Frieden dienenden Prinzips durch Unterwanderung das alle Freiheit abwürgende 'Du bist nichts, dein Volk ist alles'."358
In der Endphase der ungarndeutschen Geschichte drang, weithin auf Druck aus Berlin, "ein starker Schuß nationalsozialistischer Weltanschauung ins Ungarndeutschtum" ein, wenn auch, wie ungarndeutsche Historiker annehmen, nicht in dem Maße wie in Siebenbürgen und in der Batschka.359 Am wenigsten freilich – und das muß hier auch gesagt werden - haben die damaligen führenden Kreise Ungarns Anlaß gehabt, die Ungarndeutschen und den Kreis um Basch "Hitleristen" zu schimpfen, wo sie doch selbst eine Herrenvolkideologie befolgten, sich ihres Antisemitismus brüsteten, und manche ihrer scheindemokratischen Regierungsmitglieder Deutschland über jede Kabinettssitzung informierten. "Die Deutschen hatten schon um ihrer Existenz willen gar keine andere Wahl als auf der Seite der Bündnispolitik zu stehen, so hoffnungslos diese auch war, aber für die Rolle einer sog. Fünften Kolonne boten sich im magyarischen Volks viel Geeignetere an". Es ist daher eine völlig unzulässige Behauptung, die Anhänger des Volksbundes hätten als "Hitleristen" eine  "Fünfte Kolonne" gebildet und trügen die Hauptschuld dafür, daß Ungarn so lange auf deutscher Seite mitkämpfte. Himmler, ein in diesem Falle unverdächtiger Zeuge, hielt die Ungarndeutschen für viel zu unzuverlässig, um ihnen so etwas zuzumuten.360

 

Wildmann/Spiegel 09A
 
 

  IX. Die Katastrophe des Ungarndeutschtums  1945-48

Wir haben heute genug Quellen zur Verfügung, um die Vorgeschichte der Katastrophe rekonstruieren zu können.

1. Evakuierung
Nur eine Minderheit machte von der Möglichkeit der Evakuierung Gebrauch. In der Gefahr klammerte sich die bäuerliche Bevölkerung an die Scholle. Selbst die Volksbundmitglieder, die vor allem in Westungarn in der Regel von ihren Ortsgruppenleitern über eine mögliche Gefährdung und über den Evakuierungstermin unterrichtet wurden, ließen sich kaum zum Verlassen ihrer Heimat bewegen. Fast flächendeckend suchte man von deutscher Seite (Wehrmachtskommandaturen und Feldgendarmerie) alle Ungarndeutschen zu informieren und zur Flucht zu überreden, jedoch meist vergebens.361 Kennzeichnend die enttäuschte, eben darum glaubwürdige Meldung des Evakuierungsbeauftragten Weibgen am 2. Dezember 1944 über die Schwäbische Türkei: “Gemeinschaftsgeist ist ihnen fremd, der größte Teil der Führer des VDU ist ebenso eingestellt. Eine kämpfende deutsche Haltung ist wenig bewahrt, man fühlte sich als treue ungarische Staatsbürger und ist nur zu einem kleinen Teil gewillt, ernste Pflichten aus seinem Deutschtum auf sich zu nehmen. Völkische Disziplin, blindes Vertrauen auf den Führer und unbedingtes Gehorchen gegenüber dem Befehl seiner Männer kennen selbst die meisten Mitglieder des VDU nicht. Auch von ihnen lehnt ein erheblicher Teil die Evakuierung ab. Darunter auch zahlreiche Frauen von eingerückten SS-Männern. Es ist häufig vorgekommen, daß Mütter ihre Kinder vor uns hingestellt und erklärt haben, wir sollen sie lieber erschießen als evakuieren."362

2. Verschleppung
Leider stellte sich bald heraus, daß doch nicht alles Greuelpropaganda war, was über die Sowjetarmee verlautete. Der Krieg war um die Jahreswende noch im vollen Gange, als in den Gebieten, die sie schon besetzt hatten, die Sowjetkommandanturen Listen der Deutschen anforderten. Die Szálasi-Regierung hatte sich an die Westgrenze zurückgezogen, im schon eroberten Debrecen hat sich unter den übergelaufenen Armeeführern eine Gegenregierung gebildet, der sich auch, soweit es ihnen möglich war, Anhänger der sog. Friedensfront und dann auch die heimgekehrten Emigranten aus Moskau anschlossen, die sich dort seit dem Austausch der kommunistischen Führer der Revolution von 1919 gegen Kriegsgefangene gesammelt hatten.
Die Verbindungen der Debrecener Regierung mit den bereits eroberten Gebieten – je nach dem jeweiligen Frontverlauf – funktionierten noch mangelhaft. Dennoch gelang es dem Vizegespan des Komitats Békés, einen am 2. Januar 1945 geschriebenen Bericht an Innenminister  Ferenc Erdei nach Debrecen durchzubringen, in dem es heißt: “Vor einigen Tagen begann auf Anweisung der sowjetischen Militärkommandanturen die Zusammenschrei-
bung der deutschsprachigen ungarischen Staatsangehörigen u. zw. der Männer von 18-45, der Frauen von 18-30 Jahren zu dem Zweck, diese an einen unbekannten Ort und für unbekannte Zeit nach Rußland zu bringen. Ich bitte den Herrn Minister, soweit es dazu überhaupt eine Möglichkeit gibt, mit der zuständigen Sowjetkommandantur Fühlung aufzunehmen und zu versuchen, daß die ungarischen Staatsbürger mit deutschem Namen, die sich nie als Deutsche bekannten, weder Mitlieder des Volksbundes noch der Pfeikreuzler oder einer andern rechtsradikalen Partei waren, weiter die ihre Namen magyarisiert haben, die in Mischehen leben oder aus Mischehen stammen, von der Verbringung ins Ausland befreit zu werden.” Erdei telegraphierte schon am 4. Januar 1945 zurück: “Wir haben alles unternommen, um zu intervenieren, bekamen für Donnerstag früh ein Versprechen. Wenn wir niemanden schicken, bedeutet das, daß wir nichts tun können. Jedes Monieren zwecklos. Erdei.”
Es wurde in der Folge der Regierung überlassen, die Nationalitäten der Bewohner zu bescheinigen. Sie gab am 5. Januar eine Zirkularverordnung an alle Obergespane heraus. Darin steht, daß “die russischen Militärbehörden die Deutschen, die sich in Ungarn aufhalten, zu Arbeitsleistungen in Anspruch nehmen.” Es werden dann die aufgezählt, die davon befreit werden sollen: die trotz deutschen Namens als Ungarn anzusehen sind, die nie an deutschen kulturellen oder gesellschaftlichen Bewegungen teilgenommen haben, die - umgekehrt – an antideutschen, patriotischen oder linken politischen Bewegungen beteiligt waren, die Juden sind. Daß es sich um eine Deportation in die Sowjetunion handelt, wird nicht erwähnt.363 Die Deutschen selbst werden wortlos preisgegeben.
Allerdings kam diese Verfügung in den meisten Komitaten zu spät. Meist wurden die Anforderungen mündlich weitergegeben, bzw. ausgetrommelt. Von den wenigen schriftlichen Quellen bringt Miklos Füzes den zweisprachigen Aushang der Kommandantur in Szigetvár vom 28. Dezember 1944 “über die Mobilisierung der arbeitsfähigen Personen deutscher Abstammung zu öffentlichen Arbeiten im unmittelbaren Hinterland”. Solche bewußte Irreführungen kamen auch anderorts vor, wie  Füzes anhand von Interviews mit Betroffenen nachweisen kann.364 Hier, in Szigetvár, wurden Männer von 16-45, Frauen von 18-30 verpflichtet, sich für den 30. Dezember 1944, 15 Uhr zu melden. Sie sollten warme Oberbekleidung, zwei Paar Schuhe, drei Garnituren Wäsche, Bettwäsche und Decke, Eßgeschirr und Verpflegung für 14 Tage mitbringen. Die Ortsbehörden waren dafür verantwortlich, daß alle pünktlich erscheinen. Für jene, die sich der Meldung entziehen sollten, drohten als Sanktionen, vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden, ebenso ihre Familienmitglieder und Mitschuldigen.365 In der Baranya wurde die Aktion am 22. Januar beendet, bald darauf auch in Tolnau und Sümeg.

Die Schätzungen über die Zahlen weichen sehr voneinander ab. Eine genaue Zusammenstellung nach Ortschaft bringt Füzes.366 Demnach sind verschleppt worden aus Ostungarn 10.560, aus der Baranya 4.854, aus Sümeg 204, Tolnau 3.380. Das wären 18.998 Personen. In der ungarischen geschichtswissenschaftlichen Fachliteratur setzt man die Zahl der Verschleppten aus Ostungarn (bis zur Donaulinie gerechnet) mit 44.000 an, dazu rechnet man dann noch 10.000 Verschleppte aus dem von den Sowjets Anfang Januar 1944 bereits eroberten östlichen Transdanubien.367  Das würde  54.000 deportierte ungarndeutschen "Reparationssklaven Stalins" bedeuten. Doch scheint diese Zahl zu hoch gegriffen zu sein, zumal nicht deutlich wird, ob in diese Zahl auch die Siebenbürger Sachsen aus Nordsiebenbürgen und die Donauschwaben aus der Batschka einbezogen sind oder nicht, beides Gebiete, die mit der sowjetischen Besetzung unverzüglich wieder an Rumänien bzw. Jugoslawien zurückfielen. Angesichts der Tatsache, dass viele Angehörige der in Frage kommenden Jahrgänge beim Militär waren und nicht die gesamte deutsche Bevölkerung betroffen war, erscheint die angenommen Zahl von 54.000, gemessen an der biologischen Substanz der betroffenen Population, als schlichtweg zu hoch angesetzt. Realistisch dürfte die Schätzung sein, die von etwa 30.000 ungarndeutschen Deportierten ausgeht. Füzes kommt auf  die Zahl von 19.082 Heimkehrern nach Ungarn. Mit jenen ungarndeutschen Deportierten, die direkt nach Deutschland gebracht wurden, schätzt er die Zahl der Heimkehrer auf 20-25.000.368 Auch das bekräftigt die Annahme, dass die Zahl von 30.000 Deportierten realistisch ist. Eine sehr genaue Zählung der Deportationsopfer der Donauschwaben aus dem Westbanat und der Batschka durch Karl Weber ergibt die durchschnittliche Opferzahl von rund 17 Prozent, d.h. ein Sechstel überlebte die bis zu fünf Jahre dauernde Zwangsarbeit in der Sowjetunion nicht.369 Da die Verhältnisse, unter denen die Deportierten Deutschen aus Ungarn leben und arbeiten mussten,

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353  Tilkovszky, Loránt: A Volksbund utolsó éve és a magyar nemzetiségpolitika. (Das letzte Jahr des Volksbund  und die ungarische Nationalitätenpolitik), in: Századok (Jahrhunderte) 1974/1 S.53

354  Manuskript Basch-Prozeß

355 Spiegel-Schmidt, Offene Fragen der ungarndeutschen Geschichte, a.a.O., S. 46.

356 Ders., ebenda.

357 Mosse, George: Ein Volk, ein Reich, ein Führer. Die völkischen Ursprünge des Nationalsozialismus, Königstein 1979.

358 Spiegel-Schmidt, a.a.O. 45.

359 Bekanntermaßen agierte die Batschkaer Gebietsführung des Kulturbundes nach Angliederung der Batschka 1941 an Ungarn sehr selbstbewußt und forderte die Anerkennung des Kulturbundes als Körperschaft öffentlichen Rechts und die Teilautonomie deutschsprachiger Gemeinden. Beides gewährte die ungarische Regierung übrigens nicht. Von den radikalen Batschkaer Erneuerern gehörte Fritz Metzger zum "weltanschaulichen Flügel" und agierte nachweislich  gegen die "zu weiche" Linie Baschs. Im  "Block der nationalsozialistischen Abgeordneten", den Franz Hamm 1944  aus den sieben Abgeordneten und Oberhausmitgliedern der Batschka bildete, waren neben Hamm nur Josef Trischler und Sepp Spreitzer bewußt nationalsozialistisch orientiert. Ob diese  in der turbulenten Endphase des Spätsommers und Herbstes 1944 direkte Pressionen auf Basch ausübten und worin diese bestanden, müßte eigens untersucht werden. Als deutscher Nationalsozialist bekannte sich auch der Nordsiebenbürger Abgeordnete Dr. Keintzel, der mit diesem Bekenntnis eine Sturm im ungarischen Parlament auslöste. 

360 Spiegel-Schmidt, Offene Fragen der ungarndeutschen Geschichte, a.a.O., S. 46.

361   Eine gute ausführlichere Zusammenfassung der Evakuierungsbemühungen findet sich in der von Gerhard Papke und Hans Spiegel betreuten einleitenden Darstellung zu Band II, Schicksal der Deutschen in Ungarn, der vom seinerzeitigen Bundesministerium für Vertriebene und Flüchtlinge herausgegebenen Reihe Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa, Bonn 1956, S. 34 E-40 E. Hier wird die Zahl der Geflüchteten auf 10-15 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung Ungarns geschätzt, also auf etwa 50-60.000 Personen, wobei wiederum nicht ersichtlich ist, ob hier die geflüchteten Deutschen der Batschka mitgerechnet sind oder nicht.   

362   BA, ZSG 101 Bd.34, 643 - 644

363   Füzes, Miklós: Modern Rabszolgaság  (Moderne Sklaverei) Budapest 1989, S. 18

364   Füzes, a.a.O., siehe die hier veröffentlichten Interviews. 

365   Füzes, a.a.O., S. 17

366   Füzes, a.a.O., S. 52f.

367   Zielbauer, György: Szabolcs-Szatmár megye németsége 1944-1945-ben (Das Deutschtum im Komitat Saboltsch-Satmar 1944-1945) Szabolcs-Szatmári Szemle 1981/1, S. 29-40. Korom, Mihály: Betöltötte a szerepét? A Szövetséges ellenörzö Bizottság Magyarországon (Funktkion erfüllt? Der Alliierte Kontrollrat in Ungarn), Magyar Nemzet, 14 (Januar 1989), S. 10.

368   Füzes, Miklos: Ungarndeutsche in sowjetischen Arbeitslagern 1945-1949. Vortragsmanuskript zum Wissenschaftlichen Symposion III, "Geschichtsbild der Donauschwaben im Spiegel des Fernsehens," 22.-23.10. 1999, im Haus der Donauschwaben, Salzburg, S. 16.

369   Weber, Karl, Mitglied des Arbeitskreises Dokumentation: Leidensweg der Deutschen im kommunistischen  Jugoslawien, Bd. IV. Menschenverluste – Namen und Zahlen, Verlag Donauschwäbische Kulturstiftung München, München/Sindelfingen 1994, S. 1014       

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denen der Deutschen aus Jugoslawien vergleichbar sind, dürfte sich die Zahl der Opfer  der Ungarndeutschen um die 5.000 anzusetzen sein. Zusammen mit der Zahl der Überlebenden käme man annähernd auf 30.000.

3. Der Weg zur Vertreibung
Der Gedanke einer kollektiven Bestrafung der Deutschen hat eine doppelte Wurzel. Einerseits propagierten ihn die ultranationalistischen Kreise, auch um ihr Volk von der bis zuletzt nicht abgeschüttelten Kriegsteilnahme reinzuwaschen und so viel Schuld wie möglich auf die darin tatsächlich zur Einflußnahme unfähigen Deutschen zu wälzen. Andererseits brachten auch die Moskau-Heimkehrer ähnliche Gedanken mit. Imre Nagy, damals der Agrar-Referent dieses Kreises, bekam schon im September 1944 den Auftrag, den Entwurf für eine radikale Bodenreform auszuarbeiten. Darin forderte er, daß das Vermögen “der Vaterlandsverräter, Kriegsverbrecher, der Mitglieder des Volksbunds und der Personen, die in der deutschen Wehrmacht gedient haben”, vollständig und entschädigungslos zu enteignen ist.370
In Ungarn war es besonders die neugegründete Nationale Bauernpartei, eigentlich die Partei der Schüler Dezsö Szabó's, die die Trommel gegen die Deutschen rührte. Am 7. April 1945, als für Ungarn die Kriegshandlungen ihrem Ende entgegengingen, rief der Parteiführer Imre Kovács dem Parteitag zu: “Endlich ist Ungarn so weit gekommen, daß es sein Verhältnis zu Deutschland und den Schwaben bereinigen kann. Mit einem Bündel sind sie gekommen, mit einem Bündel sollen sie gehen. Die Schwaben haben sich selbst aus dem Leibe des Landes losgerissen, mit allen ihren Taten bewiesen, daß sie Hitler-Deutschland fühlen. So sollen sie jetzt Deutschlands Los teilen. Wir werden sie aussiedeln.”371 Auch die Kleinlandwirte-Zeitung stimmte jetzt in die Hetze ein: “Das Schwabentum immer der ewige Feind der Freiheit! Missionare des deutschen Machtdrangs! Als Hitlers Janitscharen verantwortlich, daß Ungarn wieder eine nationale Katastrophe erleiden mußte. Sie stehen im Grunde ihres Herzens gehässig der ungarischen Demokratie im Weg.”372 Am 10. Mai beruft sich dasselbe Blatt bereits auf die Volkszählung.373
In dieser aufgeheizten Stimmung rief Innenminister Ferenc Erdei am 14. Mai eine Parteienkonferenz zusammen, um die Schwabenfrage zu besprechen. Dazu ließ er István Bibó, damals leitender Mitarbeiter seines Hauses, ein Memorandum anfertigen, in dem dieser mutig Kritik an jenen politischen Kräften übte, die für eine massenweise Vertreibung der Schwaben plädierten. Bibó warnte vor einem kollektiven Vorgehen aus ethischen, aber auch aus politischen Gründen.
Damals hatte der selbsternannte Regierungskommissar György Bodor seine eigenwilligen Aktionen zur raschen Ansiedlung der erst von Ungarn aus der Bukowina und Moldau in der eroberten Batschka angesiedelten, von dort geflohenen und ziellos durch das Land streunenden Székler und Csángós im Kreis Bonnhard bereits durchgeführt. Von 25. bis 29. April hatte er die Bewohner von 10 deutschen Gemeinden im Schloß Lengyel interniert. Als sich gegen sein ungesetzliches Vorgehen Widerspruch regte, versuchte er Mitte Mai bei der Nationalen Bauernpartei in Budapest gut Wetter zu machen.374
Auf diese Aktion berief sich Bibós Kritik. Demgegenüber versucht er, die notwendige Bodenreform und die damit verbundenen Maßnahmen gegen die Schwaben auf legale Grundlagen zu stellen. Dabei gab er über den verfemten Volksbund das mutige Urteil ab, “daß viele Deutsche einfach darum dem Volksbund beitraten, weil sie selbstbewußte Deutsche waren und sich nicht einschmelzen lassen wollten.”375
Als Beamter mußte er die bereits erfolgten gesetzlichen Maßnahmen berücksichtigen. Es war nämlich bereits am 17. März die Verordnung 600/1945 über die Bodenreform erschienen, die, ganz nach dem Entwurf vom September – Imre Nagy war jetzt der zuständige Minister –, die Totalenteignung der Volksbundmitglieder vorsah, jetzt allerdings auch der Führer der ungarischen nationalsozialistischen Parteien.376
Die Untermauerung dieser Kollektivverurteilung aber lieferte die Verordnung über die Volksgerichtsbarkeit, deren erste Fassung bereits im Januar 1945 - noch in Debrecen – erschienen war, und deren zweite Fassung vom 27. April in die Liste derer, die ein – neu erfundenes – volksfeindliches Verbrechen begangen haben, auch den aufnahm, der “ohne daß ihm gegenüber Zwang ausgeübt wurde, als Mitglied in den durch die Deutschen in Ungarn gegründeten Volksbund eingetreten ist.”377 Der Zusammenhang ist klar. Es mußte für die vorgesehene Enteignung die strafrechtliche Grundlage geschaffen werden, aber auch das geschah nicht auf dem gerichtlichen Weg, sondern als verordnete Vorverurteilung, an die sich die Volksgerichte zu halten hatten und in zahllosen Pauschalen Verurteilungen auch hielten. Schließlich hat die Regierung am 10. Mai 1945 das sog. Volkswohlfahrtsamt errichtet, das für die Unterbringung von Flüchtlingen und “die Aufgaben im Zusammenhang mit der Aussiedlung der faschistischen Deutschen” sorgen sollte.378
Nun zur Parteienkonferenz selbst. Innenminister Erdei hielt eine Einführungsrede, die immerhin fühlen läßt, daß Bibós Memorandum nicht ganz ohne Wirkung auf ihn geblieben war. Er möchte zwar, so sagte er, die Schwaben gern aussiedeln, halte das aber “unter den gegebenen Umständen für unmöglich,” und fügte hinzu: “Zum einen kann man nicht ein Volk kollektiv zur Verantwortung ziehen, wenn wir selbst bei andern Ländern (die CSR wollte auch ihre Magyaren vertreiben) dagegen protestieren.” Zudem machten seine Ausführungen deutlich, daß man noch nicht wußte, wohin man die Schwaben bringen könne. Von Ungarn hätte man sie ja nur über die Grenze werfen können, in ein "befreites Land", womit er Österreich meinte. Dazu mußte man aber die Stellungnahme des Alliierten Kontrollrats einholen. Schließlich nannte Erdei die von ihm befürwortete Lösung selbst eine getarnte: Die "faschistischen Deutschen" sollten ausgesiedelt werden, doch müsste man "die Durchführung ... über dieses juristisch festgelegte Maß hinaus ausweiten, so daß praktisch doch der größte Teil der Deutschen ausgesiedelt werden könnte.” Doch sei auch diese Lösung schwierig, womit er recht hatte, wenn man bedenkt, nach welchen Kriterien man festlegen sollte, wer ein faschistischer Deutscher sei.
Dann ergriff Außenminister János Gyöngyösi, der schon die Siegermächte um ihre Meinung gefragt hatte, das Wort und sagte u.a.: “Die Vertretung der Sowjetunion hat aufs entschiedenste erklärt, daß sie die
Frage der Deutschen als für die Gesamtheit geltende internationale Frage behandeln wolle. Der britische Gesandte sagte mir, daß er den Standpunkt seiner Regierung noch nicht kenne. In 8 - 10 Tagen wird er in der Lage sein, ihn mitzuteilen. Der amerikanische Gesandte will erst mit Marschall Woroschilow sprechen.”
Der Sozialdemokrat Szakasits riet zur Vorsicht in der Frage der kollektiven Verantwortung, da man sie auch gegenüber dem Magyarentum aufwerfen könnte. Der Kommunist Mátyás Rákosi bestritt, daß es ein Junktim mit der Frage der Magyaren in der CSR gebe, besonders, “wenn wir betonen, daß wir sie nicht als Deutsche, sondern als Faschisten verfolgen.” Dem stimmten auch Andere zu. Der Kleinlandwirtevertreter Zoltán Tildy trat für ein rasches Handeln ein. Er wog dann die Frage des Wohin ab. Er befürchtete, dass, wenn die Volksbündler nach Österreich kämen, sie dort einen ungarnfeindlichen Kern bilden könnten. Darum plädierte er für ein Gebiet jenseits von Österreich.
Die Sozialdemokraten hatten auch einen Vertreter ihrer deutschen Sektion, namens Zentai (ursprünglich Zuschlag) mitgebracht, der ein rasches individuelles Legitimierungsverfahren vorschlug. Die von Emmerich Kovács aufgeworfene Idee, auch die unbelasteten Schwaben zum freiwilligen Weggehen zu bewegen, beurteilte er mit Unterrichtsminister Graf Michael Teleki (Pauls Sohn) skeptisch. Er meinte, wenn eine Viertelmillion hierbleibe, würde diese in weniger als zehn Jahren im Ungartum aufgehen. Kovács widersprach ihm: er wolle auch die Nicht-Volksbündler streng beurteilt wissen und sei gegen eine Assimilierung; er sei für eine zusammengesiedelte schwäbische Gemeinde mit deutscher Schule.379
Die Ergebnisse dieser Diskussion legte Erdei dem Kabinett vor und in ihrem Sinne verhandelte Gyöngyösi weiter besonders mit Woroschilow und dem sowjetischen Gesandten Puschkin. Das Ergebnis war die Note, die die ungarische Regierung am 26. Mai 1945 an die Sowjetunion richtete: “Die ungarische Regierung ist zum Entschluß gekommen, daß es notwendig wäre, diejenigen Deutschen, die die Sache Ungarns verraten haben und in den Dienst Hitlers getreten sind, aus dem Gebiet des Landes zu entfernen, weil es nur auf solche Weise sicherzustellen wäre, daß der deutsche Geist und die deutsche Unterdrückung nicht mehr Herr im Lande werde.” Darum die Bitte, “ob die Sowjetunion einverstanden ist, daß die aus obigen Gründen aus Ungarn zu entfernenden Deutschen auf ein Gebiet in Deutschland umgesiedelt werden, das von Truppen der Sowjetunion besetzt ist. Insgesamt wäre von 200.-250.000 Deutschen die Rede. Die Aussiedlung möge nicht entlang der Grenze erfolgen.”380
In einem im September 1996 in Budapest gehaltenen Referat hat der ungarische Historiker Mihály Korom mit z. T. neuen Details den Anteil an der Vertreibung zwischen Benesch, Stalin und den magyarischen Befürwortern neu aufzuteilen versucht. Dabei erachten wir das, was er aus der Schrift von István Kertész aus dem Jahr 1953 zitiert,381 nicht für unbedingt beweiskräftig, da es sich bei dieser um eine tendenziöse Rechtfertigungsschrift der mittlerweile vor der kommunistischen Machtübernahme nach Amerika geflohenen Politiker handelt.382 Kertész schiebt alle Schuld auf die Vertreter der Sowjetunion Woroschilow und Puschkin.
Interessant ist immerhin, daß der ungarische Ministerrat noch am 9. März 1945, allerdings im Blick auf die Propaganda der jugoslawischen Partisanen  unter den in Südungarn lebenden Slawen, jede Vertreibung abgelehnt haben soll.383
Demnach erfolgte der Durchbruch der Vertreibungsidee im April, worauf auch die hier mitgeteilten Daten hinweisen. Korom will auch hier die Urheberschaft auf die aus Moskau heimgekehrten Kommunisten allein schieben, wenn er sagt, diese hätten der Nationalen Bauernpartei die Initiative “übergeben”. In dem von ihm zitierten Brief Rákosis an Dimitrow heißt es allerdings “überlassen”. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Das eine wäre aktive Beeinflussung des Partners, das andere passives Gutheißen von etwas, was dieser von sich aus tut. Allerdings gibt auch Korom “erstarkende deutschfeindliche Stimmung” und einen “gewissen nationalistischen Unterton” zu,384 redet aber dann doch von “erzwungener” Aussiedlung.
Weiter interessant ist, daß der Außenminister der Regierung schon am 27. April berichtete, eine tschechoslowakische Regierungsdelegation habe klar zum Ausdruck gebracht, “daß man die Ungarn um jeden Preis auszusiedeln wünsche”. Dann meint Korom, daß der Anlaß für die Konferenz am 14. Mai “großangelegtes Drängen der Sowjetunion auf Vertreibung der Deutschen” gewesen sei, wovon dort allerdings mit keinem Wort die Rede war. Man berief sich vielmehr auf die Pressedebatte, und Gyöngyösi redete von seinen Schritten, sich zu informieren, wobei er dann festhielt, daß der Standpunkt der Sowjetregierung “auch ungefähr die Bestrebungen des Ungarntums in der schwäbischen Frage deckt.”385
Nach alledem wird man die Zusammenhänge so beurteilen müssen, daß gewiß die Initiative von Benesch, die die Sowjetunion unterstützte, eine wesentliche Rolle spielte, daß diese aber, was ihnen hochwillkommen war, mit dem seit je lebendigen, jetzt hoch ins Kraut schießenden chauvinistischen, den realen Gefahren gegenüber blindem Haß gegen alles Deutsche in dem damals maßgebenden Kreisen in Ungarn rechnen konnten.
Die Mission der USA ermahnte die vorläufige Nationalregierung am 12. Juni, daß es “nur in der Durchführung zu solchem Zweck geschlossener internationaler Abkommen erlaubt sei, Nationalitäten umzusiedeln.”386
Am 30. Juni erschien die nach Agnes (?) Tóth von Bibó verfaßte Verordnung 3820/1945 M.E. über die “Überprüfung der Treue zur Nation”. Sie sah – ähnlich dem amerikanischen Entnazifizierungsverfahren in Deutschland – vier Kategorien vor: 1. Volksbund- oder Pfleilkreuzler-Führer und Freiwillige der Waffen-SS; 2. Volksbund- oder Pfeilkreuzler-Mitglieder, 3. Mitläufer und Unterstützer, 4. Nicht-Mitglieder, Abseitsstehende ohne gezeigte vaterländische Gesinnung. Die Führer sind zu internieren, ihre Angehörigen an den Internierungsort zu bringen. Die Mitglieder unterliegen der Arbeitsdienstpflicht, ihre Angehörigen sind ebenfalls an den Dienstort umzusiedeln. Die Mitläufer müssen ihr unbewegliches Vermögen der staatlichen Siedlungsaktion zur Verfügung stellen. Die "Gesinnungslosen" müssen die zwangsweise Evakuierten in ihre Häuser aufnehmen.387 Die hierfür eingerichteten Bezirkskommissionen begannen zwar mit den Überprüfungen, doch hätte dafür viel mehr Zeit zur Verfügung stehen müssen.388
Mittlerweile hatten sich viele, die bloß vor der Front geflohen waren, auf den Heimweg gemacht, ohne eine Ahnung zu haben, was hier mittlerweile geschehen war. Aus den sowjetisch besetzten Gebieten gab es auch Zwangsrepatriierungen, etwa von ungarischen Ccangos. Da stand mancher Schwabe vor seinem Haus, das mittlerweile Fremde sich angeeignet hatten. Das ergab neue Spannungen.

4. Die Potsdamer Konferenz
Der Potsdamer Konferenz lag das Ansuchen der ungarischen Regierung vor. Darüber hinaus hatte die Konferenz angesichts der längst in Gang gekommenen brutalen Vertreibungen aus den polnisch besetzten Gebieten und der Tschechoslowakei – letztere vertrieb auch die Magyaren - Entscheidungen zu fällen. Als den Westalliierten ersichtlich war, dass sie die "wilden Vertreibungen" nicht würde verhindern können, veranlassten sie die Bildung eines Unterausschusses. Er sollte bemüht sein, ein Moratorium bezüglich der Vertreibungen von Polen und der Tschechoslowakei zu erreichen, was nicht gelang, da namentlich das sowjetische Unterausschussmitglied Sobolew die Ansicht vertrat, dass der polnische und tschechoslowakische Wunsch, ihre deutsche Bevölkerung auszuweisen, "einer historischen Mission entspreche". Hierauf bemühten sich das amerikanische Ausschussmitglied Cannon und sein britischer Kollege Sir Geoffrey Harrison, eine Vereinbarung zu erreichen, dass das Vorgehen bei den "Transfers" zu humanisieren sei, was schließlich auch in Artikel XIII des Potsdamer Abkommens seinen Niederschlag fand. In einem Bericht Harrisons an Jack M. Troutbeck vom 1. August 1945 heißt es, Stalin habe schließlich zugestimmt, von den Regierungen Polens und der CSR und dem Kontrollrat der Ungarn zu verlangen, die Austreibungen (expulsions!) aufzuschieben, bis der Bericht des Alliierten Kontrollrats in Deutschland verfügbar sei.  Gegen Schluß des Berichts ist von einer Viertelmillion Schwaben in Ungarn die Rede, und am Ende heißt es, daß das War Office veranlasst werden soll, "unseren Vertreter in der Alliierten Kontrollkommission in Ungarn über das Berliner Übereinkommen (Agreement) zu informieren.”389

Es ist kein Zweifel, daß es die Sowjetunion war, die auch die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn vor die Konferenz brachte, so wie ja diese parallellaufend von den ungarischen kommunistischen Emigranten in Moskau und den deutschfeindlichen Parteien in Ungarn propagiert wurde. Der entscheidende Anstoß kam schließlich von der durchaus handlungsfähigen ungarischen Regierung, auch wenn in Potsdam die Durchführung über die Alliierte Kontrollkommission in Ungarn vorgesehen wurde. In deren Namen teilte am 9. August FML Swiridow der Provisorischen Nationalregierung

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370   Tóbias, Áron: In memoriam Nagy Imre. Debrecen 1989 S.98

371   Szabad Szó (Freies Wort) 10.4.45, vgl. Zielbauer, György: A magyarországi németik elhurcolása és elüzése. (Die Verschleppung und Vertreibung der ungarländischen Deutschen) Budapest 1996, S. 23

372   Szabad Nép (Freies Volk) 18.4.45, Zielbauer S. 24 f.

373   a.a.O. S. 29 f.

374   Köhegyi-Tóth: Zusammenfassender Bericht György Bodors über die Siedlungsaktionen in Bonyhád. Suevia Pannonica XI (1993) S. 65 ff.

375  Bibó, István: Memorandum über die Lage der deutschen Minderheit in Ungarn und die alternativen  Lösungsmöglichkeiten. Suevia Pannonica XIII (1995), S. 10ff.

376  Tóth, Ágnes: Telepitések Magyarországon (Siedlungen in Ungarn) 1945-48.
     Kecskemét 1993, S. 51f.

377  Budapesti Közlöny (Amtsblatt) 27.4.45, V.O.440/1945 M.E.

378  Tóth S. 87

379  Suevia Pannonica VIII (1995), S. 19ff.

380  Balogh, Sándor: A népi demokratikus Magyarország külpolitikája 1945-47  (Die Außenpolitik des volksdemokratischen Ungarn) Budapest 1982, S. 84. Der genaue Text bei Fehér István: A magyarországi németek kitelepitése  (Die Aussiedlung der ungarländischen Deutschen) 1945-50 Budapest 1988 S. 43

381  Kertész, Stefan: Die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn. Südoststimmen Juli-August 1953 

382  vgl. Weidlein, Johann: Hintergründe der Vertreibung der Deutschen aus Ungarn, Schorndorf 1953

383  Korom, Michael: Von der Atlantischen Charta bis zur kollektiven Bestrafung in Potsdam.
     In: Beitrag der Ungarndeutschen zum Aufbau der gemeinsamen Heimat. Landesselbstverwaltung
     der Ungarndeutschen Budapest 1996 S. 160

384  Korom, a.a.O., S. 171, 187

385  Suevia Pannonica XIII (1995), S. 26 und Korom, a.a.O., S. 172

386  Balogh, a.a.O., S. 85

387  Der Wortlaut der Verordnung zur Feststellung der politischen Belastung – Kategorisierung findet sich in deutscher Übersetzung in: Schicksal der Deutschen in Ungarn (siehe oben Anmerkung 1), S. 83 E- 90 E.

388  Suevia Pannonica XIII, (1995), S. 46 ff., 1995

389  Als Faksimile abgedruckt in de Zayas, Alfred Maurice: Anmerkungen zur Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Stuttgart 1987, S. 127-129

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mit - und hier taucht zum erstenmal diese Zahl auf –, daß aus Ungarn 4-500.000 Deutsche auszusiedeln sind. Es heißt aber dann weiter, daß die Regierung zu bestimmen hat, wen sie als Auszusiedelnden ansieht und wie viele auszusiedeln sind. Die Kontrollkommission behielt sich das Recht vor, zur Überbrückung von Fehlern Hilfe zu leisten. Damit befaßte sich der Ministerrat am 13. August . Man war sich nicht klar, wie die allgemeine Potsdamer Formulierung zu verstehen sei: “Wenn die zur Potsdamer Konferenz zusammengekommenen Mächte die Aussiedlung des Deutschtums nicht aufgrund des Kriteriums der Schuld, sondern ausschließlich des Grundsatzes der volklichen Abstammung für nötig halten, dann könnte die ungarische Regierung bitten, daß sie das ausdrücklich anordnen.”390

5. Die Vertreibung
Es ist merkwürdig, wie zögerlich Ungarn nach dem ersten Übereifer an die Verwirklichung der Vertreibung heranging. Am 13. Oktober 1945 monierte die Kontrollkommission genaue Angaben. Für deren Erstellung erbat sich das Innenministerium eine Frist von 6-8 Wochen. Bis November hatten die Überprüfungskommissionen erst 70.000 Fälle bearbeitet. Demnach hatten 30 % nichts mit dem Volksbund zu tun, 38 % waren Mitglieder, die übrigen wurden als Unterstützer eingestuft.391
Am 20. November beriet der Alliierte Kontrollrat für Deutschland endlich über die Aufteilung der Umzusiedelnden und sah dabei eine halbe Million aus Ungarn für die amerikanische Besatzungszone vor. In Ungarn setzte sich das Tauziehen über die Zahl der Auszusiedelnden fort. Gyöngyösi kam in einer Note an die Alliierten am 1. Dezember auf nicht mehr als 200.000. Am 13. Dezember endete aber die Debatte im Kabinett damit, daß allein der amtliche Standpunkt der Kontrollkommission maßgebend sei, und daran hielt sich die Aussiedlungsverordnung 12330/1945 M. E. vom 29. Dezember 1945, deren § 1 verfügte: "Nach Deutschland umzusiedeln ist derjenige ungarische Staatsbürger verpflichtet, der sich bei der letzten Volkszählung zur deutschen Nationalität oder Muttersprache bekannt hat oder seinen madjarisierten Namen wieder mit einen deutsch klingenden ändern ließ, ferner derjenige, der Mitglied des Volksbundes oder einer bewaffneten deutschen Formation (SS) war”392 Die Berufung der Präambel auf eine Weisung der Potsdamer Konferenz führte zu Protesten der Kontrollkommission.
So begannen die Transporte, deren erster am 14. Januar 1946 von Budaörs abging. Bis 21. Juni verließen 67 Transporte das Land.393 Dann drängte die amerikanische Besatzungsbehörde, die die Vertriebenen in ihrer überfüllten Besatzungszone unterbringen mußte, auf ein langsameres Tempo, stellte neue Bedingungen für eine bessere Ausstattung und verweigerte sogar Transporten die Annahme, so daß diese zurückgehen mußten. So kam die Aktion zum Stillstand und wurde erst gegen Ende des Jahres 1946 wieder aufgenommen. Nach den Angaben des Volkswohlfartsamtes erfaßte sie im Jahre 1946 135.655 Personen. Da die Amerikaner eine weitere Aufnahme verweigerten, wandte sich Ungarn an die Sowjetunion und begann im Frühjahr 1947 mit Transporten in die Sowjetzone, die etwa 50.000 Personen umfaßten.
Daß die statistischen Angaben in Deutschland wesentlich höhere Zahlen aufweisen, hängt damit zusammen, dass sie auch die schon während des Krieges als Arbeiter ins Reich Gekommenen, die Geflohenen sowie die aus Gefangenschaft und Verschleppung direkt nach Deutschland Entlassenen einbeziehen.
Die Proteste der Kirchen sowie einer Anzahl von Kulturschaffenden verhallten ungehört. Im Zuge der Aktion verschoben sich die Kriterien. Das hängt mit der Notwendigkeit zusammen, die schließlich aufgrund eines Bevölkerungstauschabkommens mit der CSR ankommenden Magyaren angemessen unterzubringen, wozu das hinterlassene Vermögen der in wesentlich geringerer Zahl freiwillig rücksiedelnden Slowaken bei weitem nicht ausreichte. Anderseits nahm der Einfluß der Kommunisten zu, die es auf die “Kulaken” abgesehen hatten, ob diese nun Volksbundmitglieder gewesen waren oder nicht. So wurden die ursprünglichen Beurteilungskriterien zugunsten der Frage, von wem der meiste Grund und Boden zu haben sei, zurückgestellt. Das traf zunehmend auch jene vermögenden Bauern, die nicht beim Volksbund, oft sogar bei der Treuheitsbewegung gewesen waren. Die Versuche dieser Bewegung, ihre Mitglieder auszunehmen, blieben unberücksichtigt, denn sie hatte in kommunistischer Sicht den Makel, keine “antifaschistische Organisation” gewesen zu sein.

6. Der Basch-Prozeß
Die Volksgerichtsbarkeit traf nicht nur die zahllosen “kleinen Sünder”. Vor dem Budapester Volksgericht fanden die Prozesse gegen die prominenten Angeklagten statt, so gegen den Führer der Pfeilkreuzler Ferenc Szálasi, die mit dem Dritten Reich zusammenarbeitenden Ministerpräsidenten Béla Imrédy und László Bárdossy sowie gegen die Hauptverantwortlichen für die Deportation der Juden. Sie wurden alle zum Tod verurteilt. Im Zusammenhang mit der Urteilspraxis dieses Volksgerichts muß auch der Prozeß gegen Basch gesehen werden.
In der Karwoche 1945 war die Volksgruppenführung von Ödenburg nach Oberösterreich – Weyregg am Attersee – evakuiert worden. Dort wurde Basch am 17. Mai 1945 von den amerikanischen Besatzungsbehörden verhaftet und einige Monate später nach Ungarn ausgeliefert. Dort begann Am 16. Oktober 1945 begann sein Prozeß mit den Verhören vor der Staatspolizei. Er fand seine Fortsetzung ab 22. November mit den Verhören vor dem Volksanwalt (entsprach dem Staatsanwalt). Vom 15.-18. Januar 1946 fand die öffentliche Hauptverhandlung statt. Basch wurde, wie vorauszusehen war, zum Tode verurteilt. Nachdem er gegen des Todesurteil Berufung einlegte, fand am 18. März 1946 die öffentliche Berufungs-Hauptverhandlung vor dem Landesrat der Volksgerichtshöfe statt, die das Todesurteil bestätigte. Das Gnadengesuch wurde zwar von denselben Richtern, die Basch verurteilt hatten, mehrheitlich befürwortet, vom Staatspräsidenten Zoltán Tildy (reformierter Pfarrer) aber am 25. April 1946 abgelehnt, worauf Basch am 26. April im Gefängnishof erschossen wurde.394
Mit Recht merkt Tilkovszky an,395 daß das Schicksal eines solchen Angeklagten “von vornherein besiegelt war”. Ein Hauptschuldiger mußte mit dem Tode rechnen. Der Justizminister erklärte offen, die Angeklagten “könnten keine Gerechtigkeit erwarten, nur Vergeltung”.396 Der ungarische Wissenschaftler Zoltán Bernáth nennt die Volksgerichtsbarkeit eines der traurigsten Kapitel der ungarischen Rechtsgeschichte.397


Eine Reihe prominenter Zeugen hat Basch entlastet, Vertreter der früheren Regierungen bescheinigten ihm, daß er stets loyal, konziliant und höflich gewesen war. Dr. Birkás hält ihn für einen in sich zerfallenen Menschen, einen Gefangenen seiner Lage. Stephan Antal nannte es “einen Glücksfall für Ungarn, daß ein für die ungarischen Anliegen so verständnisvoller Mann an der Spitze der Volksgruppe steht.” Veesenmayer bestätigte, daß Himmler Basch haßte, und beurteilte ihn als einen, “der sich um eine Synthese zwischen seinem eigenen Ungartum und Deutschtum quälte.” Gegen den Angeklagten wurden die von ihm bestrittenen Reden und diverse Artikel in die Wagschale geworfen.
Das Gericht ignorierte nicht nur die entlastenden Aussagen, sondern war auch bei belastenden Tatbeständen nicht daran interessiert, das wirkliche Geschehen nachzuvollziehen. Es ging in diesem Prozeß vielmehr darum, die Vorverurteilung des Volksbundes nachträglich durch ein Urteil über seinen Führer zu untermauern. Ungeklärt blieb der Widerspruch zwischen dem konzilianten Verhandlungsführer Basch und dem negativen Eindruch, den seine Gegner von seinem Auftreten als Redner hatten. Daß Basch kein fanatischer Nationalsozialist war, hat der Prozeßverlauf eindeutig gezeigt. Allerdings bleibt die Frage, wie weit und wie oft er, in die Enge getrieben und von Ängsten gejagt, Dinge sagte oder tat, die im Widerspruch zu seiner inneren Einstellung und Überzeugung standen.

7. Tiszalök
Ein erschütternder Nachklang zur Vertreibung verbindet sich mit diesem Ort Tiszalök an der Theiß. 1950 wurden 1200 ungarndeutsche Kriegsgefangene, Angehörige der Waffen-SS, von den Sowjets dem ungarischen Staatssicherheitsdienst AVH übergeben, der sie in das Schubhaus in Budapest brachte, wo sie monatelang nur auf Stroh auf dem nackten Betonboden kampieren mußten. Ende Januar 1951 verfrachtete man sie in halbfertige Baracken bei Tiszalök und schärfte ihnen ein, sie seien Kriegsverbrecher. So haben sie in Zwangsarbeit das größte Wasserkraftwerk Ungarns gebaut. Um der Geheimhaltung willen durften sie weder Briefe schreiben noch empfangen. Am 4. Oktober 1953 beschwerten sich 8-10 von ihnen darüber und wagten zu fragen, wann man sie endlich entlassen werde. Dafür wurden sie einzeln verhört und eingesperrt. Nun forderten alle ihre Freilassung. Aus über tausend Kehlen kam der Ruf: “Laßt unsere Kameraden frei!” Sie weigerten sich, in die Unterkünfte zu gehen und trotzten den Wasserwerfern. Da eröffneten die Bewacher das Feuer. Fünf Gefangene wurden tödlich getroffen, zahlreiche verwundet. Die Schwerverwundeten wurden abtransportiert und ebenfalls erschossen. Trotz versuchter Nachrichtensperre war auch im Ausland bekannt geworden, was sich hier abspielte. Der Leiter der Caritasstelle für die Ungarndeutschen in Stuttgart, Dr. Ludwig Leber, schrieb in ihrem Interesse an die Regierung. Auch die westlichen Alliierten übten Druck aus. So kam es ab Dezember 1955 endlich zu ihrer Entlassung in mehreren Transporten in die Bundesrepublik Deutschland. 398

Wildmann/Spiegel – 10A

X. Überblick über die soziale, wirtschaftliche und religiöse Situation der deutschen Landgemeinden

 

1. Die sozialen Schichten in den Landgemeinden
Nach der Volkszählung 1930 waren 55,4 Prozent der Deutschen Ungarns in der Landwirtschaft tätig. Von den Grundbesitzern besaß aber nur 1 Prozent mehr als 50 Katastraljoch, 6,1 Prozent zwischen 20 und 50, 12,1 Prozent zwischen 10 und 20, 1,5 Prozent zwischen 5 und 10, aber 65,8 Prozent  weniger als 5 Katastraljoch. Auch die Statistik über die Pachtverhältnisse ist aufschlußreich. Von den hierbei Erfaßten haben 4,2 Prozent mehr als 50, 3,5 Prozent  20-50, 7 Prozent 10-20, 12,4 Prozent 5-10 und 72,9 Prozent weniger als 5 Katastraljochjoch gepachtet. Meist waren freilich Eigentümer zugleich Pächter, die auf diese Weise ihre Lage verbesserten. Eine Zählung von 1934 weist 925 deutsche Eigentümer von mehr als 50 Katastraljoch auf, wovon 667 50-100, 221 100-1000 und 37 mehr als 1000 Katastraljoch besaßen.
An zweiter Stelle steht die Gruppe Handwerk und Industrie, zu der 22,3 Prozent der Deutschen gehörten, wozu noch 1,7 Prozent im Bergbau Beschäftigte kamen. Im Handel und Kreditwesen waren 3,4 Prozent beschäftigt, im Verkehr 1,4 Prozent. 3,1 Prozent waren Beamte und Freiberufliche, 0,3 Prozent beim Militär, 1,9 Prozent Taglöhner, 5 Prozent Rentner, 4,4 Prozent Hausangestellte.399
Demnach kann gesagt werden, daß etwa die Hälfte der deutschen Volksgruppe zu den weniger wohlhabenden Schichten gehörte. Diese waren aber zugleich die politisch Wacheren. Sie stellten die Mitglieder der sozialdemokratischen Partei 1918-19, und es war nachgewiesenermaßen dieselbe Schicht, die später das Gros der Volksbundmitglieder stellte. Mit anderen Worten: Sie, die alle wirtschaftlichen Krisen am stärksten spürten und von Besserungen den geringsten Nutzen hatten, also den meisten Grund hatten, unzufrieden zu sein, waren, ob im Trubel der Revolution, ob in dem des völkischen Aufbruchs, die Aktivsten. Dagegen war es von den Wohlhabenden nur ein kleiner, aber umso bewußterer Teil, der sich schon Bleyer und später der Kameradschaft anschloß, und Kraft seiner lokalen Autorität dort eine unübersehbare Rolle spielte.
Rechtfertigt dieser Tatbestand die These, daß es die “Modernisierungsverlierer” waren, die sich der Sozialdemokratie und in der Folge dem Volksbund anschlossen? Oder muß man nicht viel mehr sagen, daß diejenigen Schichten, die, ob von Modernisierung benachteiligt oder nicht, auf der unteren Skala der Lebensqualität stehen, in der Regel eher bereit sind, sich politischen Bewegungen anzuschließen, von denen sie sich


eine Besserung erhoffen, während die obere Schicht zu satter Zufriedenheit und in deren Folge zwecks Sicherung ihres Wohlstands zu Anpassung und zu Assimilation an die am Land tonangebenden Schichten neigt. Aus den oberen Schichten, die die Anpassung bewußt auf sich nahmen, kamen auch die meisten in den Gymnasien magyarisierten Intellektuellen, die dann oft wieder als Notäre, Lehrer oder Pfarrer das Leben in den Dörfern beeinflußten.
Unsere Untersuchung hat gezeigt, daß die Kreise mit der für Assimilanten typischen Intoleranz, in der sie, ihre eigene Haltung rechtfertigend, viele echte Magyaren übertrafen, jede deutsche Regung als "Pangermanismus" anprangerten und bekämpften, wobei sie keinen Unterschied zwischen UDV und VDU machten. Dabei gilt für die Verhältnisse in Ungarn allgemein, daß diese sog. “Herrenschicht” unter sich blieb und auf das “Volk” herabsah, egal, ob es sich um Magyaren oder ethnische Minoritäten handelte. Das Charakteristische für die Minderheit, die sich ihrem Volk weiter verbunden fühlte, war eben, daß sie diese Mauer bewußt durchbrach und dafür von ihren Standesgenossen oft mit Boykott bestraft wurde. Andererseits fanden sie Akzeptanz bei jenen Magyaren, die sich um die unglaublichen sozialen Härten, unter denen das magyarische Landproletariat leben mußte, Sorgen machten.
Damit hängt auch zusammen, wie sich die zwei Gruppen zu den sehr lebendigen Äußerungen der Volkskultur, ihrer Festbräuche, Trachten, Tänze, Lieder und ihrer religiösen Verwurzelung stellten. Die zur Assimilation neigende Herrenschicht betrachtete alles das von außen, mit mehr oder weniger folkoristischem Interesse, aber ohne innere Betroffenheit, während die volksverbundenen Intellektuellen alles daransetzten, sich selbst in dieses Volksleben einzubringen.

2. Die Bedeutung der Kirchen
Im Spannungsgefüge der sozialen Schichten des dörflichen Schwabentums nahm die Geistlichkeit eine ambivalente Stellung ein. Einerseits fühlte auch sie sich dem Honorationskreis zugehörig. Andererseits mußte sie aber in der Volkskultur ihren traditionellen Platz ausfüllen. Schon in der Darstellung der Schulfrage ist diese Ambivalenz deutlich geworden. Die Geistlichkeit verstärkte auf der einen Seite den Assimilationsdruck, der vom magyarischen Nationalismus ausging, bewahrte aber auf der anderen Seite auch die althergebrachten Formen der religiösen und profanen schwäbischen Kultur. Dies trifft besonders für den katholischen Klerus zu, da dieser in seiner Mehrheit aufgrund seiner magyarophilen Einstellung an einer stärkerer Kontaktaufnahme zum deutschen und österreichischen Kulturraum nicht interessiert war. Das alte liturgische Liedgut blieb beispielsweise gerade dort erhalten, wo die Liturgische Bewegung, die vom nahegelegenen Klosterneuburg in Österreich ausging, nicht mit neuen gottesdienstlichen Liedern und Texten durchgreifen konnte.

Freilich waren alle katholischen Priester durch Gymnasien und Priesterseminare gegangen, deren Ziel es war, sie zu Magyaren zu erziehen. Anschaulich zeigt das einer von ihnen, der dem erfolgreich widerstand. Da forderte der Klassenlehrer seine Schüler mit deutschem Namen zur Namensmagyarisierung auf: “Damit du mit einem anständigen Namen, der dir auch eine Zukunft verspricht, in das Verzeichnis der Abituri kommst.” Und

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390  Fehér, S. 59; Balogh, a.a.O., S. 88

391  Balogh, a.a.O.,S. 89

392  Zum deutschen Wortlaut der Verordnung Nr. 12330/1945 M.E. über die Umsiedlung der deutschen Bevölkerung  Ungarns nach Deutschland siehe: Schicksal der Deutschen in Ungarn (oben Anmerkung 1),  S. 91 E- 93 E. Hier im Anschluß auch die Verordnung über die Durchführungsbestimmungen. Vgl. auch Balogh, a.a.O., S. 94

393  Nach der amtlichen deutschen Liste der angekommenen Transporte

394  In Manuskript

395  Suevia Pannonica XIV (1996), S. 40

396  Suevia Pannonica, a.a.O., S. 41

397  Bernáth, Zoltán: Justitia tudathasadása – Népbiróság nép nélkül nép ellen (Justitias Bewußtseinsspaltung  - Volksgericht ohne Volk, gegen das Volk). Budapest 1993

398  Ringhoffer, Josef: Bilddokumentation eines Leidensweges. Stuttgart 1993

399    Kovács, Lajos: A Németek Helyzete Csonkamagyarországon a Statisztika megvilágitásában  (Die Lage der Deutschen in Rumpfungarn im Licht der Statistik) Budapest 1936 S. 49 ff.

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anläßlich der Volkszählung 1941 holte der Regens des Priesterseminars in Fünfkirchen die Schwaben zusammen und erklärte ihnen, daß sie die ungarische Nationalität hätten, und warnte sie, sich zur deutschen zu bekennen, sonst müßten sie das Seminar verlassen. Das verlangte ein Geheimschreiben der Regierung.400
Versuche, deutsche Elemente aus Gottesdiensten zu beseitigen, blieben Einzelfälle. Die magyaronische Gesinnung der Priester zeigte sich besonders in ihrer Rolle als Schulstuhlpräses und in der Bekämpfung der deutschen Volkstumsbewegung, wobei besonders Pfarrer Bauer in Bonnhard und Feuerbach in Mutschi sich hervortaten, auf evangelischer Seite Pfarrer Polster-Palotai in Hartau. Je stärker die Volkstumsbewegung die Dörfer ergriff, desto stärker wurden die Spannungen zur Kirche. Die Pfarrer ihrerseits sahen die Ursache nicht in ihrer antideutschen Einstellung, sondern beschuldigten, auf die Lage im nationalsozialistischen Deutschland verweisend, den Volksbund ohne ersichtlichen Grund des Neuheidentums. Besonders zeigte sich die Ambivalenz auch in den gesellschaftlichen Organisationen der katholischen Kirche. Prälat Ladislaus Pintér ließ den von ihm herausgegebenen Pfarrboten lang vom volksbewußten Dr. Georg Goldschmidt redigieren. Auf evangelischer Seite war der Versuch des Seniorats Tolna-Baranya-Somogy, mit einem eigenen Kirchenblatt dem Gotthold von Edmund Scholtz Konkurrenz zu machen, ein Mißerfolg.
Als der Staat den Volksbund genehmigte, forderte er gleichzeitig die Kirchen auf, sich als Gegengewicht intensiver ihrer deutschen Gemeinden anzunehmen. Nun erschien ein neues Katholisches Kirchenblatt, das der aus Österreich emigrierte Johann Georg Czurda redigierte,401 und die Jugendverbände beider Konfessionen stellten eigene deutsche Sekretäre, bzw. eine Sekretärin für die katholischen Mädchen ein.
Auf die evangelische Seite holte Bischof Bèla Kapi Friedrich Spiegel-Schmidt, den Verfasser dieser Darstellung, im Herbst 1938 aus dem Günser Vikariat zu sich, um eben diesen Wunsch der Regierung zu entsprechen, für den diese aus einem Sonderfonds des Ministerpräsidenten auch finanzielle Mittel bereitstellte. Es entzieht sich der Kenntnis des Verfassers, wie es


damals gelang, Scholtz zum Aufgeben zu bewegen. Jedenfalls sollte jetzt unter dem Titel Wehr und Waffe ein von der Kirche amtlich herausgegebenes Kirchenblatt erscheinen, das Verfasser mit Senior Karl Németh in Leiden zu redigieren hatte. Da bald zu erkennen war, daß ohne persönliche Werbung der Erfolg dank des sehr unterschiedlichen Engagements der Gemeindepfarrer viel zu wünschen übrig ließ, besuchte Spiegel-Schmidt im Einvernehmen mit dem Bischof fast alle Gemeinden zu Werbeveranstaltungen und Werbung von Haus zu Haus selbst besucht und lernte auf diese Weise sowie durch bald folgende Volksmissionen (Evangelisationen) die Lage in denselben mit ihren Spannungen gründlich kennen.
Spiegel Schmidt: "Dr. Basch, den ich schon als Student kennengelernt hatte, war sehr an gutem Einvernehmen mit den Kirchen interessiert und sah in mir aufgrund meiner Vertrauensstellung den gegebenen Vermittler. Auch Bischof Kapi war zu einem Gespräch mit Basch bereit, das unmittelbar vor der Festlegung eines Termins stand, als das Wiener Protokoll und der befohlene Besuch von Basch bei Himmler dazwischenplatzte. Basch, den ich noch nie so nervös gesehen habe, traute sich jetzt offenbar nicht mehr, mit einem Bischof zu sprechen. Darauf entschloß ich mich, selbst zu handeln, und verfaßte nach einer Besprechung mit volksbewußten und kirchlichen Freunden bei Dr. Gündisch (Inspektor der Pester deutschen Gemeinde) im Beisein des deutschen Auslandsbischofs Theodor Heckel als Berater ein als brüderlicher Rat gedachtes Memorandum, das ich mit Dr. Johann Weidlein dem Bischof am 4. November 1940 überreichte und das dann Gegenstand sowohl intensiver Verhandlungen als auch, als es bekannt wurde, chauvinistischer Angriffe wurde.
 Als erster reagierte der Kultusminister mit der Einrichtung eines deutschen Lehrauftrags für praktische Theologie an der theologischen Fakultät in Ödenburg. Die vorgeschlagene Neueinteilung der Seniorate unter stärkerer Berücksichtigung der Muttersprache wie die Frage eines deutschen evangelischen Gymnasiums scheiterten schließlich auf der Senioratsebene, und der Kriegsverlauf minderte den Willen, deutschen Wünschen noch entgegenzukommen. Auch brachte der Beschluß des Seniorats Batschka, sich nicht wieder der ungarischen Kirche anzuschließen, neue Spannungen. Der zuständige Budapester Bischof Alexander Raffay reagierte empört, Kultusminister Valentin Hóman war aber klug genug, die Deutsche evangelische Kirche in Südungarn de facto anzuerkennen.402  Alle diese Ansätze riß die Katastrophe des Deutschtums sowohl in Ungarn wie in Jugoslawien, das die Batschka wieder in Besitz nahm, mit sich in den Abgrund.

 

Wildmann/Spiegel – 11A

 

XI. Neuanfänge

1. Rehabilitierung
Die Maßnahmen gegen das ungarländische Deutschtum beinhalteten eine weitgehende Enteignung und Entrechnung und erzeugten bei den schließlich im Lande Gebliebenen einen lange nicht überwundenen Schock. Viele wagten nicht mehr deutsch zu sprechen. Daß die Umgangssprache in den Dörfern mehr und mehr das Ungarische wurde, war unvermeidlich, nachdem die meisten den Charakter geschlossener deutscher Ansiedlungen verloren hatten und an ihre Stelle eine gemischte Bevölkerung getreten war. Selbst im innerfamiliären Bereich vermieden viele den Gebrauch der deutschen Umgangssprache. Eltern wagten auch zuhause nicht mehr, deutsch mit ihren Kindern zu sprechen. Die Kinder wiederum hörten auch in der Schule kein deutsches Wort mehr. Oft waren die Großeltern die einzigen, die die deutsche Sprache an die Enkeln noch weitergaben, und dies häufig notgedrungen, weil sie nicht genug ungarisch konnten. In Ungarn kursierte das ironische Bonmot, Deutsch sei nicht mehr  "Muttersprache", sondern "Großmuttersprache".
Von den ersten die Nationalitätenfrage berührenden gesetzlichen Maßnahmen waren die Deutschen ausdrücklich ausgenommen. “Die Eltern deutscher Muttersprache ... dürfen von den in der vorliegenden Verordnung garantierten Rechten (auf Nationalitätenschulen) bis zum 1. Januar 1950 nicht Gebrauch machen,” legte man bei der Durchführung der ersten sehr nationalitätenfreundlichen Verordnung 10030 M E vom 24. Oktober 1945 fest.403 Was sollte indes das Datum der Geltungsdauer der Ausnahmeregelung angesichts der bevorstehenden Ausweisung? Offenbar war auch für diejenigen Deutschen, die nicht ausgewiesen werden würden, eine  fünfjährige Entrechtung vorgesehen. War es als Sanktion gedacht, so stellt sich die Frage, mit welcher Begründung hierbei unter Missachtung der Unschuldsvermutung eine kollektive Schuld vorausgesetzt wurde. War es nur eine Scheinsaktion, dann muß man annehmen, dass es ein Schritt unter mehreren sein sollte, um eine Umnationalisierung der restlichen Deutschen zu beschleunigen. 
Tatsächlich ist, dass nach dem Abschluß der Vertreibungsaktion mit 25. März 1950 eine Verordnung die Entrechtung der im Land befindlichen Deutschen aufhob.404 1952 wurden sie im Rahmen einer allgemeinen Amnestie von weiteren kollektiven Strafen befreit, erhielten die Staatsbürgerrechte zurück und durften ihren früheren Besitz zurückkaufen.405  Die Aufhebung der kollektiven Bestrafung wurde, wie im Falle der Zwangsarbeiter von Tiszalök, nicht konsequent durchgeführt. Eine formelle Aufhebung der Annahme einer Kollektivschuld war damit nicht verbunden, denn die diskriminierenden Gesetze, die aufgrund einer angeblichen Kollektivschuld über die Deutschen verhängt haben, blieben in Kraft.

2. Erste Versuche der Wiedereinführung deutschen Unterrichts
Die Aufhebung der Diskriminierung im März 1950 machte es den Deutschen endlich auch möglich, in sehr bescheidenem Umfang am Nationalitätenschulwesen teilzunehmen. Es handelte sich lediglich um zwei Wochenstunden Sprachunterricht, der für eine wirkliche Beherrschung von Rechtschreibung und Grammatik über die noch einigermaßen vorhandenen Mundartkenntnisse hinaus völlig unzureichend war. Viele vom Trauma der vergangenen Jahre Gezeichnete wagten nicht einmal, die zwei Wochenstunden für ihre Kinder in Anspruch zu nehmen. So erreichte dieser Sprachunterricht das ganze Jahrzehnt hindurch nicht einmal die Hälfte der deutschen Schulpflichtigen. Genaue Angaben dazu: Im Schuljahr 1951/52 wurde dieser Unterricht zunächst in 50 noch deutschbewohnten Gemeinden durchgeführt. 1952/53 nahmen daran in 56 Schulen 3667 Schüler, 1953/54 in 73 Schulen 4796, 1954/55 in 75 Schulen 4415 Schüler teil.406 Anton Tafferner nennt für 1956 108 Schulen.407
Wie aber sollte es zu einer Besserung kommen, wenn es überall an sprachkundigen Lehrern fehlte? Hier hat sich Karl Vargha, selbst Ungar, aber als Lehrersohn in einem deutschen Dorf aufgewachsen, große Verdienste erworben, als er, allen Schwierigkeiten trotzend, aber vom Bildungsministerium gestützt, in Fünfkirchen im September 1956 mit der Ausbildung von Lehrern für den Deutschunterricht begann und damit den Grund für alle weiteren Entwicklungen legte.

3. Ein Wochenblatt und eine Dienststelle
Am 1. Juli 1954 konnte zum erstenmal wieder eine deutsche Zeitung erscheinen, zunächst als Monats-, ab 1. Oktober 1955 immerhin als Wochenblatt. Sie trug den propagandistischen Titel Freies Leben. Bis sie in den Revolutionswirren des Jahres 1956 einging, sind 42 Nummern erschienen.
Am 5. Oktober 1955 folgte die Gründung eines Organs der Interessenvertretung, das – irreführend – Kulturverband der deutschen Werktätigen Ungarns genannt wurde, denn es war kein Verband, der sich auf organisierte Ortsgruppen gegründet hätte, sondern lediglich eine Dienststelle. Dem war schon 1950 ein Auftrag von Partei und Regierung an den Direktor des Gymnasiums in Gyula, Dr. Friedrich Wild, vorausgegangen, sich um die Pflege der einheimischen Kultur zu kümmern. Es gelang ihm, in fünf Jahren an vielen Orten Volkstanzgruppen und Blasmusikkapellen sowie Chöre wiederzubeleben. Bei der Gründung des “Verbandes” wurde es zu dessen Zweck erklärt, kultureller Ratgeber zu sein sowie bei der Gründung von Kulturgruppen und Büchereien Hilfestellung zu leisten. Er sollte weiter volkstümliche wissenschaftliche Vorträge veranstalten und “die Ansprüche der deutschen Werktätigen," z. B. nach Schulen mit Muttersprachunterricht nach oben verdolmetschen. Dr. Wild wurde der erste Generalsekretär, dem ein fünfköpfiger Vorstand zur Seite stand.408                

4. Entwicklung des Schulwesens nach dem ungarischen Volksaufstand 1956

Der Volksaufstand war für die Partei ein Schock. Nach den von der Sowjetunion geforderten grausamen Strafaktionen versuchte der neue Generalsekretär und Regierungschef János Kádár, einen vorsichtigen Kurs zu steuern und durch allerlei Erleichterungen, die dieser Zeit den Namen "Gulaschkommunismus" bescherten, das Volk allmählich wiederzugewinnen. Da die Grenze zu Österreich monatelang offen blieb, konnten die meisten im Aufstand Exponierten fliehen und es dem ungarischen Staat ersparen, sie verfolgen zu müssen. Die Deutschen bewiesen erneut ihre Heimatgebundenheit und machten von der Möglichkeit, zu ihren mittlerweile besser als sie gestellten vertriebenen Verwandten zu gelangen, kaum Gebrauch.
Der Aufstand hatte die Kommunisten erneut darauf hingewiesen, daß ihr gefährlichster Gegner der ungarische Nationalismus war. Es ist unbestreitbar, daß diese Einsicht für die nationalen Minderheiten, auch für die jetzt einsetzende Erforschung ihrer Geschichte, eine günstigere Atmosphäre schuf.
In diesem Geiste forderte die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei, wie sie sich jetzt nannte, das Ministerium für Kultur auf, mehr für den Muttersprachunterricht zu tun und dabei mit dem Kulturverband der Ungarndeutschen zusammenzuarbeiten. Es kam zu ersten Versuchen, Deutsch auch als Unterrichtssprache, wenn auch nur in vier Wochenstunden, wieder einzuführen. Von den Versuchsschulen konnte sich allerdings nur die im südungarischen Gara halten.
Im Schuljahr 1959/60 kam es zu einem Aufschwung des zweisprachigen Unterrichts in 60 Schulen, wobei die Realfächer ungarisch, die Humanfächer deutsch unterrichtet werden sollten. Aber auch dieser Versuch scheiterte, jetzt auch schon wegen der mangelhaften Beherrschung des Deutschen, die die Schüler mitbrachten. So blieb es 1965 in 131 Schulen mit 11.000 Schülern bei drei Stunden wöchentlichem Deutschunterricht.409 1962 verordnete der Präsidialrat, daß dort, wo die Erziehungsberechtigten von mindestens 15 Schülern es wünschten, diese in der Muttersprache zu unterrichten seien oder ihre Muttersprache in Form eines Pflichtfachs erlernen dürften.410
Ein neue Initiative der kommunistischen Partei führte 1968 bei den Kindergärten zu einer ersten Verbesserung, da es nunmehr gestattet war, bei Piel und Beschäftigung deutscher Kinder die deutsche Sprache zu gebrauchen. Ebenso wiederholte die Partei ihren schon 1956 erstmals unternommenen Versuch, deutsche Klassenzüge in Gymnasien der Städte in Fünfkirchen, Budapest und Baja einzuführen. In Gesetzen wurde immer wieder die Bildungsmöglichkeit in der Muttersprache garantiert, doch wude die Durchführung durchwegs beständigen Hemmungen unterworfen. So nahm die Zahl solcher Schulen, in denen beide Sprachen gleichberechtigt nebeneinander standen, nur sehr langsam zu.
Nach einer Aufstellung aus dem Jahr 1993 wurde in 150 Orten mit deutschen Einwohnern kein muttersprachlicher Unterricht erteilt, in 168 Schulen gab es deutschen Sprachunterricht, in 41 Schulen zweisprachige Klassen. In 200 Kindergärten nahmen 8000 Kinder in wöchentlich zweimal 30 Minuten an einer deutschen Beschäftigung teil. Obwohl es mittlerweile in Ödenburg ein Seminar gibt, das für deutschsprachige Kindergärten ausbildet, ist noch die Hälfte der Erzieherinnen weder sprachlich, noch fachlich ausgebildet.

In fünf – mittlerweile noch mehr - Gymnasien gibt es deutsche Klassenzüge, in die 719 deutsche, aber auch 462 nichtdeutsche Schüler gehen. Dort unterrichten

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400    Rupert, Peter: in Suevia Pannonica VI 1988 S. 141, 143

401    Vgl. Tafferner, Anton: Die katholischen donauschwaben in Ungarn (1918-1945), in: Lehmann, Michael u.a.: Die katholischen Donauschwaben in den Nachfolgestaaten 1918-1945, Pannonia-Verlag Freilassing 1972, S. 71-80.

402    Vgl. Meder, Heinrich: Die Deutsche Evangelische Kirche Südungarns 1941-1945 (Batschka), in: Vetter, Roland (Hrsg.): Keine bleibende Stadt. Beiträge zur Geschichte deutscher Protestanten aus Jugoslawien, Wiesbaden 1990, S. 37-60.

403   Béla Bellér: Auf dem Wege der Volksdemokratie. In Suevia Pannonica IX (1991), S. 60

404   Bellér S. 62

405   Anton Tafferner in Die Donauschwaben 1944-64. München 1968 S. 138,
    Marta Fata: Sprachminderheit oder nationale Minderheit? In: Akademische Blätter 1995, Heft 1, S.4

406   Bellér a.a.O.

407   Tafferner a.a.O., S. 146

408   Belá Szende: Wörter und Wendungen. In: Neue Zeitung , 1997, Nr.1, S. 6

409   Tafferner a.a.O., S. 158

410   a.a.O., S. 152

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46 ausgebildete Deutschlehrer, von denen 35 deutschstämmig sind.411

5. Besuche, Fühlungnahmen
Es gehörte zu den Maßnahmen der Regierung Kádár, mit denen sie das Volk zurückzugewinnen trachtete, daß sie die Möglichkeit, die Verwandten im Westen zu besuchen, lockerte. Anderseits wurde auch den Vertriebenen und Emigrierten, neben einer allgemeinen Amnestie für alles, was vor dem Kriegsende war, der Besuch in der alten Heimat möglich gemacht. Das wurde von beiden Seiten angenommen. Die Daheimgebliebenen konnten sich ein Bild von den Erfolgen machen, die ihre Verwandten in Deutschland verbuchen konnten; diese wieder bekamen ein nüchternes Bild von der Lage in Ungarn und verabschiedeten sich von einer irrealen Verklärung der Heimat. Auch den kirchlichen Hilfsstellen, die in Stuttgart (kath.) und München (ev.) entstanden waren, wurde die Fühlungnahme mit Kirche und Gemeinden in Ungarn ermöglicht. Schon 1953 hatten diese erreicht, daß Witwen von Gefallenen und Kriegsversehrte, die in deutschen Verbänden gedient hatten, aber noch in Ungarn lebten, von der Bundesrepublik Deutschland eine Rente bekamen, die, in Forint gewechselt, bis heute den noch etwa 1500 Lebenden von ursprünglich 4000 Empfängern eine sehr große Hilfe ist. Das Ungarndeutsche Sozial- und Kulturwerk in München unter der Leitung Heinrich Reitingers schickt jährlich für Bedürftige in Ungarn ohne Ansehen von Nationalität und Konfession Medikamente für 40.000 DM.
Da es gelang, die ungarische Regierung zu überzeugen, daß weder diese Hilfsstellen noch die Landsmannschaft selbst revisionistische Ziele verfolgen, und da sie sich in allem streng an die Vorschriften über den Spendentransfer hielten, legte diese ihrer Hilfstätigkeit für die kaum lebensfähigen Restgemeinden kein Hindernis in den Weg. Es begann mit bescheidenen Gaben wie Büromaterial und Altarkerzen, es folgten erbauliche Schriften für die Gemeindeglieder und theologische Literatur für die Pfarrer, dann wurden diese, die die weit auseinanderliegenden Restgemeinden zu betreuen hatten, erst mit Motorrädern, dann mit Autos ausgestattet, diakonische Einrichtungen konnten renoviert und modernisiert werden und schließlich wurden auch die meisten der von Vertriebenen wie Verbliebenen in gleicher Weise geliebten Kirchen renoviert. Deutschen Pfarrern wurde erlaubt, neben Urlauberseelsorge am Plattensee in den Restgemeinden mit großer Dankbarkeit angenommene Gottesdienste zu halten. (Das gilt besonders für die Evangelischen, bei den Katholiken, wie später zu zeigen ist, war die Lage anders.)
Nachdem die kirchlichen Aktionen das Eis gebrochen hatten, konnte auch die Verbindung zwischen Landsmannschaft und Deutschem Verband hergestellt werden, wobei sich besonders Heinrich Reitinger, auf beiden Ebenen tätig, als guter Diplomat erwies. Er nahm auch die Verbindung mit der Nationalitätenabteilung des Bildungsministeriums auf, wo er allmählich das Vorurteil, alle Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland seien revanchistisch, abbauen konnte. Das machte dann auch den Weg zu einer immer engeren Zusammenarbeit mit dem Deutschtum in Ungarn frei.412
Auch bei den späteren Städtepartnerschaften waren oft Deutsche aus Ungarn die Vermittler, so beispielsweise zwischen Fellbach und Fünfkirchen. Auch aus der Tatsache, dass sich die vormaligen ungarndeutschen Ortsbewohner in der neuen Heimat zu "Heimatortsgemeinschaften" vereinsartiger Natur zusammenfanden und deutsche Orte für diese häufig die Patenschaften übernahmen, konnten sich Partnerschaften zwischen ungarischen und deutschen Orten wie etwa zwischen Bad Wimpfen und Ödenburg oder zwischen Backnang und Bácsalmás.


6. Betreuung durch Deutsche Demokratische Republik  und die Bundesrepublik Deutschland
Die DDR legte Wert darauf, daß sie allein in Zeichen der sozialistischen Völkerfreundschaft das Monopol für die Betreuung der deutschen Minderheit in Ungarn habe. Sie hat tatsächlich in dieser Hinsicht einiges auf die Beine gestellt. So gab sie Studenten Stipendien und förderte die ersten literarischen Versuche. Solange die Hallstein-Doktrin galt, hatte sie auch keine Konkurrenz vom anderen Deutschland zu fürchten. Sobald aber der Eiserne Vorhang sich zu öffnen begann, zeigte es sich, daß Westdeutschland, das nicht nur die Mehrzahl der Vertriebenen aus Ungarn aufgenommen hatte, sondern in dem auch deren Herkunftsgebiete lagen, in deren Mundarten die Ungarndeutschen sich leichter zurechtfanden, der natürliche Partner für diese war. Die Landsmannschaft hatte schon 1961 bei einer Anhörung vor dem Außenpolitischen Ausschuß des Bundestags sich für die Aufnahme von Beziehungen zu Ungarn ausgesprochen. Freilich floß noch viel Wasser den Rhein hinunter, bis diese am 21. Dezember 1973 Wirklichkeit wurden. Dia Landsmannschaft gab dazu eine Erklärung ab, aus der wir zitieren: “Von der eingeleiteten Entwicklung im Verhältnis beider Staaten erwartet die Landsmannschaft auch die Erfüllung der berechtigten Anliegen aller Ungarndeutschen, u. a. Vertiefung der kulturellen Zusammenarbeit. Sie hofft auf eine Erweiterung der Zusammenarbeit der beiden Regierungen und der freundschaftlichen Beziehungen von Volk zu Volk. Gerade die Ungarndeutschen sind durch ihre Beziehungen zu beiden Völkern berufen und auch bereit, dabei Mittler zu sein.” 
1977 schloß die BRD mit Ungarn ein Kulturabkommen. Auf eine Anfrage der Landsmannschaft teilte dieser das Auswärtige Amt mit, es werde versucht, die Belange der Deutschen in Ungarn mit zu berücksichtigen.
Nach weiteren Besprechungen mit der Landsmannschaft kam es am 7. Oktober 1987 zu der durch die beiden Außenminister unterzeichneten Absichtserklärung, die die kulturelle Unterstützung der Deutschen in Ungarn auch seitens der BRD absegnete. Der damalige ungarische Ministerpräsident Grosz dankte Reitinger für seine Vorarbeit.
Auch für die Abschaffung des Visumszwanges hat sich die Landsmannschaft mit Erfolg eingesetzt.413
Die Bonner Regierung hat die ihr durch Ungarn gegebenen Möglichkeiten tatkräftig aufgegriffen. Es ist ein beachtenswerter Unterschied zu der von kleinlichen Mißtrauen geprägten Atmosphäre der Horthy-Ära, daß Ungarn heute selbst die Entsendung deutscher Lehrer und Pfarrer wünscht, die beim Ausbau der Nationalitätenschulen und der Wiedererrichtung deutscher Gemeinden beider Konfessionen in Budapest wichtige Dienste leisten.

7. Historische Aufarbeitung
Schon früh und intensiver als in den andern Vertreiberstaaten hat sich die ungarische Geschichtswissenschaft den Problemen des ungarisch-deutschen Zusammenlebens angenommen. Trotz natürlicher Unterschiede in der Beurteilung, die allerdings allmählich durch persönliche Fühlungnahme etwas abgebaut wurden, konnte so auch die vorliegende Arbeit oft Werke von Alexander Balogh, Lórant Tilkovszky, dem uns von Anfang an mit besonderem Verständnis zugewandten Bèla Bellér, weiter Stefan  Köhegyi, László Szita, Emmerich Füzes und Agnes Tóth verwenden, wofür wir besonderen Dank schulden.
Erster Höhepunkt dieser Zusammenarbeit war die historische Konferenz unter dem Thema “300 Jahre Zusammenleben” am 5.-6. März 1987, über die ein ausführlicher Bericht vorliegt.414 Die Konferenz war zwar allein von den Historischen Gesellschaften Ungarns veranstaltet worden. Die Schirmherrschaft hat der damalige Generalsekretär der Patriotischen Volksfront  Imre Pozsgay übernommen, der in seiner Begrüßungsrede hervorhob, daß das Ungartum heute keinen Grund mehr habe, Geschichte zu verfälschen. Das war nicht immer so, denn “es gab Zeiten, in denen wir Unterdrücker waren.” Darum setzt er sich dafür ein, noch vorhandene Vorurteile loszuwerden.415
Vor ihm hat Géza Hambuch für den mitveranstaltenden Verband die Konferenz eröffnet und sie ein einmaliges geschichtliches und politisches Ereignis genannt.416 Die vier Gäste aus Deutschland traten nur mit Diskussionsbeiträgen auf. Dabei führte meine Aussage, daß sachliche historische Forschung hüben und drüben zu denselben Ergebnissen führen muß,417 zu einer später in Backnang fortgesetzten Diskussion mit Tilkovszky.418
Das so in Gang gekommene ungarisch-deutsche Gespräch wurde schließlich auf einer gemeinsam veranstalteten zweiten historischen Konferenz in Budapest vom 30. November bis 2.Dezember 1990 fortgesetzt, die sich besonders mit dem strittigsten Thema der Zwischenkriegszeit befaßte. Letzten Endes ihrer Anregung folgend erreichte die Historische Abteilung der Ungarischen Akademie der Wissenschaften die Freigabe der bisher unter Verschluß gehaltenen Akten des Volksgerichtsprozesses gegen Basch, die von Tilkovszky kopiert und geordnet, von mir übersetzt, von uns beiden kommentiert und der Veröffentlichung zugeführt wurden und somit auch für diese Arbeit herangezogen werden konnten.419

8. Amtliches Bedauern
Eine neue Beurteilung bereitete sich zunächst in der Literatur vor,420 dann auch im Film “Zusammenleben” und in Rundfunkinterviews mit prominenten vertriebenen Ungarndeutschen.
Alles das bedeutete ein Präludium für die erste Erklärung von amtlicher Seite, die der Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Partei, Dr. Georg Aczél, auf einem Kongreß des Deutschen Verbands im Dezember 1983 abgab: “... (Wir) konnten ... aus dem tragischen Schicksal von Nationen und Nationalitäten lernen, daß es kein Heilmittel für innere Mißstände ist, nationale oder religiöse Gruppen zum Sündenbock zu machen ... Es ist meine Überzeugung, daß keinerlei kollektive Verantwortung berechtigt war. Wir bedauern tief, daß damals auch fortschrittliche Menschen (das ist der typische Parteijargon, Anm. Spiegel) büßten für Sünden, die sie nicht begangen haben ... das harmonische Zusammenleben mit den Nationalitäten (ist) ein gutes Fundament, um uns das Aufeinanderangewiesensein der nebeneinander lebenden Nationen zum Bewußtsein zu bringen und nationale Engstirnigkeit zu durchbrechen ... daß die Verbindungen der Nationalitäten mit den mit ihnen eine Sprache sprechenden Nationen frei zur Geltung kommen. Die Nationalitäten haben eine wichtige Berufung bei der Vertiefung der Völkerfreundschaft. Im Fall der heimischen Deutschen halten wir die vielseitige Hilfe der DDR für natürlich, aber auch das Interesse, das aus Österreich und der BRD für das Leben der ungarländischen Deutschen zum Ausdruck kommt. Die Pflege der verwandtschaftlichen Bindungen ist ein Menschenrecht, das dazu beiträgt.”421
Diese Parteierklärung genügte natürlich nach der Wende zur Demokratie nicht mehr. Doch dem Sinne nach galt sie auch jetzt. Am 14. März 1990 faßte das wieder frei gewählte Parlament einen Beschluß, in dem es feststellte, daß Verschleppung und Vertreibung ein die Menschenrechte schwer verletzendes ungerechtes Verfahren gewesen war. Die Betroffenen mußten unschuldig, allein wegen ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Nationalität, leiden. Es bat die Opfer um Vergebung und forderte die Regierung zur Entschädigung auf. Diese hatte schon im Oktober 1989 für die Verschleppten einen allerdings eher symbolischen Zuschuß zu ihren Renten beschlossen. Dieser Betrag wurde 1990 entsprechend der Dauer der Zwangsarbeit wesentlich erhöht.422 Die Entschädigungsfrage blieb weiter auf der Tagesordnung. Zunächst freilich war diese auf Enteignungen nach dem 8. Juni 1949 beschränkt. Erst ein zweites Entschädigungsgesetz schloß, wieder zu einer eher symbolischen Wiedergutmachung, auch die vorher enteigneten vertriebenen oder daheimgebliebenen Deutschen ein. Zugleich gab es wegen “Kriegs- und volksfeindlichen Verbrechen” Verurteilten die Möglichkeit zur Wiederaufnahme ihres Prozesses.423 Bisher ist davon allerdings kaum Gebrauch gemacht worden.
Am 2.März 1996 erklärte der Staatssekretär für Minderheitenfragen Csaba Tabajdi: “Als in den Nachkriegsjahren 230.000 Ungarndeutsche aus ihrer Heimat vertrieben wurden, widerfuhr ihnen ein nicht wieder gut zu machendes Unrecht, wofür ich sie im Namen der politischen Öffentlichkeit Ungarns um Vergebung bitte.” Er führte näher aus, daß man selbst Schuldiggewordene höchstens zur Rechenschaft ziehen, aber nicht aus dem Vaterland verjagen dürfe, und gestand ein, “unter den Ungarndeutschen habe424 es kaum welche gegeben, die sich als Handlanger des Nationalsozialismus verstanden hätten.”
Nur zehn Tage darnach, am 19. März, verurteilte Ministerpräsident Gyula Horn selbst die Vertreibung als grobe Gesetzesverletzung. Für ein Seminar der Ungarndeutschen Selbstverwaltung im September ließ Staatspräsident Árpád Göncz ein Grußwort verlesen, in dem er schrieb: “Man kann nicht jemand human seines Heimes, seines Hauses, seiner Äcker, seiner Umgebung, der Wurzeln seines Lebens berauben. Strafhandlungen können nicht ungestraft bleiben, aber die Rechtspflege kann sich nur an den Taten Einzelner orientieren. Es gibt keine Kollektivschuld und Kollektivstrafe.” Dann warf er die Frage auf, was Ungarn mit der Aussiedlung der Deutschen verloren hat, und schloß mit Worten an die Vertriebenen: “Nie werde ich meine Mitmenschen deutscher Nationalität vergessen, die in Deutschland neue Wurzeln schlugen und aus der Distanz so vieler Jahre nach allem schrecklichen Erlebten, mit Liebe die Erinnerung an Ungarn bewahren. Auch in Deutschland blieben sie ein Stückchen Ungarn, das zurückgelassene Land ist ein Teil ihres fleißigen Lebens, ihrer freundschaftlichen Beziehungen. Sie, die imstande waren, ihre deutsche und ungarische Identität zusammen zu bewahren, sind die besten Förderer, die ausländischen Motoren unserer werdenden Demokratie, unseres neuen Lebens.”
Die volle Bedeutung dieser Worte erschließt sich, wenn wir beachten, wie deutlich sie gerade von den Beschuldigungen abrücken, mit denen man seinerzeit die Vertreibung gerechtfertigt hat.425
Rechtlich noch zukunftsweisender ist ein Urteil des Obersten Gerichtshofs im Mai 1996 in einem konkreten Fall. Damit wurde ein mehrjähriges Verfahren abgeschlossen. Der Verband der Ungarndeutschen hat 1992 Generalstaatsanwalt Dr. Koloman Györgyi dafür gewinnen können, die Frage der Verfassungsgemäßheit des Gesetzesparagraphen aufzuwerfen, der die Mitgliedschaft im Volksbund zur Straftat erklärt hat. In einem ersten Schritt hat das Verfassungsgericht am 11. Januar 1994 das Prinzip der Kollektivschuld, das im Gesetz von 1945 Anwendung gefunden hat, für verfassungswidrig erklärt. Im Sinne dieses Beschlusses hat nun das Oberste Gericht die seinerzeitige Verurteilung wegen Volksbundmitgliedschaft aufgehoben. Damit ist auch von der Rechtspraxis eine erste Bresche in die Volksgerichtsurteile geschlagen.

 

Wildmann/Spiegel – 12A

 

XII. Wirtschaftliche und soziokulturelle Entwicklungen 1945-2000

1. Kollektivierung der Landwirtschaft und Urbanisierung

Durch die besonders in den 70erjahren energisch betriebene Zusammenlegung in landwirtschaftliche Großbetriebe in den erzwungenen Kollektivwirtschaften wurde das Leben in den Dörfern erneut total verändert. Für die Deutschen ergaben sich dabei dank ihrer wirtschaftlichen Tüchtigkeit auch Möglichkeiten neuen Aufstiegs. Hervorragendstes Beispiel Robert Burgert, der es zum Generaldirektor des Kombinats Bábolna mit seinem berühmten Gestüt brachte.426 Gleichzeitig nutzten die Schwaben besonders die Möglichkeiten eigener Hauswirtschaften innerhalb des Kolchosensystems und verbesserten damit nicht nur ihre eigenen Lebensverhältnisse, sondern leisteten auch einen wesentlichen

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411   Manuskript von Dr. Elisabeth Budai-Hajdu für ein ungarndeutsches Kulturseminar
    in Gerlingen

412   Heinrich Reitinger in Suevia Pannonica IX 1991 S. 116 ff.

413   a. a. O.

414   300 Jahre Zusammenleben – 300éves együttélés. Budapest 1988, 2 Bände.
    300 bezieht sich auf die Befreiung Ofens von den Türken.

415   a. a. O. Bd.I, S. 18 ff.

416   a. a. O., S. 12

417   Bd.II S. 132

418  Suevia Pannonica VII (1989), S. 6-52

419  Seewann, Gerhard, Spannenberger, Norbert (Hrsg.): Akten des Volksgerichtsprozesses gegen Franz A. Basch – Volksgruppenführer der Deutschen in Ungarn – Budapest 1945/46. Oldenbourg-Verlag 1999.

420  Wendelin Hambuch Hrsg.): Markante Gesichter. Budapest 1983,
     Albert Gábor: Emelt fövel (Mit erhobenem Haupt) Budapest 1983

421  Von mir übersetzt in Südostdeutsche Vierteljahresblätter 1984/3 S. 211 f.

422  Deutscher Kalender, Budapest 1991, S. 90

423  Deutscher Kalender 1993, S. 71

424  Neue Zeitung, 9.3.1996

425  Suevia Pannonica XV (1997), S. 3 f.

426   Markante Gesichter S. 9 ff.

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Beitrag für die Versorgung der Städte mit Lebensmitteln.
Ein großer Teil der vormals rein bäuerlichen Bevölkerung wechselte in die Industrie. Ein Teil fand in den eigenen Dörfern eine industrielle Beschäftigung, weil nämlich in eine Reihe von Dörfern neue Industrien angesiedelt wurden, während ein anderer Teil in die nächstgelegenen Industriestandorte pendelte. Das alles tat aber der familiären Selbstversorgung in Form von Gartenpflege und Haustierhaltung keinen Abbruch. 
Sozial-geographische Untersuchungen dieser Entwicklung ergaben eine  neue Klassifizierung der historischen Ortschaften. Nach einer Studie über die Baranya erweisen sich in derselben 11 Dörfer als neue Zentren besonders gefördert, 51 Orte lassen sich als "verhältnismäßig dicht bevölkerte Agrar-Trabantendörfer" bezeichnen, in 38 Siedlungen mit ungünstigen landwirtschaftlichen Gegebenheiten wirkt sich die Anziehungskraft naher Städte aus und 198 kleine Siedlungen sind mehr oder weniger abgeschrieben, so daß ihre Bevölkerung stark im Schwinden begriffen ist. Diese Entwicklung hatte auch zur Folge, daß sich die Abgrenzungen zwischen den deutschen Stammbewohnern und den Neueingesiedelten allmählich auflockerten.427
Neben der Abwanderung in die Industrie und die Dienstleistungsberufe  ist unter den Schwaben auch das verstärkte Anstreben höherer Bildung zu vermerken. Dabei ist eine volkspolitisch bedeutende Entwicklung zu beobachten. Während nämlich bei den Schwaben, die nur eine Volksschulausbildung genossen haben, der Sprachverlust trotz aller Bemühungen kaum zu bremsen ist, zeigt sich bei den Absolventen höherer Schulen die gegenteilige Tendenz: dank der deutschen Klassenzüge in Gymnasien hat neben dem Spracherwerb auch der Erwerb des deutschen Bildungsgutes größere Chancen. Das hat zur Folge, dass heute fast von einem Übergewicht der Studenten und der Akademiker unter denen, die sich bewußt für ihre Volkszugehörigkeit einsetzen, gesprochen werden kann.

2. Wechselwirkungen zwischen Verbliebenen und Vertriebenen
Alles was hier über die wirtschaftlich-soziale Entwicklung in Ungarn gesagt wurde, trifft interessanterweise ebenso auf die Vertriebenen zu. Da es nur ganz wenigen in Deutschland wieder gelang, in den Besitz eigener landwirtschaftlicher Betriebe zu kommen, ist auch hier der Wechsel in die Industrie und das Streben nach einer besseren Ausbildung der jüngeren Generation die allgemein zu beobachtende Tendenz. Schon früh stellte die Soziologin Elisabeth Pfeil fest: “Die Vertreibung endet in Verstädterung.”428 Das bestätigen auch statistische Erhebungen.429 Von bäuerlich geprägten Menschen wie dem Großteil der Ungarndeutschen wurde das wohl zunächst als sozialer Abstieg empfunden, bald aber setzte sich die Einsicht durch, daß es sich um eine allgemeine Umwertung der sozialen Strukturen handelt. Dabei ist für die bäuerlichen Menschen aus Ost-Mitteleuropa bezeichnend, daß sie sich eine gesicherte Existenz nur im eigenen Haus vorstellen können, weshalb diese Gruppe führend im Eigenheimbau wurde, wobei der Anteil der Eigenleistung dank effektiver Zusammenarbeit von Familiengruppen das Erstaunen der Kontrollinstanzen erregte.
So entstand, getragen vom evangelischen Hilfskomitee unter Vorsitz des Autors, die Donausiedlung am Stadtrand von Darmstadt und unter Federführung der Caritas die St. Stefanssiedlung im benachbarten Griesheim, um nur die repräsentativsten von vielen Bauvorhaben zu nennen. Mit der städtischen Gesellschaft teilte man auch bald die Inanspruchnahme höherer Bildung. So kommt es, wenn sich heute die beiden Hälften der vormaligen ungardeutschen Volksgruppe gegenseitig besuchen, daß sie sich auf einem zwar veränderten, aber wieder ähnlichen gesellschaftlichen Niveau treffen, wobei man freilich nicht übersehen darf, daß die wirtschaftliche Lage der Vertriebenen unvergleichlich besser ist. Die Hilfen, die hier im stillen Familienrahmen nach Ungarn fließen, haben zur Verbesserung des Lebensstandards der "Daheimgebliebenen" nicht unerheblich beigetragen.

3. Die Wirkung von Verband, Presse und Rundfunk
Der Kulturverband der deutschen Werktätigen Ungarns  hielt laut Satzung alle fünf Jahre seinen Kongreß ab. Da es keine organisierten Ortsgruppen gab, entsandten zu demselben alle Gemeinden, in denen noch
Deutsche wohnten, Delegierte, womit dem Wesen nach das einst so befehdete Volksgruppenprinzip ungewollt zur Geltung kam. Auf einem solchen Kongreß wurde am 17. Dezember 1982 Géza Hambuch, bisher Schriftleiter der Neuen Zeitung, zum Generalsekretär, und bald darauf der Inhaber des Germanistik-Lehrstuhls an der Universität Fünfkirchen, Dr. Béla Szende, zum Präsidenten gewählt. Insbesondere Hambuch hat sich in seiner schwierigen Stellung sehr bemüht, etwas für die kulturelle Wiederbelebung seines Volksstammes zu erreichen.
Gemeinsam mit den Bildungsministerium erarbeitete der Verband die Konzeption der Zweisprachigkeit, um so zur auch wirtschaftlich vorteilhaften Wiederaneignung des Deutschen anzuregen.430 Um die Jugend wieder zu gewinnen, veranstaltete der Verband ab 1985 Jugendlager. Die Teilnehmer waren vorwiegend Gymnasiasten und Studenten. Für die Jüngeren wurden Leselager abgehalten. Diese Unternehmungen erweisen sich insofern als erfolgreich, als die Jugend nunmehr selbst begann, aktiv zu werden. Sie gründete die Gemeinschaft Junger Ungarndeutscher, die bis heute lebendig ist.
In Fünfkirchen begann auch die Bildung studentischer Korporationen. Hier fand auch die in Heidelberg von Dr. Adam Schlitt als Altherrenverband wieder gegründete Suevia Pannonica ihr eigenes Tätigkeitsfeld in der Förderung und Sammlung der Studierenden Jugend. Gemeinsam mit Sozial- und Kulturwerk gibt die Suevia Pannonica seit nahezu 20 Jahren ihr gleichnamiges Jahrbuch heraus. Seine Schriftleitung hatte Spiegel-Schmidt inne, der sie in den neunziger Jahren an den Mundartforscher Dr. Josef Schwing abgab. Die Artikel der Suevia Pannonica erwiesen sich auch für diese Arbeit als brauchbare Quellen. Gegenwärtig ist ein umfassender Akademiker- und Studentenverband in Ungarn in Vorbereitung.
Als Pionier in der von unten ausgehenden Gründung von Vereinen in einer Zeit, wo das offiziell noch gar nicht vorgesehen war, erwies sich Lorenz Kerner, der in Fünfkirchen den Lenau-Verein ins Leben rief und dort  seit 1983 die alljährlichen Pfingsttreffen veranstaltete, bei denen sich Vertriebene und Verbliebene mit einem reichlichen folkloristischen Programm trafen. Dem Verein gelang es bald, in der Innenstadt ein Grundstück zu erwerben und mit bedeutender Hilfe aus der Bundesrepublik Deutschland als Zentrum der Volkstumsarbeit das Lenau-Haus zu errichten, das 1989 eingeweiht wurde und in dem sich allmählich ein erfolgreiches Fortbildungs- und Kulturprogramm etablierte. Dieser ersten Vereinsgründung folgten an vielen Orten weitere, die nun die fehlenden lokalen Gruppen des Verbands ersetzten. Unter ihnen verdienen besonders der Deutsche Kulturverein für Budapest (Budapest hat schwäbische Nachbarorte wie Schorokschar und Promontor eingemeindet) und die überörtliche Jakob Bleyer Gemeinschaft erwähnt zu werden. In dieselbe Zeit
fällt auch die Schaffung von Heimatmuseen in Dörfern, die noch genug deutsch sind. Ein zentrales Museum der Ungarndeutschen wurde in Totis eingerichtet.
Was die Presse anlangt, hat sich die Neue Zeitung bis in die Gegenwart gehalten. Sie erfüllt eine doppelte Funktion: Sie liefert Informationen für die Landsleute sowohl im Inland wie im Ausland, wobei die  Bezugsgebühren letzterer eine wesentliche Hilfe darstellen. Es gab eine Auseinandersetzung über die Beziehung zwischen Zeitung und Verband, in deren Folge eine eigene “Stiftung Neue Zeitung” zum Träger der Zeitung gemacht wurde.
Ob es bei dem geringen Leserpotential zweckmäßig war, daß die Jakob Bleyer Gemeinschaft das alte Sonntagsblatt wieder belebte und damit eine unnötige Konkurrenz entstand, bleibe dahingestellt.
Mehr gelesen wird der vom Verband seit 1958 herausgegebene Deutsche Kalender, der über die wichtigsten das Deutschtum betreffenden  Vorkommnisse des Jahres und des kulturellen Lebens berichtet, aber auch Artikeln aus der Geschichte und Wortmeldungen ungarndeutscher Schriftsteller Raum gibt.
Die Neue Zeitung erließ gemeinsam mit dem Verband die Aufforderung “Greift zur Feder!”, um die heimatverbliebenen Deutschen zu ermutigen, Erzählungen und Gedichte einzuschicken. Auch bringt sie selbst einmal im Jahr eine Literaturbeilage. Bei diesem Unternehmen ging es weniger darum, mit der großen deutschen Literatur in Konkurrenz zu treten, als darum, Autoren zu finden, die das Bedürfnis verspürten, sich das, was sie bewegte, von der Seele zu schreiben. So kam es zu einer Reihe von Publikationen. Zunächst meldeten sich die Ältesten zu Wort: Wilhelm Knabel (1884-1972)431, Georg Fath (geb. 1910)432, der Chronist Brennbergs Franz Zeltner (1911-91). Mit Josef Mikonya (geb.1928), Franz Sieberth, Engelbert Rittinger, Ludwig Fischer, alle drei 1929 geboren, meldete sich die mittlere Generation zu Wort.433 Als Außenseiterin stieß dazu Erika Áts, die 1934 geboren, aus einer zweisprachigen Familie in Debrecen stammte, und, da diese mit dem dortigen Gestüt gegen Ende des Krieges nach Württemberg evakuiert wurde, dort vier Jahre eine deutsche Schule besuchte.434  Unter den Jüngsten, die sich motivieren ließen, dürfte Valeria Koch (geb. 1949) die begabteste435 sein, hat sie doch eine Reihe internationaler Anerkennungen gefunden. Neben ihr wäre zu erwähnen der früh verstorbene Claus Klotz (geb. 1947), der auch in der Mundart dichtende Josef Michaelis (geb. 1955) sowie die nach ihrem Studium in Greifswald erst im Nationalitätenfernsehen, nach ihrer Promotion in Freiburg am Donauschwäbischen Institut in Tübingen tätige Marta Fata (geb. 1959)436.
Zur gleichen Zeit begannen auch die Sender regionale Nationalitätenprogramme auszustrahlen. Redigiert von Lorenz Kerner strahlte Radio Fünfkirchen die “Gruß und Kuß”-Sendung aus. In Budapest war Wendelin Hambuch, Bruder des Géza Hambuch, für diese Sparte zuständig war. Auch das lokale Fernsehen nahm Programme solcher Art auf, freilich beide immer nur für wenige Stunden die Woche. Für die  meisten Empfänger ist das freilich zu wenig, daher ist die Verbreitung der über Satellit empfangenen westlichen deutschsprachigen Programme umso größer.

4. Volkstumspflege alter Art – deutsche Clubs
Die kulturelle Arbeit war, wie schon angedeutet, zunächst um die in den Dörfern Verbliebenen bemüht, und versuchte dort zu erhalten, bzw. wiederzubeleben, was an Volkstanz, Volkslied und Volksmusik von einst noch vorhanden war. Tanzgruppen, Chöre und Blaskapellen schossen vielerorts aus dem Boden.. Bald entdeckte man, daß man mit Tanzgruppen auch auf Tournee nach Westdeutschland kommen konnte – ein begehrtes und einträgliches Nebenziel. Die Volkstumspflege dieser Art besaß und besitzt freilich den Charakter der Folklore, die häufig wenig zur Wiederbelebung eines authentischen schwäbischen Volkscharakters beiträgt. So befremdet die zu machende Beobachtung, daß die Mitglieder der Sing- und Tanzgruppen, kaum daß ihr deutsches Programm vorüber ist, sich untereinander ungarisch unterhalten. Dasselbe war selbst auf einem großen Schwabenball in Budapest zu beobachten. So wurde von kritischen Kommentatoren die Frage gestellt, ob diese rückwärts gewandte Kulturarbeit überhaupt die Sicherung des Bestands der Ungarndeutschen im Auge hat.
Dem Erhalt der Ungarndeutschen als Ethnie dürften die in den neuen städtischen Konzentrationen entstandenen deutschen Clubs, die verschiedenen freien Zusammenschlüsse, das Ausrichten von Kunstausstellungen und die Veranstaltung von Dichterlesungen eher entsprechen. Dichter und Literaten leisten hier Bleibendes: Gerade in den beliebten Kurzgeschichten wird wirklichkeitsnah die innere Entwicklung des Schwabentums aufgearbeitet.

5. Soziologische und volkskundliche Studien
Sehr bald  - schon ab 1949 – entwickelte sich, ausgehend vom Budapester Germanistischen Institut, initiiert vom 1972 nach Graz berufenen Claus Jürgen Hutterer (geb. 1930) und fortgesetzt von Karl Manherz (geb. 1942) die Mundart- und Volkstumsforschung. Auch Karl Vargha und später Katharina Wild in Fünfkirchen haben Wesentliches dazu beigetragen. Von beachtlichem wissenschaftlichem Niveau erscheinen seit den achtziger Jahren in Budapest die Beiträge zur Volkskunde der Ungarndeutschen sowie die Ungarndeutschen Studien.
Eine schwierige Aufgabe für die soziologische Zunft stellte die die Frage nach der wirklichen Zahl der Deutschen in Ungarn dar. Daß die Volkszählungen bei den immer noch unter dem Schock der seinerzeitigen Entrechtung und ihrer verheerenden Folgen stehenden Deutschen viel zu niedrige Zahlen ergaben, wird allgemein anerkannt. So haben die Komitatsbehörden die von Hóoz erarbeitete Qualifizierungsmethode, bei der die Abstammung ein zentrales Merkmal ist, als Grundlage ihrer Nationalitätenpolitik anerkannt. Einige Wissenschaftler haben durch Befragungsaktionen versucht, genauere Ergebnisse zu erzielen. Eindeutige statistische Zahlen sind jedoch auch hier nicht zu erwarten, da Befragungen  gerade in diesem Falle seelische Vorgänge wachrufen, bei denen Verdrängungen ebenso eine Rolle spielen wie nostalgische Erinnerungen und das neue Bewusstsein, einer Respekt gebietenden Gruppe anzugehören.

6. Die Rolle der Kirchen im Wandel
Die Behauptung, daß nach 1945 der deutsche Gottesdienst generell verboten wurde, trifft nachweislich nicht zu. Wenn mancherorts die deutsche Sprache von einem Tag auf den andern wie aus der Schule so auch aus der Kirche verbannt wurde, stand dahinter einerseits die Haltung der Pfarrer selbst, anderseits gesellschaftlicher Druck. Andernorts wurde ohne Beanstandung der Gottesdienst weiter gehalten wie bisher. 1945 gab es in beiden Konfessionen genügend Geistliche, die geeignet waren, ihren Dienst in der deutschen Sprache zu versehen, zumal nur ihrer sehr wenige von der Vertreibung betroffen waren. Tatsache bleibt aber, daß in den Jahrzehnten darnach die Geistlichen, die der deutschen Sprache mächtig waren, allmählich ausstarben. Heute hat die Diözese Fünfkirchen “nicht einmal mehr zehn Priester, die je deutsche Seelsorge verrichtet haben, und in den letzten 20 Jahren ist nur ein einziger deutscher Priester geweiht worden.”437
Das Problem der katholischen Gemeinden besteht nun freilich in der Hauptsache darin, daß die meisten Neusiedler ebenfalls katholisch sind und jetzt die Mehrheit in denselben bilden. “Wenn etwas Deutsches geschieht, wollen die anwesenden Ungarn nichts davon wissen“, urteilt der Bischof  von Fünfkirchen, Michael Mayer, fügt aber hinzu: “Ich versuche alle Möglichkeiten wahrzunehmen, um meine Sorge für die deutschen Gläubigen kundzutun. Bei Firmungen, Jubiläen, Einweihungen renovierter Kirchen und Kriegerdenkmäler mich auch in deutscher Sprache an die Anwesenden zu wenden. Ich sorge dafür, daß bei solchen Gelegenheiten die Lesungen und Fürbitten auch deutsch gehalten werden. Am zweiten Weihnachtsfeiertag hielten wir schon fünfmal eine Gedenkmesse für die Verschleppten. Von weit und breit kommen die Gläubigen, um daran teilzunehmen. Auch Chöre wetteifern, dabei zu singen. Am Pfingstmontag ist im Bischofsdom eine deutsche Maiandacht. Aus der ganzen Diözese kommen Leute, um daran teilzunehmen. Im Advent und in der Fastenzeit haben wir in mehreren Dörfern deutsche Messen gehalten. Freilich, regelmäßig sind aus den angeführten Gründen noch keine Sonntagsmessen eingeführt worden.”438

In der evangelischen Kirche ist die Lage insofern anders, als, abgesehen von den wenigen Orten, in die evangelische Magyaren aus der Umgebung Preßburgs umgesiedelt wurden, die Neusiedler nicht der sehr klein gewordenen evangelischen Kirchengemeinde angehören. So mußten Kirchengemeinden zusammengelegt werden und die verbleibenden Pfarrer hatten weite Wege zu überwinden. Glücklicherweise konnten im Seniorat Tolna-Baranya mit Daniel Krähling Vater und Sohn und Aladár Lackner die meiste Zeit deutsche Pfarrer das Seniorenamt versehen. Krähling trat in den Vorsitz des Evangelischen Hilfskomitees ein, das anlässlich seines 50-jährigen Bestandsjubiläums am 12. September 1996 eine neue Geschäftsordnung beschloß und sein Schwergewicht nach Ungarn verlegte. Auch Ödenburg, wo es nach Auskunft von Pfarrer Simon noch etwa 1000 deutsche Gemeindemitglieder gibt, war immer von deutschstämmigen Pfarrern versorgt. Infolge der Abwanderung deutscher Dorfbewohner in die Städte ist in Fünfkirchen und Szekszárd wieder deutscher Gottesdienst eingeführt worden. In Budapest wurde in den neunziger Jahren eine selbständige katholische Seelsorgearbeit unter Prälat Franz Walper eingerichtet.

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427   Aubert Antal: Untersuchung siedlungsformierender Prozesse auf Komitats- und kleinregionaler Ebene in der Branau. Pécs 1993

428   Elisabeth Pfeil: Fünf Jahre später. Frankfurt/Main 1951

429   Werner Nellner: Grundlagen und Hauptergebnisse der Statistik, in:
     Die Vertriebenen in Westdeutschland, Bd. 1, Kiel 1959 S. 61 ff.

430   Deutscher Kalender 1989 S. 31 f.

431   Zur Heimat zieht der Brotgeruch. Budapest 1982

432   Stockbrünnlein München 1984, Budapest 1977

433   Sammlungen: Tiefe Wurzeln Budapest 1974, Die Holzpuppe 1977, Bekenntnisse – Erkenntnisse 1979, Igele-Bigele 1979, Jahresringe 1984 – Josef Mikonya: Krähen auf dem Essigbaum. Budapest 1994, Engelbert Rittinger: Mir ungrische Schwowe, 1985, Ludwig Fischer: Auf weiten Wegen. 1983

434   Erika Áts: Gefesselt ans Pfauenrad. Budapest 1993

435   Valeria Koch: Zuversicht – bizalom. Budapest 1982, Sub Rosa Fünfkirchen 1989, Wandlung. Budapest 1993

436   Josef Michaelis: Sturmvolle Zeiten. Budapest 1992 – Das Zweiglein. Budapest 1989 und Hildesheim-Zürich-New York 1991 – Bekenntnisse eines Birkenbaums Dortmund 1990

437   Bischof Michael Mayer auf einer Tagung in Seeon, in: Geschichte, Gegenwart und Kultur der Donauschwaben,. Sindelfingen 1994

438   Neue Zeitung, 31.8.1996, S. 11

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Ebenso wurden die beiden evangelischen Gemeinden am Wiener Tor und in der Alkotmány utca mit Pfarrern aus Deutschland und der Schweiz wiedergegründet. 

7. Die Minderheitenselbstverwaltung
Noch 1988 wurde als Pendant zur Donauschwäbischen Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg in Budapest die Ungarndeutsche Stiftung unter dem Vorsitz von Karl Manherz ins Leben gerufen, die über namhafte Mittel verfügt, mit denen sie den Ausbau von Ortspartnerschaften und kulturelle Aktivitäten unterstützt.
1993 erließ die Regierung das Gesetz LXXVII über die Rechte der Minderheiten, das am 7. Juli vom Parlament angenommen wurde.439 Die wesentliche Neuerung dieses Gesetzes ist neben der Garantie der individuellen auch die von Gemeinschaftsrechten. Letztere werden durch als juristische Person anerkannte Minderheitenselbstverwaltungen ausgeübt, deren Zustandekommen auf Gemeinde- (bzw. in Budapest Bezirks-) und Landesebene genau geregelt wird. Es wird ihnen ein umfassendes Tätigkeitsfeld – Rundfunk und Fernsehen, Theater, Museen, Bibliotheken, Kultur-, Kunst- und wissenschaftliches Institut, Verlag, besonders aber Bildungseinrichtungen – zugebilligt (§ 37), wobei der Schulunterricht in die Zuständigkeit der örtlichen Minderheitenselbstverwaltung gehört (§ 47). Doch soll die Landesselbstverwaltung an der Fachaufsicht des Minderheitenunterrichts beteiligt werden und hat Zustimmungsrecht zu den Lehrplänen (§ 38). Die Entscheidung über muttersprachlichen, zweisprachigen oder ungarischsprachigen Unterricht liegt auch jetzt bei den Eltern, doch muß schon für 8 Schüler eine Minderheitenklasse unterhalten werden (§ 43). In diesem Zusammenhang wird auch der Ausdruck “kulturelle Autonomie” gebraucht (§ 45), ebenso wie parallel zu Minderheit auch das Wort “Volksgruppe” steht (§§ 1 und 61). In den Lehrplänen sind  Volkskunde, Geschichte der Minderheit und des Mutterlandes sowie kulturelle Traditionen vorzusehen (§ 45). Ausdrücklich wird die Unterstützung von Gastlehrern aus den Mutterländern sowie die Anerkennung dort erworbener Diplome genannt (§ 46). Die örtliche Minderheitenselbstverwaltung kann auch selbst Schulen übernehmen, soweit sie, bei ungekürzter staatlicher Unterstützung, das bisherige Niveau gewährleisten kann (§ 47). Zu diesem Zweck sind an zahlreichen Orten Schulvereine gegründet worden, doch ist bisher keine tatsächliche Übernahme einer Schule bekanntgeworden. Für die materielle Absicherung gründete das Parlament einen Fonds für nationale und ethnische Minderheiten, der aus dem Staatshaushalt gespeist und von einem besonderen Kuratorium verwaltet wird. Den Landesselbstverwaltungen ist ein Haus zur Verfügung zu stellen. Im Falle der Deutschen ist ein solches in der Lendvay-utca in Budapest vorgesehen, in der auch das alte Deutsche Haus stand.
Die Selbstverwaltungen wurden mit überraschend hoher Beteiligung im Dezember 1994 in 126 Gemeinden gewählt, zu denen bei Nachwahlen im November 1995 weitere 38 dazukamen.440 Die Landesselbstverwaltung trat nun an die Stelle des Kulturverbands der deutschen Werktätigen Ungarns, der sich selbst auflöste. Ihr Vorsitzender wurde erst Dr. Eugen Kaltenbach, und, nachdem dieser zum Ombudsmann für alle Minderheiten ernannt wurde, Lorenz Kerner.
Betrachten wir dieses Gesetz im Licht der Geschichte der hier dargestellten Jahrzehnte, so enthält es viel, was früher heiß umstritten war: kulturelle Autonomie, Anerkennung als juristische Person, Verbindung mit dem Mutterland frei von Mißtrauen – so viel, daß die Verwirklichung Jahre dauern wird. Noch ist alles im Fluß und man muß abwarten, was daraus wird.
Immerhin sind in der jüngsten Vergangenheit mit wesentlicher deutscher Hilfe das Ungarndeutsche Bildungszentrum in Frankenstadt-Baja, der Ausbau des deutschen Klassenzugs im Leöwey-Gymnasium in Fünfkirchen und ein deutsches Internat in Budapest zustandegekommen.
Damit schließt sich der Weg einer oft tragischen, spannungsreichen, schließlich aber von Versöhnung, Gemeinsamkeit und neuer Hoffnung zeugenden Geschichte.

 

 

 

 

 

 

 

Denkwürdige Dokumente
Eine Neubewertung wichtiger Kriegspapiere

Vorwort
Es wird sich wohl noch manche Generation mit dem Zwanzigsten Jahrhundert, als einem der kriegerischsten eines Jahrtausends beschäftigen müssen, und es werden noch viele Historiker gehört werden, um der Wahrheit näher zu kommen darüber, wer wann und warum den schrecklichen Zweiten Weltkrieg begünstigte, welche Ereignisse ihm vorausgingen und durch welche amtlichen Dokumente er sozusagen unausweichlich wurde. In unserer Betrachtung sollen solche Fakten und schriftliche Zeugnisse eine Rolle spielen, die Südungarn und das ehemalige Nordjugoslawien - und im engeren Sinne, die gesamte Batschka - zum Inhalt haben und, im nachhinein bewertet, für uns Donauschwaben und Ungarndeutsche schicksalhafte Bedeutung hatten. Anhand der Dokumente sehen wir, dass ganz gleich wie sehr oder wie wenig die politischen Ereignisse ferngesteuert wurden, sie alle für Südosteuropa und genau für Ungarn und Jugoslawien sowie deren Bewohner gleichgroße örtliche Bedeutung hatten. Wer weiß wie sich die Geschichte des Zweiten Weltkrieges ohne sie entwickelt hätte. Mit ihnen jedenfalls entwickelte sie sich für uns katastrophal, obwohl es im Augenblick ihrer Entstehung nicht danach aussah. Aus zwei grundsätzlichen Erwägungen ist eine intensivere Beschäftigung mit derlei dokumentarischen Beweisen wichtig. Erstens sind sie echte Nachweise für wahrheitsgetreue Fakten, Geschehnisse und daher auch Schuldzuweisungen, da sie von ungarischen und serbischen Historikern gemeinsam erforscht und erst 1986 in Ungarn und Jugoslawien gleichzeitig in Buchform veröffentlicht wurden.441  Zweitens entlasten sie uns Batschkaer Donauschwaben nachweislich von den uns zur Last gelegten Verbrechen, die wir angeblich unter dem Deckmantel der ungarischen oder – ab März 1944 – reichsdeutschen Besatzer begangen haben sollen. Mögen die Analysen eines die betreffende Zeitperiode nur als Kind Erfahrenen (weil erst 1934 Geborenen) ungenügend sein, so ist dafür das tiefere Verständnis des Verfassers auch für das zwischen den Zeilen Geschriebene, sicher umso höher einzustufen, da nur dadurch die treffende Auswahl unter den vielen Dokumenten getroffen werden konnte.

Nach dem Vorwort der Dokumentensammlung bezweckte diese gemeinsame Ausgabe des jugoslawischen und ungarischen Kriegsinstituts „…die Rolle Ungarns im Aprilkrieg und der nachfolgenden Zeit der Gegenrevolution nachzuvollziehen… Ebenso soll die Rolle der Kriegsverbrecher, die nach dem Krieg ihre gerechte Strafe erhielten, aufgezeigt werden…“
Von einer parallelen Erforschung der Rolle Jugoslawischer Militärstellen und Personen wird nichts erwähnt. Demnach kann festgestellt werden, dass die bei der Erforschung der Dokumentensammlung beteiligten Jugoslawischen Forscher nur halbe Arbeit leisteten, indem sie sich nur für die Bekanntmachung der halben Wahrheit einsetzten.

Am Kriegsbeginn stand ‚Ewige Freundschaft’
Um die politische Entwicklung, die dem Krieg in unserer Heimat vorausging, besser begreifen zu können, seien die wichtigsten vorausgehenden zwischenstaatlichen Ereignisse in Stichworten aufgelistet: 27. Sept. 1940 – Bildung des Dreimächtepaktes in Berlin, zwischen Deutschland, Italien und Japan; 28. Okt. 40 – Angriff auf Griechenland durch das faschistische Italien mit Billigung Deutschlands; 29. Okt. 40 – Neutralitätserklärung Jugoslawiens im italienisch-griechischen Konflikt; 18.Nov.40 – Abmachung zwischen Deutschland und Italien, mit der dem neutralen Jugoslawien, sollte es noch dem Dreimächtepakt beitreten, territoriale Garantie und der Hafen Saloniki zur freien Benützung überlassen würde; 20. Nov. 40. – Einigungsprotokoll zwischen dem ungarischen, deutschen und italienischen Außenminister in Wien, in dem sich Ungarn dem Dreimächtepakt anschließt; und schließlich am 10. Dez. 40. Schließung des Vertrages der ‚Ewigen Freundschaft’ zwischen Ungarn und Jugoslawien in Belgrad, dessen Wortlaut die deutsche Reichskanzlei ausdrücklich gutheißt.
 
Dieser ‚Ewige Freundschaftspakt’, der am 12. Dezember 1940 vertraglich geschlossen und bereits drei Monate später null und nichtig war, ist ein Beweis dafür, dass, unabhängig von mündlichen oder schriftlichen Erklärungen der Regierungen ein Krieg unausweichlich wird, wenn er seine eigene Gesetzmäßigkeit hat. Den Vertrag schlossen "das Königreich Ungarn mit dem Königreich Jugoslawien“ in Belgrad, und er sollte nachträglich in Budapest ratifiziert werden. Im Namen des ungarischen Reichsverwesers Nikolaus von Horthy unterzeichnete sein Außenminister Graf Istvan Csáky, und für Prinz Pavle Karadjordjevic, des Regenten des minderjährigen jugoslawischen Königs Peter II, der Außenminister Aleksander Cincar-Markovic.

Der Vertragstext
Nur drei Punkte enthielt der Vertrag: "1. Zwischen dem Königreich Ungarn und dem Königreich Jugoslawien sollen ewiger Friede und Freundschaft bestehen. 2. Die Hohen Vertragspartner sind sich einig darüber, dass sie sich über alle für beide Seiten wichtigen Fragen konsultieren werden. 3. Dieser Vertrag soll in Budapest bestätigt und ausgetauscht werden. Er tritt am Tage seines Austausches in Kraft. Das wird durch die Bevollmächtigten beider Regierungen unterzeichnet und amtlich durch Stempel besiegelt. Geschehen in Originalfassung in Belgrad neunzehnhundertvierzig, am 12. Dezember."
Damit fand in unserer Heimat parallel dasselbe statt, was zwischen dem Deutschen Reich und Sowjetrussland den Zweiten Weltkrieg einleitete: Ein sogenanntes Freundschaftsverhältnis wurde bekräftigt und besiegelt, das weitere Schritte förmlich suggerierte: dort die Zerschlagung Polens, hier die Eröffnung des Revisionsprozesses bezüglich der Batschka, Baranya und.des Zwischenmurrgebietes, die seit Trianon von Ungarn losgelöst und von Jugoslawien besetzt waren. In Punkt zwei wird diplomatisch formuliert, dass es weitere wichtige Verhandlungen geben wird, die beide Seiten angehen. Beide Seiten wussten, welche brisanten Fragen einer Lösung warteten, doch wollten sie diese mit der "Ewigen Freundschaft" entschärfen. Verkürzt kann demnach formuliert werden: Der Zweite Weltkrieg begann in unserer Heimat mit einem Freundschaftspakt!
 

Von ‚Ewiger Freundschaft’ zum Aprilkrieg
In der Zeit zwischen Dezember 40, dem Abschluss des ‚Ewigen Freundschaftsvertrages’ und den jugoslawischen Märzereignissen 1941 gab es auf diplomatischer Ebene nur Beruhigendes und Ergänzendes zur ungarisch-jugoslawischen Beziehung.  Am 27. Febr. 41 wurde der ‚Ewige Freundschaftsvertrag’ in Budapest ratifiziert. Die Reichskanzlei, die insgeheim am  18. Dez. 40, den Zeitpunkt für 'Barbarossa', den Angriff gegen die Sowjetunion, auf den 15. Mai 41 festgelegt hatte, war zufrieden über die ‚entlastete Südflanke’ des seit November 40 den Achsenmächten verbündeten Ungarn. Die  jugoslawische Regentschaft hatte ihr Land durch den Beitritt zum Dreimächtepakt am 25.3.41 und den vorangehenden Freundschaftsvertrag mit Ungarn zur neutralen Zone gemacht. Hätte das jugoslawische Militär am 27. März 41 nicht die Regentschaft gestürzt, so wäre der "ewigen Freundschaft" mit Ungarn wahrscheinlich auch ein längeres Schicksal beschieden gewesen. Welche Folgen das Wegwischen des Vertrags durch den Märzputsch gegen das jugoslawische Königshaus haben würde, ist im dokumentierten Schriftverkehr als Reaktion auf den jugoslawischen Putsch zwischen der ungarischen und reichsdeutschen Regierung voll ersichtlich.

Zuerst schrieb Horthy persönlich am 28.3.41 einen Brief an Hitler, in welchem er die entstandene Situation in Jugoslawien bewertete und das militärische Eingreifen Ungarns an Deutscher Seite in Aussicht stellte. Der Brief war notwendig, da einen Tag vorher der ungarische Botschafter in Berlin beim Führer vorstellig geworden war und die Dringlichkeit der Revisionsansprüche Ungarns gegenüber Jugoslawien angesichts des Märzputsches angemahnt hatte. Bei dem Treffen, bei dem auch der Reichsaußenminister Ribbentrop anwesend war, ermunterte Hitler Ungarn zu militärischen Handlungen gegen Jugoslawien, um seine Gebietsansprüche zu erfüllen: "Seiner Excellenz meinen innigsten Dank - schrieb Horthy sinngemäß - für die uns über unseren Botschafter Stojay übermittelten wichtigen Mitteilungen. Ich fühle mich ganz dem Deutschen Reich verbunden. Die ungarische Nation stand in der Vergangenheit stets an der Seite des Reiches, und so stehen wir auch heute - im Wissen unserer beider Schicksalsgemeinschaft - fest entschlossen, treu und mit unserer ganzen Kraft an der Seite des Deutschen Reiches. Jene Gebietsansprüche, welche Euere Excellenz die Freundlichkeit hatte zu erwähnen, bestehen und harren einer Lösung. Meine Regierung hat diese Ansprüche gegenüber Jugoslawien nicht geheim gehalten und sie auch im Paragrafen 2 des Freundschaftsvertrages offen gehalten..." Das Schreiben enthält in der Folge noch einige Bekundungen und Kniebeugen Hitler gegenüber und auch die Bereitschaft Ungarns sofort mit den Kriegsvorbereitungen auf militärischer Ebene der Oberbefehlshaber beider Länder zu beginnen.

Die Ereignisse überschlagen sich
Nach dem Militärputsch in Belgrad überschlagen sich die Ereignisse und der bereits von den beiden Regierungen ratifizierte ‚Ewige Freundschaftsvertrag’ wurde Makulatur. Nach der Logik der Reichskanzlei und der ungarischen Militärführung, dass gegenüber den putschenden jugoslawischen Generälen, welche eine Umbildung der Regierung und Absetzung des Prinzregenten Pavle erzwungen hatten, keine Verpflichtung zur Einhaltung des Vertrages bestand, waren der Kriegspolitik plötzlich keine Schranken mehr gesetzt. In einem längeren Gespräch Hitlers mit dem ungarischen Botschafter Stójay, am 28. März 41, wurden die schon in Berlin wie in Budapest vorbereiteten Angriffspläne gegen Jugoslawien noch einmal abgestimmt. Horthy gab noch am selben Abend sein volles Einverständnis zu den Angriffsplänen, die ihm seine lang gehegten Revisionswünsche bald erfüllen würden.
Schon am 30. März 41 traf Friedrich von Paulus, der stellvertretende Reichsoberbefehlshaber in Budapest ein, um mit dem ungarischen Oberbefehlshaber Heinrich Werth ein gemeinsames Vorgehen gegen Jugoslawien zu vereinbaren. Der Beschluss wurde am 1. April schriftlich formuliert, und bereits am 3. kam eine größere Delegation von Reichsoffizieren nach Budapest und arbeitete mit den Ungarn konkrete Angriffspläne gegen den "Ewigen Freund" aus.

Die chronologische Folge der Ereignisse: 25. März 41 – Prinz Paul unterschreibt in Berlin den Beitritt Jugoslawiens zum Drei-Mächte-Pakt; 27.März 41 – Militärputsch in Belgrad und Sturz der Regentschafts-Regierung, Massendemonstration auf Belgrader Straßen mit der bekannten Hauptparole "bolje rat nego pakt" / lieber Krieg als der Pakt (die auch Anfang 1999 vom Belgrader Regierungsrundfunk wiederholt ausgestrahlt wurde, nur ersetzte man jetzt den Pakt durch die NATO; die Folge waren dann auch prompt NATO-Bomber über Belgrad im März 99); 28. März 41 –  Kriegsbesprechung zwischen deutschen und ungarischen Generälen in Budapest; 29.März 41- nichtamtliche Botschaft der ungarischen Regierung an Belgrad, dass ein deutscher Angriff gegen Jugoslawien zu erwarten sei, wenn Jugoslawien die Neutralität im italienisch-griechischen Konflikt nicht bestätigt; 2. April 41 – Beginn des Aufmarsches der deutschen Truppen in Ungarn gegen Jugoslawien und Abmahnung Großbritanniens, dass es die diplomatischen Beziehungen mit Ungarn abbrechen wird und für den Fall, dass Ungarn auch in Jugoslawien einmarschiert, sich mit Ungarn im Kriegszustand befindet; 3.April 41 – Selbstmord des ungarischen Ministerpräsidenten Pál Teleki, wegen des gebrochen Freundschaftsvertrages mit Jugoslawien; die USA brechen die diplomatischen Beziehungen zu Ungarn ab; 5. April 41 – die neue Regierung Jugoslawiens schließt mit Sowjetrussland einen Freundschaftsvertrag; 6. April 41 – die deutschen Truppen eröffnen den Krieg gegen Jugoslawien und Griechenland; 7. April 41 – Ungarn unterbricht die diplomatischen Beziehungen zum jugoslawischen Königreich, was praktisch die Annullierung des Ewigen Freundschafts-Vertrages bedeutet; 8. April 41 –  Bombardierung Szegediner und Fünfkirchener deutscher Flugbasen durch jugoslawische Flugzeuge bei dem 8 Flugzeuge am Boden vernichtet wurden. ( Ob diese Bombardierungen als echt oder nur propagandistisch zu werten sind, bleibt dahingestellt, ähnlich dem angeblichen badischen Bombardement, das dem Angriffskrieg Deutschlands gegen Frankreich vorausging, d.V.).
Am 11. April 41 schließt sich Ungarn dem Angriff gegen Jugoslawien an und besetzt in wenigen Tagen die gesamte Batschka, Teile der Baranya und das Zwischenmurrgebiet, eben die Gebiete, die ihm nach Trianon weggenommen wurden. Die jugoslawische Armee zerfiel, wurde kompanieweise ohne viel Widerstand entwaffnet, so dass schon am 13. April Reichsgeneral Kleist siegreich in Belgrad einmarschieren konnte. Welche unmittelbaren amtlichen Folgen die ungarische Besetzung der Batschka auf unseren Alltag hatte, ist einer eigenen Betrachtung wert.
 

Richtigstellung der angeblichen Verbrechen
Die geschichtliche Darstellung des Aprilkrieges, der Vorgänge beim Durchmarsch von Teilen der deutschen Truppen durch die Batschka, sowie jene bei der anschließenden Rückgliederung der nach Trianon Jugoslawien zugesprochenen ungarischen Gebiete ist weitgehend abgeschlossen. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg haben jugoslawische Kommissionen im Eiltempo Berichte über ‚Verbrechen der Okupanten und ihrer Helfershelfer' in mehreren Büchern veröffentlicht. Der namhafte donauschwäbische Geschichts- und Volkstumsforscher Johann Wüscht untersuchte diese Berichte bereits in den 60er und 70er Jahren und verglich sie mit dokumentarischen Aufzeichnungen vom Bundesarchiv in Koblenz. Ihn beschäftigte hauptsächlich die Frage nach der volksdeutschen Beteiligung an den nachgewiesenen Verbrechen an der serbischen und jüdischen Bevölkerung in der Batschka, aus der er stammte und deren er persönlicher Erlebniszeuge sein konnte. Was geschah, ist also genügend erforscht und detailliert den Täterkreisen zugeordnet, doch unter welchen gesetzlichen Voraussetzungen sich die Okupanten die Ausschreitungen erlaubten, war bis 1986 nicht vollständig geklärt (da die meisten Dokumente noch nicht der Öffentlichkeit zugänglich waren) und soll nun hier anhand urschriftlicher Zeugnisse belegt werden.

Einen Tag nach dem Einmarsch der ungarischen Truppen auf jugoslawisches Territorium gab ihr ungarischer Oberbefehlshaber Heinrich Werth am 11.4.41 einen ‚Vertraulichen Befehl zur Militärverwaltung auf den besetzten südungarischen Gebieten' heraus. Mit ihm werden in 17 Punkten die gesamten Maßnahmen in Befehlsform allen Verwaltungsebenen mitgeteilt, die das Militär unverzüglich in Form einer strengen Militärverwaltung einzuführen hatte. Punkt 1 und 2 beziehen sich auf die innere Militärorganisation und ihre örtliche Befehlsgewalt auf Strasse, Schiene und im Postwesen. Punkt 3 mit dem Titel ‚Verhalten gegenüber der Bevölkerung' enthält die militärgesetzliche Handhabe, durch die eine große Gruppe der Serben betroffen wurde. Es sind dies alle Kolonisten, die Jugoslawien nach dem 31. Oktober 1918 in den Trianon-Gebieten ansiedelte und die weder als ‚Öslakósok'/Altsiedler, noch aus Ungarn Zugezogene galten und sofort aus dem besetzten Gebiet auszuweisen seien. Dabei seien die Serben mit aller Strenge zu behandeln, hieß es, während bei Kroaten Geduld zu üben ist und deutsche Kolonisten den aus Ungarn zugesiedelten ungarischen Staatsbürgern gleichzusetzen sind. In einem Absatz wird gesondert bestimmt, dass alle nichtserbischen Zusiedler so zu behandeln seien, wie im ungarischen Mutterland. Punkt 4 regelte die Frage der jugoslawischen Beamtenschaft, die auf keinem Führungsposten verbleiben durfte.

Polizeigewahrsam für unfolgsame Beamte
Auffallend ungarisch- oder deutschfeindliche Beamte seien sofort in Polizeigewahrsam zu nehmen. Punkt 5 bestimmt die Internierung aller ‚gefährlichen Elemente' und wird in einem gesonderten Papier vom Innenministerium detailiert. Punkt 6 befielt, dass alle serbischen Zeitungen des rückgegliederten Gebietes sofort das Erscheinen einzustellen hätten. Punkt 7 befasst sich mit der Schulfrage. überall wo Ungarn mehrheitlich leben, seien sofort reine ungarische Schulen einzurichten und die serbischen zu schließen; sie bleiben nur in reinserbischen Orten unter strengster Aufsicht der Schulverwaltungen bestehen. Alle deutschen Schulen, bleiben bestehen wie bisher; auffällig dabei ist, dass bezüglich der Deutschen keinerlei neue Bestimmung der Besserstellung gegenüber der seitherigen, unter jugoslawischer Verwaltung existenten vorgesehen ist. Punkt 8 Versammlungs- und Vereinsrecht: Jede Form ausser der des Markthandels ist untersagt. Punkt 9 bestimmt die Militärgerichtsbarkeit, die sich nur mit den Straffällen zu befassen hat, die sich auf dem besetzten Gebiet ereignen. Die bürgerliche Gerichtsbarkeit im Straf- und Zivilrecht ruht, ebenso die Arbeit der Grundbuchämter. Punkt 10 hat die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung zum Inhalt insofern, als sie dermaßen eingeschränkt wird, dass Kaffe, Tee, Schokolade, Zucker und Kolonialwaren unter Verschluss zu halten sind. Bezüglich der industriellen Fertig- und Halbfertigprodukte wird eine Bestandsaufnahme angeordnet und die kriegswichtige Produktion unter Militärverwaltung gestellt. Punkt 11 hat die Flüchtlinge zum Inhalt, die hauptsächlich in diesen Tagen aus flüchtenden jugoslawischen Soldaten bestanden; sie seien einzufangen und in großen städtischen Räumen und Schulen zu verwahren. Punkt 12 betrifft die
Verkehrsrichtung, die auf der linken Strassenseite zu erfolgen hat und Rechtsüberholung vorsieht. Also bedeutete sie eine radikale Umstellung unseres Batschkaer Rechtsverkehrs in jugoslawischer Zeit. Punkt 13 bestimmt, dass die ungarische Zeitrechnung mit der verlegten Sommerzeit zu gelten hat. Punkt 14 verhängt eine sofortige Reisesperre ohne besondere Genehmigung, der Paketdienst ruht bis auf weiteres. Punkt 15 bestimmt die Beförderung zusammen mit Punkt 10 und die Ausnahmefälle, wie Geldbeförderung, Fahrten der Feuerwehr und des Roten Kreuzes. Die letzten Punkte 16 und 17 befassen sich mit der Truppenbewegung und ihrer materiellen Versorgung.

Alle diese ersten Militärmaßnahmen bekommen eine große Bedeutung, wenn wir uns an die zahlreichen Inzidente und sogen. oder tatsächlichen Verbrechen erinnern, die im Zuge des Einmarsches der ungarischen Truppen in die Batschka im Aprilkrieg verübt wurden. Die jugoslawischen Geschichtsschreiber beeilten sich auch mit manchen Untaten uns zu belasten. Gleich 1946 wurden zwei Bücher im Verlag Napredak, Neusatz herausgegeben: ‚Zlocini u Backoj i Baranji' /
Verbrechen in der Batschka und Baranva / und 'Zlocini u Sremu' / Verbrechen in Syrmien /, in denen mit viel Dokumentation das harte Vorgehen der ungarischen Truppen nachgewiesen wird. Das Schlimme für uns Batschkadeutschen war, dass wir als Mittäter genannt werden. Wüscht hat rechtzeitig alle einzelnen Beschuldigungen entkräftet. Ob und weshalb jedoch das ungarische Militär an Verbrechen beteiligt war, oder Maßnahmen unternahm, die später als Verbrechen ausgelegt wurden, kann leichter nachvollzogen werden, wenn solchen wie dem obigen Militärbefehl Rücksicht genommen wird. Durchweg kann aus allen Befehlspunkten eine äußerste Strenge gegenüber der serbischen Bevölkerung herausgelesen werden. So waren die schlimmen Folgen bei der Umsetzung von Bestimmungen, wie der ‚Internierung aller gefährlichen Elemente' oder der ‚Verwahrung von
Flüchtlingen', geradezu vorprogrammiert. Wir, die deutschen Zivilisten, konnten dabei nur die ängstlichen Beobachterrollen übernehmen.
 

Internierung der Serbenfreunde
Nach der Besetzung/Rückgliederung der Batschka durch Ungarn, erließ das ungarische Aussenministerium am 15.4.1941 einen "streng vertraulichen" Erlass (CL K 149. 9000. sz.) an alle Untergespanschaften des Landes bezüglich der Internierung aller serbenfreundlichen Elemente. Dieses Dokument – das 19. der 1986 gleichzeitig in Ungarn und Jugoslawien veröffentlichten Sammlung! – ist genau genommen der Freibrief, mit dem die Jagd auf alles 'nicht ungarisch Denkende und Handelnde' eröffnet wurde. Im ersten Absatz werden die serbischen Neusiedler ab 1918 allgemein zum engeren Kreis der Verdächtigen gezählt, an zweiter Stelle wird darauf verwiesen, dass bereits seit 1938 eine Verfügung existent sei, dernach Namenslisten von Verdächtigen durch Polizei und Gendarmerie anzufertigen wären.. Und jetzt wurde verlangt, dass diese
Namenslisten nochmals genau zu überprüfen, zu ergänzen und "gewissenhaft durchzusieben " seien.

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439  Im Folgenden zitiert aus einem Sonderdruck des deutschen Texts ohne  nähere Angaben.

440  Lorenz Kerner in Suevia Pannonica XIV (1996), S. 51.

441 Horthy-Magyarország részvétele Jugoslávia megtámadásában és megszállitásában 1941-1945, Zrínyi kiadó, Budapest,1986 – Dokumente aus der Sammlung des jugoslawischen Instituts für Kriegsgeschichte Belgrad und des ungarischen Kriegsgeschichtlichen Instituts und Archivs Budapest. Forscher, Autoren und Redakteure: Dr. Morva Tamásné, Dr. Josip Mirnic, Konstantin Pavlovic, Dr. Godó Ágnes, Dr. Liptai Ervin, Fabian Trgo, Antun Miletic   

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Diese auffallende Gründlichkeit des Vorgehens wird durch die Aussteckung ihrer territorialen Anwendung im Absatz drei noch bekräftigt. Alles was im Gebiet südlich der Ostwestlinie Balaton -Kacskemet - Körösfluss liegt, gilt als militärisches Einsatzgebiet, wo dieser Erlass zur strengsten Anwendung kommen sollte, dadurch dass auch die Armeeführungen mit den örtlichen Verwaltungen und Gerichten zusammenzuarbeiten haben, um höchste Effiziens zu erzielen. Als selbstverständlich wird auf die oberste Instanz der Militärgerichtsbarkeit hingewiesen. Zuletzt wird verlangt, dass die Arbeitsfähigen unter den Verdächtigen in besondere Zwagsarbeits-Einheiten einzuweisen seien, während die Arbeitsunfähigen in Budapest interniert würden.

Haarsträubende Zustände
Vielen Landsleuten unserer Erlebnisgeneration könnten sich noch immer die Haare sträuben, wenn sie an die brutale Umsetzung dieses Erlasses allein in der Batschka zurückdenken. Es gibt keinen Ort, wo dieser serbenfeindliche Erlass nicht brutal befolgt worden wäre. In Orten mit hohem deutschem
Bevölkerungsanteil entstanden automatisch Eindrücke, als ob auch Deutsche an der Hatz teilgenommen hätten. Wüscht untersuchte bald aus der Distanz eines Vertriebenen, der allerdings besten Zugang zu neutralen Koblenzer Quellen hatte, jede einzelne Schuldzuweisung an unsere Volksgruppe und fand - bei wenigen Ausnahmen - in keinem Batschkaer Ort Beweise für unsere Beteiligung an den Ausschreitungen gegen die serbischen Mitbürger.

Erst lange im nachhinein gibt nun ein ungarisches Dokument genaueren Aufschluss über die wahren Täter und ihre damaligen Vorgehensweisen. Datiert ist es bereits einen Tag nach dem oberen Erlass und trägt den Titel "A 10. dandár parancsnoksága I.B. osztálya a fosztogatást elkövetö katonákkal szemben szigoru inteszkedéseket helyez kilátásba" (Vorgehen des Befehlshabers der 10. Brigade, Apteilung I.B. gegenüber plündernden Soldaten) und wurde mit Feldpost Nr.20,41. IV.16.14h. verschickt. Sinngemäss heisst es darin: 'Es wurde festgestellt, dass im Zuge der militärischen Handlungen gegen die Tschetniks und im Laufe der Razien und Hausdurchsuchungen ohne Unterscheidung auch von der ungarischen und deutschen Bevölkerung aus Privatwohnungen, Geschäften, Warenlagern, usw. Wertsachen, Männer- und Frauenkleidung, Möbel und andere Mobilien sowie Geld und Lebensmittel entwendet wurden.Der Brigadenkommandör befielt, dass alle Militärfahrzeuge und die persönliche Habe der Soldaten nach fremdern Gut zu durchsuchen und dass dabei strengste Strafe anzudrohen sei. Um weitere Raubzüge und rechtswidrige Bereicherungen zu vermeiden, sind die Mannschaften dahingehend aufzuklären, dass Verstösse von dem Kriegsgerich abgeurteilt würden. Es wird Ergebnismeldung erwartet.

In diesem Tagesbefehl wird ein Zusammenhang zwischen Razien, Plünderungen und den Geschädigten hervorgehoben. Namentlich sollten Ungarn und Deutsche von Plünderungen verschont bleiben, während die Serben und andere Nationalitäten nicht genannt und somit fast suggestiv der Soldateska preisgegeben wurden. Die in Kriegen überall und zu jeder Zeit übliche Plünderung der Zivilbevölkerung durch die siegreichen Soldaten, fand somit auch in der Batschka statt. Aus dem Dokument geht aber eindeutig hervor, dass wir Deutsche auch hierbei nicht unter den Tätern, sondern unter den Opfern zu finden waren.

Standgerichte auch gegen Zivilisten
Zur Verschärfung des Strafbestandes der Plünderung kann noch der Befehl des ungarischen Oberkommandos Nr. 97.150 K.T 1941, vom 17. April, hinzugezählt werden, der die Stangerichtsbarkeit zum Inhalt hat. Die entsprechende gesetzliche Bestimmung aus der Friedenszeit des Jahres 1939 wurde von Oberbefehlshaber Werth bei Beginn des Aprilkrieges auf die militärischen Handlungen in den besetzten Gebieten ausgeweitet. Bis zum 30. Juni 41 werden mit Standgericht hauptsächlich Soldaten bedroht, die sich in der Truppe etwas zuschulden kommen lassen. Danach wird es aber auf alle Zivilpersonen ausgedehnt, die einer verbotenen Vereinigung angehören, an Aufruhr und Volksverhetzung teilnehmen oder diesen nicht anzeigen und den Kriegsgefangenen zur Flucht verhelfen. Daraus wird deutlich eine schnelle Reaktion sichtbar auf die Ausrufung des Volksbefreiungsaufstandes durch Tito in Weiskirchen und den Beginn der Partisanenwerbung auch in der Batschka.

Die ungarischen Besatzungs- bzw. Befreiungstruppen handelten also bei allen Aktionen in den Gebieten der Militärverwaltung streng nach Gesetzen und Befehlen. Ihre der Zivilbevölkerung auferlegte Kriegsordnung war so streng und wurde so genau angewandt, dass lange Zeit kaum ein Vergehen dagegen geschweige ein stärkerer Widerstand möglich war. Wir damaligen Schulkinder merkten kaum etwas vom Krieg. Hätten uns beim Schulbeginn im September 41 nicht plötzlich ungarische Lehrer zum teil gebrochen deutsch oder auch rein ungarisch begrüßt und gleich die ungarische Hymne üben lassen, an unserem Schüler-Alltag wäre der Kriegsbeginn spurlos vorüber gegangen.
 

Militärische Exekutive in der besetzten Batschka
Im Zustand des Kriegsrechts hatten in der besetzten Batschka, außer dem ungarischen Aussen- und Innenministerium, dem Oberbefehlshaber und Generalstab, auch der Kommandeur der 3. Armee als militärische Exekutive des rückgegliederten Gebietes das Recht selbständige ortsbedingte Befehle mit Gesetzeskraft zu erlassen und sofort durchzuführen. Nachdem der Rahmen der einer Internierung zuzuführenden Personengruppe vom Ministerium noch am 15. April gesteckt worden war, wurde mit der Feldpost 189/3-41 IV 21 allen Truppenteilen der "vertraulichen Befehl zugeleitet, demgemäss die Internierungslager für die – hauptsächlich serbische und jüdische Bevölkerung aber auch andere verdächtige Elemente – einzurichten seien. Wie es hieß, seien für die durchzuführende "massenhafte Internierung" solche Orte zu bestimmen, die das alltägliche öffentliche Leben und die allgemeine Ordnung nicht stören. Um das zu erreichen sollten folgende Punkte berücksichtigt werden.

Drei bis vier Internierungslager
1. Für die Batschka seien 3 bis 4 Internierungslager einzurichten, in denen „2000 bis 3000 Personen Platz haben, was ungefähr 10000 Personen ausmacht. Von diesen ausgesuchten Lagerplätzen ist wenigstens einer gleich funktionsfähig zu machen. Das Lager sollte von möglichst wenig Wachpersonal zu bewachen sein. Im Lager soll wenigsten ein Teil überdacht sein, damit Frauen und Kinder im Trockenen untergebracht werden können. In erster Linie sollten die Lager in solchen Orten eingerichtet werden, wo die meisten Dobrovoljzen {Kollonisten aus der Zeit nach 1918- d.V.) beheimatet sind, die ohnehin interniert würden und darüber hinaus imstande sein werden, für gewisse Zeit die dazukommenden Internierten mit Lebensmittel zu versorgen. Zweitrangig kommen als Lager in Frage leere Fabriken und Kasernen, sowie Warenlager und Meierhöfe. Ferner ist zu beachten, dass die Wege zur baldigen Aussiedelung der Internierten über Kroatien nicht zu lang und evtl. mit Donau- oder Theißschiffen durchzuführen seien. Nur wenn das nicht möglich ist, soll die Strasse Szabadka -Ujvidek in Betracht genommen werden, dadurch dass die Entfernung zwischen den Lagern nicht mehr als 20 bis 25 km beträgt. Für die Internierten ist von Anfang an für genügend Ruhemöglichkeit zu sorgen.
2. Die Einrichtung der Lager sollte mit möglichst wenig Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung geschehen. Wenn notwendig siond jedoch auch gewisse öffentliche Beeinträchtigungen und Schäden in Kauf zu nehmen.
3. Die Internierungsmassnahme und auch die Umsiedelung über Kroatien sind vorläufig geheim zu halten, damit eine zu frühe Bekantmachung die Durchführung nicht erschwert, bzw. Flucht, bewaffneten Widerstand und Bauernaufstand unmöglich macht.
4. Sollten die bisher verhafteten Einzelpersonen zahlenmässig Probleme verursachen, so sind sie ebenfalls in die Internierungslager der Familien zu verbringen.
5. Die materielle Versorgung ist nach dem bereits ausgegebenen Befehl mit einer halben Portion pro Person und Tag, sowie ohne Tabak vorzusehen. In Krankheitsfällen sind keine Krankenhäuser in Anspruch zu nehmen, sondern nur örtliche Zivilärzte hinzuzuziehen. In jedem Lager ist ein Haus als Pflegestation einzurichten und mit örtlichem zivilem Pflegepersonal zu belegen. Die medidizinischen Geräte und Mittel sind aus dem Militärdepot anzuliefern, im Bedarfsfalle können Militärärzte hinzugezogen werden. Die Kücheneinrichtung sowie der Lebensmittelbedarf sollen vor Ort besorgt werden. Den zu Internierenden wird die Mitnahme von Lebensmitteln für 6 Tage ermöglicht. Ansonsten fällt ihre Versorgung in die Zuständigkeit der nächstgelegenen öffentlichen Verwaltung. Zum Transport dieser Mittel sind in erster Linie die Fuhrwerke der Internierten in Anspruch zu nehmen, ohne Rücksicht darauf, ob die öffentliche Verwaltung sie stellen kann.

Undurchführbar strenge Bestimmungen
Zu den oberen Ausführungen ist jede Bemerkung überflüssig. Wir, als selbst ehemals Internierte, wissen, wie sich die papierenen Bestimmungen in der Praxis ausmachen. Nur in den seltensten Fällen ist ein Punkt in der Tat humaner, als in der Theorie. Auffallend ist für unsere Batschkaer Erlebnisgeneration, dass in der Durchführung die Internierung unserer fraglichen serbischen Nachbarn mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden war und letztendlich sogar massenhaft undurchführbar wurde. Schon bald hatten nämlich die ungarischen Befreier-Besatzer der Batschka mit anderen Problemen – vor allem mit der Lebensmittelversorgung der eigenen Bevölkerung – zu tun, als die ganzen Familien der Dobrovoljzen langwierig zu internieren. Man sah ein, dass es viel einfacher und billiger war, die Betroffenen gleich von Zuhause auszusiedeln, als sie vorher in Lagern zu sammeln. Wahrscheinlich blieb vielen Serben dadurch unser späteres Los erspart, das leider aus Jahre dauernder physischer und psychischer Tortour bestand, weil unsere Schergen keine schnelle Aussiedelung zuwege brachten oder bringen wollten.

Von ergänzender Wichtigkeit im obigen Zusammenhang ist eine Massnahme, deren Durchführungsbefehl etwa zur selben Zeit – am 22. April 1941 – vom ungarischen Generalstab herausgegeben wurde. Der "vertrauliche" Befehl an die örtlichen Militärverwaltungen bezog sich auf die hinterlassenen mobilen und immobilen Vermögenswerte der Dobrovoljzen und sonstigen zur Internierung und Vertreibung vorgesehenen Personengruppen. Sinngemäss heißt es da:

Die Felder der Dobrovoljzen
1. Die herrenlos verbliebenen Felder sind von den Bürgermeistern, geeigneten Vertrauenspersonen oder Bauern-Verwaltern zu unterstellen. Kleinere Stücke sind jenen sowieso noch in der Bodenreform zu erfassenden Feldern anzuschließen. Nur größere Felder bekommen eigene Verwalter. Vorläufig kann nicht mit Verwaltern aus Stammungarn gerechnet werden. Endgültige Regelungen sind in Vorbereitung. 2. Die herrenlosen Felder müssen gernäss des beigefügten Vertragsbeispiels verpachtet werden an solche ungarischen Bauern, die mit einer guten Ausrüstung die Bearbeitung
sichern. Wo zu diesem Zweck keine Ungarn zur Verfügung stehen, können Felder
! auch verlässlichen Personen anderer Nationalitäten überlassen werden. Alle irn Zuge der Enteigung freiwerdenden unbearbeiteten Bauernhöfe sind an verlässliche ungarische Bauern zu verpachten, sofern keine Besitzlosen ungarischen Landarbeiter der Gegend eine andere Regelung notwendig machen... Die vom vertriebenen Besitzer bereits getätigte Feldbearbeitung, Einsäung, Ernte und Einlagerung ist finanziell zu entschädigen. 3. über das enteignete lebende und tote Inventar seien genaue Listen in dreifacher Ausfertigung anzulegen und, nach Möglichkeit, eine Ausführung davon dem vertriebenen Besitzer auszuhändigen... Solche Hofgeräte und Haustiere, deren Verwahrung schwierig ist, sind zu versteigern und zugunsten des Besitzers auf ein Bankkonto einzuzahlen. 4. Die vertriebenen Besitzer sollen an der Mitnahme von Wirtschaftsgeräten oder Inventar nicht gehindert werden...
 
Schlussfolgernd wäre es ein Irrtum anzunehmen, dass diese Vertreibung der serbischen Dobrovoljzen so human verlief, wie sie schriftlich abgefasst wurde. Doch ganz gleich, wie ihre Wirklichkeit aussah, sie hält jeden Vergleich stand mit unserer Vertreibung. Andererseits wirft sie auch Schatten auf parallele Massnahmen im Banat, welche in der Folge der Besetzung durch deutsche Reichstruppen im April 1941 dort stattfanden. Von vagen Aufzeichnungen der dortigen Zeitzeugen, vor allem von Josef-Pepi Beer, wissen wir, dass zumindest mit Banater jüdischem Besitz ähnlich verfahren wurde. Die deutsche Gründlichkeitfand sicher auch in entsprechenden Militärbefehlen ihren Niederschlag. Vielleicht können wir eines Tages auch über sie berichten?
 

Vermögen und Zahlen der internierten Serben
Die Hatz der ungarischen Besatzungsmacht gegen die serbische Bevölkerung der Batschka dauerte etwa einen Monat, als sie der deutschen Kriegsleitung im von den Deutschen besetzten Kernserbien begann lästig zu werden. Was nämlich den Ungarn in der Batschka die Säuberung von den serbischen "unerwünschten Elementen" die Rückgliederung erleichterte, erschwerte den deutschen Besatzern dadurch das Leben, dass sie mit Massen nicht gerade freundlich gesinnter Ausgewiesener fertig werden sollten. Logisch, dass ein entsprechender Militärbefehl dringend wurde. Es war der des Befehlshabers der 2. Heeresleitung Süd vom 14. Mai 41 mit dem kurzen und bündigen Inhalt: Es wird dringend und mit allem Nachdruck gefordert, dass die Aussiedelungen und Vertreibungen aus den ungarisch besetzten Gebieten auf kernserbisches oder kroatisches Gebiet sofort einzustellen seien.
Der Nachdruck dieser Forderung wurde dadurch noch unterstrichen, dass eine Nichtbefolgung des Ersuchens sogar auf die deutsch-ungarische Waffenbrüderschaft Auswirkungen haben würde.

In der vom ungarischen Verbindungsoffizier dem ungarischen Generalstab übermittelten Forderung werden rund viertausend Personen genannt, die bereits aus der Batschka und dem Zwischenmurr-Gebiet ausgewiesen waren und auf weitere zweitausend, deren Ausweisung unmittelbar bevorstünde. Im dringenden Verlangen der Deutschen wurde sogar eine Rücksiedelung der Ausgesiedelten geplant. Doch da~ Letztere konnte durch Verhandlungen abgewendet werden, zumindest bis zu einer entsprechenden Abmachung zwischen höchsten ungarischen und deutschen Stellen. Jedenfalls wurde die Aussiedelung der Serben aus der Batschka gestoppt, von einer Rückkehr der bereits Vertriebenen wurde nichts verlautet, ist aber stark auszugehen.

Wirtschaftliche Interessen der Besatzer
Ein weiteres Dokument vom Mai 41 ist höchst aufschlussreich, weil es die wirtschaftlichen Interessen der Besatzer der reichen Batschka und des Banats aufzeigt. Wie bekannt, erhob Ungarn bei der Revidierung des Vertrages von Trianon auch Anspruch auf das Banat. Deutschland wollte aber mit Rücksicht auf den Verbündeten Rumänien diesem Anspruch nicht gerecht werden und besetzte es "bis zu einem siegreichen Kriegsende" selbst. Dadurch sicherte es sich bis auf Weiteres die Banater Ölfelder – die von deutschen Ingenieuren in den 2Oer und 3Oer Jahren erschlossen wurden – und alle anderen wirtschaftliche Ressourcen, hielt aber auch eine gerechte Option auf die Überschüsse Rumäniens und der Batschka offen. Die rechtlichen Handhaben für den Zugriff auf die landwirtschaftlichen Produkte der Batschka sind in einem "vertraulichen Protokoll " zwischen der ungarischen und deutschen Regierung, vom 8. Mai 41, erfasst.

Darin heisst es frei übersetzt, 1. Beide Seiten sind sich dahingehend einig, dass alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse des besetzten jugoslawischen Gebietes, bis ans Kriegsende, von Ungarn für die eigene Versorgung genutzt werden kann und alle Überschüsse an Deutschland und Italien abzugeben sind. Die ungarische Seite weist darauf hin, dass sie auch seither aus dem fraglichen Gebiet entsprechende Waren bezog, wie Hanf, Ölsamen, Ölpogatschen, und dass sie auch in Zukunft darauf Anspruch erhebt, was von deutscher Seite unterstützt wird. Die aus den betreffenden Gebieten ausgeführten Waren sind nicht zu den seitherigen Exportquoten zuzurechnen. Über die Ausfuhr von Schweinefleisch ist gesondert zu verhandeln, wenn es einen Überblick über den tatsächlichen Bestand gibt, da Budapest erhebliche zusätzliche Lieferungen beansprucht. (Vor allem in den größeren Städten Ungarns herrschte wegen der Kriegspriorität große Versorgungsnot der Zivilbevölkerung. Es gab nur wenig Fleisch und Fett auf Lebensmittelkarten. Im freien Verkauf hatten die Metzgereien meist nur Knochen und Schweinsfüsse anzubieten. d.V.) 2. Die ungarische Seite weist besonders darauf hin, dass sie seither erhebliche Mengen Erz und Metallprodukte aus den fraglichen Gebieten einführte und auch weiterhin auf diese dringend angewiesen ist zur Aufrechterhaltung seiner Volks- und Kriegswirtschaft. 3. Ungarn ist damit einverstanden, dass die jugoslawischen Gastarbeiter, welche früher in Ungarn und zuletzt in Deutschland arbeiteten, auch weiterhin dort verbleiben. Die deutsche Seite kann weitere Arbeitslager (vandormunkás taborozását) errichten, sobald das feste Versprechen der ehemaligen jugoslawischen Regierung verwirklicht wird, aus der Batschka und dem Baranyaer Dreieck weitere 4500 landwirtschaftliche Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen. 4. Die Zahlungsmodalitäten in Verbindung mit den Warengeschäften und Gastarbeitern werden weiterhin auf der Basis des 1935 getroffenen Abkommens auf Gegenseitigkeit kompensiert. 5. Ungarn übernimmt weiterhin die Besoldung der im ungarischen Heer dienenden Soldaten aus den von Ungarn besetzten Gebieten. 6. Sofern Deutschland auf den von Ungarn besetzten Gebieten Wertpapiere im Umlauf hat, ist Ungarn bereit diese einzulösen und die Beträge ohne Abzug an deutsche Banken zu überweisen. Über die Handhabung und den Erlös neuer Wertpapiere, die in dem von Deutschland besetzten Gebiet herausgegeben werden, ist gesondert zu verhandeln. 7. Es besteht volle Einigkeit darüber, dass betreffend der Verbindlichkeiten zwischen Jugoslawien und anderen Staaten allein die jugoslawische Staatsbank verantwortlich ist. Für ihre Liquidierung ist eine besondere Vereinbarung notwendig. 8. Über die deutschen Interessen in Bezug auf die Mineralölprodukte aus Jugoslawien ist noch gesondert zu verhandeln. – In zwei Ausfertigungen unterschrieben in Budapest am obigen Datum.
 
Momentresümee d. V.: Dieses Protokoll ist eines von vielen, welches als dichtes Netz, ab dem Einmarsch der Ungarn, unsere Batschka überzog und fest verschnürte zur effektiveren Ausbeute. Ähnliche Abmachungen gab es höchstwahrscheinlich mit allen an der Seite Deutschlands in den Zweiten Weltkrieg verwickelten Ländern Europas. In deutscher Gründlichkeit verfasst zeigen sie eindeutig, dass Deutschland ohne sie keine 5. Jahre hätte gegen die restliche Welt – zuletzt 52 Staaten – Kriegführen können.
 

Kommissarische Leitung der Betriebe
Am 21. Mai 1941 gab das Oberkommando der Honved den 17. Kriegsrechts-Erlass heraus, speziell betreffend die neu besetzten Gebiete, u.a. der gesamten Batschka. In ihm wurden alle Betriebe, ganz gleich wem sie gehörten, unter kommissarische Leitung gestellt und so ganz der Kriegswirtschaft unterordnet. Weil ein Großteil der betroffenen Betriebe in Deutschem Besitz war (gemäss unserer Dokumentation ca. 47 %), bildete dieser Erlass für die meisten einen lebenswichtigen Einschnitt, weil er von der Lagerhaltung bis zur Freistellung vom Kriegsdienst alle betrieblichen Fragen auf einen Schlag der privaten Leitung enthob und einem nicht zimperlichen Kriegsregime unterstellte. Die vier Abschnitte des Erlasses hatten sinngemäss folgenden Inhalt.
 
1.: Zur Versorgung der Honved und der Bevölkerung werden alle Betriebe der Industrie und des Handels bei Bedarf zur Fortsetzung ihrer Tätigkeit verpflichtet und, wenn nötig, kommissarisch von Regierungsbeauftragten geleitet. 2.: In den besetzten Gebieten haben sich alle Betriebe, ganz gleich ob sie der Kriegswirtschaft unterstehen, diesem Erlass zu unterordnen, a) wenn sie aus irgendeinem Grund ohne Leitung sind oder wenn die Leitung aus Staatssicherheitsgründen abgelöst wird; b) wenn sie – obwohl dazu in der Lage – aus irgendeinem Grunde die Auflagen der Kriegswirtschaft nicht erfüllen; c) wenn sie zur Aufrechterhaltung der Produktion Kredite in Anspruch nehmen. 3.: Die amtlichen Kommissare sind mit Papieren, unterschrieben und abgestempelt von dem Honved-Oberbefehlshaber, zu versehen. Sie haben sich dem ihnen unterstellten Betrieb persönlich vorzustellen und auszuweisen. Sie sind bei der Amtsübernahme darauf hinzuweisen, dass sie für die geordnete Tätigkeit des ihnen unterstellten Betriebes strafgesetzmässig verantwortlich sind.

Allgewaltige Kommissare
Vor Antritt ihrer Tätigkeit haben die Kommissare einen Eid abzulegen vor dem örtlichen Kornmandanten mit der Formel folgenden Wortlautes: " Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, dass ich meine amtliche kommissarische Verpflichtung nach bestem Wissen und Gewissen erledigen werde, den militärischen Befehlen nachkommen und die mir zu Gehör kommenden militärischen Geheimnisse nicht preisgeben werde. So wahr mir Gott helfe." Von der Vereidigung ist ein Protokoll zu erstellen, welches, unterschrieben, auf amtlichem Wege – mit der Feldpost – an das Oberkommando zu leiten ist. über die Person des Kommissars sind alle örtlichen Ämter, Bezirks-Gerichte und -Kammern über die amtlichen Blätter in Kenntnis zu setzen. Die Militärverwaltung wird darüber hinaus für eine allgemeine Bekanntmachung auf dem besetzten Gebiet sorgen. 4. Abschnitt: Der staatliche Kommissar ist der alleinige gesetzliche Vertreter des ihm unterstellten Betriebes und die Rechte aller übrigen leitenden Personen ruhen. Dementsprechend ist der Kommissar berechtigt, alle notwendigen Mittel zur Erhaltung der Produktion einzusetzen, wenn es sein muss Teile davon zu veräussern oder auch ganz den Betrieb einzustellen, Forderungen einzutreiben, über Material, Maschinen und Werkzeuge nach Bedarf verfügen und neue rechtsvertraglich zu kaufen. Die immobilen Werte des ihm unterstellten Betriebes darf er nicht verkaufen. Nur nach vorheriger Genehmigung durch das Oberkommando darf er Hypotheken auf die Grundstücke neu eintragen und solche löschen lassen; den Betrieb teilweise oder ganz vermieten; Betriebseinrichtung, Maschinen und Ausstattung mehr als für sechs Monate vermieten; die Betriebsleitung mit Vollmachten auszustatten oder ihr solche zu entziehen; für mehr als ein Jahr Einstellungsverträge schließen und Angestellte aus dem Arbeitsverhältnis entlassen. Abschnitte 5) bis 7) beziehen sich auf Lagerhaltung, Buchführung und profane Abwicklung der . Arbeitsübertragung. 8. Absatz: Sofern der Kommisar aus Versehen oder Absicht dem Betrieb Schaden zufügt, ist er dafür dem Betriebsinhaber haftbar. Wenn er jedoch, durch militärische Massnahmen bedingt, dem Betrieb einen Verlust verursachen muss, so ist er dafür nicht haftbar... über seine Tätigkeit ist er zu monatlicher Rechenschaft dem Oberkommando verpflichtet. Das Entgelt für seine Tätigkeit ist dem Betriebsinhaber in Rechnung zu stellen. Der Kommissar kann jederzeit von seinem Posten abgelöst oder versetzt werden...In dem Zusammenhang werden bestimmte Massnahmen getroffen... -Unterschrift eines stellvertretenden Oberkommandierenden.

Zusammenfassend kann aus unserer Dokumentation über die Folgen so eines Kommissariats in einem der größten Batschkaer Betriebe, der Kramer'schen Schiffswerft in Apatin, kurz noch einiges Konkrete nachgefügt werden. "1941 erfolgte die Besetzung der nördlichen Teile von Jugoslawien durch ungarische Truppen. In der Wirtschaft und auch im Schiffbau bei Kramer ging alles seinen normalen Weg weiter – sieht man davon ab, dass für die Schiffwerft ein Zwangsverwalter bestellt und nach einiger Zeit durch einen Bevollmächtigten Militärkommandanten ersetzt wurde. Die daraufhin abgewickelten Neuaufträge kamen aus Budapest oder von der Deutschen Wehrmacht... Mitten im Krieg, 1942, wurden der Werft Großaufträge seitens des Großdeutschen Reiches erteilt, wobei die ungarischen Regierungsstellen in Budapest nur eine Mittlerrolle spielten, nachdem die Schiffswerft inzwischen zu einem kriegswichtigen Betrieb erster Rangordnung erklärt worden war... (Zitat aus dem Heft: Donauschwäbisches Archiv Reihe V, Apatiner Beiträge, Heft 11)

Zur abschließenden Projektion: Sofern die Betriebe kriegswichtig .waren, wurden sie mit genügend Rohstoffen versorgt. Aufträge hatten auch kleinere Betriebe genug. Sie pünktlich auszuführen war aber nur denen möglich, die noch vor dem Krieg ein gutes Materiallager aufgestapelt hatten und denen nun nicht die Belegschaft durch Musterungen auf ein Minimum dezimiert wurde, oder denen der allmächtige militärbeauftragte Kommissar das Leben nicht versauerte.
 

Wirtschaftliche Beuteteilung
Die ungarische Kriegswirtschaft breitete bereits im Mai bzw. Juni 1941 so gekonnt und genau seine Fittiche über das besetzte jugoslawische Gebiet, dass man im Nachhinein den Eindruck gewinnt, als ob dies nach einem lange vorher festgelegten Plan hin erfolgte. Die entsprechenden z.T. vertraulichen
Abmachungen und Protokolle über die Nutzung der wirtschaftlichen Ressourcen zwischen dem Deutschen Reich und Ungarn sind knapp und treffend abgefasst und beziehen sich in erster Linie auf die Mineralöl-Vorkommen der besetzten Gebiete, die bekanntlich mehrheitlich im Banat lagen. Den Ungarn waren die schriftlichen Abmachungen deshalb wichtig, weil das Reich mit dem Banater Rohöl nur den "Eigenbedarf" decken und keinen Handel treiben sollte. Dazu brauchte nur ein bereits im Mai 1940 zwischen dem ungarischen Wirtschaftsministerium und der deutschen Firma Winterschall AG geschlossener Vertrag auf die neue Lage ausgedehnt werden. Aus den rund sechs Punkten des "vertraulichen Protokolls" vom 30.5.41 geht hervor, dass die Abmachung präzise die Interessen des Krieges berücksichtigte und nur für seine Dauer Geltung haben sollte. Eine Enteignung der Jugoslawen oder gar ihre Entschädigung wird nicht erwähnt. Das Kriegsrecht machte alles möglich. Der Banater Öl- und Gasfluss, der als einer der reichsten in Europa gelten kann, wird 1941 einfach von den Kriegsverlierern zu den Siegern umgeleitet. .

Mehr Schwierigkeiten hatte man beim Neu- und Umverteilen der großen serbischen
landwirtschaftlichen Betriebe der Batschka und der sog. Felder der Dobrovoljcen. Eine einfache Enteignung genügte nicht, da ein Feld laufend bearbeiten werden musste, wenn es Erträge bringen sollte. Die Umschreibung hätte einfacher erledigt werden können, wenn man alle serbischen Besitzer (wie nachher uns) hätte vertreiben können. Da das deutsche Veto dies nicht zuließ, gingen die Ungarn dezidierter vor. Zuerst besetzten sie das Neusatzer Jugoslawische 'Amt für Agrarreform' durch eigenes Personal aus dem Budapester 'Siedlungsamt' der Nádor Strasse. Danach wurde vom neuen nun ungarischen Amt in Neusatz an alle Batschkaer Ortsverwaltungen ein Erlass verschickt (11/1941Bpk Ujvidek), demnach alle ungarischen Kleinlandwirte und Besitzlosen, die Anspruch auf enteignetes Feld gelten machen wollen, listenmässig zu erfassen seien. Vorzug hatten die Familien mit drei und mehr Kindern und solche aus denen jemand im Ersten Weltkrieg auf österreich-ungarischer Seite kämpfte; inbegriffen die Kriegswitwen und -waisen. Um die Kontinuität der Feldbearbeitung zu sichern, sollten die neuen ungarischen Besitzer nachweislich über genügend Arbeitskraft und etwas eigenes Geld zum minimalen Gerätekauf verfügen, damit ihnen die zugeteilten Parzellen nicht wegen Vernachlässigung bald wieder abgenommen werden müssten. Eingetragene Besitzer würden sie ohnehin nicht, nur eingetragene Dauerpächter, die pünktlich, wenn möglich im voraus, eine Pachtgebühr zu zahlen hätten. Endgültige Besitzer würden nur solche Pächter, die ihrer Arbeits- und Pachtzins-Pflicht gut nachkämen. Die Listen der Anspruchserhebenden und -berechtigten sei bis 1. Juli 41 dem Neusatzer bzw. Budapester Siedlungsamt einzureichen.

Ausmaß der Umverteilung
Damit sich der Leser ein Bild über das Ausmass der Umverteilung ein Bild machen kann, seien einige Fussnoten der Dokumentation wiedergegeben: Im Laufe der jugoslawischen Bodenreform nach dem I. Weltkrieg wurden bis 1939 in der Batschka an 52615 Personen 192462 Kat-Joch Feld verteilt. Das verteilte Feld stammte aus Großgrundbesitz und machte einen Anteil daraus von 47,82%; die restliche Fläche von 52,18% wurde den Großgrundbesitzern belassen. (Aus der Tscherwenkaer Chronik von Albrecht wissen wir, dass die Farn. Fernbach bei der Bodenreform sehr stark betroffen wurde, so ähnlich wie eine Reihe weiterer deutscher und ungarischer Besitzer; Genaueres über die gesamte Reform in: 'Dr. Nikola Gacesa: Agrarna reforma i kolonizacija u Backoj 1918-1941, Novi Sad, 1968, -d. Verf.) Jedenfalls wurden bei der ungarischen Erfassung 1941 rund 139000 KJ Feld den 6912 Dobrovoljcen und anderen Nutzniessern der jugoslawischen Zwischenkriegsrefom weggenommen. In welchen Ortschaften das enteignete Feld lag, geht aus einer Auflistung hervor, die neben der Besitzumschreibung auch die Ortsnamen magyarisierte: Die sehr auf fromm-katholisch getrimmten Ungarn erlaubten sich bei den rund 25 erfassten Siedlungen solche Umbenennungen, wie Srednji Salasi = Istenhozott (Gottesgruß), Nova Crvenka = Istenvelünk (Gott mit uns), Milosevo = Gottesfeld, Sveticevo = Gotteshand, Karkatur = Gottesauge, Njegusevo = Gottessegen... Die Scheinheiligkeit in der Anrufung eines Gottessegens bei einer meist arme Landwirte betreffenden Untat ist dabei so offensichtlich, dass sie kaum von Oben erhört werden konnte und der Massnahme auch nicht den dauerhaften Erfolg sicherte.
 

Eilige Musterung
Wie ‚weitsichtig' die ungarischen Besatzer der Batschka ihre Kriegspläne verwirklichten, geht ans dem ersten Musterungsbefehl hervor, der am 9. Juli 41, (Nr. 43921 d. Honvedmin.)für die 'rückeroberten Südgebiete' herausgegeben wurde. Die Eile war deshalb geboten, weil die deutschen Besatzer des Banats mit viel halblauter Vehemenz schon ab Mai 41 Freiwilligenwerbung auch unter den Batschkaer Deutschen betrieben. Von dieser deutschen Werbung hatten die donauschwäbischen Jugendlichen der Batschka schnell Wind bekommen, so dass sie sich nun,bei der Bekanntgabe der ungarischen gesetzlichen Musterung, in vielen Fällen lieber im Banat freiwillig meldeten, als zu den Ungarn einzurücken. Genaue Zahlen für die freiwilligen bzw. gemusterten Erfassungen des erstrangigen Jahrgangs 1920, bzw. der zweit- und drittrangigen Jahrgänge 1919-18 werden im Dokument nicht genannt. Lediglich die Tatsache wird unterstrichen, dass viele der deutschen Jugendlichen nur auf Musterungslisten erfasst, doch nicht einberufen wurden. Dies hauptsächlich, weil sie unter die vielfältigen beruflichen oder wirtschaftlichen Freistellungen fielen.

Musterung und Freistellung
Neben den allgemein wirtschaftlich Unabkömmlichen einzigen Söhnen, die zuhause bleiben konnten, werden im ungarischen Musterungs-Aufruf gesondert alle Angehörigen folgender Berufe genannt: Riemer, Sattler, Hufschmied, Schmied, Schneider, Schuster, Autoschofför, Prothesenhersteller, Waffenschmied, Schiffszimmermann, Fahrradmechaniker, Rundfunkmechaniker, Maschinenmontör,
Lederer, Kupferschmied, Fotograf, Lithograf/Kupferstecher und Druckereifachmann. Die nicht kommentierte Berufsliste lässt jeder Fantasie freien Lauf, erstens, weil es scheint, dass die Ungarn noch nichts von den massiven Kriegsplänen der Deutschen (Barbarossa) wussten, bzw, dass sie den Ereignissen nicht vorgreifen und ihre heimische – somit auch die Batschkaer – Wirtschaft noch optimal in Gang halten wollten. Was sie bei der Musterung aber grundsätzlich von den Deuschen unterschied, ist die Tatsache, dass auch – und namentlich – der jüdische Nachwuchs der Jahrgänge 1916-19 gemustert wurde. Die einzige Einschränkung, die man bei den Juden machte, war ihre Einberufung in Arbeitsbrigaden oder in spezielle Dienste, die ihren 'Fähigkeiten' entsprachen: Ordonanzen, Leibfotografen in Offiziersstäben u. a., eben nicht für erstrangigen Frontdienst mit der Waffe. Diese speziell ungarische 'Diskriminierung' rettete jedenfalls vielen von ihnen das Leben. (Lange nach dem Krieg hatte ich Gelegenheit, viele von ihnen im Szegeder jüdischen Altersheim zu sehen; ausführliche Informationen über sie konnte der greise Bela Liebmann geben, der den ganzen Krieg als Spitzenfotograf in obersten deutsch Offizierskreisen überlebte. Hätte im letzten Kriegsjahr nicht Eichmann mit dem unerbittlichen Stahlbesen in Ungarn alle Angehörigen der im rettenden Arbeitsdienst tätigen Juden in die KZs gefegt, das ungarische Judentum wäre äusserst glimpflich davon gekommen).

Wie bekannt wurde unsere Batschkaer Jugend, bis auf wenige Einzelne – z.B. in Apatin ein-zwei Fälle, die sich freiwillig zur Honved meldeten – von der ungarischen Musterung verschont. Dafür traf sie aber die Abmachung zwischen Ungarn und dem Reich umso härter, die 1942 im Februar getroffen wurde (mit Kroatien schon im Sept. 41 und mit Rumänien erst im Mai 1943) und die eine Musterung aller deutschen Jahrgänge zwischen 19 und 30 Jahren beinhaltete. Wie es heisst sollten nur zwanzigtausend Ungarndeutsche gemustert werden, doch weil sich viel freiwillig meldeten,  wurden es über 25 tausend. Unter ihnen waren rund 12800 Batschkadeutsche, von denen waren 94l6 tauglich und kamen mit 4173 zur SS sowie mit 5243 zur Wehrmacht.
 
 
Aufstand der Titopartisanen
Eine Wende im Verhalten der ungarischen Besatzer der Batschka und Baranya brachte der Aufstand der Tito-Kommunisten in Weißkirchen im Juli 41. Nachdem "Barbarossa" gegen die Sovjetunion im Juni angelaufen war und die Ungarn an der Seite der Deutschen gen Osten zogen, verschärfte der Aufruf Titos an die gesamte jugoslawische Jugend, sich ihm und seinen Partisanen anzuschließen, wesentlich die Gegenmassnahmen der Batschkaer ungarischen Militärverwaltung. Wie bekannt beinhaltete der Aufruf Titos zum Aufstand auch den sofortigen Beginn der Sabotage-Aktionen überall im Lande, worunter in der Batschkaer Kornkammer hauptsächlich die Brandschatzung der reifenden Feldfrüchte, in erster Linie des Weizens am Halm und auf den Kreuzen und Druschtristen, fiel.
Noch bevor der Feuerteufel recht in Rage kommen und die Batschkaer – hauptsächlich deutschen – Bauern Schutzmassnahmen dagegen einleiten konnten, wurde an alle südungarischen Staatsanwaltschaften der geheime Militärerlass Nr. 313/kat.1941, vom 12. 8. 41, verschickt, in dem die genaue listenmässige Erfassung gefordert wurde (die wievielte Schon? d.V.) : 1. aller Kommunisten und ihrer Sympathisanten; 2. der Personen russischer Abstammung, mit Ausnahme der
nach dem Ersten Weltkrieg von den Bolschewisten aus Russland Vertriebenen; 3. der Emigranten, die sich nach 1918 in der Batschka und Baranya niedergelassen hatten. Wie sehr dieser Erlass unsere engere Heimat betraf, geht aus dem Verfasserort hervor, der die Militärverwaltung von Sombor als Absender angibt und namentlich auch den gemischtnationalen Ort Bereg zum Zielpunkt hat. Doch wie bei allen vorhergehenden listenmässigen Erfassungen, wird nirgendwo über ihren Effekt berichtet. Es war eben nicht leicht, aus einem Schriftstück greifbare Tatsachen zu machen, solche, wie sie etwa ohne die erhöhte Kriegshektik, durch "Barbarossa" einerseits und Titos Aufstand andererseits, in einer ruhigen gerichtlichen Untersuchung aller "Verdächtigen" möglich gewesen wären.

Die Zeit drängte, und so mussten die Ungarn sofort etwas greifbares unternehmen. Kaum begannen hie und da reifende Weizenfelder zu brennen, so hatte man auch schon zwei Missetäter ergriffen und standrechtlich abgeurteilt. Unter 97.405/41, vom 15.8.41, berichtet das Oberkommando Süd der Honved dem Kriegsministerium in Budapest, daß vom Szabadkaer Kriegsgericht zwei Personen, mit Namen Josef Licht und Ferenc Hegedüs, beide Szabadkaer Bürger, wegen Brandstiftung auf dem Feld zum Tode durch den Strang verurteilt und am seIben Tag hingerichtet wurden. In der Fussnote zum nackten Bericht wird erläutert, dass die Brandstiftungen auf den Feldern zweier slawischer Bauern, Mladen Miatov und Stepan Paramasovic, erfolgten und dass noch als verdächtige Personen bzw. Täter verhaftet wurden die Szebadkaer Bürger: Georg Heisler, Johann Blum und Faul Schaffer, während Konstantin Lackenbach gleich nach der Verhaftung flüchtete. Im gesonderten Prozess wurde Heisler zu 12, Blum zu 7 und Schaffler zu 9 Jahren Haft verurteilt. Anmerkung: Für uns Batschkadeutschen scheint es paradox, dass als erstes Exempel in der Partisanenbekämpfung hauptsächlich deutsche Namen als überfürte und abgeurteilte Täter genannt werden. Könnte es nicht sein, dass hier eine örtliche Racheaktion eine Rolle mitspielte, die mit falschen Zeugen und
Schauprozessen für etwas jemanden Verurteilte, dessen 'Untaten' auf anderen Gebieten zu suchen waren. So oder so, der reife Weizen brannte und die Batschkaer Bauern mussten schnellstens die Bewachung ihrer Felder rund um die Uhr organisieren.

Bewachung der Weizenfelder
Das taten Sie, wie wir wissen, recht gründlich, indem alle verfügbaren Männer paarweise und 4-6stündig jede Nacht – tagsüber nur sporadisch – durch ihre Gemarkungen gingen und alle verdächtigen Elemente verscheuchten. Was aus der ersten standgerichtlichen Aburteilung nicht sichtbar wird, beweist ein Dokument vom 17. Sept. 41, Nr.18053, mit dem Titel: ‚Zusammenfassender Polizeibericht an das Innenministerium zur kommunistischen Bewegung in Sombor und Umgebung'.
Keinesfalls waren es deutsche oder überwiegend ungarische Namen, die in diesem 'vertraulichen' Bericht als Saboteure und aufständische Brandstifter im Namen der kommunistischen Bewegung Titos genannt werden. Zuerst werden die im Juli 41 gegründeten kommunistischen Zellen einiger Ortschaften des Kreises Sombor aufgelistet und die Anführer namentlich genannt, gesondert  Erwachsene und Jugendliche, wobei in einem Fall eine Person als bereits hingerichtet erwähnt wird. Vergeblich also die Hervorhebung der beiden Szabadkaer Nichtslawen als aktiver Gegner der ungarischen Besatzer. die Masse der Aufständischen nach Titos Aufruf birgt keinen einzigen deutschen Namen mehr. Überwiegend sind es Serben, Schokatzen und Bunjewazen. die angeblich aus sozialer Not (in Wirklichkeit aber aus nationalem Hass - Anm. d.V.) dem kommunistischen Aufruf zum Aufstand folgten und die Anweisungen über die wirkungsvollste Art der Sabotagen in die Tat
umsetzten.

Rezepte der Feuerteufel
„Zur leichtesten Entzündung der Weizenkreuze, vor dem Drusch und auf der Triste, nehme man 8-10 Phosphor-Streichhölzer und binde sie in einen petroleumgetränkten Lumpen“, heisst es in der Anleitung zum Bau einer sicheren selbstentzündbaren Feuerquelle. Der Lumpen ist in das Weizenkreuz zu binden, so dass er sich bei der Reibung in der Dreschmaschine selbst entzündet; Tristen sind damit auch sicher direkt entzündbar. Weiterhin wird im Namen der Revolution verlangt, dass Schweine, vor allem gemästete, zu vergiften seien; elektrische und telegrafische Leitungen könne man am besten mit einem trockenen Hanfseil herunterreissen; an Eisenbahnschienen sind die Schrauben zu lockern; alles was die Honved an Gebrauchsgegenständen nutzen kann, sei unbrauchbar zu machen. Um für den Fall der fremden Diversion gewappnet zu sein, sollten männliche Kleidungsstücke gesammelt und bereitgestellt werden, damit landende Fallschirmspringer sofort zivil eingekleidet werden könnten. Von diesen theoretischen Anweisungen wurden nicht nur alle wortgetreu erfüllt, sondern es kamen in der Tat noch viele weitere hinzu, so dass ab Sommer 1941 unsere Batschka den Partisanenkrieg vielfältig beunruhigend zu spüren bekam.                    

Dokumentierte Sabotage
Wie ernst es den Batschkaer Partisanen und ihren kommunistischen Führern mit der konkreten Sabotageanweisung war, welche Schäden sie bereits im Juli und August 1941 an der Ernte verursachten – aber auch wie die Militärjustiz darauf schnell und mit äusserster Strenge reagierte –  geht aus einer Zusammenfassung des Suboticaer Militärgerichts hervor. In der erst nach der Aburteilung der Täter, am 14. u. 15. Nov. 41, veröffentlichten rationellen und tabelarischen Auflistung werden in zehn Spalten vom Sabotageort, über die Art und das Datum des Geschehens, Name und Zeitpunkt der Verhaftung der Täter und ihre Verurteilung präzise aufgeführt. Für Kriegshistoriker ist das aufgearbeitete Geschichte, uns interessieren hier keine Namen (die allen drei großen Batschkaer Nationalitäten zugeordnet werden), sondern nur die im vorigen Abschnitt mit den Sabotageanweisungen für die Partisanen erwähnte Art der praktisch wie effektiv durchgeführten Diversionen. Sie sind nicht nur als Dokumente für die brutale Vorgehensweise gegen die Grundnahrung der gesamten jugoslawischen Bevölkerung – auch der serbischen, die mehrheitlich gegen die ungarischen und deutschen Besatzer eingestellt war – zu verstehen, sondern sie widerspiegeln den rücksichtslosen Zerstörungsdrang der Titoanhäger am eigenen Hab und Gut, den
nach dem Krieg keiner der Sieger so wahrhaben wollte. Den Schaden, den die Partisanen in den ersten Tagen des Aufstandes an den leicht brennbaren, reifen Weizenfeldern verursachten, setzten sie anschliessend an allen übrigen vermeintlich oder tatsächlich wichtigen strategischen Objekten fort, um nach dem Krieg zu behaupten, dass die Besatzer und ihre verhassten innländischen Helfershelfer –  also wir Donauschwaben – für alle Kriegsschäden zur Verantwortung zu ziehen, zu vertreiben oder lieber gleich ganz zu vernichten seien.

Vergehen an der Brotfrucht
Die wesentlichen Sabotagen ab Szabadka südwärts: Auf dem städtischen Hoter werden 2 Salasche, 5 Weizentristen und 30 Joch Feldfläche abgefackelt; in der Somborer Umgebung kommt auf drei Salaschen die selbstzündende Technik zur Anwendung: mit Petroleum getränktem Hanf, in den Fhosforhölzer gewickelt wurden, die sich beim Anstoss entzündeten und damit Weizenkreuze und –tristen abbrannten; dieselbe Technik wendet man in Katsch bei Kreuztristen an; in Futok dasselbe bei nicht weniger als 580 Weizenkreuzen, was ca. 300 Säcke Frucht vernichtet; auf Schabaljer Gemarkung gehen beim Drusch ganze Tristen in Flammen auf, weil sie an verschieden Stellen auf unerklärliche Weise – einmal zusammen mit der Dreschmaschine und dem Elevator – entzündet wurden; auf dem Jareker und Budisawer Hoter werden zwei zum Drusch vorbereitete Weizentristen angezündet, mit einem Schaden von 2.200 Pengö (1 Laib Brot = 2 Pengö) und eine Hanftriste dito im Wert von 27.000 Pengö; bei Kabol brennt nachts eine Dreschmaschine ab; in Obetsche entsteht ein Brandschaden an Weizentristen in Höhe von 6.000 Pengö; das vorwiegend von Slawen bewohnte Dorf Zsabalj/Josefsdorf bei Neusatz erleidet besonders große Brandschäden an Kreuzfrucht und Strohtristen; auf Altkerer Gemarkung gar entstehen durch ganz gemeine Brandschatzung an 3 großen Hanftristen und 55 zum Transport bereitgestellten Waggon voll reiner Hanffasern ein Gesamtschaden von 255.000 Pengö; ungefähr derselbe Schaden entsteht in Petrovac bei Neusatz; und schließlich für Neusatz wird angeführt, dass ein Mühlenlager, ein Fruchtlager beim Aufkäufer und ein Heuwagen während der Fahrt angezündet wurden… Soweit nur ungefähr die Liste der Beschuldigungen, auf Grund derer einige Todesurteile vom Suboticaer Militär- und Schnell-Zivilgericht an den gefangenen Tätern vollstreckt wurden.
 
Mag sein, dass in der Hektik der Strafaktion ein-zwei Unschuldige dran glquben mussten, aber wer die ungarischen Besatzer der Batschka in solchen Strafaktionen erlebte, wird nicht daran zweifeln, dass im Anschluss an sie eine Zeit Frieden war und ruhigere Erntearbeit möglich wurde. Die Namensliste der Abgeurteilten ist bekannt, doch ergibt sie im Bezug auf die nationale Zugehörigkeit der Genannten kein klares Bild: Wie schon bei vorgehenden Aktionen und Razien kommen verhältnismässig viele nichtslawische Namen darin vor. Zu viele, wenn man dem "Lexikon des Volksbefreiungskampfes in Jugoslawien" (Lexikon Narodnooslobodilacke borbe Jugoslavije) glauben darf, in dem alle nichtslawische Angehörige der Partisanenformationen stolz angeführt werden. Die ersten Diversanten-Helden, die für ihre Taten zu Tode verurteilt wurden, konnten durchaus den Fronthelden gleichgestellt werden und wurden nach dem Krieg auch posthum zu Volksheroen ausgerufen.
 

Akten des Militärgerichts
Alle Sabotageaktionen in der Batschka und dem Zwischenmurrgebiet aus dem Jahr 1941 werden im Bericht des Obersten Ungarischen Militärgerichts der Südgebiete, vom 1. Dez. 41, aufgelistet und an das Oberkommando in Budapest gesandt. In ihm sind, außer den Namenslisten der 342 Schnell- und Standgerichtlich abgeurteilten Personen, der 93 zum Tode Verurteilten und 64 Hingerichteten,
sowie der noch in den Gefängnissen auf ihren Prozess Wartenden – einschließliche Gesamtzahl von ca. 500 –  auch die 8 Lokalgerichte gennant: Neusatz mit 37 Standgerichten (26 Vollstreckungen), Subotica 17 (12), Ada 11 (5), Altfutok 12 (2), Petrovac 13 (3), Zenta 15 (2), Altbetsche 16 (6). Mit Muraszombat 14 (8) sind es 135 zum Tode Verurteilte und 64 Hingerichtete, die im Begleittext als der Kern des Aufstands gegen die ungarischen und deutschen Besatzer und ihres Regimes und wirtschaftlichen Kriegspotentials genannt werden. Alle Abgeurteilten seien Angehörige der kommunistischen Einheiten der Volksbefreiungsbewegung Jugoslawiens, die den "Lenin-Brief" mit Sabotageanweisungen des Zentralkomites aus Belgrad in die Tat umsetzten.

Als ihre obersten lokalen Führer stechen auf der Liste drei bekannte und im Tito-Jugoslawien zu höchstem Ruhm gelangte Namen hervor: Svetozar Markovic, Zarko Zrenjanin und Radivoje Cirpan. Der erste machte sich als führender Ideologe, Herausgeber der beiden Partisanenblätter „Istina"
 und "Slobodna Vojvodina" einen Namen und wurde durch seinen Tod fürs Vaterland (im Febr. 43 endete er in Neusatz am Galgen) zum Held des Volkes; der zweite war der lokale Partisanen-Führer i. d. Vojvodina und starb im Kampf im Nov. 42 den Heroentod; der dritte war der Führer der Batschkaer Diversanten und fiel bereits im Herbst 1941 als „narodni heroj“. Stellvertretend für die "ewige Verehrung" dieser drei und aller übrigen herausragenden Helden in Titos Jugoslawien sei nur soviel hier angemerkt: Nicht lange nach Titos Tod und lange vor dem Sturz des Milosevic wurden die meisten zu Ehren der Heroen auf deren Namen benannten Städte, Gemeinden und Plätze wiueder auf ihre Vorkriegsnamen umbenannt. Schicksal aller Heroen! Wer weiß wie sich die Geschichte unserer Heimat entwickelt hätte, hätten die vielen Partisanen-Helden ihr junges Leben nicht so blindwütig geopfert. Eine Frage, die heute auch manche jugoslawischen Geschichtsforscher und Journalisten öffentlich stellen, angesichts des Abrisses der Heroen-Denkmäler überall im Lande.

Wirkung der Schnellgerichte
Mit dem Paukenschlag der Schnellgerichte zeigten die ungarischen Besatzer der Batschka wer der neue Herr im Hause ist, vielmehr wer sich nun demütig unterzuordnen hat. Die äusserste Strenge der drei uniformen Formationen – Honved/Feldjäger, Csendör/Landpolizei und Rendör/Ortspolizei –  imponierte zwar den Aufständischen Titos und ließ sie sich ganz in die Illegalität abgleiten, doch zu ihrer Vernichtung konnte sie auch nicht im Ansatz beitragen. Sie konnte nur erreichen, dass sich
die Partisanen und ihre Helfer umorganisierten und alle Kräfte und Aktionen auf den Süden der Batschka, hauptsächlich in den Neusatzer Raum konzentrierten.

Natürlich blieb das den Ordnungshütern nicht lange verborgen. Mit Az. 168/kt.- i v. 22. Dez. 1941, -meldete die V. Szegediner Csendör-Kommandantur, zu der die Neusatzer Umgebung gehörte, der zuständigen Staatsanwaltschaft, dass sie eine auffällige Partisanen-Aktivität im sabalyer/Josefsdorfer Raum beobachtete und auch schon Feuergefächte mit „bewaffneten Elementen " hatte. Beim Feuerwechsel mit etwa 40 Gegnern seien zwei Ordnungkräfte umgekomen. Hauptsächlich eine Tanya sei als Versammlungsort der Aufständischen ausgemacht worden, und es wäre daher angebracht, den Besitzer dieser Tanya zur Anzeige zu bringen und ihm den gefährlichen Schlupfwinkel wegzunehmen; ausserdem ist dringend etwas gegen die vielen örtlichen Sympathisanten der Partisanen zu unternehmen.

Beginn der Neusatzer Razzien
Die Neusatzer ungarische Amtsgewalt hatte schon seit Beginn mit den Aufständischen der Stadt viel zu tun, doch als sich nun auch in der weiteren Umgebung alarmierende Geschähnisse bemerkbar machten, sah sie sich überfordert und wandte sich mit einem dringenden Hilfsgesuch am 5.Jan. 1942 an das Innenministerium in Budapest und namentlich an den Innenminister Vitez, Dr. Ferenc Kersztesi-Fischer. Zu den Angaben über die Zsabaljer Wiederständler und ihre Sympathisanten werden noch in der Meldung weitere Zusammenstöße der Csendör auf dem Tschuroger und Schajkaschgyörgyer/Djurdjevoer Hoter aufgelistet, mit 4 Toten auf amtlicher Seite und 8 Toten und einigen Gefangenen auf Seiten der Partisanen. Die insgesamt alarmierende Situation erfordert dringende Massnahmen, hauptsächlich in Form von bewaffneter Verstärkung. Das Budapester Innenministerium zögerte nicht lange und versetzte die 15. Infanteriebrigade nach Neusatz und daraus das 20/1 Bataljon nach Zsabalj und in den Schajkascher Raum.

Die Fortsetzung dieser Massnamen ist uns bereits aus früheren Berichten in unseren Medien bekannt: Eine verstärkte und effektivere Vorgehensweise mit dem Beginn der Großrazzien in Neusatz und Umgebung und vor allem im Schajkascher Gebiet setzte im Januar 1942 ein, deren Höhepunkt die Verhaftungen und massenhaften blindwütigen Massaker an der serbischen zivilen Bevölkerung bildeten, die als eine der größten ihrer Art während des Zweiten Weltkrieges gelten. Wie dieser Komplex der unkontrollierbaren Eskalation, aus amtlicher Sich der ungarischen und serbischen Dokumentation, belegt und gedeutet wird, soll in einem gesonderten Beitrag untersucht werden.
 

Verlauf der blutigen Säuberungen
Die Schajkascher und Neusatzer blutigen Razzien vom Januar 1942 waren zu Beginn kein Willkürakt der ungarischen Besatzung. Sie wurden laut der dokumentierten Absicht der Tito-Aufständischen und ihrer Sympathisanten dadurch ausgelöst, dass sie einen ihrer heiligsten Feiertage, das pravoslave Weihnachtsfest, am 7.1., aussersehen hatten, ihren Aufstand aus der überwiegend serbischen Südecke von Donau und Theiß auf die gesamte untere Batschka auszudehnen. Die Titeler Gegend war schon seit Beginn des Aufstandes, im Juli 41, ein gut funktionierender Brückenkopf zwischen dem Banat und der Batschka, über den die Partisanen-Führer Zrenjanin, Cirpan und Markovic beliebig Partisanen und Kriegsmaterial in die von Serben dicht besiedelte Schajkascher Tanyawelt schleusen konnten. In einem internen Bericht des Oberkommandos der Honved, vom 13. Januar 42 – der in der gemeinsamen ungarisch-serbischen Dokumentensammlung von 1986 als Nr. 81 geführt wird –  stehen die folgende Erkenntnisse sinngemäss: 1. Die am 9. Jan. begonnene Säuberungsaktion lief bisher erfolgreich ab und der Widerstand ist gebrochen. - Bei dem westlich des Franz-Josef-Kanals gelegenen Turja und der Eisenbahnbrücke gab es Feuergefechte mit verdächtigen Elementen. Die vertriebenen Tschetniks (es muss heißen Partisanen – V.) erwiderten aus einer Tanya das Feuer. Sie wurden in Richtung Kabol vertrieben. – Darauf folgende Untersuchungen ergaben a) dass die Partisanen aus dem Banat eingeschleust wurden; b) dass ein allgemeiner Aufstand zum serbischen Weihnachtsfest geplant war; c) die Aufständischen Weisung hatten, alle Ungarn und Deutschen auszurotten; d) nach der Einnahme der Btaschka sollte auch das Banat befreit werden, um im Endziel einen Sieg der Sowjetunion zu erreichen. – Am 10., 11. und 12. Jan. gab es weitere Feuergefechte mit den Aufständischen, die alle für die ungarischen Einheiten erfolgreich und ohne Verluste verliefen. In ihrer Folge sind mehrere serbische zivile Persönlichkeiten und Popen verschwunden. – Der Verlauf der Kämpfe bewies, dass im betroffenen Gebiet viele Waffen versteckt sein müssen. – Es würden laufend neue und neue Verstecke der Partisanen ausfindig gemacht. – Aus dem Kommando der V. Csendör-Einheit wird vermeldet, dass sie in allen gesäuberten Ortschaften eine Gruppe Ordnungshüter beliessen, die weitere Säuberungen vornämen. – Die Zahl der Verluste für die Partisanen schätze man auf 2-300. Die Säuberung würde noch ca. 10-14 Tage dauern. Die Säuberungen verliefen äusserst erfogreich. "A svabok lojalisan viselkednek/Die Schwaben verhalten sich loyal". - Wie aus dem jenseitigen Banater Dreieck vermeldet, hätten die dortigen Partisanen bis zum 13. Jan. ca. 200 Verluste erlitten.

Im Anschluss an den Wortlaut des Dokuments fügten die Autoren – unter denen Dr. J. Mirnic auf serbischer Seite zu finden ist – in Fussnoten hinzu, dass die Vajdaschager Partisanen-Führer tatsächlich Pläne hatten zum bewaffneten Aufstand in der gesamten Batschka. Sogar nach den Razzien hatten sie am 1. Februar 42 ein Flugblatt herausgegeben, in dem stand, dass "der Krieg nicht mehr lange dauern wird, und man muss sich auf einen allgemeinen Aufstand vorbereiten..." (als Quelle wird Mirnics Schrift zitiert: „Politische und taktische Konzeption der Führung der Volksbefreiung der Batschka 1941-43“, Neusatz 1971, S. 188-190).
 
Die Ausweitung der Aktionen
Trotz der erfolgreichen Säuberung im Schajkascher Gebiet, war die ungarische Exekutive mit dem Endergebnis nicht zufrieden. Noch am 12. Jan. reiste der Neusatzer Militärkommandant, General Feketehalmi-Czeidner, nach Budapest, um den Ministerpräsidenten Bardossy mit einem realistischen Lagebericht von der Notwendigkeit einer Ausweitung der Razzien auf das Neusatzer Stadtgebiet zu überzeugen, weil sich ein Großteil der nicht liquidierten Aufständischen dahin zurückgezogen hätten. Bardoschy griff den Vorschlag auf und gab, nach einer Konsultation mit einigen Kabinettskollegen und dem Oberkommandierenden der Honved, am 17. Jan. freies Licht für die Neusatzer Razzien, die auf den 21. bis 23. Januar vorgesehen wurden. Parallel zu diesen Vorgängen schalteten sich auch die örtlichen Zivilbehörden in die äusserst beunruhigenden Geschehnisse ein. So hat das 82. Dokument den Aufruf des Zsabljaer Obergespans zum Inhalt, wo die Bevölkerung gegen Belohnung aufgerufen wird, jedes Waffenversteck den Behörden zu melden. über ein gewünschtes Echo wird nicht berichtet, woraus u. a. zu ersehen ist, dass die vorerwähnte "Lojalität der Schwaben" keinerlei unterstützenden Charakter gegenüber den Razzien bedeutete. Ebenso kann das gesamte Dokument 83 mit dem Titel "Fernbach Peter, der Neusatzer Obergespan, unterbreitet dem Innenminister den Inhalt seiner Rede beim Treffen mit den örtlichen Vertretern der Serben" gewertet werden. In ihm kommt ein Protokoll mit
dem durchwegs appellierenden Inhalt zur Meldung, mit dem für die Herausgeber wichtigen Effekt, demgemäss Dr. Fernbach als ausgesprochener Antibolschewist ausgewiesen wird.

Dr. Fernbachs Warnung
Bei unvoreingenommenem Lesen des Dokuments hat man den ehrlichen Eindruck, dass es dem Obergespann aus der reichen Apatiner Fernbachdynastie darum geht, die serbische Intelligenz noch im letzten Augenblick vor der großen Gefahr für ihre serbische Miteinwohnerschaft zu warnen und sie zur aktiven Vorbeugung anzuregen. Da er selbst der serbischen Sprache nicht mächtig war, sollten sie sofort in ihrer Presse an die Bürgerschaft von Neusatz appellieren, der kommunistischen Propaganda nicht zu glauben. Seit der englische Aussenminister Eden in Moskau weilte und England Ungarn den Krieg erklärt hatte (5. Dez. 41) "seither sei dieses Gebiet ganz den Sowjets versprochen. Wenn aber die Engländer gewinnen, kommt der Bolschewismus hierher, und da weiß ich nicht, wer von den hier anwesenden Herrschaften am Leben bleibt. Der Europäische Geist erwartet von allen, die in Europa leben wollen, dass sie sich gegen den Bolschewismus zusammentun, denn anderenfalls wird hier alles bolschewisiert. Ich persönlich habe aber nicht nur den festen Glauben sondern eine heilige Überzeugung, dass die Achsenmächte siegen werden. Wenn die Herren tun, was ich erwarte, wird es hier Frieden geben." Wie die Ereignisse zeigten, verhielten sich die Serben anders, als es Fernbach und sicher auch die ungarische Neusatzer Militärverwaltung gewünscht hätten. In den Fussnoten zum Fernbach’schen Protokoll wird aber betont, dass der Obergespan zu spät und nur aus Alibigründen die Serbenführung warnte und dass er mit dem Verschweigen seines Wissens über die unmittelbar bevorstehende Grossrazzia in der Stadt dieser sogar zum größeren Erfolg verhalf.
 

Protokoll der Razzia
"Am 21. des laufenden Monats um 6 Uhr begann die Neusatzer Säuberungsaktion, mit dem bisherigen Ergebnis, dass sich 3500 verdächtige Elemente einer genauen Überprüfung unterziehen mussten. Mit dem heutigen Tag geht die Säuberung zu Ende." Mit diesem lapidaren und nichts sagenden Satz beginnt der Bericht des Neusatzer stellvertretenden Oberkommandierenden, Bajnocsi Jozsef, an das Budapester Oberkommando der Honved, vom 23. Jan.1942. Die eigenen Verluste seien mit sechs Verwundeten und einigen Erfrierungen sehr gering. Mehr als die Fußnoten zu diesem Dokument, in dem der genaue Ablauf der Säuberung sowie Massaker auch an Frauen und Kindern (200 an der Zahl) berichtet wird, steht in der "streng vertraulichen" Meldung des Neusatzer Polizeikommandanten, vom 24. Januar: „Am 21. Januar, um 3 Uhr in der Früh, gab der Stadtkommandant der Honved Jozsef Grassy der Bevölkerung mit einer Plakataktion bekannt, dass am selben Tag um 6 Uhr eine 3-tägige Säuberungsaktion auf dem Neusatzer Stadtgebiet beginnen würde. Die Versorgung der Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigen bleibt gesichert, der zivile Strassenverkehr ist verboten, ebenso jedes Verreisen, Versammeln, Glockengeläute, Kirchenbesuchen“.

Äußerste Brutalität
Sinngemäß übersetzt, werden zur selben Zeit alle Militär-, Polizei- und Csendöreinheiten durch Sirenengeheul alarmiert und für die Aktion in den Stadtteilen gruppenweise eingeteilt. Mit äußerster Brutalität beginnen die Soldaten um punkt 6 Uhr mit der Razzia. Die Rendör und Csendör (örtliche- und überörtliche Ordnungshüter) haben, anderer Anweisungen wegen, nur Statistenrollen. Durchsucht werden alle Häuser und Nebengebäude nach "Verdächtigen" und versteckten Waffen, doch liquidiert wird alles, was sich im Ansatz widersetzt, zu fliehen versucht oder sich irgendwie verdächtig verhält. Schon in den Vormittagsstunden werden mehrere hundert Menschen gefangen genommen. Von ihnen werden 30 Personen ausgesondert, vom Schnellgericht zum Tode verurteilt und am selben Tag am Donauufer erschossen. Noch am Abend des 21. beginnen die Gräueltaten – an den vom Honvedkommandanten zugegebenen 3500 Verdächtigen – über das Stadtgebiet hinaus zu dringen. Entsetzte Ordnungshüter melden sie nach Budapest.

Wie nach Kriegsende im Prozess gegen den Generalstabschef der Honved Szombathely ans Licht kam, hatte er seine Zustimmung zur Razzia, dernach diese erst in die Tat umgesetzt werden konnte, nach der Kenntnisnahme der Massaker vom 21. Jan., gleich wieder zurückgezogen. Doch diesem Befehl sei der Ortskommandant von Neusatz nicht nachgekommen und habe die Säuberung, wie geplant, bis zum 23. Jan. fortgesetzt. Über die drei blutigen Neusatzer Tage wird viele Literatur zitiert, und an Dokumenten kommen in der vorliegenden Sammlung nur solche zu Wort, die von serbischer wie ungarischer Seite in etwa einheitlich kommentiert werden können. Sie befassen sich mit Anfragen im Budapester Parlament genauso wie mit einigen Entlassungen und Bestrafungen der blutigen Täter noch im Frühjahr 1942. Nach dem Krieg bekommen die Razziaopfer am Neusatzer Donauufer ein ehrendes Denkmal gesetzt. 
 

Razzia als Desaster
Für die ungarischen Besatzer der Batschka war die Neusatzer Razzia vom 21.-23. Januar 1942 schon zur Zeit ihres Ablaufs ein verselbständigtes politisches und militärisches Desaster. Es wurde hauptsächlich schon von Anfang an von allen Beobachtern dadurch so tragisch bewertet, weil sich das ungarische Militär auf einem anderen Kriegsschauplatz engagierte und zugleich, sozusagen daheim im Hinterland, nicht solche Irrtümer erlauben durfte. Fast einhellig wurde die Neusatzer Aktion sowohl in der Batschka wie im Budapester Stadtparlament verurteilt und noch viele Monate lang untersucht und zeitigte im sonstigen Ablauf wichtiger politischer Arbeit – durch endlose Gerichtsaktivität mit
Prozessen gegen die nicht gleich bei der Razzia liquidierten "Verdächtigen" – eine lästig lähmende Wirkung. Natürlich ergriffen Batschkaer slawische und solche linke Abgeordnete wie Bajcsy-Zsilinszky (der im letzten Kriegsjahr wegen kommunistischer Agitation hingerichtet wurde – V.) die Gelegenheit und bedienten sich aller Mittel, die Regierung bloß zu stellen. B.ZS. wandte sich in einem umfangreichen Schriftsatz an Horthy und legte seine prinzipiellen Vorbehalte nicht nur gegen die Razzia ein, sondern gegen die ungarische Teilnahme am Krieg überhaupt und an die schwere Schädigung, die der ungarischen Gesellschaft in Gegenwart und Zukunft daraus entsteht. Das Memorandum ist so umfangreich, dass es in der Dokumentensammlung nur in Auszügen mehrere Seiten einnimmt in der Art, die den kommunistischen Historikern in den 80ern ins Konzept passten. Es folgen danach noch eine Reihe ähnlicher Dokumente, die sich mit Eingaben und Rechtfertigungen von Beobachtern und Beteiligten der Razzia sowie Gerichtsurteilen beschäftigen, die aber nichts wesentlich Neues beinhalten.

Eine Gerichtssache fällt aus dem Rahmen, nämlich in jenem Dokument, das von Batschkaer militärischer Seite, gerichtet an die Regierung in Budapest, eine Erhöhung der Zahl der Batschkaer Gerichtshöfe fordert, da die vorhandenen sehr überlastet seien. Von einer entsprechenden Reaktion auf das Ansuchen wird nichts dokumentiert. Und erst zur Erntezeit des Sommers 1942 wird das Thema gewechselt, da der Krieg und die Heimatfront nicht ganz synchron abliefen. Der Russlandfeldzug war in seine hitzigste Fase eingetreten, die riesige vereinigte Armee aus Wehrmacht, SS,Honved, rumänischem und italienischem u. a. Militär hatte erste größere Versorgungsprobleme. Anfang Juli 42 wird der Stellvertreter im Reichsaußenministerium, Clodius, nach Budapest gesandt, um die Einhaltung des Vertrages über die Weizenlieferung aus der Batschka ans Reich anzumahnen, bzw. zu erneuern.

Schwierige Versorgungslage
Bein Telegramm an den Außenminister Ribbentrop, vom 17. Juli 42 enthält alle Schwierigkeiten, die bei seiner Verhandlung mit der ungarischen Seite auftauchten. Der Kern und Hauptanlass des umfangreichen Telegramms war die Verringerung der ungarischen Lieferungen von Kern- und Ölfrüchten an Deutschland und Italien gegen Ende des Wirtschaftsjahres 42 und die erklärte Absicht der ungarischen Regierung, für das neue Wirtschaftsjahr bessere Konditionen zugunsten der Eigenversorgung mit dem Reich auszuhandeln. – Ein Blick in die damalige ungarischen Presseerzeugnisse beweist, dass Ungarn allen Grund hatte, die Versorgung der eigenen Bevölkerung besser zu berücksichtigen, denn außer Knochen und Motschinken (Knorpelfleisch} hatten die Metzgereien wenig im Privatangebot das über die Essensmarken den Städtern in Zeitungsanzeigen zum Kauf angeboten wurde. Schweinefett hatte einen ungeahnt hohen Schwarzmarktwert. Menschenschlagen vor den vollen öffentliche Küchen, Arbeitslosenmassen und barfüssige Kinder im Schnee gehörten zu den Aufnahmen, welche die (verbotene) Opposition auf Plakaten verbreitete. Die ungarische Regierung mahnte das Reich: „Wenn Ungarn an der Front gleichberechtigt mit den Achsenmächten agieren könne, dann hätte es auch an der Heimatfront die Eigenversorgung der militärischen gleich zu stellen.“ Die Ernteaussichten für das kommende Wirtschaftsjahr stünden nicht günstig, dennoch konnte Clodius in der Vorverhandlung mit den ung. Regierungsstellen erreichen, dass 1. die Lieferungsmengen aus dem ersten Batschkaer Vertrag von 1941 ungekürzt erneuert würden; 2. die ung. Regierung seine Vorrechte an der Batschkaer Ernte an das Reich abzutreten bereit ist; 3. einer deutschen Kommission erlaubt die gesamte Ernte in Ungarn zu inspizieren; 4. sei man bereit, die Lebensmittelreserven der Honved auf dieHälfte zu reduzieren, was zusätzliche 150 tausend Tonnen Mehrlieferung bedeute.

Streit um die Formulierung
Vor allem der 4. Absatz konnte nur nach langem politischem Streit ausgehandelt werden, da die Ungarn meinten, sie würden früher oder später ohnehin in einen Krieg mit Rumänien verwickelt, was ihnen wesentliche zusätzliche Versorgungsprobleme und Ausgaben verursachen würde. Den deutschen Wünschen nach mehr Frucht- und Ölfrüchten konnte nur entsprochen werden, wenn Ungarn eine größeren Entlastung der Waffenfabrikation erfährt, das heißt, vom Reich mit modernster Technik versorgt wird und seine Industrie dadurch entlasten kann. Das war das Maximum, das Ungarn bei den Vorverhandlungen erreichen konnte, die Erhöhung der deutschen Waffenlieferung gegen Erhöhung des Lebensmittel- und Mineralölkontingents. Eine Woche später traf auch schon die Verhandlungskommission aus dem Reich in Ungarn ein und schloss am 1 August 42 den neuen
Liefervertrag, der die Liefermengen aus der Batschka von 1941 im vollen umfang garantierte: 56 tausend Rinder, 100 t. Schweine, 50 t. Schafe und eine (verschriebene) Menge von 10 tausend Eiern. Dazu kamen 3000 Tonnen Mineralöl, die ausdrücklich von der Privatversorgung der Bevölkerung abgezweigt wurde.

Wenn dennoch die riesige Front des Reiches nicht ausreichend versorgt werden konnte, so lag es offensichtlich nicht an den zu knappen Lebensmittellieferungen aus unserer Heimat. Wir auf den Dörfern hatten, trotz der strengen Rationierung der zivilen Versorgung, keine Not, doch wer die monatlichen Mengen an Fett, Zucker, Brot, Fleisch u.a. auf den Lebensmittelkarten noch in Erinnerung hat, wird mit mir überzeugt sein, dass die Städter die Lasten der. sogen. deutschen Heimatfront
voll mittrugen und so jenen Stimmen energisch Widersprechen müssen, die endlos einem ‚deutschen Sieg’ das Wort reden, der zu erreichen worden wäre, wenn...
 

Harte Kämpfe im Frankengebirge
Von normalen Verhältnissen im Hinterland kann in Kriegszeiten gesprochen werden, wenn man morgens aufsteht und keine Schießerei hört. Unsere Batschka war zwar nach der brutalen Neusatzer Razzia weitgehend von aktiven Partisanen frei und dennoch von dem wirklich sorglosen Tagesbeginn des Friedens weit entfernt: Die Zeitungen waren im Sommer 1942 voll beunruhigender Meldungen über die gelungenen Säuberungen und zerschlagene Partisanenhorden gleich jenseits der Donau, in Syrmien, genauer im Frankengebirge. Von den ersten weiter südlich, auf dem Bosnischen Gebiet "befreiten" größeren Partisanengebieten wurde nichts vermeldet, doch die beiden Tatbestände gehörten eng zusammen. In den Dokumenten Nr. 98 und 99 wird, nun nachträglich, die damalige Situation aus amtlicher Sicht fixiert. Die V. Szegediner Korpskommandantur meldet dem ungarischen
Oberkommando, dass "wegen verschärfter kriegerischer Aktionen der Deutschen gegen die Partisanen in der Fruska Gora die Honved-Einheiten an der Südgrenze verstärkt wurden". Die Meldung beinhaltet nur einige Zeilen, doch in den umfangreichen Fußnoten wird der ganze Umfang der Kämpfe jenseits der Donau sichtbar.
„1942 breitet sich der Volksbefreiungskrieg in Jugoslawien schnell aus“, heißt es da. Im März können weite Gebiete Bosniens und der Herzegovina von den Partisanen besetzt werden. Die Deutschen werden bereits zum dritten Mal zu massivem Vorgehen gezwungen. Unter General Paul Bader, dem Oberkommandierenden der Truppen im besetzten Gebiet Serbiens, fügen zwar deutsche und italienische Truppen sowie kroatische Ustascha den Partisanen große Verluste zu, können sie aber nicht zerschlagen. Vor allem wird festgestellt, dass sich viele von ihnen im weitläufigen, nur von wenigen Straßen durchzogenen Frankengebiet aufhielten, wo sie zusammen mit den aus den Südbatschkaer Razzien übrig gebliebenen Aufständischen Zuflucht gefunden hatten.

Effektive Säuberungsaktion
Um ein für allemal mit den Partisanen aufzuräumen, schlossen sich den Baderschen Verbänden noch jene von zwei weiteren Generalen an, die. von Friedrich Stahl und Heinrich Borowski, welche noch aus der Luft von Flugzeugen und von der Donau her von ungarischen Kriegsschiffen unterstützt wurden. Welche Gesamtstärke die das Frankengebiet im großen Halbkreis von Mitrowitz-Ruma-Erdewik-Neusatz umschließenden Einheiten hatten, wird nicht genannt, nur dass die Säuberung als äußerst effektiv eingestuft werden konnte, mit 1500-1800 gefangenen und rund 1000 gefallenen Partisanen, während auf Seiten der Säuberungstruppen 11 Gefallene und 22 Verwundete gemeldet wurden. Die Kürze der Aktion – zwischen dem 26. und 31. August – zeigt, dass sie ungemein massiv und gut organisiert abgelaufen sein muss, aber auch, dass sie den Widerstand der Aufständischen nicht ersticken konnte. Denn die befreiten Bosnischen Bergregionen blieben unter ihrer Herrschaft und hatten, nicht zufällig, in Jajce lange Zeit die für uns Jugoslawiendeutsche schicksalsträchtige Hochburg.

Einige wenige Partisanen konnten aus dem Frankengebirge zurück in die Batschka fliehen und wurden im Raum Gospodjinci/Frauendorf/ Boldogasszonyfalva in zu Wohnzwecken umgebauten Strohtristen entdeckt. Sie zu liquidieren, dass heißt entweder gleich zu erschießen oder nach einem Kriegsgerichts-Urteil war den Ungarn eine ehrenhafte Angelegenheit. Was jedoch die andere Seite als höchste Ehrung in ihrem Volksbefreiungskrieg ansah, konnte der Chronist einige Jahre nach dem Krieg erfahren, als er die Technische Schule in Neusatz besuchte, die den Namen des Heroen Bosko Palkovljevic "Pinki " trug. Dieser lokale Partisanenführer war genau in der Säuberung der Fruska Gora zu Heroenruhm gekommen, als er mit einer Handvoll Aufständischen so lange den Vormarsch der Deutschen behinderte, bis der Großteil seiner Leute die Einkreisung durchbrechen und in Richtung Bosnien entkommen konnte. Jedes Jahr an seinem Todestag unternahm die gesamte Schule eine Exkursion zur heldenhaft von "Pinki" verteidigten Anhöhe. Die reiferen Schüler hatten dabei echte und mit Platzpatronen geladene Infanteriegewehre und durften diese, am Ziel angelangt, in einer fiktiven Verteidigung aus dem Versteck auf den – jetzt unsichtbaren, weil vernichteten – Feind abschießen. Danach wurden am Lagerfeuer Partisanenlieder gesungen und die in Rucksäcken mitgebrachten Lebensmittel gegessen.
 

Unterstützung der Partisanen
In welchem Ausmaß die serbische Bevölkerung der Batschka den sog. Volksbefreiungskrieg der Partisanen unterstützte ist aus dem Dokument 111 vom 29. September 42 zu ersehen. Dieses Schrittstück zeigt auch, wie die Herausgeber der Sammlung, aus Mangel an großen, relativ kleine Lebensmittelhilfen zu Sympathiekundgebungen hochstilisieren. Aus nichtbäuerlicher Sicht eines ehemals Batschkaer Bürgers, der die bäuerliche Mentalität aller dortigen Nationalitäten kennt, kann behauptet werden, dass Freigiebigkeit bei ihnen nie an erster Stelle stand. So kann die dokumentierte „Hilfe für die Partisanen“, die von zwei mehrheitlich serbischen Südbatschkaer Ortschaftenr Turja und
Srbobran/Szenttamás, geleistet wurde, durchaus als Alibihilfe gewertet werden. Sie betrug ganze 17 Säcke Weizen, 6 Säcke Mehl und anderthalb Eimer (donauschwäbisch Hafen) Schmalz mit ca. 15 kg Inhalt. Dieses Dokument wirft auch ein Licht auf den amtlichen Eifer der ungarischen Heimatfront, an welcher offensichtlich oft viel Wind die „Säuberungsaktionen“ begleitete.
Etwa denselben Effekt spürt der Leser beim 112. Dokument, in dem die Südbatschkaer Vitezen, die als verdiente Kämpfer aus dem Ersten Weltkrieg bis Mitte 1942 vom Kriegsdienst verschont waren, nun zu einer Hundertschaft einberufen wurden und die Südgrenze Ungarns als Grenzjäger bewachen sollten. Die Vitezeinheit umfasste 182 Mann, wurde ähnlich der Honved uniformiert und bewaffnet und dem V. Szegediner Korpskommando unterstellt. Zur Vervollständigung des Bildes von dieser Eliteeinheit wird in den Fussnoten ergänzt, dass durch zögerliche Bearbeitung der Gestellungspapiere im Budapester Verteidigungsministerium die Einheit erst Ende 1943 den Marschbefehl bekam, doch schon im Frühjahr 44 – etwa zur zeit der Besetzung Ungarns durch die Wehrmacht – wieder aufgelöst wurde.

Wichtiges Memorandum
Sehr aufschlussreich und für uns Donauschwaben von großem geschichtlichem Gewicht scheint das Schriftstück 119. Es beinhaltet ein Memorandum an den ungarischen Ministerpräsidenten und ist von 16 bekannten Politikern Ungarns unterzeichnet, u. a. auch von Dr. Gustav Gratz. Da fast ein Jahr seit den Neusatzer Razzien vergangen war und aus Budapest ausser Bedauern nichts für die Hinterbliebenen getan wurde, werden im Schreiben vom 25.December 42 grundsätzliche Forderungen gestellt, A) „den Batschkaer Brandherd zu löschen“ …, B) „die Opfer zu entschädigen“ …, C) „die Rechtsordunung wieder herzustellen“ …, D) „die Judenfrage zu regeln“… Für uns ist von allen letztere Vorderung bis heute am wenigsten geklärt. Dahei wollen wir versuchen einen Teil des von Dr. Gratz mitunterzeichneten Schriftstückes, soweit von Belang, wörtlich zu übersetzen: „Wir wünschen nicht mit der gleichen Intensität, wie die übrigen brennenden Fragen, auch die Judenfrage zu erörtern, wir stellen nur fest, dass unsere Nation am ungarischsten (legmagyarabb), ehrlichsten und mit innigster christlicher Gewissenhaftigkeit, zusammen mit den geistig hervorragendsten Volksvertretern nicht in der Lage ist, sich mit den der christlichen Lehre entgegenstehenden Judengesetzen zu identifizieren“ .
Hat man sich durch diesen einleitenden Wulst hindurchgelesen, kommt man zum Text der drei bis dahin in Ungarn gültigen Judengesetze, auf deren Berichtigung es die Unterzeichner der Eingabe abgesehen hatten. „Das erste Gesetz, auf das die Gegenrevolutionäre sehr stolz waren, ist jenes von 1920, das als ,Numerus clausus’ die Aufnahme der jüdischen Schüler in die Universitäten einschränkt. Das zweite Gesetz von 1938 behindert die Anstellung der Juden im öffentlichen geistigen und wirtschaftlichen Sektor, indem es ihren Anteil an der Belegschaft au! Höchstens 20% begrenzt; eine Modifizierung vom gleichen Jahr verringert diesen Anteil auf 6%. Das dritte Gesetz, vom Jahre 1941, verbietet die Mischehen … zwischen Juden und Andersgläubigen“ .
In üblicher geschwollener Diplomatensprache bitten die Unterzeichner der Eingabe „dass der hochwohlgeborene Ministerpräsident und die königlich-ungarische Regierung in dieser Frage alle Sorgfalt und Macht walten lassen mögen“. Ob dann allerdings die Regierung als Folge der
energischen Eingabe oder aus eigener Beharrung auf reichsdeutsche Forderungen im Sommer 1942, die ungarischen Juden zu deportieren, bzw. sie im Lande mit dem Judenstern zu brandmarken, ablehnte, bleibt einer anderen Untersuchung vorbehalten. Vergeblich wies der deutsche Botschafter in Budapest, Jagow, darauf hin, dass „Deutschland die Judenfrage auf Wunsch Hitlers in ganz Europa so schnell wie möglich und gründlichst lösen wolle“, der ungarische Ministerpräsident Kallay blieb entschlossen bei seiner Ablehnung und antwortete: „Die ungarische Regierung weist darauf hin, dass sie in dieser Frage schon längst wegweisende Gesetze verabschiedete und zum jetzigen Zeitpunkt auch aus technischen Gründen zu Verschärfungen nicht in der Lage ist. Horthy unterstütze ganz und gar diesen Standpunkt“. Wie bekannt wurde die ungarische Judenfrage dann im März 1944 auf deutsche und Eichmannsche Art dermaßen gelöst, dass viele der bis dahin zur Zwangsarbeit eingezogenen männlichen Juden am Leben blieben und die meisten ihrer Familienmitglieder deportiert wurden und schmählich umkamen.
 

Die Rolle Veesenmayers
Der seit dem 19.3.44 in Ungarn tätige Reichsbeauftragte Veesenmayer, konnte als Generalbevollmächtigter des Reiches sozusagen als Oberkommandierender der Heimatfront gelten, der für seine Tätigkeit nicht im voraus, sondern hinterher, dem deutschen Außenminister die mustergültigen Aktionen meldete. Diese Betrachtungsweise seiner Rolle scheint deshalb wichtig, weil der Volksbund und somit auch unsere Batschkaer Gebietsführung bei der Kurzschließung der Kompetenzen Veesenmayers mit Außenminister Ribbentrop kaum eine Rolle spielte. Franz Basch (einschließlich seiner untergeordneten Hierarchie) versuchte natürlich bis zum bitteren Ende dem Reich treue Gefolgschaft zu zeigen, aber diese blieb auf mündliche oder schriftliche Verlautbarungen beschränkt. Was in Ungarn – und der Batschka – ab dem Einmarsch der Deutschen geschah, hatte ganz und gar Veesenmayer zu verantworten.

Mobilisierung letzter Reserven
Und diese Verantwortung wird für den kriegswichtigen Teil der Mobilisierung letzter personeller Reserven im Dokument mit der Überschrift „Telegramm an den Reichsaußenminister Ribbentrop bezüglich der Reserven für den Arbeitsdienst“ sorgsam aufgelistet: Aus Mangel eines bürgerlichen Apparates hat sich unser Amt mit der Honvedführung abgesprochen zu dem Zweck einen Arbeitsdienst zu organisieren und mit aller Strenge zu beaufsichtigen. 1. Bis zum heutigen Tag haben wir 340 tausend Juden ins Reich überführt. 2. Gemäß glaubhafter Angaben kann diese Zahl bis Ende Juli auf das zweifache erhöht werden, und zur endgültigen Lösung der Judenfrage wird sie sich
auf 900 tausend erhöhen. 3. Rund 25 tausend ungarischer Facharbeiter arbeiten seit Jahren im Reich. 4. Die bis zum 19.3. an der Ostfront eingesetzten 7 (ungarischen) Divisionen wurden laufend aufgefüllt und durch vier neue ergänzt: Jetzt wird eben eine weitere rekrutiert und marschbereit gemacht. 5. Augenblicklich sind 17 tausend Pferdepfleger auf dem Reichsgebiet beschäftigt. Weitere 83 t. haben wir (von den Ungarn) angefordert, sie stehen in 4-6 Wochen zur Verfügung. 6. Zum Ausbau des
Flugplatzes hat Wien 3000 Arbeitskräfte erhalten; weitere 15 t. werden in den nächsten vier Wochen dorthin folgen. 7. Nach dem Abkommen zwischen der SS und der ungarischen Regierung ist eine Musterung im Gange, die als Ergebnis 40-50 t. Mann neu rekrutieren wird und den bisherigen 37 t. freiwilliger Volksdeutscher zuzurechnen sind. 8. Die Deutsche Luftwaffe hat zuletzt 25 t. Hilfskräfte
beantragt, die wir nur im Zuge der Musterung aussondern können. Die ungarischen Flugplätze beanspruchen ebenfalls laufend Arbeitskräfte. Das OKW und Speer beantragten dringend 40 t. Mann für die Instandsetzung des Schienennetzes und weitere 30 t. für die Flugplätze zur Versorgung der Front. Alle angeforderten Arbeitskräfte können wir nur im Zuge von Rekrutierungen einsammeln, wozu wir die Altersgrenze bei den arbeitsfähigen Männern und Frauen (!) auf 18-46 erweiterten. Des Weiteren ist gerade eine Sammlung landwirtschaftlicher Arbeitskräfte durch den Ministerialbeauftragten Petzel im Gange, deren Endergebnis noch nicht bekannt ist. Ich selbst habe mich eingeschaltet, um alle Sammelaktionen zum Arbeitsdienst so erfolgreich wie möglich zu vollziehen.

Ausweitung des Arbeitsdienstes
Welche Ausweitung die Verpflichtung zum kriegswichtigen Arbeitsdienst auf allen von Deutschland besetzten Gebieten im vorletzten Kriegsjahr annahm, wird in den Fußnoten zum Dokument 120 genannt: Insgesamt arbeiteten auf dem Gebiet Ungarns und Jugoslawiens rund 340 tausend Zwangsarbeiter. Sie waren in Arbeitslagern untergebracht und umfassten, neben Ungarn, Serben,Kroaten, Griechen, Italiener usw. Ihr Oberkommandierender war General Tobt, dem auch die Produktion des serbischen Kupferbergwerks Bor unterstand. Die unmenschlichen Arbeitsbedingungen forderten viele Opfer. Kurz vor Kriegsende flohen manche Arbeiter zu den Partisanen oder tauchten in der Zivilbevölkerung unter. Extra lobende Erwähnung finden sie auch deshalb, weil sie sich gegen die deutschen Besatzer erhoben. Die von der Roten Armee und den Partisanen Befreiten werden mit 3000 angegeben. Als vollständige Quelle wird das Buch von Godó Agnes erwähnt: „Die Ungarn im jugoslawischen Volksbefreiungskrieg“. (Anm. d. V.: Wir letzten donauschwäbischen Forscher könnten und sollten dem Kapitel der Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg erhöhte Aufmerksamkeit schenken. Dieses Kapitel enthält sicher nichts Ehrenrühriges, steht aber ungerechterweise seit Anbeginn weit hinter jenen zurück, welche die Zwangsverpflichtungen nach dem Krieg behandeln) .
 

Diebstahl von Kriegspaketen
Welche Folgen die schlechte Versorgung der Zivilbevölkerung im dritten Jahr des Zweiten Weltkrieges hatte, bezeugt das Dokument Nr. 124, welches sich mit Diebstahl von Kriegspaketen u.a. befasst. Dr. Racz Andor, der Vorsitzende des Szabadkaer Gerichtshofes, mahnte am 24.2.43 öffentlich an eine „Ausweitung des Standgerichts. In Ergänzung der Verfügung… und des Gesetzes… gebe ich folgendes bekannt: Es ist anzuwenden an allen bürgerlichen und Militärgerichten, insbesondere zum Zweck des Schutzes der Feldpostpakete, der ‚Muster ohne Wert’, aller Militärsendungen vor Diebstahl und Unterschlagung, ebenso in versuchter wie vollendeter Tat…“. weiter werden zum wiederholten mal jeglicher Besitz von Waffen, Explosiv, Handgranaten, Höllenmaschinen verboten und unter Standrechtliche Strafe gestellt.
 
Im Dok. Nr. 128 vom 30.3.43 wird das „Ersuchen an die ungar. Regierung, Truppen nach Serbien zu schicken“ vom ungarischen Ministerpräsidenten Kallay abgelehnt. Die Verlegung der Honved von der Ostfront in das Nachbarland wäre den Deutschen in zweifacher Hinsicht wichtig gewesen, einmal weil Ungarn immer mehr drängte, seine Truppen aus den russischen Kampfhandlungen zurück zu ziehen, zum anderen, weil die Partisanen auf jugoslawischem Gebiet immer stärker wurden. In dem Protokoll der „nicht amtlichen“ Verhandlung ungarischer und deutscher Regierungsstellen heisst es: „Der Ministerpräsident trägt in der Eigenschaft als Außenminister vor, dass sich die Militärführung der Deutschen an den ungarischen Generalstab gewandt hat mit der Forderung, Ungarn solle ab Juli 43 zwei bis drei Divisionen für die Besetzung Serbiens zur Verfügung stellen. Als Gegenleistung würden sich die Deutsachen verpflichten, diese Einheiten aufs modernste auszurüsten. Die ungar. Regierung hat die größten Skrupel, die Wünsche der Deutschen zu erfüllen.

Ungarische Skrupel
Die Skrupel der ungarischen Regierung in Bezug auf eine Besetzung Serbiens werden in sechs Punkten erläutert: Zuerst wird auf die traditionell guten Beziehungen zum serbischen Nachbarvolk hingewiesen, die bereits durch die Schajkascher und Neusatzer Ereignisse vom Jan. 42 aufs schwerste belastet wären und unbedingt verbessert werden müssten. Zweitens wäre es nicht ganz so einfach, ganz Serbien zu okupieren, wie das mit dem Einmarsch bei Kriegsbeginn geschah. Weiters gibt es große Zweifel, ob die Ungarn lange das Kommando über ihre Einheiten behielten. Die fehlende direkte Verbindung mit der Belgrader Regierung gäbe keine Möglichkeit, den Einmarsch auf ein friedliches Einvernehmen zu gründen. Da das Banat als ungarisches Territorium von den Deutschen besetzt sei, wäre es niemandem verständlich, wenn Ungarn fremdes Gebiet besetzte, ohne das gesamte eigene besetzen zu können. Eine Rückgliederung des Banats wäre vordringlicher, doch das hieße wiederum, die Politik mit dem Reich erschweren. Und schließlich könnte der Einmarsch in Serbien alle Ungarn umgebenden Nachbarn zu einem engeren Zusammenschluss drängen, der sich nach dem Krieg folgenschwer auswirken könnte. „So entscheidet sich die ungar. Regierung, den deutschen Wünschen nicht nachzukommen und sie schickt keine Truppen zur Besetzung Serbiens. „

Wendepunkt der Beziehungen
Diese entschiedene Ablehnung, den Deutschen gegen die Partisanen zu helfen, wahr wahrscheinlich der Wendepunkt in der Kriegspolitik zweier bis dato enger Verbündeter. Das Verhältnis zwischen Ungarn und dem Reich verschlechterte sich im Jahr 1943 etwa in dem gleichen Maße, wie die Gesamtlage an der Ostfront. Zugleich vermehrten sich die Überfälle der Partisanen in der Batschka. Doch Ungarn wollte die Razzia von Neusatz nicht noch einmal wiederholen. Zu groß war die Diskrepanz zwischen dem erstrebten und erreichten Effekt, der so blutig erkaufte Frieden an der Heimatfront, war von zu kurzer Dauer. Eine Unsicherheit über die Richtigkeit der Entscheidung zur Razzia begann auch die Kluft zu vertiefen zwischen der bekundeten und tatsächlichen Freundschaft mit den Deutschen. Einmal mehr misstrauisch geworden, begann die Gestapo alle gemeinsamen Interessensbereiche mit den Ungarn abzuklopfen, und das Ergebnis war alles andere als befriedigend. Das Reich konnte sich den unsicheren und unzuverlässigen  Freund nicht mehr leisten. Ungarn wiederum wollte sich nicht mehr an einen immer offensichtlicher scheinenden Kriegsverlierer klammern. Beide Seiten suchten nach einer Lösung: Die Ungarn in Friedensfühlern zu den Alliierten, die Deutschen in der Übernahme der Verantwortung für den gesamten Südosten. So kam es schließlich zur Aufkündigung der Partnerschaft mit der gegenwärtigen ungarischen Regierung und zur kampflosen Besetzung Ungarns durch die Reichstruppen im März 1944.
 

Die Märzereignisse 1944
Mit dem Einmarsch der Deutschen in Ungarn am 19.März 1944 veränderte sich die Lage an der gesamten südosteuropäischen Heimatfront radikal und auch in unserer Batschka fanden bedeutsame politische Umwälzungen statt: Endlich waren wir Deutschen die Herren der Lage, und für alles was ab jetzt geschah (Zeitungen verboten, ihre Herausgeber, wieBerenz, verhaftet, letzte Juden und "Reichsfeinde" interniert und abtransportiert, usw.) konnte unsere Volkstumsführung – in der bekannten hierarchischen Rangordnung, mit Dr. Franz Basch an der Spitze und den Kreis- und Ortsleitungen am Ende – mehr als bis dahin und etwa in demselben Maße wie die deutsche Volkstumsführung im Banat und Serbien frei arbeiten. (Dieser Tatsache sollten unsere Geschichtsforscher bedacht sein, wenn man ihnen heute von serbischer Seite gemischte Kommissionen vorschlägt, um die Kriegs- und Nachkriegsjahre in der alten Heimat zu erforschen; während wir hauptsächlich an der Erforschung der Nachkriegszeit interessiert sind, liegt bei den Serben das Schwergewicht auf den Kriegsjahren und damit diametral zu uns, was gute gemeinsame Ergebnisse ausschließt! d. V.)

In der Dokumentensammlung beginnen die Märzereignisse für die Ungarn mit dem Paukenschlag der drohenden Verhaftung der für die Neusatzer Razzien Verantwortlichen ungarischen obersten Offiziere und ihrer Flucht über die österreichische Grenze ins Reich. Im telegrafischen Dok. Nr. 175, vom 16.1.44 heißt es, "dass Generalleutnant Czeidner, Generalmajor Grassy und Oberst Deak gestern Vormittag die Grenze des Deutschen Reiches überschritten, wonach die Geheimpolizei sie versorgte...In Bezug auf den Fall melde ich folgendes: Vor einigen Tagen, als ich in einer
Gesellschaft mit dem Generalstabschef zusammentraf, erwähnte ich die in der Stadt kreisenden Gerüchte, die sich auf eine gerichtliche Untersuchung der Neusatzer Ereignisse beziehen. Der Generalleutnant erwiderte, dass die Neusatzer Ereignisse ein nationales Unglück bedeuteten..." Nach den Plünderungen in Ostgalizien und Sombor wäre es unmöglich davor die Augen zu verschließen, weil dadurch die gesamte Honved ihr Gesicht verliere. "Auf meine Frage, weshalb das bereits vor
einem Jahr eingestellte Verfahren von neuem begonnen wird, antwortete er dass dies auf Betreiben des Innenministeriums geschieht... und wenn tatsächlich der Grenzübertritt erfolgte, die Betreffenden sicher waren, man werde gegen sie hohe Gerichtsstrafen verhängen, denen sie durch ihre Flucht zuvorkommen wollten. – gez. Werkmeister".

Rundschreiben Keitels
Das Dok. 181 beinhaltet das "Rundschreiben Keitels bezügl. Des Einmarsches deutscher Truppen in Ungarn, vom 19.3.44. Sie werden unter der Leitung des Oberkommandierenden der Armeegruppe Südost, Feldmarschall von Weichs, und auf Befehl des Führers am 19.März das ganze Gebiet Ungarns besetzen. Zum Reichsbeauftragten wird Standartenführer Weesenmayer ernannt...Es ist entscheidend wichtig, dass die ungarische Verwaltung und Wirtschaft weiterhin ungestört arbeiten... Bis der Führer keine entsprechenden Bestimmungen beschließt, haben keine deutschen Dienststellen das Recht, ohne Wissen des Reichsbeauftragten in die Verwaltung oder Wirtschaft einzugreifen." Gleich am 25.3.44 kommt es zum Abschluss einer "Verhandlung mit Ungarn" (Dok.182) in der, neben wesentlich erhöhten Liefermengen kriegswichtiger Roh- und Halbprodukte aus der Landwirtschaft und Industrie auch "der Ausgleich der Ausgaben für die militärische Umgruppierung" von Ungarn mit 350 Mill. Reichsmark zu bezahlen sei . Dieser "Vereinbarung" hatten auch wir Donauschwaben eine äußerste Auspressung der letzten Erntevorräte und nochmalige Kürzung der Versorgung mit Lebensmittelmarken zu verdanken, worunter hauptsächlich die Städter und arme Familien auf dem Lande zu leiden hatten. 
 

Die Menschenjagd
Eichmanns Judenjagd in Ungarn begann gleich nach der Besetzung Ungarns durch die deutschen Reichstruppen. Klugerweise war aber die Honved, mit ganz wenigen Ausnahmen, in den Kasernen geblieben und bot fast keinen Widerstand, so dass die Deutschen mit "MargaretheI" die Besetzung "friedlich" durchführen konnten. Eichmann kam bald ins Land und veranlasste die möglichst schnelle Anwendung der deutschen Rassengesetze, doch ihre Durchführung musste sich der allgemeinen langsameren Umstrukturierung in der ungarischen Regierung anpassen. Diese wurde, wie im Besetzer-Dokument 181 in den Fußnoten beschrieben, mit deutscher Gründlichkeit vom Haupt bis an die Glieder veranlasst und dauerte mehr als einen Monat: Zuerst mit Anweisung, die Dr. Edmund Veesenmayer ab 19. 3. zum "umfassenden Reichsbeauftragten" also Vollstrecker der Anordnungen Hitlers und des deutschen Außenministeriums bestimmte; Punkt 2: durch Drängen auf sofortige Umbildung der Ungarischen Regierung und damit die gesamte Regierungspolitik dem Reich zu unterstellen; Punkt 3: dasselbe hatte mit der Wirtschaft zu geschehen und, im nächsten Punkt, die "Judenfrage mit vollem Einsatz der Polizei" zu lösen. (Fussnoten-Hinweis auf die Dokum.-Sammlung "Wilhelmstr." 592) .Obwohl laut derselben Fußnote die Gestapo bereits im Februar 44 rund 500 Angehörige als Touristen verkleidet in Ungarn stationierte, konnten die Juden im Lande nicht so
schnell wie erwünscht liquidiert werden.

Dienst nach Vorschrift
Die ungarischen Behörden waren – vor allem in der judenfreundlichen Batschka – nicht bereit mehr als Dienst nach Vorschrift gegen die jüdischen Mitbürger einzusetzen. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass die Batschkaer Juden bis zum 19. 3. 44 fast so friedlich zuhause leben konnten wie wir: In Sombor z.B. bereitete sich ein reicher jüdischer Kaufmann erst Anfang. 44 zur Flucht vor und sprach einen deutschen Kunden um Hilfe an, die dergestalt geschehen sollte, dass schnell ein fiktiver Kaufvertrag zu machen sei über die gesamten Liegenschaften, einschließlich Inventar und Wertsachen, um dem Juden alles bis Kriegsende zu erhalten. Der Deutsche, der es dem Chronisten selber berichtete (in der Fragebogen-Aktion "Jeder Landsmann ein Historiker"), kam dem Ersuchen aus Angst nicht nach. Kurz und gut, in der Batschka wurde erst die Judenpolitik nach dem 19. März 44 der im Banat schon länger gültigen angepasst. Und das konnte nicht über Nacht geschehen, was noch vielen entschlossenen jüdischen Familien ermöglichte, sich durch vielerlei Flucht zu retten. Diejenigen, die es nicht schafften, treffen wir Ende April in den berüchtigten Transporten über Tscherwenka an.

Batschkaer Judentransporte
Diese hatten eine Bestimmung der ungarischen Stadtbehörde von Neusatz zum Auslöser, welchein der Sammlung die Nr. 190 trägt und aus vier lapidaren Punkten besteht: "Auf Anweisung der Ungarisch Königlichen Regierung (müsste heißen Marionettenregierung – Anm d. V.) bestimmen wir: 1. Ab 26. April 44, 5 Uhr dürfen bis auf weiteres die Juden ihre Wohnungen nicht verlassen; 2: die
Mieter in den Häusern der Juden sind verpflichtet, ab 1. Mai die Mieten an das Finanzamt direkt zu bezahlen; 3. von Juden dürfen keine Gelder oder Wertsachen in Verwahrung genommen werden; alle, die Geld, Schmuck oder sonstige Wertsachen von Juden in Verwahrung genommen haben, müssen dies innerhalb 48 Stunden auf dem Bürgermeisteramt melden. Diejenigen, welche gegen obige Bestimmungen verstoßen, müssen mit strengsten Strafen rechnen. Ujvidék, den 26.4.44. Dr. Vitéz Nagy Miklos, Burgermeister, Zombori Gyula, Polizeikommandant" .

Erst im August 1944 kam Eichmann wieder nach Ungarn, um den Vollzug der "Säuberung" zu inspizieren und vollends reinen Tisch zu machen. Dies konnte er nun schon offen tun, weil das Reich schon beschlossen hatte, in Ungarn die ganze Macht zu ergreifen. Das geschah am 15. Oktober, als
Hothys Regierung von den Pfeilkreuzlern abgelöst wurde und Deutschland über den restlichen, von den Russen noch nicht besetzten Teil Ungarns wie über eigenes Territorium verfügen konnte.  
 

Befehl zur Kampfeinstellung
Das Ende der Dokumentensammlung wird von einem umfangreichen Papier eingeleitet, das unter Nr. 210 den Befehl des V. Szegediner Armeekorps der Honved enthält "im südlichen Teil der Batschka den Kampf einzustellen. Szeged, den 4.10.44: Vertraulich! Sehr dringend! Von Offizier zu Offizier!
Aufgrund des Erlasses...und in Verbindung mit der obersten Führung...
1: Für das Gebiet südlich des Franz-Josef-Kanals ordne ich an, dass folgendermaßen der Rückzug zu beginnen habe: a) die nichtkämpfenden Jahrgänge der Truppe, b) Die nichtkämpfenden, fachgebildeten Jahrgänge, c) Die neuen Wehrpflichtigen, Angehörigen der Levente, sowie alle arbeitsfähigen Personen (ohne militärische Ausbildung, sowie Nationalitäten und Juden), e) und f) die zur Requirierung bestimmten Pferde und Wagen.
Bezüglich der Verordnung des Verteidigungsministeriums mache ich darauf aufmerksam, dass berufstätige unabkömmliche Bürger nicht zu evakuieren sind. Das bezieht sich hauptsächlich auf die in der Verwaltung und Kriegswirtschaft Beschäftigten, da ihr Verbleiben im evakuierten Raum noch notwendiger ist, als in normaler Zeit. Jene Ortskommandeure, welche solche Unabkömmliche bereits zum Rückzug vorbereiteten, sollen sie mit Berufung auf meinen Befehl freilassen. Sofern die genannten Gruppen beisammen sind, sollen Ortskommandeure mit ihnen gemeinsam den Rückzug antreten. Der Rückzug muss nach meinen Verordnungen und unter Berufung darauf erfolgen. Die Kommandeure haben darauf zu Achten, dass bei der Ruckzugsaktion unnötiger Krach vermieden wird.
2. Die unter Punkt 1 genannten Reserveeinheiten und kriegswichtigen Gespanne sind umgehend auf nachfolgende Sammelstellen zu verteilen..." Es folgt die Aufzählung der Sammelstellen von a bis k, unter denen interessant sind, jene von Neusatz nach Sombor und von Apatin und Hodschak ebenfalls nach Sombor, wie die von Titel und Schabalj nach Topola; das bezieht sich auch auf die Jugend ohne mil. Ausbildung und die Levente. Reihenfolge beim Rückzug: a) Truppen-Verwaltung, b) Material, c) Nicht aufgerüstete Einheiten, d) Stammreserven. Die kämpfenden Truppen haben auf besondere Befehle von mir zu warten.
3. Alle übrigen Einheiten, abkömmlichen Ämter und Verwaltungen samt Ausrüstung haben sich ohne Zaudern zurückzuziehen in die obengenannten militärischen Sammelstellen oder nächstgelegenen Ämter nördlich des Franzens-Kanals. Sollte inzwischen auch ein Fachministerium den Rückzug der
Amtspersonen befohlen haben, dann ist jener Anweisung nachzukommen. Sofern das zum Rücktransport bereitstehende Material mit den vorhandenen Transportkapazitäten nicht weggefahren werden kann, hat die zurückbleibende Truppe davon Besitz zu ergreifen. Die Rückzugseinheiten haben an ihren vorgesehenen Sammelstellen durch Telegramme das Eintreffen und den Wunsch zur ausreichenden Quartiervorbereitung anzuzeigen.
4. Der Stamm des V. Wehrbereiches hat sofort mit der zurückbleibenden Zivilverwaltung Verbindung aufzunehmen zum Zweck einer Errichtung von "Ortswachen im Rückzugsgebiet". Diese haben nach gesonderten Bestimmungen ihren Dienst zu tun.
 

Unsere verpasste Rettung
Das Rückzugsdokument hätte, bei einer buchstabentreuen Befolgung auch durch die Volksbundführungen, die hundertprozentige Rettung vieler Donauschwaben bedeutet. Punkt fünf war genau auch auf uns Batschkadeutschen bezogen:
5. Die "Ortswachen" haben alles nötige vorzubereiten, damit die Zivilbevölkerung auch freiwillig das Gebiet verlassen kann und dass auch weitere Befehle von mir kurzfristig ausgeführt werden können. Die freiwillige Flucht der Bevölkerung hat gemäss der Bestimmung...zu erfolgen, welche vorsieht: a) zu Fuß tägliche Strecke ca. 20- 30 km. b) Die Ortsverwaltungen sollen die Flüchtenden in Gruppen von max. 1500 Pers. zusammenschließen und zu deren Führung geeignete Führer bestimmen, die auf der Flucht für alle notwendigen Maßnahmen zuständig sind; c) bei den Flüchtenden ist auf strenge Disziplin, ordentlichen Zusammenhalt und auf Hygiene zu achten, damit die Flüchtlinge keine unnötigen Opfer durch Feindangriffe und Nachlässigkeit erleiden; d) wie die Verfügung von amtswegen.. .vorsieht, müssen die Ortsbehörden der Orte, wo Pausen oder Nachtquartiere eingelegt werden, für die Versorgung der Flüchtlinge sorgen. Diese Anweisung ist vorsorglich für die gesamte
Fluchtstrecke gültig. Auf dem gesamten Weg müssen sich in den Orten die Gesundheitsorgane und Tierärzte zur Versorgung der Flüchtenden bereithalten. Die vorausbestimmten Quartierstellen müssen beim Eintreffen der Flüchtlinge sofort bereit sein zu ihrer ernährungsmäßigen und gesundheitlichen Versorgung; f) Die Amtsstellen der Quartierorte müssen ihrerseits allen Untergebenen entsprechende Anweisungen zur Sicherstellung der Versorgung geben. ..
Nachbemerkung zu Punkt fünf: Die Befolgung der Fluchtanweisungen durch unsere örtlichen Amtsleiter des Volksbundes hätte schon deshalb keine Befehlskonflikte hervorgerufen, weil ja Ungarn der deutschen Befehlsgewalt unterstand und daher die gesamte Fluchtanweisung sicher mit den Deutschen abgesprochen, wenn nicht gar von ihnen initiiert war.

6. Die Flucht der "Unabkömmlichen" aus Verwaltung und Kriegswirtschaft darf nur auf meinen ausdrücklichen gesonderten Befehl erfolgen. Diesbezügliche Befehle sind jetzt schon vorbereitet. (Ein langer Verteiler folgt, der alle militärischen, amtlichen und zivilen Befehlshaber und Leiter beinhaltet, die auf dem Zwischenstromgebiet des südl. Teils der Batschka ihren Dienst versahen, ohne die "Unabkömmlichen" gesondert zu nennen) – Unterschrift: KaIman, Generalmajor.

Ausnahmezustand in Ungarn
Dokument 213: Pécs (Fünfkirchen) – Ung. Kön. IV. Armeekorps-Führung – 45. Vertraulicher Befehl.
Militärischer Teil. 8.11.44 - Einführung des Ausnahmezustandes auf dem gesamten Staatsgebiet. Zur Beachtung teile ich mit, dass der Generalstabchef am 30. Oktober 44 mit Verfügung... über das ganze Land den Kriegszustand verhängt und es so zum Kriegsgebiet erklärt hat. Im Ausnahmezustand werden die Bereiche der Freistadt Pecs, Baranyas, Tolnaus und der Schomodei, neben einigen örtlichen Leitern durch militärische Kornmandanturen geleitet. Die zur mil. Leitung notwendigen Anweisungen habe ich am 1.11.44 ausgegeben. - Unterschrlft: VITEZ Molnar, Generalmajor.

Dokument 216: Einzelheiten über Errichtungsbestimmungen bezüglich Internierungs-Lager für Deserteure. Budapest, v. 5.12.44. Aufgaben: Verhinderung und Bestrafung von Fahnenflucht, Flucht aus Militärbetrieben und Arbeitseinheiten, Verhinderung von Sabotagen, Partisanentätigkeit, Spionierung, Aktionen feindlicher Fallschirmspringer und anderer feindlicher Tätigkeit hinter der Front; Unterbindung von Aufständen, Meutereien, Streiks und allem was die Kriegshandlung unserer Einheiten behindert, ferner Erstickung jeglicher Aktivitäten, die gegen das Gesetz und für eine Veränderung des Regimes gerichtet sind; Säuberung, Umsiedlung und Rücksiedelung von Amtsstellen, welche zur Erhaltung von Gesetz und Ordnung notwendig sind.

Erschießungsbefehle
(noch Dok. 216) Die Sicherheitskräfte der Internierungslager sind berechtigt zu erschießen, a) derjenigen, die bei Ausübung oder Versuch zur Fahnenflucht erwischt werden, sowie obige Kriterien der Vergehen erfüllen; b) und sie sind verpflichtet zu erschießen: der Spione, Plünderer, gewalttätige
Sachzerstörer, Aufständische, Aufrührer, zum Feind Überlaufende und mit ihm in irgendeiner Form Zusammenarbeitender... (Ohne Unterschrift, weil nur im Ausschnitt vorhanden)

Dokument 219: Verschärfung des Vorgehens gegen Fahnenflüchtige
Gyepü, v.20.1.45 – Jede Einheit hat mir persönlich sofort Meldung zu machen, wenn ein Soldat oder Gendarm die Station verlässt ohne sich auszuweisen, (Flucht, eigenmächtige Entfernung, Überlaufen zum Feind), damit ich sofort gegen ihn Maßnahmen ergreifen und sein Eigentum beschlagnahmen kann. Der Meldende muss folgende Angaben machen: 1. Name, 2. Rang, 3. Muttersname, 4. Geburtsdatum, 5. Religion, 6. ständiger Wohnsitz, 7. Familienstand, 8. Zahl der Kinder. Ein Durchschlag der Meldung ist beim Einheitskommandanten zu belassen. – Unterschrift: Beregfy, Generalhauptmann.

Dokument 220: Verhinderung der eigenmächtigen Rückkehr der nach Deutschland Ausgewanderten.  – Gyepü v. 14.2.45. Unter den zum Militär eingezogenen und nach Deutschland ausgewanderten
Personen, sind welche (in ihre Heimatorte -Anm. Verf) zurückgekehrt mit dem angeblichen Wunsch, in der Honved zu dienen. Dies bezieht sich besonders auf die Angehörigen der auszubildenden Levente-Angehörigen. Ich mache darauf aufmerksam, dass wir immer noch unter dem Oberbefehl der Deutschen stehen und " daher auch die Auszubildenden dem deutschen Kriegsrecht unterliegen. Wer also vor seinem Weggang nach Deutschland bei der Honved diente oder von dort während der Ausbildung und Einweisung zur Truppe flüchtet, wird standgerichtlich verurteilt und hingerichtet.- Unterschrift: Beregfy, Generalhauptmann.  

Nachwort
Aus zweierlei grundsätzlicher Erwägungen ist eine intensivere Beschäftigung mit derlei dokumentarischen Beweisen wichtig. Hauptsächlich entlasten sie uns nachweislich von den uns Batschkaer Donauschwaben zur Last gelegten Verbrechen, die wir angeblich unter dem Deckmantel der ungarischen oder – ab März 1944 – reichsdeutschen Besatzer begangen haben sollen; ferner sind sie echteste Nachweise für wahrheitsgetreue Schuldzuweisung, da sie von ungarischen und serbischen Historikern gemeinsam erforscht und gleichzeitig in Ungarn und Serbien veröffentlicht wurden. Mögen die Analysen eines die betreffende Zeitperiode nur als Kind Erfahrenen (weil erst 1934 Geborenen) ungenügend sein, so ist dafür das tiefere Verständnis des Verfassers auch für das zwischen den Zeilen Geschriebene, sicher umso höher einzustufen, da nur dadurch die treffende Auswahl unter den vielen Dokumenten getroffen werden konnte.

Konrad Gerescher
-Ende -